Unsere Krischane

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Autor: Charlotte Niese
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Titel: Unsere Krischane
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24–26, S. 400–406, 420–426, 440–444
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[400]

Unsere Krischane.

Von Charlotte Niese.
1.

„Ich möcht’ nu doch wohl wissen, ob alle Menschens falsch sind!“ sagte Christiane Timmermann mit einem Seufzer. Dabei ließ sie sich auf einen Stuhl im Eßzimmer fallen, zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, glättete es mit ihren roten Händen und legte es dann vor sich hin.

„Ganz gewiß nicht!“ erklärte ich, eifrig in mein Butterbrot beißend. Es war nämlich um die Vesperstunde und Krischane Timmermann, die Haushälterin des aufs Land versetzten Elternhauses, hatte soeben Kaffee und Butterbrot ins Zimmer gebracht.

Sie sah mich jetzt ernsthaft an. „Hab’ ich all mit dich gesprochen? Wenn ich frag’, ob alle Menschens falsch sind, so mein’ ich das for mir allein und dann höchstens for die Intzehoer Nachrichten, obersten, nich for dir! Und nu stör’ mir nich mehr!“

Mit halblauter Stimme und den Finger auf dem Blatt langsam weiterschiebend, las sie stockend einige Sätze vor sich hin, ich aber biß von neuem in mein Vesperbrot, lehnte mich in den Stuhl zurück und fühlte mich sehr behaglich. Seit einigen Tagen war ich nämlich zum Besuch bei meinen Eltern die bereits im vorigen Jahre das Inselstädtchen verlassen hatten und nun auf dem Lande lebten. Obgleich ich es einmal nicht für möglich gehalten hatte, daß auf den traurigen Herbst, in dem die Eltern mit den Brüdern abreisten, noch ein Sommer kommen könnte, so hatte er sich dennoch eingestellt. Freilich hatte es lange gedauert, bis er kam; aber endlich war es doch so weit gewesen, daß ich unter schützender Begleitung die große Reise nach dem Festlande anzutreten vermochte. Nun also war ich glücklich angelangt, und wenn es mir auch noch ein wenig schwer wurde, mich in die neuen Verhältnisse und einige neue Menschen zu finden, so ging es doch besser, als ich zuerst dachte.

[402] Mit Krischane, der Haushälterin, hatte ich überhaupt gleich eine Art Freundschaft geschlossen. Als Jürgen mich ihr vorstellte, da bemerkte sie allerdings, Deerns seien alle falsch und sie möge deswegen keine Deerns leiden, aber da sie mir zugleich zur Bekräftigung dieser Behauptung eine hübsche Geschichte von einer falschen „Mike“ erzählte, die ihr den zweiten oder den dritten Bräutigam abspenstig gemacht habe, so nahm ich ihr diese Bemerkung gar nicht übel. Ich war es gewohnt, mancherlei Klagen über das Geschlecht zu hören, dem auch ich angehörte, und hatte noch niemals daran gedacht, sie kränkend zu finden. Krischane hatte im ganzen etwas Behagliches, das mir sehr heimisch vorkam. Sie war dick und hatte so schöne rote Backen wie bei uns auf der Insel die Köchinnen. Zwar trug sie keine schwarze Sammetjacke und keinen gestreiften Rock, wie die Dienstmädchen, sondern ein himmelblaues Kleid und eine vergoldete Brosche, der Eindruck aber war doch so, als wenn ich sie schon lange gekannt hätte. Und wie ich nun neben ihr saß, während sie die Zeitung laut atmend betrachtete, da kam es mir doch vor, als sei sie mir immer vertraut gewesen.

„Gottogott,“ sagte sie das Blatt mir zuschiebend, „ich weiß doch gar nich, was es nu mit ’n Druck is. Mich deucht, die Leute, die die Zeitung machen, die geben sich da keine Mühe mehr mit. Mich wird das jetzt ordentlich schwer, die Buchstabens zu lesen, weil sie so schlecht gedruckt sind. Lies mich das mal vor aber lüg’ da nix zu!“

Ich las also, was ihr Finger mir zeigte: „Heiratsgesuch. Ein gediegener Witwer in den fünfziger Jahren sucht auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege die Bekanntschaft einer Dame, nicht unter Fünfunddreißig, zu machen! Vermögen erwünscht, jedoch nicht Hauptsache. Es wird mehr auf ein gutes Herz und auf ein häusliches Wesen gesehen. Offerten unter A. T. 35 befördert die Expedition dieses Blattes. Als ich geendet, seufzte Krischane tief und strich sich dann über die glatten, braunen Haare.

„Ach ja, ach ja, wo einmal schön! Was’n Mann, was’n guten Mann! Ja, so einen, den könnt ich mich noch gefallen lassen!“

„Wen meinst du, Krischane?“ fragte ich, aber sie stand auf und drehte mir den Rücken.

„Laß man das Fragen! Ich muß ganzen allein wissen, ob ich es thun soll, oders nich!“

Ich konnte auch die Unterhaltung nicht länger fortsetzen denn die Brüder kamen herunter zum Vesperbrot und mit ihnen der Hauslehrer, Herr Kandidat Nottebohm. Das war auch eine der neuen Bekanntschaften, die ich hatte machen müssen, aber sie war mir nicht so angenehm wie die von Krischane. Nicht, daß Herr Kandidat Nottebohm mir etwas gethan hätte, aber er war so ganz anders, als ich mir einen Kandidaten dachte. Ich hatte früher einmal einen gesehen, der war sehr jung, sehr blond, sehr lustig gewesen, und seit der Zeit stellte ich mir die Kandidaten alle so angenehm vor. Aber Herr Nottebohm war schon ein ziemlich alter Mann mit grauen Haaren und einem müden, etwas gelangweilten Gesicht. Mir schien nicht, daß er lachen oder gar Kunststücke mit Thalern und Taschentüchern machen konnte, wie ich es von den Kandidaten verlangte; aber Jürgen, der immer alles wußte, sagte auch, diese netten Kandidaten seien nach dem Jahre 1864 alle sehr schnell Pastoren geworden, weil die Dänen ihre Pfarren in Schleswig-Holstein verlassen hätten.

„Warum ist Herr Nottebohm nicht auch Pastor geworden?“ fragte ich. Ich hätte ihm gern die größte Pfarre gewünscht.

„Er ist zu oft durchs Examen gerasselt!“ erklärte mein Bruder. „Ich hab’s gehört, wie Papa es zu Mama gesagt hat, aber er sagte auch, für den Elementarunterricht wäre er ganz brauchbar. Das andere thut Papa ja doch!“

„Kann er denn nie Pastor werden?“ fragte ich entsetzt, weil es mir vorkam, als seien wir nun auf ewig mit Herrn Nottebohm verbunden, und mein Bruder zuckte die Achseln.

„Ich weiß es nicht! Aber,“ setzte er hinzu, „er ist gar nicht so schlimm. Wenn er auf seiner Stube sitzt und eine lange Pfeife raucht, dann kann er ganz gemütlich sein! Er ist früher lustig gewesen und erzählt sehr nett davon!“

Aber ich ging Herrn Nottebohm doch lieber aus dem Wege. Schon aus dem Grunde, weil einer von den Erwachsenen Angehörigen unserer Familie plötzlich geäußert hatte, ich müsse auch bei dem Kandidaten Unterricht haben, sonst würde ich doch zu wild!

Ich aber hatte mir fest vorgenommen, mir die schöne Besuchs- und Ferienzeit bei den Eltern nicht durch ganz unnötige Gelehrsamkeit zu verderben. Wenn also der Kandidat im Garten erschien, die Hände auf den Rücken gelegt, einen alten Cylinderhut auf dem Kopfe, dann verschwand ich sofort, und auch bei den Mahlzeiten bemühte ich mich immer, nicht in seiner Nähe zu sitzen. Besonders in der ersten Zeit meines Aufenthalts befolgte ich diese Taktik, als ich später merkte, daß Herr Nottebohm gar nichts von mir wollte und wahrscheinlich Gott dankte, mich nicht unterrichten zu müssen, wurde ich etwas freundlicher.

An dem Tage aber, wo ich Krischane das Heiratsgesuch vorgelesen hatte, schob ich mich schnell an das unterste Ende des Kaffeetisches und freute mich, als Herr Nottebohm sich weit von mir setzte. Er sah mich gar nicht an, sondern griff nach einem Teller mit Butterbrot, den er dicht an sich heranschob, und begann eifrig zu essen. Er war ein großer, magerer Mann und hatte einen vorzüglichen Appetit. Dabei sprach er fast gar nicht, wenn er aß, sondern blickte immer geradeaus vor sich hin, nur die Kinnbacken eifrig bewegend.

Die Unterhaltung an dem Kaffeetisch war überhaupt heute nicht sehr belebt. Die Brüder hatten noch eine Stunde bei Papa vor sich, für die sie bis jetzt nicht gelernt zu haben schienen, denn jeder von ihnen saß über einem lateinischen Buch und flüsterte halblaute Worte vor sich hin. Krischane, die für unser leibliches Wohl sorgte, war so in Gedanken versunken, daß sie uns allen die dritte Tasse Kaffee einschenkte, was sie eigentlich nicht durfte und Herr Nottebohm aß, wie gesagt, so eifrig, daß er sich um nichts anderes bekümmerte. Da war es denn eine rechte Abwechslung für mich, als ein kleiner Kastenwagen auf den Hof gerasselt kam und ich mich ans Fenster stellen konnte, um ihn zu betrachten. Es war ein sehr wenig elegantes Gefährt, und das vorgespannte Pferd, ein zottiger, hinkender Doppelpony, zeichnete sich gleichfalls nicht durch Schönheit aus. Auf dem Wagen selbst saßen eine alte Frau und ein noch junger Mann.

„Das sind Bierkrauts!“ bemerkte Jürgen, der sich neben mich gestellt hatte. „Mutter Bierkraut handelt mit geräucherten Sachen und Fite, ihr Sohn hilft ihr dabei. Sie prügelt ihn und sie soll auch hexen können!“

Nach dieser Beschreibung ging ich natürlich hinaus, um mir beide Persönlichkeiten näher zu betrachten. Krischane ging auch mit, und während sich zwischen ihr und Mutter Bierkraut eine sehr lebhafte Unterhaltung entspann, konnte ich sie sowohl als ihren Sohn so lange ansehen, wie ich wollte. Beide waren vom Wagen gestiegen und priesen ihre Ware in glühenden Lobsprüchen an, während Krischane naserümpfend die Körbe mit den geräucherten Aalen und Bücklingen betrachtete und ein vernichtendes Urteil über sie fällte.

„Die sind ja wohl alle von vorigem Jahr!“ sagte sie auf hochdeutsch. „So’n ohl Kram nehm’ ick nich!“ setzte sie dann auf plattdeutsch hinzu.

Mutter Bierkraut schrie laut auf, und dann schalten die beiden sich – auf plattdeutsch und auf hochdeutsch, und ich kann nur sagen, daß sie beide das Schimpfen verstanden. Mutter Bierkraut war eine starke, große Frau mit finstern dunklen Augen und gelblichen Gesichtszügen. Sie sah fast aus wie eine Zigeunerin und ich konnte ihr gegenüber ein Gefühl von Furcht nicht unterdrücken. Ihr Sohn Fite machte keinen so bösartigen Eindruck. Er hatte ein freundliches Gesicht und ganz nette Augen. Vor mir hatte er seine fettige Mütze abgenommen, was mich mit wohlwollenden Gefühlen für ihn erfüllte, und nun stand er vor dem Pony und fütterte ihn mit Brot.

Krischane und Mutter Bierkraut zankten sich noch, aber ihre Stimmen waren doch leiser geworden und Krischane schien einige Sachen kaufen zu wollen. Ich wollte also gerade eine Unterhaltung mit Fite beginnen, da war er plötzlich eilig in unsere Küche geschlüpft und kam erst wieder, als seine Mutter gellend nach ihm rief. Der Handel war abgeschlossen, die Alte kletterte wieder auf den Wagen und der Sohn that desgleichen. Dann noch eine unfreundliche Begrüßung und der zottige, magere Pony trottelte mit allem davon.

„Das sind aber komische Leute!“ bemerkte ich zu Krischane und diese nickte. Sie war noch immer in einer gewissen Erregung und strich sich über die glatten, dünnen Haare.

„Das kannst woll sagen, Kind! O, was is Mutter Bierkraut [403] for ’n Person! Neulich giebt sie mich ein Aal und läßt mir for zwei bezahlen und denn sagt sie nachher, ich könnt’ ja woll nich mehr orrentlich sehen, was von das Alter käm’! Wo ich doch eben erst in die Vierzigen bin und sie in die Sechzigen. Nee, das is ein Person!“

„Fite ist doch wohl ganz nett!“ meinte ich und Krischane machte eine zustimmende Bewegung.

„Der Fite is ja nich slimm, ein stattlichen Jung, hat auch ein ganz nüdliches Gesicht, gegen dem hab’ ich nix!“

„Er lief in die Küche!“ berichtete ich. „Was wollte er dort wohl?“

Krischane war stehen geblieben und sah verdrießlich aus.

„Nu denk’ an!“ sagte sie. „Sollte er nu warraftig mit Liese was anfangen? Ja, das sag’ ich ja, alle Deerns sind falsch! In diesen Momang is sie noch nich achtzehn Jahrens alt und dann hängt sie sich all hinter die Mannsleute, wo sie doch an ihr irdische Pflicht und daran denken soll, daß sie hier Hausmädchen is! Abers was so ’n Deernsvolk is, das denkt gleich an Heiraten!“

Liese war ein ganz niedliches Mädchen, die mir schon verschiedentlich kleine Handreichungen gethan hatte, und ich beschloß natürlich, sie bei nächster Gelegenheit nach Fite Bierkraut zu fragen. Vorläufig aber kam ich nicht dazu denn Krischane faßte mich am Arm.

„Komm’ man mit in mein’ Stube, ich muß dir noch was sagen!“

Als ich ihr nun gefolgt war, drückte sie mir noch einmal das Zeitungsblatt in die Hand und ich mußte ihr das Heiratsgesuch wiederum vorlesen.

„Ob ich es woll noch mal thu?“ murmelte sie mehr für sich als zu mir, nachdem ich fertig war. „Einmalen, da hat es mich gar nix genützt, und da stand doch noch „Reelles Heiratsgesuch“ darüber, und es war auch in die ’Intzehoer’. Abersten das is ja so mit die Blätters. Wenn da reell in steht, denn is das nix Reelles, und wenn da nich viel Worte gemacht werden, denn is es was Gutes. Nee, damalen war es nix! Ich bot mir als Ehefrau an, wo doch auch ein Wittmann ein ordentliche Person haben wollt’, und leg’ ein Retuhrmarke bei von wegen die Antwort, und ich hab’ in meinem ganzen Leben nie wieder von die Geschichte gehört!“

„Willst du diesen Witwer heiraten?“ fragte ich neugierig. Krischane aber schob mich aus ihrem kleinen Zimmer.

„Nich nach allens fragen, Kind!“

Aber Jürgen, dem ich meine Unterredung mit Krischane erzählte, meinte doch auch, sie werde dieses Heiratsgesuch wahrscheinlich beantworten und dann bald von uns fortgehen. Das war schade – wir bedauerten es beide, denn auch mir gefiel sie gut, trotz meiner kurzen Bekanntschaft mit ihr, aber es war nicht viel dabei zu machen. Uebrigens sprachen wir nicht so sehr viel von dieser Angelegenheit. Jürgen hatte mehr zu lernen als früher, und ich hatte noch immer neue Eindrücke in mich aufzunehmen; meine Eltern hatten jetzt Pferde und Kühe, deren Bekanntschaft man doch machen mußte, da war eine Scheune voller Heu, in der man Versteck spielen konnte, und dann war auch noch die Posttasche da, die täglich aus dem Hirschkruge geholt werden mußte, so daß man nicht über alle Sachen sehr lange nachdenken konnte. Der Hirschkrug lag etwa eine Viertelstunde Wegs von unserem Hause entfernt. Es war ein Landwirtshaus mit dazu gehörigem Laden und einer Bäckerei. Die Zuckerkringel des Hirschkrügers waren weitberühmt und auch wir mochten sie sehr gern. Da die Tasche von einem die Post holenden Boten immer im Hirschkruge abgegeben wurde, so bildete sie einen angenehmen Vorwand zu einem Spaziergang zu den Zuckerkringeln oder zu einem Glase Bier. Als ich kam, war es Herr Nottebohm, der sich angewöhnt hatte, die Tasche zu holen sie später zu öffnen und ihren Inhalt zu verteilen. Allmählich aber nahm ich ihm die Mühe des Abholens ab, und da ich sie dann dem Kandidaten getreulich ablieferte, so hatte er nichts gegen meinen Dienst einzuwenden. Er stand nur manchmal in der Gartenthür, um mir die Tasche abzunehmen. So war es wenigstes in der ersten Zeit gewesen; nachdem ich Krischane aber das Heiratsgesuch vorgelesen hatte, wollte diese plötzlich auch Briefe haben und entwickelte eine ihr sonst fremde Sehnsucht nach der Posttasche.

Eigentlich sollte ich sie schon gleich morgens nach dem Kaffee holen, was eine Unmöglichkeit war, da sie gegen fünf Uhr nachmittags erst eintraf, und wenn es zwei Uhr geschlagen hatte, dann schickte sie mich eilig fort.

„Und denn geb’ sie man nich an dem Kanderdaten, der ümmer mang die Briefens herumsnückert, denn geb’ sie an mir!“

Vergeblich suchte ich ihr klar zu machen, daß vor fünf Uhr die Post nicht im Kruge sei, das wollte sie niemals glauben und sie erreichte wirklich, daß ich ihretwegen so zeitig wie möglich hinging. Einigemal konnte sie auch die Tasche selbst aufschließen; aber wie sehr sie auch die Briefe betrachtete und langsam an ihren Adressen herumbuchstabierte, für sie war doch niemals ein Brief da. Eines Tages ärgerte sie sich sehr. Da war nur ein Brief in der Posttasche und der war für Herrn Nottebohm. Ein mächtiger schwerer Brief, mehr wie ein Paket anzusehen und Krischane betrachtete ihn verdrießlich von allen Seiten.

„Nu kuck einer an! Was so’n Mann for’n Brief kriegt, wohingegen for mir nich das Allergeringste da ist!“

„Von wem erwartest du eigentlich einen Brief?“ erkundigte ich mich, und sie warf mir einen verdrießlichen Blick zu.

„Wenn du doch man bloß das alte Fragen sein lassen wolltest! Mich deucht, das is nich fein, nach allens zu fragen, wo man als Kind nu doch gar nix von versteht!

Sie hatte noch immer Nottebohms Brief in der Hand und drehte ihn immer von neuem um.

„Wo sollt er woll einmal herkommen?“ fragte sie, ihn mir hinhaltend, und ich buchstabierte an dem Stempel. „I, It, Itzehoe!“

„Du mein Gott!“ Sie war ordentlich zusammengefahren. „Nu kriegt Nottebohm auch was von Intzehoe, wo ich mich gleichemang was aus die Gegend erwarte! Wo einmal merkwürdig! Kinners, Kinners, wenn das man bloß nix Slimmes zu bedeuten hat!“

Ich konnte ihre Reden nicht so recht verstehen, und da Krischane den Brief an Herrn Nottebohm doch nicht öffnen durfte, sondern ihn hintragen mußte, so war die Angelegenheit für mich dann auch zu Ende. Aber Krischane ging den ganzen Tag kopfschüttelnd und anscheinend schwer bedrückt umher. Auch am folgenden Morgen war sie noch nicht wieder in ihrer alten behaglichen Stimmung, schalt über alle Maßen mit Liese, dem Hausmädchen, und hatte mit Mutter Bierkraut ein so heftiges Wortgefecht, daß Fite Bierkraut, der schon auf dem Wege zur Küche war, es gar nicht wagte, hineinzuschlüpfen, sondern starr vor Angst in der Thür stehen blieb.

„Liese ist auch gar nicht da!“ bemerkte ich halblaut zu ihm. Ich hatte mich einigermaßen mit ihm angefreundet, und Jürgen und ich wußten ganz genau, daß er und Liese sich manchmal hinter der Küchenthür küßten. Er wurde rot bis unter die Haarwurzeln und warf einen schnellen Blick zu seiner Mutter herüber, die mit schriller Stimme alle möglichen Flüche gegen Krischane ausstieß, was diese in der gleichen Tonart erwiderte. Der ganze Streit handelte sich um einige Dutzend Kieler Sprotten, aber keine von den beiden erregten Frauen wollte der andern das letzte Wort lassen.

„Weshalb wirst du so rot?“ fragte ich Fite teilnehmend, und er wurde ungefähr lila.

„Laß die Altsche das doch man nich hören, deine Witzens mit Liese!“ murmelte er furchtsam…“

„Weshalb nicht! Ist sie denn nicht deine Braut?“ fragte ich und er schüttelte bestürzt den Kopf.

„Längst nich!“ gab er zur Antwort.. „Sie hat ja nix!“ Dabei seufzte er gottserbärmlich.

„Mußt du denn nach Geld heiraten?“ fragte ich altklug und Fite wiegte den Kopf kummervoll hin und her.

„Unter zehntausend Mark thut die Altsche es nich!“

"Kehre dich doch nicht an die Alte!“ riet ich.

Da sah er mich ganz entsetzt an. „Du kennst die Altsche nich – nee, du kennst ihr nich!“ murmelte er verzweifelt, während er sich wandte und nun doch in die Küche lief, in der Lieses niedliches Gesicht plötzlich aufgetaucht war. Krischane und Mutter Bierkraut waren auch stiller geworden, die letztere kletterte grollend auf den Wagen, und ehe sie sich ordentlich zurechtgesetzt hatte, hatte auch Fite sich wieder eingefunden, und das Gefährt holperte von dannen.

„So ’n Person!“ schalt Krischane hinter ihr her. „Meint woll, sie kann mir nasführen, wo sie mich immer die alten vertrockneten Sprotten aufbinden will. Nee, ich kenne ihr und laß mir nix gefallen!“

[404] „Fite war wieder in der Küche bei Liese,“ erzählte ich.

„Meinswegen!“ erwiderte Krischane kurz. „So ’n dummen Jungen und so’n Deern passen zusammen, da kommt doch nix nach! Abersten du mußt diesen Nachmittag ein büschen früh zu Gange, damit ich die Posttasche kriege und nich den alten Kanderdat, der ja eine ganz unchristliche Neugier for die Postsachen hat! Thu es mich zu Gefallen!“

Ich that ihr den Gefallen; aber die arme Krischane erhielt doch keinen Brief, weder an diesem noch an einem der andern Tage und allmählich fand sie sich in ihr Schicksal.

2.

Ich hatte inzwischen die Bekanntschaft von Friederikenruhe und von Perle gemacht. Die Friederikenruhe war ein mit etlichen Tannen und mit Gestrüpp bewachsener Erdhügel, der etwas abseits vom Fahrwege nach dem Hirschkrug lag. Irgend eine Friederike, die jetzt tot war, hatte auf diesem Hügel zwei Bänke und einen Tisch gestiftet, und wer müde war und sich ausruhen wollte, konnte dort sitzen und eine sehr bescheidene Aussicht bewundern. Für uns Kinder war die Aussicht gleichgültig, uns beschäftigte mehr ein Tagelöhnerhäuschen, das im Schutze des Hügels etwas versteckt lag und in dem ein Hund wohnte, der so heiser bellte, wie wir noch niemals einen Hund hatten bellen hören.

Er hieß Perle und hatte ein leicht erregbares Temperament, das durch geschickte Steinwürfe noch lebhafter wurde, so daß ein Gang auf die Friederikenruhe für uns stets ein kleines Scharmützel mit Perle bedeutete. Eines Nachmittags nahmen Jürgen, Milo und ich unseren Stallkater Banko mit nach der Friederikenruhe, damit auch er Perle bellen hören sollte. Banko war ein älterer streitbarer Herr, der vor keinem großen Hunde zurückschreckte, jetzt hatte er allerdings manchmal das Bedürfnis nach Ruhe und schlief die meiste Zeit des Tages. Als wir aber gegen die geschlossen Hausthür der Kate einen wohlgezielten Steinwurf fliegen ließen, der Perle sofort veranlaßte, aus seinem in der Hausmauer befindlichen Loch zu stürzen und rasend zu bellen, da wachte Banko aus seiner behaglichen Alterszufriedenheit auf. Jürgen hatte ihn auf dem Arm gehalten; er sprang aber in einem Satze auf Perle los, und als dieser, den unerwarteten Besuch erblickend, mit lautem Geschrei kehrt machte und eiligst wieder in die Kate kroch, da kroch Banko hinter ihm her.

Wir hörten nicht allein Bellen und Schreien, sondern auch Klirren, Poltern und lautes Schelten von Menschenstimmen, die vermutlich dem Tagelöhner Evers und seiner Frau gehörten. Es war ganz eigentümlich, und wenn wir auch mit anscheinend sorglosem Lachen der Aufregung im Innern der Kate lauschten, so sagte Milo doch, daß wir schnell nach Hause gehen wollten. Diesem Vorschlag stimmten Jürgen und ich ohne weiteres zu, und wir waren schon fast zu Hause angelangt, als Krischane hinter uns her kam. Sie trug einen Korb und mehrere Pakete, deren Inhalt sie im Hirschkruge eingekauft hatten; jetzt aber bemerkte sie, daß sie etliche Pfund grüner Seife im Kruge vergessen hatte, und forderte mich auf, mit ihr wieder umzukehren, während sie den Brüdern die andern Pakete auflud.

Eigentlich hatte ich keine Lust, ließ mich aber doch bewegen, den Weg noch einmal zurückzumachen und Krischane zu begleiten, die mich zur Belohnung für meine Willfährigkeit eifrig unterhielt. Als wir im Kruge gewesen waren und heimgingen, bot sie mir an, ob wir uns nicht ein wenig auf der Friederikenruhe hinsetzen und die Aussicht genießen wollten; ich lehnte indessen hastig ab und sie sah mich etwas erstaunt an.

„Magst nich die Aussicht sehen? Ich nehm’ auch gern ein Mund voll Snack mit Everschen, die ein Casine von den Mann is, der mir einmal wollte und nachher ein Frau hatte. O jemineh! Sie blieb stehen und seufzte. „Ich hab’ Unglück gehabt mit die Mannspersonen! Einer hatt’ ein Frau, wo ich fest glaubte, er wär’ ein Wittmann, und einer schenkt mich ein Ring und sagt nachher, da hätt’ er sich nix bei gedacht! Und von die Zeitung krieg’ ich auch kein’ Antwort!

Sie ging weiter und wischte sich die Augen, während ich nach der Friederikenruhe hinhorchte, an der wir gerade vorübergangen. Aber es war alles still dort, und es schien, als wenn Perle noch lebte, denn der Tagelöhner Evers, der von seinem Hause kam, sah gleichmütig aus und trug Hacke und Spaten über der Schulter, mit demselben unbeweglichen Gesicht, mit dem er diese Gerätschaften immer trug.

„Der will sein Land umhacken!“ bemerkte Krischane. „Ja, was das rechte Arbeiten is, das macht Spaß. Morgen hab’ ich groß Reinmachen das is auch gut gegen die Gedankens. Die Zimmers haben alle Reinisierung nötig, am meisten Herr Nottebohm sein Stube. Was smeißt der mit die Papierens herum! Er hat den ganzen Ofen voll von Briefens gesteckt, wie Liese sagt. Gott mag wissen, wo er all die Briefens hergekriegt hat. Abers das kommt ja woll von die Gelehrsamkeit, daß die Leute an einen schreiben. Nu, morgen will ich mich das mal ankucken, weil ich den Ofen doch leer machen muß!“

„Hast du die Posttasche mitgebracht?“ rief ich plötzlich und Krischane schüttelte den Kopf.

„Nein Kind, die Posttasche geht mir gar nix an, denn ich lauer’ nich mehr auf Briefens. Das is was for die Gelehrtens, nich for unsereinen, wo man sein Lebtag kein Brief kriegt!“

„Hast du eigentlich gar keine Verwandte, die dir schreiben können?“ erkundigte ich mich weiter und sie wiederholte ihre vorige Bewegung.

„Nee, Kind, Vater und Mutter sind tot. Ich hatt’ mal einen Bruder, abers der is klein gestorben, und was Onkel Detlev is, so kümmer ich mir nich um den. Erstlich darum nich, weil er gar nix von mich wissen will, wo ich doch sein leibliche Swestertochter bin, und denn darum nich, weil ich ihn mal ein Brief geschrieben hab’, wo er mich gar kein Antwort auf gegeben hat! Das war dazumalen, vor ein paar Jahrens, wo ich kein’ Stelle hatt’ und so viel Reißen in den Kopp, daß ich auch gar nich arbeiten konnte. Da sagt der Dokter, daß ich mir verholen soll, und weil ich kein Platz hatt’, wo ich das konnt’, da dacht’ ich an mein Onkel Detlev in Krempe. Denn in Krempe wohnt er, mit Verlaubnis zu sagen, was ja eine Stadt bei Intzehoe in Holsten is, und ein Fuhrgeschäft hat er, wo er denn woll sein Brot bei gefunden hat. Na, ich schreib’ ihm denn, ob ich mir nich ein büschen bei ihm verholen könnte, abers ich krieg’ kein Antwort. Das war ins Frühjahr gewesen, und als der Sommer kam, kriegt ich ein leichten Platz bein alte Dame in Kappeln, wo ich es gut hatte und meine Smerzen auch los wurde. Und so um den Oktobermonat, als mein altes Fräulein grad’ das Nervenfieber hatt’ und ich ihr pflegen mußt’, da kommt da ein Kerl bei mich an, der Fuhrknecht bei Stamer-Johann war und der auf Kiel fuhr. Ich kannt’ ihm ein büschen von die Straße her und sonsten gar nich, und der bringt mich en Bestellung von Fuhrmann Knorr aus Kiel. Der is auf Elmshorn gefahren und is mein Onkel Detlev auf die Schasee nach Wrist begegnet, und Onkel Detlev hat gesagt, wenn Fuhrmann Knorr mal nach Kappeln käme, denn sollt’ er man am Krischane Timmermann sagen, for ihr wär’ er nich zu Hause und sie braucht ihn nich zu besuchen, weil daß er sich aus das Weibervolk nich das Geringste machte. Nu, Knorr sagt es denn an Stamerjohann, der nach Kappeln fuhr, und der sagt es an seinen Knecht. So kriegt’ ich die Botschaft ja noch ganzen snell, abers ich kann doch nich sagen, daß ich das forn Antwort auf meinen Brief rechne!“

„Das war aber gar nicht nett von deinem Onkel,“ meinte ich, als Krischane aufatmend innehielt und an ihren Hutbändern knotete. Denn wir hatten Friederikenruhe verlassen und waren ungefähr zu Hause angekommen.

„Sag’ ich auch!“ meinte sie ruhig. „Damalen ärgerte ich mir so über ihm, daß ich ihn noch einen Brief schrieb. Da stand im ,Lieber Onkel Detlev! Du kannst mich in den Mondenschein begegnen! Deine Swestertochter Krischane!’ Und auf die Adresse schrieb ich: An den Keerl Detlev Piepgras. Mit Verlaubnis zu sagen in Krempe. Denn du weißt doch, daß es heißt: Ein Herr aus Intzehoe, ein Mann aus Glückstadt und ein Keerl ut de Kremp! Abers wie die alten ekligen Dänens denn sind – in Kappeln war ein alten Major Postmeister, der wollt’ mich warrhaftigen Gott den Brief nich abnehmen, wo ich doch mein gutes Geld for bezahlen wollt’, und er hat mich noch ausgescholten und hat gesagt, Krempe wär gerad’ so gut wie Kappeln, was nu doch bloß ein Däne sagen kann! Nu, mein Brief is nu abers nich abgegangen, und ich hab ihn lang in mein Kommode gehabt, bis ich ihm einmal nich wieder finden konnte. Abers nu laß mir man for das Abendbrot sorgen, Kind!“

Sie war ins Haus gegangen und ich lief auf den Hof, wo [406] Banko harmlos auf einer Bank saß und sich leckte. Jürgen und Milo standen schon vor ihm und wir alle drei hätten gern die Geschichte seines Erlebnisses mit Perle gehört; er sagte aber gar nichts und Liese, das Hausmädchen, wußte auch nichts von ihm zu berichten. Sie hatte einen heißen Kopf und machte ein sehr schnippisches Gesicht, als Jürgen sie plötzlich fragte, ob sie nicht vorhin mit Fite Bierkraut spazieren gegangen sei. Natürlich würdigte sie den Frager keiner Antwort und schließlich war es uns auch allen einerlei. Denn wir wurden plötzlich noch einmal nach dem Kruge geschickt, um die Posttasche zu holen, die Krischane vergessen hatte. Auch Herr Nottebohm schien sein Interesse an ihr vollständig verloren zu haben und that, als man ihn danach fragte, als wenn er sich noch niemals um sie bekümmert hätte. An diesem Abend spielte Herr Nottebohm mit uns „Schwarzen Peter“ und benahm sich so nett bei dem Spiel, daß ich ihn wirklich recht gern leiden mochte. Er wurde natürlich immer „Schwarzer Peter“, ließ sich einen Schnurrbart nach dem andern, ja die Nase schwarz malen und bewies eine stille Ergebenheit, die nicht alle Leute bei diesem Spiel zeigen.

„Er ist doch ganz nett!“ sagte ich am anderen Morgen zu Milo, als wir zusammen in den Stachelbeeren saßen, während aus der Ferne die Begleitmusik des großen Reinmachens, das Klopfen der Teppiche und Kissen ertönte.

Milo nickte. „Nottebohm ist gar nicht schlecht. Zu Jürgen hat er einmal gesagt, wenn man jung wäre, dann dürfe man nicht allzu lustig sein. Er wäre zu lustig gewesen, nun müßte er dafür büßen. Aber er kann doch noch manchmal ganz lustig sein!

Während Milo also redete, steckte er den Mund voller Stachelbeeren aß sie, spuckte die Schalen aus und holte sich neuen Vorrat, so daß er diesen Satz nur sehr langsam hervorbrachte. Auch ich war in derselben Weise wie er beschäftigt, und als plötzlich Krischane zwischen den Stachelbeerbüschen erschien und mit schriller Stimme nach uns rief, da konnten wir ihr nur allmählich antworten.

„Kinners, wo seid ihr, wo steckt ihr? Und wo is Nottebohm?“

Sie sah aufgeregt aus, ihre Haare flatterten im Winde und in der Hand trug sie ein Bündel Papiere.

„Wo is er? Wo is Nottebohmen?“ fragte sie in einem so drohenden Tone, daß wir sie wirklich erstaunt betrachteten.

„Du mußt Herr Nottebohm sagen!“ sagte Milo ermahnend. „Wir dürfen auch nicht Nottebohm allein sagen!“

„Ich sag’, was ich will!“ rief Krischane atemlos. „Den Deuwel auch! Ich sag’, was ich will! Wo is Nottebohm?“

„Du darfst auch nicht fluchen!“ bemerkte Milo gemütlich. „Fluchen ist Sünde. Papa sagt es, und der muß es wissen!“

Er kroch aber doch bei diesen Worten auf die andere Seite der Stachelbeerhecke und das war sein Glück, denn Krischane stürzte sich mit so blitzenden Augen auf ihn, daß sie ihn sicherlich geprügelt hätte, wenn er in ihre Hände gefallen wäre. Nun wandte sie sich von uns ab und flog nach dem Teil des Gartens, in dem eine Pfeifenblattlaube stand, in welcher Herr Nottebohm hin und wieder in beschaulicher Ruhe eine ellenlange Pfeife zu rauchen pflegte.

„Wie dumm von ihr!“ sagte Milo, der schon wieder neben mir stand und Krischane nachblickte.

„Was ist dumm?“ fragte ich.

„Nun, daß sie Herrn Nottebohm sucht, wo sie doch heute selbst sein Zimmer reingemacht hat! Dann sind doch morgens keine Stunden und Herr Nottebohm geht in den Krug und trinkt Bier; das thut er immer, wenn er Zeit hat. Zu Jürgen hat er gesagt, Bier wäre Gift und man dürfe es nicht trinken. er aber kann ganz viel davon vertragen!“

Mich aber interessierten die Papiere, die Krischane in der Hand gehalten hatte. „Was sie nur von Herrn Nottebohm will?“ fragte ich. „Und die Briefe, die sie trug, ob sie die wohl in seinem Zimmer beim Reinmachen gefunden hat?“

[420] Vergeblich suchte Krischane in ihrem Zorn weiter nach Herrn Nottebohm. Er war wirklich nicht im Garten. Sie kam noch einmal an uns vorüber, ohne uns eines Blickes zu würdigen, und mit einem so bösen Gesicht, daß wir es für geratener hielten, sie nicht anzureden. Wir vergaßen sie auch gleich, denn uns fiel ein, daß hinter Nottebohms Laube, wie wir die Pfeifenblattlaube nannten, zwei sehr volltragende Stachelbeerbüsche und ein Busch mit weißen Johannisbeeren sich befanden, die wir lange nicht auf ihre Reife untersucht hatten. Wir wollten eigentlich gleich hin und das Versäumte nachholen; da aber erschien Jürgen und berichtete, daß er bei Friederikenruhe gewesen sei und den Hund Perle in anscheinend guter Stimmung angetroffen habe. So vergaßen wir die Stachelbeeren und dachten erst wieder daran, als das Mittagsessen vorüber war.

Herr Nottebohm war bei Tisch natürlich wieder erschienen und hatte mit gutem Appetit gegessen. Ich hatte ihm eigentlich zurufen wollen, daß Krischane ihn nach dem Reinmachen gesucht habe, vergaß es aber über irgend einem anderen Vorkommnis. Da außerdem Sonnabend war und die Brüder den Nachmittag frei hatten, so mußte man doch auch darüber nachdenken, was man mit der herrlichen Zeit anfangen sollte. Zuerst also an die Stachelbeerbüsche hinter der Pfeifenblattlaube!

Es war ein sehr warmer Tag. Der Garten war voller Sonnenschein und Blumenduft, man wurde einen Augenblick etwas müde, als man hinauskam. Langsam schlenderten wir, Jürgen, Milo und ich, durch die schmalen Wege, die nach der Laube führten, pflückten hier eine Beere und dort eine Blume und sprachen fast gar nicht zusammen.

Dann stieß Jürgen uns plötzlich an und deutete auf ein Spargelfeld, durch dessen grün aufschießende Büsche Herr Nottebohm geschritten kam. Er trug einen sehr bunt geblümten Schlafrock, eine lange Pfeife und ein dickes Buch hatte er in der Hand. Mit eiligen Schritten ging er auf die in kühlem Schatten liegende Laube zu und verschwand in ihr.

[422] „Der hätte auch in seinem Zimmer bleiben können!“ meinte Milo. „Nun ist es lange nicht so gemütlich in den Stachelbeeren, wenn er dicht dabei in der Laube sitzt und liest!“

„Der liest nicht, der schläft!“ versicherte Jürgen. „Er hat ganz gewiß viel Bier heute morgen getrunken, denn er hat bei Tisch wenigstens zwanzigmal gegähnt! Und das Buch nimmt er nur mit, um dabei einzuschlafen. Es ist etwas über die Landeskunde und er fängt immer wieder bei der ersten Seite an!“

Das klang tröstlich und war auch so. Denn als wir uns nach einer Weile der Laube von hinten näherten und leise hineinblickten, saß Herr Nottebohm auf dem alten dort abseits gestellten Korblehnstuhl und schlief den Schlaf des Friedens. Seine Pfeife hatte er gar nicht angezündet und das Buch nicht aufgeschlagen. Beides lag auf dem Tisch neben ihm und er schnarchte mit offenem Munde. Einen Augenblick kämpfte Jürgen mit der sündhaften Lust, ihm einen kleinen grünen Käfer, den er gerade gefangen hatte, in den Mund zu stecken, dann aber siegte doch die in ihm wohnende Tugend. Wir hockten uns zwischen die Büsche und wollten gerade anfangen, uns an den Stachelbeeren zu stärken, als eine starke Stimme uns in die Höhe fahren ließ.

„Nottebohmen!“ rief sie. „Sitzen Sie da man nich wie ein’ Zeltgardine, ich wollt’ Ihnen sprechen!“

Es war Krischane, die plötzlich vor dem alten Kandidaten stand, der halb im Traum die Augen öffnete.

„Fräulein Christiane“ – murmelte er, sie aber unterbrach ihn.

„Ach was, Fräulein! Ich bin kein Fräulein und Sie sind kein Herr! Ich hab’ Ihnen bloß Herr genannt, weil ich dacht’, so’n Kanderdat, der so forchbar gelehrt wär’, der könnt’ auch ein Herr sein! Abers nu glaub’ ich das nich mehr!“

Herr Nottebohm saß noch immer ganz still und rieb sich die Stirn. Ob er Krischanens Worte verstanden und begriffen hatte, war nicht zu bemerken. Wir standen nämlich hinter der Laube und konnten nicht allein alles hören, sondern auch alles sehen.

„Weshalb stören Sie mich eigentlich?“ fragte Nottebohm jetzt verdrießlich. „Eben war ich eingeschlafen, und dann habe ich auch noch Kopfschmerzen!“

„Als wenn unsereiner nich auch Koppsmerzen haben kann!“ rief Krischane zornig. „Meinen Sie, daß ich kein’ Koppsmerzen gekriegt hab’, wo ich heut’ an Ihren Ofen ging und allens fand? Allens, und denn auch noch achtern Ofen! Ich denk’, ich soll auf die Stelle beswiemeln, wie ich die Briefens da in die Hand krieg’, und meinen mitten mang! Gott in hogen Himmel, was haben Sie heut’ mittag for Kalbsbraten gegessen, und das mit ’n beswerten Gewissen! O was sind die Männer einmal slecht!“

„Briefe?“ Nottebohm war nun doch wach geworden. „Was haben Sie in meinen alten Briefen zu wühlen, die ich in den Ofen stecke? Was gehen Sie meine Angelegenheiten an?“

„Was mich das angeht?“ Krischane hatte einen zerknitterten Brief in der Hand, den sie vorm Gesicht des Kandidaten schwenkte. „Kennen Sie ihm? Kennen Sie ihm? Nee? Sie schüttkoppen? Sind Sie denn nich der gediegene Witmann in den ,Intzehoer Nachrichten’, der die Bekanntschaft von ’ne Dame machen will? A.T.35. Vermögen erwünscht, jedoch nicht Hauptsache! Wie, Nottebohmen?“

Der also Angeredete war aufgefahren.

„Ich verbitte mir, daß Sie sich in meine Angelegenheiten mischen!“ rief er laut. „Es geht Sie gar nichts an, was ich thue!“

„So? Das geht mir nix an, wo ich mich von das Gesuch bethören lasse und ein Brief schreibe und diesen Brief in Ihren Ofen wiederfinden muß? Swarz is er und voll von Sott, wo ich all die Zeit auf Antwort lauer, und er liegt in Ihren Ofen!“

Ihre Stimme war kläglich geworden und Herrn Nottebohms Gesicht, das merkwürdig trotzig ausgesehen hatte, verzog sich zu einem flüchtigen Lächeln.

„Wenn ich gewußt hätte, liebe Christiane, daß Sie mit unter den vielen Bewerberinnen um meine Hand gewesen wären, dann würde ich den Brief natürlich gelesen haben. So aber –“

„Sie haben ihm nich gelesen?“ unterbrach Krischane den Kandidaten, und er schüttelte den Kopf.

„Ich konnte nicht alles lesen, es waren zu viele Briefe!“ Er war schon wieder ganz ruhig geworden, setzte sich und wollte nach seiner Pfeife greifen, Krischane aber trat ganz nahe auf ihn zu.

„Sagen Sie mal, Nottebohmen, sind Sie denn eigentlich ein Witmann, und wo auf wollen Sie denn mit ohne Vermögen und bloß mit ’n gutes Herz heiraten?“ fragte sie mit einer unheimlich ruhigen Stimme.

Nottebohm zuckte etwas ungeduldig die Achseln.

„Liebe Christiane, diese Sache geht Sie gar nichts an. Ich bin kein Witwer, aber ich könnte es sein, weil meine liebe Braut vor bald sechzehn Jahren gestorben ist. Und wenn ich eine passende Frau finde, dann möchte ich mich jetzt wohl verheiraten, weil es nicht gut ist, wenn der Mensch im Alter allein bleibt. So, nun gehen Sie nur. Es thut mir leid, daß ich Ihren Brief nicht gelesen habe, aber es waren zu viele Schreiben. Ueber hundert, da warf ich die schlechtesten gleich fort!“

„Die slechtesten!“ wiederholte Krischane.

„Nun ja, die, wo man an der Handschrift sehen konnte, daß nichts an ihnen war. Ich muß doch auf Vermögen sehen, da ich selbst nichts habe!“

„Abers stand da nich gedruckt, daß Sie bloß auf ein gutes Herz sehen wollten?“

„Aehnlich stand es dort vielleicht.“ Herr Nottebohm lächelte wieder ein wenig. „Das sagt man wohl, liebe Christiane, weil es besser klingt, aber –“ er räusperte sich. „Ich kann nicht ohne Vermögen heiraten!“ setzte er hinzu.

Er griff nach seinem Buch und schien mit dieser Bewegung der Unterhaltung ein Ende machen zu wollen.

Als Krischane aber stehen blieb und ihn mit drohendem Ausdruck betrachtete, begann er noch einmal zu sprechen.

„Diese Heiratsgesuche sind übrigens doch eine verfehlte Einrichtung. Kein einziges Anerbieten hat mich angezogen und ich werde es nicht wieder thun. Einem Freund von mir erging es so viel besser –“

Aber Krischane wandte ihm den Rücken und ging langsam davon. Da blickte er ihr achselzuckend nach und schlug sein Buch auf.“

„Das war eigentlich sehr hübsch!“ meinte Jürgen, nachdem wir eine Zeit lang schweigend uns an den Stachelbeeren gelabt hatten. Herr Nottebohm schlief schon wieder in der Laube. Die erste Seite seines Buches mußte sehr beruhigende Eigenschaften haben.

„Warum schreibt aber Herr Nottebohm etwas Verkehrtes in die Zeitung, wenn es doch nicht wahr ist?“ fragte ich, und Jürgen zuckte die Achseln.

„Das kann ich auch nicht begreifen. Wenn er mal sehr viel Bier getrunken hat, dann will ich ihn danach fragen. Uebrigens,“ setzte er nach einer Weile hinzu, „ich kann ihn doch nicht fragen, ich habe ja gelauscht und das ist eigentlich unanständig. Ihr dürft auch nicht erzählen, was ihr gehört habt!“

Nein, wir durften es nicht, das sahen wir deutlich ein, obgleich es uns sehr schwer vorkam, dieses Geheimnis zu bewahren. Aber da wir an diesem Nachmittage noch zu einem Vogelschießen, verbunden mit Topfschlagen, eingeladen wurden, so hatten wir Ablenkung für unsere Gedanken und so viel zu überlegen und zu besprechen, daß wir gar nicht einmal auf den Hof liefen, um ein entsetzliches Wortgefecht anzuhören, das Mutter Bierkraut und Krischane miteinander aufführten. Beide waren in übelster Laune, wie man schon aus der Ferne hören konnte, Fite aber kam zu uns in den Garten, um leise und verlegen nach seiner Liese zu fragen. Sie war indessen gerade ausgeschickt, und er schlich sich ebenso leise wieder davon.

In den nächsten Tagen also war das Vogelschießen. Ich bekam dazu ein neues Kleid, mußte in die Stadt fahren um anzupassen, und hatte eine Todesangst, daß die Schneiderin mich im Stich lassen würde. Ueber diesen Sorgen vergaß ich nicht allein meine nahende Abreise, sondern auch Krischane und Herrn Nottebohm. Dann, als das Fest vollständig befriedigend verlaufen war und das Gespenst der Abreise sich nicht mehr von der Thür jagen ließ, überkam mich von Zeit zu Zeit ein gewisses elendes Gefühl, das selbst durch den reichlichen Genuß von Stachelbeeren und Frühbirnen nicht zu unterdrücken war. Mir war manchmal ganz schlecht zu Mute und selbst die Mahlzeiten hatten für mich ihre Freuden verloren.

„Kind, iß doch!“ sagte Krischane eines Tages bei der Vespermahlzeit zu mir. Wir saßen um den Kaffeetisch, die Eltern waren ausgefahren und Herr Nottebohm saß auf dem Ehrenplatz.

„Mich deucht, das Essen smeckt dich nich mehr, und ich hab’ [423] doch heute gebacken! Nottebohmen, langen Sie mich mal den Teller mit Weißbrot her! Da haben Sie all neun Snitten von gegessen. Was genug is, das is genug! Hier unten die Kinners wollen auch ihr Teil haben, und das is ihr Recht, wo ihr Vater das for ihnen bezahlen thut. Die Smarotzers können nich allens kriegen!“

Ich hatte noch niemals Krischane in dieser Weise mit Herrn Nottebohm sprechen hören und machte große Augen, während Jürgen mir zunickte.

„So spricht sie jetzt immer mit ihm, wenn Mama und Papa nicht zu Hause sind!“ flüsterte er mir zu. „Sie ist furchtbar böse auf ihn!“

Ja, böse mußte sie auf ihn sein. Anzügliche Redensarten, die ich nur halb oder gar nicht verstand, und Grobheiten, die jeder verstehen konnte, flogen dem armen Herrn Nottebohm nur so um die Ohren. Er nahm sie ziemlich ruhig hin und sein Appetit schien nicht darunter zu leiden, Krischane selbst aber schien sehr aufgeregt. Sie aß und trank fast gar nichts, obgleich sie sonst bei den Mahlzeiten durchaus nicht von Luft lebte. Heute aber war sie wie ein Gefäß, aus dem Gift und Galle zu gleichen Teilen heraussprudelten.

„Aber Krischane!“ sagte ich endlich. „Weshalb bist du doch so häßlich gegen Herrn Nottebohm?“

Sie sah mich finster an, während der Kandidat laut auflachte. Es war das erste Mal, daß ich ihn von Herzen lachen hörte, und es klang so nett, daß auch ich einstimmen mußte, obgleich ich nicht wußte, weshalb. Auch die andern lachten, bis auf Krischane, die plötzlich aufstand und ohne ein Wort zu sagen das Zimmer verließ. Wir kümmerten uns aber nicht darum, und da Herr Nottebohm durch sein Lachen mir gezeigt hatte, daß er wirklich gemütlich sein konnte, so quälte ich ihn so lange, bis er mir eine hübsche Geschichte aus dem Jahre 1848 erzählte, wo er als junger Student den Krieg mitgemacht hatte und beinahe in dänische Gefangenschaft geraten war. Er erzählte wirklich ganz anschaulich, etwas langsam allerdings und ziemlich umständlich, aber dafür dauerte die Geschichte auch desto länger, was doch sehr angenehm war.

Krischane sahen wir wenig in den nächsten Tagen. Sie arbeitete viel im Hause herum und war gegen uns alle so unfreundlich wie möglich. Nur als mein Abreisetag kam und ich unter vielen Thränen einen Proviantkorb packte, dessen Inhalt mich abwechselnd mit Wonne und dann wieder mit Rührung erfüllte, da erschien Krischane plötzlich mit einem Glase eingemachter Erdbeeren.

„Da! Smeiß es man nich kaput und verdirb dich auch nich den Magen an!“

„Vielen Dank, Krischane!“ rief ich erfreut. Dann aber weinte ich doch wieder und Krischane setzte sich mit untergeschlagenen Armen vor mich hin.

„Nu ja, nu ja, erst lachst du, und dann weinst du! So geht das nu zu in die Welt; das is allens veränderlich, die Smerzen und die Freuden. Bloß bei mich nich. Da is allens bloß voller Smerzen!“

Sie stöhnte tief auf und strich sich das Haar glatt, wie es ihre Gewohnheit war.

„Nich mal gelesen hat er ihm! Nich mal gelesen! Und denn sagt er, daß mein Brief zu slecht war, wo mein Vater doch ein richtigen Bauer war. Mit achtzig Tonnen Land und Kühens und Sweinens, und wenn Vater nich getrunken hätt’ und bankrott wurde, denn könnt’ ich noch ein Bauertochter sein und ein Mann mit ’n Bauerstelle haben. Von so ’n Nottebohm braucht’ ich mich noch nich zum Narren halten lassen. Denn das is Narretei, wo er sich ein Witmann nennt und man bloß ein in Gedanken is und denn ein gutes Herz haben will und doch bloß auf die Dukatens sieht! Nein, o nein, so ’n Geschichte is doch zu swer – und da soll ich noch freundlich gegen ihm sein? Oh, oh!“

Sie seufzte und murmelte noch eine lange Zeit vor sich hin, und wenn ich nicht mit mir selbst so beschäftigt gewesen wäre, dann würde ich ihr gewiß geantwortet haben. So aber war ich zu sehr von meinen eigenen Angelegenheiten hingenommen, um an die anderer Menschen zu denken. –

3.

Ein ganzes Jahr war vergangen, das ich im großelterlichen Hause auf der stillen Insel zugebracht hatte. Nun war der langersehnte Sommer wieder da und eines Tages stand ich denn von neuem zwischen den Brüdern und feierte mit allen ein fröhliches Wiedersehen. Das Elternhaus war gottlob unverändert, nur Liese, das hübsche Hausmädchen hatte einem andern mehr gutmütig als hübsch aussehenden Wesen Platz gemacht, und im Stall waren einige junge Kälber. Banko, der Stallkater war noch da, Perle sollte noch bei Friederikenruh’ bellen und Christiane Timmermann wirtschaftete nach wie vor in der Küche herum. Sie empfing mich ziemlich freundlich, die Brüder aber sagten, das Leben sei den Winter über eigentlich nicht mit ihr zu ertragen gewesen, sie wäre immer so übler Laune gewesen, daß eigentlich kein Mensch mit ihr es habe aushalten können. Mama habe ihr auch gesagt, sie müsse gehen, wenn sie nicht freundlicher werden wolle, da sei sie denn etwas besser geworden, Herrn Nottebohm aber könne sie noch immer nicht sehen und er gehe ihr auch so viel wie möglich aus dem Wege. Herr Nottebohm war nämlich auch noch da und las an freien Nachmittagen noch regelmäßig die erste Seite von dem Buche über die Landeskunde. Auch sonst war er unverändert, sagte bei Tisch nie viel, aß aber desto reichlicher und hatte dieselbe ruhige Art zu sprechen.

Es war überhaupt gemütlich, daß alles genau so war wie im vorigen Jahr. Auch die Bierkrauts kamen nach wie vor mit ihrem erbärmlichen Fuhrwerk auf den Hof gefahren und die Mutter schalt noch gerade so wie sonst. Die ältern Brüder erzählten, daß sie eine Frau für Fite suche, aber noch keine gefunden habe, da sie sehr reich sein müsse. Liese, unser früheres Hausmädchen, durfte es natürlich nicht sein, da sie erstens arm und zweitens viel zu jung war. Fite sollte eine verständige, ältere Person heiraten, die auf ihn achte, damit er nicht zu große Dummheiten mache. So hatte seine Mutter in einem vertraulichen Augenblick einmal gegen Bruder Heinrich geäußert, und ein solches Wesen war natürlich nicht so ohne weiteres zu finden.

In diesem Jahr hatte ich längere Ferien als im vorigen, aber mir waren auch etliche französische Uebersetzungen, ein Aufsatz über meine Ferienerlebnisse und andere ähnliche Unannehmlichkeiten aufgepackt worden, die ich ebenso überflüssig wie grausam fand, und die mich manchmal mit der Welt unzufrieden machten.

„Krischane, mußtest du auch in den Ferien arbeiten?“ fragte ich unsere Haushälterin eines Nachmittags, als meine Mutter mich mit dem „mittleren Ploetz“ in die Eßstube geschickt hatte, wo ich arbeiten sollte, und wo ich zu meiner Freude Krischane traf, die den Büffettschrank auswischte. Sie schüttelte kurz den Kopf.

„Wenn ich frei hatt’, denn mußt’ ich Gänse hüten!“

„Schreibst du noch manchmal Briefe an die ,Itzehoer Nachrichten’?“ fragte ich weiter.

„Nee!“ antwortete die Gefragte ebenso kurz und eine Zeit lang eifrig räumend und wischend. Nach einer Weile wendete sie sich aber plötzlich wieder zu mir.

„Was fragst du so dummes Zeug? Ich hab’ überhaupt gar nich an die ,Intzehoen’ geschrieben, bloß an die Anzeige, die da ein war und die eine ganz schandbare Lügerei gewesen is! Wie konnt’ ich in mein unschuldiges Herz denken, daß Männers so slecht sein können, wo ich bloß mein, daß Deerns falsch sind! Abers die Männers, die gar kein’ Witmänners sind, und die allens lügen und nich mal mein’ Brief lesen, weil er zu slecht is – zu slecht! Gift und Galle könnt’ ich schlucken, wenn ich an die Männers denk’!“

Sie schluchzte ordentlich ein wenig, und ich wollte ihr gerade sagen, daß die Uebersetzungen aus dem Ploetz auch die Galle aufregten, als Jürgen den Kopf in die geöffnete Thür hineinsteckte.

„Krischane, du hast einen Brief bekommen. Der einzige, der in der Posttasche war! Dabei hielt er der Haushälterin ein großes Schreiben hin, das diese nur zögernd in die Hand nahm.

„Ich ein’ Brief?“ fragte sie mißtrauisch. „Ich erwart’ mich keinen!“

„Er ist aber an dich! An die unverehelichte Christiane Timmermann! Hier steht es, und hinten ist ein Siegel vom Amtsgericht!“

Amtsgericht? Krischane ließ den Brief auf den Tisch fallen, als wenn er glühend wäre. „Ich hab’ mein Lebtag nix mit die Gerichtes zu thun gehabt! Der Brief is nich for mir! Meinst, daß ich sitzen will?“

„Aber Krischane, der Brief ist für dich. Es steht doch hier. An die unverehelichte –“

„Snicksnack!“ Sie wurde dunkelrot vor Zorn. „Was geht [424] das die Gerichtes an, ob ich ’n Mann hab’ oder nich, und was ’n Beleidigung, mir unverehelicht zu nennen, was ja ein ganz gräsiges Schimpfwort is! Du mein Gott, womit hab’ ich das verdient, daß mir die Gerichtes noch verschimpferen, wo ich noch niemals was gestohlen hab’? Der Brief is nich for mir!“

Es half kein Zureden, Krischane wollte den Brief nicht öffnen, obgleich sich allmählich die ganze Familie um sie versammelte und ihr Ratschläge gab. Erst als unser Vater kam, öffnete er das Schreiben für sie, that einen flüchtigen Blick hinein und sagte dann, sie solle zu ihm auf sein Zimmer kommen. Krischane gehorchte zitternd; als sie nach einer halben Stunde wieder erschien, hatte sie stark geweint, sah aber sonst ganz gefaßt aus.

„Nun, was war denn die ganze Geschichte?“ fragte Herr Nottebohm. Er trank gerade Kaffee im Eßzimmer und sah ungewöhnlich neugierig aus. Krischane setzte sich ihm gegenüber und stemmte beide Arme auf den Tisch.

„Nottebohmen,“ sagte sie strenge, „Sie haben sich um nix, um rein gar nix zu kümmern, denn Sie sind ein slechten Mann, wenn Sie auch jedwede Mittewoche und Sonnabend was aus Schröder sein Toppografie lesen, was ja woll ein gräsig gelehrtes Buch is. Und ich will Sie das auch ganzen gewiß nich verzählen, daß mein Onkel Detlev Piepgras in Krempe, mit Verlaubnis zu sagen, totgeblieben is und ich nu alles krieg’, was er hat. Siebentausend preusche Thalers mit ’n Haus und Garten. Und vermacht hat er mich das natürlicheweise nich, abers weil da kein Testament is und er von den Wagen rabgefallen und ganzen plötzlich verstorben is und weil da kein’ andere Leibeserben sind, so – sie unterbrach sich kurz „Nee, Nottebohmen, man nich so ankucken! Sie wissen woll selbst am besten, was Sie for einen sind.“

Nein, Krischane wollte keinem Menschen von ihrer Erbschaft erzählen, aber nach einer Stunde wußten die Leute im Hirschkrug nicht allein von allem Bescheid, auch Frau Bierkraut, die gerade angefahren kam, erging sich in herzliche Glückwünsche. Es war, glaube ich, das erste Mal, daß Krischane und Mutter Bierkraut sich miteinander unterhielten, ohne sich gegenseitig die liebenswürdigsten Beinamen zu geben. Aber Krischane dachte nicht an Schelte; sie war ganz „verbahst“, wie sie uns den ganzen Abend versicherte, und hörte geduldig zu, als Mutter Bierkraut ihr die verschiedenartigsten Ratschläge gab, um ihr Geld zu verdoppeln, ja zu vervierfachen.

Es war selbstverständlich ein interessanter Tag für uns, und auch am folgenden sprachen wir noch viel über Krischane und ihre Erbschaft. Sogar Herr Nottebohm beteiligte sich an der Unterhaltung und sagte allerlei kluge Dinge über unerwartete Erbschaften und daß er auch einen Onkel gehabt hätte, der plötzlich gestorben sei. Aber er hatte leider acht Kinder und noch dazu kein Vermögen gehabt, so daß sein Tod für die Anverwandten nicht weiter erfreulich gewesen war.

Krischane war in den nun folgenden Tagen recht unausstehlich, was besonders unsere Mutter mit Seufzen bemerkte. Denn erstens kochte sie übernatürlich schlecht und erklärte zu ihrer Entschuldigung, dies käme daher, weil sie die Nacht aus Angst vor Dieben, die in Krempe ihr Eigentum stehlen könnten, nicht schliefe. Dann aber saß sie in allen freien und unfreien Stunden mit Mutter Bierkraut zusammen, die plötzlich einen andern Menschen angezogen hatte und so freundlich war, wie man es kaum für möglich gehalten hätte. Der Fisch- und der andere Kleinhandel der liebenswürdigen Dame schien ihrem Sohn Fite übertragen zu sein, sie selbst gab sich Ferien, saß stundenlang auf unserm Hof vor der Küche, und sie und Krischane flüsterten und berieten wohl stundenlang.

Einige Tage ließ meine Mutter die Haushälterin in Anbetracht des glücklichen Ereignisses gewähren, dann aber meinte sie, es sei wohl richtiger, daß Krischane unsern Dienst verließe und sich zu ihrer Erbschaft nach Krempe begäbe. Ich begegnete ihr gerade, als ihr diese Mitteilung gemacht worden war, und sie nickte mir trotzig zu.

„Ja, Kind, nu muß ich reisen! Und bloß darum, weil ich siebentausend Thalers geerbt hab’ und ein büschen viel an mir denke! Warum kann ich denn nich auch mal an mir denken? Was geht mir das an, wenn ihr mal ein büschen salze Suppe kriegt? Dein’ Mutter kann gern noch ein büschen Geduld mit mich haben, wo ich doch selbste noch nich genau weiß, ob ich’s thu, oder ob ich es nich thu’!

„Was willst du vielleicht thun?“ fragte ich neugierig, während sie langsam neben mir herging. Wir hatten uns im Garten getroffen, wo ich den Auftrag hatte, Blumen zu pflücken.

„Darüber sprech’ich nich!“ sagte sie würdevoll. „Bierkrautsch sagt auch, snacken schadet bloß, so lang noch nich alles in Ordnung is. Fite will ja nich. Er sagt, er kriegt so furchtbar das Gräsen, wenn er an Heiraten denkt, und ich muß mich das auch noch sehr überlegen. Den Bierkrautsch is recht ausverschämt, wo sie nich allein ein neues Pferd, sondern auch noch ’n Wagen haben will und von ’n Sofa in ihr’ beste Stube und ein’ neue Federdecke für ihr Bett hat sie auch noch gesnackt. So was kost’ doch bannig Geld und ich weiß gar nich, ob mich die Geschichte das wert is. Er is ja ein ganzen smucken Jungen, abersten –“

„Was meinst du eigentlich?“ fragte ich mit weit aufgerissenen Augen.

Krischane, die halb in Gedanken die Worte vor sich hingemurmelt hatte, fuhr etwas zusammen.

„Pflück’ du dein’ Blumen und laß das Fragen!“ bemerkte sie. „Ich kann snacken, was ich will, und wenn dein Mutter mich aus ’n Haus smeißt, denn muß ich mir ja beeilen. Wo ich sonsten die Sache mich noch überlegt hätte und gelegentlich auch mit Nottebohmen ein Wort snacken thät. Er is ja ein slechten Mensch, kein ein weiß das so genau wie ich, aberstens ein Studierten is er auch und könnt’ mich ja doch ein’ Rat geben. Denn teuer is es und was ich for mein Geld krieg’, kann ich noch so ganzen genau nich sagen, wenn er auch ein netten Jung’ is. Aberstens ein Pferd und ’n Wagen und denn noch ein Sofa –

Sie stockte plötzlich und sah nach dem Gartenthor hin, durch das gerade Herr Nottebohm ging. Es war nämlich am späten Nachmittage, und der Kandidat schien seinen abendlichen Spaziergang zu machen, der manchmal mit einem Besuche im Hirschkrug endete.

„Er hat ein Loch auf ’n Ellenbogen und kein ein stoppt ihn das!“ bemerkte Krischane. „Und dorbei is sein Vater Sneider gewesen, was doch ein Geschäft is, wo man nähen bei lernt. Aber so is das mit die Gelehrsamkeit.

„Jürgen sagt, Herr Nottebohm wäre gar nicht so gelehrt!“ sagte ich. „Im Lateinischen und im Griechischen weiß er gar nicht viel und wenn Papa nicht wäre –.“

„I, so kuck’ mich mal den Grünsnabel an!“ schalt Krischane. „Was weiß so ’n Kiekindiewelt vons Lateinische und vons Griechische! Nottebohmen weiß genug for so’n Kinners, als Ihr seid! Wenn er nich so ’n slechten Mann wär’ und meinen Brief gelesen hätt’ – damalen, als er soviel Briefens kriegte und kein ein ihn doch paßte, denn – – Kind, kuck’ mir nich so an und pflück’ dein Blumens! Ich sprech’ gar nich mit dich – ich snack ein büschen mit mich ganzen allein, was auch ’n Erholung is, wenn man von sein Stelle gekündigt is, wo man noch gar nich abgehen wollte. Zu November wollte ich ja natürlicheweise fort, wo ich doch nach mein Haus sehen muß und nach mein Vermögen und auch nich mehr nötig hab’ zu dienen abers nu in August paßt mich das ganzen und gar nich. Denn ich hab’ mir noch nich über alles besonnen!

Herr Nottebohm war schon lange verschwunden, Krischane aber stand noch immer und sah die Gartenthür an, aus der er gegangen war. Sie seufzte dabei, sagte, er wäre ein schlechter Mann, und fuhr Trina, unser neues Hausmädchen, sehr unfreundlich an, als diese erschien, um ihr zu melden, daß Frau Bierkraut sie sprechen wolle. Aber dann ging sie doch zu ihr, und als ich später über den Hof ging, saßen Krischane und ihre Freundin eng aneinander gedrückt auf der Steinbank an der Küchenseite und flüsterten eifrig zusammen.

Einige Tage waren vergangen, da kam Milo zu uns ins Zimmer gestürzt, wo wir alle auf Krischane und den Nachmittagskaffee warteten. Herr Nottebohm war auch schon lange da und hatte halb in Gedanken bereits einen ganzen Teller mit Butterbrot aufgegessen.

„Kaffee kriegt ihr heute alle nicht!“ schrie Milo triumphierend. „Krischane hat es selbst gesagt. Sie kehrte sich den Deubel an unsern Kaffee, sagte sie, als ich sie fragte, weshalb sie immer draußen auf der Bank vor der Küche sitzen wollte!

„Weshalb sitzt sie denn da?“ fragte Herr Nottebohm.

„Ja, das weiß ich nicht. Fite Bierkraut sitzt neben ihr und sie hat ihn an der Hand gefaßt. Er weinte gerade furchtbar, als ich vorüberging, und Krischane sagte zu ihm, wenn er nicht gleich [426] still wäre und lachte, dann würde er etwas erleben, aber er wischte sich nur die Augen. Nein, Kaffee giebt es nicht! Herr Nottebohm war nicht allein aufgestanden, sondern hatte auch ein Stück Butterbrot, das er gerade zum Munde führen wollte, wieder auf seinen Teller gelegt. „Ich werde einmal nachsehen –“, begann er, da öffnete sich aber die Thür und Krischane trat mit der dampfenden Kaffeekanne ein.

„Hier is er!“ sagte sie feierlich. „Ich hab’ mir besonnen, und wenn ich auch was an Milo von den Deubel sagte, so mein’ ich das nich so slimm. Denn sein Pflicht muß der Mensch thun, auch wenn er verlobt is und die Hochzeit vor die Thür is!“

„Verlobt?“ Es war Herr Nottebohm, der dies Wort wiederholte und Krischane nickte ihm triumphierend zu.

„Ja, ja, Nottebohmen, Sie denken das woll nich, daß ich mir auch noch mal verloben kann, wo andere Leute meinen Brief so slecht gefunden haben, daß sie ihm nich lesen wollten! Und ich bin doch nich so ganzen slecht, wo ich nu was geerbt hab’ und auch gut kochen kann und mit die Wäsche Bescheid weiß! Und die Löchers auf ’n Ellenbogen und untern Arm, die hätt’ ich auch noch stopfen können – ihre Stimme hatte schon lange gezittert, nun schluchzte sie etwas.

„Krischane, weshalb weinst du?“ fragten wir, die wir Speise und Trank über ihrer Mitteilung vergessen hatten.

„Ich wein’, weil ich so vergnügt bin! Wenn man ganzen vergnügt is, denn muß man weinen. Und nu kommt man aus die Stube und gratteliert Fite Bierkraut, der nu mein Bräudgam is. Wenn die Hochzeit gewesen is, denn nenn ich ihm Friedrich!“

Selbstverständlich folgten wir der Aufforderung, Fite Bierkraut zu gratulieren. Er stand mit niedergeschlagenen Augen in der Küche, zupfte verlegen an seinem Bärtchen und sprach kein Wort, während er uns die Hand reichte, seine Mutter aber war auch da und machte desto eifriger die Unterhaltung. Frau Bierkraut sah zum erstenmal in ihrem Leben heiter und gleichzeitig ungemein wichtig aus.

„Ja, was ’n Glück for Krischane, Kinners,“ sagte sie „daß sie nu mein Fite kriegt! Er is wirklich ein guten Jung’ und hat mich ein Berg Geld gekostet, was ich for die Erziehung ausgegeben hab’. Abers Krischane muß mich das Geld natürlich wiedergeben und mir auch in ihren Testament bedenken. Denn wo sie doch zu Jahren is, kann sie leicht vor mich abscheiden!“

Frau Bierkraut sprach noch mehr, denn wenn sie einmal im Zuge war, dann konnte sie kein Ende finden. Wir aber liefen bald wieder zu unserm Kaffee zurück und wunderten uns über Herrn Nottebohm, der erklärte, keinen Durst zu haben, und auf sein Zimmer ging.

[440] Was die Eltern zu der Verlobung unsrer Krischane mit Fite Bierkraut sagten, weiß ich nicht mehr. Sie waren in dieser Zeit durch andere Sachen in Anspruch genommen und an Krischanens Verlobungstage nicht zu Hause. Später aber hatte meine Mutter mit der Haushälterin noch eine Unterredung, in der Krischane bat, noch einen Monat länger bleiben zu dürfen, ein Wunsch, der ihr ohne weiteres gewährt wurde, besonders da sie gelobte, sich ihren Pflichten mit aller Kraft zu widmen. Das that sie wohl auch. Sie war stiller geworden, arbeitete fleißig und sprach nicht mehr so viel von ihren siebentausend Thalern, die ihr überhaupt erst im November ausbezahlt werden konnten. Fite Bierkraut kam hin und wieder, um seinen Bräutigamsbesuch zu machen, und Sonntags ging er mit Krischane aus. Da er aber meistens von seiner Mutter begleitet war und jedesmal verdrießlicher aussah, so schien seine Gegenwart auch nicht erheiternd auf Krischane zu wirken. Jedenfalls wurde sie ein paarmal sehr ausfallend, als wir sie fragten, ob wir zu der Hochzeit eingeladen würden, so daß wir uns davon entwöhnten, uns mit ihr und ihren Angelegenheiten zu beschäftigen. Es war ja auch Sommer, die Früchte wurden allmählich reif, hin und wieder kam Hausbesuch, unsere Gedanken waren vollauf in Anspruch genommen, und wenn Krischane nicht mit uns sprechen wollte, dann sprachen wir auch nicht mit ihr.

Vierzehn Tage mochten vergangen sein, da zog plötzlich an unserm Himmel ein Gewitter auf, das uns ganz unvorbereitet traf. Frau Evers, die glückliche Besitzerin des Hundes Perle, erschien bei unserm Vater und verklagte uns. Sie behauptete, daß wir jeden Tag den Kater Banko auf die Friederikenruhe schleppten und ihn auf ihren Perle hetzten. Letzterer sei schon ganz scheu geworden, versicherte sie. Denn er könne nicht aus seiner eigenen Hausthür sehen, ohne einen Steinwurf von uns oder den unwillkommenen Anblick Bankos zu genießen, der dann in ihr Haus laufe und schon vieles kaput geschlagen habe. Die Sache war natürlich nicht wahr. In diesem Sommer war Banko höchstens einmal auf der Friederikenruhe in Perles Nähe gewesen. Er war überhaupt asthmatisch und mochte sich gar nicht gern bewegen, und wenn wir wirklich einmal einen Stein nach Perle geworfen hatten, so wußten wir es kaum mehr. Aber wir bekamen doch eine ziemliche Standrede, wie denn überhaupt die Unschuld immer am meisten leiden muß, und dann wurde uns auch noch auferlegt, einzeln zu Frau Evers zu gehen und zu sagen, daß wir von nun an Perle in Ruhe lassen wollten. Jürgen und Milo standen um drei Uhr morgens auf, liefen zur Kate, weckten Frau Evers mit ihrem Hunde aus den schönsten Träumen und erklärten der verstörten Dame, daß sie sich sehr entschuldigten und es nicht wieder thun wollten. Auf diese Weise ließen sie mich im Stich und ich konnte sehen, wie ich zu Frau Evers allein hingelangte. Ich war sehr böse und saß weinend im Eßzimmer, als Krischane zu mir hereinkam und mich nach der Ursache meines Kummers fragte. Nachdem sie ihn erfahren hatte, strich sie mit der Hand über meinen Kopf.

„Laß man das Weinen! Kannst weinen, wenn du groß bist, denn is Zeit genug und auch Grund genug! Nu abers sei man wieder lustig, ich will woll mit dich zu Everschen gehen und sie ein büschen vermahnen, daß sie nich klatschen soll, wo es nich nötig is. Hat letzten Weihnachten kein Kleid von dein Mama gekriegt, wie sie es sich gedacht hatt’, nu muß sie ihr Dolligkeit zeigen!“

„Gehst du ganz gewiß mit?“ fragte ich, noch so in meinen Kummer versenkt, daß ich mich gar nicht aus ihm herausreißen konnte, und sie nickte.

„Heut nachmittag Klokken sechs wollen wir los! Ich hatt’ eigentlich mit Fite ein büschen spazieren wollen, weil ich doch heut’ frei hab’, abersten sein Mutter sagt, er hätt’ in die Stadt zu thun und könnt’ nich kommen!“

[442] „Frau Bierkraut ist doch jetzt sehr oft hier!“ bemerkte ich.

„Nu ja,“ versetzte sie kurz. „Is ja auch mein Swiegermutter! Na –“ sie schwieg eine Zeit lang, ehe sie weiter sprach. „Wenn ich Fite nu man erst glücklich hab’, denn soll mich die Alte auch nich ümmerlos zwischen reden und Geld aus mich slagen, was nich schön is, wo ich doch mein’ Erbschaft noch nich hab’ und allens nehmen muß, was ich mich for mein Alter auf die Sparkasse gelegt hab’. Abers wenn ich Fite man erst hab’, denn is allens besser. Er is doch ein netten Jung’ und hat auch ein gutes Gemüt; wenn ich mir schon wundern muß, daß er gar nich ein büschen wie ein Bräutigam und auch gar nich ein büschen zärtlich is!“

Sie seufzte tief auf bei diesen Worten und ging dann schnell aus dem Zimmer. Am Nachmittage also gingen wir zu Frau Evers. Eigentlich sollte ich ja allein meine Rede halten, aber Krischane kam doch mit hinein in die Kate und machte einige Bemerkungen, die auf Frau Evers eine beruhigende Wirkung zu üben schienen. Denn nachdem sie einige Worte über das frühe Wecken der Brüder gesagt hatte, wollte sie mir durchaus einen alten Schlüssel schenken, der, wie sie behauptete, von Gold war und den sie einmal auf der Straße gefunden hatte. Auch Perle wedelte mich an und der Friede wurde sehr schnell geschlossen.

„So, nu wollen wir noch ein büschen auf Friederikenruhe sitzen!“ meinte Krischane, als wir Abschied genommen hatten, und dann stiegen wir beide durch ein wenig Unterholz und Gestrüpp auf die nur etwa hundert Schritt entfernte Anhöhe. Wir waren fast schon oben und ich, die ich voranging, wollte gerade aus den Büschen auf den freien Platz mit den Tannen und dem Bänkchen treten, als Krischane mich plötzlich zurückriß und mir ihre Hand fest auf den Mund legte. Ehe ich mich von meinem Erstaunen erholen konnte, sah ich Fite Bierkraut mit einem Mädchen auf der Bank sitzen, in der ich bald unser früheres Hausmädchen Liese erkannte. Beide hatten sich umgefaßt und beide weinten.

„O, mein Fite!“ stöhnte Liese gerade jetzt und Fite rieb sich die Augen.

„Ja, mein’ klein’ süße Deern, helfen thut mich niemand mehr. Heiraten muß ich das alte Gespenst. Die Altsche slägt mir sonst tot. Abers, abers –“ er streckte die Hand aus und ballte sie, „gut soll sie es nich bei mich haben! Da kannst Gift auf nehmen! Ich slag’ ihr, ich hau’ ihr, ich – ich – er stockte, weil er entschieden nicht weiter wußte, während Liese sich fester an ihn schmiegte.

„Das thu’ man, mein Fite!“ sagte sie zärtlich und lehnte schluchzend ihren Kopf an seine Schulter. Es sah wirklich rührend aus und ich hätte den beiden noch gern eine Weile zugehört; aber Krischane, die längst die Hand von meinem Mund genommen hatte, zerrte mich jetzt durch das Gestrüpp wieder den Hügel hinunter.

„Sweig still!“ sagte sie, als ich eine leise Einwendung wagte, und dann sprach sie erst wieder, als wir uns beide auf dem Feldwege befanden, der nach Hause führte.

„Du mein Herrgott!“ sagte sie. „Was ’n Bewahrung! O du mein Heiland, was ’n Glück was ’n großartige Bewahrung! In meinen Tod wär’ ich gegangen – ich – wo Bierkrautsch immer hinter mich her is, daß ich mein Testament machen soll. So? Sie blieb stehen und ihre Stimme, die bis dahin einen unterdrückten Ton gehabt hatte, klang plötzlich schrill und drohend. „So? Hauen will er mir? Der Jung’, der noch nich trocken hinter die Ohrens is und der noch letzten Weihnacht’ Släge von sein’ Mutter gekriegt hat, weil er ein’ Cigarre rauchte und krank wurde – hauen will mir der?“ Sie hatte mich losgelassen und meine Gegenwart gänzlich vergessen. Mit den Armen focht sie in der Luft herum, ihr weißer, mit Kornblumen verzierter Strohhut war ihr in den Nacken geglitten und ihre Wangen glühten wie Fieber.

Ich hatte förmlich Angst vor ihr, als sie aber jetzt schwieg, fragte ich doch. „Krischane, sprachen sie eigentlich von dir?“ Sie sah mich starr an, dann lachte sie kurz auf.

„Ja natürlich, das kannst doch woll hören. Slagen will er mir, hauen, und denn hat Bierkrautsch mich noch gestern abend die Rechnung für den neuen Wagen gebracht. Zweihunnert Mark! Und dat Peerd is all betalt van min Sporkassenbok und den Koopmann, wo dat Sofa stünn – sie war so aufgeregt, daß sie reines Plattdeutsch sprach, was sie sonst niemals that. Auf meine Zwischenfragen achtete sie überhaupt nicht mehr, und plötzlich stürmte sie querfeldein mit so langen Schritten, daß ich ihr nicht folgen konnte. Auf dem Landweg rasselte nämlich ein kleiner Wagen über die holperige Wegeverbesserung, und es konnte schon sein, daß es Mutter Bierkraut war, die in dieser Zeit noch manchmal bei uns erschien. Einen Augenblick hatte ich große Lust, hinter Krischane herzulaufen und zu hören, was sie mit ihrer zukünftigen Schwiegermutter unter den obwaltenden Umständen sprechen würde, aber da kam gerade Herr Nottebohm gegangen, mit dem mich in diesem Jahre eine Art Freundschaft verband. Er hatte mir schon mehrere mal dieselbe Geschichte erzählt und sich auch angeboten, mir bei meinen Ferienarbeiten zu helfen, ein Anerbieten, das mich meine Bücher auf unbestimmte Zeit fortpacken ließ und mich in dem festen Glauben bestärkte, daß am letzten Tage der Ferien ein Wunder passieren und alle Arbeiten auf einmal fertig sein würden.

„Was ist denn mit Krischane los?“ fragte Herr Nottebohm, der jetzt neben mir stand und auch sah, wie Krischane über einen ziemlich hohen Zaun kletterte.

„Ich glaube, Mutter Bierkraut kommt und sie will ihr etwas über Fite sagen,“ berichtete ich eilfertig. „Fite sitzt nämlich mit Liese auf Friederikenruhe und er will Krischane hauen!“

Herr Nottebohm stand regungslos neben mir. Nun nahm er plötzlich seinen hohen Hut ab, den er noch immer trug und der schon ganz braun geworden war.

„Das kommt davon!“ sagte er, während er die wenigen Haare des Cylinders vorsichtig glatt strich. „Das kommt davon!“

„Wovon?“ fragte ich, an seiner Seite nach Hause gehend. Er antwortete aber nicht, sondern ging in seiner gebückten Haltung weiter, bis vom Wege her lautes Schreien und Keifen an unser Ohr schlug und ich stehen blieb. Frau Bierkrauts Stimme war deutlich zu erkennen und auch die Krischanens hörte man in den schrillsten Lauten.

„Herr Nottebohm,“ sagte ich atemlos vor Neugierde, „wollen wir nicht einmal hingehen und zuhören?“

Aber der Kandidat sah plötzlich ganz strenge aus.

„Komm’ du nur mit mir nach Hause! Alle Dinge schicken sich nicht für kleine Mädchen! Vor allem dürfen sie nicht neugierig sein!“ setzte er in einem so strengen Tone hinzu, daß ich ganz zerknirscht neben ihm heimwärts ging. Das war eigentlich dumm von mir und die Brüder schalten mich nachher sehr aus, denn nun hatte kein Mensch die Unterhaltung zwischen Krischane und der alten Bierkraut angehört und niemand wußte, was aus der ganzen Geschichte geworden war. Denn obgleich wir Krischane in den nächsten Tagen mit allerhand Fragen bestürmten, so gab sie uns keine Antwort und war überhaupt so unfreundlich, daß wir ihr soviel wie möglich uns dem Wege gingen. Nur bei unserer Mutter war sie längere Zeit gewesen und hatte sehr geweint, wie Milo berichtete, der sie aus dem Zimmer von Mama hatte kommen sehen. Das Resultat dieser Unterredung erfuhren wir nicht, eines Tages aber war Krischane …verschwunden, eine andere Haushälterin nahm ihre Stelle ein, und das Leben ging seinen ganz gewöhnlichen Lauf weiter. Auch Frau Bierkraut kam wieder auf den Hof gefahren, um frische und geräucherte Fische zu verkaufen. Fite war allerdings nicht mehr in ihrer Begleitung, da sie aber ein neues, ziemlich nettes Pferd und auch einen neuen Wagen hatte, so mußte die Freundschaft mit Krischane doch wohl noch bestehen, obgleich Mutter Bierkraut verdrießlicher als jemals war und uns niemals ansah, geschweige denn ein Wort mit uns sprach.

Wir würden uns aber doch einmal an sie gemacht und sie nach Krischane gefragt haben, wenn uns Herr Nottebohm in diesen Tagen nicht mehr beschäftigt hätte. Er war plötzlich ganz anders wie sonst geworden. Er aß fast gar nichts, was man sonst wahrlich nicht an ihm kannte, er sagte auch kein Wort mehr außerhalb der Stunden und er konnte stundenlang in der Pfeifenblattlaube sitzen und thatenlos vor sich hinstarren. Als einmal Milo ihm den Band von Schröders Topographie nachbrachte, erhielt er eine Ohrfeige, die den harmlosen Jungen mit grenzenloser Entrüstung erfüllte, denn er hatte es doch nur gut gemeint. Da Herr Nottebohm auch in den Stunden eine Strenge hervorkehrte, die ihm früher fremd gewesen war, so beschäftigten sich die Gedanken der Brüder viel mehr mit ihm als sonst, und wenn ich einmal anfangen wollte, von Krischane zu sprechen, dann hieß es, ich solle nur ganz still sein, so lange Herr Nottebohm so scheußlich sei, könne niemand mehr an die alte Person denken. [443] Ich that es aber doch, obgleich auch an meinem Ferienhimmel eine dunkle Wolke aufstieg und mir die letzte Zeit meines Aufenthaltes im Elternhause überschattete. Das waren die Ferienarbeiten, die Herr Nottebohm mir hatte machen wollen und an die ich ihn jetzt nicht zu erinnern wagte. Seufzend begab ich mich also selbst an die Arbeit, was sehr langweilig und auch sehr schwer war, weil ich viel vergessen hatte.

Es war an einem regnerischen Nachmittage, als ich über einem Aufsatz brütete, der das Thema behandelte, wie ich meine Ferien verlebt hätte. Ich wußte es nicht mehr, und nachdem ich eine Stunde lang nur Anfangssätze in die Kladde geschrieben hatte, die immer mit den Worten begannen. „Es war an einem schönen Sommertage, daß ich meine Ferienreise anzutreten beschloß,“ da empfand ich es als eine Erleichterung, daß Herr Nottebohm zu mir eintrat und mir einen etwas sonderbar aussehenden Brief auf das Schreibheft legte.

„Der war in der Posttasche für dich!“ sagte er dabei und lehnte sich gegen den Tisch, an dem ich saß. Ich war überrascht, denn ich bekam nicht oft Briefe.

„Der sieht aber komisch aus!“ meinte ich, das lange, etwas angeschmutzte Couvert und die sonderbare Handschrift betrachtend.

„Soll ich ihn dir auch lieber vorlesen?“ fragte der Kandidat sanft und etwas zögernd. Ich stutzte. Wenn ich Briefe erhielt, dann las ich sie doch meistens selbst, und ich wollte gerade diese Bemerkung machen, als mir denn doch ein anderer Gedanke kam. „Mein Aufsatz ist so furchtbar schwer! wimmerte ich. „Und meine französischen Uebersetzungen! Ich weiß gar nicht, wie ich fertig werden soll!“

„Ich helfe dir!“ sagte Herr Nottebohm hastig. „Gieb mir nur alles, du brauchst es dann nachher nur abzuschreiben. Nicht wahr, den Brief kann ich dir vorlesen?“

„Ist es ganz gewiß wahr, daß Sie mir helfen wollen?“ fragte ich; er nickte aber nur und riß mit zittrigen Händen den Umschlag ab. Er enthielt einen eng beschriebenen aber mit sehr undeutlichen Hieroglyphen bedeckten Bogen und Herr Nottebohm las ihn schweigend durch.

„Sie wollten ihn ja vorlesen!“ rief ich erstaunt, als er noch immer nicht anfing; der alte Kandidat antwortete indessen gar nicht, sondern las mit großer Unbefangenheit weiter. Dann atmete er plötzlich tief auf, fuhr mit der Hand über sein Gesicht und legte das Schreiben vorsichtig vor mich hin.

„Du wirst schon alles allein lesen können, liebes Kind. Die Handschrift ist zwar etwas undeutlich, aber ich denke doch, du wirst dich durcharbeiten – das Herz ist gut!“ setzte er leiser hinzu, und dann war er plötzlich verschwunden, ehe ich ihn an die Ferienarbeiten erinnern konnte. Es war überhaupt häßlich von ihm, so davonzulaufen, denn allein konnte ich wirklich nicht viel mit dem Briefe anfangen und kaum die Unterschrift herausbringen. Erst den vereinten Anstrengungen der Familie gelang es, ihn allmählich zu entziffern. Er war natürlich von Christiane Timmermann und sprach zuerst den Wunsch aus, einmal etwas von uns allen zu erfahren.

„Schreib’ mich man mal, klein’ Deern,“ hieß es dann weiter. „Wo ich doch gern bei Euch war und allens gut war, bis daß Bierkrautsch mit das Betrügen anfing. Abers der liebe Gott hat mir bewahrt, daß ich nich in mein Unglück ging und nu hier in Krempe in das kleine Haus lebe, das Onkel Detlev sein eigen gewesen is. Und das Geld krieg’ ich all in Septembermonat und allens, was ins Haus is, das gehört mich. Ein ganzen Schrank voll feines Herrenzeug, was würklich wunderschön is, bloß daß ich es nich brauchen kann. Wenn Herr Nottebohm hier wär’, denn wollt’ ich ihn schon was abgeben, wo er doch Löchers an die Ellenbogen hat und in mein Garten, wo ein Laube is, könnt er auch gut sitzen und in das gelehrte Buch studieren. Denn ein büschen einsam is es hier, und wenn ich auch mein Herrgott danke, daß ich nich in die Händens von die Sünders und Zöllners gefallen bin, womit ich Bierkrautsch und Fite verstehe, weil daß Bierkrautsch das Geld, was ich ihr geliehen hab’, nich wiedergeben will und der Rechtsanwalt sagt, ich soll man nix dagegen machen, so is es hier doch ein büschen einsam, was woll eine Strafe von den Herrgott is, weil es mich fasten zu gut gehen würde. Denn die Leute kennen mir alle noch nich und ich kenne ihnen nich und ich denke denn an allens, was ich gethan und nich gethan hab’. Und es is mich von Herzen leid, daß ich Herr Nottebohm so oft Nottebohmen genannt hab’, wo er doch ein Herr is und ein Kanderdat. Und wenn ich ihn manchmal was gesagt hab’ über seinen Appetit, was ja bloß ein Zeichen von Gesundheit is, so is mich das jetzt auch sehr swer, und wenn Du Herr Nottebohm bestellen willst, daß mich allens grämt, denn thust mich ein großen Gefallen. Mußt mich auch schreiben, was er gesagt hat, ob er noch an mir denkt, was ich natürlicheweise nicht verlangen kann, weil ich doch immer zu slecht for ihm war. Abersten wenn er mir mal besuchen will, so will ich ihn zeigen, daß mich allens leid is. Und vergiß nich das Schreiben, wonach ich mir grämen und sehnen thue!

Deine treue Christiane Timmermann!“     

Es war wirklich ein hübscher Brief, und als wir ihn alle in uns aufgenommen hatten, lief ich nach oben, um ihn Herrn Nottebohm zu geben, damit er ihn noch einmal lesen sollte. Aber er war nicht zu Hause und auf seinem Tische lag ein an unsern Vater adressierter Zettel, auf dem er kurz mitteilte, daß er plötzlich habe verreisen müssen und um Entschuldigung bäte, wenn er nicht morgen oder übermorgen wiederkäme. Und wirklich – er kam nicht wieder. Die Brüder jubelten über die unerwarteten Ferien, ich aber konnte mich gar nicht in die Schlechtigkeit Herrn Nottebohms finden, der davongegangen war, ohne meine Arbeiten zu machen und damit das mir gemachte Versprechen einzulösen.

Es war wirklich häßlich von ihm; ich hatte indessen wenig Gelegenheit, meinem Groll Worte zu geben, weil mein Vater plötzlich in die Stadt versetzt wurde und die ganze Familie jetzt nur noch vom Umzug und der bevorstehenden Veränderung sprach.

Inzwischen war denn auch meine freie Zeit abgelaufen und über dem Abschiedsschmerz und allen möglichen anderen Sorgen kam ich erst zur Besinnung, als ich wieder auf meiner stillen Insel saß und Betrachtungen über die Vergänglichkeit aller irdischen Freuden anstellen konnte.

Ob ich diese Gelegenheit benutzte, weiß ich nicht mehr, jedenfalls aber dachte ich immer seltener an Krischane und den schlechten Herrn Nottebohm, und als ich eines Tages unsere ehemalige Haushälterin wiedersah, da waren doch schon etliche Jahre vergangen.

Ich war bereits konfirmiert, fand es sehr angenehm, von jedermann Fräulein und Sie angeredet zu werden und fühlte mich peinlich berührt, als jemand mir die Hand auf die Schulter legte und mich mit den Worten. „Lieber Gott, klein Deern, bist du es denn wirklich?“ begrüßte.

Dies geschah auf dem Bahnhof zu Neumünster der sich bekanntlich durch seine Gemütlichkeit auszeichnet und mein Zug aus Ostholstein hatte sich gerade so verspätet, daß ich den Zug nach Norden, mit dem ich weiter reisen wollte, noch eben abfahren sah. Nun konnte ich vier Stunden warten, bis ein anderer Zug fuhr, und ich bedachte mich gerade, ob es nicht für eine erwachsene junge Dame zu schimpflich sei, in Thränen auszubrechen, als die eben erwähnte Anrede mich zum hastigen Umblicken veranlaßte.

Da stand eine dicke, sehr wohlwollend aussehende Frau vor mir, die mich jetzt bei der Hand faßte und sie so derb schüttelte, daß ich mich noch mehr verwunderte.

„O ja, klein Deern, du bist es ja! Na, da freu’ ich mir aber, daß ich zu spät zu den vertrackten Zug gekommen bin, der gar nich ein büschen warten thut, was doch unrecht is. O was freu’ ich mir, daß ich Ihnen treffen thu, wo ich immer gedacht hab’, Sie würden mich mal schreiben, abers Leonhard sagte schon, das thäten Sie woll nich, weil daß Sie noch ein büschen klein waren!“

„Christiane Timmermann?“ fragte ich jetzt, als die dicke Frau Atem schöpfte, die denn doch allmählich in das Sie gekommen war, was mir wohlthat. Und sie nickte eifrig.

„Nu, natürlicheweise, wenn unser Herrgott es auch anders beslossen hat, daß ich nich mit mein Vatersnamen zu Grabe gehen soll! Und haben Sie denn gar nix von allen was mich passiert is, gehört? Nein? Na, da hört doch allens auf, wo es doch in die ,Intzehoer Nachrichten’ und auch in die Kieler Zeitung gestanden hat und is all lang her. Und Mutter Bierkraut hat mich doch noch ein Brief geschrieben, ich wär ihr tausend Mark schuldig, weil daß ich ihren Sohn böslich verlassen hätt’! Haben Sie das auch nich gehört? Und daß Fite Bierkraut mit Liese nach Amerika gegangen is und daß es sie hellschen slecht da gehen soll – haben Sie davon auch nix gewußt? Nein doch – Sie [444] wissen rein gar nix, Kind, und da kann ich mir denn auch nich wundern, wenn Sie mir noch Christiane Timmermann nennen, was ja ein Namen is, den ich mit Ehren getragen hab’!“

Wir säßen zusammen in dem dumpfigen Damenzimmer des Bahnhofes, Krischane hatte ihren Capotehut, den einige Federn und Blumen schmückten, abgenommen und wischte sich das Gesicht.

„Was freu’ ich mir!“ sagte sie noch einmal und strich über meine Hände. „Abersten ich freu’ mir noch mehr, wenn Sie mal nach Krempe kommen wollen, denn ich hab’ ein Fremdenzimmer und Krempe is wirklich ein’ schöne Stadt. Da is nix von ,mit Verlaubnis’ zu sagen bei das sagen die Leute bloß aus Neid, wenn sie nich in Krempe wohnen, und nirgends anderswo möcht’ ich begraben sein. Leonhard sagt das auch. Wo er doch was von die Welt gesehen hat und zweimal in Hamburg gewesen is und beinahe bei die Dänens!“

„Herr Nottebohm?“ fragte ich zweifelnd, und sie lachte über das ganze Gesicht.

„Nu ja, das is so all lang’ mein Mann. Abersten ich nenn’ ihm Leonhard, weil ihn diesen Namen in die heilige Taufe beigelegt is und ich doch auch sein’ Ehefrau bin. Is ein guten Mann, klein Deern, und wenn ich auch damalen ein büschen doll auf ihm war, weil daß er meinen Brief zu slecht fand, so hatt’ er ihm ja doch nich gelesen, weil er zu viel Briefens auf sein Heiratsgesuch kriegte. Es war kein’ Slechtigkeit von ihn, daß er in die Zeitung eine Frau suchte und ein büschen dabei log. Männers sind anders als wir und dann sehnte er sich nach ’n Ehestand und nach ein’, die ein büschen for ihm sorgte. Liebe Zeit, ich hatt’ ihm ja all lang’ lieb, bloß daß ich ihn das nich merken lassen wollte, und als die Erbschaft kam, hätt’ ich ihm gern gefragt, ob er mir nu wollte. Abers ich konnt’ das doch nich, weil es gegen die christliche Bescheidenheit is, und so nahm ich denn Fite, weil er doch auch ein nüdlichen Jung’ war. Daß er Liese gern leiden mocht’, kümmerte mir nich weiter; im Grund von meinen Herzen mocht’ ich ja auch Nottebohmen lieber als ihm, abersten ich hätte Fite mein Wort gehalten, wohingegen er – sie schöpfte Atem und schüttelte den Kopf. „O, was for alte Geschichtens – abers ich denk’ gern daran! Wie ich in Krempe saß mit all mein Smerz und Aerger und denn ümmerlas an Nottebohmen denken mußt’, und wie mich dann der liebe Gott die Feder in die Hand drückt’, daß ich an Ihnen schreiben muß, und wie Leonhard den Brief in die Posttasche findet und ihm liest. Und wie sein Herz slägt und er zu mich reist und mit einmal vor mich steht und sagt: „Krischane, ich habe Sie immer geliebt! Wollen Sie die Meine werden? O Kind, was ’n schönen Augenblick! Allens war vergessen, alle Smerzen, aller Verdruß, und auch das Geld, was mich Bierkrautsch gekostet hat. Gott – überhaupt, was is mein Leonhard gut! Und so eigen! Wenn er nich so eigen gewesen wär’, denn hätt’ er ja auch damalen ein’ von die Frauenzimmers genommen, die sich auf sein Heiratsgesuch meldeten. Abers er hatte kein’ ein Brief leiden mögen. Und meinen Antrag hatt’ er nich gelesen!“

Frau Nottebohm, geborene Timmermann, hatte ihre Erzählung vollendet, wischte sich die Augen und lehnte sich in dem unbequemen roten Plüschsofa zurück, das sie eigentlich ganz ausfüllte. Ich hatte gespannt zugehört und sagte jetzt einige herzliche Worte, die sie mit Befriedigung erfüllten. Dann vertieften wir uns in gemeinsame Erinnerungen, und die ganze schöne Ferienzeit der zwei Sommer wurde wieder in mir lebendig.

„Ja, es war doch eine schöne Zeit!“ wiederholte Krischane immer aufs neue.

„Also, Fite Bierkraut ist in Amerika?“ fragte ich endlich und Krischane nickte.

„Mit Liese und mit sechs Kinders. Als ich Mutter Bierkraut sagte, daß ich ihm nich wollte, weil daß er treulos gewesen war, is er gleich fortgelaufen und is auch nich wiedergekommen. Ich glaub’, er hat ein Stelle in Kiel gekriegt, da ist denn Liese auch hingekommen und von da sind sie bald nach Amerika gegangen. Abers slecht haben sie es, hellschen slecht und sechs Kinders!“

Sie hielt im Sprechen inne und seufzte. „Ich hab’ kein ein Kind und bei uns is das oft still,“ fuhr sie langsam und zögernd fort. „Leonhard sitzt bei sein Toppographie und bei die Pfeife und bei ’n Glas Punsch, und manchmal geht er auch zu Wirtshaus, abers still is das! Und wenn ich mich bedenke, daß ich gar nich weiß, wer unser Kram erben soll – ich halt allens gut zusammen, und es is ein büschen mehr geworden – und wenn ich bedenk’, daß Fite Bierkraut sechs Kinders hat und vielleicht hungert“ – sie stockte und schob sich ihren Hut wieder grade. „Ja, nu sag’ ich Ihnen das allens und nu kommt der Mann und sagt meinen Zug an. Könnt’ er nu nich ein büschen warten? Abers so is das – allens zur Unzeit! Freuen aber thu ich mir, daß ich Ihnen gesehen hab’, ganz gräsig. und wenn ich nach Haus komm’, denn darf ich Leonhard grüßen, nich? Er kommt nich mehr viel auf der Eisenbahn, weil daß er lieber in Lehnstuhl sitzt und ein büschen liest und ein büschen nachdenkt, abers freuen wird er sich. Ganzen gewiß!“

Ich hatte Frau Nottebohm an den Zug gebracht und sie sprach fortwährend, bis die Lokomotive pfiff und die Wagen sich in Bewegung setzten. Auch wehte sie mir so lange wie möglich mildem Taschentuch zu und rief noch einmal etwas über ihr Fremdenzimmer.

Das habe ich nun doch nicht benutzt, als ich aber nach einigen Jahren in der Zeitung die Anzeige las, daß der Kandidat der Theologie, Herr Leonhard Nottebohm, plötzlich am Schlagfluß gestorben sei und von seiner Witwe Christiane tief betrauert werde, da habe ich ihr meine Teilnahme in einigen herzlichen Worten brieflich ausgedrückt und auch nach mehreren Monaten eine Antwort erhalten, die noch heute in meinem Besitz ist. Sie ist allerdings außerordentlich schlecht geschrieben, bedeutend schlechter als der erste Brief, den ich von Krischane erhielt aber ich habe sie doch ganz allein lesen können, und ein Satz in dem Briefe wird auch denen gefallen, die meine Erzählung bis hierher begleitet haben. Er lautet nämlich:

„Weil ich nu doch, bei allen Smerz dankbar sein muß, daß unser Herrgott mich mein Leonhard so lang gelassen hat so ist es mich auch ein Trost, daß Fite Bierkraut wieder zurück is aus Amerika und nu hier in meine Straße wohnt. Er hat ein klein Hökerei gepachtet und ich hab’ ihn Geld geliehen, weil daß er all die Kinders hat. An Liese is nich viel, das muß ich in Aufrichtigkeit sagen, abersten sie hat ein klein Jung, der is ganzen süß. Der wohnt bei mich und ich laß ihn was lernen und ich hab’ ein Testament gemacht. Die andern kriegen ja natürlich auch was, er aber das meiste. Denn er sieht mein seligen Leonhard ähnlich und neulich wollt er auch patuh Schröder sein Toppographie haben, was mein seligen Mann nie ausgekriegt hat. Nu kann er es ja zu Ende lesen!“