Ursprung des Schellacks

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Eduard Aßmuß
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ursprung des Schellacks
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 464
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[464] Ursprung des Schellacks. Wohl die Wenigsten unter dem großen Publicum, die beim Versiegeln eines Briefes eine Stange Siegellacks in den Händen halten, wissen, auf welche Weise der Grundstoff zu dieser oft in den schönsten Farben und gefälligsten Formen prangenden Stange erhalten wird. Die Wenigsten wissen, wie viele hundert Thierchen dazu beitrugen, um das Grundmaterial für eine mäßig große Siegellackstange zu liefern. Ja die Wenigsten wissen überhaupt, daß dieser Grundstoff die Arbeit eines Thierchens, eines Insects ist.

Den Grundstoff des Siegellacks bildet bekanntlich stets der Schellack, wenigstens bei den guten Sorten, welche man eben zum Versiegeln der Briefe benutzt. Dieser Schellack nun, der übrigens nicht blos zu Siegellack, sondern auch zur Politur, zu Marineleim, zu Elektrophorkuchen und zu vielem Anderen verwandt wird, ist ein vegetabilisch-animalisches Erzeugniß. Vegetabilisch-animalisch daher, weil ihn die Pflanze ohne das betreffende Thier, sowie das Thier ohne die betreffende Pflanze nicht erzeugen kann. Beide Factoren müssen nothwendig zusammenwirken. Das Thierchen, welches den einen Factor bildet, gehört zu den Schildläusen, jener berüchtigten Familie aus der Ordnung der Halbflügler, welche unsern Pflanzen, besonders den Pfirsichbäumen, Weinstöcken, Orangen, Citronen, Oleandern etc. sehr schädlich werden, aber auch, wie die zu erwähnende Schildlaus und besonders die Cochenilleschildlaus, auf welche wir in einem späteren Artikel vielleicht zurückkommen, sehr nützliche Glieder zählen.

Dieses Thierchen, welches den Schellack erzeugt, führt den zoologischen Namen Coccus lacca, Kerr, Lackschildlaus. Es ist eine Viertel- bis eine halbe Linie lang (die letztere Größe erlangen nur die Weibchen), oval, von rother Färbung, auf dem gewölbten Rücken mit einer Leiste versehen. Die Fühlhörner sind von halber Körperlänge und hinten am Körperende hat das Thierchen zwei divergirende Schwanzborsten. Die Männchen haben glashelle Flügel. Das Vaterland dieses Insects ist Ostindien, vorzüglich das Gangesgebiet, wo es von den Bewohnern gepflegt wird.

Die Pflanzen, auf welchen die Thierchen ihren Aufenthalt haben, sind vorzüglich der Mehlbaum und mehrere Feigenarten. Sie suchen die jungen Triebe auf und setzen sich an ihren Spitzen, das Holz mit ihrem Rüssel anbohrend, in ungeheurer Menge an, so daß die äußersten Zweige dieser Bäume das Aussehen erhalten, als ob sie von einem rothen Ueberzug bedeckt wären. Haben sie sich einmal angebohrt, so wechseln sie ihren Ort nicht, sondern bleiben unbeweglich an den Baumwunden haften, wie der seßhafteste Schmarotzer.

In Folge des Anbohrens der Rinde quillt aus dem Holze der Saft heraus, von welchem das Insect sich nährt und welcher um die Insecten einen Rand bildet, der von Zeit zu Zeit durch Anhäufung des Saftes immer höher wird und zuletzt das ganze Insect umgiebt, so daß es encystirt erscheint und ein lebloses Oval darstellt. Wenn diese Periode eingetreten ist, d. h. wenn das Insect von einer Zelle umschlossen ist, hört die Absorption der Säfte auf. Die äußere Hülle der Cyste erhärtet und die verwundeten Pflanzentriebe verdorren.

Das Innere der Cyste oder Zelle hingegen bleibt eine Zeit lang feucht, indem dieselbe mit einer schönen rothen Flüssigkeit angefüllt ist, in welcher Flüssigkeit sich zwanzig bis dreißig ovale Eier dieser Schildlaus befinden, die von dem todten Leib der Mutter bedeckt sind. Die Mutter stirbt nämlich alsbald nach dem Ablegen der Eier, wie dies überhaupt unter den Insecten meist der Fall ist. Sobald die Jungen aus den Eiern gekrochen sind, bohren sie sich durch den Körper der Mutter hindurch und gelangen so aus der Zelle. Sie begeben sich nun gesellschaftlich auf einen saftigen Schößling der Pflanze und treiben ihr Wesen, wie vorhin beschrieben.

Diese das weibliche Insect umgebenden Zellen mit ihrem rothen Inhalte, der aus dem Harze der Pflanze und den wachsartigen Absonderungen des Thierchens besteht, bilden einen wichtigen Handelsartikel, der uns zwei nützliche Stoffe liefert: die Lackfarben und den Schellack. Durch Auskochen und Behandeln mit verschiedenen chemischen Reagentien wird den von der ersten Generation des Insects im Februar und der zweiten Generation im August eingesammelten Harzzellen dieser Thierchen zunächst der Farbstoff entzogen und sodann das zum größten Theil entfärbte Harz, welches den Schellack bildet, in Tafeln oder Blättchen ausgegossen. Um ein Pfund Schellack zu erhalten, sind oft fünf- bis sechstausend Thierchen erforderlich.
Eduard Aßmuß.