Unsere nächste Nachbarwelt

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Autor: Hermann Joseph Klein
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Titel: Unsere nächste Nachbarwelt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 602–604
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Unsere nächste Nachbarwelt.


Wer nach des Tages Lasten und Mühen seine Erholung in der freien Natur zu suchen pflegt, der wendet, wenn das Dunkel der Nacht sich über die Fluren herabsenkt, gern den Blick empor zum sternenbesäeten Himmelsgewölbe. Denn aus diesen Regionen strömt es wie ein hehrer Gottesfriede herab in das empfängliche Gemüth, und Raum und Zeit sammt dem vielgestaltigen Jammer, der nun einmal der Menschheit Erbtheil ist, scheinen dann weniger die Seele zu bedrücken. Steigt endlich die Scheibe des Mondes über den Horizont empor, so fühlt sich der Mensch leicht wie im Banne einer friedlichen Macht, und deßhalb haben zahllose Dichter den Mond verherrlicht, ja seinem milden Lichte einen besonderen Einfluß auf das Gemüth zugeschrieben. Auch die Volksanschauung behauptet die verschiedenartigsten Wirkungen des Mondes auf den Menschen wie auf die organischen Wesen überhaupt. Man kann wenigstens die Möglichkeit solcher Einflüsse nicht bestreiten, wenn man sich erinnert, daß das Nervensystem an Feinheit in vielen Beziehungen selbst die empfindlichsten Apparate, welche die Wissenschaft zur Beobachtung besitzt, weit übertrifft. Unter den „Lichtern zu erhellen die Nacht“ ist der Mond jedenfalls das augenfälligste und seine wechselnden Gestalten haben sicherlich schon in den frühesten Zeiten der Menschheit die allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Die Wissenschaft hat später nachgewiesen, daß dieser merkwürdige Begleiter der Erde auch der uns bei Weitem am nächsten befindliche Himmelskörper ist, indem er nur 30 Erddurchmesser von uns entfernt seine Bahn beschreibt.

So erscheint der Mond recht eigentlich als unsere Nachbarwelt. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet kann man auch erwarten, daß diese Nachbarerde unseren eigenen Planeten mehr oder weniger beeinflußt, ja man wird geneigt, dabei an recht bedeutende Einwirkungen zu denken. Die Volksmeinung spricht sich bekanntlich mit seltener Uebereinstimmung dahin aus, daß der Mond vor Allem das Wetter auf unserer Erde beherrsche, besonders soll die feine, nach dem Neumonde erscheinende Sichel fast immer eine Witterungsänderung bedingen. Weßhalb dies der Fall ist, weiß freilich Niemand von Denen, die daran glauben, und wenn dem Astronomen oder Meteorologen diese Frage gestellt würde, so könnte er nur wie Plutarch bei einer gewissen Gelegenheit antworten: „Ganz einfach deßhalb, weil die Sache vielleicht gar nicht wahr ist.“ Sie ist in der That nicht wahr; denn die neuesten Untersuchungen haben mit einer Gewißheit, die gar keinem Zweifel Raum läßt, gezeigt, daß ein Einfluß des Mondes auf das Wetter, wie es der populären Meinung nach bestehen soll, durchaus nicht existirt.

Hat aber der Mond auch keine wahrnehmbare Einwirkung auf das Wetter, so übt er doch einen gewaltigen und regelmäßig wiederkehrenden Einfluß auf das Wasser unserer Weltmeere aus. Ebbe und Fluth sind hauptsächliche Wirkungen des Mondes und von so ungeheurer mechanischer Kraft, daß ein verschwindend geringer Theil derselben ausreichen wird, um dereinst, wenn unsere Kohlenvorräthe erschöpft sein werden, die ganze Menschheit mit Wärme zu versorgen. Heute ist es Arbeit der Sonne, alte, in den Pflanzen niedergelegte Sonnenwärme, die unsere Oefen heizt, die unsere Maschinen treibt und unsere Wohnungen bei Nacht erleuchtet; in einer Zeit, die früher oder später ebenso gewiß kommen muß, wie die Sonne morgen im Osten aufgeht, wird es die Anziehungskraft des Mondes sein, welche den Tausendcentner-Hammer hebt oder den eisengepanzerten Riesendampfer durch Sturm und Wogen zwingt. Schon heute ist diese flutherzeugende Kraft des Mondes gelegentlich als billiger und ausreichend starker Lastträger benutzt worden, wo es galt, Gewichtsmassen zu bewegen, denen keine andere Kraft gewachsen war. Ein 460 Meter breiter Meeresarm trennt die Insel Anglesea von der Küste von Wales. Diesen Meeresarm überbrückt seit einem drittel Jahrhundert ein ungeheures eisernes Rohr und bietet in seinem Inneren den schwersten Eisenbahnzügen eine sichere Fahrbahn über die grausenvolle Tiefe der See. Keine andere Kraft hat die ungeheuren Rohre dieser Riesenbrücke zwischen die Pfeiler getragen, als die flutherzeugende Kraft des Mondes! Daran wurde der geniale Erbauer der Brücke, Robert Stephenson, einst selbst erinnert, als er im Kreise von Angehörigen und Gästen den Vorgang bei Aufrichtung der Brücke schilderte. Max Maria von Weber war Ohrenzeuge der Erzählung, und es ist von eigenthümlichem Interesse, seinen Bericht zu vernehmen.[1]

[603] „Ich war,“ so läßt er Stephenson erzählen, „am Morgen, der um 10 Uhr den Eintritt der verhängnißvollen Fluth bringen sollte, schon vor Tagesanbruch am Ufer. Es war stürmisch und ich hörte die hohe Brandung durch die Nacht brausen. Weithin brannten auf beiden Ufern die Wachtfeuer und Fackeln, bei denen die Nacht über gearbeitet wurde. Mir lag es schwer auf der Seele – der Augenblick kam, wo die Fluth eintrat. Ich stand auf der zuerst zu flößenden Röhre, die seit Jahr und Tag, seitdem die Arbeit an ihr begonnen wurde, bergfest auf ihren Werklagern ruhte, volle zwei Millionen Pfund schwer. Todtenstille auf beiden Ufern mit ihren Hunderten von Arbeitern, die, Hand am Griff, vor ihren Ankerwinden standen, mit Tausenden zugeströmter Zuschauer. Ich sah Fairbairn wie einen Punkt am Anglesea-Ufer auf seinem Gerüst stehen; unter mir, an der Hauptwinde des Walesufers, stand Brunel, die klugen Augen nach mir heraufgerichtet – Alle todtenstill – nur die steigende Fluth brodelte um die Pontons, in deren gewaltigem Zimmerwerk und Rippen es knackte, knarrte und polterte, je mächtiger das Wasser sie gegen die große Last, die sie heben sollten, preßte.

Endlich wurde auch das Prasseln still – sie mußten ihre volle Last haben – ich sah nach der Uhr und den Wassermassen – die Fluth war fast auf ihrer Höhe – die Eisenmasse rührte sich nicht – mir stand das Herz fast still – da plötzlich fühlte ich, wie es wie ein Zittern durch die kolossalen Röhren unter meinen Füßen lief – der eiserne feste Boden wich – und im selben Momente sah ich, wie die Gerüste sich gegen uns verschoben. Die Arbeitsmannschaften brachen unaufhaltsam in unermeßliche Jubelrufe aus, die aus tausend Kehlen weit und breit an den Ufern widerhallten. – Die ungeheuere Röhre schwamm! Rasch packte die Fluth die Pontons – ich gab meine Signale. Meine Mitarbeiter folgten dem Winke meiner Hand! Die Fluth spritzte von den angestrafften Tauen und Ketten thurmhoch empor, oder brodelte über die erschlafft ins Wasser sinkenden mit einer Präcision, als belebe ein einziger Wille die Hunderte von Männern hüben und drüben.“

Als der Meister nach dieser Erzählung schwieg, fragte plötzlich einer der anwesenden Gäste: „Aber haben Sie sich denn auch bei dem Hauptmitarbeiter bedankt, ohne dessen Hilfe die Röhren auch heute noch im Ufersande lägen?“

„Wen meinen Sie?“ fragte Stephenson erstaunt.

„Nun, wen anders als den Mond, denn der hat doch die Röhren zwischen die Pfeiler getragen.“

„Wahrhaftig,“ antwortete der große Ingenieur lachend, „daran habe ich wirklich nicht gedacht.“

In neuerer Zeit hat man auch darauf aufmerksam gemacht, die Kraft der Fluth zur Erzeugung von Elektricität zu benutzen, die dann ihrerseits wieder in andere Kräfte umgesetzt werden könnte; wie bald sich diese Ideen verwirklichen werden, ist noch nicht abzusehen.

Wenden wir uns jetzt von den Wirkungen des Mondes zu der eigentlichen Beschaffenheit desselben, so werden wir an der Hand der Forschung sogleich in eine Welt versetzt, die von der unsrigen vielfach gänzlich verschieden ist. Unter Zuhilfenahme eines guten Fernrohrs können wir unmittelbar mit unseren Augen wahrnehmen, daß der Mond Berge und Thäler besitzt gleich unserer Erde, daß auch in jener Welt Tiefebenen und Hochländer vorhanden sind, ja die Messungen der Astronomen zeigen, daß die höchsten Gipfel der Mondberge die bedeutendsten Gebirgserhebungen auf unserer Erde an Höhe überragen.

Die vorwiegende Form der Gebirgserhebungen auf dem Monde ist indessen von derjenigen der Erde gänzlich verschieden. Dort findet man viel Tausende von Bergwällen, die cirkusartig ein vertieftes Inneres umschließen, in dessen Mittelpunkt meist ein kleines Centralgebirge sich erhebt. Diese Formationen sehen wie ungeheure Krater aus, und man hat sie wirklich für Mondvulkane gehalten. Indessen ist die Aehnlichkeit mit unsern Vulkanen nur eine außerordentlich geringe, und es ist nicht daran zu denken, daß bei diesen Mondkratern vulkanische Eruptionen stattfänden, denn wäre dies der Fall, so würden wir von der Erde aus mit Hilfe unserer Fernrohre die Dampfentwickelung und die Aschenwolken sehr gut wahrnehmen können. Statt dessen erblickt man das kreisrunde Innere jener Mondkrater, die häufig mehrere Meilen im Durchmesser haben, stets in gleicher Klarheit und von Wolken oder gar Feuerausbrüchen keine Spur. Vulkane ähnlich unserer Erde hat der Mond allerdings auch, aber man hat sie erst in neuester Zeit mit Gewißheit als solche erkannt und in einigen wenigen Fällen auch Spuren von stattgehabter Thätigkeit bei ihnen nachweisen können.

Außerordentlich merkwürdig ist, daß es auf dem Monde keine Wasserbecken, ähnlich unsern Meeren und Landseen, giebt. Diese Thatsache ist völlig sicher. Zwar erblickt man in manchen Theilen der Mondoberfläche große dunkle Flächen, die vielfach von Gebirgsmassen umgeben sind, und die früheren Mondbeobachter haben sie wirklich für Meere gehalten und als solche benannt. Mit Leichtigkeit überzeugt man sich jedoch, daß dort kein Wasser vorhanden ist, wenngleich andererseits meine nun fast 20 Jahre hindurch fortgesetzten Untersuchungen der Mondoberfläche mich zu der festen Ueberzeugung gebracht haben, daß jene dunklen Flächen höchst wahrscheinlich die Becken ehemaliger Mondmeere sind. Heute ist der freie Wasserspiegel aus ihnen verschwunden und die Ufer zeigen an manchen Stellen offenbar Anzeichen von Zerfall und Zertrümmerung. Wo ist aber das Wasser dieser Meere geblieben?

Diese Frage läßt sich zur Zeit nur durch Hypothesen beantworten, und unter diesen scheint mir die wahrscheinlichste noch diejenige zu sein, welche meint, daß die ehedem freien Wasser der Mondoberfläche im Laufe der Jahrtausende nach und nach von den Gesteinen im Innern des Mondes aufgesaugt worden sind. An manchen Stellen könnten die oberflächlichen Schichten immerhin noch eine gewisse Feuchtigkeit besitzen, ja es scheint, daß unter dem Einflusse der Sonnenwärme gewisse tiefer liegende Stellen der ehemaligen Mondmeere sich zeitweise mit einer Art Vegetation bedecken. Man darf jedoch hierbei durchaus nicht an höherstehende Pflanzen denken, sondern vielleicht nur an solche, welche unsern Flechten und Moosen verwandt sind. Darauf deutet wenigstens der grüne Schimmer und das Abdunkeln gewisser Partieen der Mondoberfläche, nachdem die Sonne längere Zeit dieselben beschienen hat. Ganz spruchreif ist die Sache noch nicht, vielmehr verdient sie genauere Untersuchung, und hierbei könnten sich auch Freunde der Himmelskunde Verdienste erwerben, falls sie sich mit Ausdauer solchen Beobachtungen unterziehen.

Wie das Wasser, so fehlt dem Monde auch eine Lufthülle, welche mit unserer irdischen Atmosphäre vergleichbar wäre. Ganz ohne Luft ist der Mond nicht, aber seine atmosphärische Umhüllung ist so fein und so wenig dicht, daß sie nicht ausreichen würde für die Bedürfnisse unserer Lungen, ja, daß sie kaum so dicht sein wird wie der sogenannte luftleere Raum, den unsere besten Luftpumpen herzustellen vermögen. Daraus folgt, daß auf dem Monde kein Laut erschallen kann, und daß für menschliche Ohren dort eine klanglose Einöde sein würde. Wie völlig anders ist also unsere Nachbarwelt eingerichtet im Vergleich zur Erde!

Aber noch mehr. Nicht nur die physische Eigenthümlichkeit der Mondoberfläche, sondern auch die Weltstellung desselben überhaupt verursacht dort Verhältnisse, die wesentlich von denjenigen unserer Erde verschieden sind. Die durchschnittliche Tagesdauer auf dem Monde beträgt 354 Stunden, der längste Tag an den Polen 179 Erdentage. Es ist einleuchtend, daß der Gipfel eines Berges früher von den Sonnenstrahlen getroffen wird, als sein Fuß; der Gipfel des Chimborazo sieht z. B. die Sonne 10 Minuten früher aufgehen, als dies für die Ebene im Meeresniveau der Fall ist. Auf dem Monde treten diese Verhältnisse viel greller hervor. Der Gipfel des Berges Huygens wird z. B. 9 Stunden früher von der Sonne beschienen als sein Fuß, und wenn man sich den Mondpolen zuwendet, nimmt diese Verlängerung des Tages für die Spitzen der Mondberge noch sehr zu, bis endlich gewisse Gipfel in der unmittelbaren Nähe dieser Pole gar keine Nacht mehr haben, sondern geradezu im ewigen Sonnenschein glänzen. Man kann diese Gipfel schon mit einem mäßigen Fernrohr von der Erde aus erkennen und ebenso deutlich verfolgen, wie die Sonne die Spitzen mancher Mondberge stundenlang vergoldet, ehe die Schatten um den Fuß derselben verschwinden. Die Nächte des Mondes werden auf der uns zugekehrten Seite während ihrer ganzen Dauer durch die Erde erleuchtet. Unser Planet erscheint einem Auge auf dem Monde als eine Scheibe von vierzehnmal größerer Fläche als uns die Mondscheibe, eben so zeigt dort die Erde Phasen wie hier der Mond, nur sind dieselben umgekehrt. Wenn wir hier erstes Mondviertel haben, so ist auf dem Monde letztes Erdviertel, haben wir Neumond, so ist auf dem Monde Vollerde etc. Für den größten Theil der uns zugewandten [604] Mondseite geht die Erde weder auf noch unter, sondern steht stets in einer und derselben Richtung am Himmel, wobei sie ihre Stellung nur langsam und wenig ändert. Die Sonnenscheibe erscheint auf dem Monde nicht merklich größer oder kleiner als auf der Erde, auch die gegenseitige Lage der Sterne ist dort dieselbe wie hier, allein die Bewegung derselben ist so langsam, daß erst in 27 Tagen ein Umschwung des Himmelsgewölbes erfolgt. Da der Mond nur eine überaus dünne Lufthülle hat, so giebt es dort keine Morgen- und Abenddämmerungen und eben so wenig ein erleuchtetes Himmelsgewölbe, Sonne, Erde und Sterne sind den ganzen Tag hindurch zugleich am Himmel sichtbar, und sobald die Sonne untergeht, tritt für die ganze Mondlandschaft augenblicklich tiefe Nacht ein, die nur durch das Erdenlicht gemildert wird. Die Temperatur der Mondoberfläche zeigt die größten Veränderungen von Hitze und strenger Kälte. Während einer Zeitdauer von 14 Erdentagen der ununterbrochenen Einwirkung der Sonnenstrahlen ausgesetzt, muß der Mondboden sich in den äquatorialen Gegenden weit über die Temperatur des siedenden Wassers erhitzen, worauf in der langen Nacht eine Abkühlung erfolgt, welche die Bodentemperatur bis zu sibirischen Kältegraden herabdrückt.

Aus dem Vorhergehenden wird ohne weiteres ersichtlich, daß die gegenwärtigen Zustände der Mondoberfläche nicht geeignet sind für lebende Wesen von der Organisation des Menschen. Es kann daher kein Zweifel darüber sein, daß Mondbewohner, die uns körperlich ähnlich sind, nicht existiren, dieser Schluß ist völlig unanfechtbar. Natürlich ist dadurch keineswegs ausgeschlossen, daß möglicher Weise lebende Wesen von anderer Organisation, die eben den dortigen Verhältnissen angepaßt ist, auf dem Monde vorhanden sein könnten. Der gegen Ende des vorigen Jahrhunderts lebende berühmte Mond-Erforscher Schröter glaubte in der That an verschiedenen Stellen der Mondoberfläche Spuren wahrgenommen zu haben, die auf Gewerbe und Kulturen vernünftiger Geschöpfe hindeuteten. „Vielleicht,“ sagt er, „ist mancher kleine, als ein flacher Berg erscheinende Gegenstand, der selbst dann, wenn ihm die Erleuchtungsgrenze sehr nahe ist, keinen deutlichen Schatten wirft, dergleichen sehr viele auf her Mondfläche vorhanden sind, sowie mancher kleine helle Flecken, woraus man nicht weiß was man machen soll, ein bebauter Wohnplatz vernünftiger Mondgeschöpfe; und vielleicht liegt eben darin und in den Gewerben, welche daselbst getrieben werden, mit die Ursache, warum mancher von dergleichen Gegenständen so oft unter völlig gleichen und ähnlichen Erleuchtungswinkeln unsichtbar ist, dann aber, wenn er sichtbar ist, bald heller, bald dunkler, bald mehr, bald weniger deutlich erscheint. Eben solche abwechselnde Phänomene würde manche volkreiche oft in Nebel gehüllte Stadt unseres Erdbodens aus dem Monde beobachtet dem Auge geben. Und so kann auch manche monatlich abwechselnde Farbenveränderung einiger sich dadurch besonders auszeichnenden größern Mondflecken eben so gut in einer nach den monatlichen Wechselzeiten sich richtenden Kultur, als in der verschiedenen Reflexion des Lichtes und in atmosphärischen abwechselnden Veränderungen ihren Grund haben.

Ueberhaupt hat der Gedanke, daß der Mond gleich unserer Erde und allen übrigen Weltkörpern von vernünftigen, seiner physischen Anordnung gemäß organisirten Geschöpfen bewohnt wird, für einen Beobachter des Himmels viel Anziehendes. Kästner sagt über die vorzügliche Lage unserer Erde im Weltgebäude: ‚Nur wir können von den Bewegungen und Eigenschaften der Weltkörper Wahrheiten festsetzen. Hätte der Schöpfer nicht haben wollen, daß wir dieses thun sollten, er hätte uns kein so bequemes Observatorium gegeben.‘“ Man kann dieser Ansicht beipflichten oder nicht, jedenfalls sind diejenigen kleinen Fleckchen auf dem Monde, die Schröter als Produkte der Thätigkeit von Mondbewohnern ansah, lediglich Erzeugnisse der Natur. Ich habe sie sämmtlich mit weit besseren optischen Hilfsmitteln, als Schröter besaß, untersucht und sie zweifellos theils als kleine Krater, theils auch als Gruppen von Hügeln erkannt, die durch vulkanische Kräfte oder vielleicht durch Verwitterung ihr gegenwärtiges Aussehen erlangten. Nach Schröter war es, im ersten Drittel unseres Jahrhunderts, besonders Gruithuisen in München, der eifrig nach Spuren von organischen Wesen auf dem Monde suchte. Er glaubte auch eine Art von Festungswerk entdeckt zu haben in einem System von radial verlaufenden Wällen, die von anderen durchschnitten werden. Dieses Gebilde auf dem Monde hat allerdings ein eigenthümliches Aussehen, und Mancher, dem ich es am Fernrohr meines Observatoriums zeigte, war davon überrascht. Allein es handelt sich, wie die genauere Untersuchung darthut, doch nur um eine Naturformation, denn die Wälle sind viele Meilen lang, die Thäler, welche sie zwischen sich fassen, könnten jedes bequem eine Stadt wie Paris fassen, und endlich zeigen sich dazwischen hier und da zerstreut kleine Kraterkegel mit unregelmäßigen Felswänden, kurz alles ähnlich, wie man es auch an anderen Stellen des Mondes findet. Gruithuisen hat auch auf gewisse schmale Furchen hingewiesen, die in manchen besonders flachen Gegenden des Mondes gesehen werden können. Er hielt dieselben theils für die Betten ehemaliger Mondflüsse, theils für eine Art von künstlich erzeugten Hohlwegen. Diese Furchen, von den Mondbeobachtern „Rillen“ genannt, sind in der That überaus merkwürdige Bildungen. Man kann sie meist nur an mächtigen Ferngläsern gut sehen, und auch dann gehört eine große Virtuosität im Sehen dazu, um etwas Genaues an ihnen zu erkennen.

Die größten und leicht sichtbaren sind meines Erachtens nichts Anderes als Risse des Mondbodens, die durch vulkanische Eruptionen und Bodenstöße entstanden sein mögen. Man findet bisweilen, daß diese größeren Rillen durch einen kleinen Krater ziehen und dessen Wall gesprengt haben, auch größere Krater werden bisweilen von ihnen durchsetzt: ein Beweis, daß diese Krater schon vorhanden waren, als die Rille sich bildete. Gewisse kleine Furchen, von vielleicht 500 bis 1000 Fuß Breite, mögen die Betten ehemaliger Mondflüsse sein, die heute ausgetrocknet sind und nur ihre zerfallenen Ufer unsern Ferngläsern zeigen. Diese Rillen können, weil sie flach und anscheinend stark verwittert sind, nur unter sehr günstigen Verhältnissen gesehen werden, und die früheren Beobachter haben sie nicht gekannt, nur Gruithuisen hat einige davon wahrgenommen. Bisweilen zeigen nun solche Rillen da, wo sie einander am nächsten sind, eine flache und sehr schmale Querrille, die kanalartig beide mit einander verbindet. Ich muß gestehen, daß diese Furchen, welche zwei größere Rillen mit einander auf dem kürzesten Wege verbinden, mich bisweilen frappirt haben, und von allen Formationen der Mondoberfläche, die ich kenne, möchte ich höchstens nur bei diesen Verbindungskanälen die Möglichkeit eines künstlichen Ursprungs nicht völlig für absurd halten. Um Mißdeutungen zu vermeiden, füge ich jedoch ausdrücklich hinzu, daß ich einen solchen künstlichen Ursprung deßhalb durchaus nicht behaupte!

Je länger man sich mit der Untersuchung des Mondes beschäftigt, um so vorsichtiger wird man in seinen Schlüssen; auch ist ein wirklicher Fortschritt unserer Erkenntniß nur zu erringen, wenn man stets bedacht ist, Sicheres und Ungewisses streng zu scheiden. Wenn ich hier aussprechen soll, was sich mir nach vieljährigem Studium der Mondoberfläche, bezüglich lebender Wesen auf derselben, mehr und mehr als höchst wahrscheinlich aufgedrängt hat, so muß ich sagen, daß meiner Meinung nach die Epoche, in welcher der Mond von denkenden Wesen bewohnt wurde, längst hinter der Gegenwart liegt. In einer sehr entlegenen Zeit, als an der Oberfläche unserer Nachbarwelt noch freie Meere vorhanden waren, als vielleicht auch seine Atmosphäre eine größere Dichtigkeit besaß als heute, in einer Epoche, als unsere Erde noch nicht den Eindruck eines menschlichen Fußes empfangen hatte, da mag der Mond die Heimath intelligenter Geschöpfe gewesen sein. Dieselben starben aber nach und nach aus, als im Laufe zahlloser Jahrtausende die Mondoberfläche ihr freies Wasser und den größten Theil ihrer Atmosphäre verlor. Haben nun jene Wesen Produkte ihrer Thätigkeit hinterlassen, so können wir höchstens hoffen, dieselben theilweise noch in ruinenhaftem Zustande vorzufinden, falls unsere Teleskope bis dahin vordringen und es uns gelingt, das Wahrgenommene richtig zu deuten. Diese Ansicht, welche ich mit aller Reserve gebe, die der Gegenstand naturgemäß erheischt, scheint mir jedenfalls wissenschaftlich gerechtfertigter, als die Meinung, welche den Mond heute zur Wohnstätte eines hoch civilisirten Volkes macht, das sich möglicher Weise mit uns einmal durch optische Signale in Korrespondenz sehen könnte. Was aber immer die Wissenschaft bezüglich der etwaigen Mondbewohner dereinst ermitteln mag, stets werden die Ergebnisse Streiflichter auf die Zukunft unseres eigenen Seins werfen. Denn zuletzt durchforschen wir die Himmel wie das Dunkel der Erde nur, um etwas Aufklärung zu finden über das große Räthsel unseres eigenen Daseins.

Dr. Klein.


  1. Eine ausführliche Wiedergabe dieses Gespräches findet der Leser in den höchst interessanten Artikeln, die M. M. v. Weber unter dem Gesammttitel „Im Hause Robert Stephenson’s“ im Jahrg. 1868 der „Gartenlaube“ veröffentlicht hat.