Topographia Hassiae: Rotenburg

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aus Topographia Hassiae, Text von Martin Zeiller, Illustrationen von Matthäus Merian
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Rotenburg (Merian).jpg
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Rotenburg.


Ein vornehme Statt in Nider-Hessen / nechst Herßfeld / 4. Meilen von Cassel / die erste an der Fulda / so vff derselben beyden Vfern / an einer lieblichen Aw / zwischen hohen Bergen / gelegen: der Zeit deß Durchläuchtigen / vnnd Hochgebohrnen Fürsten / vnnd Herrn / Herrn Hermann / Landgraffens zu Hessen / etc. der Casselischen Lini / Hofflager Statt.

Die eine Statt / darinn das Schloß / welches Anno 1212. vom Käyser zerbrochen / wird genant die AlteStatt / die andere aber die Newstatt; in welche Newstatt die Fürsten zu Hessen ein vornehm Stifft gelegt. Der Baw dieser Stiffts-Kirchen / nemlich deß Theils / so das Chor in sich hält / ist Anno 1370. zu bawen angefangen worden; das andere Corpus aber / sampt dem Thurn / Anno 1484. Hat gehabt einen Dechant / zwölff Canonicos, oder Chor Herren / vnd vier Vicarien. Landgraff Philipps der älter hat entlich einen Dechant / vnd Stiffts-Cämmerer darüber verordnet / vnd befohlen / daß hinfüro zwantzig abgelebte vnvermögliche Predicanten ihr Lebenlang vnderhalten / vnd jedem in die sechtzig Gülden an Geld vnnd Frücht behandreicht werden solten.

Landgraff Wilhelm der Vierdte hat Anno 1574. zu Verbesserung der 20. Canonicaten / oder Pfründen / diß Stifft mit 300. Gülden an Geld / dreyzehen Viertel Weitzen / 86. Viertel Korns / vnd. 17. Vierthel Habers / Jährlicher beständiger Gefäll / begabet. Die Statt selbsten ist von feinen Gebäwen / nach Gelegenheit deß Orths. Das Schloß hat vorgedachter Landgraff Wilhelm / biß auff ein klein Antheil / gantz ernewert / mit einer kostbahren Marmoren Kirchen / vnd einem herrlichen Lustgarten / vnd sonst Fürstlich. Gebäwen / vnd Gemachen / gezieret; vnd hat es darinnen einen vortrefflichen Saal / in welchem der gantzen Hessischen Ritterschafft / beydes der Adelichen eingebornen / vnnd außgesessenen Lehnleuth / vnnd Stätte / Wappen zu sehen / welche in höltzern Formen geschnitten / vnd publicirt sind An. 1625. von Wilhelm Wessel / Buchtruckern zu Cassel. Dz Ampt Rotenburg / so in die Casselische Regierung gehörig / wird in das Ober / vnnd Niedere getheilet; damit auch das Hauß Ludwigseck / gräntzet. An dem Gebürg / gegen Rotenburg / ligt das zerfallene Schloß Haußberg / vnd hinder demselben der Alheimer / ein vberauß hoher / vnnd spitziger Berg. Vnter Rotenburg ligt / auch an der Fulda / der Flecken Morssen / sampt dem Closter zur Heyde / bey welchem weisse Alabaster gefunden werden; von welchen gedachte Rotenburgische Kirch gezieret / auch die Fürstliche Epitaphia in der Kirchen zu Marpurg gemacht worden.

Anno 1642. soll die Fulda allhie an dem alten Christag 3. Stundlang still gestanden seyn / welches auch vor der Zeit geschehen ist / als Anno 1148. zwischen kemer Zell vnd Ludermönge / von 1. Vhr biß auff 6. das Wasser verschwunden / wie Valen. Müntzer in der Fuldischen Chronic / zu Bern 1550. getruckt / fol. 137. a. bezeugt. Anno 1643. im Januar. hat diß Wasser grossen Schaden allda gethan. Zu jetztgesetzter ist auch nachfolgende newe Beschreibung zu thun / so also lautet:

Rotenberg / Schloß / Statt / vnd Ampt / ist / nach Cassel / die vornembste Fürstliche ResidentzStatt / zu beyden seyten deß Fuldastrohms gelegen / vnnd zwar das Schloß auff disseit einwarts Landes / so gantz von Steinen viereckt zusammen gebawet / im vmbfang grösser / aber nicht so hoch als das zu Cassel. Hat die menge Fürstlicher hoher ansehnlicher Gemächer / Säle vnd dergleichen / warunter einer von solcher länge / daß / ausser dem Prager Saal / keiner Ihm im Teutschland / gleich streichen wird / in welchem alle deß Fürstenthumbs Hessen / zugehöriger / auch von demselbigen Lehentragender Graffen / Edelleut / wie auch der Stätte Wappen / in ihrer Ordnung / zu finden / [116] vnd ist / vnter diesem / ein schöner hoher Keller von eben solcher länge. Nächst daran / hat es eine schöne liechte hohe Capellen / mehrentheils mit schönen außgehawenen stücken von Alabaster außgearbeitet / insonderheit der Predigstul / vnnd Altar / von gantzem weissen Marmorstücken / außgezieret: die Kirche / oder Capell aber / ist vberall voller / auff vergüldetem Boden / schöner gemahleter / oder geschriebener Geistlichen Sprüchen; auch hat es darinn nicht allein ein feines bequemliches Fürstliches Zimmer / so man heitzen kan / alles vorgedachtem Zierat correspondirend; sondern auch eine schöne Orgel / mit einem von schwartzem Ebenholtz Principal Stimwerck gehabt / welches aber / wie das gantze Hauß / von den leydigen Landsverwüstern / sehr verderbt worden. Vber dieser Kirchen / so groß Sie vmbfangen / ist wider ein schöner hoher viereckichter Saal / voller stattlicher Sprüche geschrieben / vnnd mit vornehmen Gemälden an der Bühnen / gezieret / dessen Invention in lauter Triumphis der Heidnischen gedichten Götter / sampt ihrer geheimen Bedeutung / bestehet / nach welchen auch diesem Gemach der Triumph-Saal genennet wird. Hinter dem Schloß hat es einen trefflichen schönen weit vmbfangenen Lustgarten / mit gehörigen Hütten / vnd Springbrunnen / als auch einen herrlichen Baumgarten / alles in ein sonderliche Ringmawer geschlossen / vnd mit einer absonderlichen hohen Mawren vnterschieden / vnnd sonst / mit allen andern zur Hoffhaltung gehörigen Gelegenheiten wol versehen / vnd hat oben hinauß / an der Fulda / zwischen den Bergen hin / gegen Bebra / ein schönes anmutiges lustiges Außsehen. Die Statt wird durch den Fuldastrohm getheilet / doch ist das theil jenseit dem Schloß nicht vmbmawret / vnnd wird die Newstatt genannt / in welcher noch ein fein / wiewol nicht gantz von Steinen auffgeführtes Fürstliches Ambt Hauß ist / vnd nicht weit davon eine schöne Schäfferey / vnd ZehentScheuren. Bey diesem Amptsgebäu in der Neustat / stehet die schöne weit / vnnd hohe Kirche / die Rotenbergische Stiffts-Kirche genannt / welche ihre absonderliche von den alten Fürsten gestiffte Einkommen hat / davon ein ziemlicher antheil deß Kirchendiensts im Land erhalten wird; dagegen vber an der Fulda ein schöne von Steinen auffgeführte Mühle / in 5. Mahlgängen / vnnd einer Schlaag / Lohe: vnnd Walckmühlen / alle vnder einem Dach / bestehende. Die Brucke an diesem Orth / zwischen beyden Stätten / vber die Fulda / ist zwar höltzern / dergleichen eine dreyviertheil Meyl Wegs oberhalb beym Dorff Breydenbach / so deß Zols / vnnd vberfarts wegen / ein zimliches eintragen. Die alte / oder rechte Statt Rotenberg am Schloß gelegen / ist andern gemeinen Land-Stätten / gleich / hat auch eine feine Kirche in sich / vnnd sonderlich ein schön steinern Rathhauß gehabt / welches aber An. 1637. beneben der halben Statt / durch den Brand auffgangen.

Das Ampt Rotenberg ist von 33. Dörffern / vnnd der grösten eines im Lande / erstreckt sich der Länge nach fast in fünffthalb Meil Wegs / vnd gräntzet mit einem Orth an das Sächsische Ampt Gerstungen. Ist ein treffliches Ampt von allerhand Einkommen / sonderlich aber der Früchten / Schafftrifft / vnnd Mastung / halber / sehr berümt / in massen es nicht allein einen sehr grossen weitleufftigen Ackerbaw / vnd stattliche sehr häuffige Schäffereyen hat / in so viel hundert Pfirchen bestehend / sondern darbeneben auch seine viel grosse Wälde / vnnd Wildfuhren / so ihre absonderliche Namen haben / worauß ein sehr stattliches Forst: vnd Mastgelt / als auch ein ansehenliches Wildpreth / beydes zum nutz / als zur lust erlangt werden kan / der darzwischen lauffender Forellenbäche zu geschweigen; wie dann auch die Fulda in diesem Ampt sonderlich Fischreich ist. Es hat auch mit Teichen / vnnd allerhand kleinem Wildpret / stattliche Gelegenheit in diesem Ampt / vnd bey der Statt ziemlichen Weinwachs. Die Berge sind sehr hoch / vnd voller weiten holen Thäler / als sonst im Lande sich nicht viel findet. Vnter andern raget fast in der mitten vnter allen andern hohen Bergen dieses Bezircks / gleich einem Kirchthurn auß einer Statt / der hohe spitzige Alheimer Berg herfür / von dannen man auch den mehrentheils Hessenlandes vbersehen kan. Vnnd weil dieser Berg mitten in der Wildbahne / ist es sonderlich zur Zeit / wann die Hirsche schreyen / ein trefflicher lustiger Orth. In diesem Ampt / am Wildecker [117] Forst / wie auch auff der Trotten vnnd Baumbächer Gehöltz / gegen dem Ampt Sontra / hat es ziembliche Thannenwälde / vnd sonst an keinem eintzigen Orth im gantzen Fürstenthumb / als wo Sie absonderlich gesäet / vnd gepflantzet werden. Es hat auch Bergwercke an diesem Bezirck / als auff der Drotten Gehöltz beym Dorff Iba stattliche reiche Kupffer-Schächte / deßgleichen beym Dorff Ellenbach Eisen / so aber alles / wegen deß langwürigen Kriegswesens in abgang kommen / doch noch wol wider anzurichten stehen. Bey diesem Dorff Ellenbach / auff einem hohen Berge / der Wacholder Berg genant / ligt auch ein tieffer fast vnermeßlicher See. Nicht weit hievon liget das Gemäwer von dem in diesem Krieg eingeäscherten Riedt-Esellischen Schloß Ludwigsecke / mitten im Walde. Es haben ermelte Herren Riedt-Esell sonst vberauß stattliche Gütter / Gehöltze / vnnd Wildtfuhren / an diesem Ort / deßgleichen Inseit Rotenberg / nach der Sächsischen Gräntze / die Trotten / daselbst man auch das verwüste Schloß Wildeck / oder Blumenstein / im Walde / nahe aber an der Newstatt Rotenberg / auff einem hohen Berge / der Haußberg genant / ihrer der Trotten / StammHauß ligen / siehet / welches in vorigen Kriegszeiten / durch die Rotenberger Burgerschafft / so mit den Trotten im Streit gelebt / durch ein wunderbarlichen vnflätigen Kriegslist / erobert / vnnd entlich zerstöret worden sein solle. Biß hieher obernante Beschreibung.

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