Uebersicht einiger vorbereitenden Ursachen der französischen Staats-Veränderung

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Autor: Anonym (Karl Friedrich Reinhard)
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Titel: Uebersicht einiger vorbereitenden Ursachen der französischen Staats-Veränderung.
Untertitel: Von einem in Bourdeaux sich aufhaltenden Deutschen
aus: Thalia. 1785–1791. Dritter Band, 12. Heft, 1791, S. 30–77
Herausgeber: Friedrich Schiller
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Erscheinungsdatum: 1791
Verlag: G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung
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[30]
II.
Uebersicht einiger vorbereitenden Ursachen der französischen Staats-Veränderung

Von einem in Bourdeaux sich aufhaltenden Deutschen.

Es giebt Erscheinungen in der Weltgeschichte, die kein menschlicher Scharfsinn voraussehen kann, und die Entwicklungen des Schicksals der Nationen sind eben so wenig dem Kalkul unterworfen, als der Lebenslauf des unbedeutenden Weltbürgers. Friedrich der Große selbst, dessen Riesengeist Gegenwart und Zukunft zu beherrschen schien, wenn er in vertrauten Briefen der Freundschaft sein Herz öfnete, erkannte die Uebermacht eines unlenksamen unvoraussehbaren Zufalls, der mit gleichem Eigensinn die überdachtesten Entwürfe vereitelt, und die kühnsten Entschlüsse beglückt. Niemals konnte sein Blick auch nur den tausendsten Theil aller Triebfedern umfassen, welche das große Rad in Bewegung setzen, dessen Umlauf ihn jezt an den Rand des Untergangs schleuderte, jezt auf die höchste Stufe des Ruhms und des Kriegsglücks erhob. Dessen ungeachtet halten sich alle Begebenheiten an einer verborgenen [31] Kette, und die größten sind an die kleinsten geknüpft. Allein diesen geheimen Zusammenhang bis in seine entferntesten Verschlingungen zu verfolgen, ist nicht das Werk menschlicher Einsicht. Zuweilen wirken die Ursachen, wie der erste ungefähre Funken einer Feuersbrunst, im verborgnen und langsam. Zuweilen gränzt an sie der Erfolg nahe, wie die Flamme an den zündenden Blitz. Der bequemste Standpunkt für den Beobachter ist gewöhnlich weder in zu großer Entfernung, sei’s der Zeit oder des Orts, noch in zu großer Nähe: jenes, weil veraltete Urkunden die Merkmale der Aechtheit verlieren, oder weil zu entfernte Gewohnheiten und Denkungsarten ihm fremd werden; dieses, weil herrschende Meinungen und Leidenschaften ihn in ihren Wirbel hineinreissen, oder weil den Zeitgenossen, sei’s mit den bloßen Erscheinungen beschäftigt, sei’s von den handelnden Personen getäuscht weder Zeit noch Mittel bleibt, die Begebenheiten bis zu ihren wahren Quellen zu verfolgen. Allein unter jeden Umständen ist dem Beobachter erlaubt, aus dieser Menge in einander geschlungner Triebfedern nach seiner Einsicht die sichtbarsten und wirksamsten auszulesen, und ihrer Verbindung mit dem Gang der Ereignisse nachzuspüren.

Die französische Staatsveränderung entwickelte sich unerwartet und plötzlich. Es gab in den zwey letzten Jahren Zeitpunkte, wo man beinahe sagen konnte, die Sonne hätte nach einer einzigen Umwälzung eine [32] ganz andere Nation beleuchtet. Allein unvorbereitet geschah nichts, und von Zeit zu Zeit war der scharfe Blick einiger Staatsmänner und Weisen durch den dichten Nebel gedrungen, und hatte die nahe große Veränderung vorausgesagt. Nun sie erfolgt ist, ist es leichter geworden, ihre Ursachen wahrzunehmen, und das Auge des Beobachters verweilt zuweilen mit erstauntem Bedenken auf Erscheinungen, über die sein Blick ehmals unachtsam hingleitete.

Lange waren die Könige von Frankreich nicht viel mehr, als die Lehnsherrn mächtiger und beinah unabhängiger Vasallen gewesen. Der Staat ward nach Gesetzen regiert, welche die verschiednen Bedürfnisse, Sitten und Meinungen verschiedner Nationen verschieden gebildet hatten. Einige, aus den Zeiten der ersten Gleichheit übrig geblieben, besonders derjenigen, welche in den germanischen Wäldern lange bestanden war, und durch Gewohnheit und Alterthum geheiligt, standen immer höher, als die königliche Macht. Andre, vom Rechte des Stärkern hergeleitet, oder auf Unwissenheit und Aberglauben gestüzt, beleidigten die edelsten Rechte des Menschen und des Bürgers. Alle, dunkeln und ungewissen Ursprungs, und Bruchstücke zertrümmerter Verfassungen, hatten keinen gültigen Bürgen ihrer Weisheit und ihrer Dauer. Daher sah der Staat, einer festen Grundlage beraubt, die Macht des Monarchen bald zu einer ungeheuren Höhe emporsteigen, bald [33] zu einer schimpflichen Tiefe sich erniedrigen, und die allgemeine Unwissenheit, unter der Last ihrer Vorurtheile zu Boden gedrückt, griff im Finstern nach unsichern Verbesserungs-Mitteln.

Um den Uebermuth der Vasallen zu dämpfen, war den Königen äußre Hülfe nöthig, und sie fanden sie in den unterdrückten Gemeinen, jener zahlreichen Menschen-Klasse, welche aus den Einwohnern der Dörfer und der Städte bestand. Denn von ihren festen Schlössern aus herrschten über sie die stolzen Nachkommen jener wilden Eroberer Galliens, und hielten sie in den Fesseln einer harten Leibeigenschaft. Handwerke, Landbau und Handel, die nützlichsten und unentbehrlichsten Verrichtungen der Gesellschaft, waren in diesem rohen Zeitalter zur Schande geworden, und denen, die sie ausübten, ließ des Lehnsherrn kriegerischer Trotz kaum noch das Andenken an die Rechte der Menschheit. Weil die Könige des Beistands der Gemeinen bedurften, so boten sie den Gemeinen den ihrigen. Daher neue Vorrechte für die Städte, nicht selten mit Geld erkauft, obgleich sie nach dem Willen der Natur niemals konnten veräußert werden, und Zulassung des Bürgerstands in die Versammlungen der Nation. Die Gränz-Provinzen vereinigten sich nur nach und nach mit der Masse des Reichs, und behielten eigne Vorrechte und eine eigne Verwaltung.

So lange die Edlen Despoten waren in ihren Gebieten, waren die Könige Wohlthäter des Volks, und [34] jener Demüthigung dieser beiden gemeinschaftliches Interesse. Daher die alte Liebe der französischen Nation für ihren König, und dieses Namens magische Kraft. Im Herzen des Volks eingewurzelte Begriffe erhalten sich, weil kein Nachdenken sie an die Reihe der Ursachen und Folgen knüpft, lange, nachdem ihre Wirklichkeit aufgehört hat, und oft hab' ich in der Mitte protestantischer Länder sagen hören, der Pabst sei der erste der Potentaten, von Menschen, denen die päbstliche Religion ein Gräuel war.

Seit dem Kardinal von Richelieu, hörte dieß gemeinschaftliche Interesse des Volks und der Könige auf. Die Großen und Edlen, zu der allgemeinen Unterwerfung herabgewürdigt, waren nicht mehr furchtbar dem Monarchen, aber sie blieben furchtbar dem Bürgerstande. Die königliche Uebermacht hatt' ihnen die Vorrechte gelassen, welche nicht unmittelbar die Krone berührten, weil eine Verbesserung, auf Menschenrecht und Freiheit gegründet, gefährlich ist für den, der sich selbst nicht ihr unterwerfen will. Das Vorurtheil der Geburt stellte sie immer noch hoch über die unadliche Klasse, und sie umringten die Stufen des Throns, nicht, weil ihre Gegenwart ihren Gehorsam zu verbürgen schien, während die wollüstigen Sitten des Hofs ihre trotzige Unbiegsamkeit zähmten, sondern, weil man glaubte, daß edle Namen nothwendig wären, seinen Glanz zu vermehren. So befanden sie [35] sich ausschließend an der Quelle der Ehrenstellen und der Belohnungen: Denn der Monarch kann nicht allein herrschen: Er wählt die Vollstrecker seines Willens bei denen, die ihm am nächsten stehn, in der Sphäre des Hofs, über welche sein Auge selten hinausreicht. Alsdenn bildet sich eine furchtbare, alles verschlingende Aristocratie, die das einzige Organ des Fürsten wird. Alle Laster und alle Ungerechtigkeiten stürzen auf die Schultern des in der Entfernung seufzenden Volks, und der Despote, in einem beständigen Wahnsinn, hat nichts angelegners, als den Baum umzuhauen, von dem er die Früchte verlangt.[1]

Dieß war die Lage Frankreichs während der letzten anderthalb Jahrhunderte. Die privilegirten Klassen blieben im Besitz ihrer Vorrechte, wenn gleich aller Vorwand ihrer Gültigkeit mit den Diensten aufgehört [36] hatte, zu welchen ihr Genuß ehmals verpflichtete. Der Staat hatte die Unterhaltung der Armen übernommen, und die Geistlichkeit behielt ihre Reichthümer. Der Staat besoldete mächtige Heere, und der Adel blieb steuerfrei. Wären die Edlen nicht zuweilen Opfer des nemlichen Vorurtheils gewesen, das sie auf eine so hohe Stufe emporhob, so hätten sie mit leichter Mühe den Bürgerstand noch von andern Vortheilen verdrängt, die ihm ausschließend blieben, weil der Adel sie unter seiner Würde glaubte. Allein während Künste und Handel für die bemittelte Bürgerklasse noch immer reiche Hülfsquellen öfneten, ward der ärmere Landmann der Raub der grausamsten Unterdrückung. Er zog das Loos für Kriegsdienste, in welchen er mit dem Adel immer die Gefahr, aber niemals Ehrenstellen und Belohnungen theilte, und bezahlte mit blutvermischtem Schweis den ungeheuern Prachtaufwand müßiger Großen. Man kennt den Bauer, der Rousseau auf seinen Wanderungen erst aus Mistrauen verschimmeltes Brod auftischte, und seinen Wein und seinen Käse nur dann gastfreundlich hervorlangte, da er versichert war, keinem Diener gieriger Finanzpachter Vorwand zu Erhöhung seiner Steuer zu geben. Man kennt den Ausruf eines andern, der sich einen Nagel in den Fuß trat: Welch Glück, daß ich in diesem Augenblick keine Schuhe trug! Wenn von sechs und zwanzig Millionen auch nur Einem das Elend ein solches Wort abnöthigt, dann ist es Zeit, daß die Unterdrückung endige.

[37] Nicht alle Glieder der privilegirten Klassen genossen dergleichen Vortheile. Freiheit von Steuern und von gewissen andern öffentlichen Lasten war ihr einziges Vorrecht, während auf diejenigen, welche Zufall oder Gunst an die Stufen des Throns geschleudert hatten, Ehre, und was in Ländern, wo Prachtaufwand zum täglichen Bedürfniß wird, noch mehr verlangt wird, als Ehre, Gold in unmäßiger Verschwendung herunterströhmte. Die, welche sich an der Mündung der Kanäle befanden, leiteten ihre Ausflüsse zuerst auf sich selbst und auf ihre Familien, mit desto mehr Eifer, je weniger sie auf ihrer unsichern Höhe Zeit zu verlieren hatten, um vom günstigen Augenblicke Vortheil zu ziehn. Es ist wahr, je mehr die Bedürfnisse sich vervielfältigten, und je größer die Zahl der Glieder des Adels ward, die vom Staat ihre Befriedigung erwarteten, um so strenger hatte man den Bürgerstand von allen Stellen, die zur Ehre und zu Belohnungen führten, auszuschließen gesucht. Die höhere Staatsverwaltung war längst in den Händen des Adels. Zu den großen geistlichen Stellen, oder zu jenen reichen Abteyen, die ohne Amt unermeßliche Einkünfte geben, beförderte fast niemals Verdienst, und fast immer Geburt: Gerad’ in den neusten Zeiten hatte die Aristocratie die kühnsten Schritte gewagt. Tief unten in der militärischen Rangordnung hatte sie für unadlichen Muth und unadliches Verdienst eine Gränzlinie gezogen, die sie nicht überschreiten konnten, und mit unerhörter [38] Schamlosigkeit hatte sie angefangen, dem Bürgerstand den Eintritt in die höhere Gerichtshöfe zu versagen, die ehmals ganz mit seinen Gliedern gefüllt waren. Allein alles dieß reichte bei der immer steigenden Sittenverderbniß nicht hin, für die immer mehr sich ausbreitende Verschwendung: Summen von unverhältnismäßiger Größe wurden der Raub Einzelner Günstlinge, und die, welche das ungünstige Glück von den großen Goldquellen entfernt hielt, zogen vom Glanz ihres Namens nur sehr unbeträchtliche Vortheile. Der Adel in den Provinzen besonders, dem lange Kriegsdienste nicht immer die gehofte Belohnung erwarben, oder dessen Güter durch Vermehrung der Familien in kleinere Theile zerfielen, sah sich oft der Mittel eines hinreichenden Unterhalts beraubt, und dankte seiner Geburt nichts als den unfruchtbaren Stolz oder die ungewissen Hofnungen einer Zulassungs-Fähigkeit, die dem Bürgerstande versagt war, ohne die unerschöpflichen Hülfsmittel, die diesem offen standen, Handlung und Finanzen. Wo Künste, Wissenschaften und Gewerbsamkeit herrschen, wo der Bürger nicht für den Staat, und eben daher mit unedler Selbstsüchtigkeit nur für sich selbst lebt, ist Reichthum immer die wesentlichste Quelle der Genüsse. Daher in Frankreich die Herablassung so mancher Glieder der privilegirten Klasse zur unprivilegirten, und die Misheirathen, die, gleich einer Pumpe, das Gold aus den untern Regionen in die höhere emporhoben. Zugleich hatte trotz [39] dem immer vorhandenen Adelstolz Sittenverfeinerung und eine der französischen Nation eigne gefällige Höflichkeit sich über die höhern, wie über die niederen Stände verbreitet. Eine nothwendige Folge von beydem war, daß die Gränzlinien zwischen den verschiednen Klassen weniger merklich wurden, und hin und wieder in einander zerflossen.

Allein der bürgerliche Reichthum, stolz und anmaßend, wie der Reichthum überall, und der Erfüllung seiner Wünsche gewiß, verschmähte seine abgesonderte Stufe. Er bemühte sich, jene ehrenvolle Ausnahmen durch Gold zu erhalten, die nicht verdienter durch Geburt erhalten werden. Von Zeit zu Zeit trat ein Theil der reichen Bürger in die Zahl der Adlichen über, und die Summe derer, die zu den Bedürfnissen des Staats beitrugen, ward auf eine mehr oder minder lästige Art nach der Verfassung der Provinzen,[2] aber immer verringert. Alle Staatsbedürfnisse stiegen zu gleicher Zeit zu einer ungeheuren Höhe, und weit über dem Verhältniß des immer sich vermindernden wahren [40] Preises von Silber und Gold, weil die persönlichen Bedürfnisse derer, die sie verwalteten, unermeßlich waren, weil der fressende Prachtaufwand nicht auf Dinge verwendet wurde, die wahren Werth und Dauer hatten, wie Gebäude, Gärten und Landgüter, sondern auf unzählige Kleinigkeiten, die ihren Werth dem Eigensinn dankten, ihre Dauer von der unbeständigen Mode erwarteten, und kaum sichtbar in der Verzierung einen einzigen Kabinets, Millionen verschlangen. Die privilegierten Kasten erhalten nur dann sich in ihrem vollen Uebergewicht, wenn, wie in Indien, die Vermischung mit den tieferstehenden unmöglich ist, oder so lange das Vorurtheil, von dem sie ihr Daseyn erhalten, in seiner ganzen Kraft besteht. In Deutschland hat die Adelsklasse dem Bürgerstand nicht ganz den Eintritt verwehren können, aber sie hat zu Erhaltung ihrer Vorrechte den Eindringenden Schranken gesezt, die Ahnenprobe, die den Neugeschafnen den Weg zu Stiftern und Orden verschließt. In Frankreich war das Eintreten leichter, sei's durch Geld, sei's durch Bedienungen, und das Gesetz machte keinen Unterschied zwischen altem Adel und neuem. Law's System allein hat aus den untersten Klassen des Volkes vielleicht hunderte zu den glänzendsten Titeln des Adels erhoben, und seit lange theilen sie ungestört die Ehre des Rangs und der Bedienungen mit denen, die vom unverfälschtesten Blut seit Jahrhunderten ihren Ursprung herleiten. Es ist wahr: das Vorurtheil war den Neuadlichen ungünstig [41] von Seiten der Klasse, die sie verließen, und von Seiten derjenigen, in die sie eintraten. Allein die Verachtung derer, die, wiewohl kaum dem Bürgerstand entronnen, dennoch bald alle wesentliche Vorrechte der privilegierten Kaste erhielten, erzeugte nach und nach Nichtachtung der Kaste selbst, und alsdenn blieb ihr nichts von ihrem ehmaligen Glanz', als der allgemeine Unwillen der unprivilegirten. Allein man hat einen solchen Haß Jahrhunderte dauern sehen, ohne daß er sich durch einen plötzlichen oder gewaltsamen Ausbruch Luft gemacht hätte. Das folgt klar aus dieser Darstellung, daß jene indische Dummheit, welche ihre Herabwürdigung natürlichen oder göttlichen Ursprungs wähnt, dem Bürgerstand in Frankreich nicht mehr vorgeworfen werden konnte, und daß ein großer Theil des Adels selbst, durch die Anmaßungen einer Aristokratie, die ihn ausschloß, mit den bürgerlichen vermengt, einer Staatsveränderung mit Sehnsucht entgegensah. Von ihr war Schutz gegen die gemeinschaftliche Unterdrückung zu hoffen, und niemand fürchtete damals den Verlust alter, mit den Wurzeln des Staats verschlungener Vorrechte, weil niemand den plötzlichen Sturz der ganzen Verfassung voraussah.

Bei dieser unnatürlichen Ungleichheit der Rechte lag schwer auf allen das gleiche Joch. Nur diejenigen Staatsgesetze blieben unangefochten, welche der willkührlichen Gewalt keine Zügel anlegten. Diejenigen [42] Provinzen besonders, welchen, als ursprünglichen Bestandtheilen des französischen Reichs, kein Vereinigungs-Vertrag mit der Krone eine Schutzwehre gegen den Despotismus gelassen hatte, erlagen unter der unerträglichen Bürde von Auflagen und von Minister-Willkühr. Nur wenig dienten selbst den andern Ländern jene Dämme, welche Bestechung oder offenbare Gewalt immer durchzubrechen vermochten. Denn der Widerstand einer Einzelnen Provinz in einem weitausgedehnten Reich ist immer unkräftig, weil dem Monarchen die überwiegenden Kräfte der andern zu Gebot stehn, und weil diejenigen selbst, welchen solcher Rechte Vertheidigung obliegt, in der Furcht vor einer drückenden Ungnade, oder in der Hofnung auf Belohnung, allzumächtige Reizungen haben, sie aufzuopfern. Alle Grundsätze der Gesetzgebung, alle Anordnungen der Staatsverwaltung schwanken beständig in einer unstäten, ungleichförmigen Bewegung, je nachdem immer wechselnde Staatsbediente den kraftlosen Willen des Monarchen lenkten. Urtheile ohne Formen, Verhaftungen ohne Prozeß, waren in Frankreich gleich geltend dem türkischen Fetfa, und diejenigen, welchen von den furchtbaren Waffen der Staatsoberherrschaft einen kurzen gewaltsamen Gebrauch gemacht hatten, wurden selbst ihr Opfer nach ihrem Fall. Menschen von jedem Range, gleich ungerecht für Verbrechen, oder für Verdienste gestraft, oder für Vergehungen gezüchtigt, die, zuweilen aus weiter Ferne, den Günstling beleidigten, [43] verseufzten ungetheilte oder ungekannte Klagen zu Vincennes und in der Bastille, oder in einer unerträglichen Verweisung, und die zahlreichste und nützlichste Klasse, zwar vor Blitzen, die unmittelbar vom Thron ausströmten, durch ihre Entfernung sicher, war es destominder vor grausamen Bedrückungen zügelloser Unterdespoten, und schien mehr und mehr fühllos zu werden gegen lange gewohntes Elend, oder seine höchste Stufe zu erwarten, um mit den Kräften der Verzweiflung loszubrechen.

Die Uebermacht, auf Ungerechtigkeiten und Misbräuche gestüzt, bedarf, um sich zu erhalten, neuer Misbräuche und neuer Ungerechtigkeiten. Einmal jenseits der Schranken der Gesetze, wird sie durch ihre eigne Schnellkraft immer näher an den Abgrund hingerissen, in den sie früher oder später stürzen muß. Die Sitten des Hofs entarteten in eine schaamlose Ausgelassenheit, die Ehre war nichts mehr als ein falscher Begriff, die Verschwendung war ohne Gränzen, und das Wohl des Staats diente blos zum Vorwand neuer Bedrückungen. Zwar hatte Mangel an Energie bei mildern Sitten jene große Verbrechen, wie die große Tugenden, geächtet, welche das Zeitalter einer Katharine von Medicis auszeichneten: aber alle niedrige, verächtliche Laster herrschten um so ausgebreiteter, und einige trugen sogar die Schminke der Liebenswürdigkeit. Von da bis zu schwarzen Verbrechen [44] war nur ein Schritt, und dieser Schritt konnte tief verdorbnen Seelen keine Bedenklichkeit kosten, sobald das triumphierende Laster gefährlichen Widerstand fand. Seine einzige Vorsicht, der Gefahr auszuweichen, war, den tugendhaften Mann von den Geschäften des Staats zu entfernen, oder, wenn er irgend einmal in diese verwirrte Sphären eintrat, durch Schwierigkeiten und durch Verläumdungen ihn muthlos zu machen.

Der französische National-Charakter ist, oder sollen wir sagen, war? nicht immer gutmüthiger, aber immer ungestümer, und nach dem ersten Ungestüm immer erkaltender Leichtsinn. Der Leichtsinn wählt unter den Gegenständen seiner flüchtigen Aufmerksamkeit nicht die wichtigsten, sondern die, welche sich am ersten ihm darbieten. Seit lange hatte die Regierung das nämliche Schauspiel gegeben. Die Laster des Hofs erzeugten Verachtung, aber seine Uebermacht erzeugte Furcht. So geschah's, daß die öffentlichen Angelegenheiten nicht anders betrachtet wurden, als von Seiten des Lächerlichen. Ein Ministerwechsel und das Erscheinen eines neuen Schauspielers waren von gleicher Wichtigkeit. Da keiner bedeutend fürs Vaterland seyn konnte, lebte jeder für sich, und eine furchtbare Selbstsucht bemächtigte sich aller Stände. Der größere Theil der Nation, eitel auf ehemalige Siege, und gegen neuere Demüthigungen gleichgültig, war in träger Unkenntniß aller Rechte des Staatsbürger noch [45] stolz auf seine Fesseln, und der bessere Theil tröstete sich über die Gebrechen der Staatsverwaltung bei den Denkmalen französischer Kunst und bei den Triumphen der Litteratur. Frivolität und Persiflage, Dinge, für welche deutsche Sprache keine Ausdrücke kennt, wiewohl deutsche Biederkeit seit lange ihr Eindringen auf deutschem Boden beseufzt, wurden der Ton der guten Gesellschaft. Selbst da ein politischer Schwindelgeist sich beinahe der ganzen Nation bemächtigt hatte, widerstand dieser Ton hin und wieder dem allgemeinen Wirbel. „Wir wollen bezahlen, wir wollen unsre Mätressen heirathen, sagten die liebenswürdigen jungen Herrn, „aber man ruf’ uns Estellens schöne Tage zurück.[3] Auf der andern Seite, wenn einmal irgend eine unerwartete Begebenheit diesen Leichtsinn und diesen Ungestüm auf Gegenstände der Regierung hinzög, wenn die allgewaltige Mode Theilnehmung an Staatsangelegenheiten zum Gesetz machte, so war eine Gährung zu fürchten, die leichter oder schwerer zu besänftigen seyn mußte, nach der Wendung der Umstände. Da Ludwig XV im Jahr 1756 seine Parlamente bekriegte, wäre vielleicht das allgemeine Misvergnügen der Hauptstadt in öffentlichen Aufstand ausgebrochen, ohne den Streit über die italienische Musik.[4] Der Verfasser des Dorfwahrsagers und des gesellschaftlichen [46] Vertrages sollte vielleicht nach dem Rathe des Schicksals in seinem Leben das Verdienst haben, durch das erste dieser Werke eine noch unreife Staatsveränderung zu ersticken, um durch das andre sie nach seinem Tod auf unerschütterliche Säulen zu gründen.

Dieß ist das Gemählde der Regierung Ludwig XV, und zum Theil der gegenwärtigen. Nichts verkündigte den nahen Sturz der willkührlichen Gewalt. Gerade so unerschütterlich schien die päbstliche Hierarchie nach ehmaligen Kämpfen, im Augenblick, da ein bloßer Mönch aufstand, das ungeheure Gebäude in seinen Grundvesten zu erschüttern, und seine mächtigste Stützen niederzureissen. Ihre Macht, wie die des Despotismus, stüzte sich aufs Vorurtheil der größern Zahl, und auf den Eigennutz der geringern. Alexander VI unmenschliche Laster hatten das Vorurtheil mit sich selbst in Widerspruch gesezt, und die aufflammenden Wissenschaften hatten in seine Nacht einen Lichtstrahl geworfen. Zwischen dem Sturz der willkührlichen geistlichen und weltlichen Macht eine Parallele zu ziehn, wäre leicht und an lehrreichen Betrachtungen fruchtbar, aber sie zu vollenden, müßte man noch einige Jahre abwarten.

England war seit einem halben Jahrhunderte das Muster einer freien, glücklichen Staatsverfassung, wie es die erste christliche Kirche für eine beßre Religionseinrichtung geworden war, und Einzelne unbemerkte Republiken, [47] wie ehmals zerstreute Waldenser-Gemeinden, bewahrten in ihrem friedlichen Schoos die heiligen Rechte der Freiheit. Auch in den alten Denkmalen der griechischen und römischen Geschichte fanden sich große Maximen und große Beispiele. Allein kein menschlicher Geist hatte noch die schwere Kunst, Staaten zu gründen und zu erhalten, dem Naturgesetz und den allgemeinen Rechten der Menschheit gemäs, oder, um das Licht durch den Schatten zu erhöhn, selbst aus dem Gesichtspunkt einer unrechtmäßigen Gewalt, auf feste Grundregeln zurückgeführt, nach allgemein anwendbaren Grundsätzen die Ursachen des Steigens und Fallens der Nationen entwickelt, und, was am neusten und am wesentlichsten war, die verschiednen Ausflüsse der National-Oberherrschaft von einander abgesondert: Frankreich besonders sah mit gleichgültiger Unwissenheit oder mit eifersüchtiger Nichtachtung in Athen nur dem Triumph der Wissenschaften und Künste, in Rom nur den Glanz der Eroberungen, und in Westmünster nur die Kämpfe der Whigs und Torry's, bis Montesquieu mit seinem Geist der Gesetze ans Licht trat.

Unter Ludwig XVI hatten schöne Wissenschaften und Dichtkunst einen schnellen, kühnen Schwung genommen; wie unter August, eine willkührliche Regierung ihnen günstig gewesen war, weil sie einen Schein von Freiheit gewährte, ohne dieser Freiheit ungestüme [48] Bewegungen, und weil Sittenverfeinerung und der wollüstige Gebrauch der Reichthümer den Geschmack bilden, und das Talent entwickeln: so brachten ähnliche Umstände unter dem französischen Eroberer ähnliche Wirkung hervor. Sein ungründlicher Ruhm, der in der getäuschten Nation eine zufriedne Resignation über die Staatsangelegenheiten hervorbrachte, und seine eifersüchtige Unumschränktheit, die eine völlige Ergebung erzwang, erlaubten der Litteratur nicht, Geschichte und Staatsverwaltung ihrem Gebiete beizugesellen. Niemand hatte noch dran gedacht, die Verfeinerung der Sprache und des Geschmacks für allgemeine Aufklärung und für Vertheidigung der Rechte der Vernunft und der Menschheit anzuwenden, bis Voltäre, dessen ausserordentlicher Geist alle Sphären der Litteratur umfaßte, noch mit dieser schönen Eroberung sie bereicherte.

Die Philosophie, auf Beobachtung und Erfahrung gestüzt, fieng an, ihr Licht auf alle Klassen und Stände zu werfen. Mit ihrer Hülfe wurden Vorurtheile angegriffen, oder geschwächt, oder verdrängt, die sich seit Jahrhunderten unverletzlich erhalten hatten. Man ahndete und verdammte Misbräuche jeder Art. Allein noch niemand hatte den Muth gehabt, das Uebel bis zu seinen tiefsten Wurzeln zu verfolgen, und die Heilungsmittel aus den ersten Quellen der Natur zu schöpfen: Niemand hatte noch, Tugend und Wahrheit, und Einfalt zu verschönern, oder Irrthum und Laster, und [49] ihre Folgen, menschliches Elend, bis in ihre verborgenste Gänge zu verfolgen, allen Reiz und alle Stärke der Sprache, des Witzes und der Empfindung, mit dem Enthusiasmus einer unwiderstehlichen Beredsamkeit angewandt, bis Rousseau den Beruf, die Menschheit zu unterrichten, in seinem Herzen fand.

Newton war der Gesetzgeber für die physische Welt gewesen: Montesquieu ward es für die politische: Jener entdeckte seine Gesetze im ewiggleichen Lauf der Natur: Dieser erfand die seinige im unstäten Gang menschlicher Leidenschaften und Meinungen. Glücklicher, als Aristoteles in seiner Theorie, weiser, als beinah’ alle Nationen in der Ausführung, zeigt’ er zuerst mit Scharfsinn und Klarheit die Absonderung der Gewalten, und diese einzige Idee macht’ ihn zum Wohlthäter des Menschengeschlechts. Allein auch das Genie, welches mit hoher Kraft eine neue Bahn bricht, bleibt immer eingeschlossen in die Gränzen menschlicher Schwäche: Das Werk der ersten Erfinder trägt immer das Gepräge der Unvollkommenheit, und ist doch weit erhaben an Verdienst über vollkommnere Nachahmungen, weil Erfinden das Schwerste ist. Oft war Montesquieu bloßer Beobacher dessen, was geschieht, statt Gesetzgeber zu seyn für das, was geschehn sollte. Frankreich ist ihm das Muster einer Monarchie, und in diesem Muster hat er nur eine gemilderte Art des Despotismus dargestellt. Ehre ist ihre Triebfeder, und [50] diese Ehre ist der Tugend entgegengesetzt! Stände, die tiefer als der Monarch, und höher als das Volk stehn, sind in ihr unentbehrlich: Als ob ihre Glieder zu Unterdrückung der Nation nicht mit dem Monarchen sich vereinigen könnten! Als ob es leichter wäre, daß von einem alle unterdrückt würden, als von mehrern die meisten: Als ob im Ersten Fall der Wille aller nicht sogleich der Unterdrückung ein Ende machte, während im andern der Wille vieler den Sieg mühsamer und seltner erhält! Nicht selten spricht in seinem Buche nicht der philosophische Schriftsteller, sondern der Präsident eines souveränen Gerichtshofs: So sehr ist es auch großen Männern schwer, von den Irrthümern ihrer Zeit und von den Vorurtheilen ihres Standes sich loszureissen, besonders wenn persönliches Urtheil die Bande noch fester geknüpft hat! Allein es ist rühmlicher, und vielleicht richtiger, zu sagen, Montesquieu wäre reich genug an Geisteskraft und Scharfsinn gewesen, um aus seinen großen Grundsätzen manche jener kühnen Wahrheiten herzuleiten, die man nachher aus ihnen entwickelt hat: allein, zu weise, um Märtirer-Ehre zu buhlen, zog er vor, für sein Zeitalter unter den Wahrheiten, die sein Stoff darbot, eine Wahl zu treffen, und nur diejenige auszuwählen, die es vertragen konnte: daher wurden von ihm Vorurtheile unangetastet gelassen, deren Kundmachung ihn selbst der Verfolgung preisgegeben, und vielleicht die Ruhe des Staats gestört hätte. In seinem Munde gleicht die [51] Schilderung der französischen Staatsverfassung einer Satire mehr, als einer Anpreisung, und denen, die in seinen Geist eindrangen, war es schwer, sich über seine wahre Absicht zu täuschen: Für sie war die englische Konstitution das Muster einer ächten Monarchie; auch war es diese Monarchie, die Montesquieu mit Vorliebe darstellte, und mit Bewunderung anpries. Gewiß ist, daß Montesquieu für das Studium der Staatsverfassungen und für die Entdeckung ihrer Gebrechen der französischen Nation und dem ganzen Europa gleichsam einen neuen Sinn schuf. Die Englische vorzüglich ward seitdem mit allgemeiner Theilnehmung bewundert oder getadelt, und in beiden Fällen geprüft. Besonders in den neuern Zeiten stiegen Delolone, Livingston auf die Schultern ihres großen Vorgängers, und entwickelten einen seltnen Scharfsinn, jener, um ihre Vorzüge, dieser, um ihre Mängel zu zeigen. Man kann sagen, ohne Montesquieu wäre die französische Staatsveränderung niemals zu Stande gekommen, aber blos nach seinen Grundsätzen ausgeführt, wäre sie tiefer unter der Vollkommenheit geblieben, als sie gegenwärtig zu stehn scheint. Seine Lehrsätze verdammten die Tilgung des Unterschieds der Stände; auch hielten sie dieses Unterschieds Vertheidiger ihren Gegnern gleich einer Aegide vor: Mächtigere Waffen zertrümmerten die Aegide, und diese Waffen reichte Rousseau. Ehe Rousseau noch seinen gesellschaftlichen Vertrag gegeben hatte, waren Voltärens [52] Versuche über die Weltgeschichte, sein Jahrhundert Ludwigs XIV und XV, seine Henriade, seine Trauerspiele erschienen. Alle diese Werke, voll lichter und freier Grundsätze, mit jener Leichtigkeit gearbeitet, welche die Grazie des Genie's ist, empfahlen sich durch ihre Anmuth der Bewunderung der Menge, die Philosophie verlor unter seiner Hand ihren tiefen, abschreckenden Ernst, und schien sich mit anziehender Liebenswürdigkeit der Fassungskraft des größern Haufens zu nähern. Sein unwiderstehlicher Spott bekriegte mit tödtlichen Waffen alle Arten von Vorurtheilen in den Sitten, in der Litteratur, im Staat, in der Religion, und die Wahrheit selbst, wenn er sie unglücklicherweise mir Vorurtheilen verkettet fand. Sein Umgang mit Großen, und selbst mit Königen, die Erfahrungen eines langen, immer thätigen Lebens erweiterten den Umfang seiner Staatskenntnisse, und von seinem ländlichen Aufenthalt aus wirkt' er zuweilen auf die Regierung der Völker. Ein solcher Geist war gemacht, eine Zukunft, welche die Merkzeichen seines Einflusses tragen sollte, vorauszusehn, und er sah sie. [5] Nur hätte [53] vielleicht eine Aufklärung, die aus Voltärens Schriften allein hervorgegangen wäre, niemals eine Staatsveränderung zu Stande gebracht. Die Hand, welche sich begnügt, Vorurtheile und Laster von ihrer Höhe zu stürzen, und weder Wahrheit noch Tugend an ihre Stelle setzt, ist nur zur Hälfte wohlthätig, und oft gefährlich; noch gefährlicher alsdann, wenn ihre Waffen dienen können, Tugend und Wahrheit selber anzugreifen. Von dieser Art sind die Waffen des Lächerlichen. Es ist wahr, Despotismus und Aberglauben, von seinem immer treffenden Spotte verfolgt, wurden schüchterner, und hoben minder trotzig ihre drohende Stirne. Allein für eine wahre Verbesserung, wo standhafter Muth und Aufopfrung eigner Vortheile und Genüsse unentbehrlich werden, gab Voltäre weder Eifer noch Kraft. Sein Werk ist eine unempfindliche Selbstsucht, für die nichts heilig ist, als ihr persönliches Wohl, und die mit falscher Weisheit der Uebermacht oft schmeichelt, und immer nachgiebt. Sie begnügt sich, wenn sie den Druck herrschender Vorurtheile sich selbst entzogen hat, mit betrachtendem Spott, ohne jenen edlen, feurigen Haß, der fürs Wohl der Menschheit aufglüht, [54] ohne jene uneigennützige Thatkraft, die ihre eigne Glückseligkeit nur in der Glückseligkeit aller findet.

Ganz anders gestimmt war die Seele des Bürgers von Genf. In ihr erregten Laster und Vorurtheil niemals Spott, sondern Unwillen oder Mitleiden; denn er sah sie mit menschlichem Elend zu nahe verwandt. Er begnügte sich nicht, ins Gebiete der Sitten und der Staatskunst Streifzüge zu thun: Er besuchte jede, noch so unwegsame Gegend. Sein Witz selber floß aus seinem Herzen, und dieser Witz war bitter und ernst. Er hatte die Menschheit von der Wiege bis zum Grab, im häuslichen und im öffentlichen Leben, in Pallästen und unter dem Strohdach, immer in den Fesseln der Irrthümer und des Elends gesehen: Sein für alle Arten von Leiden allzuempfänglicher Geist hatte mit so vielen eignen gekämpft, daß er, müde des allgemeinen Schicksals, sich nach einer bessern Ordnung der Dinge sehnte, die seine düstre Einbildungskraft nur im Gegentheil der gegenwärtigen sah. Was die Genüsse des Lebens macht, schien ihm auch die Laster hervorzubringen, die es verbittern, und selbst in den Quellen geistiger Vergnügungen sah er nur neue Quellen des Jammers. Allein durch jene Strenge in Aufsuchung der Ursachen des menschlichen Elends, wenn sie gleich zuweilen, was unschuldig oder unschädlich war, in die Verdammung einschloß, entgieng wenigstens keines der wirklichen Uebel seinem scharfen, unerbittlichen [55] Blick, und der Ton seiner Ueberzeugung, weil er aus dem Herzen kam, drang unwiderstehlich ans Herz. Daher hat Rousseau immer entweder enthusiastische Bewundrer oder aufgebrachte Gegner gefunden, nach der verschiednen Beschaffenheit der Gemüther, welche die Flamme seiner Beredsamkeit entweder erwärmt oder versengt. Sein Emil hat im häuslichen Leben und in der Erziehung eine Revolution hervorgebracht: Seine Julie hat auf Denkungsart und Sitten des gesellschaftlichen Lebens mächtigen Einfluß gehabt: Es hat Gutes gewirkt, als er hofte, weil die Menschen besser sind, als er glaubte: Denn mit heiliger Ehrfurcht für des Menschen Würde sah er die Menschen unwiderbringlich verirrt und verloren im Labyrinth der gesellschaftlichen Verfassung: Allein durch den nemlichen Widerspruch, Kraft dessen er die Wissenschaften verdammte, und ihre glänzendste Zierde war, erklärt' er für unnatürlich und unheilbar den Stand der Gesellschaft, und gab Gesetze für die Staatsverfassungen. Aus seinem Lieblingszustande der ungebundenen Natur trug er über in sie den großen Lehrsatz der ursprünglichen Gleichheit; keine Schimäre, wenn er recht verstanden wird, weil er mit der Ungleichheit der Fähigkeiten bestehn kann, und die Einzige Grundlage guter Verfassungen, weil die natürliche Ungleichheit der Mittel, Gleichheit der Rechte um so nothwendiger macht. Niemals ahndete Rousseau, daß er seinen gesellschaftlichen Vertrag für Frankreich geschrieben [56] hätte, und daß in einer Nation, die Wissenschaften und Reichthümer liebte, noch Energie genug verborgen läge, um die Oberherrschaft wieder an sich zu ziehn, die seit so lang' ihr entrissen war. Während er, Zeuge ihres Verfalls, ihren Tod voraus sagte, hatte sein hoher Geist in sie neues Leben gehaucht. Nicht gleich anfangs, es ist wahr, gehörten so tief gesuchte und gefundne Wahrheiten, so verschieden von den herrschenden Irrthümern, für die Fassungskraft der größern Zahl: Auch gestehn manche, erst dann für sie einen Sinn erhalten zu haben, da die Staatsveränderung ihnen Anschaulichkeit und gleichsam einen Körper gegeben hatte. Allein es gab der empfänglichern Seelen manche, die in seiner Schule unbemerkt, hohe Weisheit und glühende Thatkraft sammelten, und jene zween edle Jünglinge, [6] die ehmals zu seiner Hütte wallfartheten, um gegen seinen Umgang und die Uebung seiner Lehrsätze ihren Rang und ihre Güter zu vertauschen, sind nun unter den Ersten der Weisen, welche Frankreichs glücklichere Zukunft vorbereiten.

Diesen drei großen Männern dankte Frankreich die wohlthätige Erleuchtung, ohne welche die Staatsverändrung niemals aus der Nacht hervorgegangen wäre. Montesquieu hat am unmittelbarsten, Voltäre am allgemeinsten, Rousseau am tiefsten gewirkt. [57] Ihnen zur Seite giengen oder in ihre Fußstapfen traten noch manche Schriftsteller, vom Geiste der Weltweisheit geleitet, oder von edler Vaterlandsliebe erwärmt. Unter ihnen sind besonders der kennenswürdige Raynal, der die Verheerungen des Europäischen Lasters in den fremden Welttheilen darstellte, und, wohin er immer seine feurige Blicke trug, dem Fanatismus und der willkührlichen Gewalt ein Brandmal aufdrückte; und Mably, Rousseau's Freund, der mit strengem Ernst Prachtaufwand und unverhältnismäßigen Reichthum bekriegte, durch das Chaos der entarteten französischen Verfassung hindurch bis in die frühere Jahrhunderte die Spuren der Freiheit und der verschwundnen Volksrechte verfolgte, der Nation in der Versammlung der Generalstaaten ihre große Hülfsquelle zeigte, und voll prophetischen Geistes fürchtete, nicht, sie möchten zu schlaff, sondern, sie möchten zu thätig seyn.

Denn die öffentliche Meinung fieng mehr und mehr an, gegen den Druck der Vorurtheile und der Misbräuche sich aufzulehnen, und befestigte sich trotz den Bemühungen des Despotismus. Umsonst sucht' er die Schriften, aus welchen Aufklärung hervorströmte, mit einer Schande zu brandmarken, deren Austheilung nicht in seiner Gewalt war: Umsonst wurden ihre Verfasser aus Frankreichs Gränzen verbannt, oder in seinen Gränzen verfolgt. Seit alle Staaten Europa's [58] durch die Bande des Handels und der Wissenschaften unzertrennlich verbunden sind, und seit die Bruchdruckerkunst allgemeine Mittheilung aller Meinungen, Entdeckungen und Begebenheiten durch tausend Wege beschleunigt, ist es zwar möglich, den Gang der Aufklärung zu verzögern, aber niemals, ihn ganz zu hemmen. Erst bemächtigt sie sich der Lesezimmer, dann der Gesellschaften, und endlich des Volks. Zwar der erste ungewohnte Schimmer, den sie in die Dunkelheit wirft, wird am leichtesten und am schnellsten von ihren Feinden bemerkt, und das Signal eines wüthenden Angriffs, aber minder aus Kenntniß der Gefahr, als aus Gewohnheit einer übermüthigen Herrschsucht, und weil unerwartete Helle die Augen schmerzt: Allein das Lärmgeschrey, selber derjenigen, die sich der Aufklärung entgegensetzen, dient, ihr Licht weiter zu verbreiten, dessen allmähliger Fortschritt immer entweder unbemerkbar oder gewohnter wird, und sie zeigt sich gewöhnlich erst dann furchtbar dem stumpfen Blick derer, die sie bedroht, wenn sie, durch ihre innre Kraft unwiderstehlich, ihre Feinde selbst, beinah' ohn' es gewahr zu werden, in ihrem Wirbel hineinreißt.

Sie hatte sich zuerst gegen Fanatismus und Aberglauben vereinigt, und über beide große Siege erfochten. Wie durch ein einziges heiliges Band alle Tugenden und alle Wahrheiten in einander verschlungen sind, so durch eine Einzige furchtbare Kette alle Laster [59] und alle Irrthümer. In despotischen Staaten geht immer Aberglauben zur Seite der willkührlichen Gewalt: der Priester und der Fürst theilen gemeinschaftlich den Raub ihrer Sklaven, jener oft diesem furchtbar, aber immer nothwendig. Da, was für göttlich gehalten ward, angefochten wurde, war vor Angriffen minder sicher, was, wiewohl auf vorgegebene göttliche Rechte gestützt, menschlicher schien. So bereitete sich vor dem Richterstuhl der öffentlichen Meinung für die Regierungsart eine Untersuchung vor, von welcher sie wahrscheinlicherweise nicht zu ihrem Vortheil sich loswickeln konnte. Allein unter den unzähligen Gegenständen, über welche die öffentliche Meinung anders zu entscheiden anfieng, als ehmals, hatte sie hier noch keinen besonders ausgewählt, und durch ihre mannigfache und unbestimmte Richtung verlor sie einen großen Theil ihrer Kraft. Noch hatte sie nicht mit Erfolg über die Abgründe des Staatsverwaltung ihre Fackel geschwungen: Sie schien zurück geschreckt durch ihre Tiefe, und durch die drohende Eifersucht ihrer Wächter. Endlich stand Necker auf, und sein „Compte rendu“ ward zum Losungswort.

Was öffentliche Meinung vermöge, und wie sie das Palladium der Völker sei, hat Necker zuerst erkannt oder gelehrt, und der Gebrauch, den er selbst, und den unter seiner Anleitung Frankreich davon zu machen wußte, hat diese große Lehre für alle Nation unwiderleglich [60] bestätigt. In allen Zeiten hat man sich dieser Waffe bedient, aber nicht in allen hat man ihre Stärke gekannt, und ehmals war sie nur zu oft in die gefährliche Hände unwürdiger Besitzer gefallen. Alles wird heilig, was Neckers Hände berühren, und erhält das Gepräge höher Weisheit und Tugend. [7] Es schien ihm, daß nichts der Nation verborgen seyn müßte, was von der Nation kommt und für die Nation geschieht. Ludwig XVI hatte zur Verheimlichung keine persönliche Gründe, und er gewährte die Einwilligung, welche die dringende Beredsamkeit der Tugend ihm abfoderte; daß die Rechnung von den Staatseinkünften, dem Monarchen abgelegt, auch dem Volke kund würde. Nichts ist so gerecht und so einfach, als diese Foderung. Aber nichts desto weniger war sie der kühnste Schritt dessen, der sie that, weil sie der erste war, und unter allen Wohlthaten, die Frankreich und Europa ihm danken, um ihrer Folgen willen die größte: Denn falsche Grundsätze über Staatsgeheimnisse, durch Unwissenheit erzeugt, und durch den Eigennutz der Verwalter genährt, hatten überall und während langer Jahrhunderte den Völkern die Kenntniß der Bedürfnisse und der Hülfsmittel des Staats entzogen, und die willkührliche Macht hatte sich ihre Schätzung und Vertheilung als ausschließendes Vorrecht zugeeignet. Alle Freunde des öffentlichen Wohls in und ausser [61] Frankreich empfiengen mit Jauchzen dieses große Geschenk, während alle, die aus Vorurtheil oder Privateigennutz der Verheimlichung günstig waren, laut über Entweihung schrien. Wenige kannten sogleich den ganzen Werth des erhaltnen Geschenks: Aber die Weisere empfanden ihn, und bald ward ihr Beifall die Stimme des Volks. Ganz Frankreich stürzte nun los aufs Studium der Staatsverwaltung, wie auf eine neue Eroberung, und der Finanz-Kalkul ward zur Mode, selbst unter dem Weibergeschlecht. Sogar unwürdige Nachfolger des großen Ministers, denen ihr Vorgänger weder seine Kenntnisse, noch seine Uneigennützigkeit, noch seine Ehrfurcht für die Volksrechte gelassen hatte, wurden unbehutsame oder unfreiwillige Nachahmer seines Beispiels, und hielten für rathsamer, unter der leichten Hülle falscher Beschönigungen, vor den Augen der Nation ein Denkmal ihrer Irrthümer oder ihrer Untreue bloszustellen, als durch Verheimlichung dem öffentlichen Unwillen noch heftiger zu empören.

So erhielt Publizität in den Staatsangelegenheiten ihren ersten Triumph, und die öffentliche Meinung ihre erste, entscheidende Richtung. Jene stillschweigende Anerkennung der Rechte der Nation schien sie zur öffentlichen Zurükfoderung dessen, was ihr seit lange gebührte, zu berechtigen, und nichts ist gefährlicher für die willkührliche Gewalt, als selbst einem geringen Theil ihrer Anmassungen freiwillig zu entsagen, in Zeiten, [62] wo die menschliche Vernunft der Prüfung fähig, und zu kühnen Untersuchungen gestimmt ist. Auch vereinigen sich die Stimmen der Freunde und der Feinde, zu sagen, die Revolution datire vom Compte rendu. Publicität ist der Tod des Despotismus: Denn sie leitet die öffentliche Meinung. Der Marschall von Richelieu hatte drei Regierungen gesehn: Er war sieben und zwanzig Jahre lang despotischer Satrape der größten Provinz von Frankreich, und der Sittenverderber einer der blühendsten Handelsstädte gewesen, und siebenzig Jahre lang schlauer, kriechender Höfling. Ludwig XVI wollte seine Meinung vernehmen über das dreifache Zeitalter, das der Marschall gesehn hatte. Sire! sagte dieser, unter Ludwig XIV sprach man kein Wort: Unter Ludwig XV sprach man leise: Unter Ihrer Majestät spricht man laut.

In dieser Lage der Dinge führte Frankreich den amerikanischen Krieg. Der graue Republikaner Franklin, den der konsequentere König von Schweden zu besuchen sich weigerte, weil, sagt' er, Monarchen nicht erlaubt ist, Menschen dieser Art zu lieben, hatte mit den despotischen Ministern eines despotischen Königs einen Bund geschlossen für die Freiheit der andern Halbkugel. Niemand täuschte sich über die Triebfedern dieser großmüthigen Handlung: Denn der nemliche Monarch, der „das Joch Kolumbens Söhnen abnahm, legt' es den armen Genfern auf.“ Allein während [63] Rachsucht gegen Englands noch nicht vergeßne Siege, und die hohe Wahrscheinlichkeit, seine trotzende Uebermacht zu demüthigen, diesen Krieg erregten, hatte kein Minister seine entferntere Folgen berechnet. Weise Menschenfreunde berechneten sie: Denn ihr Blick umfaßt aus einer bequemen Entfernung das Ganze leidenschaftsloser und ungehinderter, als das Auge des Staatsverwalters, der durch tausend kleine Bedürfnisse des Augenblicks zerstreut, minder bekümmert ist um das, was jenseits des nahen Zieles liegt, das er sich vorgesteckt hat, und immer seinen Standpunkt verändert, weil er mit dem Strome der Begebenheiten fortschwimmt, den er zu leiten strebt. Seit lange, besonders in unserm deutschen Vaterland, haben ehrwürdige Stimmen verkündigt, in Amerika liege der Keim Europäischer Freiheit. Dort bildete sich La Fayette, der Freiheit Krieger und Redner: Dort ward die große Lehre gerechtfertigt, daß Aufstand gegen Unterdrückung nicht Aufruhr sei. Dort sahn die französische Krieger, und theilten die Begeisterung eines zu neuern Leben erwachten Volks, jenes edle Schauspiel, das ihr Vaterland nach so wenigen Jahren zu erneuern bestimmt war. Sie waren Zeugen jener feierlichen Anerkennung der unveräusserlichen Rechte der Menschheit, jener neuen Grundsätze einer ächten Staatsverfassung, aus Schriften ihrer Mitbürger geschöpft, und jenseits des atlantischen Ozeans in Anwendung und in Ausübung gebracht, aller jener verwickelten Materien [64] von Gesetzgebung und Gesetzvollziehung aus ihrem Chaos gerissen, und in glücklicher Ordnung fürs allgemeine Wohl zusammengereiht. Mit neuen Begriffen mehr noch, als mit Lorbeern geziert, eilten sie zurück in ihr Vaterland, und es war schwer zu glauben, daß sie hier im Kampf für ungerechte Gewalt das Schwerdt entweihn würden, das sie auf fernem Boden für Freiheit gezückt hatten. So kam aus Philadelphia die Lehre, daß blinder Gehorsam nicht in allen Fällen unumschränkte Pflicht des Kriegers sei, weil unverbrüchliche Treue zwar immer dem Könige, aber nicht immer dem Despoten gebiehrt, und weil der Soldat um seiner Uniform willen nicht aufhört, Bürger zu seyn.

Noch einen andern Einfluß hatte dieser Krieg auf die Zukunft durch die Erschöpfung der Finanzen, die er veranlaßte, und die unheilbar ward, da höfische Arglist Nekern von ihrer Verwaltung entfernt hatte. Die Vorsehung wollte, daß Untreue und Unordnung ihre höchste Stufe erreichen sollten, damit gegen das überhandnehmende Uebel keines jener unkräftigen Hülfsmittel mehr angewendet würde, welche zwar für den Augenblick seinen Ausbruch verhindern, aber nur um so gefährlicher den Stoff der Krankheit in die Eingeweide des Staats zurückdrängen.

Allein noch immer war die willkührliche Gewalt fest auf den langen Besitz und die lange Gewohnheit der [65] Völker gegründet, und wenn ein Angriff auf ihre Anmaßungen gewiß war, so war um so ungewisser der Zeitpunkt, in welchem dieser Angriff geschehn sollte. Ein König, der Festigkeit und Talent gehabt hätte, durch sich selbst zu regieren mit Klugheit und mit Mäßigung, oder ein Minister, der in seinem Namen den Willen der unumschränkten Macht auf Herstellung der Ordnung und auf Erleichterung der Nation gelenkt hätte, konnten für lange Jahre noch ihr volles Ansehn erhalten. Im Schwindel Lorbeervoller Kriege hatte Frankreich seinem großen Ludwig den fürchterlichsten Misbrauch des königlichen Ansehns verziehn. Ein solches Hülfsmittel wäre freilich minder wirksam gewesen zu einer Zeit, wo kriegerischer Ruhm nicht mehr für den edelsten gilt, und die Gewißheit des Verlustes an Menschen, an Gold und an Betriebsamkeit in eben dem Maße zunimmt, in welchem durch aller Europäischen Staaten wachsame Eifersucht die Wahrscheinlichkeit der Vortheile sich vermindert, gefährlich vielleicht in einem Augenblick, wo die erschöpfte Nation neue Auflagen zu tragen eben so wenig den Willen als das Vermögen hatte. Auch sank in den Niederlanden Frankreichs Parthey, ununterstützt von ihrer Bundsgenossin, und ungerochen in Sklaverey, und der Erbstatthalter trat ungehindert in die engste Verbindung mit Mächten, welchen damals wenigstens das französische System geradezu entgegen war.

[66] Allein da das Kabinet zu Versailles diese Demüthigung ertrug, war die Gährung in Frankreich schon zum Ausbruch gekommen.

Ludwig XVI regierte seit eilf Jahren Frankreich. Er hatte keine Laster, keinen der Nation gefährlichen Hang: Aber er hatte nicht jenen großen, selbstständigen Geist, den die Umstände zu fodern schienen. Er zeigte sich lenkbar der Tugend und der Wahrheit, aber auch lenkbar dem Laster, wenn es in einer gefälligen Maske erschien. Antoinette von Oesterreich schien alle Eigenschaften zu besitzen, die den Thron verschönern, aber nicht alle, die ihn veredeln konnten. Sie ward angebetet, so lange sie nicht Königin war: Nachher trug sie die Strafe der Vergehungen ihrer Lieblinge. Nah am Thron sahn Paris und die Provinzen mit Unwillen oder mit Spott unmäßige Verschwendung und unglaubliche Ausgelassenheit der Sitten. Der Glanz um den Thron blendet das Vorurtheil: Das Laster am Thron erscheint nur schwärzer durch den Kontrast vor den Augen der Philosophie, und der Tag der Philosophie war angebrochen.

Eine solche Regierung sah' eine beständige Ebb' und Fluth von Ministern. Nicht alle waren lasterhaft, denn ein solches Unglück konnte keinen guten König treffen: aber alle waren verschieden in ihren Systemen, in der Wahl ihrer Kreaturen, in den Mitteln zu Erreichung ihrer Endzwecke, und in ihren Endzwecken [67] selbst. Auch dem schlimmsten war nicht mehr erlaubt, mit der Schaamlosigkeit voriger Zeiten die Stimme des Volks zu verachten, auf die der Monarch selber horchte, und die anfieng laut und furchtbar zu werden: Selbst diejenigen, deren größte Angelegenheit war, sich selbst auf die höchste Stufe des Ansehns oder des Reichthums zu schwingen, fühlten sich hingerissen vom allgemeinen Geist des Zeitalters trotz ihren unpatriotischen Gesinnungen, und mitten im unumschränkten Gebrauch der höchsten Gewalt. Begierig nach öffentlichen Beifall, und zuweilen Schüler einer aufgeklärten Philosophie, hätten sie gerne Misbräuche vernichtet, wenn es ohn' Aufopferung persönlicher Vortheile oder persönlicher Bequemlichkeit hätte geschehn können, oder hätte sie nicht der Widerstand mächtiger Menschen und furchtbare Innungen, die den Misbräuchen Einkünfte, Ehre und Einfluß dankten, bei den ersten Versuchen schon, sei's durch offenbare Gewalt, sei's durch heimliche Ränke, zurückgeschreckt. Dennoch war in den letzten Staatsverwaltungen sichtbar ein gewisser Hang zu neuen Anstalten: Freilich oft unwirksam, und zuweilen gefährlich, wenn er weder Tugend zur Führerin hatte, noch nach ächten Grundsätzen fortschritt, aber wohlthätig alsdann, wenn aufgeklärter Eifer, oder der allgemeine Ruf ihn auf Gegenstände leiteten, deren Verbesserung für die Wohlfarth des Reichs unumgänglich war. So geschah's, daß Necker in der Verwaltung der Staatseinkünfte [68] große Veränderungen unternahm und ausführte: So geschahs, daß die Staatsgefängnisse seltnere Schlachtopfer in ihren Mauern verschlossen, seit Mirabeau den Gräuel der willkührlichen Verhaftsbriefe vor den Augen der Welt aufgedeckt hatte. So geschahs, daß die sinnlose Gesetze gegen die Protestanten und ihre grausame Unterdrückung wenigstens in so fern gemildert wurden, daß die Gesetze durch ihre innere Ungereimtheit nicht mehr mit sich selbst im Widerspruch standen. So geschahs, daß Calonne mit unglaublichem Leichtsinn die Notabeln zusammenberief, und da er das Gebäude für ihre Zusammenkünfte zurichten ließ, den Arbeitern aufgab, ihm eine solche Erweiterung zu geben, daß es einst zur Aufnahme der General-Staaten dienen könnte.

Kaum hatte Calonne das Wort Notabeln ausgesprochen, so sprach die Nation das Wort General-Staaten aus, und von diesem Augenblick an war die Staatsveränderung unvermeidlich.

Der unbedachtsame Finanz-Minister ward das Opfer seiner Verwegenheit. Die Notabeln erkannten sich für unzulänglich, die gedrückte Völker mit neuen Auflagen zu beladen, und die Parlemente folgten ihrem Beispiel.

Aber die willkührliche Macht wußte noch nicht, wie nahe sie am Rande des Untergangs schwebte. Noch wagte sie, durch eigne Kraft den Staat aus seiner [69] Verwirrung zu reissen, und den Widerstand der obersten Gerichtshöfe zu strafen, die ihrem angemaßten Einwilligungsrecht zu den Gesetzen entsagten, ohne Zweifel im thörichten Wahn, daß die Nation durch freiwillige Uebertragung künftig ihnen mehr gestatten würde, als sie aufopferten. Ein Jahr lang dauerte dieser Kampf. Die Sache der Parlemente schien damals die Sache der Nation zu seyn, und so glücklich hatte die Macht, welche die Schicksale der Staaten leitet, die Begebenheiten zusammenverkettet, daß diejenigen, für deren gewaltiges Ansehn die Staatsveränderung am ersten tödtlich ward, die thätigsten waren, sie herbeyzurufen.

Denn die Minister, durch blinde Rache getrieben, beraubten sie durch einen plötzlichen Schlag alles Antheils an der gesetzgebenden Gewalt. Aber nicht an diejenigen sollte diese Gewalt zurückfallen, welchen sie angehörte, durchs unveräusserliche Recht der Natur und durch den ursprünglichen Gesellschaftsvertrag. Die „Courplenière“ des Erzbischofs von Sens und des Siegelbewahrers schien ganz nach dem Muster des Divans von Konstantinopel geformt, und wenn ihren Entwürfen der Sieg gelang, so fiel Frankreich verfassungsmäßig in noch schwerere Fesseln des Despotismus.

Nur konnte der Sieg nicht gelingen, oder wenn je ein Triumph möglich war, so war es der Triumph [70] eines Augenblicks: Denn auch Brienne war genöthigt, die Generalstaaten anzukündigen. Alles näherte sich diesem großen Ziele: Calonne, weil er mit gefälliger Leichtigkeit sie zu beherrschen hofte, wie eine Tänzerin: Der Urheber des neuen Staatstribunals, weil er zu schmeichelnden Versprechungen genöthigt war, um seinem schwankenden System, wo möglich, für den Augenblick wenigstens eine Stütze zu geben: Die obersten Gerichtshöfe, weil sie der gegenwärtigen Gefahr zu entgehn suchten, und, durch den Geist der Innung geblendet, der hinter der allgemeinen Denkungsart immer um ein Jahrhundert zurückbleibt, die künftige nicht voraussahn: Die Nation, weil sie, zum Widerstand gegen die lange Unterdrückung entschlossen, ihr Einziges unblutiges Hülfsmittel von einer gesetzlichen Versammlung ihrer Vertheidiger hofte, welche die willkührliche Gewalt am meisten zu fürchten schien, weil sie seit so lange sie verhindert hatte. Zwar fehlte viel, daß die öffentliche Meinung die Ausdehnung der Rechte dieser National-Zusammenkunft schon damals bestimmt hätte. Alle Partheyen sahn sie aus einem verschiednen Gesichtspunkt, und jede aus demjenigen, der für sie der günstigste schien: Aber alle waren geneigt, etwas abzutreten, weil alle viel zu gewinnen hoften, und alle vereinigten sich zu Anerkennung eines der wesentlichsten Rechte, welches die Geschichte des Reichs und die Beispiele voriger Jahrhunderte geheiligt hatten, daß es der Nation [71] zukäme, über Staatseinkünfte und Auflagen zu erkennen. Die verschiedenen Interessen, in diesem Punkte vereinigt, sahn nicht voraus oder verschoben die Streitigkeiten, die damals noch zu frühzeitig gewesen wären, und diese vorübergehende Eintracht beschleunigte den Triumph der guten Sache.

Die Kühnheit des Machtspruchs, welcher das neue Staatstribunal anordnete, und das drohende Aufgebot der militärischen Macht konnten nicht lange täuschen, über die wahre Unmacht der willkührlichen Gewalt. Sie versprach Belohnungen und Ehre denen, die in die neue gerichtliche Ordnung einträten, und die Nation nannte Verräther am Vaterland alle, die nicht den Gehorsam verweigern würden. Fast alle gehorchten der Nation, ausser denen, die tief unter aller Ehre und Schande standen: Denn die öffentliche Meinung theilt Ehre und Schande aus, und nicht die Stimme des Fürsten. So erschien in lächerlicher Kleinheit die Unfähigkeit der Minister, die Plane entworfen hatten, ohne die Mittel zu ihrer Ausführung zu berechnen, und jene Unentschlossenheit, mit Stärke vorzurücken oder mit Anstand zurückzuweichen, bezeichnete der Augenblick, der in Kämpfen der völligen Flucht vorangeht. Seit lange hatte die Regierung ihr wankendes Ansehn nur mühsam erhalten. Noch unter Ludwig XV war ihr Sieg über die Parlemente für sie nicht minder gefährlich gewesen, als eine Niederlage, [72] weil sie den Widerstand lange mit gelindern Waffen bekämpft hatte, als mit unumschränkten Machtsprüchen. Ludwigs XVI Nachgiebigkeit, da er sie aus der Verbannung zurückrief, hatt' in ihnen nur das Andenken der Beleidigung, die Begierde, sich zu rächen, und das Gefühl ihrer Kräfte verstärkt. Noch weit unvortheilhafter war der neue Streit unter dem Erzbischof von Sens, weil durch zwanzigjährige Fortschritte der Philosophie die Nation zu Behauptung ihrer Rechte, und der Despotismus zu seinem Fall wenigstens um ein Jahrhundert reifer war. Der Heilige Stuhl zu Rom dankt seine prekäre Fortdauer bis ins Jahrhundert der Aufklärung nur seinem nie verläugneten Grundsatz, keines seiner angemaßten Rechte freiwillig zu vergeben, selbst auf die verlorne seinen vollen Anspruch fest zu halten, und mit tauber Schaamlosigkeit niemals seine barbarische Sprache nach dem Geist des Zeitalters abzuändern, und dennoch hat die Aufklärung fast überall über seine Herrschaft gesiegt. Nicht so die französische Regierung, die ihre Anmaßungen mit der Sprache der Philosophie vertheidigen wollte, welche nur gemacht ist, Anmaßungen zu verdammen, und jezt nachgab, jezt widerstand, jezt in Unterhandlungen trat, niemals wohlthätig genug, um das Murren zu besänftigen, und niemals strenge genug, um es zurückzuschrecken. Sobald das Joch nicht mehr mit unerschütterlicher Gewalt auf den Nacken liegt, so verdoppelt die gefühlte Erleichterung die Schnellkraft der [73] Unterdrückten, und sie schütteln es ab mit zusammengerafter Stärke vor die Füße ihrer Tyrannen.

Dieser Fehler der Regierung war unvermeidlich: Denn keine Macht und kein Ansehn widersteht der herrschenden Denkungsart, und der Geist des Zeitalters hatte schon damals sich über die Armee verbreitet, die furchtbarste, und wenn Vorurtheile zu herrschen aufhören, die Einzige Stütze des Despotismus. Ein volles Jahr vorher, ehe die französische Garden ihre Bayonetten gegen die Truppen des Königs kehrten, und die Regimenter, auf die Mündung ihrer Musketen gestützt, dem Offizier, der zu feuern gebot, höhnisch ins Angesicht lachten, leisteten die ausgesandten Truppen im Delphinat, in Bretagne, in Paris, nur einen zweideutigen Gehorsam. Der Marquis von Agoult, der den fünften Mai 1788 in der Hauptstadt den Einbruch in den Pallast der Gerechtigkeit auf sich genommen hatte, erlag unter den Sarkasmen des Volks und seiner eignen Mitbrüder, und der Hof unternahm es vergebens, durch Belohnungen und durch Lob ihn von diesem Schimpfe rein zu machen. Ein Obrister zu Toulouse erklärte sich öffentlich, er würde nie gegen das Parlement oder das Volk sich an die Spitze seiner Truppen stellen. Er verlor seine Stelle, aber einige Monate nachher wählt ihn der Adel zu seinem Stellvertreter in Versailles.

[74] Nicht die Aufklärung allein, sondern auch persönliches Interesse begünstigen zuerst die Meinung, daß es nicht immer Pflicht des Kriegers sey, das Schwerdt beim ersten Aufgebot gegen Mitbürger zu ziehn, und es ist wichtig, zu bemerken, daß dieser Lehrsatz zuerst sich unter den Offizieren verbreitete; weil die große Neuerung, welche das Volk zu seinen Rechten zurückrief, dadurch sich vorbereitete, daß zuerst die Parlemente und ein großer Theil des durch mannigfaltige Bande mit ihnen verbundenen Adels gegen den Despotismus sich gemeinschaftlich vereinigten. Um so bedenklicher ward nachher ihre Lage, da ihr persönlicher Vortheil durch die schnelle Wendung der Angelegenheiten sie zur Vertheidigung der willkührlichen Macht zurückführte, weil es manchem unrühmlich schien, in so kurzer Aufeinanderfolge entgegengesetzte Grundsätze zu bekennen. Die öffentliche Meinung hatt' überdieß in diesem Zeitraum neue Stärke gewonnen, und hatte sich bis auf die gemeinen Krieger verbreitet. Das Zauberwort „tiers état“ bracht' alsdenn unwiderstehliche Wirkung hervor, und mit diesem neuen Selbstgefühl verstärkt, brach jene Unzufriedenheit los, die seit einigen Jahren unter ihnen zum Ausbruch reifte, weil Verordnungen, die für sie schimpflich schienen, sie in ihren eignen Augen erniedrigten. Denn man muß den französischen gemeinen Soldaten nicht nach der rohen Unempfindlichkeit beurtheilen, die manchen deutschen Truppen gewöhnlich ist: Vielleicht ist jenes Ehregefühl, [75] das Montesquieu zur Triebfeder der Monarchien macht, so rein und so unverfälscht in keinem Stande zu finden, als in den untern Klassen der französischen Kriegsheere; Ihre Geschichte verewigt erhabne Beispiele nicht nur eines ächten Heldenmuths und einer republikanischen Vaterlandsliebe, sondern einer Uneigennützigkeit, welche sich häufig mit der Ehre begnügt, Belohnungen verdient zu haben, und sie anzunehmen erröthet, weil Belohnung den Werth einer rühmlichen Handlung verringern würde. Manche große Züge dieser Art bleiben zuweilen begraben in ehrenvoller Dunkelheit, weil wahre Tugend am stolzesten ist auf innern Beifall, welchen fremdes Zujauchzen vielleicht übertäuben würde. Für solche Menschen waren Streiche mit der Säbelfläche, dreifach schimpflich in einem Lande, wie Frankreich, wo die Delikatesse des point d'honneur richtigern Begriffen seit Jahrhunderten widerstanden hat, keine angemeßne Strafe, und eine bittre Empfindlichkeit bereitete die Rolle vor, die sie als Bürger des Staats ohnehin zu spielen berechtigt waren.

Wenn ehmals in einer Nation Unterdrückung jene Stufe erreicht hatte, wo die aufgebrachte Menge im Uebermaaß des Elends ihre Stärke findet, und durch Verzweiflung, zum Widerstand vereinigt, allen Gefahren trotzt, so war des blutigen Schauspiels letzter Auftritt immer der, daß der Tyrann zu Boden stürzte: Oft sogar war sein Untergang nicht einmal [76] der Preiß eines gewaltsamen Kampfs: Nero blieb allein, da der Senat ihm seine Todesboten sandte, und es floß kein Blut, als das seinige. Allein aus Unkenntniß der Mittel, sich in Zukunft vor dem gleichen Schicksal zu schützen, sanken die Nationen blos aus einer Sklaverey in die andere. Es war Sisyphus Stein, den sie im Schweiß ihres Angesichts und mit gestemmten Schultern aufwärts schoben, und der, hoch oben am Gipfel, immer wieder herunterrollte. Nicht so, seitdem die Grundsätze einer wahren Staatsverfassung gekannt waren. Jene Forscher, die in ihren Nachtwachen über das Wesen und das Verhältniß der Gewalten gesonnen hatten, hatten die Quelle des Uebels entdeckt: Es war vorauszusehn, daß sie nicht mit Heilungsmitteln, die blos für den Augenblick Erleichterung schaffen, sich begnügen würden. Aber diese Forscher hatten noch nicht ihre großen Entwürfe durch eine zu frühzeitige Enthüllung den Blicken der Menge preißgegeben, und da der allgemeine Wunsch die Generalstaaten herbeirief, kannte niemand noch weder ihre Menge, noch ihren Einfluß. Diesen darzustellen, gehört in die Geschichte der Staatsveränderung selbst. Diese Geschichte muß entwickeln, wie die nemliche Ursachen, welche die Staatsveränderung vorbereiteten, sie herbei führen, und, verschlungen mit andern, ihr einen Umfang gaben, welchen voraus zu bestimmen menschliche Einsicht unmöglich war.

[77] So ist die gegenwärtige Umschaffung Frankreichs, welche von ganz Europa noch immer mit unglaubigem Erstaunen betrachtet wird, in doppeltem Sinne das Werk der Aufklärung und der Triumph der Philosophie, und seine mächtigste Triebfeder waren Publizität und die öffentliche Meinung.



Anmerkungen der Vorlage

  1. Zu dem Adel gesellte sich die Geistlichkeit. Gleich einem ungleichartigen Metall, hatte sie seit lange von der Masse des Bürgerstandes sich losgewickelt, und die Ausleger übernatürlicher Geheimnisse standen bald nicht nur an der Seite, sondern an der Spitze des vornehmsten Standes, weil es damals ungereimt schien, daß göttliches Ansehen unter dem menschlichen stände, und weil es bei der allgemeinen Unwissenheit einem verehrten Schatten von Kenntnissen leicht ward, zuweilen durch wirkliche Dienste die Gemüther zu gewinnen, noch häufiger durch die gewaltigen Triebfedern der Hofnung oder der Furcht, sie zu unterjochen.
  2. Die Steuer wird in Frankreich auf doppelte Art entrichtet: In einigen Provinzen ist sie reell, das heißt, gewisse Güter entrichten sie, und gewisse Güter sind frei, mag sie ein Adlicher oder ein Unadlicher besitzen: In den meisten ist sie persönlich, das heißt, die Güter sind steuerfrei oder der Steuer unterworfen, je nachdem sie von einem Adlichen oder Unadlichen besessen werden.
  3. Stella, ein Schäferroman von Ritter von Florian.
  4. Siehe die neuen Bekenntnisse Johann Jakob Rousseaus.
  5. Im J. 1764. schrieb Voltäre an den Marquis von Chauvelin, damals französischen Ambassadör im Haag: Alles, war ich sehe, streut den Saamen einer Revolution, die unausbleiblich erfolgen wird, und von der ich nicht die Freude haben werde, Zeuge zu seyn. Die Franzosen gelangen zu allem etwas spät: Die Aufklärung hat sich nach und nach so allgemein verbreitet, daß man bei der ersten [53] Gelegenheit losbrechen wird. Es wird ein schöner Lärm werden, und Glück zu unserm jungen Volk: sie werden Wunderdinge sehn. Allgem. Korresp. VII. Band, S. 315. Ausg. von Beaumarchais in 8vo.
  6. Die Herzoge von Rochefoucault und Liancourt.
  7. Ueber Neckern wird ein eigener Artikel versprochen.