Tafellieder zur Nachfeier des hundertjährigen Jubiläums der Freiberger Bergakademie 1867
Nach Schicksalssturm, nach droh’nden Kriegeswettern
Lacht uns der Jubelsonne Strahl,
Und friedlicher Trompeten festlich Schmettern
Ruft weit hinaus in Berg und Thal:
Schaart euch, ihr Knappen, mit Jubel und Sang,
Bergbau zu treiben bei Becherklang!
Im dunklen Felsgestein und tief im Herzen
Gedeih’n Metall und Bergmannslust.
Ein mächt’ger Gang durchstreicht mit edlen Erzen
Das Grubenfeld der Menschenbrust,
Und in dem Gange da lacht uns so hold
Herrlichster Anbruch – Erinnerungs-Gold!
Ein festes Band hält reiches Erz umschlungen,
Was uns der Musengott verleiht;
Mit Jünglingskraft die Schlägel d’rum geschwungen
Zum Abbau alter, goldner Zeit!
Unter der Lieder begeisterndem Klang
Schwingt auch die Schläger nach Burschencomment!
In hoffnungsvollen Trums Krystallgebilden
Vertieft sich unser Bergmannsherz
Bis vor der Jugend Ort – wo licht rothgülden
Ihm blinkte einst der Zukunft Erz!
Schwand auch manch’ Silber im trüben Geschick –
Redliches Treiben lohnt Silberblick!
Nach Studienjahren, die uns froh vereinten
Zur reichen Zech’ der Wissenschaft,
Wir fratres academiae nicht versteinten
In trockner Praxis stein'ger Haft.
Immerdar sprudeln aus Felsen empor
Quellen des Geistes, umgrünt von Humor!
In Schachtesteufe wie am Flammenheerde
Des Knappen Geist mit Geistern ringt,
Und in dem dunklen Räthselschooss der Erde
Er siegreich seine Fackel schwingt.
Flüssig aus Starrem, mit leuchtendem Schwall
Woget der Wahrheit befreites Metall.
Aus Freibergs Mauern drangen geist’ge Strahlen
Weit über’n fernen Ocean
In grauer Zeit schon, als Gesetz und Zahlen
Durch Fels sich brachen erste Bahn.
Bergmannes Leuchte und Akademie
Hellten den Schacht und die Theorie.
Wer hat solch’ akademisch Licht entzündet
In unsrer alten Bergmannsstadt?
Es ist Xaver, der klaren Blick’s gegründet,
Was hundert Jahr bewährt sich hat.
Feiert den Gründer mit Jubelgesang
Dankbarer Herzen und Becherklang!
Doch jedem Lichte feindliche Gewalten
Im Wogendrang der Zeiten droh’n;
Dem edlen Haus Wettin, was uns erhalten
Das Kleinod, Lieb’ und Treu’ zum Lohn!
Hoch die Wettiner! Und Allen voran
Unser gefeierter König Johann!
Dann aber denkt auch jener Flammengeister,
Die aus dem Lichte einst gestrahlt!
Des Vater Werner und der andern Meister,
Die längst zum Jenseits sind gewallt.
Strahlen der Wissenschaft, Geniusglanz,
Nimmer verlöschen im Ruhmeskranz.
Mög’ an der Vorzeit Sternenschmuck sich reihen
Der Zukunft wolkenloser Tag,
Mög’ durch der Knappen Fleiss zur Frucht gedeihen,
Was Bergestief' noch bergen mag.
Forschen und Finden gehn Hand in Hand:
Heil allem Bergbau im Vaterland!
Bis in die fernste Zeit, in aller Herzen
Ertön’ des Jubels Echoklang,
Und unerschöpflich sei an edlen Erzen
Der fröhliche Erinnerungs-Gang!
Jubelnder Knappen irdischem Lauf
Ein akademisches Jubel-Glückauf!
[5]
Aus Herzens Grund Glückauf, Commilitonen,
Auf Freibergs klass’scher Flur!
Lasst heut, wie sonst, der Jugend Götter thronen
Im Tempel der Natur!
Ein frischer Kranz von Eichenlaub und Reben
Umflicht manch’ heitres Bild
Der Studienjahre, und dazwischen weben
Sich Rosen, zahm und wild.
Gedenkt der Zeit, als wir mit Mapp’ und Feder
Besuchten das Colleg,
Und wissensdurstig nahmen vom Katheder
Zur Kneipe unsern Weg.
Die Wissenschaft mit ihren Theorien,
Sie zog den Geist uns gross;
Oft aber musste sie vergeblich ziehen,
War ’was Fideles los.
Auf der Mathesis diff’renzialen Gleisen
Nichts unerreichbar blieb;
Und wem zu schwer das Rechnen und Beweisen
Die Formeln ab sich schrieb.
Es drang’n der Optik lichte Strahlenwellen
Tief in den Geist uns ein;
Doch kam der Strahl, der unser Herz macht’ schwellen –
Aus schönen Aeugelein.
Vertraut wir war’n mit Wassersäul’nmaschinen
Und Dämpfen hohen Drucks.
Allein mit höchstem Nutz-Effecte dienen
Musst uns der Stiefelfuchs.
Zersetzten flott in ihre Elemente
Die Stoffe nach Gewicht,
Und legten grossen Werth auf die Procente –
Nur bei dem Pumpen nicht!
Der Eifer für die Stufen und Krystalle
War stark und ungetheilt.
Gesammelt haben wir Min’ralien Alle –
Und manchmal auch verkeilt!
Granit und Gneus, Porphyr und Glimmerschiefer
Beschäftigten uns viel.
Genügend vom fossilen Ungeziefer
War’n Enkrinitenstiel.
Was wir mit Loth und Wasser abgewogen,
D’rauf konnte man vertrau’n.
Markscheidrisch haben wir die Schnur gezogen –
Und d’rüber auch gehau’n!
Wir fuhren ein, viel Lachter tief und seiger –
In Delius’ Bergbaukunst;
Gelangten durch Gelehrsamkeit beim Steiger
Und seiner Frau in Gunst.
Oft waren, auf des Halses alter Brücke,
Am Heerd des Treibens wir,
Benutzten klug des Lebens Silberblicke
Und löschten ab mit Bier.
So haben wir probirt (durch Löthrohrblasen
Und trocknen Wegs nicht nur)
Was hier am Orte, ausser Bauerhasen,
Noch bietet die Natur.
Die alten schönen Zeiten sind entschwunden –
Wir aber sind’s noch nicht.
Beglückt, wer nur das Gute d’rin gefunden
Und Kränze darum flicht!
Bekränzt mit Laub denn der Erinn’rung Becher
Und trinkt ihn fröhlich leer!
In ganz Europa giebt’s, ihr Herren Zecher,
Kein zweites Freiberg mehr!
[8]
Tief in Berges Felsennacht,
Mitten in der Erde,
Ist ein Feuer angefacht
Auf pluton’schem Heerde.
Daran sitzen – krumm gezogen
Von der Gluth – die Geologen,
Grübelnder Geberde.[1]
Alter glimmeräug’ger Gneiss,
Der die Erd’ umschalet,
Wird mit sau’rem chem’schem Schweiss
Roth und grau bemalet.
Den Granit – sammt Granitite –
Zwängt man ein in Beider Mitte,
Wo er rosig strahlet.
Erze blinkend, wenig löthig,
Mit viel Kies und Blende,
Nebst auch etwas Gänseköthig,
Klebt man an die Wände.
Lässt das Ganze sich gestalten
Zu verzwickten Gäng’n und alten
Butzen, schwerenöthig!
Mit dem intricatsten Fleiss
Formt man die Krystalle,
(Flächner, Eder und Gott weiss
Was für Sorten alle!)
Heisst sie paragen sich lagern,
Macht durch Spath den Gang abmagern –
Für Gewerken-Galle!
So entstand des Bergmanns Welt,
Schimmernd bunt von Erzen,
Und wer Muthung darauf stellt,
Sollt’ es d’rum beherzen:
Geolog’sche Theorien
Stets dabei zu Rath zu ziehen –
Will er’s nicht verscherzen!
Doch – – der Theorien Schein
Blendet nicht die Prakt’schen!
Mit dem Ruf: „Hie schla’n mer ein!“
Handeln flott die Fakt’schen.
„Sullt der Gang die Bein’ anziehen,
Müssen mer mehr in’s Hang’nde giehen.“
Schämt euch, ihr Didakt’schen!
Warum harmoniren denn
– Wen’ger noch als – selten
Theorie und Praxis, wenn
Sie sich mal gesellten?
Jeder will es besser wissen,
Glaubt sich im Besitz von Rissen
Uebern Bau der Welten!
Nein ihr Leut’, so geht’s nicht fort!
Zwiespalt schlägt nur Wunden.
Einigkeit in That und Wort
Sei hiermit gefunden:
Praktiker, die sich betrogen,
Und Gelehrte, die ge(o!)logen,
Treulich seid verbunden!
Beide legt von nun an Hand
An das Kunstgestänge,
Halt’t die Förd’rung gut im Stand
Und baut ab die Gänge
Heut’gen Festmahls bis zur Reste,
Dass nur bleiben von dem Feste:
Erz–fidele Klänge!
Gaudeamus igitur!
Hebt des Geistes Schwingen,
Doch – in’s Innere der Natur
Witz und Bohr nicht dringen.
Darum lasst dem ird’schen Streben
– Das erreicht, was möglich eben –
Ein Glückauf uns bringen!
[11]
Nicht bloss so manchen Vormittag
Im sauren Bergmannsschweiss,
Auch manchen lieben Nachmittag
Am Treibeheerde heiss:
Ein ganz Jahrhundert haben wir
Auf’s heut’ge Fest geharret schier!
Vivallera u. s. w.
Von solchem langen Harren schreibt
Sich’s her, direct und klar,
Dass unser Gaumen durstig bleibt
Noch manches komm’nde Jahr.
D’rum, denk ich, bleiben wir beisamm’
Ad continuendum poculam.
Vivallera u. s. w.
Uns macht zu solchem Zweck, mit Gunst,
Den Vorschlag ein Genie:
Zu gründen eine höh’re Kunst-
Consum-Akademie,
Die alles Schöne stark verehrt
Und vieles Gute gründlich – leert.
Vivallera u. s. w.
Doch Mancher, dem ein Freudestrahl
Durch’s Herz sich stiehlt hierbei,
Fragt hinterher: wo’s Capital
Dazu zu finden sei?
Ei sagt mir, sind wir – ohne Lug –
Nicht capitale Kerl’ genug?
Vivallera u. s. w.
Vereinigt eu’ren Spiritus
Zu einem flüss’gen Fonds;
Verzinsen der sich sicher muss:
Wir schneiden – den Coupon.
Von Flaschen sich’s zu Fässern summt,
Und was noch fehlt, das wird gepumpt.
Vivallera u. s. w.
Bedenkt, dass euch der Berg gehört,
Mit dem was nicht darin,
Und dass kein Erz – nicht Bergbau stört
Nach Actionair-Gewinn.
Das eben nennet man, mit Dunst,
Die transcendente Bergbaukunst.
Vivallera u. s. w.
Bedenkt, dass jeder Ofen geht,
In dem es lustig brennt,
Und dass ein Werk nicht stille steht,
So lang die Schlacke rennt.
Mag immerhin das Schmelzprodukt – –
(Der Ingenieur die Achseln zuckt.)
Vivallera u. s. w.
Beherzigt, dass ein schöner Plan,
Ein glänzender Bericht
Mehr Wunder haben schon gethan
Als Bohr und Grubenlicht.
Gar schnell erteuft ein Kraft-Genie
Den tiefsten Schacht – der Phantasie!
Vivallera u. s. w.
D’rum fort mit altem Sauerteig
Und Wassersäul’-Maschin’!
Empor aus Geistes-Kellern steig
Die Flaschenkunst-Tourbin’ –
Ein neuer Trieb sich dadurch schafft
Von 1001 Kameelen Kraft!
Vivallera u. s. w.
Inzwischen Brüder, sagt mir doch,
Wo aller Wein nur bleibt?
Die Welt hat irgendwo ein Loch
Und ihre Achse reibt.
D’rum lasst uns – will man’s honorir’n –
Die Weltmaschine reparir’n!
Vivallera u. s. w.
(Mit steigender Ekstase und abnehmender Logik.)
Der Pumpensatz für Bier und Wein
(Wo Barthel Most sich holt),
Ein neuer Stiefel muss hinein,
Beledert und versohlt.
Was Stiefel hin, was Stiefel her,
Es schwankt ja alles kreuz und quer!
Vivallera u. s. w.
Trotz dem – – doch sagt, was wollten wir?
’Ne höh’re Kunst-Aka . . . –
Vielmehr ’ne höh’re Consumir-
Akademie! Ach ja!
Hoch leb’ die Kunst et Compagnie!
Vivat for ever, à l’infinie!
Vivallera u. s. w.
So bleiben im consilium
abeun – hol’s der Kuck . .! –
consilium perpetuum
Beisamm’ wir, bis die Muck . . . –
Bis dass der Wächte Nächter schreit:
Jahrhundert, gute Nacht für heut!
Vivallera u. s. w.
- ↑ Siehe die Rückseite des Umschlags.