Ueber „traumatische Neurose“

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Autor: Paul Fürbringer
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Titel: Ueber „traumatische Neurose“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 862–864
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[862]
Ueber „traumatische Neurose“.
Ein medizinischer Beitrag zur Arbeiterunfallfrage.
Von Prof. Dr. Fürbringer in Berlin.

Der Leser der „Gartenlaube“ muß schon freundlichst entschuldigen, daß die berechtigte Herrschaft sprachreinigender Bestrebungen mich nicht abgehalten hat, ihm als Titel zwei der medizinischen Fachwissenschaft entnommene Fremdwörter zu bieten. Der Grund liegt in der Thatsache, daß heutzutage die beiden Wörter als Sammelbegriff auch praktisch wichtiger Leiden dem Laien, ja bereits dem minder gebildeten Publikum in ungeahnter Weise geläufig geworden sind, fast geläufiger als die etwas schleppende Umschreibung in deutscher Sprache. Auch hat die „traumatische Neurose“ als Name, seitdem ihn ein hervorragender Berliner Nervenarzt vor nahezu einem Jahrzehnt eingeführt, seine Herrschaft behauptet, ungeachtet der mit starken Gründen gestützten Bedenken dieses oder jenes Gelehrten, ungeachtet des offenen Ausspruches sachverständiger Forscher, daß die Bezeichnung nicht minder Unheil als Nutzen gestiftet habe.

Unter „Neurose“ verstehen wir eine Erkrankung des Nervensystems, für welche greifbare anatomische Grundlagen nicht nachweisbar sind. Es fehlt also der Begriff der organischen Krankheit; die fehlerhaft funktionierende Nervensubstanz zeigt, sei es Gehirn, sei es Rückenmark, seien es die Nervenstränge, für unser jetziges Auge keine Aenderung im Bau. „Traumatisch“ leitet sich von „Trauma“, die Verletzung, ab. Somit würde unsere Titelbezeichnung ins Deutsche übersetzt etwa lauten: Mit Verletzungen des Körpers ursächlich zusammenhängendes Nervenleiden, welches gleichwohl der groben materiellen Verletzung des Nervensystems entbehrt. –

Ein Teil unserer Leser weiß, daß der überraschende Aufschwung, den die Erörterung des eben definierten Krankheitszustandes in neuerer Zeit genommen hat, in denjenigen Verletzungen wurzelt, welche im modernen Versicherungswesen als Unfälle eine hervorragende Rolle spielen. Doch haben keineswegs alle Unfallsneurosen, die für uns in Betracht kommen, mit der behördlichen Fürsorge für den verletzten Arbeiter zu thun. Denjenigen Fällen, welche dem Arzt ohne jeden Anspruch an den Staat entgegen treten, zahlen wir noch eine ganz stattliche Summe.

Wir sind, um es gleich hier auszusprechen weit entfernt davon, auf eine Erörterung der wirtschaftlichen Streitfrage näher einzugehen, die sich aus unserer Nervenkrankheit, wie sie nach Unfällen auftritt, ergeben. Vielmehr werden wir, der freundlichen Anregung der Redaktion der „Gartenlaube“ folgend, im wesentlichen nur eine populäre Darstellung des Nervenleidens an sich zu geben bemüht sein. Freilich glauben wir, nachdem gerade die Forschungen der Neuzeit unsere einschlägigen Kenntnisse vertieft haben, der Frage nach der innern Ursache, nach dem eigentlichen Wesen der traumatischen Neurose uns ebensowenig entziehen zu sollen wie einer knappen historischen Zeichnung der ganzen Entwicklung der Lehre. Man urteile selbst, ob solche Zuthat geboten!

Um nun mit einer allgemeinen Skizze des Krankheitsbildes zu beginnen, meinen wir, einer langatmigen Herzählung der Symptome zunächst die Schilderung eines Falles vorziehen zu sollen. Er ist geflissentlich schematisch gehalten.

Ein vordem im wesentlichen gesunder, robuster, solider, in den dreißiger Jahren stehender Lokomotivführer schlägt, während seine Maschine in voller Fahrt an einem die Bahngeleise querenden Lastwagen entgleist, im Sturz mit dem Hinterkopf und Rücken auf den Bahndamm. Der Verunglückte wird bewußtlos, an allen Gliedern gelähmt angetroffen. Nach etwa einer Stunde erholt er sich einigermaßen vom „Schock“, von der Gehirnerschütterung, vermag sogar einen Wagen zu besteigen. Von nichtigen Abschürfungen abgesehen entdeckt der Arzt keinerlei äußere Folgen des Unfalls. Nach etwa einer Woche fühlt sich der aus der Behandlung Entlassene so wohl, daß er seinen Dienst wieder aufzunehmen versucht. Es gelingt ihm auch, die erste Fahrt zu überwinden, aber nicht gut. Schwindel und Rückenschmerzen stören ihn. Beide Beschwerden treten wieder zurück, allein sie wollen nicht schwinden. Es vergehen Wochen, Monate, ohne daß sich die frühere Leistungsfähigkeit wieder einstellt. Der vordem so diensteifrige Beamte sieht sich arbeitsunfähig, krank, konsultiert aufs neue den Arzt.

Ein ganzes Heer von Beschwerden bekommt dieser nunmehr zu hören Ich leide schwer; mich quälen vor allem anhaltende und heftige Schmerzen im Rücken, gerade an der Stelle, auf welche ich gefallen bin. Bei jeder Bewegung steigern sie sich, bei Anstrengungen werden sie unerträglich. Ich muß mir den Rücken halten, mich anlehnen, wo es nur angeht, um den Schmerz zu milden. Aber auch der Kopf thut mir weh; ich leide an Schwindel, Augenflimmern, kann nicht scharf mehr sehen, die Ohren klingen mir, und mit dem Gehör will es auch nicht mehr so recht gehen. Weiter fühle ich mich im ganzen Körper matt und müde, zerschlagen und zittrig; die Schwäche ist so groß, daß sich nicht selten Ohnmachten melden. Meine Glieder sind steif und wie gelähmt. Der Schlaf ist miserabel. Ich bin erregbar und reizbar wie nie zuvor, unlustig zu jeder Arbeit, trüb gestimmt und energielos, ängstlich und schreckhaft. Meine Familie und meine Freunde schelten mich, daß ich anders geworden, nicht mehr mit ihnen heiter verkehren kann. Meist habe ich keinen andern Wunsch, als nicht inkommodiert zu werden. Selbst das Sprechen fällt mir schwer. Endlich schmeckt mir auch das Essen nicht mehr und ich kann hartnäckiger Verstopfung nicht Herr werden.

Diesen zahlreichen subjektiven Klagen gegenüber vermag der Arzt durch seine Untersuchung nicht eben viel Objektives festzustellen. Im Gegenteil überrascht die geringe Ausbeute an solchen Symptomen, welche dem Begriff des Subjektiven ohne weiteres entrückt sind. Andre Erscheinungen stehen auf der Grenze. Daß eine mehr als oberflächliche und flüchtige hypochondrisch-melancholische Verstimmung den Kranken beherrscht, entnimmt selbst der Ungeübte dem ständig trüben, stumpfen und düstern Gesichtsausdruck. Weiter fällt auf, daß der Patient langsam und gemessen spricht, mitten im Satze Pause macht, offenbar den Faden verliert und die Worte mühsam wieder zusammensucht. Auch der Gang trägt den Charakter des Müden und Trägen, des Steifen und Unrüstigen; schon einige Promenaden im Zimmer, welche unser Kranker, die Hand auf dem Rücken ausführt, ermatten ihn sichtlich. Hiermit steht im Einklang eine allgemeine Muskelschwäche. Diese kontrastiert mit dem guten Ernährungszustande der Muskeln, deren Volumen ungeachtet der sonstigen Abmagerung des Kranken so gut wie keine Abnahme erfahren hat. Hin und wieder erleiden Muskelbündel schnelle Zusammenziehungen: Zuckungen; die ganze Muskulatur erweist sich bei passiven Bewegungen der Glieder, zumal der unteren Extremitäten, als leicht gespannt und steif; trotz dieser Störungen und des nicht geringen Grades der lähmungsartigen Schwäche ergiebt die Reizung der Muskeln mit dem elektrischen Strom keine von der Norm wesentlich abweichenden Resultate, ein Zeichen, daß das Rückenmark unsres Lokomotivführers durch die beim Unfall erlittene Erschütterung eine anatomische Entartung nicht davongetragen hat. Gleichwohl kann es sich im Bereich der beim Sturz am meisten betroffenen Stelle nicht völlig normal verhalten, denn der Kranke empfindet, sobald sie der Arzt beim Beklopfen des Rückgrats unter die Finger bekommt, heftige, von lebhaftester Reaktion begleitete Schmerzen. Aber auch die Haut in der Umgebung und hinab bis zu den Schenkeln zeigt sich äußerst empfindlich, sodaß selbst einfaches Berühren zur Pein wird. Dabei entspricht – eine einzelne wichtige, gleichfalls ein materielles Leiden des Centralnervensystems ausschließende Erscheinung – der Verbreitungsbezirk dieser Ueberempfindlichkeit keineswegs jenen der sensibeln, d. i. das Gefühl vermittelnden Nerven. Und was noch wunderbarer: der Kranke weist in der Nachbarschaft dieser Hautdistrikte und entfernt von diesen solche auf, welche im geraden Gegensatz zu ihnen ihre Empfindung verloren haben. Kneifen, Stechen, Brennen fühlt er hier wenig oder gar nicht. Im übrigen weisen seine Reflexbewegungen auf Hautreize keine sonderliche Abweichung auf. Wird aber mit dem Finger oder einem Hämmerchen dicht unterhalb der Kniescheibe, da wo eine breite, kurze, kräftige Sehne sich an dieselbe anheftet, geklopft, so erfolgt nicht, wie unter gesunden Verhältnissen, eine flüchtige, leichte [863] Zuckung des Beines, sondern der Unterschenkel fliegt hoch in die Luft, zuckt nach und der Kranke ächzt vor Unbehagen. Das bedeutet eine unbedingt krankhafte Steigerung des Kniescheibenreflexes. Endlich ergiebt die Prüfung der Augen und Ohren eine unzweifelhafte Abstumpfung des Sehvermögens und Gehörs, eine starke Einschränkung des Gesichtsfeldes.

Die Untersuchung der innern Organe deckt eine Erkrankung derselben nicht auf, nur überrascht den Untersucher ein ungemein erregbares Herz- bezw. Herznervensystem. Die geringste Erregung schnellt die Zahl der Herzschläge weit über 100 hinauf, während sich neben Herzklopfen Angst und Beklemmung meldet.

So viel von diesem einen Fall, den wir getrost als typisches Beispiel der traumatischen Neurose gelten lassen können. Der Abweichungen sind Legion, ihre Skizzierung würde ungezählte Seiten füllen. Es liegt uns fern, auch nur auf die vornehmlichsten und bekanntesten einzugehen. Nur einzelne der hervorstechendsten und eigentümlichsten Züge bitten wir dem Leser vorführen zu dürfen. Sie sind fast ausnahmslos eigener Beobachtung oder dem Aktenmaterial entnommen, das wir zur Erstattung von Gutachten zu bearbeiten gehabt. Aus den verschiedensten Schichten der Bevölkerung hat sie das praktische Leben auf den Markt der ärztlichen Erfahrung geworfen.

Unvergeßlich ist mir eine junge Bauernfrau, die sich mir vor mehr als zehn Jahren vorstellte, nachdem ihr einige Wochen zuvor ein Bauernbursche bei Gelegenheit eines ländlichen Tanzvergnügens in unbändiger Feststimmung einen wuchtigen Faustschlag auf den Rücken versetzt hatte. Sie hatte sich ziemlich schnell von einer Ohnmachtsanwandlung und stärkerem Schwindel, der sie im Augenblick des Hinstolperns ergriffen, erholt und glaubte sich bereits wiederhergestellt, als eine Reihe nervöser Erscheinungen langsam, die eine nach der andern, heranschlich und der vordem lebenslustigen und Gesunden die Freude am irdischen Dasein mehr und mehr vergällte. Eine Beschwerde, die sie mir damals und später ihrer Umgebung nicht müde wurde, als die unerträglichste zu klagen, war die Empfindung, als ob ihr eine schwere Katze auf dem Rücken säße, ihn mit ihren Krallen unablässig nach unten ziehend und sie am Fortkommen hindernd. Eine organische Rückenmarkskrankheit konnte ausgeschlossen werden.

Ein Maurer, dem bei der Arbeit eine Tracht schwerer Bausteine auf den Nacken gefallen war, trug unter anderm ein maßloses Stottern und eine schwere Gehstörung als auffallendste Erscheinungen in der Kette der Symptome seiner jahrelang währenden traumatischen Neurose davon. Gleich dem schlimmsten Rückenmarkskranken schlenkerte er beim Gehen seine Beine hoch in die Luft, nicht ohne seitlich ausfahrende Bewegungen derselben und starkes Schwanken des Rumpfes. Ich habe auch als unbemerkter Beobachter ihn nie anders gehen sehen. Der in sich gekehrte, mürrische Mann vergoß Thränen, wenn er seine Umgebung ob seines Ganges und Sprechens spötteln hörte. Ein Baumeister wies noch Jahre nach einem Sturz vom Pferde einen eigentümlichen breitspurigen gemessenen Gang, ein andrer Herr aus ähnlicher Ursache ein wirklich komisches Tänzeln auf, das nicht zur Schau tragen zu müssen er große Summen gegeben hätte. Noch andre taumeln einem Betrunkenen gleich.

Zum Opfer eines Blitzschlages in einer Fernsprecheinrichtung wurde eine gerade am Apparate arbeitende Telephonistin. Sie zahlte unserer Krankheit ihren Tribut mit verschiedenen hysterischen Symptomen, darunter einer richtigen hysterischen Blindheit. Eine seltene, höchst barocke und Aerzten, die auf dem Gebiete der Nervenkrankheiten nicht sonderlich erfahren, wenig geläufige Störung, die Kranke, die ihres Sehvermögens auf einem Auge, ja sogar auch auf beiden plötzlich verlustig gegangen war, wird auf irgend einen Anlaß mit einem Schlage wieder sehend! Schon die Angst vor dem selbst herbeigerufenen Arzte kann hierzu genügen. In anderen Fällen besiegt gar das Vorhalten eines Glases die Blindheit, so daß das Auge unter ihm nunmehr die kleinste Schrift zu lesen vermag. Es begreift sich, daß die Laune einer solchen in ihrem Kommen und Gehen unberechenbaren Unempfindlichkeit der Netzhaut dem Augenarzte mit seinen sonst so eindeutige Resultate ergebenden Prüfungsmethoden die widerwärtigsten Possen bereiten kann. Bisweilen gewinnt die krankhafte Veränderung der Seelenstimmung eine derartige Ausprägung, daß das Bild der Melancholie im Vordergrunde steht. Wir haben Kranke kaum wiederzukennen vermocht, nachdem die ersten Nachwehen des Unfalls, sei es eines Eisenbahnzusammenstoßes, sei es eines Falles aus dem Wagen, dessen Pferde durchgegangen, sei es eines Schlages schwerer Maschinenteile gegen den Kopf, sei es endlich einer Brustquetschung im Gedränge, bereits überwunden schienen. In wachsendem Maße düster und verdüsternd, wortkarg und dumpf brütend, jeden Verkehr mit der eigenen Familie, Freunden und Kollegen scheuend, waren sie zum Schatten des früheren Ichs herabgesunken.

Werden Krampfzustände als Folgen von Unfällen bezw. als Teilerscheinungen unserer traumatischen Neurose auch eben nicht häufig beobachtet, so bleiben sie doch dem auf dem Gebiete der Unfallkunde erfahrenen Praktiker selten fremd. Richtige Epilepsie in ihrer schrecklichen Erscheinungsform sahen wir bei einem Soldaten, der beim Stoß in den Leib gestürzt und mit seinem Kopf hart aufgeschlagen war. Ein klassisches Beispiel epilepsieartiger Krampfanfälle findet sich in der maßgebenden Litteratur. Ein Mühlenwerksführer erleidet eine Quetschung der rechten Hand, die ihm zwischen zwei in Bewegung befindliche Mühlsteine geraten war. Ohnmacht, langes Schmerzenslager, bis die Wunde, die sich intensiv entzündete, geheilt ist. Während desselben allmählicher Eintritt nervöser Beschwerden. Herzklopfen, schlechter Schlaf mit Aufschrecken, wie Blei in den Gliedern, Erschwerung der Sprache, Kopfschmerzen, endlich – mehrere Monate nach dem Unfall – Krampfanfälle. Letztere, dem Kranken bis dahin fremd, leiteten sich durch ein schmerzhaftes, von der Handfläche aufsteigendes Kribbeln ein und nahmen die betreffende Körperhälfte in Beschlag. Schließlich stellte sich, sobald die Zuckungen das Gesicht ergriffen, Bewußtlosigkeit ein. Ich schließe mit der kurzen Erwähnung eigentümlicher bzw. eigentümlich lokalisierter Empfindungen, welche bisweilen den Grundzug der traumatischen Neurose darstellen. In nicht wenigen Fällen wurde mir über Gürtelschmerz im Bereich der Brust und noch häufiger des Unterleibes und der Lendengegend geklagt, ohne daß regelmäßig das Trauma auf die Gegenden eingewirkt hatte. Bei einem Stoß in die Seite, in die Lendengegend, in den Mittelleib beschränken sich einigemal die schmerzhaften Empfindungen auf die betreffende Seite. Ein Arbeiter beschrieb mir diese Halbgürtelschmerzen, in denen er das vornehmlichste Erwerbshindernis erblickte, mit der Empfindung, daß eine Fußangel sich um die eine Rumpfhälfte gelegt hätte und Lende, Seite und Eingeweide zusammenpreßte. Jener Baumeister der vom Pferde gestürzt, klagte, daß er bisweilen schwer unter Schmerzen in Fuß, Unterschenkel und Knie zu leiden habe, als ob federnde Strippen von der Ferse durch die Waden nach dem unteren Oberschenkelende gingen. Eine eigenartige Liste abnormer Empfindungen fand sich in dem Repertoire eines Arbeiters, den vor Jahren eine schwere Metallplatte an Gesicht und Vorderbrust getroffen hatte. Herzweh mit Ausstrahlungen nach dem Kopf und linken Arm, Kopfdruck, Zittern, Gefühl des Rieselns, Brummkreiselns, Rollens, Blitzens, endlich die Empfindung, als ob er statt der Hand eine Kralle habe. Offenbar sollte dieser Vergleich nur das bekannte Gefühl der Schwere des Gliedes ausdrücken, da er auch seine Beine nicht mehr recht mitbewegen konnte. Derselbe Patient, der im engeren Anschlusse an seine Brustguetschung schwerere Herzerscheinungen und weiterhin Symptome eines nicht, wie es anfangs schien, organischen, sondern nervösen Herzleidens dargeboten, meinte u. a., es fehlte ein Stück an seinem Herzen. Mit Nachdruck glauben wir, auf die Thatsache verweisen zu sollen, daß solche und ähnliche Empfindungen des zu großen Herzraums oder der Leere in der Herzgegend auch zu den Klagen derer zählen können, bei denen es zum Zustandekommen ihrer nervösen Herzbeschwerden der Vermittlung eines Unfalls nicht bedurft hat. Bekannt ist, welche merkwürdigen Gefühle gerade von Nervenschwachen und Hysterischen im Bereich des Herzens empfunden werden können. Krampfen, Greifen, Flattern, Schwärmen, Summen, Trommeln, Pendeln u. dergl. Trotzdem braucht kein Organleiden vorzuliegen.

Ich schließe hiermit die Aufzählung der objektiven und subjektiven Krankheitssymptome – wie dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein wird, herrschen letztere vor, – um ihre Liste nicht ins Ungebührliche zu vermehren. Es wäre verfehlt, [864] irgend einem derselben an sich eine charakteristische Bedeutung beizumessen. Das Bezeichnende liegt vielmehr in dem eigentümlichen Zusammenwirken der Beschwerden und sonstigen Abweichungen vom Begriffe der normalen Funktion.

Sollte unsere Krankheit wirklich ein modernes Nervenleiden darstellen, das die an Unfällen ärmere und der gegenwärtigen Unfallsgesetzgebung bare Vergangenheit nicht gekannt hat? Mit nichten! Aufmerksamen und denkenden Aerzten sind schon vor Jahrzehnten nicht die Grundzüge des Krankheitsbildes verborgen geblieben, das wir gezeichnet, nicht ihr Zusammenhang mit Unglücksfällen, welche mit dem Begriffe des „Schocks“ zu thun haben. Und seit der findige Geist der Menschen Eisenbahnen und mit ihnen den Eisenbahnunfall als unvermeidliches soziales Unglück geschaffen hat, waren seine gelegentlichen Folgezustände weder den Experten noch Laien unbekannt, man nannte sie in England Railway-spine (Eisenbahnrückenmark), um damit den Zusammenhang dieser Rückenmarkserkrankung mit den Eisenbahnen kurz anzudeuten. Freilich hat die Verbindlichkeit der Eisenbahngesellschaften bei Betriebsunglücksfällen in hohem Maße fördernd gewirkt. So hat man gerade in England bereits vor mehr als dreißig Jahren über namhafte Sammlungen einschlägiger Fälle verfügen können, deren Eigenart wenigstens in einem Teil derselben an dem Ursprung aus einfacher Eisenbahnerschütterung ohne materielle Schädigung des Nervensystems nicht zweifeln lassen kann. Etwa ein Jahrzehnt später finden wir, um nur einzelne Hauptetappen im historischen Ueberblick dem Leser vorzuführen, wie das unserer traumatischen Neurose der Hauptsache nach entsprechende Leiden von unsern hervorragendsten Nervenärzten lehrbuchmäßig behandelt wird. Unter dem Titel der Erschütterung des Rückenmarks, des „Schocks“ durch Fall, Stoß auf der Eisenbahn und bei Nachtreisen im Wagen, durch Blitzschlag und heftigen Schreck haben sie uns treffliche Beschreibungen unseres Leidens vorgeführt. Schon damals ist mit aller Schärfe die schwere Störung der Funktion des Rückenmarks ohne gleichzeitig nachweisbare materielle Veränderungen in demselben in den Vordergrund gerückt worden. Aber noch mehr: wir vermissen nicht einmal die Skizzierung bestimmter Hauptgruppen, unter denen es nicht schwer fällt, die heutige traumatische Neurose innerhalb enger Grenzen wiederzuerkennen. Ja, die Kategorie des Beginns mit schweren Symptomen und des daran anschließenden langen, trotzdem meist der Heilung zugänglichen Leidens, sowie jene des Beginns mit sehr unbedeutenden Symptomen und späterer Entwicklung eines fortschreitenden schweren Nervenleidens mit zweifelhaftem Ausgang usw. Der in der Folge, zumal von Irrenärzten immer zwingender geführte Nachweis, daß psychische Störungen und krankhafte Erscheinungen, die nur aus dem Gehirn kommen konnten, mit die wichtigsten Symptome der Krankheit ausmachten, mußte notwendig die Alleinherrschaft des Dogmas vom Sitze des Leidens im Rückenmark stürzen. In der That vollzog sich denn auch mancherorts die Umtaufe des Railway-spine in eine Railway-brain (Gehirnleiden infolge eines Eisenbahnunfalles). Aber nicht genug damit: von Frankreich her, aus dem Schoße der berühmten Pariser neurologischen Schule, drang vor etwa zehn Jahren mit Erfolg die überzeugungs- und verdienstvolle Belehrung, daß unsere Krankheit mit der Hysterie wichtige Grundzüge teile und insbesondere die Art der Gefühlsstörungen und etwaigen Krampfanfälle eine scharfe Trennung von den hysterischen nicht zulasse. Zugleich vermochte man an der Hand der Krankenbeobachtung und von Experimenten, bei welchen Hypnose und Selbstsuggestion eine Rolle spielten, die Ueberzeugung zu begründen, daß es mit der ursächlichen mechanischen Gewalteinwirkung durch das Trauma keineswegs immer gethan sei, vielmehr auch die seelische Erregung – sei es beim Unfall, sei es während des oft langwierigen Austrags des Prozesses – zur Entstehung der Krankheit beitrage und nicht selten allein das Leiden zu erzeugen bezw. zu erhalten imstande sei.

Was das letzte Jahrzehnt uns für die Erkenntnis der traumatischen Neurose gebracht hat, birgt des Verdienstvollen genug, gehört aber größtenteils in den engeren Bereich der wissenschaftlichen, oft genug mit überraschender Erregung geführten Kontroverse. Ein Eingehen auf diese zum Teil mehr trübenden als klärenden Polemiken muß uns im Interesse des Lesers fern liegen.

Auch über die Simulation der traumatischen Neurose zur Erlangung einer Entschädigung wollen wir ausführlicher nicht berichten. Solche Fälle grober Täuschung des Arztes kommen gewiß vor; andererseits ist zu bemerken, daß Kranke dieser Art einen entschiedenen Hang zur Uebertreibung der bestehenden Krankheitssymptome besitzen. Oft genug aber entbehren diese Uebertreibungen des Begriffes des Absichtlichen, oder sie sind als halbbewußte eben auch ein Symptom der Krankheit. Wissen wir doch, daß nervöse, zumal hysterische Damen auch dann, wenn ihnen aus ihren Klagen keinerlei Vorteil und Genuß erwächst, erstaunlich stark auftragen. Welcher Arzt wollte der schwer Leidenden, die er wie gelähmt im Bett antrifft, mißtrauen, weil sie am Abend zuvor getanzt und eine anregende Unterhaltung geführt hat? Auch unsere Telephonistin hatte man dabei ertappt, daß sie heitere Gespräche geführt, wenn ich nicht irre, auch ein Liedchen geträllert. Der erfahrene Nervenarzt, welchem die oft unberechenbare Laune der traumatischen Neurose nicht minder geläufig ist, als jene der Hysterie, wird sich durch solche Zeugenbekundungen, so wenig sie an sich zu beanstanden sind, nicht irre machen lassen.

Nichtsdestoweniger fehlt es auch bei unserem Leiden nicht an bedenklichen bewußten Uebertreibungen, die als solche zu erkennen und nachzuweisen der gewissenhafte Praktiker nicht müde werden darf.

Aufschlüsse über die Behandlung unserer Krankheit wird der nachsichtige Leser nicht erwarten. Zählt ja doch die Feststellung des Heilplanes und die Art der Anwendung der ihm dienenden Mittel zu den eigensten Aufgaben des Arztes. Es begreift sich, daß sich an ihrer bei der oft erstaunlichen Hartnäckigkeit des komplizierten Krankheitszustandes leider nicht immer erfolgreiche Lösung der Nervenarzt, der „Innere“ und der Psychiater beteiligen.