Ueber das Leben Mosis/Buch 1

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Ueber das Leben Mosis
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UEBER DAS LEBEN MOSIS
Erstes Buch

[II p. 80 M.] 1 (1.) Das Leben des Moses beabsichtige ich zu schildern, den einige den Gesetzgeber der Juden, andere den Dolmetsch[1] heiliger Gesetze nennen, eines Mannes, der in jeder [222] Beziehung der grösste und vollkommenste Mensch war, und will die Kreise damit bekannt machen, die auf seine Bekanntschaft gerechten Anspruch haben. 2 Denn der Ruhm der von ihm hinterlassenen Gesetze ist zwar durch die ganze Welt, selbst bis an die Grenzen der Erde, gedrungen, aber von seiner Persönlichkeit haben nur wenige wahrhafte Kunde; vielleicht wollten die hellenischen Schriftsteller ihn aus Missgunst[2] und wegen des Gegensatzes in nicht wenigen Punkten zu den Verordnungen der Gesetzgeber anderer Staaten einer Erwähnung nicht würdigen. 3 Haben ja die meisten von ihnen die Fähigkeiten, die sie ihrer Bildung verdankten, auf die Abfassung von Komödien und wollüstigen Schandwerken in Poesie und Prosa freventlich vergeudet, eine helle Schande; [p.81 M.] ihre Pflicht wäre es gewesen, ihre natürlichen Anlagen zur Schilderung edler Männer und ihres Lebens ausgiebig zu benutzen, damit nichts Schönes aus dem Altertum oder der Neuzeit dem Schweigen anheimfalle und ins Dunkel versinke, während es doch hätte hell leuchten können, und damit andrerseits auch sie nicht den Schein auf sich laden, als hätten sie mit Uebergehung besserer Stoffe solche vorgezogen, die des Anhörens unwürdig sind, wenn sie ihre Mühe darauf verwendeten, zur Verherrlichung von Schändlichkeiten das Schlechte in schöner Form zu erzählen. 4 Aber ich gehe über ihre Missgunst hinweg und will nun die Schicksale des Mannes mitteilen, wie ich sie teils aus den heiligen Schriften kenne, die er als wunderbares Denkmal seiner Weisheit hinterlassen hat, teils aus den Mitteilungen älterer Leute seines Volkes; was diese erzählten, pflegte ich nämlich jedesmal mit dem, was ich las, eng zu verflechten, und glaube daher genauer als andere über sein Leben berichten zu können[3].

[223] 5 (2.) Den Anfang will ich mit dem machen, womit anzufangen sich gehört. Moses ist von Abkunft ein Chaldäer[4]; geboren und erzogen wurde er in Aegypten, denn seine Ahnen waren infolge langwieriger Hungersnot, die Babylon und seine Nachbarschaft plagte, auf der Suche nach Lebensmitteln mit ihrer gesamten Familie nach Aegypten übergesiedelt, dem tiefen Flachland, das an allem, worauf die menschliche Natur angewiesen ist, ganz besonders aber an Brotfrucht, sehr ergiebig ist. 6 Der Strom dieses Landes nämlich schwillt im Hochsommer, wenn die anderen Flüsse und Quellen bekanntlich wasserarm werden, an, ergiesst sich in reicher Wasserfülle und bewässert die Gefilde, die so, ohne des Regens zu bedürfen, Erträge mannigfacher Art in Menge das ganze Jahr hindurch liefern, wenn nicht gerade Gottes Zorn wegen der überhandnehmenden Frevelhaftigkeit der Bewohner hindernd dazwischentritt. 7 Sein Vater und seine Mutter waren die Edelsten ihrer Zeit, die, obwohl sie aus einem und demselben Stamme waren, doch mehr gleiche Gesinnung als die Verwandtschaft zueinander geführt hatte. Er gehört dem siebenten Geschlechte[5] an seit dem ersten, der als Einwanderer der Stammvater des ganzen Volkes der Juden wurde. 8 (3.) Königliche Erziehung aber ward ihm aus folgendem Anlass zuteil: da das Volk immer zahlreicher wurde, begann der König des Landes zu fürchten, dass die Eingewanderten infolge ihrer grösseren Anzahl mit stärkerer Hand mit den Einheimischen um die Herrschergewalt ringen könnten, und sann darauf, durch ruchlose Pläne ihnen ihre [p. 82 M.] Kraft zu rauben. Daher gebietet er, von den Neugeborenen nur die weiblichen aufzuziehen – denn das Weib hat infolge seiner physischen Schwäche Scheu vor dem Kriege –, die männlichen aber umzubringen, damit sie sich nicht überall in den Städten vermehrten; denn eine auf tüchtigen Männern beruhende Macht ist ein schwer zu bezwingendes und schwer [224] zu vernichtendes Bollwerk. 9 Gleich nach der Geburt nun zeigte der Knabe ein edleres Aussehen als Kinder gewöhnlicher Leute, weshalb auch die Eltern die Befehle des Herrschers, solange es ihnen möglich war, unbeachtet liessen; drei volle Monate nämlich soll er, unbemerkt von der Menge, als Säugling aufgezogen worden sein. 10 Als aber, wie es in Monarchien zu geschehen pflegt, manche in dem Bestreben, dem Könige immer neuen Ohrenschmaus zuzutragen, auch die geheimen Winkel durchstöberten, da gerieten die Eltern in Furcht, sie könnten durch ihre Bemühungen um die Rettung des Einen alle mit ihm zusammen ins Verderben geraten. Sie setzten daher unter heissen Tränen den Knaben am Ufer des Flusses aus und entfernten sich seufzend; sie beklagten die eigene Zwangslage und nannten sich Mörder und Kindesmörder, beklagten aber auch den Knaben ob seines unnatürlichen Todes. 11 Dann machten sie, wie es in so unerhörter Lage erklärlich ist, sich Selbstvorwürfe, als hätten sie sein Unglück nur verschlimmert. „Weshalb, so sprachen sie, haben wir ihn nicht gleich bei der Geburt ausgesetzt? Wer noch nicht menschlicher Ernährung teilhaftig geworden, den hält man überhaupt nicht für einen Menschen. Wir aber, wir Ueberklugen, haben ihn sogar drei volle Monate aufgezogen und uns selbst reichere Trübsal, ihm aber grössere Qualen geschaffen, auf dass er, für Freude und Schmerz in hohem Grade empfänglich, mit um so schmerzlicherer Empfindung für sein Unglück ende“. 12 (4.) So schieden sie, ob der Ungewissheit über die Zukunft von tiefem Jammer erfasst; aber die Schwester des ausgesetzten Kindes, noch eine Jungfrau, wartete mit schwesterlichem Gefühl in geringer Entfernung den Ausgang der Sache ab. Dies alles scheint mir gemäss dem Willen Gottes in seiner Fürsorge für den Knaben geschehen zu sein. Der König des Landes hatte eine einzige Tochter, die er sehr liebte. 13 Diese, so erzählt man, obwohl seit langer Zeit verheiratet, war kinderlos[6], aber natürlich von dem Wunsche nach Kindern und [225] besonders nach einem männlichen Spross erfüllt, der das glückliche Erbe der Herrschaft ihres Vaters übernehmen könnte, das in Ermangelung eines Tochtersohnes in fremde Hand überzugehen drohte. 14 Schon immer tief betrübt und in grossem Jammer, sei sie besonders an jenem Tage unter dem Druck der Sorgen ganz verzweifelt gewesen und, während sie sonst gewohnt war zu Hause zu bleiben und nicht einmal vor die Tür zu gehen, sei sie mit ihren Dienerinnen an den Fluss geeilt, wo der Knabe ausgesetzt war. Hier im Begriff dem Bade und Waschungen sich hinzugeben, habe [p. 83 M.] sie an der dichtesten Stelle des Schilfes ihn erblickt und befohlen, ihn zu ihr zu bringen. 15 Von Kopf bis Fuss ihn betrachtend, habe sie an seiner wohlgebildeten und schönen Gestalt Gefallen gefunden und sei von Mitleid mit dem Kinde ergriffen worden, als sie es so in Tränen sah; denn schon sei in ihre Seele ein mütterliches Gefühl wie gegen ein eigenes Kind eingezogen. Da sie sich sagte, es sei das Kind von Hebräern, die des Königs Befehl fürchteten, sei sie mit sich zu Rate gegangen, wie sie es aufziehen könnte; denn es sofort in das Königsschloss zu bringen, habe sie für gefährlich gehalten. 16 Während sie noch hin und her überlegte, sei die Schwester des Kindes, die wie von einer Warte aus ihre Unschlüssigkeit erraten, herbeigeeilt und habe sie gefragt, ob sie wohl wünsche, dass dies Kind von einer Hebräerin genährt werde, die vor nicht langer Zeit geboren habe. 17 Als sie diese Frage bejahte, habe jene ihre eigene und des Kindes Mutter wie eine Fremde herbeigeholt, und diese habe mit grosser Bereitwilligkeit gern das Versprechen gegeben, Ammendienst zu leisten, angeblich für Lohn, dank der Fürsorge Gottes, die dem Kinde seine erste Nahrung durch die leibliche Mutter gewährte. Darauf gibt sie ihm den der Sachlage entsprechenden Namen Moyses, weil sie ihn aus dem Wasser gezogen hatte; das Wasser nämlich nennen die Aegypter Moy[7].

[226] 18 (5.) Als er aber in ungewöhnlichem Masse und ungewöhnlich schnell wachsend und gedeihend[8] entwöhnt wurde, da erschien die Mutter und Amme und brachte ihrer Auftraggeberin das der Säuglingsnahrung nicht mehr bedürfende Kind, das edel und hübsch anzuschauen war. 19 Die Königstochter, die es entwickelter fand, als seinem Alter entsprach, und bei seinem Anblick noch mehr als früher Zuneigung zu ihm empfand, nimmt es an Sohnes Statt an. Vorher schon hatte sie ihrem Leib künstlich den Anschein der Schwangerschaft gegeben, damit es für ihr leibliches Kind und nicht für untergeschoben gehalten werde. Alles, was Gott will, macht er leicht, auch das Schwerste. 20 So wurde ihm nun königliche Pflege und Erziehung zu teil; aber nicht wie sonst ein ganz junges Kind hatte er an Scherzen, Lachen und Tändeleien Freude, obwohl die mit der Sorge um ihn Betrauten ihm gestatteten, sich gehen zu lassen, und ihm keinerlei Strenge zeigten, sondern züchtigen und ernsten Wesens hörte und sah er mit Aufmerksamkeit nur, was seine Seele fördern konnte. 21 Aus allen Gegenden kamen bald Lehrer herbei, teils aus den Grenzländern und den ägyptischen Landesteilen unaufgefordert, teils für grossen Sold aus Hellas herbeigeholt. Aber in nicht langer [p. 84 M.] Zeit überragte er sie an Fähigkeit – denn durch seine natürliche Fassungsgabe kam er ihren Belehrungen zuvor, so dass es ein Sicherinnern, nicht ein Lernen, zu sein schien – und ersann auch selbst schwierige Fragen hinzu. 22 Denn viele neue Bahnen der Wissenschaft eröffnen grosse Naturen; und wie wohlgebildete und in allen Gliedern leicht bewegliche Körper die Lehrmeister im Ringen der Sorge entheben, so dass sie ihnen keine oder nur sehr geringe Pflege zuzuwenden brauchen, ebenso wie auch der Landmann wohlgewachsenen, edlen und von selber sich veredelnden Bäumen, ganz so kommt eine wohlgebildete Seele der Belehrung auf halbem Wege entgegen, gewinnt mehr Förderung durch sich selbst als durch ihre Lehrer und eilt, hat sie erst einmal [227] einen Anlauf zur Wissenschaft genommen, vorwärts wie nach dem Sprichwort „das Ross ins Feld“[9]. 23 Rechnen und Geometrie, sowie Rhythmik, Harmonik und Metrik und die gesamte Musik, wie sie in der Handhabung von Instrumenten und in mündlichen Lehren sowohl in allgemein wissenschaftlichen als auch in mehr speziellen Ausführungen sich bekundet, lehrten ihm die ägyptischen Gelehrten, ferner noch die in Symbole gekleidete Philosophie, die sie in den sogenannten heiligen Schriftzeichen (Hieroglyphen) vortragen, und die in der Verehrung von Tieren sich zeigt, denen sie sogar göttliche Ehren erweisen; Hellenen unterwiesen ihn in der andern allgemeinen Bildung und die Lehrer aus den Grenzländern in der assyrischen Literatur und in der chaldäischen Wissenschaft von den Himmelskörpern. 24 Die zuletzt erwähnte lernte er auch von den Aegyptern, die vornehmlich mathematische Studien trieben. So nahm er gründlich in sich auf, was beide lehrten, sowohl worin sie übereinstimmten, als auch worin sie uneins waren, und suchte leidenschaftslos über ihre Streitigkeiten hinwegschreitend die Wahrheit; denn sein Sinn war jedem Falsch unzugänglich, verschieden von der Sitte der Rechthaberischen, die für die aufgestellten Lehren eintreten, wie sie auch sein mögen, ohne zu prüfen, ob sie begründet sind, und ebenso handeln wie die bezahlten Sachwalter, die um das Recht nicht die geringste Sorge tragen. 25 (6.) Gleich mit dem Hinaustreten aus den Grenzen des Kindesalters strengte er sein Denken an und liess nicht wie manche den jugendlichen Begierden die Zügel schiessen, obwohl diese in dem reichen Aufwande, den das Prinzentum bietet, unzählige Reizmittel hatten, sondern hemmte gewaltsam ihr Vorwärtsstürmen, indem er sie durch Mässigung und Willensstärke gewissermassen wie durch Zügel fesselte. 26 Aber auch alle anderen Seelenstimmungen, deren jede sich selbst überlassen von Haus aus zu wahnwitzigen Ausschreitungen geneigt ist, suchte er fügsam, sanft und mild zu machen; wenn er aber irgend einmal unvermerkt auch nur in Aufregung geriet und [228] sich überhob, wandte er eher wuchtige Züchtigung gegen sich an als Tadel mit Worten. Ueberhaupt überwachte er [p. 85 M.] die ersten Regungen und Triebe der Seele wie ein störrisches Pferd, denn er fürchtete, sie könnten der zur Lenkerin bestimmten Vernunft voraneilen und alles über den Haufen werfen. Denn sie sind die Ursachen des Guten und des Bösen, des Guten, wenn sie der Führung der Vernunft sich fügen, seines Gegenteils, wenn sie zur Gesetzlosigkeit ausarten. 27 Natürlicherweise waren seine Genossen und alle andern voller Staunen, und wie von einem nie gesehenen Schauspiel betroffen forschten sie, welcher Art der in seinem Körper wohnende und in ihm sich darstellende Geist sei, ob ein menschlicher oder ein göttlicher oder ein aus beiden gemischter; hatte er ja nichts der Menge Gleiches an sich, sondern er überragte sie und erhob sich zu höherem Streben. 28 Den leiblichen Genüssen zollte er keinen grösseren Tribut als den notwendigen, den die Natur forderte, an niedere Sinneslust dachte er überhaupt nicht ausser der zur Erzeugung ehelicher Kinder. 29 So wurde er in hervorragendem Masse ein Jünger der Bedürfnislosigkeit, spottete der üppigen Lebensführung wie kein anderer – denn nur in der Seele allein, nicht im Körper, zu leben war sein Sehnen – und verwirklichte die Lehren der Philosophie durch sein alltägliches Tun, sprach wie er dachte und handelte entsprechend seinen Worten, so dass er Rede und Leben mit einander verband, damit wie seine Rede so sein Leben und wie sein Leben so seine Rede als im Einklang miteinander erprobt würden wie harmonische Klänge auf einem Musikinstrument[10]. 30 Die meisten werden, auch wenn nur ein winziger Hauch des Glückes sie trifft, aufgeblasen und aufgebläht und nennen in ihrer Ueberhebung über die Niedrigeren diese Auswurf, lästiges Gesindel und unnütze Last für die Erde und mit ähnlichen Namen, als hätten sie die Unveränderlichkeit ihres Glückes ganz sicher unter Siegel wohl verbürgt, obwohl sie vielleicht nicht einmal bis zum folgenden Tage in gleicher Lage zu bleiben erwarten dürfen. 31 Denn es gibt nichts Unbeständigeres als das Glück, [229] das die menschlichen Geschicke wie im Brettspiel hinauf- und hinabzieht, das oft an einem Tage den Hohen stürzt und den Niedrigen hoch emporhebt[11]. Und obwohl sie dies täglich sich ereignen sehen und genau kennen, blicken sie gleichwohl mit Geringschätzung auf Angehörige und Freunde herab, übertreten die Gesetze, in denen sie geboren und auferzogen sind, rütteln an der väterlichen Sitte, die keinerlei berechtigter Tadel trifft, fallen von ihr ab und denken in ihrem Gefallen an der Gegenwart gar nicht mehr an die Vergangenheit[12]. 32 (7.) Er aber, obwohl er bis zur höchsten Grenze menschlichen Glückes gelangt war und für den Tochtersohn des mächtigen Königs galt, nach allgemeiner Erwartung beinahe [p. 86 M.] bereits Erbe der Herrschaft seines Grossvaters war und fast den Titel eines jungen Königs führte, lag mit Eifer der Lehre seines Hauses und seiner Vorfahren ob; er hielt das Glück seiner Pflegeeltern, wenn es auch zur Zeit in grösserem Glanze sich zeigte, für unecht, die Lage seiner leiblichen Eltern, wenn sie auch vorübergehend glanzlos war, betrachtete er dagegen als echt und ihm selbst zukommend. 33 Und wie ein unbestechlicher Beurteiler seiner Erzeuger und seiner Pflegeeltern suchte er jenen durch Anhänglichkeit und heisse Liebe, diesen durch Dankbarkeit die Wohltaten zu vergelten und hätte dies auch allezeit getan, wenn er nicht wahrgenommen hätte, dass in dem Lande ein grosser, unerhörter Frevel von dem Könige verübt wurde. 34 Wie oben erwähnt, waren nämlich die Juden Landfremde, da die Vorfahren des Volkes infolge einer Hungersnot wegen [230] Mangels an Lebensmitteln aus Babylon und den Provinzen Innerasiens nach Aegypten übergesiedelt waren, und gewissermassen Schutzflehende, die wie zu einem heiligen Asyl unter des Königs Schutz und der Bewohner Mitleid sich geflüchtet hatten. 35 Fremde sollten nach meiner Meinung von dem Wirtsvolke als Schutzsuchende behandelt werden, haben sie sich aber dauernd niedergelassen, nicht bloss als Schutzsuchende, sondern auch als Freunde, wenn sie sich um Gleichberechtigung mit den Bürgern bemühen und nahezu schon Vollbürger sind, die sich nur wenig von den Eingeborenen unterscheiden. 36 Diese nun, die ihre Heimat verlassen hatten und nach Aegypten gekommen waren, um dort wie in einem zweiten Vaterlande sicher wohnen zu können, behandelte der Herrscher des Landes als Sklaven und unterjochte sie, als hätte er sie nach Kriegsrecht als Kriegsgefangene gewonnen oder von Besitzern gekauft, deren Hausgesinde sie waren, und machte sie, die nicht nur freie Männer, sondern auch seine Gastfreunde, Schutzverwandte und Beisassen waren, zu Sklaven, ohne Scheu und Furcht vor der Gottheit, die den Freien, den Fremden, den Schutzflehenden, den häuslichen Herd schützt[13] und über alle wacht, die in solcher Lage sich befinden. 37 Darauf stellte er gebieterisch Forderungen an sie, die über ihre Kraft gingen, und fügte Arbeitsleistung zu Arbeitsleistung, und denen, die aus Schwäche versagten, drohte strenge Strafe, denn zu Aufsehern über ihre Arbeiten wählte er mitleidslose, gemütsrohe Menschen, die keinem Nachsicht gewährten, und die sie „Arbeitseintreiber“ (2 Mos. 3,7) nach ihrem Tun nannten. 38 Die Arbeit aber bestand darin, dass die einen Lehm zu Ziegeln formen, andere von allen Seiten Stoppeln zusammentragen mussten – denn für den Ziegel sind Stoppeln ein Bindemittel –; noch andere wurden mit dem Bau von Häusern, Festungen und Städten und dem Graben von Kanälen beauftragt, wozu sie selbst Tag und Nacht ohne Ablösung und ohne irgend welche Ruhezeit, selbst ohne die zum Schlaf nötige Zeit[14], [231] [p. 87 M.] das Material herbeischaffen mussten; alle Verrichtungen der Werkmeister wie der Gehilfen waren sie gezwungen zu leisten, so dass in kurzer Zeit der Körper ihnen den Dienst versagte, da vorher schon ihre Seele kleinmütig geworden war. 39 So starben sie haufenweise wie an einer pestartigen Seuche, unbestattet warf man sie über die Grenzen und erlaubte nicht einmal Staub über die Leichname zu streuen und selbst nicht Verwandte oder Freunde, die so jammervoll umgekommen waren, zu beweinen. Ja sogar die unbezwinglichen Empfindungen der Seele, fast das einzige von allem, was die Natur von ihrer Herrschaft frei gelassen hatte, bedrohten die Frevler mit Vergewaltigung, indem sie durch die unerträgliche Schwere eines noch stärkeren Zwanges sie niederzuhalten suchten. 40 (8.) Der Unmut und der Zorn über diese Lage verliess Moses nicht, da er weder die Misshandelnden abzuwehren noch den Misshandelten zu helfen imstande war. Aber soviel in seinen Kräften stand, suchte er durch sein Wort zu helfen, indem er den Aufsehern zuredete, massvoll zu sein und das Uebermass der Forderungen zu mildern und herabzusetzen, und den Arbeitenden, das gegenwärtige Geschick edlen Mutes zu tragen, mannhafter Gesinnung zu sein und nicht seelisch zugleich und körperlich zu erschlaffen, sondern Gutes nach dem Schlimmen zu erwarten; 41 alles in der Welt wandle sich ja in sein Gegenteil um, bewölkter Himmel in Himmelsbläue, der Stürme Gewalt in windstille Luft, das Tosen des Meeres in Ruhe und Stille, und Menschenschicksale noch in desto höherem Grade, je wandelbarer sie seien. 42 Durch solchen sänftigenden Zuspruch hoffte er wie ein guter Arzt die Uebel, ob sie auch sehr schwer waren, ihnen zu erleichtern; aber hatten diese einmal nachgelassen, so setzten sie ihnen eines nach dem andern wieder von neuem zu und brachten nach dem Aufatmen immer ein ganz neues Uebel, das noch schlimmer war als die früheren. 43 Es waren nämlich unter den Aufsehern manche ganz unbändig und voller Wut, in ihrer Wildheit von Giftgezücht und Raubtieren gar nicht verschieden, Tiere in Menschengestalt, denen des Leibes Gestalt als Waffe diente, um unter der Maske der Freundlichkeit ihr trügerisches Jagdwerk zu [232] üben, der Ueberredung unzugänglicher als Eisen und Stahl. 44 Einen von diesen, den Gewalttätigsten, der nicht nur unnachgiebig war, sondern durch die Ermahnungen noch härter wurde und die, welche das Befohlene nicht in atemloser Hast und mit flinker Hand ausführten, schlug und unter jedem möglichen Schimpf bis zu Tode misshandelte, tötete Moses und hielt dies für eine makellose Tat; und wirklich war es ein makelloses Werk, der Tod eines Mannes, der zum Verderben der Menschen lebte. 45 Die Kunde von dieser Tat erregte den Unwillen des Königs, der es für schlimm hielt, nicht dass einer getötet worden war oder getötet hatte, sei es mit Unrecht oder mit Recht, sondern dass sein Tochtersohn nicht mit ihm eines Sinnes sei und nicht mit ihm dieselben Personen als Feinde und Freunde betrachte, sondern die hasse, die der König liebte, die liebe, die er verabscheute, und Mitleid habe mit denen, gegen die er unbeugsam und unerbittlich war. 46 (9.) Da die Vornehmen, die auf den Jüngling [p. 88 M.] mit scheelem Blicke sahen, einmal dadurch einen Anlass gewonnen hatten – sie waren sich bewusst, dass er einst ihre Freveltaten ihnen gedenken und zur geeigneten Zeit sie bestrafen werde –, träufelten sie in das bereitwillig geöffnete Ohr des Grossvaters bald hier bald dort unzählige Verleumdungen, so dass sie ihn selbst mit der Furcht erfüllten, er könnte durch ihn seiner Herrschaft beraubt werden. „Er wird dich angreifen“, sagten sie, „er denkt durchaus nicht gering von sich, immer macht er sich etwas zu schaffen, vor der Zeit trachtet er nach der Herrschaft, den einen schmeichelt er, anderen droht er, tötet ohne Rechtsverfahren, verachtet deine getreuesten Diener. Was zauderst du also? willst du nicht verhindern, was er zu tun gedenkt? Ein grosser Vorschub für die Angreifer ist das Zaudern der heimlich Bedrohten“. 47 Während sie dies dem Könige ausmalten, entwich Moses in das benachbarte Arabien, wo er gefahrlos leben konnte; zugleich bat er Gott, die einen aus ihrer hilflosen Lage zu retten, und die anderen, die keine Gelegenheit zu kränkendem Uebermut hatten vorübergehen lassen, nach Gebühr zu bestrafen und ihm selbst die doppelte Gnade zu gewähren, dass er beides erlebe. [233] Gott erhört sein Gebet – denn ihm gefiel seine Liebe zur Tugend und sein Hass gegen das Laster – und er verhängte, dem Wesen der Gottheit gemäss, nach kurzer Frist das Strafgericht über das Land. 48 Aber während dies Gottesgericht zu erwarten stand, lag Moses in hartem Ringen den Aufgaben der Tugend ob, wobei er als Lehrerin in seinem Innern die edle Vernunft hatte, von der zu den edelsten Arten der Lebensführung, der beschaulichen und der werktätigen[15], vorbereitet er in emsiger Arbeit sich mühte, immerfort die Lehren der Philosophie zu überdenken, sie mit der Seele richtig zu erkennen und im Gedächtnis unvergesslich zu bewahren, das eigene immer rühmliche Tun nach ihnen einzurichten und nicht nach dem Scheine, sondern nach der Wahrheit zu streben; denn ihm schwebte nur ein Ziel vor, das Leben nach der rechten Stimme der Natur[16], die allein Anfang und Quelle der Tugenden ist. 49 Ein anderer, der auf der Flucht vor dem unversöhnlichen Zorn eines Königs eben das erste Mal in ein fremdes Land kommt, hätte, mit den Sitten der Bewohner noch nicht vertraut und ohne gründliche Kenntnis dessen, was sie erfreut oder entfremdet, sich bemüht, in aller Stille von der Menge unbemerkt im Dunkel zu leben oder, wenn er in die Oeffentlichkeit hinaustreten wollte, die Mächtigen und Einflussreichsten in heissem Werben sich freundlich zu stimmen, von denen irgend welcher Nutzen und Beistand zu erwarten war, falls man käme und ihn gewaltsam abzuführen versuchte. 50 Er aber schlug den entgegengesetzten Weg ein, den gesunden Trieben seiner Seele folgend und ihrer keinen straucheln lassend, weshalb er auch zuweilen grössere jugendliche Leidenschaft [234] zeigte, als wozu die ihm zu Gebote stehende Kraft ihn berechtigte; denn er war überzeugt, dass die Gerechtigkeit [p. 89 M.] eine unzerstörbare Kraft sei, und von ihr angespornt eilte er unaufgefordert den Schwächeren zu Hilfe.

51  (10). Ich will nunmehr von der Tat erzählen, die er in dieser Zeit ausgeführt hat (2 Mos. 2,16ff.), einer anscheinend zwar geringfügigen, die aber doch aus einer nicht kleinlichen Gesinnung hervorgegangen ist. Die Araber treiben Viehzucht, und es hüten die Herden bei ihnen nicht nur Männer, sondern auch Weiber, Jünglinge und Jungfrauen, und zwar nicht nur Kinder der Geringen und Unangesehenen, sondern auch der Hochangesehenen. 52 Nun waren sieben Mädchen mit der Herde ihres Vaters, eines Priesters, an eine Quelle gekommen. Sie befestigten die Eimer an das Brunnenseil und füllten darauf, eine die andere (in der Arbeit) ablösend, um sich gleichmässig in die Arbeit zu teilen, mit grosser Emsigkeit die Rinnen, die in der Nähe waren. 53 Da kamen andere Hirten hinzu, unterfingen sich, mit Geringschätzung auf die Schwäche der Jungfrauen blickend, diese mit ihrer Herde fortzujagen, und trieben das eigene Vieh zu dem bereitstehenden Trank, um sich die fremde Arbeit zunutze zu machen. 54 Als Moses dies sah – denn er sass nicht weit davon –, lief er eilends hinzu, trat nahe an sie heran und sprach: „Wollt ihr nicht endlich aufhören Unrecht zu tun und die Wüste als euren Vorteil zu betrachten? Schämt ihr euch nicht, faule Arme und Ellenbogen zu pflegen? Weiber mit langem Haar und faules Fleisch seid ihr, nicht Männer! Die Mädchen benehmen sich wie Jünglinge, sie tun ohne Zaudern ihre Pflicht, ihr Jünglinge aber benehmt euch mädchenhaft und seid Schwächlinge. 55 Macht, dass ihr fortkommt! machet ihnen Platz, denn sie sind früher gekommen, und ihnen gehört auch der Trank. Es hätte sich geziemt, dass ihr für sie noch nachschöpftet, damit sie reichlicher Wasser haben; statt dessen suchet ihr ihnen noch zu rauben, was sie sich bereitet haben. Aber fürwahr bei dem himmlischen Auge des Rechts, das auch das sieht, was in der grössten Einsamkeit geschieht, ihr werdet sie nicht berauben. 56 Mich hat es zum unerwarteten Helfer erwählt; denn ich [235] bin den Unrechtleidenden ein Verbündeter mit Hilfe der starken Hand, die zu sehen Uebermütigen nicht vergönnt ist; fühlen aber werdet ihr ihre aus unsichtbarem Ort kommenden Schläge, wenn ihr euer Tun nicht ändert“. 57 Da er also sprach, begannen sie zu fürchten – im Sprechen nämlich hatte er sich ganz in einen Propheten verwandelt, und er redete in Verzückung –, dass er bedeutsame Orakelsprüche künde; sie fügen sich daher, entfernen ihre Herden und führen selbst die Herde der Jungfrauen an die Tränkrinnen[17]. 58 (11.) Die Mädchen kehrten voller Freude heim und berichteten ausführlich das unverhoffte Begebnis, so dass sie in ihrem Vater ein grosses Verlangen nach dem Fremdling weckten. Er warf ihnen Undank vor und sprach etwa folgendes: „Was ist euch eingefallen ihn dort zu lassen? Ihr hättet ihn sofort hierher führen und, sofern er zauderte, ihn dringend bitten müssen. Habt ihr etwa irgend welche Unfreundlichkeit gegen Menschen an mir wahrgenommen? [p. 90 M.] Oder erwartet ihr, ein zweites Mal nicht mehr ungerechten Leuten zu begegnen? Wer des Dankes vergisst, wird einst der Helfer entbehren müssen. Aber wohlan, eilet zurück – denn noch ist der Fehler gut zu machen –, gehet schnell und ladet ihn ein, damit ihm sofort unsere Gastfreundschaft und dann auch Vergeltung von uns zuteil werde, denn wir sind ihm Dank schuldig“. 59 Sie eilen hin und treffen ihn nicht weit von dem Quell, melden ihm den Auftrag ihres Vaters und überreden ihn mit in ihr Haus zu kommen. Der Vater wird sofort von Bewunderung für die Erscheinung des Fremden und nach ganz kurzer Zeit auch für seine Willensstärke erfüllt – denn grosse Eigenschaften treten leicht zu Tage und brauchen nicht lange Zeit, um erkannt zu werden –, und er gibt ihm die schönste seiner Töchter zum Weibe, schon durch diese eine Tat seinen ganzen Edelsinn bekundend und dass das Schöne [236] für sich allein liebenswert ist und, ohne einer Empfehlung von anderer Seite zu bedürfen, seine Merkmale in sich selber trägt. 60 Nach seiner Verheiratung übernahm er die Herden und weidete sie, eine Vorschule für die künftige Führerschaft; denn die Hirtentätigkeit ist eine Vorbereitung und Vorübung zum Herrschen für den künftigen Leiter der edelsten Herde, der menschlichen, wie es auch für die kriegerische Begabung das Jägerhandwerk ist; durch die Jagd bereiten sich die zur Heeresführung sich Ausbildenden vor, denn die vernunftlosen Tiere geben gewissermassen einen Uebungsstoff für die beiden Lagen der Herrschaft, den Krieg und den Frieden. 61 Die Jagd der wilden Tiere nämlich ist ein Uebungsmittel der Feldherrntätigkeit gegen Feinde, und die Sorge für die zahmen Tiere und ihre Leitung eine Uebung von Königen für ihr Verhalten gegen die Untergebenen. Daher nennt man die Könige auch „Hirten der Völker“, was nicht ein Schimpf, sondern ein ausgezeichneter Ehrentitel ist. 62 Und wenn ich mir die Sache nicht nach den Vorurteilen der Menge, sondern nach der Wahrheit klar zu machen suche, so scheint mir – lache darüber, wer will – nur der allein imstande das Ideal eines Königs zu werden, der ein tüchtiges Verständnis der Hirtentätigkeit besitzt, denn er ist an minder edlen Wesen für die Herrschaft über die edleren vorgebildet[18]; man kann es aber unmöglich früher im Grossen zur Vollkommenheit bringen, als bis man sie im Kleinen erlangt hat.

63 (12.) So wurde er denn der tüchtigste Herdenführer seiner Umgebung und wusste geschickt zu beschaffen, was zur Förderung seiner Herden diente; denn er war in nichts [237] lässig, sondern unterzog sich der Hut der Herden mit willenskräftigem, [p. 91 M.] freiwilligem Eifer, und so mehrte er sie in echter und lauterer Redlichkeit. 64 Daher wurde er bald auch von den anderen Hirten beneidet, die an ihren eigenen Herden nichts Aehnliches sahen und es schon als einen Glücksfall betrachteten, wenn die Herde in ihrem bisherigen Zustande blieb, während bei seinen Herden es schon ein Mangel schien, wenn sie nicht täglich in besseren Zustand gelangten; denn sie pflegten sowohl an Schönheit durch Fülle des Fleisches und Fettes zuzunehmen, als auch an Menge durch Fruchtbarkeit und gesunde Nahrung. 65 Als er nun seine Herde an einen wasser- und futterreichen Ort führte, wo auch viel gutes Gras für seine Schafe wuchs, kam er in eine Talschlucht und hatte dort eine äusserst wunderbare Erscheinung (2 Mos. c. 3). Ein Dornstrauch war da, ein stachliges, sehr schwaches Gewächs. Ohne dass einer Feuer angelegt hätte, flammt dieser plötzlich auf, bleibt aber, obwohl von der Wurzel bis zur Spitze von ganz hellen Flammen ergriffen, völlig unversehrt, wie von einer wassersprudelnden Quelle befeuchtet, und verbrennt nicht, als wäre er eine unempfindliche Substanz und nicht selbst Stoff für Feuer, sondern als diente ihm das Feuer zur Nahrung. 66 Mitten in der Flamme aber war eine wunderherrliche Gestalt, keinem der sichtbaren Wesen vergleichbar, ein göttliches Bild; blitzend strahlte ihr Licht, glänzender als das des Feuers, für ein Abbild des Seienden mochte man sie halten; seinen Engel mag man sie nennen, denn durch ihre gewaltige Erscheinung kündete sie mit einem Schweigen, das deutlicher war als Sprechen, die Zukunft. 67 Denn der brennende Busch war ein Sinnbild der Unrechtleidenden, das flammende Feuer ein Sinnbild der Unrechttuenden, die Unversehrbarkeit des Brennenden ein Zeichen, dass die Unrechtleidenden von ihren Angreifern nicht würden vernichtet werden, sondern dass diesen ihr Angriff als unwirksam und unnütz und jenen die feindliche Absicht als unschädlich sich erweise, der Engel aber zeugte von der Fürsorge Gottes, der das Furchtbare wider aller Erwarten ganz geräuschlos mildert. 68 (13.) Betrachten wir nun das Gleichnis genau: der Dornbusch, [238] wie erwähnt, ein sehr schwaches, aber nicht stachelloses Gewächs, sodass er, wenn man ihn auch nur anrührt, verwundet, wurde durch das von Natur zehrende Feuer nicht verzehrt, sondern im Gegenteil von ihm geschützt und behielt sein ursprüngliches Wesen wie vor dem Brennen ohne jegliche Schädigung, ja er gewann sogar noch einen Glanz hinzu. 69 Alles dies ist gewissermassen eine Anspielung auf [p. 92 M.] die damalige Lage[19] des Volkes, die den Unglücklichen förmlich mit lauter Stimme sagte: „Lasset den Mut nicht sinken; die Schwäche ist eure Kraft, die mit ihrem Stachel Zahllose verwunden wird. Von denen, die euren Stamm zu vernichten trachten, werdet ihr gegen ihren Willen gerettet und nicht vernichtet werden; durch die Leiden werdet ihr nicht geschädigt werden, sondern gerade, wenn man glauben wird euch zu vertilgen, werdet ihr erst recht im Ruhmesglanze ·erstrahlen“. 70 Andrerseits war das Feuer, das Verderben wirkende Element, eine Zurechtweisung der Hartherzigen: „Ueberhebet euch nicht ob eurer eigenen Stärke; nehmet Vernunft an, wenn ihr sehet, wie die unüberwindlichen Kräfte hier vernichtet werden; während die zündende Kraft der Flamme wie Holz entzündet wird, hat das von Natur brennbare Holz sichtlich zündende Kraft wie ein Feuer“.

71 (14.) Nachdem die Gottheit dies staunenswerte Wunder dem Moses gezeigt, die deutlichste Mahnung für die bevorstehenden Ereignisse, beginnt sie ihn auch durch Offenbarungen zur Uebernahme der Sorge für das Volk anzuspornen, denn er werde nicht nur der Schöpfer seiner Freiheit, sondern auch Führer der in kurzem von dort anzutretenden Wanderung sein, und verspricht ihm ihren Beistand in allem. 72 „Seit langer Zeit misshandelt und unerträglichen Hochmut erduldend, ohne dass irgend ein Mensch ihr Unglück zu erleichtern sucht oder auch nur Mitleid zeigt, haben sie mein Erbarmen erregt“, spricht Gott, „denn <ich weiss>, dass sie, jeder für sich und alle gemeinsam, unter flehentlichen Gebeten auf meine Hilfe hoffen. Und ich bin ein gütiges Wesen und aufrichtigen Schutzflehenden gnädig. 73 Gehe denn zu dem Könige des Landes; du brauchst [239] dich durchaus nicht zu fürchten; denn der frühere (König), vor dem du aus Furcht vor Feindseligkeit geflohen bist, ist tot, und ein anderer ist mit der Herrschaft betraut, der dir wegen keiner deiner Handlungen Hass nachträgt. Nimm den Rat der Volksältesten mit dir und melde (dem Könige), das Volk sei von mir durch einen Gottesspruch berufen, dass es nach väterlichem Brauche ein Opfer darbringe und dazu drei Tagereisen jenseits der Grenzen des Landes hinausziehe“. 74 Aber Moses wusste sehr wohl, dass seine Stammesgenossen wie auch alle andern seiner Rede keinen Glauben schenken würden, er sagt daher; „Wenn sie nun fragen, wie der Name dessen sei, der mich gesandt, werde ich nicht als ein Betrüger erscheinen, wenn ich selber ihn nicht zu nennen weiss?“ 75  Und Gott erwiderte: „Zuerst sage ihnen, dass ich der Seiende bin, damit sie, über den Unterschied zwischen dem Seienden und dem Nichtseienden belehrt, auch die Lehre vernehmen, dass es für mich, dem allein das Sein zukommt, überhaupt keinen mein Wesen treffenden Namen gibt. 76 Wenn sie aber in ihrer zu schwachen Fassungskraft eine Benennung verlangen, so künde ihnen nicht nur dies, dass ich [p. 93 M.] Gott bin, sondern auch dass ich der Gott der drei Männer bin, die die Tugend bedeuten, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, von denen der erste der Richtstab für die Weisheit durch Belehrung, der zweite der für die Weisheit durch natürliche Begabung, der dritte der für die Weisheit durch praktische Uebung (Askese) ist[20]. Sollten sie aber noch immer ungläubig sein, so werden sie, durch drei Zeichen belehrt, die bisher ein Mensch weder gesehen hat noch vom Hörensagen kennt, ihren Sinn andern“. 77 Die Zeichen waren folgende (2 Mos. c. 4). Den Stab in seiner Hand heisst ihn Gott auf den Boden werfen, und der Stab gewinnt sofort Leben, bewegt sich kriechend und wird zu einer überaus grossen, vollkommen ausgebildeten Schlange, dem königlichsten unter den Kriechtieren. Vor dem Tiere schnell zurücktretend und furchtsam schon zur Flucht sich wendend, wird [240] er zurückgerufen, und auf Befehl Gottes, der ihm zugleich Mut einflösst, erfasst er es am Schwanze. 78 Noch sich ringelnd richtet es sich bei der Berührung auf, streckt sich seiner ganzen Länge nach und verwandelt sich sofort in denselben Stab, so dass Moses beide Verwandlungen bewunderte, aber nicht entscheiden konnte, welche von beiden die wunderbarere war; so war seine Seele von beiden Erscheinungen, die (an Wunderbarkeit) sich die Wage hielten, betroffen. 79 Dies war das erste Wunder, und das zweite ereignete sich gleich darauf. Die eine Hand heisst ihn Gott im Busen bergen und bald darauf wieder hervorziehen. Als er den Befehl ausführte, erschien die Hand plötzlich weisser als Schnee. Und als er sie in den Busen zurücksteckte und wieder herauszog, nahm sie das ursprüngliche Aussehen wieder an und erhielt die frühere Farbe wieder. 80 In diesen nun wurde er von Person zu Person unterrichtet, wie bei einem Lehrer sein Jünger, im Besitz der Werkzeuge für die Wunder, nämlich der Hand und des Stabes, mit denen er für den Weg ausgerüstet war. 81 Ein drittes aber mitzunehmen oder auch nur vorher darin unterwiesen zu werden war nicht möglich; trotzdem sollte es nicht minder in Staunen setzen, wenn es auch erst in Aegypten ausgeführt werden sollte; es bestand aber in folgendem: „Das Flusswasser, soviel du davon schöpfen und auf die Erde giessen wirst, wird“, sagt er, „ganz rotes Blut werden und ausser der Farbe auch seine Natur völlig verändern“. 82 Glaublich erschien natürlich auch dies, nicht nur wegen der Untrüglichkeit des Redenden, sondern auch wegen der eben vorher gezeigten Wundertaten an der Hand und dem Stabe. 83 Aber obwohl er alles glaubte, lehnte er doch die Wahl ab und sagte, er habe eine schwache Stimme und langsame Zunge und sei nicht redegewandt, besonders seitdem er Gott reden gehört[21]. Die menschliche Redegabe sei, so meinte er, Stummheit im Vergleich mit der göttlichen; zudem von Natur schüchtern, wich [241] [p. 94 M.] er vor der übergewaltigen Aufgabe zurück in der Ueberzeugung, dass das allzugrosse Werk nicht seinen Fähigkeiten entspreche, und riet einen andern zu wählen, der alles ihm Aufgetragene leicht auszurichten imstande sein würde. 84 Gott aber, der ob seiner Bescheidenheit Gefallen an ihm gefunden, sagte; „Kennst du den nicht, der dem Menschen den Mund gegeben, der ihm Zunge und Luftröhre und die ganze Einrichtung der Sprachorgane geschaffen? Ich bin es, daher fürchte nichts, denn durch meine Huld werden alle Laute zu deutlicher Sprache werden und in ebenmässige Rede sich verwandeln, sodass ohne jedes Hindernis fortan schnell und glatt aus reiner Quelle der Strom deiner Worte fliessen wird. Sollte aber ein Dolmetsch nötig werden, so wirst du an deinem Bruder einen helfenden Mund haben, damit er der Menge deine Worte künde, wie du ihm die göttlichen“.

85 (15.) Als er dies hörte, brach er endlich auf – bei der Weigerung zu verharren wäre doch nicht ungefährlich gewesen – und begab sich mit seinem Weibe und seinen Kindern auf den Weg nach Aegypten. Als ihm hier sein Bruder begegnete, teilte er ihm die göttlichen Aussprüche mit und überredete ihn, ihm zu folgen. Diesem war aber durch Gottes Fürsorge die Seele schon vorher willfährig gemacht worden, so dass er ohne Zaudern zusagte und bereitwillig folgte. So kamen sie eines Sinnes und eines Herzens nach Aegypten. 86 Sie versammeln zuerst insgeheim die Aeltesten ihres Volkes und melden ihnen die göttlichen Offenbarungen, dass Gott voll Mitleid und Erbarmen für sie Freiheit und Verpflanzung von dort in ein besseres Land ihnen verheisse und selbst ihr Führer auf diesem Wege zu sein verspreche. 87 Darauf fassen sie Mut auch zu einer Unterredung mit dem Könige, dass er das Volk zu einem Opfer aus den Grenzen seines Landes entsende; denn ihre väterlichen Opfer müssten, so sprachen sie, in einsamer Gegend dargebracht weiden, da sie nicht so wie die der anderen Menschen verrichtet würden, sondern in einer Weise und nach einem Brauche, der infolge der besonderen Eigentümlichkeit ihrer Sitten sich [242] der Oeffentlichkeit entziehe[22]. 88 Aber der König, dessen Seele schon von Kindheit auf von dem Hochmut seiner Väter beherrscht war und der überhaupt an keinen geistigen Gott ausserhalb der sichtbaren Welt glaubte, gibt die höhnische Antwort: „Wer ist es, dem ich gehorchen soll? Ich kenne diesen sogenannten neuen Herrn nicht; ich lasse das Volk nicht ziehen, dass es unter dem Vorwande eines Festes und Opfers sich seiner Zügel entledige“ (2 Mos. 5,2). 89 In seiner harten, jähzornigen, unerbittlichen Sinnesart gibt er darauf den Befehl, die Aufseher über die Arbeiten zu züchtigen, weil sie ihnen Erholung und Musse gewährt hätten; denn, so sagte er, nur Erholung und Müssiggang habe sie auf den Gedanken an Opfer und Feste gebracht; wer unter Zwang lebe, der komme gar nicht auf solche Gedanken, vielmehr nur Leute, deren Leben in grossem Behagen und in Schwelgerei verlaufe. 90 Da sie nun noch schlimmeres Missgeschick als vorher erleiden mussten und Moses und seinen Begleitern[23], als waren sie Betrüger, zürnten und sie teils im stillen teils [p. 95 M.] offen schmähten und der Gottlosigkeit anklagten, weil sie in lügenhafter Weise die Gottheit missbraucht zu haben schienen, beginnt Moses die Wunder zu zeigen, die ihm gelehrt worden waren, in der Hoffnung, sie würden bei ihrem Anblick von dem sie beherrschenden Unglauben zum Glauben an seine Worte sich bekehren. Die Aufzeigung der Wunder erfolgte dann auch eiligst vor dem Könige und vor den Vornehmen der Aegypter. 91 (16.) Als alle Würdenträger im Königsschloss versammelt waren, nimmt Moses’ Bruder den Stab, schwingt ihn weithin sichtbar und schleudert ihn zur Erde. Da wird er sofort zur Schlange, und wie die Umstehenden das sahen, traten sie voll Staunen und vor Furcht zurück und wollten fliehen. 92 Aber die Weisen und Magier alle, die anwesend waren, sagten: „Was erschreckt ihr? Auch wir sind in solchen Künsten nicht ungeübt, sondern besitzen eine Kunst, die Gleiches schafft“. Als sie darauf [243] jeder seinen Stab hinwarfen, da erschien eine Menge von Schlangen, und sie wanden sich um die eine erste Schlange. 93 Da erhebt sich diese, die andern weit überragend, in die Höhe, bläht die Brust auf, öffnet das Maul und zieht sie unter der gewaltigen Kraft eines Atemzuges wie ein Zugnetz mit Fischen alle ringsum an sich, verschlingt sie und nimmt dann wieder die frühere Gestalt des Stabes an. 94 Alsbald nun widerlegte in der Seele jedes einzelnen der Uebelgesinnten der Anblick dieses Wunders den Argwohn, und sie glaubten nicht mehr, dass das Geschehene Menschenlist und Menschenkunst sei, zur Täuschung ersonnen, sondern sahen darin das Wirken einer mehr göttlichen Macht, der alles zu vollbringen ein Leichtes sei. 95 Aber obwohl durch die greifbare Deutlichkeit des Ereignisses zu diesem Bekenntnis gezwungen, beharrten sie nichtsdestoweniger bei ihrem Hochmut und hielten an derselben Unmenschlichkeit und Gottlosigkeit wie an einem unverlierbaren Gut fest, ohne Mitleid mit den ungerechter Weise Geknechteten und ohne den Willen, das in Worten ihnen Befohlene zu tun. Daher bedurfte es nunmehr, da ja die Gottheit ihnen durch deutlichere Kundgebungen als durch Orakelsprüche, nämlich durch Zeichen und Wunder, ihren Willen bereits offenbart hatte, eines wuchtigeren Schreckmittels und einer Menge von Plagen, durch die die Unvernünftigen, die das Wort nicht belehrt hatte, zur Vernunft gebracht wurden.

96 Zehn Strafen werden nun über das Land gebracht, gegen die vollendeten Sünder Züchtigung in einer Zahl, die die Vollendung bezeichnet[24]. Die Züchtigung aber war von den sonst gewöhnlichen Strafen verschieden. (17.) Die Elemente des Alls nämlich, Erde, Wasser, Luft und Feuer, wenden [p. 96 M.] sich gegen sie; denn Gott erkannte es für recht, (durch dieselben Elemente), durch die das Weltall in seiner Vollendung geschaffen wurde, das Land der Frevler zu vernichten, um die Macht der Herrschaft zu zeigen, die er besitzt; denn denselben Mitteln gibt er in heilsamer Weise Form und Gestalt bei der Schöpfung des Alls und verwandelt sie, so oft [244] er will, zum Verderben für die Frevler. 97 Er verteilt aber die Plagen in folgender Weise[25]: drei aus den gröberen Elementen[26], Erde und Wasser, aus denen die körperlichen Qualitäten geschaffen waren, überweist er Moses’ Bruder; ebensoviele aus den Beseelung erzeugenden Elementen, der Luft und dem Feuer, dem Moses allein; eine, die siebente, trägt er beiden gemeinsam auf, und die drei übrigen, die die Zehnzahl vollmachen, behält er sich selbst vor. 98 Den Anfang macht er mit den aus dem Wasser kommenden Plagen (2 Mos. 7,19). Da nämlich die Aegypter das Wasser ganz besonders in Ehren halten, weil nach ihrer Meinung dies der Ursprung der Entstehung des Alls ist, hielt er es für richtig, dies zuerst zur Züchtigung und Warnung seiner Verehrer aufzurufen[27]. 99 Was geschah nun in kurzer Zeit? Moses’ Bruder schlägt auf göttliches Geheiss mit seinem Stabe den Fluss, da verwandelt sich dieser sofort von Aethiopien bis zum Meere in Blut, und zugleich mit ihm füllen sich mit Blut Seen, Kanäle, Zisternen, Brunnen, Quellen, kurz aller Wasserbestand in Aegypten, so dass man aus Mangel an Trinkwasser in der Nähe der Ufer (nach Wasser) grub, die eröffneten Wasseradern aber wie beim Blutsturz springbrunnenähnlich Blutströme emporschleuderten, ohne dass irgend ein Tropfen klaren Wassers zu sehen war. 100 Es starben aber darin alle Arten von Fischen, denn die belebende Wirkung des Wassers hatte sich in eine Verderben bringende [245] gewandelt, und so war überall infolge der massenhaften Fäulnis sovieler Körper alles mit üblem Geruch angefüllt. Auch eine grosse Menge Menschen, die vor Durst umgekommen waren, lag übereinander gehäuft an den Kreuzwegen, da die Angehörigen nicht die Kraft hatten, die Toten zu Grabe zu tragen. 101 Denn sieben Tage lang herrschte die Plage, bis die Aegypter Moses und seine Begleiter und diese die Gottheit anflehten, sich der vom Untergang Bedrohten zu erbarmen. Und Gott in seiner Allgüte verwandelt das Blut wieder in trinkbares Wasser und gibt dem Fluss die früheren reinen und gesunden Fluten wieder. 102 (18.) Aber nachdem sie sich nur ein wenig erholt hatten, verfielen sie wieder in die alte Roheit und Frevelhaftigkeit, als wäre der Sinn für Recht überhaupt aus der Menschheit geschwunden oder als ob die, die eine Strafe überstanden hätten, nicht ein zweites Mal gestraft zu werden pflegten. Aber wie unvernünftige Kinder mussten sie durch Leiden lernen, nicht hochmütig zu sein. Denn die Strafe, die auf dem Fusse folgte, kam zwar langsam, so lange sie zauderten; als sie aber zu ihren Ungerechtigkeiten eilten, erreichte sie sie eilends (2 Mos. 8,1 ff.). 103 Wiederum [p. 97 M.] nämlich hält Moses’ Bruder auf dessen Geheiss über Kanäle, Seen und Sümpfe seinen Stab ausgestreckt, und auf dieses Zeichen kriecht eine so grosse Menge von Fröschen hervor, dass damit nicht nur Märkte und alle freien Plätze, sondern ausserdem auch Höfe, Häuser, Tempel, jeder private und öffentliche Raum angefüllt waren, als ob die Natur eine Gattung der Wassertiere zur Uebersiedlung auf das Land, das entgegengesetzte Element, auszusenden beabsichtigt hätte; denn der Gegensatz von Wasser ist festes Land. 104 So waren die Aegypter in äusserst schlimmer Lage und in voller Verzweiflung, denn sie vermochten weder auf die Strasse zu gehen, weil die Gassen von den Tieren besetzt waren, noch im Hause zu bleiben, denn selbst die versteckten Winkel hatten sie besetzt, da sie bis in die höchsten Stellen emporkrochen. 105 Nun nehmen sie wiederum zu denselben Männern ihre Zuflucht, und der König verspricht den Hebräern die Erlaubnis zum Auszuge. Und jene flehen in Gebeten um die Gnade Gottes. Er erhört sie, und von den Kröten entweichen [246] die einen in den Fluss, die andern, die sofort umkamen, lagen in Massen auf allen Gassen, wohin man auch aus den Häusern haufenweise welche brachte wegen des unerträglichen Geruchs, der den toten Leibern und noch dazu solcher Tiere entstieg, die schon im Leben dem (menschlichen) Gefühl grossen Widerwillen einflössen. 106 (19.) Ein wenig aber von der Plage aufatmend, sammelten sie wie Ringer in den Wettkämpfen neue Kraft, um mit um so stärkerer Gewalt zu freveln, und eilten wieder zu der gewohnten Bosheit zurück, der eben überstandenen Leiden vergessend. 107 Nachdem nun Gott den Strafen aus dem Wasser Einhalt getan, brachte er die vom Lande über sie (2 Mos. 8,12ff.) und betraute mit der Vollstreckung denselben Mann (Aaron). Als dieser wieder dem Befehle gemäss mit seinem Stabe den Boden schlug, entströmte ihm ein Schwarm von Mücken[28] und bedeckte, wie eine Wolke sich ausbreitend, ganz Aegypten. 108 Das Tier aber ist, obwohl sehr klein, doch sehr lästig; denn es verletzt nicht nur die äussere Haut durch unangenehmes und sehr schädliches Jucken, sondern dringt auch durch Nase und Ohren in das Innere ein; es verletzt auch ins Auge fliegend den Augapfel, wenn man sich nicht in acht nimmt; wie aber hätte man sich gegen einen so grossen Schwarm schützen können, besonders da er als Gottes Strafe erschien? 109 Man könnte vielleicht die Frage aufwerfen: weshalb strafte er das Land durch die so unscheinbaren und verachteten Geschöpfe und nicht vielmehr durch Bären, Löwen und Panther und andere Arten der wilden Tiere, die Menschenfleisch angreifen, oder wenigstens doch durch die in Aegypten einheimischen Nattern, deren Biss sofort unfehlbar tödlich wirkt? 110 Wer das wirklich nicht weiss, der lerne folgendes: erstens wollte Gott die Bewohner des Landes mehr warnen als verderben; denn hätte er sie völlig vernichten wollen, so hätte er nicht [p. 98 M.] Tiere gewissermassen als Helfer für seine Strafen gebraucht, [247] sondern die sonst von Gott verhängten Uebel, den Hunger und die Pest. 111 Ausserdem möge er noch folgende Lehre sich merken, die für das ganze Leben notwendig ist. Welche aber ist dies? Wenn Menschen Krieg führen, suchen sie zur Bundesgenossenschaft die tüchtigsten Hilfskräfte aus, um dadurch der eigenen Schwäche abzuhelfen. Gott aber, die oberste und grösste Macht, braucht nichts; will er aber einmal, so zu sagen, Werkzeuge für seine Strafen gebrauchen, so wählt er nicht die stärksten und grössten, um deren Stärke er sich nicht im geringsten kümmert, sondern verleiht den unbedeutenden und kleinen unüberwindliche und unwiderstehliche Kraft und bestraft durch sie die Frevler. So auch in diesem Falle. 112 Denn was ist unbedeutender als eine Mücke? Und doch war sie so stark, dass ganz Aegypten in Verzweiflung geriet und zu dem Ausruf gezwungen wurde: „das ist der Finger Gottes“ (2 Mos. 8,15); die Hand Gottes nämlich könne auch die gesamte bewohnte Erde von einem Ende bis zum andern, ja noch mehr, auch das ganze Weltall nicht ertragen[29].

113 (20.) Solcher Art waren die Strafen durch die Hand von Moses’ Bruder. Welche Strafen aber Moses selbst vollzog und aus welchen Teilen der Natur sie hervorgingen, das wollen wir jetzt unserer Aufgabe gemäss betrachten. Luft und Himmel, die reinsten Bestandteile des Weltenstoffes, übernehmen nun nach dem Wasser und nach der Erde die Aufgabe Aegypten zu warnen, und zum Vollstrecker dieser Strafen wurde Moses erkoren. 114 Zuerst begann er die Luft in Bewegung zu setzen. Aegypten nämlich ist neben den Ländern des südlichen Erdstrichs fast das einzige, das von den Jahreszeiten nur den Winter nicht kennt, vielleicht, wie man meint, weil es nicht weit von der heissen Zone entfernt ist, von welcher unmerklich ausströmend das feurige Element die ganze Umgebung erwärmt, vielleicht auch weil zur Zeit der Sommersonnenwende durch seinen Wasserreichtum [248] der Fluss die Bewölkung zuvor aufsaugt – 115 er beginnt nämlich im Anfang des Sommers zu steigen und hört erst mit dessen Ende auf, zu einer Zeit, in welcher auch die Passatwinde den Nilmündungen entgegenstürmen, und durch sie an der Mündung ins Meer verhindert, weil unter der Gewalt der Winde das Meer sich hoch emporhebt und seine Brandung gleich einer langen Mauer über eine weite Strecke ausdehnt, fliesst der Fluss in Windungen ins Binnenland, und wenn dann die Gewässer des Stromes aufeinander treffen – nämlich das obere, das von den Quellen herabkommt, und das andere, das ins Meer hinausströmen sollte, aber infolge des Hemmnisses zurückströmt – und in der Breite sich nicht ausdehnen können, (denn die hohen Ufer auf beiden Seiten pressen sie), so hebt sich naturgemäss das Wasser und schwillt an[30] –, 116 vielleicht aber auch, weil ein Winter in Aegypten sogar überflüssig wäre; denn wozu sonst die Regengüsse nützlich sind, das leistet schon der Fluss, da er die Saatfelder für die Erzeugung der alljährlichen Früchte bewässert. 117 Die Natur aber leistet nicht unnütze Arbeit, sodass sie Regen einem Lande liefern sollte, das seiner nicht bedarf, und hat andrerseits ihre Freude an [p. 99 M.] der Mannigfaltigkeit und Abwechslung ihrer kunstreichen Werke, indem sie die Harmonie des Alls aus Gegensätzen passend herstellt; und deshalb gewährt sie den einen von oben aus dem Himmel, den andern von unten aus Quellen und Flüssen den Nutzen des Wassers. 118 Bei dieser Beschaffenheit des Landes, das selbst zur Zeit der Wintersonnenwende Frühling hat, da das Küstenland nur durch einzelne schwache Tröpfchen befeuchtet wird, während der Strich oberhalb Memphis, der Königsresidenz von Aegypten, überhaupt keinen Regen kennt, nahm plötzlich die Luft eine ganz neue Natur an dergestalt, dass alles, was in Gegenden mit hartem Winter vorkommt, in Menge hereinbrach (2 Mos. 9,22 ff.): Regengüsse, dichter und schwerer Hagel[31], gewaltige gegeneinander [249] prallende und peitschende Stürme, Wolkenbrüche, Blitz und Donner in rascher Aufeinanderfolge, unaufhörliche Gewitter, die einen wunderbaren Anblick boten; denn obwohl sie mitten durch den Hagel stürmten, der doch durch seine Beschaffenheit ihnen feindlich ist, brachten sie diesen weder zum Schmelzen noch erloschen sie selbst, sondern blieben in gleicher Stärke, fuhren auf und nieder und liessen den Hagel unversehrt. 119 Aber nicht nur das ungeheuer mächtige Hereinfluten aller dieser Dinge versetzte die Bewohner in masslose Mutlosigkeit, sondern auch das Ungewöhnliche der Erscheinung; denn sie sagten sich, was auch wirklich der Fall war, dass die unerhörten Ereignisse eine Folge göttlichen Zornes seien, da die Luft wie noch nie zuvor zum Verderben und zur Vernichtung von Bäumen und Früchten sich verändert habe, mit denen zugleich nicht wenige Lebewesen umkamen, teils durch Erfrieren, teils durch die Wucht des niederfallenden Hagels wie von Steinwürfen getötet, teils vom Feuer der Blitze verzehrt; einige aber blieben halbversengt am Leben und trugen die Eindrücke der Blitzschäden an ihrem Leibe zur Warnung für die, die sie sahen. 120 (21.) Als aber das Uebel nachliess und der König und seine Umgebung wieder Mut gewannen, streckte Moses auf Gottes Geheiss seinen Stab in die Luft (2 Mos. 10,12ff.). Da fährt ein Wind daher, ein gewaltiger Süd[32], den ganzen Tag und die Nacht hindurch an Ausdehnung und Stärke zunehmend, schon an sich eine grosse Strafe; denn er ist trocken, erzeugt Kopfschmerz, schadet dem Gehör, ist geeignet Missbehagen und Angstgefühl hervorzurufen, zumal in Aegypten, das in südlicher Gegend liegt, in der der Umschwung der lichtspendenden Sterne sich vollzieht, sodass durch ihre Bewegung zugleich die Sonnenglut mit herangetrieben wird und alles verbrennt. 121 Aber zugleich mit dem Südwind wurde [250] auch eine unermessliche Menge von Tieren dahergetrieben, die den Pflanzenwuchs vernichtete, Heuschrecken, die wie ein Strom unaufhörlich sich ergiessend und die ganze Luft erfüllend auffrassen, was die Blitzschläge und der Hagel übrig gelassen hatten, sodass man in dem so grossen Lande [p. 100 M.] keinerlei Gewächs mehr spriessen sah. 122 Jetzt kamen allmählich die Hofleute zu klarster Erkenntnis des eigenen Unglücks, sie gingen zum Könige und sprachen: „Wie lange willst du noch den Männern den Auszug nicht gestatten? Erkennst du aus diesen Vorgängen noch nicht, dass Aegypten verloren ist“ (2 Mos.10,7)? Der König gab anscheinend nach und versprach die Erlaubnis zu geben, wenn die Plage nachlassen würde. Wiederum betete Moses und ein vom Meere herkommender Wind[33] erfasste die Heuschrecken und zerstreute sie. 123 Wie sie aber zerstreut waren und der König sich wegen der Entlassung des Volkes fast zu Tode ärgerte, da kommt eine noch schlimmere Plage als die früheren (2 Mos, 10,2 ff.). Am hellen Tage bricht plötzlich Finsternis herein, vielleicht weil eine Sonnenfinsternis von ungewöhnlicher Vollständigkeit eingetreten war, vielleicht auch weil durch die Konzentration der Wolkenzüge und ihre ununterbrochene Dichtigkeit und ihr gewaltiges Zusammendrängen das Ausströmen der Sonnenstrahlen so gehemmt wurde, dass Tag von Nacht nicht zu unterscheiden war und man nichts anderes dachte, als dass es eine einzige so lange Nacht war, dass sie drei Tagen und ebensoviel Nächten glich. 124 Da hätten, so wird erzählt, die einen, auf ihr Lager hingestreckt, nicht gewagt sich zu erheben, andere schritten, wenn ein natürliches Bedürfnis sie trieb, an den Wänden oder an anderen Gegenständen wie Blinde tastend mühsam vorwärts; denn auch das Licht des im Hausgebrauch angewendeten Feuers erlosch teils unter dem herrschenden Sturmwinde, teils wurde es durch die Tiefe der Finsternis in seiner Leuchtkraft gehemmt und blieb unsichtbar, sodass der unentbehrlichste Sinn, das Gesicht, trotz völliger Gesundheit gelähmt war, da er nichts sehen konnte, und auch die anderen Sinne [251] wie Diener nach dem Falle ihres Herrn zur Flucht gezwungen waren. 125 Weder zu sprechen noch zu hören noch auch nur Nahrung zu sich zu nehmen wagte man, sondern schweigend und hungernd quälte man sich, ohne ein einziges der Sinneswerkzeuge zu gebrauchen, völlig von dem Leiden überwältigt, bis wieder Moses mitleidig Gott anfleht. Und Gott schafft Licht anstatt Finsternis und Tag anstatt Nacht und wolkenlosen Himmel.

126 (22.) Solcher Art waren, wie erzählt wird, die Plagen durch die Hand des Moses allein: die Plage durch Hagel und Blitzschlag, die Heuschreckenplage und die Finsternis, die keine Art von Licht aufkommen liess. Nun wurden sie, er und sein Bruder gemeinsam, mit einer Plage beauftragt, die ich sogleich schildern will, (2 Mos. 9,8). 127 Auf Gottes Geheiss nehmen sie Asche vom Ofen in die Hände, und Moses streute sie in kleinen Häufchen in die Luft. Da erhob sich plötzlich eine Staubwolke und erzeugte bei Menschen und vernunftlosen Tieren eine bösartige und schmerzhafte Eiterung [p. 101 M.] auf der ganzen Haut; der Körper schwoll sofort durch Entzündung mit eiternden Blasen an, die man für Brandwunden, durch unsichtbares Feuer hervorgerufen, halten mochte. 128 Von Schmerzen und grossen Qualen, wie natürlich, infolge der Eiterung und des Brennens geplagt, litten sie seelisch mehr noch oder nicht weniger als körperlich und wurden durch die Leiden ganz mürbe gemacht – denn vom Kopf bis zu den Füssen sah man eine einzige ununterbrochene Beule, da die über alle Körperteile zerstreuten Wunden die Gestalt einer einzigen bekamen –, bis wiederum durch Gebete, die der Gesetzgeber für die Leidenden verrichtete, die Krankheit gehoben wurde. 129 Gemeinsam aber waren sie mit dieser Warnungsplage betraut worden, wie es sich gehörte: der Bruder mit Rücksicht auf die sich erhebende Staubwolke, da ihm die Ausführung der von der Erde herrührenden Plagen zugefallen war, Moses mit Rücksicht auf die Luft, die zur Qual für die Bewohner ihre Natur veränderte, denn die aus der Luft und dem Himmel gesandten Plagen waren seine Aufgabe.

130 (23.) Es bleiben noch drei Strafen, die ohne menschliche Dienstleistung von selbst über sie kamen. Ich will sie [252] einzeln nacheinander, so gut ich kann, mitteilen. Die erste (2 Mos. 8,20) kam in Gestalt des frechsten von allen Geschöpfen in der Natur, der Hundsfliege, deren Namen die Erfinder der Namen in ihrer Weisheit treffend aus den Benennungen für die schamlosesten Tiere, die Fliege und den Hund, das frechste der Landtiere und ebenso der Flugtiere, zusammengesetzt haben; denn beide fallen mit furchtlosem Ungestüm über ihre Opfer her, und wenn man sie abzuwehren sucht, kämpfen sie mit unbezwinglicher Wut, bis sie sich an Blut und Fleisch gesättigt haben. 131 Die Hundsfliege nun, die die Frechheit beider Tiere in sich vereint, ist ein bissiges, tückisches Tier; denn aus der Ferne schiesst sie einem Geschosse gleich schwirrend heran, fällt einen mit grosser Heftigkeit an und krallt sich fest. 132 Diesmal aber war ihr Ueberfall noch dazu von Gott verhängt, sodass ihre Feindseligkeit eine doppelte Stärke hatte, denn ihr kam jetzt nicht nur ihre natürliche Ueberlegenheit, sondern auch die göttliche Vorsehung zustatten, die das Tier wappnete und zu kräftigem Kampfe gegen die Bewohner des Landes antrieb. 133 Nach der Hundsfliege folgte wiederum ohne menschliche Mitwirkung eine Strafe, das Sterben des Viehes (2 Mos. 9,3ff.). Grosse Rinder-, Ziegen- und Schafherden und alle Arten von Zugvieh und anderen Tieren wurden wie auf Verabredung an einem Tage haufenweise vernichtet und kündeten so den Untergang von Menschen an, der bald nachher erfolgen [p. 102 M.] sollte, wie es bei seuchenartigen Krankheiten der Fall zu sein pflegt; denn, wie man sagt, ist gewissermassen ein Vorspiel für pestartige Erkrankungen das plötzliche Sterben der vernunftlosen Tiere.

134 (24.) Nach dieser kam die zehnte und letzte Strafe, die alle früheren übertraf, das Sterben der Aegypter (2 Mos. 12,29 ff.), aber nicht aller – denn Gott wollte das Land nicht entvölkern, sondern nur verwarnen –, auch nicht der meisten Männer und Weiber jeglichen Alters zugleich, sondern die übrigen lässt er am Leben und verhängt den Tod nur über die Erstgeborenen, mit dem ältesten der Kinder des Königs anfangend und aufhörend [253] bei dem der niedrigsten Müllerin[34]. 135 Um Mitternacht nämlich wurden die, welche zuerst ihren Eltern den Namen „Vater“ und „Mutter“ zugerufen hatten und von ihnen wiederum zuerst als Söhne angesprochen worden waren, in voller Gesundheit und Körperkraft alle ohne jeden äusseren Anlass im jugendlichen Alter plötzlich dahingerafft, und kein Haus blieb damals, so wird erzählt, von diesem Unglück verschont. 136 Bei Tagesanbruch, als alle ihre Lieblinge, mit denen sie noch bis zum Abend zusammen gelebt und zusammen gespeist hatten, unerwarteter Weise tot sahen, wurden sie begreiflicherweise von tiefem Weh ergriffen und erfüllten alles mit Wehklagen, sodass infolge des gemeinsamen Leides alle insgesamt einmütiges Wehgeschrei erhoben und eine einzige Klage im ganzen Lande von einem Ende zum andern erscholl. 137 So lange nun ein jeder in seinem Hause weilte und keiner von dem Unglück des Nachbarn eine Ahnung hatte, bejammerte jeder nur das eigene Missgeschick; als sie aber hinaustraten und das Unglück der anderen erfuhren, da erfasste sie sofort doppeltes Weh, neben dem eigenen noch das gemeinsame, neben dem kleineren und leichteren ein grösseres und schwereres, da sie nun auch der Hoffnung auf trostreichen Zuspruch beraubt waren; denn wer hätte hier, selbst des Trostes bedürftig, den andern trösten sollen? 138 Wie es nun in solcher Lage zu geschehen pflegt, hielten sie das gegenwärtige Leid nur für den Anfang noch grösseren Unglücks und begannen den Untergang auch der noch Lebenden zu fürchten. Daher liefen sie unter heissen Tränen und mit zerrissenen Gewändern in den Königspalast und schalten den König laut als den Urheber alles furchtbaren Leids, das sie betroffen. 139 Denn hätte er, so sagten sie, sofort im Anfang auf Moses’ Aufforderung das Volk ziehen lassen, so wäre ihnen überhaupt nichts von dem, was geschehen, widerfahren; dadurch dass er seinem gewohnten Hochmut nachgegeben, hätten sie den Lohn für den übel angebrachten Eigensinn sofort erhalten. Darauf redeten sie einer dem andern zu, das Volk in aller Eile aus dem ganzen Lande [254] hinauszutreiben, denn sie hielten es schon für eine unheilbare Strafe, es auch nur einen Tag, ja auch nur eine Stunde länger zurückzuhalten. 140 (25.) Jene aber, obwohl [p. 103 M.] gejagt und zur Eile angetrieben, kamen zum Bewusstsein ihres eigenen Wertes und wagten eine Tat, die ihrem Gefühl der Befreiung und der lebhaften Erinnerung an das entsprach, was man ihnen ungerechterweise und mit List angetan hatte. 141 Viele Beute nämlich trugen sie davon (2 Mos. 12,35f.), die sie teils auf ihren eigenen Schultern mitnahmen, teils den Lasttieren aufluden, nicht aus Gewinnsucht oder, wie man wohl anklagend sagen könnte, aus Verlangen nach fremdem Gut, – weshalb auch? – sondern einmal als den durchaus angemessenen Lohn für die Dienste, die sie die ganze Zeit hindurch geleistet hatten, dann aber auch als kleinere, keineswegs gleichwertige Vergeltung dafür, dass sie geknechtet wurden; denn wo gilt Schaden an Hab und Gut gleich der Beraubung der Freiheit, für die vernünftige Menschen nicht nur ihr Vermögen preiszugeben, sondern auch den Tod zu erleiden entschlossen sind? 142 In beiden Fällen handelten sie richtig, mochten sie wie im Frieden von ihnen wider ihren Willen den Lohn nehmen, dessen[35] sie lange Zeit beraubt worden waren, weil man ihn zu geben sich weigerte, oder wie im Kriege nach dem Rechte der Sieger das Eigentum ihrer Feinde zu plündern für angemessen halten; denn diese hatten mit der Gewalttätigkeit den Anfang gemacht, indem sie, wie ich vorhin gesagt, Fremde und Schutzflehende wie Kriegsgefangene knechteten, während sie selbst zu geeigneter Zeit ohne Aufgebot von Waffen sich nur wehrten, wobei der Gerechte (Gott) sie beschirmte und seine Hand über sie hielt.

143 (26.) Durch solche Plagen und Strafen also wurde Aegypten verwarnt; keine von ihnen traf die Hebräer, obwohl sie in denselben Städten, Dörfern und Wohnungen mit ihnen weilten, und obwohl Erde, Wasser, Luft, Feuer, die Elemente der Natur, der zu entrinnen unmöglich ist, die Plagen brachten; und das war eben das grösste Wunder, [255] dass von denselben Elementen an demselben Orte und in derselben Zeit die einen vernichtet wurden, während die anderen unversehrt blieben. 144 Der Fluss verwandelte sich in Blut, aber nicht für die Hebräer, denn so oft diese schöpfen wollten, verwandelte es sich wieder in Trinkwasser. Frösche krochen aus den Wassern auf das Festland und füllten Märkte und Gehöfte und Häuser, aber vor den Hebräern allein wichen sie zurück, als ob sie zu unterscheiden wüssten, wer bestraft werden sollte und wer nicht. 145 Nicht Mücken, nicht die Hundsfliege, nicht die Heuschrecke, die Gewächse und Früchte, Tiere und Menschen gar sehr schädigte, flogen gegen [p. 104 M.] sie. Nicht drang des Regens, des Hagels, der Blitze anhaltende Gewalt bis zu ihnen. Von den so schweren Leiden des Hautausschlags merkten sie nicht einmal im Traume etwas. Als dichteste Finsternis über die anderen hereinbrach, lebten sie in reinem Sonnenglanze, da ihnen das Tageslicht leuchtete. Als bei den Aegyptern die Erstgeborenen getötet wurden, starb von den Hebräern auch nicht einer; es war dies auch nicht zu erwarten, da auch das Sterben des zahllosen Viehes keine von ihren Herden mit ins Verderben gezogen hatte. 146 Ich glaube, wenn einer zufällig Zeuge der damaligen Ereignisse war, er hätte die Hebräer nur für Zuschauer des Unglücks, das andere erlitten, gehalten, die dabei nicht nur <ungefährdet die göttliche Allmacht kennen lernten>[36], sondern auch über das schönste und nützlichste Wissen, nämlich über die Frömmigkeit, gründlich belehrt wurden; denn nie offenbarte sich das Gericht über die Guten und Bösen so deutlich, das den einen Verderben und den anderen Rettung brachte.

147 (27.) Als sie nun auszogen und die Wanderung antraten, war die Zahl der im Mannesalter Stehenden über 600,000 (2 Mos. 12,37 f.), der andere Haufen der Greise, Kinder und Weiber war nicht leicht zu zählen; aber auch eine Menge gemischten und zusammengelaufenen Volks und Dienerschaft zog mit ihnen aus, gewissermassen Bastarde mit Vollbürtigen. Es waren dies Kinder aus Ehen ägyptischer Frauen [256] mit Hebräern, die dem Geschlecht ihrer Väter zugeteilt waren, ferner solche, die aus Bewunderung für das gottgefällige Leben der Männer (d. h. der Hebräer) sich ihnen angeschlossen hatten, und manche auch, die durch die Grösse und Menge der rasch aufeinander folgenden Strafen gewarnt sich bekehrt hatten. 148 Zum Anführer für alle diese wurde Moses auserkoren, der die Herrschaft und Königswürde nicht wie manche von denen, die sich zur Regierung drängen, durch Waffen und Listen gewann und durch Heeresmannschaften zu Pferde, zu Fuss und auf Schiffen, sondern wegen seiner Tugend, seines Edelsinns und seines steten Wohlwollens gegen jedermann, und ausserdem weil Gott, der Tugend und Edelsinn liebt, ihm die wohl verdiente Ehre beschieden hatte. 149 Denn da er die Herrschaft Aegyptens, obwohl er Tochtersohn des damaligen Königs war, wegen der im Lande verübten Gewalttaten aufgab und aus Seelenadel, Hochsinn und angeborenem Hass gegen das Böse auf die Hoffnungen verzichtete, zu denen ihn die Stellung seiner Pflegeeltern berechtigte, beschloss der Herr und Sorger des Alls, ihm als Entgelt die Herrschaft über ein zahlreicheres und edleres Volk zu übertragen, das vor allen andern bevorzugt zum Priesterdienste bestimmt war, das für das Menschengeschlecht stets Gebete verrichten sollte, sowohl für die Abwendung von Uebeln als auch für den Genuss des Guten[37]. 150 Und als er die Herrschaft übernahm, war er nicht wie manche darauf bedacht, sein eigenes Haus zu fördern und seine Söhne – er hatte deren zwei – zu grosser Macht zu bringen, um sie in der Gegenwart zu seinen Mitherrschern und für später zu seinen Nachfolgern zu machen. Denn ohne Falsch und reinen Sinnes [p. 105 M.] in allem, im Kleinen wie im Grossen, überwand er die natürliche Liebe zu den Kindern wie ein guter Richter durch Unbestechlichkeit im Urteil. 151 Nur ein einziges unverrückbares Ziel hatte er sich gesteckt, den Beherrschten zu nützen und zu ihrem Nutzen alles in Wort und Tat zu unternehmen, ohne eine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, [257] die zum Gemeinwohl beitrug. 152 Er allein von allen, die je eine Herrschaft innehatten, häufte nicht Gold, nicht Silber auf, trieb nicht Abgaben ein, erwarb nicht Häuser, nicht Landgüter, nicht Vieh, nicht eine Dienerschar von Haussklaven, nicht Privateinkommen, keines der andern Mittel, die zu Wohlstand und Macht führen, obwohl er alles in Fülle haben konnte; 153 in der Ueberzeugung vielmehr, dass das Gefallen an materiellem Reichtum Armut der Seele ist, verachtete er diesen als einen blinden[38] und hielt dafür den hellsehenden des Geistes hoch und strebte nach ihm wie wohl kaum ein zweiter; in Kleidung, in Nahrung, in der sonstigen Lebensführung nicht anspruchsvoll um des Eindrucks grösserer Würde willen, war er auf Einfachheit und Genügsamkeit eines Privatmannes bedacht, auf wahrhaft königliche Pracht aber nur in den Dingen, in denen den anderen es zuvorzutun für ihn als Herrscher rühmlich war: 154 nämlich in Enthaltsamkeit, Standhaftigkeit, Besonnenheit, Scharfsinn, Einsicht, Wissen, Arbeitsamkeit, Widerstandsfähigkeit gegen Uebel, Gleichgiltigkeit gegen Vergnügungen, Gerechtigkeit, Ermunterung zum Guten, Tadel und gesetzmässiger Züchtigung für Sünder, Lob andrerseits und gesetzmässiger Auszeichnung für recht Handelnde. 155 (28.) Weil er also der Gewinnsucht und dem unter den Menschen sich aufblähenden Reichtum entsagt hat, ehrt ihn Gott dadurch, dass er ihm dafür den grössten und vollkommensten Reichtum gewährt; das ist aber der Reichtum der gesamten Erde und des Meeres und der Ströme und der anderen einfachen Elemente und zusammengesetzten Stoffe. Er würdigte ihn nämlich der Ehre, als Teilhaber seiner eigenen Macht zu erscheinen, und überliess ihm das ganze Weltall wie ein ihm als Erben gebührendes Besitztum. 156 Daher gehorchte ihm denn wie einem Herrn jedes der Elemente, indem es seine Natur änderte und sich seinen Anordnungen fügte. Und das ist vielleicht gar nicht zu verwundern, denn wenn nach dem Sprichwort „das Eigentum von Freunden ihnen gemeinsam gehört“[39], der Prophet aber ein Freund Gottes genannt wird (2 Mos. 33,11), so [258] muss er wohl folgerichtig auch an dessen Besitz teilhaben, soweit es ihm von Nutzen ist. 157 Während nämlich die Gottheit, der ja alles gehört, nichts braucht, besitzt der weise Mensch zwar im eigentlichen Sinne nichts, nicht einmal sich selbst, aber er hat an den wertvollen Gütern der Gottheit, soweit er dazu imstande ist, Anteil. Und ist das [p. 106 M.] nicht natürlich? Ist er doch ein Weltbürger und aus diesem Grunde keinem der Staaten der bewohnten Erde als Bürger angehörig, und dies mit Recht, da er nicht einen Teil eines Landes, sondern das gesamte Weltall als Erbteil erhielt. 158 Wie denn? Genoss er nicht die erhabenere Gemeinschaft mit dem Vater und Schöpfer des Alls und wurde er nicht der gleichen Benennung gewürdigt? Er wurde ja des ganzen Volkes Gott und König genannt, und es heisst von ihm, dass er in das Gewölk, wo die Gottheit weilte, eingetreten sei (2 Mos. 20,21), d. h. in die gestaltlose, unsichtbare, körperlose urbildliche Wesenheit der Dinge, wo er das für eine sterbliche Natur Unsichtbare wahrnahm. Und wie ein wohlausgeführtes Gemälde sich und sein Leben der Welt vorführend, hat er ein vollkommen schönes und gottähnliches Werk als ein Vorbild hingestellt für alle, die es nachahmen wollen. 159 Glücklich alle, die das Bild ihren Seelen eingeprägt oder einzuprägen sich bemüht haben; denn die Seele soll am liebsten das vollkommene Abbild der Tugend oder, wenn nicht dies, so doch wenigstens das unerschütterliche Verlangen nach Gewinnung dieses Bildes in sich tragen. 160 Aber auch das ist niemand unbekannt, dass die Geringen die Angesehenen nachahmen und ihre eigenen Bestrebungen darauf richten, wonach jene vornehmlich zu streben scheinen. Wenn nun ein Führer damit vorangeht, dass er den Genüssen frönt und üppiger Lebensweise sich hingibt, so lassen auch fast alle seine Untergebenen den Begierden des Bauches und den noch niedrigeren Lüsten über das Mass des Bedürfnisses hinaus die Zügel schiessen, es sei denn dass ab und zu einer sich einer glücklichen Natur erfreut durch den Besitz einer nicht tückischen, sondern gütigen und liebevollen Seele. 161 Hat jener aber ein ernsteres und edleres Ziel sich gewählt, so wenden auch die allzusehr der Selbstbeherrschung [259] Ermangelnden sich der Enthaltsamkeit zu, teils aus Furcht teils aus Achtung bestrebt die Vorstellung zu erwecken, dass sie das Gleiche anstreben; und niemals, auch nicht im Wahn, werden wohl die Niederen dem Tun der Höheren ihre Anerkennung versagen. 162 Vielleicht aber war er, da er auch zum Gesetzgeber bestimmt war, schon lange vorher in seiner Persönlichkeit als das mit Seele und Vernunft begabte Gesetz geschaffen worden[40] durch den Willen der göttlichen Vorsehung, die ihn, ohne dass er davon wusste, später zum Gesetzgeber ausersah.

163 (29.) Nachdem er also von ihnen durch freie Wahl unter der Leitung und Gutheissung Gottes die Herrschaft erhalten hatte, führte er die Auswanderer nach Phoenikien, Koelesyrien und Palästina, das damals das Chananäerland hiess, dessen Grenzen drei Tagereisen von Aegypten entfernt [p. 107 M.] waren. 164 Indessen führte er sie nicht den kürzesten Weg (2 Mos. 13,17), teils aus Besorgnis, sie könnten, falls die Bewohner aus Furcht vor Vertreibung und Unterjochung ihnen entgegenträten und ein Krieg entstände, wieder auf demselben Wege nach Aegypten umkehren, vor Feinden zu Feinden, vor neuen zu den alten, um so ein Spott und Hohn zu werden und noch Schlimmeres und Traurigeres als früher zu erdulden, teils auch in der Absicht, auf dem Wege durch eine weite Wüste ihre Willfährigkeit zu prüfen, wenn ihnen die Lebensmittel nicht in reichem Masse zuflössen, sondern allmählich zu mangeln anfingen. 165 Vom geraden Wege also abbiegend fand er eine Querstrasse, die, wie er glaubte, bis zum Roten Meere sich hinziehe, und begann auf dieser die Wanderung. Ein wunderbares Naturereignis, so wird erzählt, trug sich um jene Zeit zu, dessengleichen niemand seit alter Zeit sich erinnert, dass es je vorgekommen. 166 Eine Wolke, die die Gestalt einer sehr grossen Säule annahm, zog der Menge voran, am Tage sonnenartiges Licht, bei Nacht feuerartiges ausstrahlend, damit sie auf dem Wege sich nicht verirrten, sondern ihr als natürlicher Wegführerin folgen konnten (2 Mos.13,21f.). Vielleicht aber war es [260] auch einer der Diener des grossen Königs, ein unsichtbarer Engel, ein in die Wolke gehüllter Wegweiser, den mit leiblichen Augen zu sehen nicht erlaubt ist.

167 (30.) Der König von Aegypten aber sah sie bereits im Geiste ohne Weg und Steg durch eine rauhe und pfadlose Wüste wandern und freute sich über das Scheitern ihres Zuges, denn er glaubte, sie seien eingeschlossen und hätten keinen Ausweg; da es ihn reute, sie entlassen zu haben, unternahm er es, sie zu verfolgen, um entweder die Menge durch Furcht zur Umkehr zu bestimmen und sie wieder zu Sklaven zu machen oder sie zu töten, falls sie sich mannhaft der Unterjochung widersetzten. 168 Da nahm er seine ganze Reiterei, gab seinen Vornehmen Speerwerfer, Schleuderer, Bogenschützen zu Pferde und Leichtbewaffnete, soviel er hatte, und 600 Sichelwagen, seine schönsten, damit sie mit gebührendem Glanze ihm folgten und an dem Zuge teilnahmen. In höchster Schnelligkeit zog er gegen sie aus und eilte mit aller Macht, um sie plötzlich unversehens zu überfallen; denn das unerwartete Uebel ist immer um so schlimmer als das erwartete, je leichter das mit Lässigkeit Bewachte anzugreifen ist als das mit Sorgfalt Gehütete. 169 In dieser Absicht setzte er ihnen nach und hoffte, auf den ersten Angriff Sieger zu sein; sie aber hatten eben am Meeresgestade ihr Lager aufgeschlagen und waren im Begriff zu frühstücken, da erscholl zuerst grosses Getöse, da soviel Menschen und Zugtiere zusammen in Eile heranjagten; daher strömten sie in Masse aus den Zelten und stellten sich auf die Zehen, um sich umzuschauen und gespannt zu lauschen. Da sah [p. 108 M.] man bald darauf hoch oben auf einem Hügel das feindliche Heer in Waffen zur Schlacht geordnet. 170 (31.) Durch die unerwartete, plötzliche Erscheinung erschreckt und weder zur Abwehr genügend vorbereitet infolge des Mangels an Abwehrmitteln – waren sie ja nicht zum Kriege, sondern um sich anderswo anzusiedeln, ausgezogen – noch zu fliehen imstande – hinter ihnen Meer, Feinde vor ihnen, auf beiden Seiten tiefe, pfadlose Wüste –, in Unruhe und Verzweiflung ob des grossen Unglücks, beschuldigten sie, wie es in solchem Missgeschick zu geschehen pflegt, ihren Anführer [261] mit den Worten (2 Mos. 14,11): 171 „Hast du uns etwa deshalb fortgeführt, weil es in Aegypten keine Gräber gibt, wo unsere Leichen begraben werden könnten, um uns hier zu töten und zu bestatten? Oder ist nicht jede Knechtschaft ein leichteres Uebel als der Tod? Mit dem Köder der Hoffnung auf Freiheit die Menge lockend, hast du uns den schwereren Kampf um unser Leben aufgehalst. 172 Kanntest du nicht unsere Einfalt und der Aegypter Erbitterung und grimmigen Zorn? Siehst du die Grösse des unentrinnbaren Unglücks nicht? Was sollen wir tun? Sollen wir ohne Waffen mit wohlbewaffneten Feinden kämpfen? Oder sollen wir fliehen, wie von einem Netz umgeben von unbarmherzigen Feinden, von ungangbarer Oede, von unbefahrbaren Meeren? Und wenn diese auch befahrbar sind, wo haben wir Vorrat an Fahrzeugen zur Ueberfahrt“? 173 Als Moses diese Klagen hörte, verzieh er ihnen und gedachte der Weissagungen. Seine Gedanken und Worte nach zwei Richtungen teilend, wendete er sich in Gedanken unbemerkt an die Gottheit, dass sie Rettung aus hilfloser Not sende, und ermutigte und tröstete gleichzeitig mit seinem Worte die laut Scheltenden: „Lasset den Mut nicht sinken“, sprach er, „nicht wie der Mensch hilft Gott. 174 Warum traut ihr mit Vorliebe nur dem Wahrscheinlichen und Glaublichen? Keinerlei Zurüstung braucht der hilfreiche Gott. In der Unwegsamkeit einen Weg zu finden ist Gottes Sache. Was jedem geschaffenen Wesen unmöglich, ist ihm allein möglich und für ihn leicht ausführbar“. 175 Dies nun führte er noch in ruhigem Tone aus; nachdem er aber eine Weile innegehalten, gerät er in Begeisterung, von dem Geiste Gottes, der ihn zu überkommen pflegte, ergriffen, und verkündet folgende Weissagung: „Wie ihr jetzt das Heer wohlgerüstet sehet, werdet ihr es nicht mehr euch gegenüberstehen sehen; denn fallen wird es insgesamt in wilder Hast und in dem Abgrund verschwinden, sodass auch nicht ein Rest von ihnen über der Erde mehr zu sehen sein wird, und dies nicht in langer Frist, sondern schon in der folgenden Nacht“. (32.) 176 Also sprach er. Nach Sonnenuntergang aber begann sofort ein sehr starker Südwind loszubrechen, vor dem das Meer zurückwich; pflegte es [262] sonst zu ebben, so wurde es jetzt in noch höherem Grade am Gestade wie in eine Schlucht oder einen Strudel zurückgedrängt. [p. 109 M.] Kein Stern leuchtete, sondern dichtes, schwarzes Gewölk überzog den ganzen Himmel, finster war die Nacht zum Entsetzen der Verfolger. 177 Auf Gottes Geheiss schlägt Moses mit seinem Stabe das Meer, dies tritt gespalten auseinander, und von den zerschnittenen Teilen hebt sich der eine an dem Riss befindliche himmelan hoch empor und verharrt fest geballt wie eine Mauer in unbeweglicher Ruhe, der andere Teil aber, rückwärts getrieben und wie durch unsichtbare Zügel im Vorwärtsströmen gehemmt, bäumt sich auf, und die Mitte selbst, wo der Riss sich befindet, wird ausgetrocknet zu einem breiten Wege, zur Heerstrasse. Als Moses dies sah, staunte er und war hoch erfreut, und voller Freude ermutigte er die Seinen und forderte sie auf, so schnell sie könnten, aufzubrechen. 178 Wie sie nun im Begriffe waren hinüberzuziehen, da begab sich noch ein sehr grosses Wunder. Die den Weg zeigende Wolke, die sich bisher an der Spitze befand, wendet sich nach der Richtung des hinteren Teiles des Zuges, um den Nachtrab zu schützen, stellt sich als Grenzscheide zwischen Verfolger und Verfolgte und treibt diese, zu ihrer Rettung sicher sie lenkend, zum Vormarsch an, während sie die eilig Nachdrängenden hemmt und zurückstösst. Als die Aegypter dies sahen, erfüllten sie alles mit Lärm und Aufregung und brachten in ihrer Angst die eigenen Reihen in Verwirrung, indem sie übereinander fielen und nunmehr, wo es unnütz war, zu fliehen suchten. 179 Denn während die Hebräer am frühen Morgen mit Weibern und noch ganz jungen Kindern auf trockenem Pfade hinübergingen, überfluten die von beiden Seiten sich heranwälzenden und wieder vereinigten Meeresteile jene mitsamt ihren Wagen und Rossen; unter den Stürmen eines Nordwindes nämlich ergoss sich die zurückströmende Flut über sie und eilte in hohen Wogen heran, sodass auch nicht ein Feuerträger[41] übrig blieb, der von dem plötzlich hereingebrochenen [263] Ungemach nach Aegypten hätte Kunde bringen können. 180 Voller Staunen ob des grossen Wunders trugen so die Hebräer einen ungehofften Sieg ohne Blutvergiessen davon, und im Anblick des schnellen und gänzlichen Untergangs ihrer Feinde bildeten sie am Gestade aus Männern und Frauen zwei Chöre und sangen der Gottheit Danklieder; Moses stimmte den Gesang der Männer und seine Schwester den der Frauen an, sie waren Führer der Chöre.

181 (33.) Nachdem sie vom Meere aufgebrochen waren (2 Mos.15,22ff.), wanderten sie eine Zeitlang, ohne fortan vor den Feinden sich zu ängstigen. Als ihnen aber nach drei Tagen das Trinkwasser fehlte, waren sie vor Durst wieder in Verzweiflung und begannen von neuem ihr Los zu beklagen, als hätten sie keinerlei Gutes genossen. Immer nämlich raubt die Einwirkung des gegenwärtigen Uebels die Freude über das frühere Glück. 182 Als sie aber Quellen erblickten, [p. 110 M.] liefen sie voller Freude hinzu, um zu schöpfen, aber ihre Unkenntnis der Wirklichkeit betrog sie, denn das Wasser war bitter. Nachdem sie davon gekostet, schlug ihre Stimmung infolge der getäuschten Hoffnung wieder um, sie waren nun nicht bloss körperlich ermattet, sondern auch seelisch niedergeschlagen, nicht so sehr über das eigene Leid als vielmehr über das ihrer unmündigen Kinder jammernd, deren Verlangen nach einem Trunk sie nicht ohne Tränen mitanzusehen vermochten. 183 Manche Leichtfertigere und in der Gottesfurcht Wankelmütige sprachen die Beschuldigung aus, auch das frühere Gute sei ihnen nicht sowohl als Wohltat zuteil geworden als vielmehr mit Rücksicht auf das gegenwärtige noch schlimmere Ungemach. Sie sagten, der Tod durch Feindes Hand sei dreimal, nicht einmal, besser als das Umkommen durch Durst; denn für die Verständigen unterscheide sich ein schmerzloses und schnelles Scheiden aus dem Leben in nichts von der Unsterblichkeit, wirklicher Tod sei dagegen das langsame und schmerzvolle Sterben, welches zeige, dass das Furchtbare nicht in dem Totsein, sondern allein in dem Sterben liege. 184 Als sie in solchen Wehklagen sich ergingen, betet Moses wiederum zu Gott: er kenne ja die Schwäche der Lebewesen überhaupt und der Menschen insbesondere und [264] die Bedürfnisse des Leibes, der von Nahrung abhängig sei und mit zwei gestrengen Herren, dem Verlangen nach Speise und Trank, zusammengekoppelt sei; daher solle er den Mutlosen verzeihen und dem allgemeinen Mangel abhelfen, und zwar nicht nach langer Zeit, sondern durch eine sofortige schnelle Gabe, um der angeborenen Ohnmacht des Sterblichen willen, der den raschen Moment der Hilfe herbeisehne. 185 Da sandte Gott sein gnädiges Wirken[42] vor sich her, öffnete dem Beter das nimmer müde Auge der Seele und zeigte ihm ein Holz, das er ihm aufzuheben gebot und in die Quellen zu werfen; dies war vielleicht von Natur dazu geschaffen, diese bisher ungekannte Wirkung zu üben, vielleicht aber wurde es damals erst zur Leistung dieses besonderen Dienstes geschaffen. 186 Nachdem Moses den Befehl ausgeführt, werden die Quellen süss und in trinkbares Wasser verwandelt, sodass man nicht erkennen konnte, ob sie überhaupt jemals bitter gewesen waren, denn auch nicht eine Spur oder ein Rest war geblieben, der an den früheren schlechten Geschmack erinnerte. 187 (34.) Nachdem sie ihren Durst mit doppelter Freude gestillt – denn das unerwartete Eintreten des Guten erfreut noch mehr als der Genuss selbst – und auch ihre Trinkgefässe gefüllt hatten, brachen sie auf, wie von einem Schmause und fröhlichen Mahle gesättigt und berauscht, nicht in einem Weinrausch, sondern in jenem nüchternen, in den sie beim Trinken versetzt wurden unter dem Zutrunk der Frömmigkeit ihres Führers und Leiters. 188 Sie gelangen nun an eine zweite Raststätte, reich an Wasser und Baumwuchs – Aelim mit Namen (2 Mos. 15,27) –, die von zwölf Quellen bewässert wird, an denen junge Palmbäume mit schönen Zweigen sich befanden, siebzig an der Zahl, denen, die mit dem geistigen Auge scharf zu [p. 111 M.] blicken vermögen, ein deutliches Zeichen und ein Hinweis auf das Glück des Volkes[43]; 189 denn es gibt zwölf Stämme des Volkes, von denen jeder, wenn er gottesfürchtig ist, wie eine Quelle sein wird, indem seine Frömmigkeit unaufhörlich [265] und unausgesetzt schöne Taten hervorbringt; die Stammhäupter des gesamten Volkes aber sind siebzig, der Palme, dem edelsten der Bäume, mit Recht verglichen, denn sie ist sowohl in der äusseren Erscheinung als auch in ihren Früchten der schönste Baum, dessen Lebenskraft nicht wie bei den anderen Gewächsen tief in den Wurzeln vergraben ruht, sondern aufwärts strebend wie das Herz ganz in der Mitte der Zweige sitzt, von denen umgeben sie wie eine echte Herrscherin von einer Leibwache beschützt wird. 190 Eine solche Natur besitzt auch der Geist derer, die die Frömmigkeit gekostet haben, er hat aufwärts schauen und steigen gelernt, und stets mit den überirdischen Dingen beschäftigt und die göttliche Schönheit erforschend, spottet er der irdischen Dinge, in denen er nur kindisches Spiel sieht, während ihm jenes Streben echter Ernst ist.

191 (35.) Darnach verging kurze Zeit, und sie litten durch Mangel an Lebensmitteln Hunger, als wollten die unentbehrlichen Lebensbedürfnisse sich einander im Kampfe gegen sie ablösen; denn gestrenge, grausame Herren, Hunger und Durst, teilten sich in die Aufgabe, sie zu quälen, und griffen sie nacheinander an, und wenn die eine Not ihnen Ruhe liess, überfiel sie die andere; das war für die Leidenden unerträglich, denn hatten sie eben erst vom Durst befreit zu sein geglaubt, so fanden sie, dass ein anderes Uebel ihnen auflauerte, der Hunger. 192 Es war aber nicht bloss der augenblickliche Mangel, der sie so bedrückte, sondern auch die Verzagtheit wegen der Lebensmittel für die Zukunft; denn da sie die weite, grosse, überaus unfruchtbare Wüste vor sich sahen, wurden sie gar mutlos. Ueberall waren teils rauhe, zerklüftete Felsen, teils mit Salz durchtränkte Ebenen, teils steinige Berge, teils tiefe zu steiler Höhe sich auftürmende Sandmassen, und dazu noch kein Fluss, weder ein natürlicher noch ein von Regen sich bildender, kein Quell, keinerlei Gewächs oder irgend ein Baum, weder ein angepflanzter noch ein wildwachsender, kein Tier, sei es Vogel oder Landtier, ausser den zum Verderben der Menschen Gift spritzenden Kriechtieren, Schlangen und Skorpionen. 193 Da verglichen sie in Erinnerung an die Fülle und Fruchtbarkeit [266] Aegyptens den dortigen Ueberfluss an allem mit dem gänzlichen Mangel an allem hier und waren darüber sehr unwillig und sprachen einer zum andern in folgender Weise (2 Mos. 16,3 ff.): „In der Hoffnung auf Freiheit sind wir ausgewandert, und nun sind wir nicht einmal ohne Sorge um das Leben, wir gemäss den Verheissungen unseres Führers Glücklichen, in Wirklichkeit die unglücklichsten aller Menschen. 194 Was wird das Ende des endlosen, so weiten Weges [p. 112 M.] sein? Alle, die zu Wasser oder zu Lande reisen, haben ein Ziel vor sich, zu dem sie zu gelangen Aussicht haben, die einen Handelsplätze und Häfen, die anderen irgend eine Stadt oder ein Land, nur wir haben eine nie betretene Wüste, schwierige Wege und drückende Hoffnungslosigkeit; denn wandern wir weiter, so tut sich vor uns gleichsam ein gähnendes, tiefes, unbefahrbares Meer auf, das mit jedem Tage sich weiter ausdehnt. 195 Nachdem er durch seine Rede unsere Erwartung aufs höchste gespannt und unser Ohr mit eitlen Hoffnungen erfüllt hat, peinigt er unsern Magen mit Hunger und schafft uns nicht einmal die notwendige Nahrung. Mit dem Namen einer Neuansiedlung hat er eine so grosse Menge betrogen; nachdem er uns zuerst aus einem wohlbebauten in ein unbewohnbares Land geführt hat, will er uns jetzt auch in den Hades, den letzten Weg des Lebens, senden“. 196 (36.) Trotz solcher Schmähungen war Moses nicht so sehr über die gegen ihn selbst gerichteten Scheltreden unwillig, wie über die Unbeständigkeit ihrer Gesinnung. Nach den ungemein zahlreichen, unerwarteten und ganz ungewöhnlichen Erlebnissen durften sie endlich nicht mehr bloss Natürliches und Wahrscheinliches erwarten, sondern mussten ihm vertrauen; hatten sie doch die greifbarsten Beweise für seine Wahrhaftigkeit in allen Dingen bekommen. 197 Wenn er aber andrerseits ihre Not (an Lebensmitteln) erwog, das grösste Uebel, das es für Menschen gibt, verzieh er ihnen, denn er sagte sich, dass die grosse Masse von Natur unbeständig ist und von den Eindrücken der Gegenwart sich beeinflussen lässt, die die Vergangenheit in Vergessenheit bringen und Hoffnungslosigkeit wegen der Zukunft erzeugen. 198 Während sie so alle in unerträglicher Sorge sich [267] befanden und auf das äusserste Ungemach gefasst waren, das, wie sie meinten, ihnen auflauere und schon ganz nahe sei, erbarmte sich Gott ihrer und schuf Abhilfe für ihr Leid, teils von der ihm eigenen Milde und Menschenliebe geleitet, teils um den Führer, den er auserwählt hatte, zu ehren und seine in klaren wie in unsicheren Verhältnissen sich bewährende Frömmigkeit und Gottesfurcht noch deutlicher allen vor Augen zu führen. 199 Neue, ungekannte Wohltaten schuf er, damit sie durch recht deutliche Offenbarungen dazu erzogen würden, fernerhin nicht unwillig zu werden, wenn etwas nicht gleich nach Wunsch gehe, sondern geduldig auszuharren und für die Zukunft Gutes zu erwarten. 200 Was geschah also? Am folgenden Tage gegen Morgen lag dichter Tau in Menge rings um das ganze Lager; ihn hatte Gott leise niederfallen lassen, einen sonderbaren, ungekannten Regen, es war nicht Wasser, nicht Hagel, nicht Schnee, nicht Eis – Erscheinungen, die die Veränderungen der Wolken zur Zeit der Wintersonnenwende hervorrufen –, sondern sehr winzige weisse Körnlein, die wegen des anhaltenden Regens in Haufen vor den Zelten ausgeschüttet lagen, ein unglaublicher Anblick. Darüber erstaunt fragten sie den Führer, was dieser Regen sei, den noch kein Mensch je bisher [p. 113 M.] gesehen, und welchen Zweck er habe. 201 Er aber wird von göttlichem Geist ergriffen, gerät in Verzückung und verkündet folgenden Gottesspruch: „Sterblichen ist die tiefe Scholle des ebenen Feldes zugewiesen, die sie in Furchen spalten, auf der sie pflügen und säen und die anderen Feldarbeiten verrichten und alljährlich die Früchte gewinnen zu reichlicher Befriedigung ihrer notwendigen Bedürfnisse. Gott aber ist nicht ein einzelner Teil des Alls, sondern die gesamte Welt und ihre Teile untertan, dass sie ihm zu jedem Zwecke seines Willens wie Sklaven ihrem Herrn dienen. 202 Jetzt nun hat er beschlossen, dass die Luft Speise statt des Wassers hervorbringe, da auch die Erde oft Regen bringt; denn was ist der Strom in Aegypten, wenn er alljährlich durch sein Austreten anschwillt und die Fluren tränkt, anders als Regen, der von unten kommt“? 203 Ein Wunder war schon dies Ereignis, wenn es auch nur dabei geblieben wäre. Aber [268] Gott vollbrachte noch andere grössere Wunder. Von allen Seiten trugen sie alle Gefässe herbei, teils auf Lasttieren teils auf den eigenen Schultern, in der vorsorglichen Absicht, für längere Zeit die Nahrung aufzuspeichern. 204 Aber sie war nicht aufzuspeichern und aufzubewahren, denn Gott hatte beschlossen, immer neue Gaben ihnen zu spenden. Nachdem sie das, was für den augenblicklichen Bedarf hinreichend war, zubereitet hatten, genossen sie es mit Vergnügen, von dem aber, was sie auf den folgenden Tag übrig gelassen hatten, fanden sie nichts mehr unversehrt, sondern übergegangen, übelriechend und voll von solchen Lebewesen, die bei Fäulnis zu entstehen pflegen. Dies also warfen sie natürlich fort, fanden aber wieder andere fertige Nahrung, die täglich mit dem Tau herniederfiel. 205 Eine ganz besondere Auszeichnung aber hatte der heilige Sabbat; da nämlich an ihm keinerlei Arbeit gestattet ist und ausdrücklich geboten ist, sich aller kleinen und grossen Geschäfte an ihm zu enthalten, da sie also an diesem Tage nicht sammeln konnten, lässt ihnen die Gottheit einen Tag vorher die Lebensmittel in doppelter Menge regnen und befiehlt Nahrung heimzutragen, die für zwei Tage ausreichend sein solle. Und das Gesammelte blieb unversehrt, ohne dass irgend etwas wie sonst verdarb. 206 (37.) Ich habe aber auch ein noch grösseres Wunder zu erzählen. Vierzig Jahre, einen so langen Zeitraum hindurch, solange sie auf der Wanderschaft waren, wurden ihnen die Lebensmittel in der erwähnten Weise regelmässig geliefert, wie in Proviantämtern nach dem auf jeden entfallenden Teil zugemessen. 207 Zugleich aber wurden sie auch über jenen heiss ersehnten Tag belehrt – seit langer Zeit nämlich forschend, welches der Geburtstag der Welt sei, an dem dies All vollendet worden war, hatten sie die Lösung dieser von Vätern und Vorfahren ungelöst übernommenen Frage nur schwer finden können –, jetzt also wurden sie darüber nicht nur [p. 114 M.] durch göttliche Sprüche, sondern auch durch einen ganz deutlichen Beweis dafür belehrt; während nämlich an den anderen Tagen, wie bereits erzählt, das, was sie zu viel hatten, verdarb, blieb das, was am Tage vor dem siebenten [269] als Regen gefallen war, nicht nur unverändert, sondern hatte auch das doppelte Mass. 208 Die Verwendung nun war folgende (4 Mos. 11,8): am frühen Morgen sammelten sie die herabgefallene Speise und mahlten oder zerrieben sie, darauf kochten und genossen sie die ganz süsse Speise, die wie Honiggebäck schmeckte, ohne weitere Bäckerarbeit nötig zu haben. 209 Aber auch an Speise für ein behaglicheres Leben hatten sie alsbald keine Not, denn die Gottheit hatte beschlossen alles, was in bewohntem und reichern Lande vorhanden war, in reichem Ueberfluss ihnen in der Wüste zu gewähren. An den Abenden nämlich wurde ein dichter Schwarm von Wachteln vom Meere herbeigeführt und bedeckte das ganze Lager (2 Mos. 16,13), den Flug ganz niedrig über der Erde nehmend, sodass sie leicht gefangen werden konnten (4 Mos. 11,31). Diese fingen sie und bereiteten sie zu, wie es einem jeden angenehm war, und genossen so äusserst wohlschmeckendes Fleisch; durch diese als nötig empfundene Zukost machten sie zugleich die Hauptnahrung schmackhafter[44].

210 (38.) Während sie nun diese Gaben ohne Unterbrechung in reicher Fülle hatten, kam von neuem die Plage drückenden Mangels an Wasser über sie, und sie gerieten bereits in Verzweiflung ob ihrer Rettung. Da nahm Moses den heiligen Stab, mit dessen Hilfe er die Wunder in Aegypten verrichtet hatte, und schlug, von göttlichem Geiste ergriffen, den schroffen Fels (2 Mos. 17,1ff.). 211 Sei es nun dass dieser im rechten Moment in einer schon vorher darunter befindlichen Wasserader getroffen wurde, oder dass gerade jetzt zum ersten Male in unsichtbaren Kanälen Wasser massenhaft in ihm zusammenströmte und unter starkem Druck sich herausdrängte: durch die Gewalt der Strömung öffnet er sich und es ergiesst sich aus ihm Wasser nach Art eines Springbrunnens, so dass es nicht nur jetzt Abhilfe gegen den Durst gewährte, sondern auch für längere Zeit reichlichen [270] Trank für so viele Myriaden. Sie füllten nämlich alle Wasserkrüge, wie schon früher aus den Quellen, die, von Natur bitter, durch göttliche Fürsorge ihren Geschmack in einen süssen verwandelt hatten. 212 Wer dies nicht glaubt, der weiss weder etwas von Gott noch hat er je nach ihm geforscht; sonst hätte er sofort erkannt und gewiss begriffen, dass diese wunderbaren und unbegreiflichen Taten ein Kinderspiel für Gott sind, er brauchte nur auf die wahrhaft grossen und ernster Betrachtung würdigen Werke zu sehen, wie die Schöpfung des Himmels, der Planeten und der Fixsterne Kreislauf, das Aufflammen des Lichts, des Sonnenlichts am Tage und des Mondlichts in der Nacht, die Befestigung der Erde in dem mittelsten Punkt des Alls, die ungeheure Grösse von Festländern und Inseln, die zahllosen Arten von Lebewesen und Gewächsen, ferner die Ausbreitung der Meere, das Dahinströmen der Flüsse, die natürlichen Ursprung haben, und solcher, die aus Regen sich bilden, die Gewässer von nie versiegenden Quellen, die teils kaltes teils warmes Wasser [p. 115 M.] emporsprudeln, die mannigfachen Luftströmungen, die Verschiedenheit der Jahreszeiten und unzählige andere Schönheiten. 213 Das Leben reichte nicht aus, wollte einer alles einzeln, ja wollte er auch nur einen der wichtigeren Teile des Weltalls schildern, und wäre ihm die längste Lebensdauer eines Menschen beschieden. Aber diese in Wahrheit wunderbaren Dinge werden geringgeschätzt, weil wir daran gewöhnt sind, während wir die ungewöhnlichen, auch wenn sie unbedeutend sind, in unserer Vorliebe für das Neue bewundern und uns von fremdartigen Erscheinungen leicht überwältigen lassen.

214 (39.) Als sie nun bereits eine weite, unwegsame Strecke durchzogen hatten, da zeigten sich die Grenzen bewohnten Bodens und Vororte des Landes, in das einzuwandern sie im Begriffe waren. Phoeniker[45] bewohnen es. Aber die Hoffnung, dass ihnen nunmehr ein ruhiges, friedliches Leben zuteil werden sollte, erwies sich als trügerisch (2 Mos. 17,8ff.). 215 Der herrschende König des Landes nämlich bot aus Furcht vor einer Verheerung seines Gebiets die junge Mannschaft aus seinen Städten auf und trat ihnen entgegen in der Absicht, [271] am liebsten ihnen den Weg ganz zu versperren, falls sie ihn aber erzwingen wollten, durch Waffengewalt mit seinen frischen, eben erst in den Kampf eintretenden Kriegern sie abzuwehren, die durch ihre Wanderungen und die Entbehrungen von Speise und Trank, unter denen sie nacheinander zu leiden hatten, geschwächt wären. 216 Als Moses von seinen Kundschaftern erfuhr, dass das feindliche Heer nicht weit von ihnen entfernt sei, musterte er die kriegsfähigen Männer aus, wählte Josua, einen seiner Unterbefehlshaber, zum Feldherrn und wandte sich selbst schnell an den mächtigeren Bundesgenossen. Nachdem er sich mit dem üblichen Sühnwasser besprengt hatte, lief er rasch auf den nächsten Hügel und flehte zu Gott, dass er die Hebräer schirme und ihnen Kraft und Sieg verleihe, die er aus gefährlicheren Kämpfen und anderen Leiden errettet hätte, indem er nicht nur von Menschen ihnen zugefügtes Ungemach zerstreute, sondern auch all die neuen Gefahren, die der Aufruhr der Elemente in Aegypten und die drückende Hungersnot auf den Wanderungen im Gefolge hatten. 217 Eben waren sie im Begriffe die Schlacht zu beginnen, da begab sich ein grosses Wunder an seinen Händen: sie wurden abwechselnd sehr leicht und sehr schwer. So oft sie, in die Höhe gehoben, leicht wurden, erstarkte das eigene Heer und behielt in tapferem Kampfe die Oberhand, so oft sie aber in Schwere herabsanken, erstarkten die Feinde; die Gottheit zeigte dabei sinnbildlich, dass erbliches Eigentum der einen die Erde und die untersten Teile des Alls seien, das der andern der hochheilige Aether, und sowie in dem All König und Herrscher über die Erde der Himmel sei, so auch dies Volk über seine Widersacher siegen werde. 218 Eine Weile nun hoben [p. 116 M.] und senkten sich seine Hände wie Wagschalen abwechselnd, und so lange war auch der Kampf unentschieden; plötzlich aber verloren sie alle Schwere und hoben sich, als ob die Finger Flügel wären, hoch empor, wie die geflügelten Geschöpfe die Lüfte durchschneidend, und verharrten aufwärts schwebend, bis die Hebräer den Sieg unbestritten davontrugen; denn die kriegsfähige Mannschaft der Feinde wurde getötet, und ihnen geschah mit Recht, was sie wider Gebühr anderen zu tun beabsichtigten. 219 Darauf erbaute Moses [272] einen Altar, den er nach dem Vorfall „Zuflucht zu Gott“[46] nannte (2 Mos. 17,15), und auf dem er in Erfüllung eines Dankgelöbnisses das Siegesopfer darbrachte.

220 (40.) Nach dieser Schlacht erkannte er die Notwendigkeit, das Land, wohin das Volk übersiedeln sollte, zu erforschen – es war bereits das zweite Jahr ihrer Wanderung eingetreten –, denn er wollte, dass sie nicht, wie es zu geschehen pflegt, aus Unkenntnis andern Sinnes würden, sondern das Land vorher durch Anhören (von Berichten) kennen lernten, um dann in sicherer Kenntnis der dortigen Verhältnisse die nötigen Massregeln in Erwägung zu ziehen[47]. 221 Zwölf Männer nach der Zahl der Stämme, aus jedem Stamme ein Stammeshaupt, wählte er, indem er die durch ihre Tüchtigkeit Angesehensten aussuchte, damit kein Teil wegen Bevorzugung oder Hintansetzung mit den anderen in Streit geriete, sondern alle in gleicher Weise durch die Vornehmsten die Lage der Bewohner kennen lernten, wenn die Ausgesandten die Wahrheit sagen wollten. 222 Nach der Wahl sprach er zu ihnen folgendes: „Für die Kämpfe und Gefahren, die wir bestanden und noch bis jetzt zu bestehen haben, sind der Preis die Landverteilungen, über die wir in unserer Erwartung nicht fehlgehen möchten, da wir ein so zahlreiches Volk zu neuer Ansiedlung führen. Sehr grossen Nutzen gewährt aber die Kenntnis der Oertlichkeiten, der Menschen und der Verhältnisse, wie andrerseits ihre Unkenntnis schädlich ist. 223 Euch nun haben wir erwählt, um mit euren Augen und eurem Geiste die dortigen Verhältnisse zu schauen. Erweiset euch daher als so vieler Myriaden Ohren und Augen zu deutlicher Wahrnehmung dessen, was zu wissen nötig ist. 224 Was wir aber zu erfahren verlangen, sind folgende drei Punkte: der Bewohner Zahl und Macht, der Städte günstige Lage und ihre Festigkeit in Bauwerken oder das Gegenteil, und ob das Land tiefes Erdreich [273] hat und fett ist, gut zur Erzeugung von allerlei Saat- und Baumfrüchten, oder ob es im Gegenteil flachschollig ist, damit wir gegen die Kraft und Menge der Bewohner mit gleichstarkem Heere und gegen die örtlichen Befestigungen mit Maschinen und Belagerungswerkzeugen uns ausrüsten; nötig ist es aber auch zu wissen, ob der Boden fruchtbar ist oder nicht, denn wegen eines armseligen Landes freiwillig Gefahren sich auszusetzen wäre Torheit. 225 Unsere Waffen und Werkzeuge aber und unsere ganze Macht liegen allein in dem Vertrauen auf Gott. Mit dieser Rüstung werden wir keinem Schrecknis zu weichen brauchen, denn sie ist stark genug, Kräfte, die durch gesunde Körperbeschaffenheit, durch Kühnheit, Kriegserfahrung und Menge unüberwindlich sind, mit [p. 117 M.] grosser Ueberlegenheit zu überwältigen; verdanken wir ihr ja schon in der weiten Wüste die Gewährung aller Dinge, die sonst auf dem Reichtum der Städte beruhen. 226 Der Zeitpunkt aber, in dem am besten die Trefflichkeit eines Landes geprüft wird, ist der Frühling, der jetzt eingetreten ist; denn im Frühling werden die verschiedenen Saaten reif und beginnt das Wachstum der Bäume. Es dürfte aber besser sein, wenn ihr auch bis zum Hochsommer dort bliebet und Früchte als Proben der Fruchtbarkeit des Landes mitbrächtet“. 227 (41.) Unter diesen Ermahnungen zogen sie auf Kundschaft aus, und das ganze Volk gab ihnen das Geleit voller Besorgnis, sie könnten ergriffen und getötet werden und es könnten so die beiden schlimmsten Folgen eintreten, der Tod von Männern, von denen ein jeder das Auge seines Stammes war, und die Unkenntnis der Verhältnisse der sie bedrohenden Feinde, deren Kunde so nützlich wäre. 228 Sie nahmen aber Späher und Wegführer mit, die ihnen voranzogen, und zogen hinter ihnen her. Als sie in die Nähe (des Landes) kamen, eilten sie auf den höchsten Berg der Umgebung und schauten auf das Land herab, dessen weite Ebene reich an Gerste, Weizen und Gras, und dessen gebirgiger Teil ebenso reich an Weinstöcken und andern Stämmen war, durchweg mit Bäumen besetzt, dicht bewachsen, von Flüssen und Quellen mit reichlichem Wasser durchschnitten, so dass vom Fuss bis zum Gipfel die ganzen Abhänge der [274] Berge mit schattigen Bäumen durchwoben waren, ganz besonders aber die Bergkämme und alle tiefgelegenen Schluchten. 229  Auch die Städte überschauten sie und fanden, dass sie in zweifacher Beziehung sehr fest waren, sowohl durch ihre günstige Lage als auch durch die Stärke ihrer Umfassungsmauern. Dann blickten sie prüfend auch auf die Bewohner und fanden, dass ihre Menge unermesslich war und dass sie hochgewachsene Riesen oder in dem ungeheuren Mass ihrer Körper an Grösse und an Kraft Riesen ähnlich waren. 230 Nach diesen Wahrnehmungen blieben sie noch einige Zeit, um alles noch genauer kennen zu lernen – denn der erste Eindruck ist schwer festzuhalten und kann nur allmählich durch Länge der Zeit sich fest einprägen –, und zugleich pflückten sie eifrig von den Baumfrüchten, und zwar nicht von solchen, die eben die erste Härte zeigten, sondern von solchen, die bereits zu reifen begannen, um dem ganzen Volke solche Früchte zu zeigen, die nicht leicht (auf dem Wege) verderben konnten. 231 Am meisten aber erregte die Frucht des Weinstocks ihre Bewunderung; die Trauben waren nämlich ungewöhnlich gross, mit ihren Ranken und Schösslingen sich weit ausbreitend, ein wunderbarer Anblick. Sie schnitten eine ab und hängten sie an eine Stange in die Mitte, deren beide Enden sie zwei Jünglingen aufluden, und trugen sie abwechselnd, einander ablösend, so oft sie die bisherigen Träger zu sehr drückte, denn es war eine sehr schwere Last. Aber in Bezug auf das Notwendige waren sie nicht eines Sinnes. 232 (42.) Schon auf dem Wege vor ihrer Heimkehr brach unter ihnen mannigfacher Streit aus, aber dieser war leichterer Art, denn sie wollten nicht durch Meinungsverschiedenheit und einander [p. 118 M.] widersprechende Meldungen Unruhe unter dem Volke erregen; schlimmer aber wurden die Zwistigkeiten nach ihrer Rückkehr. 233 Die einen nämlich weckten in den Hörenden Furcht, indem sie über die Festigkeit der Städte und die zahlreiche Bevölkerung jeder einzelnen ausführlich berichteten und in ihrer Rede alles ins Grossartige übertrieben, die anderen dagegen suchten allem, was sie gesehen hatten, das Uebermässige zu benehmen und mahnten den Mut nicht sinken zu lassen, sondern an dem Plan der Einwanderung festzuhalten, [275] da sie im ersten Anlauf siegen würden; denn keine Stadt werde gegen den Ansturm eines so grossen Heeres, das insgesamt angriffe, standhalten, sondern sie würden alle unter der Wucht des Angriffs fallen. Beide Parteien teilten die eigenen Empfindungen auch den Seelen der Hörer mit, die Unmännlichen Feigheit, die Unerschrockenen Kühnheit und freudige Hoffnung. 234 Die letzteren waren aber nur der fünfte Teil der Zahl der Verzagten, und diese wiederum fünfmal so zahlreich wie die Edelgesinnten. Aber die Kühnheit weniger[48] verschwindet unter dem Uebergewicht der Feigheit, was, wie erzählt wird, auch damals geschah. Denn über die zwei, die die günstigsten Berichte brachten, gewannen die zehn, die das Gegenteil behaupteten, ein solches Uebergewicht, dass sie auch die ganze Masse des Volkes verführten, sie von jenen abwendig machten und ganz für sich gewannen. 235 Ueber das Land aber meldeten sie alle dasselbe in einmütiger Schilderung der Schönheit seiner Ebenen und seiner Berge. „Was nützt uns aber fremdes Gut, wenn es noch dazu bis zur Uneinnehmbarkeit mit starker Hand bewacht ist?“ rief man sofort aus und stürmte gegen die beiden an und hätte sie beinahe gesteinigt; so sehr zog die Menge den Ohrenkitzel dem Nutzen und den Trug der Wahrheit vor. 236 Darüber war der Führer sehr erzürnt und fürchtete zugleich, es könnte ein gottgesandtes Unheil über sie niederfahren, da sie so leidenschaftlich ihren Unglauben gegen die Gottessprüche bekundeten. Und dies traf auch ein; denn von den Kundschaftern kommen die zehn Feiglinge durch eine seuchenartige Krankheit um samt denen aus dem Volke, die ihre Verzweiflung geteilt hatten, und nur die zwei, die geraten hatten nicht zu verzagen, sondern ferner die Einwanderung anzustreben, blieben am Leben, weil sie den Gottessprüchen gehorsam sich erwiesen hatten; sie erhielten die ehrenvolle Auszeichnung, dass sie nicht mit von dem Verderben ergriffen wurden.

237 (43.) Diese Begebenheit hatte die Folge, dass sie nicht schneller in das Land kamen, in das sie einwandern sollten. Obwohl sie nämlich schon im zweiten Jahre nach dem Auszuge [276] aus Aegypten die syrischen Städte und ihre Losanteile hätten bewohnen können, mussten sie von dem eigentlichen und kürzesten Wege abbiegen und hin- und herwandern, schwer gangbare weite Wege in unwegsamer Gegend, einen nach dem andern, sich bahnend zu endloser Ermüdung der Seele und des Körpers, und mussten so die gebührende Strafe für ihre masslose Gottlosigkeit erdulden. 238 Achtunddreissig Jahre also ohne die bereits abgelaufene Zeit, ein Menschenalter hindurch, [p. 119 M.] auf- und abziehend und die pfadlosen Wüstensteppen durchmessend, gelangten sie endlich im vierzigsten Jahre wieder an die Grenzen des Landes, an die sie schon früher gekommen waren (4 Mos. 20,14ff.). 239 Aber an den Eingängen wohnten andere, die sogar Verwandte von ihnen waren, von denen sie erwarteten, dass sie eigentlich mit ihnen den Krieg gegen die Nachbarn führen und in allen Stücken ihre Ansiedelung fördern würden, wenn sie aber Anstand nahmen dies zu tun, wenigstens sich so weit zurückhalten würden, unparteiisch zu bleiben. 240 Beider Völker Urahnen nämlich, des Hebräischen und der Bewohner des Vorlandes, waren Brüder von demselben Vater und derselben Mutter gewesen, noch dazu Zwillinge, und da diese mit vielen Kindern gesegnet worden waren und auch deren Abkömmlinge fruchtbar waren, so hatte sich jedes der beiden Häuser zu einem grossen, menschenreichen Volke ausgedehnt; aber das eine war im Lande geblieben, das andre war, wie früher erwähnt, infolge einer Hungersnot nach Aegypten ausgewandert und kehrte jetzt nach langer Zeit wieder zurück. 241 Sie waren lange von den anderen getrennt gewesen, aber die Verwandtenliebe bewahrten sie ihnen, obwohl diese keine der väterlichen Sitten mehr beobachteten, sondern alle Einrichtungen der alten Verfassung geändert hatten. Jene waren eben der Ansicht, dass es sich für wohlgesittete Menschen gezieme, auf den Namen der Verwandtschaft etwas zu geben und ihm gern ein Opfer zu bringen. 242 Das andre Haus hingegen hatte jedes Gefühl der Liebe zerstört, es war nach Charakter und Rede, in Rat und Tat einem Bündnis oder Vertrag abhold und entfachte die Feindschaft von den Vätern her von neuem – der Ahnherr dieses Volkes hatte, obwohl er selbst seinem Bruder das Recht der Erstgeburt verkauft hatte, kurz darauf [277] gegen die Vereinbarung auf das, wovon er zurückgetreten war, wieder Anspruch gemacht und hatte in seiner Wut den Bruder mit dem Tode bedroht, wenn er es ihm nicht wiedergäbe –, diese alte Feindseligkeit des Einzelnen gegen den Einzelnen erneuerte so viele Generationen später das Volk. 243 Der Führer der Hebräer nun, Moses, hätte sie zwar beim ersten Ansturm überrennen können, aber er hielt dies mit Rücksicht auf die erwähnte Verwandtschaft nicht für recht, sondern verlangte nur die Benutzung des Weges durch ihr Land und versprach, sich durchaus friedlich zu verhalten, keinen Ort zu verwüsten, nicht Herden, nicht Beute fortzuführen, für Wasser, wenn Not an Getränk eintreten sollte, den Preis zu zahlen und ebenso für die andern Lebensmittel, an denen sie Mangel haben würden. Aber jene widersetzten sich diesen friedlichen Vorschlägen mit Macht und drohten mit Krieg, wenn sie merken sollten, dass sie über die Grenzen gingen oder sie auch nur berührten. 244 (44.) Als nun die Hebräer über diese Antwort unwillig waren und schon sich zur Abwehr anschickten, trat Moses unter sie an eine Stelle, wo er von allen gehört werden konnte, und sprach; „Freunde, euer Unwille ist wohl begründet und berechtigt, denn während ihr ihnen in milder Sinnesweise Freundlichkeit entgegenbrachtet, haben sie euch in boshafter Gesinnung schlimme [p. 120 M.] Antwort gegeben. 245 Aber weil jene für ihre Roheit Strafe verdienen, ziemt es uns noch nicht zu ihrer Bestrafung zu eilen, schon um der Rücksicht willen, die wir dem Volke schulden, damit auch hierin wir Guten uns von den Bösen unterscheiden, dass wir nicht nur prüfen, ob jemand Züchtigung verdient, sondern auch ob es angemessen sei, dass er sie durch uns erleide“. 246 Darauf bog er vom Wege ab und führte das Volk einen andern Weg, da er alle Strassen dieses Landes von jenen mit Wachen besetzt sah, obwohl sie keine Schädigung zu befürchten hatten und nur aus Neid und Missgunst ihnen ein Vorrücken auf dem kürzesten Wege nicht gestatten wollten. 247 Das aber war der deutlichste Beweis für ihr Unbehagen über die Erlangung der Freiheit durch unser Volk, während sie offenbar Freude empfunden hatten, solange es die bittere Knechtschaft in Aegypten zu [278] erdulden hatte; denn wem das Glück des Nächsten Schmerz bereitet, der muss, auch wenn er es nicht eingesteht, über dessen Unglück Freude empfinden. 248 Die Hebräer hatten ihnen wie Gleichgesinnten und nach gleichen Zielen Strebenden ihre schmerzlichen und andrerseits auch ihre freudigen Erlebnisse berichtet, ohne zu wissen, dass jene in ihrer Schlechtigkeit gar weit gingen und bei ihrer Feindseligkeit und ihrem Hass über ihr Glück zu klagen und über ihr Ungemach sich zu freuen vermochten. 249 Als aber deren böse Gesinnung sich enthüllte, wurden sie an dem Kampf mit ihnen durch ihren Führer verhindert, der so zwei glänzende Eigenschaften zeigte, Klugheit und Edelsinn zugleich: die Verhütung eines Unglücks war Klugheit, und der Entschluss, gegen Verwandte auch nicht in einen Verteidigungskampf sich einzulassen, zeugte von Edelmut.

250 (45.) So zog er denn an ihren Städten vorbei. Als aber ein König des Nachbarlandes, mit Namen Chananes[49], von seinen Spähern die Meldung erhielt, das auf der Wanderung befindliche Volk sei nicht sehr weit entfernt, glaubte er, dass es ungeordnet sei, und dass er es leicht besiegen werde, wenn er mit einem Angriff ihm zuvorkäme. Daher brach er auf, zog in Eile mit der einheimischen, gut bewaffneten jungen Mannschaft gegen sie aus und schlägt die, die ihm zuerst begegnen, in die Flucht, da sie auf eine Schlacht nicht vorbereitet waren. Da er auch Gefangene machte, rückte er, durch sein unerwartetes Glück übermütig geworden, weiter vor, in der Hoffnung auch die andern sämtlich zu bezwingen. 251 Aber diese waren durch die Niederlage ihres Vortrabs nicht wankend gemacht, sondern schöpften daraus nur noch mehr Mut als bisher, und bestrebt die durch die Gefangenen eingetretenen Lücken durch ihren Eifer auszufüllen, trieben sie einander an nicht zu ermüden und sagten: „Auf, lasset uns Mut fassen; eben betreten wir das Land; [279] zeigen wir uns unerschrocken und voll fester Zuversicht. Das Ende wird oft schon durch den Anfang entschieden. Da wir uns jetzt an den Eingängen des Landes befinden, so lasst uns die Bewohner niederschlagen, lasst uns den Reichtum der [p. 121 M.] Städte in Besitz nehmen und geben wir ihnen dafür den Mangel an den notwendigen Bedürfnissen, den wir aus der Wüste mit uns bringen“. 252 Durch solche Reden sich ermunternd, gelobten sie zugleich als Erstlingsgaben des Landes die Städte des Königs und die in jeder befindlichen Bewohner der Gottheit zu weihen. Und Gott zeigte sich ihren Gelübden gnädig, er erfüllte die Hebräer mit Mut und bewirkte, dass das feindliche Heer geschlagen wurde. 253 Nach diesem kraftvollen Siege erfüllten sie ihre Dankgelübde, nahmen nichts von der Beute für sich, sondern weihten die Städte samt ihren Bewohnern und Kostbarkeiten und nannten das ganze Königreich nach dem Ereignis „Weihegabe“. 254 Wie nämlich jeder einzelne Gottesfürchtige von seinen jährlichen Früchten, die er aus seinem Privatbesitz erntet, die Erstlinge weiht, ebenso weihte auch das ganze Volk von dem grossen Lande, in das es einzog, ein grosses Stück, das eben eroberte Königreich, gewissermassen als eine Erstlingsgabe seiner Siedelung; denn sie hielten es nicht für recht, Land unter sich zu teilen oder Städte zu besiedeln, ehe sie von dem Lande sowohl als auch von den Städten Erstlinge dargebracht hätten.

255 (46.) Kurz darauf entdeckten sie auch einen Quell mit gutem Wasser (4 Mos. 21,16ff.), der dem ganzen Volke Trinkwasser lieferte – in einem Brunnen war der Quell und an der Grenze des Landes –, und ihre Herzen wurden damit so erquickt, als hätten sie nicht Wasser, sondern ungemischten Wein geschlürft. Vor Wonne und Freude sangen die Lieblinge Gottes ein neues Lied in Chören, die sie um den Brunnen im Kreise aufgestellt hatten, auf Gott den Verleiher ihres Besitztums und den wahrhaften Führer ihrer Wanderung; denn weil sie nach der langen Wüstenwanderung beim ersten Betreten des bewohnten Landes, das ihnen zum Besitz bestimmt war, reichlichen Trank gefunden hatten, hielten sie es für angemessen, an dem Quell nicht ohne eine Kundgebung vorüberzuziehen. 256 Denn er war nicht von der Hand gemeiner Männer, sondern [280] von Königen gegraben worden, die, wie berichtet wird, nicht nur die Auffindung des Wassers, sondern auch den Bau des Brunnens sich zur Ehre rechneten, damit an seiner Pracht nicht nur das Werk als ein königliches erkannt werde, sondern auch die Macht und die vornehme Gesinnung seiner Erbauer daraus hervorgehe. 257 Voller Freude über das Gute, das ihnen beständig und unerwartet zuteil wurde, zog Moses weiter und teilte die junge Mannschaft in Vorhut und Nachhut, zwischen denen in der Mitte er Greise, Weiber und Kinder unterbrachte, damit diese auf beiden Seiten Deckung hätten, sei es dass vorn oder hinten ein feindlicher Haufe angriffe.

258 (47.) Wenige Tage später kam er in das Land der Amoräer (4 Mos. 21,21 ff.) und schickte Gesandte an den König – Seon (Sichon) war sein Name – mit derselben Aufforderung wie vorher an den stammverwandten König (von Edom). Aber dieser antwortete den Abgesandten nicht nur hochmütig und hätte sie beinahe getötet, hätte ihn das Gesandtenrecht nicht daran gehindert, sondern sammelte auch sein ganzes Heer und stürmte heran in der Hoffnung, ihrer im Kriege sofort Herr [p. 122 M.] zu werden. 259 Als er aber mit ihnen zusammentraf, merkte er bald, dass er nicht mit Ungeübten und Unerprobten zu kämpfen habe, sondern mit wahrhaft unbesiegbaren Kriegern, die vor kurzem viele grosse Heldentaten verrichtet und Körperkraft, mutigen Sinn und hohe Tapferkeit bewiesen hatten, Tugenden, vermöge deren sie ihre Feinde mit grosser Ueberlegenheit bezwungen, aber von der Beute nichts angerührt hatten, voller Eifer, die ersten Früchte ihrer Kämpfe der Gottheit zu weihen. 260 Auch jetzt rückten sie unter dem starken Schirm derselben Vorsätze und Absichten dem Feinde entgegen, zugleich auch gestützt auf die unbezwingliche Bundesgenossenschaft des Gerechten (Gottes), die ihnen noch mehr Wagemut verlieh und ihren Kampfeseifer erhöhte. 261 Ein deutlicher Beweis dafür ist: einer zweiten Schlacht bedurfte es nicht, sondern die erste war auch die einzige, durch die das ganze feindliche Heer ins Wanken geriet und alle Waffenfähigen in die Flucht geschlagen und sofort vernichtet wurden. 262 Die Städte aber waren zu derselben Zeit leer und voll geworden, leer von ihren alten Bewohnern und voll von [281] deren Siegern; ebenso aber erhielten auch die Gehöfte auf dem Lande, ihrer Insassen beraubt, an deren Stelle eine in jeder Beziehung edlere Bevölkerung.

263 (48.) Dieser Krieg flösste allen Völkern Asiens gewaltigen Schrecken ein, und ganz besonders den Nachbarn desto grösseren, in je grösserer Nähe man das furchtbare Schicksal erwartete (4 Mos. cap. 22). Einer der Nachbarkönige nun, mit Namen Balak, der einen grossen, sehr bevölkerten Teil des Ostens sich unterworfen hatte, verzweifelte schon, ehe er sich in einen Kampf einliess; er hielt es nicht für vorteilhaft, ihnen in offenem Kampfe entgegenzutreten, sondern nahm unter Vermeidung des richtigen mit Waffen geführten Vernichtungskrieges zu Vorbedeutungen und Weissagungen seine Zuflucht, in der Hoffnung, durch gewisse Verwünschungen die unbezähmbare Kraft der Hebräer vernichten zu können. 264  Es lebte um jene Zeit in Mesopotamien ein seiner Weissagungen wegen sehr berühmter Mann, der, weil er in alle Arten der Wahrsagekunst eingeweiht und in der Vogelschau ganz besonders geübt war, allgemein bewundert wurde, denn schon oft hatte er viele auf Unglaubliches und Grosses hingewiesen. 265 Den einen hatte er im Hochsommer Regenzeit, den anderen Dürre und Hitze mitten im Winter vorherverkündet, noch anderen mitten in der Fülle Unfruchtbarkeit und umgekehrt mitten in der Hungersnot Fruchtbarkeit, manchen auch Ueberschwemmungen und Austrocknen von Flüssen und Heilungen von Seuchen und tausend andere Dinge, von denen er jedes einzelne mit anscheinender Prophetengabe vorhersagte, wodurch er sich einen grossen Namen machte und zu grossem Ruhme gelangte, weil die Kunde davon sich weiter verbreitete und überallhin drang. 266 Zu diesem schickte Balak einige seiner Freunde aus mit der Einladung, zu ihm zu kommen, liess ihm teils sofort Geschenke überreichen, teils solche versprechen und ihm mitteilen, zu welchem Zweck er ihn beriefe. Aber er lehnte ab, nicht aus edler, [p. 123 M.] fester Gesinnung, sondern grösstenteils aus Ziererei[50], um zu zeigen, dass er einer der angesehenen Propheten [282] sei und überhaupt nichts ohne Orakel zu tun pflege; er sagte, die Gottheit gestatte ihm nicht zu gehen. 267 So kehrten die Abgesandten unverrichteter Sache zum Könige zurück. Aber andere angesehenere Männer wurden sofort zu demselben Zweck erwählt, die noch mehr Geld mit sich brachten und noch reichere Gaben versprachen. 268 Durch den Köder des ihm bereits Gebotenen und die Hoffnung auf die zukünftigen Geschenke verlockt und aus Achtung vor dem Ansehen der Einladenden gab er endlich nach, schützte aber wiederum die Gottheit in unaufrichtiger Weise vor. Er rüstete sich also am folgenden Tage zur Reise, wobei er von Träumen erzählte, von denen er angeblich in deutlichen Gesichtern getrieben werde, nunmehr nicht daheim zu bleiben, sondern den Gesandten zu folgen. 269 (49.) Als er schon unterwegs war, wird ihm auf der Reise ein sehr deutliches Zeichen gegeben, dass das Unternehmen, zu dem er eilte, gegen den Willen der Gottheit sei. Das Lasttier nämlich, auf dem er ritt, bleibt, obwohl es auf gerader Strasse geht, zuerst plötzlich stehen; 270 dann, als ob jemand mit Gewalt es von vorn zurückstiesse oder hemmte, wich es zurück[51], und dann wieder bald nach rechts bald nach links drängend, bald hierhin bald dorthin taumelnd, war es unruhig, als wäre sein Kopf von Wein und Trunkenheit schwer, und achtete oft geschlagen der Schläge nicht, sodass es auch beinahe den Reiter abgeworfen hätte und ihn schliesslich zwar sitzen liess, aber ihm die Schläge und Schmerzen vergalt. 271 Zu beiden Seiten waren nämlich Dornenhecken und Zäune ganz dicht an der Strasse; so oft nun das Tier sich mit Wucht an diese warf, wurden dem Herrn Knie und Schienen und Füsse gequetscht und durch den Druck arg zerschunden. 272 Es war aber offenbar eine göttliche Erscheinung, vor der das Tier, das sie von fern heranschreiten sah, scheute, während der Mensch, ein Beweis für seinen Stumpfsinn, sie nicht bemerkte; so übertraf ein vernunftloses Tier in der Fähigkeit zu sehen den Mann, der sich rühmte, nicht nur das Weltall, sondern auch dessen Schöpfer zu schauen. 273 Wie er nun endlich den Engel [283] sich gegenüber erblickte, nicht weil er eines solchen Anblicks würdig gewesen wäre, sondern damit er seinen eigenen Unwert und sein Nichts erkenne, legte er sich auf Bitten und Flehen und bat um Verzeihung, denn er habe aus Unkenntnis und nicht aus Mutwillen gefehlt. 276 Während es nun richtig gewesen wäre jetzt umzukehren, fragte er noch die ihm sichtbar gewordene Erscheinung, ob er wieder heimwärts umlenken solle. Diese aber merkte seine Unaufrichtigkeit und zürnte ihm deshalb – denn was bedurfte es noch einer Frage über eine so klare Sache, die ihre Begründung in sich trug, ohne eines Beweises durch Reden noch zu bedürfen, wofern [p. 124 M.] nicht etwa die Ohren mehr als die Augen Wahrheit melden[52] und Worte mehr als Taten? – und sprach: „Geh nur des Weges, nach dem du so verlangst; es wird dir aber nichts nützen, denn ich werde, ohne dass du ein Bewusstsein davon hast, dir eingeben, was gesagt werden muss, und deine Sprachwerkzeuge so wenden, wie es recht und nützlich ist; ich werde deine Rede lenken und alles mit deiner Zunge künden, ohne dass du es merkst“. 275 (50.) Auf die Kunde, dass er bereits in der Nähe sei, zog der König mit seinen Trabanten ihm entgegen, und als sie einander begegneten, da gab es natürlich zuerst freundliche Begrüssung und Aufnahme, dann leisen Tadel ob seines Zauderns und seiner geringen Bereitwilligkeit zu kommen. Darauf fanden Bewirtungen statt, prächtige Gastmähler und alle anderen Veranstaltungen, wie sie zum Empfange von Fremden üblich sind, alles durch den Ehrgeiz des Königs zu Grossartigkeit und stolzer Pracht sich entfaltend. 276 Am andern Tage holte Balak mit Tagesanbruch den Seher ab und führte ihn auf einen Hügel, wo auch eine Säule eines Götzen errichtet war, die die Bewohner des Landes anzubeten pflegten. Ein Teil des Lagers der Hebräer war von hier oben sichtbar, und den zeigte er wie von einer Warte dem Zauberer. 277 Als dieser ihn erblickte, sprach er: „Errichte, o König, sieben Altäre [284] und bringe auf jedem ein Kalb und einen Widder dar; ich will inzwischen bei Seite treten und von der Gottheit zu erfahren suchen, was ich sagen soll“. Kaum war er hinausgegangen, da geriet er sofort in Verzückung, ein prophetischer Geist kam über ihn, der seine ganze künstlich geregelte Seherkunst ihm aus dem Bereiche der Seele vertrieb; denn magische Zauberei durfte mit hochheiliger Verzückung nicht zusammenwohnen. Darauf kehrte er zurück, und als er die Opfer und die brennenden Altäre sah, sprach er wie ein Dolmetsch[53] fremder Eingebung folgenden Spruch: 278 „Aus Mesopotamien liess Balak mich holen und den weiten Weg aus dem Osten zurücklegen, um an den Hebräern durch Verwünschungen Rache zu nehmen. Wie aber kann ich ihnen fluchen, denen Gott nicht flucht? Ich kann sie von hohen Bergen mit Augen schauen und mit dem Geiste wahrnehmen, schaden aber könnte ich einem Volke nicht, das allein wohnen wird, den andern Völkern nicht zugezählt, nicht weil es von ihnen räumlich abgeschieden und örtlich getrennt ist, sondern gemäss der Besonderheit seiner ausgezeichneten Sitten, und mit andern sich nicht mischend, weil es von der Vätersitte nicht abweichen will. 279 Wer kennt die erste Grundlage ihrer Entstehung genau? Ihre Leiber zwar sind aus menschlichem Samen gebildet, aus göttlichem aber sind ihre Seelen erzeugt; deshalb sind sie auch gottverwandten Wesens. Schiede doch meine Seele aus dem leiblichen [p. 125 M.] Leben, damit sie unter die Seelen der Gerechten gezählt werde, wie es die Seelen dieser Menschen sind“[54].

280 (51.) Als Balak diese Worte hörte, war er in seinem Innern schmerzlich getroffen und sprach, als jener geendet hatte, fassungslos: „Zur Verfluchung der Feinde berufen, schämst du dich nicht Segenswünsche für sie zu sprechen? Ich habe mich also in dir getäuscht, wenn ich dich für [285] meinen Freund hielt, der du es heimlich mit meinen Feinden hältst, wie es jetzt offenbar geworden ist. Auch dein Zaudern hierherzukommen ist wohl eine Folge der heimlichen Hinneigung deiner Seele zu ihnen und der Abneigung gegen mich und die meinen. Ein Beweis für das Unbekannte ist ja das Sichtbare, wie das alte Wort lautet“. 281 Und jener, von seiner Verzückung befreit, erwiderte: „Sehr ungerecht ist die Beschuldigung, die ich durch deine falsche Anklage erleiden muss; denn ich spreche nicht eigene Gedanken aus, sondern nur was die Gottheit mir eingibt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich dies sage und du es hörst, sondern schon vorher, als du die Gesandtschaft schicktest, habe ich ihr dieselbe Antwort gegeben“. 282 In dem Glauben nun, entweder den Seher zu täuschen oder die Gottheit zu beeinflussen und durch einen Wechsel des Ortes auch die Festigkeit ihrer Gesinnung zu ändern, führte ihn der König an einen andern Ort[55] und zeigte ihm von einer sehr langgestreckten Anhöhe aus einen Teil des feindlichen Heeres. Darauf errichtete er wiederum sieben Altäre, liess die gleiche Zahl von Opfertieren wie vorher schlachten und sandte den Seher (angeblich) zu günstigen Vorzeichen und Offenbarungen aus. 283 Der aber wird in der Einsamkeit plötzlich von göttlichem Geiste ergriffen, und ohne selbst etwas zu merken, wie wenn die Vernunft von ihm gewichen wäre, sprach er prophezeiend folgenden ihm eingegebenen Spruch: „Auf, höre, o König, mit aufmerksamem Ohre. Nicht wie ein Mensch ist Gott der Täuschung unterworfen und nicht ändert[56] er wie ein Menschenkind seinen Sinn oder verharrt nicht bei dem, was er einmal gesprochen. Er wird überhaupt nichts sprechen, was nicht sicher in Erfüllung gehen wird, denn das Wort ist bei ihm die Tat. Ich aber bin zu Segenssprüchen und nicht zu Flüchen berufen worden. 284 Es wird kein Mühsal noch Drangsal bei den Hebräern sein. Gott schützt sie sichtlich, der auch den Sturm der aegyptischen Uebel zerstreut und wie einen einzigen [286] Mann so viele Myriaden heraufgeführt hat. Daher sind sie um Vorbedeutungen und alle andern Wahrsagekünste unbekümmert im Vertrauen auf den Einen, den Lenker des Weltalls. Ich sehe das Volk sich aufrichten wie einen jungen Leu und wie einen Löwen stolz einherschreiten. Es wird an Jagdbeute sich sättigen, und als Trank wird ihm der Verwundeten Blut dienen, und gesättigt wird es nicht dem Schlafe sich hingeben, sondern wach das Siegeslied [p. 126 M.] singen“.

285 (52.) Unmutig über das wider Erwarten ungünstige Ergebnis der Mantik sprach der König: „Mensch, sprich weder Fluch noch Segen aus; denn besser als unangenehme Rede ist das ungefährliche Schweigen“. Und trotzdem, als hätte er seine Worte vergessen, führte er in seinem Wankelmut den Seher an einen andern Ort, von wo er ihm einen Teil des Hebräerheeres zeigte und ihn aufforderte, es zu verwünschen. 286 Dieser war noch schlechter als jener; obwohl er gegen die erhobenen Anklagen nur die eine wahre Entschuldigung hatte, was er sage, sei nicht sein eigen, sondern er sei unter dem Zwange der göttlichen Eingebung nur der Dolmetsch eines andern, und obwohl er nicht mehr hätte mitgehen, sondern nach der Heimat aufbrechen sollen, eilte er noch eifriger als sein Begleiter vorwärts, teils von dem schlimmen Fehler des Eigendünkels getrieben, teils aber auch im Herzen von dem Wunsche zu fluchen erfüllt, wenn er auch in Worten daran gehindert wurde. 287 Er kam auf einen Berg, der noch grösser als die früheren war und sich weithin erstreckte, und befiehlt dort, nach Errichtung von sieben Altären dasselbe Opfer, abermals vierzehn Opfertiere, zwei, ein Kalb und einen Widder, auf jedem Altare, darzubringen. Er selbst aber trachtete natürlich nicht mehr nach Vorbedeutungen und Vorzeichen[57] und schmähte seine Kunst bitter, die durch die Zeit wie Schriftzüge verblasst und ihrer richtig treffenden Zielsicherheit verlustig gegangen sei. Ausserdem merkte er allmählich, dass die Absicht des Königs, der ihn [287] in Sold genommen hatte, dem Willen der Gottheit zuwiderlief. 288 Wie er sich nun gegen die Wüste wendet, sieht er die Hebräer nach Stämmen gelagert, und in Bewunderung ihrer grossen Zahl und der Ordnung, die den Anblick einer Stadt und nicht eines Lagers bot, kündet er in Verzückung folgendes: 289 „So spricht der wahrhaft schauende Mann, der im Schlafe eine deutliche Erscheinung Gottes mit den immer wachen Augen seiner Seele sah. Wie schön sind deine Wohnungen, Heer der Hebräer, deine Zelte wie schattige Talgründe, wie ein Lustgarten am Flusse, wie Zedern am Wasser. 290 Einst wird ein Mann aus eurer Mitte hervorgehen und über viele Völker obsiegen, und seine Herrschaft wird täglich ansteigend hoch sich erheben. Dies Volk hat zum Führer auf dem ganzen Wege aus Aegypten Gott, der die Menge in [p. 127 M.] einem Heerkörper führt. 291 Darum wird es viele feindliche Völker verzehren und all ihr Fett bis zum Mark gewinnen und durch seine ferntreffenden Geschosse die Feindlichgesinnten vernichten. Es wird ausruhen wie ein Löwe oder eines Löwen Junges sich lagernd, voller Geringschätzung, in Furcht vor niemand, Schrecken den anderen einjagend. Wehe dem, der es aufstörend weckt! Die dich segnen, verdienen Segen, und Fluch, die dir fluchen“.

292 (53.) Darüber sehr unwillig sprach der König: „Zur Verfluchung der Feinde gerufen, hast du nun schon drei Segenssprüche für sie getan. Entweiche denn nunmehr schnell – ein jähes Gefühl ist der Zorn –, sonst sehe ich mich gezwungen, dir ein Leid anzutun. 293 Welcher Menge von Schätzen, Unvernünftiger, und von Geschenken, welchen Ruhmes und Rufes hast du dich in deiner Verblendung beraubt. Du wirst heimkehren, ohne aus der Fremde in die Heimat etwas Gutes mitzubringen, dafür, wie sich’s gebührt, Schmähungen und grosse Schande; so wird man deine Wissenschaft, mit der du dich früher so sehr brüstetest, verlachen“. 294 Und jener erwiderte: „Die bisherigen Reden waren lauter Gottessprüche und Weissagungen, was ich aber jetzt sagen will, sind meines eigenen Geistes Entwürfe“. Und seine Rechte fassend gab er ihm unter vier Augen einen Rat, wie er, soweit es möglich sei, sich vor dem feindlichen Heere schützen könne, ein Rat, [288] durch den er sich selbst des grössten Frevels schuldig erklärte. Denn wozu, so kann man sagen, gibst du auf eigene Faust Ratschläge im Widerspruch mit den Wahrsagungen, wofern nicht deine Ratschläge dir wirksamer erscheinen als die göttlichen Aussprüche? 295 (54.) Betrachten wir nunmehr seine schönen Ratschläge, wie fein sie ersonnen waren zu sicherer Niederlage derer, die sonst immer hätten Sieger bleiben können. Da er wusste, dass bei den Hebräern es nur einen Weg, sie zu überwinden, gebe, das Handeln gegen das Gesetz, so gedachte er durch das grosse Laster der Wollust und Zuchtlosigkeit sie zu einem noch grösseren Frevel, der Gottlosigkeit, zu verführen, indem er ihnen die Sinnenlust als Köder hinwarf. 296 „Die Weiber der Eingeborenen, o König“, so sprach er[58], „zeichnen sich vor anderen durch ihre schöne Erscheinung aus. Ein Mann aber ist durch nichts leichter zu fangen als durch die schöne Gestalt eines Weibes. Wenn du nun den Schönsten gestatten wirst zu buhlen und sich preiszugeben, so werden sie die jungen Leute unter deinen Feinden ködern. 297 Man muss ihnen aber einschärfen, nicht sofort ihre Jugendreize den Begehrenden preiszugeben, denn die Sprödigkeit weckt mit ihrem heimlichen Reiz die Begierden noch mehr und entflammt die Liebesleidenschaft; von den Begierden fortgerissen, werden sie alles zu tun und zu dulden sich bereit finden lassen. 298 Wenn dann der Liebhaber in solcher Stimmung ist, so spreche in übermütiger [p. 128 M.] Ausgelassenheit manche von den zu dieser Jagd abgerichteten Jungfrauen: du darfst den Verkehr mit mir nicht eher geniessen, als bis du deine väterlichen Bräuche aufgibst und dich zu denselben bekehrst, die ich ehre; für deine sichere Bekehrung würde es mir ein sehr deutlicher Beweis sein, wenn du einwilligtest, an demselben Trank- und Schlachtopfer teilzunehmen, die wir den Götterbildern von Stein und Holz und den anderen heiligen Bildwerken darbringen. 299 So wird jener, von mannigfachen Schlingen, von der Schönheit und von kosendem Geplauder, umgarnt, nichts [289] abschlagen, und betörten Sinnes wird der Unglückliche dem Befehl sich fügen, zum Sklaven der Leidenschaft erniedrigt“.

300 (55.) Solchen Rat gab er[59]. Der andere fand, dass das Gesagte wohl zum Ziele führen dürfte; er hob daher das Gesetz gegen Ehebruch auf, schaffte auch die Gesetze über Schändung und Buhlerei ab, als ob sie überhaupt nie gegeben worden wären, und gestattete den Weibern schrankenlos Verkehr zu pflegen mit wem sie wollten. 301 Da ihnen nun Straflosigkeit gewährt war, lockten sie bald die zahlreichen Jünglinge an sich, deren Sinn sie vorher betörten und durch ihre Zauberkünste zur Gottlosigkeit verleiteten, bis Phineas, der Sohn des Hohenpriesters, voller Grimm über die Vorgänge, – es schien ihm ein arger Frevel, dass sie gleichzeitig beides, die Leiber und die Seelen, jene dem Sinnengenuss und diese der Gesetzesübertretung und gottlosen Handlungen preisgegeben hatten – eine jugendlich kühne Tat vollbrachte, wie sie einem edlen Manne ziemte. 302 Als er nämlich sah, wie einer aus seinem Volke opferte und zu einer Dirne hineinging, weder den Blick zu Boden gesenkt noch bemüht, sich vor der Menge zu verbergen, noch, wie es wohl sonst zu geschehen pflegt, sich zu dem Eingange schleichend, sondern mit schamloser Frechheit seine Zuchtlosigkeit zur Schau tragend und wie mit einer herrlichen Tat sich brüstend mit [290] dieser verächtlichen Handlung, drang er in tiefer Erbitterung und von gerechtem Zorn erfüllt hinein und tötet die beiden, während sie noch auf dem Bette lagen, den Liebhaber und die Dirne; er durchstiess ihnen auch die Zeugungsglieder, weil diese gesetzwidriger Zeugung gedient hatten. 303 Dies Beispiel ahmten einige von denen, die der Charakterstärke und Gottesfurcht sich befleissigten, auf Moses’ Geheiss nach, sie töten alle Jünglinge, selbst Verwandte und Freunde, die dem Dienste von Götzenbildern aus Menschenhand sich geweiht hatten, und sühnen so die Befleckung des Volkes durch die unerbittlich harte Bestrafung derer, die vorher die Sünde begangen hatten, während sie die anderen, die einen ganz klaren Nachweis ihrer Frömmigkeit boten, am Leben liessen; ohne Erbarmen verfuhren sie gegen die Schuldigen, auch wenn sie ihres eigenen Blutes waren, und liessen ihren Frevel nicht aus Mitleid ungestraft hingehen, sondern hielten nur die Tötenden für die Reinen. Deshalb gestatteten sie auch keinem andern die Teilnahme an dieser Bestrafung, die den Tätern untrügliches Lob eintrug. 304 24 000[60] sollen an [p. 129 M.] einem Tage getötet worden sein, wodurch sogleich der gemeinsame, das ganze Heer beschmutzende Schandfleck getilgt wurde. Als nun die Sühnung vollzogen war, wünschte Moses dem tapferen Sohne des Hohenpriesters, der zuerst zum Rächen des Frevels geeilt war, eine angemessene Auszeichnung zu gewähren. Und die Gottheit kommt ihm durch einen Gottesspruch entgegen, indem sie dem Phineas den Frieden[61] schenkt, das grösste Gut, das kein Mensch zu schenken imstande ist, und neben dem Frieden auch den ausschliesslichen Besitz des Priestertums, ihm und seinem Geschlecht als unverlierbares Erbgut.

305 (56.) Als nun von den inneren Gefahren keine mehr übrig war, sondern sogar alle des Abfalls oder des Verrats Verdächtigen den Untergang gefunden hatten, schien der [291] geeignete Zeitpunkt des Feldzuges gegen Balak[62] eingetreten zu sein, der so viel Schlimmes teils ins Werk zu setzen geplant teils bereits in Ausführung gebracht hatte, geplant mit Hilfe des Sehers, der, wie er hoffte, durch gewisse Verwünschungen die Macht der Hebräer zu vernichten imstande sein würde, in Ausführung gebracht vermittels der Ausschweifung und Zuchtlosigkeit der Weiber, die durch Geilheit körperlich und durch Gottlosigkeit seelisch die mit ihnen Verkehrenden zu Grunde richteten. 306 Einen Krieg mit Aufgebot des ganzen Heeres hielt er nun nicht für richtig, denn er wusste, dass übermässige Mengen sich selbst im Wege sind; zugleich aber hielt er es für nützlich, dass Kampfgenossen als Reserven den durch den Kampf Ermüdeten eine Hilfe seien. Daher wählte er die tüchtigsten der Jüngeren aus, je tausend aus einem Stamme, zwölf Tausend – denn zwölf Stämme gab es –, ernannte zum Oberfeldherrn des Krieges Phineas, der bereits eine Probe seines Feldherrnmutes abgelegt hatte, und sandte nach einem günstigen Opfer[63] die Schwerbewaffneten ins Feld. Zu ihrer Ermutigung hielt er etwa folgende Anrede: 307 „Nicht einem Siege zum Zweck der Herrschaft gilt der gegenwärtige Kampf, auch nicht dem Gewinn fremden Besitzes, was sonst ausschliesslich oder hauptsächlich Veranlassung zum Kriege ist, sondern der Gottesfurcht und Frömmigkeit, Tugenden, denen die Feinde unsere Verwandten und Freunde entfremdet haben, wodurch sie schweres Verderben über die Verführten gebracht haben. 308 Es wäre wirklich ungereimt, wenn wir unsere Angehörigen für gesetzwidriges Handeln mit dem Tode bestraften, dagegen die Feinde, die noch schwereres Unrecht getan haben, schonten und während wir die, die Unrecht tun gelernt, getötet haben, die unbestraft liessen, die sie dazu gezwungen und sie darin unterwiesen haben; sie sind ja an allem schuld, was jene getan oder gelitten haben“. 309 (57.) Durch diese Anrede gestählt und in dem bereits vorher ihren Seelen innewohnenden [292] Edelsinn angefeuert, stürmten sie mit unwiderstehlicher Entschlossenheit wie zu sicherem Siege in den Kampf und entwickelten im Zusammenstoss eine solche Ueberlegenheit an Kraft und Kühnheit, dass sie die feindlichen Reihen niedermetzelten und selbst heil vom Schlachtfelde heimkehrten, ohne dass einer gefallen oder auch nur verwundet worden wäre. 310 Wer von dem Ereignis nichts wusste, hätte beim [p. 130 M.] Anblick der Heimkehrenden geglaubt, sie kämen nicht aus Krieg und Schlachtreihe, sondern eher von einer der üblichen Waffenschaustellungen, die in Friedenszeiten veranstaltet zu werden pflegen und unter Freunden als Uebungen und Vorbereitungen für den Kampf gegen Feinde stattfinden. 311 Die Städte nun zerstörten sie teils durch Schleifung teils durch Verbrennung, so dass man nicht sagen konnte, ob sie überhaupt einmal erbaut waren; von den Kriegsgefangenen aber, deren sie eine unermessliche Zahl einbrachten, hielten sie es für richtig Männer und Weiber zu töten, jene, weil sie mit den frevelhaften Plänen und Taten den Anfang gemacht, und diese, weil sie die hebräischen Jünglinge betört und dadurch ihre Zügellosigkeit und Gottlosigkeit und schliesslich ihren Tod verursacht hätten; nur den ganz jungen Knaben[64] und Mädchen gewährten sie Verzeihung, ihnen verschaffte ihr zartes Alter Straflosigkeit. 312 Ueberreich an vieler Beute aus den Palästen und den Privathäusern und auch aus den Gehöften auf dem Lande – sie war nämlich in den kleinen Ortschaften nicht geringer als in den Städten –, kamen sie [293] ins Lager, beladen mit dem ganzen Reichtum der Feinde. 313 Moses lobte den Feldherrn Phineas und seine Kampfgenossen, sowohl ob der Siegestaten als auch weil sie nicht dem eigenen Nutzen nachgegangen waren in dem Gedanken, die Beute sich allein anzueignen, sondern sie der Oeffentlichkeit übergeben hatten, damit auch die in den Zelten Zurückgebliebenen daran teilhätten. Darauf befahl Moses den Kämpfern, einige Tage ausserhalb des Lagers zu bleiben, und dem Hohenpriester, die unter den Kampfgenossen, die aus der Schlachtreihe kamen, vom Morde zu sühnen. 314 Denn wenn auch der an Feinden verübte Mord durch das Gesetz gestattet ist, so scheint doch, wer einen Menschen, wenn auch mit Recht in der Abwehr und gezwungen, tötet, mit Schuld behaftet zu sein mit Rücksicht auf die ursprüngliche gemeinsame Verwandtschaft. Deshalb bedurften die Krieger, die getötet hatten, der Sühnung zur Befreiung von der Blutschuld, als welche ihre Tat nach dem Herkommen galt. 315 (58.) Bald darauf verteilte er auch die Beute (4 Mos. 31,25ff.): denen, die an dem Feldzug teilgenommen hatten – ihre Zahl war gering im Vergleich mit denen, die untätig geblieben waren –, gab er die eine Hälfte, den andern Teil den im Lager Zurückgebliebenen, denn er hielt es für recht, auch diese an dem Nutzen teilnehmen zu lassen; hatten sie ja, wenn auch nicht körperlich, doch im Geiste den Kampf mitgemacht; denn die Reserve, die von gleichem Kampfesmut wie die Kämpfer erfüllt ist, steht hinter diesen nur zeitlich zurück und insofern die anderen vor ihrem Eingreifen den Kampf zu Ende führten. 316 Nachdem nun die Wenigen, weil sie für die anderen den Kampf geführt [p. 131 M.] hatten, mehr, die grössere Zahl dagegen, weil sie in den Zelten geblieben war, weniger erhalten hatte, schien es notwendig, von der ganzen Beute die Erstlingsgaben als Opfer darzubringen. Den fünfzigsten Teil steuerten nun die in Reserve Gebliebenen, den fünfhundertsten die Vorkämpfer bei. Von diesen Erstlingsgaben befiehlt Moses die der Kämpfer dem Hohenpriester zu geben, die der im Lager Zurückgebliebenen den Tempelwärtern, den sogenannten Leviten. 317 Die Obersten über je Tausend und über Hundert und alle anderen Rottenführer und Hauptleute bringen [294] für ihre eigene Rettung wie für die ihrer Mitkämpfer und für den über alle Massen herrlichen Sieg freiwillig auserlesene Erstlingsgaben, allen goldenen Schmuck, den ein jeder bei der Beute gefunden hatte, und kostbare Geräte, die gleichfalls aus Gold waren. Moses nahm alles an, pries den frommen Sinn der Geber und legte die Weihegaben in dem geheiligten Zelte als Denkmal ihrer Dankbarkeit nieder. 318 Sehr schön ist diese Verteilung der Erstlingsgaben: die der Nichtkämpfer, die nur die halbe Tapferkeit, nämlich die Bereitwilligkeit ohne die Tat, gezeigt hatten, wies er den Tempelwärtern zu, die Gaben der Kämpfer, die mit Leib und Seele gekämpft und ihre Tüchtigkeit in vollem Masse bewiesen hatten, dem Vorgesetzten der Tempelwärter, dem Hohenpriester, und die Gaben der Hauptleute als die von Anführern Gott, dem Lenker aller Dinge.

319 (59.) Alle diese Kriege wurden, bevor sie noch den Jordan, den Fluss des Landes, überschritten, gegen die Bewohner des jenseitigen reichen und fruchtbaren Landes siegreich geführt, wo ein weites, Getreide tragendes Gefilde sich befand, das auch reichlich Futter für das Vieh zu liefern geeignet war. 320 Als dieses Land die beiden Viehzucht treibenden Stämme, der sechste Teil des ganzen Heeres, sahen, baten sie Moses um die Erlaubnis, ihr Erbteil hier in Besitz zu nehmen und sich hier schon niederzulassen (4 Mos. 32,1ff.); denn die Gegend, so sagten sie, sei sehr passend, um da Herden zu halten und weiden zu lassen, da sie wasser- und grasreich sei und reichlich Futter für Schafherden von selbst hervorbringe. 321 In der Meinung nun, sie verlangten vor der Zeit die Verteilung und die Ehrengaben auf Grund eines Vorrechts oder sie wollten sich den in Aussicht stehenden Kriegen entziehen, während noch mehr Könige sie bedrohten, die das Land diesseits des Flusses besassen, geriet er in grossen Zorn und antwortete ihnen: 322 „Ihr wollt hier zu ungehöriger Zeit in Ruhe und Untätigkeit sitzen, während eure Verwandten und Freunde sich mit den noch übrigen Kriegen abmühen sollen, und die Kampfpreise sollen euch allein, als hättet ihr bereits alles gut vollbracht, gegeben werden, während Schlachten, Anstrengung, [295] [p. 132 M.] Mühsal und die äussersten Gefahren die anderen noch erwarten? 323 Es wäre nicht gerecht, dass ihr Frieden und die Güter des Friedens geniesset, während die anderen mit Kriegen und unsagbarem Ungemach zu ringen haben, und dass das Ganze nur das Beiwerk eines Teils sein soll; im Gegenteil, nur um des Ganzen willen erhalten die Teile das Recht der Beteiligung an dem Besitze. 324 Alle seid ihr gleichberechtigt, ihr seid ein Geschlecht, habt dieselben Vater, seid ein Haus, habt gleiche Sitten, gemeinsame Gesetze und vieles andre, was jedes für sich eure Zusammengehörigkeit festigt und euch zu gegenseitigem Wohlwollen verbindet. Weshalb wollt ihr denn, die ihr in den wichtigsten und notwendigsten Dingen den anderen gleichstehet, bei der Verteilung etwas voraushaben, wie Anführer, die auf ihre Untergebenen, oder wie Herren, die auf ihre Sklaven mit Geringschätzung herabsehen? 325 Ihr hättet durch das Missgeschick anderer euch belehren lassen sollen; kluge Männer warten nicht, bis das Unglück zu ihnen kommt. Nun aber, obwohl ihr im eigenen Hause Beispiele habt an euren Vätern, die dieses Land ausgekundschaftet haben, und an ihrem Unglück und dem der Genossen, die ihre Verzweiflung teilten – denn alle bis auf zwei sind sie ja umgekommen –, obwohl ihr also keinem ihresgleichen euch zugesellen dürftet, eifert ihr ihnen in Feigheit nach, ihr Sinnlosen, als ob dadurch nicht der Sieg über euch leichter würde, lähmet den Kampfesmut der anderen, die es vorziehen, als tapfere Männer sich zu erweisen, und entkräftet und schwächet ihre wackeren Gesinnungen. 326 So werdet ihr denn durch eure Eile im Sündigen auch eure Strafe beschleunigen. Die gerechte Strafe pflegt nur langsam sich in Bewegung zu setzen, aber einmal in Bewegung, erreicht und erfasst sie rasch die Fliehenden. 327 Erst wenn alle Feinde aufgerieben sind und kein bedrohlicher Krieg mehr zu erwarten ist, wenn die Kampfgenossen bei der Prüfung sich als tadellos erwiesen haben, wenn sie nicht Fahnenflucht, nicht Fernbleiben vom Heere und sonst nichts, was zu einer Niederlage führen könnte, vollführt haben, sondern zeigen, dass sie von Anfang bis zu Ende mit Leib und Seele ausgeharrt haben, wenn das ganze Land von seinen [296] früheren Bewohnern befreit ist, dann erst werden die Ehrengaben und die Preise den Stämmen gleichmässig verliehen werden“. 328 (60.) Diese Zurechtweisung nahmen sie ruhig hin wie edle Söhne des wohlwollendsten Vaters; wussten sie ja, dass er nicht mit seiner Herrschergewalt gegen sie prahlen, sondern für alle sorgen wolle und Gerechtigkeit und Gleichheit hochhalte und seinen Hass gegen das Schlechte niemals zur Schmähung, sondern stets zur Belehrung derer äussere, die sich zu bessern imstande wären; daher sprachen sie: „Mit Recht bist du unwillig, wenn du annimmst, dass wir die Kampfgenossenschaft aufgeben und vor der Zeit unsern Anteil zu nehmen wünschen. 329 Du sollst aber genau wissen, dass uns nichts von dem schreckt, was noch Tapferkeit erfordert, und wäre es noch so mühevoll. Wir erachten es für die Pflicht der Tapferkeit, dir, einem so treuen Führer, zu gehorchen und in den Gefahren [p. 133 M.] nicht zurückzustehen und in allen noch in Aussicht stehenden Feldzügen uns zu bewähren, bis das Unternehmen ein günstiges Ende findet. 330 Wir wollen wie auch bisher in Reih und Glied mit den anderen in voller Rüstung und keinem Krieger einen Vorwand zum Zurückbleiben bietend über den Jordan gehen. Nur unsere ganz jungen Söhne, unsere Töchter und unsere Weiber und die Menge unserer Herden sollen mit deiner Erlaubnis zurückbleiben, nachdem wir für unsere Kinder und Weiber Häuser und Ställe für unsere Herden gebaut haben, damit ihnen nicht durch einen Ueberfall irgend ein Leid geschehe, wenn sie an unbefestigten und ungeschützten Orten überrascht werden“. 331 Mit gnädigem Blick und freundlicherer Stimme antwortete nunmehr Moses: „Wenn ihr es ehrlich meint, so sollen euch die Anteile, die ihr gefordert habt, gesichert bleiben. Lasset also, wie ihr es verlanget, Weiber und Kinder und Herden zurück, ihr selbst aber ziehet mit den anderen in Reih und Glied hinüber, gerüstet und kampfbereit, so dass ihr gegebenen Falls sofort kämpfen könntet. 332 Später aber, wenn alle Feinde vernichtet sind, der Friede hergestellt ist und die Sieger das Land verteilen, sollt auch ihr zu euren Angehörigen zurückkehren zum Genuss des euch zufallenden Besitzes und zur [297] Gewinnung der Früchte aus dem Anteil, den ihr gewählt habt“. 333 Nachdem er ihnen dies gesagt und versprochen, bringen sie voller Freude und Frohsinn ihre Angehörigen mit den Herden sicher in schwer einnehmbaren festen Plätzen unter, von denen die meisten künstliche Befestigungen hatten; dann griffen sie selbst zu den Waffen und zogen mit noch grösserem Eifer als ihre Mitstreiter hinaus, um entweder allein den Krieg zu führen oder allen voran zu kämpfen; denn wer ein Geschenk vorher erhalten hat, geht bereitwilliger in den gemeinsamen Kampf, weil er dies als die unerlässliche Abtragung einer Schuld, nicht als die Erweisung einer Wohltat ansieht.

334 Seine Leistungen als Herrscher sind nun dargelegt worden; jetzt habe ich der Reihe nach von dem zu sprechen, was er als Gesetzgeber und oberster Priester[65] vollbracht hat; denn auch die Befähigung für diese Aemter, die ja besonders zum Königtum passen, war ihm zuteil geworden.




  1. Philo de praem. et poen. § 55: „Ein Dolmetsch ist der Prophet, indem die Gottheit ihm durch eine innere Stimme eingibt, was er sagen soll“. Vgl. unten § 277 und Quis rer. div. heres § 259. Dagegen wäre durch die Bezeichnung Gesetzgeber der Juden ein göttlicher Ursprung seiner Gesetze nicht angedeutet.
  2. Auch Josephus (c. Apionem I § 213 Niese) sucht für das Schweigen hellenischer Schriftsteller über die Juden ähnliche Gründe (οὐκ ἀγνοοῦντες .... ἀλλ᾽ ὑπὸ φθόνου τινὸς ... τὴν μνήμην παρέλιπον).
  3. Gegen die abenteuerlichen Erzählungen teils heidnischer Schriftsteller wie Apion und Apollonius Molo (vgl. Jos. c. Ap.), teils vielleicht auch jüdischer Historiker wie Artapanus (vgl. Freudenthal, Hellenistische Studien S. 143–174) u. a.
  4. Vgl. Ueber Abraham § 8 und die Anm. dazu. An unserer Stelle haben einige Hss. Ἑβραῖος für Χαλδαῖος.
  5. Dass Moses zur siebenten Generation nach Abraham gehörte, betonen auch Demetrius (Freudenthal a. a. O. S. 222 Z. 23) und Josephus Altert. II § 229.
  6. Die Unfruchtbarkeit der Königstochter erwähnen auch Artapan (Freudenthal S. 232 Z. 31) – sie heisst bei ihm Merris – und Josephus (Alt. II § 232), bei dem sie Thermuthis heisst. Der Midrasch Schemot Rabba c. [225] 1 zu 2 Mos. 2,10 nennt sie Bathia. Dass sie die einzige Tochter Pharaos war, ist Zusatz Philos.
  7. Josephus Alt. II § 228 gibt dazu noch eine Deutung der Endsilbe (σῆς = gerettet); c. Ap. I § 286 erklärt er das Wort ebenso wie Philo.
  8. Auch nach dem Midrasch wuchs Moses ungewöhnlich rasch: vgl. Schemot R. c. 1 zu 2 Mos. 2,10 und 11.
  9. Sprichwörtlich. Vgl. die Erklärer zu Plato Theaetet p. 183 d ἱππέας εἰς πεδίον προκαλεῖς und zu Paroemiogr. Gr. Diogen. I 65.
  10. Vgl. unten II § 140.
  11. Anspielung auf Worte des Euripides (frg. 420), die an anderer Stelle (Ueber die Träume I § 154) wörtlich von Philo angeführt werden.
  12. Hier scheint Philo auf Vorgänge seiner Zeit anzuspielen, wie er sie zum Teil in der eigenen Familie erlebte. Von seinem abtrünnigen Neffen Tiberius Alexander, der es später bis zum Prokurator von Judäa (64) brachte, unter Nero Statthalter von Aegypten war, wo er einen Aufstand blutig unterdrückte, und auch im jüdischen Kriege den Römern wesentliche Dienste leistete, sagt sein politischer Gesinnungsgenosse Josephus (Alt. XX § 100): „Er blieb den väterlichen Sitten nicht treu“. Sollte vielleicht die hier mit so auffallender Ausführlichkeit entworfene Schilderung der Entwickelung des jungen Moses eine Mahnung für den begabten, aber ehrgeizigen Bruderssohn sein?
  13. Vgl. Sophokl. Aias 492.
  14. Vgl. den Midrasch ולא יהיו ישנין בבתיהם‎ (Pharao befahl, dass sie nicht in ihren Häusern schlafen sollten): Schemot R. c. 1 zu 2 Mos. 1,14.
  15. βίος θεωρητικός und βίος πρακτικός, ein beliebtes Thema der Peripatetiker und Stoiker, sind die Ziele, welche besonders die Stoiker für ihre Jünger anstreben (vgl. Philo de praem. et poen. § 11. 51).
  16. Der ὀρθὸς λόγος der stoischen Philosophie; vgl. was Philo von dem λόγος φύσεως z. B. de Josepho § 29 sagt, der gebietet, was man tun, und verbietet, was man lassen soll; ebendaselbst § 31 heisst er wie hier auch ὀρθὸς λόγος φύσεως. Nach den Stoikern ist der ὀρθὸς λόγος (Diog. La. VII 88) das objektive Gesetz der Natur, der menschlichen wie der des Universums, ὁ νόμος ὁ κοινὸς ὅσπερ ἐστὶν ὁ ὀρθὸς λόγος, ὁ διὰ πάντων ἐρχόμενος, ὁ αὐτὸς ὢν τῷ Διί, die Richtschnur für den Weisen.
  17. Rhetorische Ausschmückung des Textes (2 Mos. 2,17): „Da stand Moses auf und half ihnen und tränkte ihre Schafe“. Aehnliches über Moses’ Rede an die Hirten hat auch der Midrasch (Schemot R. c. 1 zu der Stelle): „Er sprach: Gewöhnlich schöpfen Männer und Weiber tränken, hier schöpfen Weiber und Männer tränken“.
  18. Vgl. Midr. Schemot R. c. 2 zu 2 Mos. 3,1, besonders die Erzählung von dem müden Schäflein, das der Hirt Moses auf seinen Schultern vom Quell zur Herde zurückbringt; sie schliesst mit den Worten: „Gott sprach zu Moses: du hast Barmherzigkeit, Schafe von Fleisch und Blut (d. h. wirkliche) zu führen; bei deinem Leben, du sollst auch meine Schafe weiden, Israel“. Auch die oben an diese Betrachtung geknüpfte Sentenz von der Vorbereitung für grössere Aufgaben durch kleinere ist an derselben Stelle im Midr. unmittelbar im Anschluss an das oben gegebene Zitat zu lesen: „Gott verleiht dem Menschen nicht eher Grösse, als bis er ihn in einer kleinen Sache geprüft hat“.
  19. So nach der von Cohn vorgeschlagenen Aenderung (διαθέσεως für ὑποθέσεως).
  20. Die bei Philo häufig wiederkehrende und besonders in der Schrift „Ueber Abraham“ ausführlich dargelegte Symbolisierung der Patriarchen.
  21. Die Auslegung der Bibelworte (2 Mos. 4,10) „auch nicht seitdem du mit deinem Diener redest“ scheint Philos Eigentum; der Midrasch deutet sie anders: vgl. Schemot R. z. St.
  22. Etwa wie die griechischen Mysterien. Bekanntlich gibt Moses nach 2 Mos. 8,22 einen andern Grund an: תועבת מצרים‎.
  23. Philo gebraucht hier und weiterhin den der griechischen Sprache eigentümlichen Ausdruck οἱ ἀμφὶ Μωυσῆν (die um Moses), obwohl Moses nur von Aaron begleitet wurde.
  24. Ueber die Zahl 10 als vollkommene Zahl vgl. Ueber die Weltschöpfung § 47.
  25. Diese Verteilung, mit echt Philonischem Spürsinn aufgestellt, gründet sich auf die biblische Erzählung. Man vergleiche 2 Mos. 7,19.20 (Aaron verwandelt mit seinem Stabe alles Wasser in Blut); 8,1.2 (er bringt auf dieselbe Weise die Frösche ans Land); 8,12.13 (Ungeziefer); – 9,22.23 (Moses bringt durch Ausstrecken seiner Hand gen Himmel den Hagel); 10,12.13 (ebenso durch Emporhalten seines Stabes die Heuschrecken); 10,21.22 (ebenso die Finsternis); – 9,8.9 (Moses u. Aaron nehmen Russ, den Moses gen Himmel wirft, und die Plage der Geschwüre erscheint); – 8,20. 9,6. 12,29 (die drei übrigen Plagen ohne die Vermittlung beider).
  26. Ueber die Zweiteilung der Elemente in solche, die aus gröberen (Wasser und Erde), und solche, die aus feineren Teilen (Luft und Feuer) bestehen, u. s. w. vgl. besonders Quis rerum divinarum heres § 134.
  27. Vgl. Midr. Schemot R. c. 9 zu 2 Mos. 7,17: „Warum wurde das Wasser zuerst (mit Blut) gestraft? Weil Pharao und die Aegypter dem Flusse göttliche Verehrung erwiesen“.
  28. Die Bedeutung des hebr. Wortes כִּנָּם (2 Mos. 8,12 ff.), das die Septuaginta durch σκνίψ wiedergibt, ist zweifelhaft. Da nach § 108 und 145 das Tier fliegen kann, dürfte Philo darunter eine Mückenart verstanden haben.
  29. Auch der Midrasch (z. B. in der Pessach-Haggada) nimmt den Unterschied von Finger und Hand Gottes zum Ausgangspunkt verschiedener Deutungen über die Grösse der verhängten Strafen, in Anlehnung an 2 Mos. 8,15.
  30. Vgl. die ausführlichen Schilderungen und Erklärungen der Nilüberschwemmungen bei Diodor I 38 ff. und Seneca Quaest. nat. IVa, 1.2 (Diels, Doxogr. gr. 226 ff.).
  31. Die Reihenfolge der Plagen weicht – der oben § 97 erwähnten Verteilung entsprechend – von der in der Bibel gegebenen ab. Hält sich [249] Philo vielleicht nach dem Grundsatze talmudischer Exegeten אין מוקדם ומאוחר בתורה‎ (in der Thora wird zeitliche Folge der Ereignisse nicht eingehalten) dazu für berechtigt? Auch in den Psalmen 105,28ff. u. 78,44ff. ist bekanntlich weder die Zahl noch die Reihenfolge der im 2. B. Mos. geschilderten Plagen festgehalten.
  32. Die Septuaginta, der Philo folgt, übersetzt רוח קדים (2 Mos. 10,13) durch ἄνεμος νότος (Südwind).
  33. Wiederum nach der Uebersetzung der Septuaginta ἄνεμος ἀπὸ θαλάσσης (2 Mos. 10,19) für das hebräische רוח־ים‎ (Westwind).
  34. Das Mahlen des Getreides mit der Handmühle gehörte auch im griechischen Hause zu den Obliegenheiten der niedrigsten Sklavinnen.
  35. Für ὃν παρ’ ἀκόντων ist wohl παρ’ ἀκόντων, ὃν zu lesen.
  36. Die im griechischen Text hier vorhandene Lücke ist von Cohn nach Clemens Alexandrinus (Strom. I 23), der unsere Stelle benutzt, ergänzt.
  37. Den Beruf Israels als eines Priestervolkes zum Heile der ganzen Menschheit betont Philo öfter.
  38. Vgl. Ueber Abraham § 25.
  39. Plato Phaedrus p. 279 c.
  40. Nach Philos Theorie sind die hervorragenden biblischen Persönlichkeiten fleischgewordene Ideen, ungeschriebene Gesetze (νόμοι ἄγραφοι).
  41. Nach hellenischer Sitte war der Träger des von Hause mitgenommenen heiligen Feuers, der Heer oder Flotte begleitete, unverletzlich. Daher sagte man von einer völligen Niederlage sprichwörtlich: „es blieb auch nicht ein Feuerträger übrig“; vgl. die Erklärer zu Herod. 8,6 Zenob. V 34.
  42. τὴν ἵλεων αὑτοῦ δύναμιν gleichbedeutend mit מדת הרחמים‎; vgl. Einl. S. 19.
  43. Diese Deutung der 12 Quellen und 70 Palmen kennt auch der Midrasch: vgl. Raschi zu der Stelle.
  44. Philo spricht hier von regelmässigem Erscheinen der Wachteln am Abend, in auffallendem Widerspruch mit dem Bibeltext (2 Mos. 16,13), nach welchem die Wachteln damals nur einmal, und zwar vor dem Manna, erschienen. Der Widerspruch löst sich dadurch, dass Philo mit der erwähnten Bibelstelle hier gleich die andere (4 Mos. 11,31) verbindet.
  45. d. i. Amalekiter.
  46. Die Septuag. übersetzt יהוה נסי‎ durch κύριος καταφυγή μου (der Herr meine Zuflucht).
  47. Vom Kampf mit Amalek (2 Mos. 17,8 ff.) wendet sich Philo sogleich zur Erzählung von den 12 Kundschaftern (4 Mos. 13,1 ff.); er übergeht hier, da er im ersten Buche Moses nur als Führer des Volkes schildern will, die dazwischenliegenden Ereignisse, die Offenbarung am Sinai und die ganze Gesetzgebung.
  48. Für ὀλίγον ist wohl ὀλίγων zu lesen.
  49. 4 Mos. 21,1.3 ist der König von Arad nicht mit Namen genannt, sondern nur als Kanaaniter bezeichnet; in der Septuaginta ist הכּנעני‎ durch Χανανείς (oder Χανάνης) übersetzt, der Volksname also, wie es scheint, als Personenname behandelt; daher bei Philo der Eigenname Chananes. Vgl. L. Cohn im Hermes XXXVIII S. 521 f.
  50. ἀκκιζόμενος für ἀστεϊζόμενος nach Cohns Konjektur (Hermes XXXVIII S. 539).
  51. ἐπὶ πόδας für ὑπὸ πόδας zu lesen? vgl. die Wörterbücher.
  52. Philo spielt hier auf den alten Satz an, den er De spec. leg. IV § 60 wörtlich zitiert, ὦτα ὀφθαλμῶν ἀπιστότερα (die Ohren sind unzuverlässiger als die Augen). Vgl. Herodot I 8. Heraklit bei Polyb. XII 27,1. R. v. Scala, Studien des Polybius I S. 88.
  53. Vgl. die Anm. zu § 1.
  54. Die letzten Sätze dieser Rede sind der Versuch einer Deutung der falschen Uebersetzung des hebr. Textes (4 Mos. 23,10) durch die Septuaginta מי מנה עפר יעקבτίς ἐξηκριβάσατο τὸ σπέρμα Ιακωβ und תמות נפשי מות ישרים ותהי אחריתי כמהוἀποθάνοι ἡ ψυχή μου ἐν ψυχαῖς δικαίων καὶ γένοιτο τὸ σπέρμα μου ὡς τὸ σπέρμα τούτων.
  55. משנה מקום משנה מזל; vgl. Talm. babyl. Resch haschana f. 16 a וי״א אף שנוי מקום‎.
  56. Hier stimmt Philo mit dem hebr. Text (4 Mos. 23,19) ויתנחם‎ gegen die überlieferte Lesart der LXX (ἀπειληθῆναι) überein.
  57. d. h. er ging sofort an die Weissagung, ohne wie vorher nach dem Willen der Gottheit durch Beobachtung von Zeichen zu forschen (vgl. 4 Mos. 24,1).
  58. Auch Josephus Altert. IV § 126 ff. lässt Bileam in längerer Rede seinen Plan der Verführung der Hebräer Balak und den Moabitern auseinandersetzen.
  59. Die Verführung der Israeliten durch Sinnenlust zum Götzendienst als Rat Bileams, den er Balak erteilt, entspricht zwar nicht buchstäblich dem Wortlaut des biblischen Textes an dieser Stelle, wird aber aus 4 Mos. 24,14 איעצך‎ und 4 Mos. 31,16 erschlossen. Philo stimmt darin mit dem palästinischen Midrasch überein, ebenso Josephus. Im babyl. Talmud (Sanh. f. 106 a) wird im Anschluss an 4 Mos. 24,14 das Werk der verführenden Frauen in der knappen talmudischen Art mit noch grösserer Anschaulichkeit und Ausführlichkeit als hier geschildert. Noch lebendiger im Midrasch Jalkut zu Psalm 106. Auch die Tötung der 24 000 Mann, die nach der biblischen Erzählung Opfer einer Seuche werden, kehrt ähnlich in der Tradition wieder. In der Schrift De virtutibus, in der Philo selbst ausführlicher als hier von diesem Ereignis handelt, das er gegen 4 Mos. 25,1 nur auf einen Plan der Midianiten zurückführt (§ 34 ff. Cohn), sterben die 24 000 Mann durch Strafe Gottes, also anscheinend wie im biblischen Text durch eine Seuche. Josephus Altert. IV § 154. 155 verbindet beide Traditionen.
  60. Vgl. die Anm. zu § 300.
  61. Die Septuaginta zu 4 Mos. 25,12 hat διαθήκην εἰρήνης, nur A wie der hebr. Text τὴν διαθήκην μου, wozu wohl nur εἰρήνην anstatt εἰρήνης passt. So scheint auch Philo gelesen zu haben.
  62. Nach der biblischen Erzählung (4 Mos. 31,1 ff.) wird der Krieg nur gegen Midian unternommen, weil dieses Volk Balak unterstützt hatte. Ebenso bei Joseph. a. a. O. § 159 ff.
  63. Von einem Opfer vor der Schlacht berichtet die Bibel nichts.
  64. Diese Angabe steht im Widerspruch mit dem hebräischen Text (4 Mos. 31,17 f.), den auch die griechische Uebersetzung mit auffallender Unklarheit wiedergibt. Sie hat sonst für das Wort טף‎ unserer Stelle die Uebersetzung ἔκγονα, παιδία, τέκνα, auch ἀποσκευή u. ä., nur hier steht dafür der Ausdruck ἀπαρτία = zu versteigernde Beute (שלל‎). Man konnte daher die Stelle auch so verstehen, als sollte nur alles im Kampfe erbeutete Männliche, d. h. gefangene Krieger, getötet werden. Vielleicht schien die nur in diesem Kampfe befohlene Tötung der männlichen Kinder den hellenistischen Juden zu grausam? Ihre Schonung, wie sie Philo hier annimmt, entspricht übrigens nach den hebr. Commentatoren z. B. Raschi zu 5 Mos. 20,13 f. dem gewöhnlichen dort erwähnten Kriegsrecht. An der Parallelstelle De virtut. (de fortitud.) § 43 folgt Philo dem hebr. Text insofern genauer, als er nur von verschonten unschuldigen Jungfrauen spricht. Aber auch dort schweigt er von der Tötung der männlichen Kinder.
  65. Nach II § 2. 66. 187. 292 und nach der ganzen Anordnung der folgenden Ausführungen muss wohl auch hier νομοθετικῆς vor ἀρχιερωσύνης gelesen werden.
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