Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredelung und Verschönerung/Erster Theil/Sechstes Buch

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[274]
Sechstes Buch.
Von dem Entgegengesetzten und dem Aehnlichen der Liebe.


Erstes Kapitel.
Einleitung.

Der allgemeine Charakter der Liebe ist festgesetzt: wir haben ihn in seinen verschiedenen Modificationen verfolgt. Wir haben gesehen, daß überall ein wonnevolles Streben, den Menschen neben uns zu beglücken, um der Ueberzeugung willen, daß dieser sich selbst glücklich fühle, jenen Charakter begründet: daß bey dem einzelnen liebenden Affekte die Wonne am uneigennützigen Wohlthun sich am unvermischtesten zeige: daß bey der liebenden Anhänglichkeit, und besonders bey der Zärtlichkeit, eben diese unmittelbare Wonne an der Beglückung des Verbündeten die herrschende Empfindung ausmachen müsse: und daß endlich in der Leidenschaft der Liebe, dieß wonnevolle Bestreben, das Wohl des andern ohne weitere Rücksicht zu befördern, schon aus der Art fließe, wie sie wirkt, indem wir unser Selbst, unsre Person, völlig an eine andere abzugeben, und uns in dieser zu verlieren suchen.

[275] So unterscheidet sich dann der einzelne liebende Affekt von der liebenden Anhänglichkeit und von der Leidenschaft der Liebe, bloß durch den Zusatz der angewöhnten Richtung jener liebenden Affekte auf eine bestimmte Person, die in einigen Fällen bis zum Gefühl der Unentbehrlichkeit fortschreiten kann.

Zur deutlichern Erkenntniß der Natur der Liebe scheint es inzwischen nothwendig, sie durch den Kontrast zu heben, und dasjenige zu entwickeln, was ihr geradezu entgegensteht. Noch nothwendiger aber ist es, dasjenige von ihr abzusondern, was ihr bloß ähnlich ist, und so leicht mit ihr verwechselt werden mag.

Man wird sich aber in unauflösliche Schwierigkeiten verwickelt finden, wenn man dasjenige, was sich der einzelnen liebenden Aufwallung entgegenstellt, auch der liebenden Anhänglichkeit und der Leidenschaft der Liebe entgegensetzt. Widerwillen und Uebelwollen stehen der einzelnen liebenden Aufwallung; Feindschaft der liebenden Anhänglichkeit; Haß der Leidenschaft der Liebe entgegen. Nicht jeder, der vorübergehend einen Widerwillen oder ein Uebelwollen gegen den Freund empfindet, ist darum sein Feind, oder wird ihn darum hassen. Nicht jeder, der den andern haßt, ist darum unfähig, eine einzelne Aufwallung von Liebe gegen ihn zu empfinden.

Wieder muß bey der Absonderung verschiedener Empfindungen von einander wohl beobachtet werden, in welcher Beziehung wir sie neben einander stellen, und unter sich vergleichen. Ob in Beziehung auf unsern allgemeinen Grundtrieb nach Wohlbestehen unsers Wesens überhaupt: oder in Vergleichung mehrerer Triebe unter einander, die alle den allgemeinen Grundtrieb befördern. [276] Denn die Wonne an Befriedigung des Uebelwollens ist in Beziehung auf den Grundtrieb allerdings der Wonne an Befriedigung des Wohlwollens ähnlich. Beyde geben einen hohen Lebensgenuß. Aber bey ihrer Vergleichung unter einander sind sie sehr von einander verschieden.

Ferner müssen diejenigen Gesinnungen, die als unmittelbare Gegenfüßler der Liebe anzusehen sind, von denjenigen unterschieden werden, die unmittelbarer Weise die Liebe hindern oder zerstören. Der Widerwille der Antipathie steht der Liebe geradezu entgegen. Die selbstischen Neigungen sind ihr nur mittelbarer Weise zuwider, indem sie leicht ein Uebelwollen herbeyführen.

Endlich aber muß diejenige Gesinnung, die der Liebe in ihren Folgen für andre Menschen noch so ähnlich ist, von derjenigen abgesondert werden, die, ihrem innern Gehalt nach, unmittelbare Wonne an Beglückung mit sich führt. Wohlthätigkeit der feinsten Selbstheit ist noch nicht Liebe.

Nach diesen Bemerkungen werde ich dieses Buch in drey Abschnitte theilen: in dem ersten dasjenige entwickeln, was der Liebe, als einzelnen Aufwallung, entgegensteht, und ihr bloß ähnlich ist. Im zweyten, was von ihr, als Anhänglichkeit betrachtet, abgesondert werden muß; und im dritten, was sich von ihr, unter den Begriff der Leidenschaft gebracht, unterscheidet.

[277]
Erster Abschnitt.
Von dem Entgegengesetzten und dem Aehnlichen der Liebe, als einzelnen Affekt betrachtet.

Zweytes Kapitel.
Was sich der Liebe in Beziehung auf den allgemeinen Grundtrieb unsers Wesens nach Wohlbestehen entgegenstellt.

Unser Wesen fühlt den allgemeinen Hang nach Wohlbestehen oder nach dem Bewußtseyn, daß sein Zustand seiner Einrichtung angemessen sey. Man nennt diesen Hang oft den Grundtrieb unsers Wesens, weil alle unsre einzelnen Triebe sich endlich dahin zurückführen lassen, daß wir auf eine Art fortdauern wollen, die der Einrichtung unsers Wesens angemessen ist. Kürzer: daß wir mit Lust existieren wollen.

Einige Reitzungen die wir erhalten, begünstigen diesen Grundtrieb auf eine ungewöhnliche Weise, andere in schwächerer Maße, andere lassen ihn nur in Ruhe, andere beleidigen ihn durch Hinderung, andere scheinen seinen Zweck geradezu zu zerstören.

Alles was den Grundtrieb beleidigt oder seinen Zweck zu zerstören scheint, giebt uns das Bewußtseyn eines Zustandes von Unlust, und ist der Liebe entgegengesetzt, in so fern diese für das Bewußtseyn eines Zustandes von Lust genommen wird. Wenn sich jedoch mit dieser Empfindung die Hoffnung auf Beendigung des peinlichen Zustandes vereinigt; so entsteht daraus das [278] Bewußtseyn eines Zustandes von höherer Lust, als diejenige ist, welche bloße Gleichgültigkeit oder schwache Willensregung gewähren mag. Daher ist jedes mit Hoffnung verknüpfte Verlangen, oder jede Lust des baren Harrens, Liebe. Ihr steht in dieser Bedeutung Unlust, Abscheu, Gleichgültigkeit, schwache Willensregung, noch mehr aber Furcht und Verzweiflung rückwärts von der Begünstigung des Grundtriebes entgegen; vorwärts aber der aktuelle Genuß einer bereits eingetretenen Erleichterung unsers peinlichen Zustandes.

Das affektvolle Genügen des fortwährenden Bedürfnisses bey eingetretener Erleichterung der Qual, und bey mehr gegründeter Hoffnung auf Rückkehr in den Ruhestand des Lebens, ist wieder Liebe. Rückwärts steht ihr in dieser Bedeutung die Lust des baren Harrens entgegen, vorwärts die affektvolle Zufriedenheit.

Diese ist das Bewußtseyn eines geendigten Bedürfnisses und der völligen Rückkehr in den Ruhestand des Lebens. Sie ist Liebe in etwas bestimmterer Bedeutung, und so steht ihr rückwärts das affektvolle Genügen des fortwährenden Bedürfnisses, vorwärts Wollust und Wonne entgegen.

Wollust und Wonne ist Liebe in bestimmterer Bedeutung. Unmittelbares Gefühl einer ungewöhnlichen Angemessenheit meines Zustandes zu meiner Einrichtung, ohne auffordernde Ueberlegung, ohne anstrengenden Antrieb, ohne Zusammenhaltung des Gegenwärtigen mit dem Vergangenen und Zukünftigen. Kürzer: Bewußtseyn der Ausgelassenheit des Lebens. Dieser Liebe ist rückwärts entgegengesetzt: Zwang und [279] Geduld. Vorwärts steht ihr entgegen die Wollust und Wonne des verweilenden Bestrebens.

Ruhe ist unserer Natur weit weniger angemessen als Thätigkeit und Bestrebung. Wir lieben das Bewußtseyn der Wirksamkeit unserer Kräfte. Sie allein macht schon eine Art von Genuß für uns aus. Die Wollust oder Wonne der unthätigen Beschauung ist also minder reitzend für uns, als diejenige, die wir im Zustande des Strebens empfinden. Aus eben diesem Grunde übertrifft der Genuß des verweilenden Bestrebens den der endenden Begierde. Das Bewußtseyn, daß wir uns bereits in einem Zustande von Ausgelassenheit des Lebens befinden, verbunden mit der Vorahndung, daß dieser Zustand in seiner Dauer noch immer weiter ausgebildet werden könne, ist angenehmer als dasjenige Bewußtseyn, mit dem wir uns zwar im völligen Besitze eines Zustandes von Ausgelassenheit des Lebens befinden, nach dem wir heftig gestrebt haben, der aber weiter keinen Zusatz leidet. Denn mit diesem letzten Bewußtseyn ist die Vorahndung einer Rückkehr in den Ruhestand des Lebens verknüpft, welche das Gefühl und die Vorstellung des Sinkens und Abnehmens unsers Vergnügens herbeyführt.

Liebe ist daher in Beziehung auf den Grundtrieb unsers Wesens im bestimmtesten Sinne: Wollust und Wonne des verweilenden Bestrebens, und in dieser Bedeutung steht ihr vorwärts nichts entgegen; rückwärts aber jede Wollust und Wonne anderer Art.

[280]
Drittes Kapitel.
Was der Liebe, für Zuneigung der Sympathie genommen, in Beziehung auf Abneigung der nehmlichen Art, unmittelbar entgegensteht. Widerwille der Antipathie.

Man setzt der Liebe gemeiniglich Selbstheit entgegen. Dieß hat seine Richtigkeit, in so fern die Selbstheit die Liebe mittelbarer Weise hindert und zerstört. Aber die unmittelbare Gegenfüßlerin der Liebe ist nicht Selbstheit, sondern Antipathie.

Alle einzelnen Triebe sind Ausflüsse des allgemeinen Grundtriebes nach Wohlbestehen unsers Wesens, der sich nach Verschiedenheit der Verhältnisse, die auf ihn einwirken, verschieden äußert. Die allgemeinste Eintheilung, die man von diesen Trieben machen kann, ist die in abneigende und zuneigende. Wir suchen entweder unsre Reitzbarkeit zu hemmen, und dem Eindrucke, den wir von den Verhältnissen erfahren, entgegen zu arbeiten; – oder wir suchen die Wirksamkeit unsrer Reitzbarkeit zu befördern, überlassen uns den Eindrücken, oder bieten uns ihnen gar entgegen.

Nun habe ich im ersten Buche dieses Werks weitläufiger gezeigt, daß wir drey Seiten haben, mittelst welcher wir mit andern Gegenständen ins Verhältniß kommen, und woran wir von ihnen gereitzt werden können. Wir besitzen nehmlich die Fähigkeit, uns andern Gegenständen aus der Ferne mittelst des Auges und des innern Anschauungsvermögens zu nähern, und so von ihnen gereitzt zu werden. Wir besitzen ferner die Fähigkeit, andere Gegenstände mittelst des Tastungsorganes unmittelbar zu berühren, und mittelst des innern [281] Versetzungsvermögens die Eigenthümlichkeiten ihres Wesens und ihrer Lage den unsrigen zu assimilieren. Es ist uns endlich die Fähigkeit eigen, mittelst des Gaumens und mittelst des innern Zueignungsvermögens die äußern Gegenstände völlig in uns über und in Besitz zu nehmen.

Ich habe diese drey Fähigkeiten, in so fern wir dadurch zur Zuneigung gereitzt werden, Beschauungshang, Sympathie und Selbstheit genannt.

Es ist aber offenbar, daß jede dieser drey Fähigkeiten mit Trieben verbunden ist, welche ganz besonders dazu dienen, die Wirksamkeit einer jeden reitzbaren Seite im Einzelnen zu hemmen, und der Einwirkung der Verhältnisse, die gerade auf diese Seite gerichtet ist, entgegen zu arbeiten.

Denn wenn der Beschauungshang unser Anschauungsvermögen dem Außerordentlichen, Vollkommnen, Schönen zuneigt; so zieht eine eigene Beschauungsscheue eben dieß Vermögen von dem Gemeinen, Mangelhaften und Häßlichen ab.

Wenn die Sympathie unsere Tastungsorgane und unser Versetzungsvermögen zur Berührung gewisser Gegenstände, und zur Assimilation mit ihnen auffordert; so zieht die Antipathie uns von der Berührung und von der Assimilation zurück.

Wenn endlich die Selbstheit unsern Gaumen und unser Zueignungsvermögen dem Nahrhaften und Nützlichen zuneigt, so treibt uns ein eigener mit der Selbstheit correspondierender Ekel, eine eigene mit ihr correspondierende Scheue, uns von dem Abschmeckenden und Schädlichen abzuwenden.

Liebe ist nun in bestimmterer Bedeutung allemahl eine Zuneigung der Sympathie; eine Folge [282] derjenigen Reitzung, welche wir durch die Fähigkeit, andere Gegenstände unmittelbar zu berühren und uns ihnen zu assimilieren, mittelst der Tastungsorgane und des Versetzungsvermögens erhalten. Was steht ihr zunächst entgegen? Unstreitig die Antipathie. Diese ist ihre unmittelbare Gegenfüßlerin.

Antipathie ist der Inbegriff derjenigen Triebe, die uns unmittelbar von der Berührung anderer Gegenstände und von der Assimilation mit ihnen abneigen. Sie ist keinesweges einerley mit der abneigenden Wirksamkeit des Beschauungs- und des Zueignungsvermögens. Die Antipathie setzt zum Voraus, daß die Kräfte, mit denen wir andere Körper betasten, und uns in ihren Zustand hineinversetzen, in eine abstoßende Wirksamkeit kommen, und daß wir alle Mittel anwenden, uns der Sympathie mit jenen Körpern und Wesen zu erwehren, die sich den Tastungsorganen und dem Versetzungsvermögen auf eine widrige Art aufdringen.

Körper, vor deren Berührung wir zurückschaudern, wenn sie uns gleich nicht schaden können; colorierte Wachsfiguren, die den Schein des Lebens zeigen, erwecken Antipathie. Antipathie empfinden wir gegen Affen, die mit dem Menschen in ihren Neigungen und Gewohnheiten Aehnlichkeit genug haben, um uns zur Assimilation mit ihrem Wesen und Zustande aufzufordern. Aber es geschieht auf eine so widrige Art, daß wir der sympathetischen Empfindung gegen sie aus allen Kräften entgegenarbeiten,

Antipathie empfinden wir gegen Menschen, die Affen darin ähnlich sind, daß wir mit ihnen nichts gemein haben mögen. Wir empfinden sie auch gegen solche, die, wenn wir ihrer müde geworden sind, uns dennoch [283] zur Mitempfindung ihrer Zärtlichkeit einladen wollen. Sie dringen sich unserer Sympathie auf eine ekelhafte Art auf.

Antipathie empfinden wir endlich gegen gewisse Arten von Leiden, denen wir andre Menschen ausgesetzt sehen, besonders gegen solche, die mit Schmutz, Niedrigkeit, u. s. w. verknüpft sind. Wir suchen uns auf alle Art der Mitempfindung ihres Zustandes zu erwehren, ob wir gleich weder eine wahre Ansteckung noch eine Verwickelung in das fremde Schicksal zu befürchten brauchen.

Der Widerwille der Antipathie ist mit dem Gefühle des Mangelhaften und Häßlichen, mit dem Uebelwollen, mit der Verachtung, dem Neide, der Eifersucht, dem Unwillen und Zorne keinesweges einerley, ob wohl er sich leicht mit diesen Empfindungen vermischt. Wir haben oft eine Antipathie gegen dasjenige, was uns weder durch seine innern Mängel, noch durch seine Häßlichkeit beleidigt. Mancher Ehemann ist seiner schönen und vortrefflichen Frau nur darum müde, weil sie ihn zur Sympathie mit ihrer Liebe auffordert, und sich ihm aufdringt. Wir wünschen dem Narren, der uns mit seinen Andringlichkeiten verfolgt, kein Unglück; wir mißgönnen ihm keine Vorzüge; wir fürchten keine Concurrenz zur Erlangung einerley Zwecks mit ihm; wir zürnen nicht so wohl auf ihn, als wir über ihn lachen; aber wir finden ihn unerträglich, und freuen uns herzlich, wenn wir seiner Gegenwart und der Vorstellung der Aehnlichkeit seines Wesens und seines Zustandes mit dem unsrigen los sind.

[284]
Viertes Kapitel.
Was der Liebe für Wollust und Wonne der Sympathie genommen, in Beziehung auf das fortwährende und gestillte Bedürfniß dieser Sympathie entgegensteht. Mitleiden.

Liebe ist Wollust und Wonne der Sympathie. Mitleiden kann folglich nie Liebe seyn. Es setzt eine Unlust zum Voraus, die wir dadurch empfinden, daß wir uns in den unangenehmen Zustand eines andern hineinversetzt haben.

Leiden wir auf eine uns widerliche Art mit; werden wir dadurch aufgefordert, auf alle mögliche Weise uns der Sympathie zu erwehren; so gehört die Unlust des Mitleidens der Antipathie, und das Gefühl, daß uns die Erwehrung gelungen ist, daß wir wieder ruhig sind, ist die Zufriedenheit der antipathetischen Triebe.

Ueberlassen wir uns aber der Wirksamkeit unsers Versetzungsvermögens, ob wir gleich zur Unlust dadurch gereitzt werden, so gehört die Empfindung allerdings der Sympathie; aber sie ist eine Versagung ihres Hanges, mithin keine Lust und auch keine Liebe. Wir empfinden nur das Bedürfniß, mit dem andern in den Ruhestand des Lebens zurückzukehren.

Zeigt sich Hoffnung für das fremde, uns assimilierte Wesen; oder tritt eine wahre Erleichterung seines Zustandes ein; so empfinden wir die Lust des bloßen Harrens, oder das Genügen des Bedürfnisses sympathetisch mit: ja, kehrt der andere völlig in den Ruhestand des Lebens zurück; so fühlen wir sogar die Zufriedenheit der Sympathie. Aber noch immer keine Liebe. Diese tritt erst dann ein, wenn wir in den Zustand der Ausgelassenheit [285] des Lebens gerathen, weil wir diese an dem andern wahrnehmen.

Mitleiden, für Mitempfindung eines fremden Bedürfnisses genommen, ist daher nie Liebe: und selbst die Mitempfindung der Stillung eines fremdem Bedürfnisses, die nur zugleich das Bedürfniß unserer Sympathie stillt, ist nicht Liebe.


Fünftes Kapitel.
Was sich der Liebe als Inbegriff der annähernden und erhaltenden Triebe, in Beziehung auf die abstoßenden und zerstörenden entgegenstellt. Ungeselligkeit und Uebelwollen:

Unter unsern Trieben giebt es einige, die uns zur Annäherung an die Gegenstände, mit denen wir ins Verhältniß kommen, auffordern: andere, welche uns reitzen, diese Gegenstände abzustoßen. Aber selbst unter den annähernden giebt es einige, die uns nur darum mit den Gegenständen in nähere Verbindung bringen, um sie zu zerstören, oder wenigstens herabzuwürdigen.

Liebe ist Wonne der Geselligkeit, mithin Wonne eines Hanges nach Annäherung an die Gegenstände, mit denen wir ins Verhältniß kommen. Sie setzt außerdem Erhaltung dieser Gegenstände als nothwendige Bedingung zum Voraus. Alle Ungeselligkeit, alles Zurückziehen, alles eigennützige Besitznehmen mit Vernachlässigung der Selbstständigkeit des fremden Wesens, noch mehr aber alles Uebelwollen, ist der Liebe in dieser Bedeutung entgegengesetzt. Dahin gehört Rachgier, Neid, Eifersucht, Schadenfreude, Unwille, Zorn; es gehört aber auch [286] dahin der grobe Eigennutz, der Trieb nach Alleinseyn und die Menschenscheue.


Sechstes Kapitel.
Was sich der Liebe, als wonnevollem Streben nach der Beglückung anderer Menschen um ihrer selbst willen, entgegenstellt. Wonne des Beschauungshanges, der feineren Selbstheit und der gröberen Sympathie.

Bis jetzt habe ich diejenigen Empfindungen kurz berührt, die der Liebe dergestalt entgegen stehen, daß eine Verwechselung mit ihr nicht leicht zu erwarten ist. Aber ich komme nun zu einigen andern, die viel schwerer von ihr abgesondert werden. Dieß sind die Wonnegefühle des Beschauungshanges, der feinern Selbstheit und der gröbern Sympathie.

Ich will diese Empfindungen im Einzelnen etwas näher angeben und prüfen.


Siebentes Kapitel.
Absonderung des liebenden Affekts von feinerer Selbstheit; vom Wohlwollen und von der Wohlthätigkeit aus Hoffnung auf Vergeltung, aus Pflicht und Dankbarkeit.

Wer wirklich andern Menschen wohl will und ihnen wohlthut, handelt darum nicht unbedingt aus Liebe. Ohne von jenem grob Eigennützigen zu reden, der wohlthut, um dafür Wiedervergeltung, es sey durch Gegendienste oder bare Bezahlung, zu erhalten: oder von jenem [287] andern, der seiner Wohlthätigkeit wegen bewundert, geliebkoset seyn will; so giebt es Menschen, die ein unmittelbares Vergnügen an dem Gefühle ihrer eigenen Thätigkeit haben, nur darum gern hegen, pflegen, rathen, trösten und aufrichten, mithin die Belohnung ihrer Wohlthätigkeit in dem Gefühle der erhöheten Wirksamkeit ihrer Kräfte finden. Wie sollten Menschen dieser Art lieben? Sie sehen ihre Mitmenschen lieber krank als gesund, lieber traurig als froh, und empfinden Wonne nach der Maße, worin die Lagen und Verhältnisse derjenigen, für welche sie sich interessieren, verwickelt sind, und ihnen mehr Hindernisse zu überwinden, mehr Schwierigkeiten zu heben darbieten. Sie gleichen den Wundärzten, die sich über einen schlimmen Schaden an dem Körper ihres Patienten freuen, weil er ihre Aufmerksamkeit mehr spannt, und ihnen ein erhöhetes Gefühl ihrer Geschicklichkeit bey Ueberwindung großer Hindernisse einflößt.

Wer so handelt, der treibt Tausch mit Thaten, die nur in ihren Folgen mit den Wirkungen der Liebe Aehnlichkeit haben, gegen selbstische Wonnegefühle. Und sollte Jemand wohlthun, weil er in einem künftigen Leben erst Wiedervergeltung seiner Wohlthätigkeit erwartet; der liebt nicht, der empfindet keine unmittelbare Wonne am Wohl seiner Nebenmenschen.

Oft versteckt sich die Selbstheit noch feiner. Mancher trägt, indem er wohlthut, dem einzelnen Mitgliede der Gesellschaft die Schuld ab, die er gegen die Gesellschaft im Ganzen auf sich geladen hat. Sie ernährt, sie beschützt ihn; ihr verdankt er es, mit Sicherheit und Bequemlichkeit froh seyn zu können. Was ist gerechter und billiger, als daß er andere wieder froh und zufrieden mache? Vortrefflich! Höchst verdienstlich! Aber das [288] Wohlwollen, wozu ich mich durch solche Betrachtungen erst auffordern lasse, ist, so verdienstlich es an sich seyn mag, keine Liebe. Das Allmosen, welches ich monatlich in die Armenbüchse werfe, weil ich mir sage: du bist Mitbürger! kommt nicht aus dem Herzen, das mit Heinrich dem Vierten über den Bauern Wonne empfindet, der alle Sonntage sein Huhn in der Suppe haben kann.

Und wenn es auch Achtung für die Harmonie meines Charakters, oder für mein eigenes sittliches Gesetz ist, die mich zwingt, wohlzuwollen und wohlzuthun; wenn ich, ohne natürliche Anlage zur Wonne an dem Glück meiner Mitgeschöpfe, sie dennoch gern froh und zufrieden wüßte, und gern dazu beytrüge, weil ich mir sagte: es ist Recht! – es wäre sehr verdienstlich, verdienstlicher vielleicht, als wenn es unaufgefordert geschähe; aber Liebe wäre es doch nicht.

Strebe ich nun gar nach Wohlthätigkeit, um mir sagen zu können: ich that’s, das konnte ich, ich bin doch eine liebende Seele! – so habe ich so wenig Anspruch auf Liebe als auf moralische Würde.

Auch Dankbarkeit ist nicht Liebe, sobald ich durch die Rücksicht auf mich, der ich empfangen habe, wohlwill und wohlthue. Oft ist sie Folge des Gefühls der Bürde, welche mir die Wohlthat auflegt, oft des Gefühls von Pflicht, von Gerechtigkeit, von Achtung für uns selbst und andere. Mehrerer gröberer und feinerer Entstehungsarten zu geschweigen! Liebe setzt unaufgeforderte Wonne am Wohlwollen und Wohlthun zum Voraus.

[289]
Achtes Kapitel.
Absonderung des liebenden Affekts von den Aeußerungen der unthätigen Unschädlichkeit und Wohlerzogenheit.

Wenn ich nicht zerstöre, nicht herabwürdige, die Menschen neben mir gehen lasse wie sie sind, so kann dieß Betragen der Liebe nicht angehören. Ich empfinde kein affektvolles Streben, ihnen wohlzuthun, in meiner Seele. Die unthätige Unschädlichkeit ist nicht Liebe.

Wenn ich aber auch gefällig, dienstfertig, zuvorkommend in meinem geselligen Betragen bin, aber bloß aus Angewöhnung, Folge einer guten Erziehung; so ist dieß nicht Liebe. Das Herz nimmt keinen Antheil daran; kaum daß die Seele etwas dabey denkt.

Gemeiniglich scheinen diese unschuldigen, äußerlich verbindlichen Menschen bloß darum liebend, weil ihre Neigungen sich in einem Kreise herumdrehen, den wenig andere durchkreuzen! Aber wehe demjenigen, der wirklich mit ihrem Eigennutze in Collision kommt! Er wird bald die Wirkungen ihres Neides und kleinlichen Hasses fühlen!


Neuntes Kapitel.
Absonderung des Vollkommenheits- und Schönheitsgefühls von der Liebe.

Die Aufwallungen des Beschauungshanges sind bereits im ersten Buche dieses Werks von der Liebe abgesondert worden. Man darf hier nur daran erinnern. Alle Wonne am Vortrefflichen, Vollständigen, [290] Vollkommnen, Seltenen, u. s. w. ist unthätig; begnügt sich zu wissen, daß der Gegenstand die ihm eigenthümlichen Vorzüge besitze, sucht aber nicht, sich ihm weiter zu nähern, oder gar zu seiner Selbstzufriedenheit beyzutragen. Liebe hingegen setzt unmittelbare Verbindung mit dem Gegenstande, der sie erweckt, voraus, und zwar durch thätiges Bestreben, seine Selbstzufriedenheit zu vermehren.

Das Unbeseelte, längst Verstorbene, unsern persönlichen Verhältnissen weit Entrückte, kann Beschauungswonne erwecken. Liebe hegen wir nur für den Menschen, den Zeit und Raum mit uns so nahe verbinden, daß wir etwas zu seinem Wohl beytragen zu können glauben mögen.


Zehntes Kapitel.
In wie fern Achtung ein liebender Affekt sey?

Die Vielbedeutung des Worts Achtung hat schon zu vielen Mißverständnissen Anlaß gegeben; es ist wohl der Mühe werth, den Sinn näher zu entwickeln.

Nothwendig muß man verschiedene Arten von Gesinnungen, welche um ähnlicher Aeußerungen willen mit einerley Nahmen belegt werden, von einander unterscheiden[WS 1]. Man beträgt sich oft, als ob man aus Achtung handelte, und achtet darum doch nicht.

Unterwürfigkeit, Unterwerfung, (Soumission) ist weder Achtung noch Liebe. Sie wirkt nur Achtsamkeit, Obacht. Ich unterwerfe mich demjenigen, was durch seine Kraft mir zu schaden mich unterjocht, und die Wirksamkeit meiner innern Triebe, [291] mich zu widersetzen, zu beleidigen, mich unbefangen gehen zu lassen, zurückhält. So unterwerfe ich mich den gefährlichen Naturkräften, dem schädlichen aber mächtigen Bösewicht, und dem Strafgesetze. Diese Unterwerfung läßt sich ohne Abbruch für unsere Selbstliebe nicht denken. Sie verlangt durchaus die Unterdrückung der freyen Wirksamkeit vieler Lieblingstriebe, und besonders desjenigen, sich unabhängig zu fühlen. – Nach dieser Erklärung wird wohl kein Zweifel übrig bleiben, daß eine solche reine Unterwürfigkeit weder Achtung noch Liebe sey. Sie beruht auf Zwang, und das Vergnügen, welches damit verbunden seyn kann, die Gunst des gefährlichen Obern gewonnen zu haben, ist allemahl nur eine genügende Lust am gestillten Bedürfnisse, mithin nicht einmahl Wonne. Könnten wir den Gönner dieser Art entbehren, wir würden uns keinen Augenblick bedenken, uns seinem Ansehn über uns zu entziehen. Der Wilde, der seinen Gott als ein bösartiges Wesen anbetet, hat folglich für ihn so wenig Achtung als Liebe.

Von Werth halten, fühlen, daß Jemand uns etwas oder viel werth sey, aber nur uns, andern wenig oder nichts; – heißt gleichfalls weder lieben noch achten. Diese Gesinnung habe ich für das bloß Nützliche, für dasjenige, was mir als Mittel zur Ausführung meiner persönlichen Plane und Absichten dienen kann. Der Gegenstand, welcher diesen Werth für mich hat, befriedigt entweder bloße Bedürfnisse der Selbstheit, oder giebt doch nur eigennützige Wonne. Der Tyrann, der den Meuchelmörder etwas oder viel werth hält, weil er dazu dient, ihm den ungestörten Besitz seiner Gewalt zu sichern, hegt gewiß keine Liebe und keine Achtung für ihn.

[292] Von diesen beyden Gesinnungen sind diejenigen, welche das allgemein Schätzungswerthe, und noch mehr das Verehrungswürdige einflößen, Schätzung und Verehrung, sehr verschieden.

Schätzen, achten, heißt im allgemeinen so viel, als: anschlagen, welchen Werth ein Gegenstand nicht für mich allein, sondern für die ganze Gesellschaft, zu der ich gehöre, in sicherer, dauernder, ausgebreiteter Maße haben kann. Es heißt so viel, als: einen gangbaren Preis auf eine Sache setzen, diesen Preis für etwas bestimmen. In dieser Bedeutung nimmt man Achtsleute, Wardierer, (Aestumatores, Taxatores,) und ihre Bestimmung nennt man schätzen, wardieren, werthachten.

Um dieß mit irgend einiger Zuverlässigkeit thun zu können, muß auf zweyerley Rücksicht genommen werden: auf die innere Bonität, den Gehalt der Dinge, ihre Nutzbarkeit, – und auf die mehr zufällige, aber doch immer einer gewissen Dauer fähige Anwendung ihrer Nutzbarkeit zum aktuellen Gebrauche auf ihr Nützlichseyn oder ihre Nützlichkeit. – Dieß paßt auf Münzen, Früchte, Grundstücke, Mobilien, u. s. w. Ein Gegenstand, dem man keinen innern Gehalt beylegen kann, und bey der Anwendung stündlich abwechselnde Verhältnisse beylegen muß, ist gar keiner Schätzung fähig, und hat keinen gangbaren Preis.

Schon hier zeigt sich der rohe Begriff des Unterschiedes zwischen innerer und äußerer Zweckmäßigkeit, indem die erste, der innere Gehalt, die Sache nur überhaupt fähig macht nützlich zu seyn; die letzte, die Beschaffenheit der äußern Verhältnisse, diese Fähigkeit zur aktuellen Wirksamkeit, oder zur [293] Anwendung des Nützlichseyns bringt. So kann z. B. ein Grundstück vermöge der Güte seiner Erdart fähig seyn, die besten Früchte in großer Quantität hervorzubringen, es ist folglich sehr nutzbar; weil aber weder die Consumption, noch der Verkehr in der Gegend seiner Lage groß ist, so werden die Früchte in keinem hohen Preise stehen, und nicht vortheilhaft gebraucht werden können; mithin wird auch das Grundstück nicht sehr nützlich seyn.

Indem der Mensch einer Schätzung unterworfen wird, kann er eben so wie das Grundstück, ohne alle Rücksicht auf seine sich selbst bestimmende Vernunft, bloß als ein Werk der Natur betrachtet werden. Man kann alsdann bey Bestimmung des gangbaren Preises, den man ihm beylegt, auf die Vollständigkeit und Vortrefflichkeit seiner Anlagen, auf seine Nutzbarkeit, und auf die aktuellen Folgen seiner Wirksamkeit zum Nutzen des menschlichen Geschlechts, auf sein Nützlichseyn, seine Nützlichkeit, zu gleicher Zeit Rücksicht nehmen, und ihm einen schätzbaren Werth beylegen, ohne ihn deswegen zu einem Gegenstande der Verehrung, zu einem achtungswürdigen Gegenstande zu machen.

Diese letzte Gesinnung, die Achtung, hängt davon ab, daß wir sehen, der Mensch hat als ein vernünftiges Wesen sich zur innern Vollständigkeit und Vortrefflichkeit, (zu seiner Nutzbarkeit für alle vernünftige Wesen,) und zur fertigen und zweckmäßigen Anwendung seiner Anlagen, (zum wirklichen Nützlichseyn für alle vernünftige Wesen,) selbst bestimmt und ausgebildet.

Laßt uns zuerst von der Schätzung des Menschen, von dem Gefühle: er hat einen schätzbaren Werth, reden. Ich schätze den Menschen, der bey [294] den gehörigen Anlagen, der Gesellschaft nützlich zu seyn, ihr wirklich nützlich wird, indem er irgend einem physischen oder geistigen Bedürfnisse (sollte es auch nur das seyn, den Menschen vollständig und zweckmäßig zu finden,) abhilft; oder irgend einen physischen und geistigen Trieb, (sollte es auch nur der nach Vollkommenheit, nach dem Außerordentlichen und Seltenen seyn,) in ungewöhnlicher Maße begünstigt. Ob er davon Verdienst habe, ob er dadurch an moralischer Würde gewinne, darauf nehme ich bey der bloßen Schätzung keine Rücksicht. Genug, daß die Gattung, daß die Gesellschaft davon dauernden, sichern Vortheil hat. So ist denn der Mensch mit einem ausgezeichnet schönen Körper, mit einer ausgezeichnet fähigen Seele, ob er gleich zur Ausbildung beyder nichts beygetragen hat, zwar nicht achtungswürdig, aber er hat doch einen schätzbaren Werth, weil die ganze Gattung sich dauernd an ihm vergnügt oder ergetzt. So haben der brave Soldat, der fleißige Richter, die emsige Hausfrau einen schätzbaren Werth, wenn sie sich gleich nicht viel über das Gewöhnliche erheben, bloß den Trieben ihrer Natur folgen, und sich durch keine Selbstbestimmung zur Nutzbarkeit gefertigt, oder der Nützlichkeit gewidmet haben.

Dieß Gefühl, daß ein Wesen einen schätzbaren Werth habe, wird dann auch auf leblose Geschöpfe, auf Naturerscheinungen, auf Anstalten, Maschinen, Kunstwerke, u. s. w. übertragen, ja, auf allgemeine Maximen, Anleitungen, Recepte, u. s. w. Alle diese Dinge haben kein Verdienst und keine Würde. Aber sie haben einen schätzbaren Werth. Sie sind einer innern Bonität, eines innern Gehalts, einer Nutzbarkeit, einer dauernden Bestimmung ihrer Anwendung zum wirklichen Gebrauch, [295] einer äußern Nützlichkeit fähig; und nach beyden wird die Prüfung angestellt, ob sie für die Gesellschaft im Ganzen dauernd nutzbar und nützlich seyn können. Wo dieß der Fall ist, da entsteht das Gefühl der Schätzung.

Bleiben wir hier zuerst stehen! In wie fern ist diese Schätzung Liebe? In so fern ich wonnevoll strebe, daß das schätzbare Wesen sich durch den schätzbaren Werth, den es vor den Augen anderer hat, glücklich fühle! Diese Empfindung kann mir also bloß der Mensch einflößen; denn alles Uebrige hat kein Bewußtseyn seiner Selbstzufriedenheit; mithin gehört die Schätzung, welche ich der Maschine, dem Kunstwerke, der Naturerscheinung widme, schlechterdings entweder dem Beschauungshange oder der Selbstheit.

Aber nicht jede Schätzung, welche mir auch der Mensch einflößt, gehört darum der Liebe. Die Selbstheit, der Beschauungshang, können sich dieser Gesinnung eben so wohl bemeistern, als das Herz. Oft ist die Schätzung des Menschen auch gar keine Wonne, sondern eine bloß genügende Lust am befriedigten Bedürfnisse. Es giebt mehrere Bestimmungen in der Welt, welche ich äußerst nützlich finde, und deren Ausfüllung mich doch bey der Vorstellung des Menschen, der sie übernommen hat, gar nicht mit Wonne rührt. Der Richter z. B. der seine Zeit der Untersuchung von Privatstreitigkeiten widmet, wird sehr geschätzt werden können, ohne uns ein Wonnegefühl bey dieser Gesinnung einzuflößen, weil seine Bestimmung zu wenig Reitz für die Phantasie hat, und das Vergnügen bloß von der Ueberlegung abhängt, daß seine Arbeit die Sicherheit des Lebens und des Eigenthums in der Gesellschaft gründet. Sehr oft müssen bey dieser Schätzung sogar mehrere unserer Lieblingsneigungen [296] vorher unterjocht, sie muß uns oft abgezwungen werden. So schätzt der Schüler Leibnitzens einen Kant, der Oestreicher einen Friederich, der eifrige Catholik einen Luther, ein Hofcavalier einen arbeitsamen Bauern, u. s. w.

Wenn wir aber auch die Schätzung mit Wonne empfinden, so kann diese Wonne zuweilen ganz eigennützig seyn, indem wir nehmlich die Folgen derselben ganz besonders auf unsere Person beziehen, und unsern gröberen oder feineren Eigennutz dadurch geschmeichelt fühlen. Die Bewohner eines Landes, welche den geschätzten Mann unter sich besitzen, seine Thätigkeit und seinen Ruf zur Erleichterung ihrer Bedürfnisse, oder zur Begünstigung ihrer Lieblingsneigungen zunächst in ihren wohlthätigen Folgen empfinden, werden gemeiniglich in dieser Lage seyn. Solche eigennützige Wonne empfindet der Preuße bey der Schätzung, die er seinem Friedrich, der Amerikaner bey derjenigen, welche er seinem Franklin zollt. Die ersten Schüler der Stifter von Religions- und wissenschaftlichen Sekten hegen eine gleich eigennützige Schätzung für den Lehrer, mit dem sie sich durch ein engeres Band von der übrigen Menge zugleich auszeichnen.

Eben so kann die Schätzung eine bloße Beschauungswonne enthalten, indem wir uns von dem Menschen, der seinen innern Anlagen und seiner äußern Wirksamkeit nach allgemein nutzbar und nützlich erscheint, isolieren, und ihn aus der Ferne, ohne alle deutliche Beziehung auf uns, bewundern. So schauet der Deist den Werth eines Luthers, der heutige Deutsche den eines Cäsars, der Geschäftsmann den eines Methaphysikers an. Was sind sie ihnen? Nichts, als sehr vollständig, sehr [297] vortrefflich geschaffene Menschen in ihrer Art, die auf das menschliche Geschlecht einen sehr ausgebreiteten nützlichen Einfluß haben mußten und gehabt haben. Das rührt sie mit der Wonne der Beschauung.

Aber auch die Liebe bemeistert sich, wie gesagt, der Schätzung, als eines Akts von Wohlwollen und Wohlthätigkeit, worin sie sich hervorstechend äußert. Wenn wir streben, den Menschen schätzen zu können, weil dieß seine Zufriedenheit mehren muß; wenn wir wirklich bey der Schätzung weniger an das Außerordentliche, Ungewöhnliche, Vollkommene für unsere Phantasie, weniger an eine Zueignung der Vortheile seines Rufs und seiner Wirksamkeit, als an das Glück denken, welches derjenige empfinden muß, der sich schätzbar und geschätzt fühlt; – ja, dann empfinden wir die Wonne der Liebe.

Solche Wonne flößte ein Alexander seinem Parmenio, ein Friederich seinem d’Argens ein. So findet ein berühmter Mann zuweilen, wiewohl selten, eine Geliebte, einen Freund, welche unbekümmert um den Vortheil, den sein Ruf und seine Talente für ihre eigene Person haben können, darin bloß ein Mittel zu der größern Zufriedenheit des Verbündeten sehen.

Nun zur Verehrung, Hochachtung, Achtung im engsten Verstande! Sie setzt mehr wie Schätzung zum Voraus. Diese kann allenfalls das bloße Werk angeborner Anlagen, zufälliger Umstände seyn; aber Verehrung wird allein das vernünftige Wesen einflößen, das sich aus freyem Willen zu einer nutzbaren und nützlichen Kraft für alle vernünftige Wesen bestimmt und gefertigt hat.

[298] Es ist also die überlegte Fertigkeit, allen vernünftigen Wesen nützlich zu seyn; es ist der tugendhafte Charakter, welcher allein einer Würde fähig, und durch diese auf Verehrung berechtigt ist. Die liebenswürdige Schwäche, zu der sich die Gottheiten Griechenlands und der sinnliche Mensch gehen lassen, flößt keine Hochachtung ein, so nutzbar an sich selbst, und so nützlich durch ihre Wirkungen sie auch immer seyn kann. Auch die wohlverstandene Klugheit, mit der ein jeder darum nutzbar und nützlich zu seyn strebt, damit sein Glück von andern befördert werde, ist kein Gegenstand meiner Verehrung. Ich schätze den Instinkt, der sie blindlings zur Ausfüllung ihrer Bestimmung führt; ich schätze die Vernunft, die sich zu ihrem eigenen Nutzen auf eine so glückliche Art für andere bestimmt: aber die Vernunft, welche sich zur Nutzbarkeit und wirklichen Nützlichkeit für alle vernünftige Wesen bestimmt und fertigt, kann ich nicht in ihnen hochachten. Eben diese Empfindung flößen mir diejenigen Menschen ein, welche bloß einer innern Harmonie ihres Charakters nachstreben, und, unbekümmert um ihre gegenwärtigen Verhältnisse, in dem Reiche der Sinnlichkeit, nach Art ägyptischer Mönche, ihr Leben in unthätiger Beschauung zubringen; denn diese Schwärmer streben nur einem Theile der Nutzbarkeit nach, nehmlich der innern Vollkommenheit, welche aus der Uebereinstimmung und Stetigkeit der Gesinnungen fließt, nicht aber der Nutzbarkeit im Ganzen, und ihrer wirklichen Anwendung, dem Nützlichseyn.

Auch derjenige, welcher nützlich seyn will, und nicht die rechten Mittel dazu wählt, ist meiner Hochachtung nicht würdig. Daher kann derjenige Eigensinn, oder derjenige Unverstand, der, unbekümmert um [299] die Folgen, seine allgemeinen Maximen, wenn sie auch ursprünglich auf das Wohl aller vernünftigen Wesen berechnet sind, unbedingt folgt, und dadurch Unheil anrichtet, mir diese Gesinnung nicht einflößen. Der Unmensch, oder der Thor, der, um die Wahrheit zu sprechen, dem zornigen Verfolger den Aufenthalt des fliehenden Mitbruders verräth, ist ein Gegenstand meiner Verachtung oder meines Unmuths.

Aber ich verehre, ich achte denjenigen hoch, der seine Bestimmung, allen vernünftigen Wesen, so weit er sie ahndet, mithin dem höchsten Wesen, sich selbst und seinen Mitmenschen nützlich zu seyn, anerkennt, seinen Charakter im Ganzen die gehörige Richtung dazu zu geben sucht, sich mithin nutzbar macht, und zu gleicher Zeit, bey der Anwendung seiner Fähigkeiten zum Nutzen für das Reich vernünftiger Wesen, die gehörige Aufmerksamkeit auf alle äußere Verhältnisse anwendet, um wirklich nützlich zu seyn. Ein jeder Mensch, er mag von der Natur Anlagen zu dieser Nutzbarkeit und Nützlichkeit haben oder nicht; seine Verhältnisse mögen sie befördern oder nicht; bedarf einer Kenntniß seiner Bestimmung, einer Ausbildung seiner Fähigkeiten, einer anhaltenden Bestrebung zur Wegräumung äußerer Hindernisse. Ein tugendhafter Charakter wird eben so wenig vollständig geboren als ein großer Künstler. Beyde bedürfen einer Kenntniß von dem Zwecke ihrer Kunst, einer überlegten Fertigkeit, einer anhaltenden Sorgsamkeit. Diese ursprüngliche Kenntniß unserer Bestimmung, zur Beförderung des Wohls aller vernünftigen Wesen beyzutragen, diese überlegte Fertigkeit, dieß stete Bestreben, ihnen wirklich nützlich zu seyn, verbunden mit dem wirklichen Gelingen, welches für [300] denjenigen, der es ernsthaft meint, nie ganz ausbleibt; – die sind es, welche den Begriff der Tugend gründen; und Tugend allein hat Anspruch auf Verehrung, auf Hochachtung, auf Achtung im engsten Verstande.

Ach! wie begreiflich ist es, daß Tugend Achtung im engsten Verstande einflößt! was ist so sicher, so ausgebreitet nutzbar und nützlich als sie? Sie allein behält einen immer dauernden Werth!

Diese Achtung flößt nur der tugendhafte Charakter ein, und nur diejenige Gesinnung und Handlung, welche mit hoher Wahrscheinlichkeit auf diesen Charakter schließen lassen.

Die höchsten Aufopferungen, welche nur auf eine vorübergehende Aufwallung von tugendhaften Gefühlen schließen lassen, können bloß Schätzung einflößen.

Hochachtung, Verehrung, Achtung im engsten Sinne, kann nun ebenfalls bald der Selbstheit, bald dem Herzen, bald dem Beschauungshange gehören, bald mit dem Genügen des befriedigten Bedürfnisses, bald mit Wonne empfunden werden. Zeigt sich ein tugendhafter Charakter in gewöhnlichen Lagen, so wird er selten eine so starke Wirkung auf meine Einbildungskraft machen, daß eine lebhaftere Reitzung zum Vergnügen mit einem lebhafteren Bilde bey mir erweckt werden sollte. Ich lasse es mir bloß gefallen, den Trieb, den ich hege, den Menschen seiner Bestimmung zur allgemeinen Nützlichkeit für alle vernünftige Wesen eingedenk zu finden, nothdürftig begünstigt, und nicht beleidigt zu fühlen. Ja, ich kann mich zuweilen, wenn die Tugend meinen Lieblingsneigungen entgegen ist, erst durch Ueberlegung ihrer guten Folgen für das Ganze der Gesellschaft zur Hochachtung zwingen müssen. Liegt [301] aber in meinem Herzen kein Hinderniß, die Schönheit des tugendhaften Charakters anzuerkennen, und erscheint er mir dann in einer ungewöhnlichen Lage; bemerke ich an dem Menschen eine große Ueberwindung seiner Sinnlichkeit, eine außerordentliche Thätigkeit und Haltsamkeit im Guten; so entsteht bey mir ein lebhafteres Bild seines verehrungswürdigen Charakters, und die angenehme Reitzung, welche es begleitet, wird zur Wonne.

Diese Wonne kann ihren Grund darin haben, daß ich den tugendhaften Charakter in seiner Beziehung auf mein vernünftiges Wesen besonders betrachte. – Mich hat er gebildet, mir hat er Vertrauen zur Tugend und zu meinen Kräften eingeflößt, mich hat er angenehm erschüttert, mich und meine Mitgeschöpfe hat er mit weisen Lehren und Anstalten versehen; – alsdann ist die Verehrung eigennützig, und so kann sie ein Zögling, ein Unterthan, ein Sohn, ein Sektierer, für einen Fenelon, für einen Rochow, für einen Heinrich, für einen Alworthy, für einen Frank oder Spener empfinden!

Erhalte ich aber die Verehrung mit dem Zusatze der Wonne, den Menschen, der sie verdient, dadurch so glücklich zu wissen; suche ich ihn verehrungswürdig zu machen, um sein Glück zu vermehren; so ist Verehrung Wonne der Liebe. Und so verehrte liebend ein Johannes seinen außerordentlichen Lehrer, ein Agathon seinen Sokrates!

Begnüge ich mich endlich, den verehrungswürdigen Menschen aus der Ferne anzustaunen; – ist der Antheil, den ich an der Ruhe und Zufriedenheit nehme, welche er durch seine Tugend genießt, keine herrschende Empfindung in meiner Seele; fühle ich kein Bestreben, mich ihm zu nähern und mitzuwirken, damit er den Genuß [302] seiner Würdigkeit in voller Maße einernte; so empfinde ich die Wonne der Verehrung wie eine bloße Beschauung. So staunen die meisten Menschen einen Cato oder Regulus an!

Hieraus ergiebt sich nun, in wie fern Achtung mit Liebe zusammengehe, und in wie fern nicht.

Unterwürfigkeit ist nie Liebe: das Werth für sich halten, ist nie Liebe: hingegen können Schätzung und Verehrung alsdann Liebe seyn, wenn wir sie mit dem wonnevollen Bestreben einnehmen, daß der Mensch durch den allgemeinen schätzbaren Werth, den er an sich trägt, und durch seine innere Würde glücklich und zufrieden mit sich selbst sey.


Eilftes Kapitel.
Absonderung der bloßen sympathetischen Aneignung und Mitempfindung, so wie der wonnevollen Beschauung des fremden Glücks, von dem liebenden Affekte.

Liebe setzt nothwendig die Ueberzeugung von der Selbstzufriedenheit eines andern Menschen, als endlichen Grund unsers wonnevollen Strebens nach der Beförderung seines Glücks zum Voraus. Wer also muntere, heitere, selbstzufriedene Menschen in der Absicht aufsucht, von ihrer Freude angesteckt zu werden, sich durch die Form des Frohsinns zur Freude einladen zu lassen; der betrachtet andere Menschen bloß als Mittel, als Instrumente, als Gaukler; der handelt ganz eigennützig. Dieß ist schon im ersten Buche bemerkt worden.

Wer aber auch diese Absicht, sich fremde Wonne zuzueignen, nicht hegt, aber ihren Frohsinn, ihre Selbstgenügsamkeit, [303] ihre Glückseligkeit, als bloße Bestandtheile ihrer Vollkommenheit oder ihrer Schönheit mit Lust, aber unthätig anstaunt, liebt nicht, sondern empfindet Anschauungswonne. Die Seligkeit der Götter, wie sie von den Griechen gedacht und empfunden wurde, flößte diesen nicht Liebe, sondern ein unthätiges Vollkommenheits- und Schönheitsgefühl ein.

Endlich ist auch diejenige Theilnahme an anderer Selbstzufriedenheit nicht Liebe, welche ihre Aeußerungen gleichsam physisch sympathetisch in unserer Seele erwecken. Die Selbstzufriedenheit anderer muß uns nicht mittelst dunkler Rührungen, sondern mittelst klarer, wenn gleich nicht deutlicher Vorstellungen, die allein Ueberzeugung wirken können, zur Theilnahme einladen. Wir müssen wissen, was ihnen wohl thut, wie ihrem Glücke nachgeholfen werden könne, welche Gefahren ihm drohen. Nur dann können wir thätig und mit Wonne streben, es zu vermehren und zu bewahren.

Ich kenne Menschen, die sich sehr lebhaft für anderer Wohl zu interessieren scheinen. Aber ihr Interesse gehört ganz ihren Sinnen und nicht dem Herzen. Sie fühlen das fremde Glück ungefähr auf eben die Art, wie ihr Körper die physische Wollust empfindet, welche ihnen durch das Einströmen der Wärme des angenäherten Körpers zugeführt wird. Worte und Mienen des glücklichen Menschen, bloß die Formen der Selbstzufriedenheit, machen sie glücklich, nicht die Ueberzeugung von seiner innern Empfindung. Wir schlagen die Lache der Verzweiflung auf, und sie lachen mit aus Freude. Wir vergießen vor Freude Thränen, und sie weinen mit vor Betrübniß. Sie errathen nicht unsere Wünsche, als bis wir sie ihnen sagen; sie arbeiten [304] nicht für uns, als bis und so lange sie uns streben sehen. Ich habe einen Richter gekannt, der die Menschen mit dem kältesten Blute zum Tode verdammte, wenn der Advocat die Gründe ihrer Unschuld kalt vorgetragen hatte, und der sie absolvierte, wenn die Vertheidigungsschrift des offenbar Schuldigen beweglich lautete. Menschen dieser Art können bey dieser Weichheit die allergröbsten Egoisten seyn. Denn sobald ihr Eigennutz zur deutlichen Vorstellung wird, – welches der häufigere Fall ist, – so unterdrückt er leicht jene schwächeren Rührungen einer beynahe physisch empfundenen Seelensympathie.

Liebe ist also mehr als bloße Weichheit. Sie ist freylich Wonne, Begünstigung der Sinnlichkeit der Seele, unwillkührlicher, unerzwungener Affekt, und darin ähnelt sie der bloßen Weichheit. Aber sie unterscheidet sich dadurch von dieser, daß sie Ueberzeugung von dem Glück anderer Menschen voraussetzt, nicht bloße dunkle Rührungen, Folge der wahrgenommenen Formen, der Selbstzufriedenheit. Das bloße Mitlachen, weil andere lachen, kann auch darum nicht für Liebe gelten, weil es so leicht in ein bloßes unthätiges Anschauen, oder in eine eigennützige Zueignung fremder Wonne übergeht. Der Mensch, als selbstbestehendes Wesen, wird dabey nicht geachtet, sondern nur das Bild der Freude, das seine Aeußerungen darbieten.

Inzwischen ist diese Weichheit immer eine gute Grundlage zu einem Herzen, welches durch Ausbildung wirklich liebend werden kann.

[305]
Zwölftes Kapitel.
Absonderung der Aufwallung der Geschlechtssympathie und der Sympathie mit dem Gleichartigen von dem liebenden Affekte.

Wer ist so verworfen, die vorübergehende Ueppigkeit oder Lüsternheit, welche ihm ein weiblicher Körper einflößt, für Liebe zu halten! Wer so ausgeartet, daß er behaupte: es liebe der Trunkenbold, der am Ende seiner Schwelgerey den unnennbaren Trieb bey der Tochter der Nacht befriedigt, die sein Auge nie sah, nie wieder sehen wird! Ha! so behauptet auch, es liebe jenes Thier, das man an Gestalt und Neigungen so gern zum Menschen herauf heben möchte, um sich selbst seiner Niedrigkeit weniger zu schämen; jene Affenart, welche, der Sage nach, unglückliche Mädchen hascht, sie zu ekelhaften Umarmungen zwingt, und dann mit mörderischem Zahne zerfleischt!

Aber auch die üppige Aufwallung der Seele, welche sie empfindet, wenn der Trieb nach Häuslichkeit bey ihr aufgeregt wird, wenn sie weich und zuvorkommend um den geselligen Beyfall des andern Geschlechts buhlt, nach dem Stolze des Besitzes der Person ringt; ja, selbst die Begeisterung für die Vorzüge einer Person vom andern Geschlechte, sind von der Liebe sehr verschieden. Verschieden ist gleichfalls von ihr die Aufwallung der Sympathie mit dem Gleichartigen.

Wer nur darum seinem Wesen das Geschlechtsähnliche eines andern anarten will, um sich stärker oder zärter zu fühlen; wer sich nur darum das Geschlechtsverschiedene eines andern Wesens angatten will, um sich [306] im Zustande gezärtelter Spannung zu fühlen, unbekümmert um des Andern Zufriedenheit und Wohl; – der liebt nicht, der handelt ganz selbstisch. Wie mag der Stutzer, wie mag das gefallsüchtige Mädchen, die nur auf Befriedigung ihrer üppigen Eitelkeit ausgehen; wie mag der verzärtelte Alte, dem nur unter dem Geschwätz tändelnder Weiber wohl ist; wie mag der leichtsinnige Phantast, der in jeder Schönen eine Göttin anbetet; wie mögen alle diese ihren Aufwallungen von Geschlechtssympathie den Nahmen der Liebe beylegen? Wenn der Jagdliebhaber in dem Fremdlinge den rüstigen Jagdgefährten; der Gelehrte, der Kunstliebhaber, in dem Durchreisenden den Mann von gleichen Kenntnissen und Geschmack; das geschwätzige Weib in der neuen Bekanntin das willige Ohr und die geläufige Zunge gern haben, und sich zu diesen Personen hingezogen fühlen; wird man diese Aufwallungen der Sympathie mit dem Gleichartigen Liebe nennen wollen? Nein! damit die Wirksamkeit der Geschlechtssympathie und der Sympathie mit dem Gleichartigen für Liebe gelten könne, muß das Streben hinzutreten, den Mitmenschen durch Befriedigung dieser Triebe, die wir bey ihm so wohl, als bey uns voraussetzen, zu beglücken. Inzwischen so viel ist gewiß: beyde Anlagen unsers Wesens sind äußerst geschickt, liebende Affekte hervorzurufen. Denn da die Erweckung der Geschlechtssympathie so wohl als der Sympathie mit dem Gleichartigen auf dem Gefühle eines Wohlverhältnisses unserer Naturen beruhet; so rechnen wir darauf, daß der Mensch, von dem wir die Befriedigung derselben erwarten, sich in einer gleichen Lage gegen uns befinden werde; und da diese Befriedigung nie vollständiger ist, als wenn die Wonne, welche wir erwecken, in uns zurückströmt; [307] so ist es schon der kluge Wunsch unsers Eigennutzes, daß das Wesen, mit dem wir uns in Verbindung setzen, unsere Zufriedenheit theile. Dazu gesellt sich die Eitelkeit, zu wissen, daß wir es sind, die so unmittelbar beglücken. Daher ist die Aeußerung der Sympathie mit dem Gleichartigen, und besonders der Geschlechtssympathie des Körpers und der Seele, ohne an und für sich Liebe zu seyn, der Regel nach mit Liebe verknüpft. Und dieß giebt wahrscheinlich zu der häufigen Verwechselung beyder mit einander Veranlassung.


Dreyzehntes Kapitel.
Harte Behandlung zur Beförderung des Glücks eines andern ist, als einzelner Akt betrachtet, nicht Liebe.

Gewisse Handlungen thun dem Menschen weh, gegen den sie unternommen werden, bezielen aber sein Glück in der Folge. Ein solcher Akt kann, als Form eines einzelnen Affekts, nie für Liebe genommen werden. Denn in dem Augenblicke, worin wir den andern quälen, um ihn dereinst zu beglücken, werden wir gewiß keine Wonne empfinden. Es geschieht vielmehr aus Bedürfniß, aus Ueberlegung, und die Handlung kann folglich nur der Vernunft, nicht dem Herzen unmittelbar angehören. Sie kann in die liebende Anhänglichkeit passen, und ein Ingredienz der Liebe in dieser Bedeutung seyn; aber eine einzelne liebende Aufwallung kann nicht dabey zum Grunde liegen. Allein auch in so fern die Härte mit der anhaltenden liebenden Stimmung in Beziehung auf eine bestimmte Person harmonieren soll, kommt alles darauf an: ob wirklich unsre Absicht dahin geht, daß der [308] Mensch mit der Zeit sich selbst glücklich fühlen solle. Nie wird es mit der Liebe übereinstimmen, wenn wir ohne Rücksicht darauf, ob der Mensch in einiger Zeit das ihm bereitete Glück zu fühlen im Stande seyn werde oder nicht, ihn nach unsern Begriffen beseligen, und nach den seinigen quälen wollen. Wir müssen bey einem anscheinend übelwollenden Betragen sichere Rechnung darauf machen können, daß er, so wie wir ihn für eine selbstständige Person erkennen, die Folgen unserer gegenwärtigen Härte bald wohlthätig für sich selbst empfinden werde. Wer sein Kind für Unarten straft, kann darauf rechnen, daß es ihm als erwachsener Mensch dafür danken werde, und diese harte Behandlung, wenn sie gleich an sich nicht die Form einer einzelnen liebenden Aufwallung ist, gehört doch zur liebenden Anhänglichkeit. Wer aber sein Kind verstümmelt, um es vor Versuchungen des Lasters zu bewahren, kann auf seinen Dank, als Mensch, nicht rechnen. Wer ein Volk durch Aberglauben und Abgaben niederdrückt, um es vor den Gefahren einer falschen Aufklärung, oder eines übertriebenen Luxus zu bewahren, liebt es eben so wenig, als derjenige, der ohne Rücksicht auf die Sinnlichkeit und Rohheit der Menschen diese nach Gesetzen regiert wissen will, die nur im Reiche vollkommener Geister gelten können. In diesen und ähnlichen Fällen liebt man nicht die selbstständigen Personen, sondern man begehrt nur den Begriff vom höchsten Gut in Anwendung gebracht zu sehen. Vielleicht fällt die Inculpation des Unrechts bey einer solchen Verfahrungsweise weg: aber für liebend kann sie nicht gehalten werden.

[309]
Zweyter Abschnitt.
Von dem Entgegengesetzten und dem Aehnlichen der liebenden Anhänglichkeit.

Vierzehntes Kapitel.
Was der Liebe, als Anhänglichkeit betrachtet, in Beziehung auf andre dauernde Verhältnisse unmittelbar entgegen steht: Feindschaft.

Der Liebe, für dauernde angewöhnte Stimmung genommen, steht nicht die einzelne Aufwallung der Unlust, der Gleichgültigkeit, des antipathetischen Widerwillens, der Ungeselligkeit, des Uebelwollens, des Mitleidens, der Wonne der Selbstheit und des Beschauungshanges, kurz, nichts von demjenigen entgegen, was sich der einzelnen liebenden Anhänglichkeit entgegensetzt. Alles dieß, wenn es selten und vorübergehend wirkt, besteht mit der liebenden Anhänglichkeit.

Aber ihre Gegenfüßlerin ist Feindschaft: jene dauernde angewöhnte Stimmung unsers Wesens, übelwollende Affekte gegen eine bestimmte Person zu richten.

In diesem dauernden Verhältnisse prädominieren abneigende, zurückstoßende, herabwürdigende und zerstörende Triebe.

[310]
Funfzehntes Kapitel.
Was der liebenden Anhänglichkeit in Beziehung auf andere Anhänglichkeiten entgegen steht; Verbindungen, in denen Eigennutz und Beschauungshang prädominieren.

Es ist im zweyten Buche dieses Werks bereits hinreichend ausgeführt worden, daß Verbindungen, in denen der Eigennutz prädominiert, (z. B. diejenige, die unter Handlungsgenossen Statt findet,) daß andere, in denen der Beschauungshang prädominiert, (z. B. diejenige, die wir etwa für einen Helden des Alterthums empfinden,) nicht liebend sind. Aber viel schwerer ist es, diejenigen Anhänglichkeiten von der Liebe abzusondern, die wirklich Wohlwollen und Wohlthätigkeit zeigen, und den Verbündeten beglücken, ob sie gleich auf feinerer Selbstheit und einem versteckten Beschauungshange beruhen.

Eine Anhänglichkeit, die aus lauter liebenden Affekten besteht, ist ein Unding. Das Uebergewicht dieser letzten über die des Eigennutzes und des Beschauungssinnes bestimmt allein den liebenden Charakter der Verbindung im Ganzen.

Hier ist es nun für den fremden Zuschauer mißlich, die richtige Rechnung zu ziehen, und selbst die verbundenen Personen sind oft zweifelhaft: ob die Verbindung dem Herzen gehöre oder nicht? Das sicherste Merkmahl, daß ihr liebt und geliebt werdet, ist dieß, wenn ihr in Collisionsfällen den Eigennutz und Beschauungshang der Liebe weichen, und euch in den meisten Augenblicken der Dauer eurer Verbindung weniger [311] bewundernd, weniger zueignend und anmaßend, als liebend findet.

Könnt ihr Wonne darüber fühlen, daß euer Freund, eure Geliebte, Ehre und Glücksgüter erlangen, zu denen ihr nichts beytruget, und die ihr nicht theilt; so seyd sicher, daß ihr liebt. Könnt ihr mit eurem Freunde, mit eurer Geliebten Trauer wie Freude tragen, eure Thränen mit den ihrigen mischen; möchtet ihr ihnen eure Leiden entziehen, lieber ihres Trostes entbehren, als sie betrüben; so seyd sicher, daß ihr liebt!

Könnt ihr zurückgestoßen, vergessen, nicht geachtet, getrennt von dem geliebten Gegenstande, und nach dem Verluste seiner Schönheit und seiner Unterhaltung, mit Wonne für sein Wohl streben; – ja, könnt ihr selbst dann, wenn ihr in die traurige Nothwendigkeit versetzt seyd, ihn als treulos zu verachten, dennoch ungesehen und unwillkührlich bey einer Gefahr, die ihm drohet, zittern, und Wonne fühlen, ihm wohl zu thun, ohne ihn zu beschämen; dann seyd sicher, ihr liebt! Ihr gebt nicht Liebe um Liebe; ihr gebt Liebe aus Liebe!


Sechzehntes Kapitel.
Beyspiele einiger Anhänglichkeiten, die nicht liebend sind, ob sie gleich dafür gehalten werden.

Ich will einige der Hauptarten von Anhänglichkeiten angeben, die von den liebenden überhaupt, und besonders von den zärtlichen abgesondert werden müssen.

Wie manches gefallsüchtige Weib hängt sich hauptsächlich darum an ein gutherziges Geschöpf von einem Manne, um an seiner unbedingten Willfahrung aller [312] seiner Launen die Macht seiner Reitze zu erproben? Wie mancher Tyrann verbindet sich nicht mit einer Gattin, hauptsächlich um des wollüstigen Genusses willen, angebetet zu werden? Herrschsucht ist nicht Liebe!

Wie oft äußert sich nicht Zärtlichkeit und Sehnsucht, nur so lange die Gefahr dauert, den verbundenen Gegenstand zu verlieren? Stolz auf den alleinigen Besitz ist nicht Liebe.

Wie oft hängt sich nicht der gebildetere Theil an den roheren, bloß um ihn zu leiten, zu führen, zu erziehen? Bildungsbelustigung ist nicht Liebe!

Wie oft haben Weiber nicht bloß darum einen Liebhaber, weil es merkwürdig macht, einen zu haben; weil der Gatte sie nun verfolgen, die Menge sie nun bedauern wird! Ach! Begierde, interessant zu seyn, ist nicht Liebe!

Wie oft liebt man bloß darum, damit man etwas um die Hand habe, damit man eine Intrigue führen, Hindernisse überwinden könne! Beschäftigungstrieb ist nicht Liebe! –

Wo solche Triebe hervorstechend wirken, da ist keine Liebe vorhanden, sondern Selbstheit! Es ist unbegreiflich, wie fein sich diese auf unsere geselligen Triebe zu impfen, und in ihrem Boden zu parasieren weiß!

Ich habe Weiber gekannt, die den größten Genuß ihrer Verbindung mit Männern darin setzten, daß diese Gesundheit und Munterkeit des Geistes verloren, um sich sagen zu können: er martert sich aus Liebe zu mir zu Tode.

Auch Männern ist es eigen, daß sie nur Hülfsbedürftige lieben, denen sie helfen können, und diesen jeden Vortheil mißgönnen, den ihnen das Schicksal ohne [313] ihr Zuthun gewährt. Sie wollen nicht die Zufriedenheit der Gattin, sie wollen die Aeußerungen ihrer Dankbarkeit, ihrer Abhängigkeit von ihnen: sie wollen den Stolz, sich sagen zu können: ich that’s! Dagegen habe ich einen andern Gatten gekannt, dem nichts schmerzhafter war, als seine Frau nicht immer heiter und froh zu sehen. Er that alles was er konnte, um sie stets zufrieden zu erhalten. Warum? Weil er, selbst zum Mißmuth sehr geneigt, kein anderes Mittel dagegen kannte, als seine tägliche Gesellschafterin immer lachend und gleich heiter zu sehen. Traf sie ein Unfall, verlor sie eine Freundin, einen nahen Anverwandten, so floh er sie. Das Bedürfniß, welches sie empfinden konnte, gerechte Thränen mit den seinigen zu mischen, das kannte er nicht.

Wie viele seines Gleichen hat dieser Mann! wie gewöhnlich ist jetzt der Grundsatz: alles Unangenehme von sich zu entfernen, um des Lebens besser zu genießen! Er schleicht sich sogar in häusliche und Familienverhältnisse ein, und manches Kind wird unwiederbringlich verdorben, weil der Vater die ersten Nachrichten, die ihm von seinen ersten Ausschweifungen gebracht werden, von sich stößt, um unangenehmen Empfindungen auszuweichen. Geht zu solchen Menschen, die ihr Freunde nennt, und klagt ihnen ein Unglück: theilt ihnen eine Besorgniß mit; ihr werdet es sichtlich bemerken, wie unangenehm ihnen die Stimmung ist, welche ihr ihnen mittheilt, wie sehr sie dieser auszuweichen, sie von sich zu entfernen streben. Sie werden euch sagen, daß ihr die Sache übertreibt, daß ihr zu viel Gewicht auf den Grund eures Kummers legt; und wenn ihr aus Bescheidenheit und Unmuth schweigt, so sind sie schon zufrieden. [314] Genug, daß sie nicht mehr davon reden hören!

Giebt es aber nicht wieder andere Menschen, die sich gern unglücklich, krank, traurig fühlen? Allerdings! und zwar theils um gern gehabt, geliebkoset, verzärtelt, gehegt und gepflegt zu werden, theils aber auch um der bloßen üppigen Spannung willen, womit sie die Vorstellung ihres ausgezeichneten Leidens erfüllt. Solche Menschen denken nicht daran, daß der kränkelnde, winselnde Zustand, in dem sie sich befinden, ihren Gatten und Hausgenossen lästig werde. Sie setzen den Genuß der Liebe allein in dem Gefühle, andern viel werth zu seyn, und das Bedürfniß darnach ist so stark bey ihnen, daß sie alle andern Ansprüche ihrer Selbstheit aufopfern, um diesen einzigen zu befriedigen. Sie sind äußerst gefällig, sanft aufmerksam auf alles, was verbinden kann; aber – sie müssen verzogen werden. Oft ziehen sie gar den Zustand einer unglücklichen und unruhigen Liebe dem einer glücklichen und heitern vor. Jene spannt sie, weckt ihre Lebensgeister, erhebt sie vor ihren eigenen Augen, und gewährt ihnen den Reitz, den Verbündeten über sich weinen zu sehen, und sich dann mit ihm zu versöhnen!

Diese Beyspiele mögen hinreichen, die Schlupfwinkel der Selbstheit aufzudecken. Ich setze noch hinzu, was bereits aus meinen Vordersätzen fließt: daß ein Band, welches bloß oder größten Theils auf Achtung, Mitleiden, Dankbarkeit, ja, selbst auf Angewöhnung beruht, noch keine liebende oder gar zärtliche Anhänglichkeit genannt zu werden verdiene.

Die beschauende, eigennützige Schätzung und Verehrung ist allerdings ein Ingredienz jeder zärtlichen [315] Anhänglichkeit. Ich habe es bereits gesagt; ich werde es in der Folge noch weiter darthun. Aber eine Verbindung, worin sie hervorsticht, bringt die Menschen nie sehr eng zusammen. Sehr leicht verwandelt sie sich in Furcht, und beleidigt die Selbstliebe. Sie legt uns die Pflicht auf, uns beständig zu bewachen, um vor dem geschätzten und verehrten Wesen nicht klein und verächtlich zu erscheinen. Dieß hemmt den freyen Lauf unserer Sinnlichkeit, unserer herrschenden Triebe; dieß hindert die Vereinigung der Naturen. Es wird im Ganzen ein zwangvoller Zustand.

Mitleiden ist äußerst geschickt, unser Herz für die Eindrücke der Zärtlichkeit zu erweichen. In Spanien geißelt man sich bey feyerlichen Processionen vor den Augen der Damen, deren Herz man zu gewinnen sucht. Krankheit, Leiden des Körpers und der Seele, werden oft bey uns aus eben dieser Ursach erlogen. Aber so lange man sich noch daran erinnern muß, daß jemand unglücklich sey, um ihm wohl zu wünschen; – so lange empfinden wir keine Anhänglichkeit an seiner Person; wir hängen nur an seiner vorübergehenden Lage.

Dankbarkeit fesselt oft das Herz. Durch Dankbarkeit für unzählige kleine Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten sucht der feinere, durch Dankbarkeit für Befriedigung des gröberen Eigennutzes sucht der rohere Wollüstling die Herzen der Weiber zu gewinnen. Aber welch ein schwaches Band, so lange wir in demjenigen, der uns interessieren will, nur den Ausspender von Wohlthaten sehen! Wir verbinden uns nur mit seiner einzelnen Eigenschaft, nicht mit seiner Person.

Gewohnheit, Angewöhnung, ist ein nothwendiger Bestandtheil zu jeder Anhänglichkeit, und besonders zu [316] der zärtlichen: eines der größten Beförderungsmittel der Liebe. Durch Gewohnheit habe ich Gegenstände, die Anfangs noch so unerträglich waren, angenehm werden sehen. Gewohntes Beysammenseyn giebt eine Menge von kleinen Vereinigungshaken, in welche das Herz am Ende einfaßt.

Der Italiäner nennt süße Gewohnheit eine strenge Nothwendigkeit. Für Menschen, die der Regel nach höchst selbstsüchtig sind, für Alte und Fürsten, ist Gewohnheit noch das stärkste Band, das sie an andere fesselt. Doch! wenn sie nur allein wirkt, wenn sie von keiner andern liebenden Empfindung unterstützt wird; so ist sie eine schwache, höchst zerstörliche, und noch dazu eigennützige Empfindung, welche eine merkliche Collision mit der gröberen Selbstheit, eine Entbehrung, lang genug, um sich an diese zu gewöhnen, endigt und aufhebt. Wir finden am Ende, daß wir nur unsere Bequemlichkeit, und unsere Neigung zu dem Hergebrachten und einmahl Geordneten in unserer Lebensweise, geliebt haben: also, die Beschaffenheit der Person, die Einrichtung mit ihr, nicht einmahl eine persönliche Eigenschaft an ihr; am wenigsten die Person!

Inzwischen sind bloß liebende Affekte gleichfalls nicht hinreichend, zärtliche Anhänglichkeit zu erwecken. Unsere Selbstheit, unser Beschauungshang, müssen nothwendig zugleich Nahrung und Befriedigung finden. Dieß ist im zweyten Buche dieses Werks weitläufig ausgeführt worden, und bedarf hier nur einer Erinnerung. Wer wird behaupten, daß die uninteressierte Wonne, die ich daran finde, einen Unbekannten froh zu machen, daß die liebende Gastfreundschaft eine liebende Anhänglichkeit sey?

[317]
Siebzehntes Kapitel.
Absonderung der einzelnen liebenden Aufwallung der Geschlechtssympathie und der Sympathie mit dem Gleichartigen von den liebenden Anhänglichkeiten, welche aus diesen Trieben fließen.

Eben so ist die Geschlechtszärtlichkeit und die Freundschaft nach meinen vorigen Bestimmungen von dem einzelnen liebenden Affekte zu einer Person von verschiedenem oder ähnlichem Geschlechte zu unterscheiden. Sie setzen Angewöhnung unsers Wesens zu liebenden Affekten dieser Art gegen eine bestimmte Person zum Voraus.

Der Mann, der zufällig ein liebenswürdiges Weib in einer Gesellschaft antrifft, seine Ueppigkeit, seine Lüsternheit der Seele und des Körpers in Aufruhr gesetzt fühlt, mithin den Affekt der Geschlechtssympathie empfindet, kann wahrhaft wünschen, ihr diesen Zustand mitzutheilen, und sie dadurch eben so zu beglücken, als er sich dadurch beglückt fühlt. Er kann von ihr am folgenden Tage zur engsten Vertraulichkeit zugelassen werden, und vielleicht Wochen lang den vollständigen Reitz der Häuslichkeit genießen. Sein Wunsch wird in dieser Zeit dahin gehen können, sie glücklich durch dieß vorübergehende Verhältniß zu wissen, und unstreitig wird dieser Akt in seinem Leben zu den liebenden gehören. Aber gesetzt, er muß weiter reisen; er verläßt das Londoner Mädchen für das Pariser; vergißt in seinen Armen das vorige, und setzt dieß in mehreren Hauptstädten von Europa fort; es wird ihm beynahe zum Bedürfniß, sich in solchen liebenden Rollen zu fühlen; wird, frage ich, der Mann darum zärtliche Anhänglichkeit zu irgend einem von diesen Weibern fühlen? Im geringsten nicht: sein [318] Wesen ist nicht zur Zärtlichkeit für eine bestimmte Person angewöhnt. Er unterscheidet sich von demjenigen, der Empfindungen der allgemeinen Menschenliebe Raum giebt, nur darin, daß dieser die ganze Gattung, er aber die Art, das Geschlecht, liebt. Er möchte alle Schönen beglücken.

Mit der Freundschaft verhält es sich eben so. Wer sie nur empfindet, so lange er den Freund sieht, und ihn leicht mit einem andern vertauscht, der kann auf Zärtlichkeit keinen Anspruch machen.


Achtzehntes Kapitel.
Absonderung der liebenden Anhänglichkeit vom Partheygeiste.

Es ist ein feiner aber höchst wahrer Unterschied zwischen der Liebe in der engsten Bedeutung und dem Partheygeiste, oder der Liebe zum collektiven Ich, welche oft grobe Selbstheit, oft feinere zu seyn scheint.

Jene herrschsüchtigen, heftigen Bonzen an der Spitze einer Sekte; jene kalt intriguanten Häupter einer geheimen Verbindung; jene verzärtelten Abgötter einer schwachköpfigen Familie; jene Koquetten, angebetet von einem Haufen eitler Müssiggänger; sagt! sollten die wohl lieben? Ach! laßt euch nicht durch ihre süßen Worte, durch die Herzlichkeit ihrer Geberden, durch die aufopfernde Wuth, mit der sie ihr Häuflein schützen, hintergehen! Ihr Anhang ist Theil ihres Ich’s: ein collektives, vermehrtes Ich: sie fühlen nur sich selbst in dieser Mehrheit. Herrschen wollen sie, ihre einzelne Unbedeutung durch Anreihung an einen größern Haufen heben; geliebkoset, [319] bewundert, geschmeichelt wollen sie seyn. Kalte, gefallsüchtige Menschen! Die Person ist euch nicht theuer; ihr seht nur in ihr ein Mitglied eurer Heerde! Diese mag ganz aussterben; wenn nur andere schaafartige Individuen sie ersetzen, so werden eure Thränen versiegen.

Partheysüchtige Menschen sind mit ihrem Haufen nur in so fern vereinigt, als sie sich mit diesem allen andern Menschen entgegen stellen. Aber in ihren Verhältnissen unter sich verbinden sie ihre Person nie mit der Person der einzelnen Mitglieder, um diese zu beglücken, sondern um sich durch sie in ihren Neigungen und Zwecken begünstigt zu sehen.


Dritter Abschnitt.
Von dem Entgegengesetzten und dem Aehnlichen der Leidenschaft der Liebe.

Neunzehntes Kapitel.
Von demjenigen, was der Leidenschaft der Liebe in Beziehung auf andre leidenschaftliche Verhältnisse unmittelbar entgegen steht; Leidenschaft des Hasses.

Der Leidenschaft der Liebe, jener figierten Sehnsucht nach der unentbehrlichen Wonne, mit unserer Person in die Person eines andern Menschen überzugehen, ist der Haß entgegengesetzt; jene figierte Sehnsucht nach der unentbehrlichen Wonne, die Person eines andern Menschen durch die unsrige vertilgt zu fühlen.

[320] Der Hassende strebt dem Gehaßten das Leben zu nehmen, oder er fristet ihm dieß, um ihn länger zu quälen, oder er raubt es ihm nach vorgängiger Entsagung auf alles Glück in der Zukunft; oder er stürzt sich mit ihm ins Verderben, um des Bewußtseyns willen, ihn unglücklich gemacht zu haben. In allen diesen Fällen sehnen wir uns nach der unentbehrlichen Wonne, den andern entweder ganz zu vertilgen, oder ihm wenigstens alles zu entziehen, was das Gefühl des Bestehens angenehm machen kann.

Beyde, die Leidenschaft der Liebe und des Hasses, kommen darin überein, daß sie eine figierte Wirksamkeit der Phantasie voraussetzen. Dort werden wir von dem Bilde des Ueberganges unsrer Person in eine andere, hier von dem Bilde des Vertilgens einer andern Person durch die unsrige besessen.


Zwanzigstes Kapitel.
Absonderung der Leidenschaft der Liebe von den leidenschaftlichen Bestrebungen der Lüsternheit des Körpers und der Seele.

Wenn es schwer ist, die liebende Anhänglichkeit von der nicht liebenden, aber wohlwollenden und wohlthuenden, abzusondern, so ist es noch schwerer, die Leidenschaft der Liebe von derjenigen, die auf Selbstheit und bloßer Geschlechtssympathie beruht, zu unterscheiden, wenn diese letzten mit Aufopferungen verknüpft sind.

Jede Leidenschaft, selbst die allerniedrigste der allergröbsten Selbstheit, setzt eine Aufopferung vieler Neigungen zum Voraus, welche dem Menschen, dessen Herz [321] in Ruhe ist, zu seinem beynahe unentbehrlichen Wohlseyn zu gehören scheinen. So erträgt der Geitzige Hunger und Frost, und Nachtwachen und Schande, – nur um einen herrschenden Trieb, nehmlich den der Geldsucht, zu befriedigen. So opfert der Eitle oft allen Genuß des Gaumens und häuslicher Bequemlichkeit auf, nur um in glänzender Kleidung vor seinen Miteinwohnern zu erscheinen. So tauscht der leidenschaftliche Schwelger für die Versagung aller übrigen Triebe die Befriedigung des herrschenden, seiner Gierigkeit, ein.

Diesen ähnlich, nur feiner und edler, handeln der Ehrsüchtige, der das Lob seiner Mitbürger und seiner Nachkommen, und der geistige Stolze, welcher Selbstschätzung in jedem Zeitpunkte seines Lebens, für das höchste Gut halten, dessen Erreichung nicht theuer genug erkauft werden kann. Auf das Verdienstliche, auf das Sittliche der Leidenschaft, kommt es hier nicht an; es gilt nur, den Unterschied der Leidenschaft des Herzens von der der Selbstheit festzusetzen.

Nun ist aber nichts natürlicher, als daß die Leidenschaft, welche jedes Mittel braucht, um zu ihrem Zweck zu gelangen, auch die Handlungen der Liebe nutzt, um sich entweder Glücksgüter, oder Ehre, oder Unterhaltung, – denn es giebt auch einen leidenschaftlichen Trieb nach Belustigung, – zu verschaffen, und dem Stolze Nahrung zu bereiten. Ja, sie betrügt sich alsdann oft selbst, verwechselt das Mittel mit dem Zweck, glaubt aus Liebe zu lieben, da sie doch nur aus Leidenschaft der Selbstheit Handlungen hervorbringt, die in ihren Wirkungen der Liebe ähneln.

Besonders sind Weiber dem Irrthum ausgesetzt, jede leidenschaftliche Aeußerung, jede Aufopferung gewöhnlicher [322] Neigungen für den Wunsch, ihnen zu gefallen, auf Rechnung einer liebenden Leidenschaft zu setzen. Und dennoch ist nichts zweydeutiger als dieser Beweis.

Ein Wollüstling, der ein unschuldiges Mädchen zum Opfer seiner Lüste bestimmt, alles aufbietet, um es zu gewinnen, sein Vermögen, alle Kräfte seines Körpers und seiner Seele aufopfert, um zu seinem Besitz zu gelangen, kann gewiß darum nicht für liebend gehalten werden. Wie oft hat ein solcher Unhold beym Mißlingen seiner Plane der Unglücklichen den Dolch in die Brust gestoßen, oder seine Lust an der widerstrebenden Ohnmacht gebüßt! Seine Leidenschaft begehrt offenbar die Befriedigung seiner Lust, nicht das Glück der Person: er betrachtet diese als ein Werkzeug, als ein nothwendiges Mittel, um zu einem einseitigen Genuß zu gelangen, in den er nur zufällig jene andere Person mit aufnimmt.

Aber ein stolzer Ritter oder Dichter des Mittelalters, die es zum höchsten Ziele ihres Strebens machten, von einer Prinzessin den Sold der Minne durch das Geschenk eines Bandes oder einer Schleife zu erhalten, sich bey der Anrufung ihres Nahmens mitten in die Haufen der Feinde stürzten, oder Jahre lang für sie hinschmachteten, und ihr Leiden in Versen und Prose ausschütteten; – kann man von diesen unbedingt behaupten, daß sie geliebt haben? Ich sage: keinesweges! Die geliebte Person konnte den Glanz, der sie umgab, verlieren, sie konnte in die Reihe gewöhnlicher Weiber treten; ja, sie konnte nur in eine völlig ruhige Lage zu dem Abenteurer kommen, in eine Lage, worin nun kein Ruhm vor ihren Augen einzuernten, kein Stolz auf den Besitz ihres Herzens zu nähren war; – schnell verschwand die Leidenschaft, [323] und Langeweile trat an ihre Stelle. Wunsch nach Annäherung zum häuslichen Beysammenseyn, Wonne an dem Glück der Geliebten in einer ihr angemessenen Lage, war nicht der Zustand dieser höchst selbstischen Verbindung.

Wir haben keine Ritter und Troubadours mehr. Aber wir haben müssige Intriguanten und empfindsame Knaben, die interessant seyn wollen, in Menge. Eitelkeit ist an die Stelle der Ruhmsucht getreten, und empfindelnder Stolz hat immer seine Rechte beybehalten. Es giebt noch Männer und Weiber genug, welche den höchsten Reitz der Liebe darin setzen, andern und sich sagen zu können, daß sie so liebend sind, daß sie nach dem Besitz eines Herzens streben, daß sie ausgezeichnet glücklich oder unglücklich sind. Es giebt, sage ich, Menschen, welche die üppige Spannung der Empfindeley, welche die Führung einer Intrigue, und über alles den Stolz und den Ruhm lieben, als Martyrer der Liebe, oder als unwiderstehliche Herzensbezwinger sich und andern zu erscheinen. Diese Menschen streben nicht nach dem Glück der Geliebten, fühlen nicht die Unentbehrlichkeit seines Wohls zum Bewußtseyn ihrer glücklichen Persönlichkeit. Sie lieben bloß das Verhältniß, als unentbehrlich zu dem Zustande, in den sie sich selbst versetzen wollen.

[324]
Ein und zwanzigstes Kapitel.
Absonderung der Leidenschaft der Liebe von der Leidenschaft nach Vereinigung mit der Person, und nach ihrem ausschließenden Besitze.

Dieß sind Beyspiele von leidenschaftlichen Bestrebungen nach einzelnen Verhältnissen mit einer Person von verschiedenem Geschlechte; Verhältnissen, die zur Befriedigung einzelner Triebe der körperlichen Lüsternheit oder Seelenlüsternheit leidenschaftlich, d. h. mit Aufopferungen vieler Neigungen, begehrt werden, die für den kalten Menschen zum unentbehrlichen Wohlbestehen zu gehören scheinen.

Diese unterscheiden sich noch von der Leidenschaft nach dem Besitze der Person selbst.

Wenn wir bloß mit Leidenschaft streben, unsere körperliche Lüsternheit oder unsere Eitelkeit durch eine Person vom andern Geschlechte befriedigt zu sehen; so erscheint uns nicht die Person im Ganzen, sondern sie erscheint uns nur in dem besondern Verhältnisse, worin wir Genuß von ihr erwarten, oder bereits erhalten haben. Wir tragen das Bild einer Umarmung oder einer Auszeichnung mit uns herum. Von diesem Bilde werden wir besessen, und seiner Realisierung opfern wir so vieles auf.

Wir können aber auch den ausschließenden Besitz der Person selbst leidenschaftlich begehren, und dann verfolgt uns das Bild der gänzlichen Zueignung, des völligen, vollkommensten Angehörens. Es ist nicht mehr ein particuläres Verhältniß, in welches wir mit der Person zu kommen suchen; ihr ganzes Wesen macht den Gegenstand unserer Sehnsucht aus.

[325] Dieß ist doch Liebe? Im geringsten nicht. Wir werden bey den Alten eine Menge von Beyspielen finden, worin Männer und Weiber den größten Gefahren getrotzt haben, um mit dem geliebten Gegenstande zusammen zu seyn, und sich sagen zu können: er gehört mein! Andere, in denen sich Männer und Weiber das Leben genommen haben, weil ihnen dieß nach dem Verlust des Geliebten von keinem Werthe weiter geschienen hat. Aber höchst selten findet man Beyspiele, in denen besonders Männer der damahligen Zeit ihr Leben auch dann daran gewagt hätten, wenn es darauf angekommen wäre, eine Geliebte, die sie sich nicht zueignen konnten, weil sie mit einem andern verbunden war, oder ihre Liebe nicht erwiederte, von einer Gefahr zu befreyen; die ihre Begierden aufgeopfert hätten, um die Gewissensruhe des geliebten Weibes zu schonen; die endlich selbst die Leidenschaft, den Besitz der Geliebten zu erlangen, dem Wohl dieser Geliebten, als eines selbstständigen Wesens, untergeordnet hätten.

Auffallend ist es aber, daß derjenige, der sich nur in so fern für einen andern aufopfert, als er mit ihm glücklich und vereinigt seyn, oder ihn sich ausschließend zueignen kann, daß dieser leidenschaftliche Mensch demjenigen ziemlich gleich ist, der sich für den Besitz eines Schatzes oder eines Sklaven aufopfert. Denn auch Geitzige haben oft mit Gefahr des Lebens für die Erhaltung ihrer Reichthümer gekämpft, und ihren Verlust nicht überlebt.

So gehört also zur Selbstheit jede Leidenschaft zu andern Personen, in der das Glück des Geliebten nicht unserm eigenen, und sogar demjenigen, daß wir in der Vereinigung mit ihm aufsuchen, vorgezogen wird. So gehört zur Selbstheit, oder zur bloßen Geschlechtssympathie, [326] jede Leidenschaft, welche den Geliebten nur nach Art und Weise des Liebenden glücklich wissen, ihm nicht gönnen will, es in Gemäßheit seiner Geschlechtsanlagen und Verhältnisse zu seyn. Derjenige liebt nicht, der verlangt, der geliebte Gegenstand solle nur so glücklich seyn, als er es mit ihm zugleich seyn kann. Eine Geliebte, die von dem Manne fordert, daß er als ein Feiger aus der Schlacht fliehen solle, um sich für sie zu erhalten; oder daß er als Geschäftsmann seinen Beruf vernachlässigen solle, um ihr ganz anzugehören; ein Mann, der von der Liebenden die Aufopferung aller Schamhaftigkeit, alles Anstandes, die Vernachlässigung aller Pflichten der Tochter, der Mutter, der Hausfrau verlangt, um ihm das Gefühl zu geben, sie ist ganz mein; beyde lieben, aller Heftigkeit der Leidenschaft ungeachtet, nicht die selbstständige Person, sondern ihr Selbst.

[327]
Zwey und zwanzigstes Kapitel.
Gefahren der Begeisterung für wahre Liebe.

Keine Leidenschaft ist ohne Begeisterung: keine, worin nicht die Bilder des begehrten Gegenstandes äußerst lebhaft und anhaltend vor unserer Seele schwebten, auf Lieblingsneigungen träfen, und unsere Kräfte in ungewöhnlicher Maße nach Erlangung des Gegenstandes unserer Begierden hinspannen sollten. Einige Arten der Leidenschaften, vorzüglich diejenige, welche auf Geschlechtssympathie beruht, sind gemeiniglich mit Besessenheit und dem figierten Streben nach Selbstverwandlung gepaart.

Das Bild, welches uns in einem von diesen verschiedenen Zuständen der Begeisterung beherrscht, ist nun niemahls demjenigen[WS 2] Menschen völlig ähnlich, mit dem wir vereinigt zu werden streben. Allein die Grade der Untreue in der Darstellung sind sehr verschieden[WS 3]. Sehr oft ist es ein verschönertes, aber doch wieder zu erkennendes Bildniß; sehr oft aber ist es auch ein Ideal, das nicht die geringste Aehnlichkeit mit der Person hat, deren Vorzüge nur eine sehr entfernte Veranlassung gegeben haben, das Bild, welches uns begeistert, zusammenzusetzen. Diese Person wird bloß das Symbol des idealischen Gegenstandes, den wir anbeten, und dient dem schwärmerischen Verehrer einer unsichtbaren Gottheit zur Versinnlichung des geistigen Wesens.

Hier entdecken sich sogleich die Gefahren, welche der Liebe, die sich ohne Vereinigung mit einer neben uns existierenden bestimmten Person nicht denken läßt, aus [328] der Begeisterung drohen, die durch ein bloßes Bild der Phantasie erweckt wird. Unbekümmert um das wahre Wohl der Person, welche nur den Stoff zu diesem Bilde hergegeben hat, müssen wir darnach streben, ihr nie so nahe zu kommen, um unser Ideal vermöge der Vergleichung zertrümmert, und die Spannung unserer Einbildungskraft geendigt zu sehen.

Der Ton einer Flöte, den ein junges Mädchen zum ersten Mahle bey Nachtzeit hörte, beflügelte seine Phantasie, sich den Spieler als den außerordentlichsten, liebenswürdigsten Sterblichen zu denken. In dieß Bild verliebte es sich, und blieb verliebt – bis es ihn sah.

Das Hinderniß, welches hier dem verliebten Mädchen auf eine Zeitlang physisch im Wege stand, sein Ideal mit dem Geliebten zu vergleichen, das empfinden viele andere geistig. Es liegt in unserer Eitelkeit, in unserm Hange zum Außerordentlichen, und sehr oft auch daran, daß wir den gespannten Zustand um der Spannung selbst willen lieb haben, und uns darin gefallen.

Das glänzende Aeußere, die Gewandheit, die Zuverlässigkeit gebildeter Weltleute pflegen gemeiniglich sehr stark auf die Phantasie des Neulings zu wirken, der zuerst in den geselligen Zirkeln auftritt. Die erste Empfindung ist peinlich; sie stellt den jungen Menschen in ein unvortheilhaftes Licht bey der Vergleichung, welche er zwischen seiner Lage und der des bewunderten Gesellschafters anstellt. Bezeigt ihm aber dieser die geringste Aufmerksamkeit, so trifft das Bild des Außerordentlichen auf seine Eitelkeit, und sogleich erscheint in seiner [329] Seele ein Ideal von Vollkommenheit, mit dem er sich aufs innigste zu vereinigen, dessen Vorzüge und Lage er sich ganz anzueignen strebt. Er erhält inzwischen mehr Kenntniß von der Welt, und den seichten Eigenschaften, welche erfordert werden, um darin zu glänzen, und seine Bewunderung wechselt mit Verachtung.

Noch einladender zur Begeisterung ist bey jungen Menschen erregte körperliche Lüsternheit, die mit Hindernissen zu kämpfen hat. Die ärgsten Buhlerinnen sind oft am allergeschicktesten, jungen Männern zu Symbolen verkörperter Tugend zu dienen, wenn entweder äußere Lagen sich der Befriedigung ihrer Begierden entgegen setzen, oder wenn die gewinnsüchtige Person ihre lang hinausgesetzte Gunst durch manche Opfer vorher erkaufen lassen will.

Ueberhaupt sind Hindernisse, welche sich der Annäherung an die Person, und besonders bis zur körperlichen Gegenwart und Vereinigung entgegen setzen, wichtige Beförderungsmittel der Begeisterung in allen ihren Graden. Sie veranlassen Bilder von einem geistigen und außerordentlichen Verhältnisse, welches bald auf die entfernten Gegenstände unserer Annäherungstriebe übertragen wird. Sie stören nicht die Phantasie durch Vorstellungen des Mangelhaften und Gewöhnlichen. Darum werden diejenigen Personen, welche sich mit Gott, Geistern und Personen weit über ihrem Stande zu vereinigen streben, am leichtesten in Schwärmerey gerathen. Sie finden aber auch am ersten Befriedigung, weil nichts ihre Illusion stört. Eben darum gerathen [330] sie auch so leicht in den wahnsinnigen Zustand einer wirklichen Selbstverwandlung.

Sehr oft wird die heftigste Leidenschaft, die auf Schwärmerey beruht, bloß dadurch geendigt, daß sich die Personen, welche sie für einander empfinden, bis zur nähern persönlichen Bekanntschaft einander nahe kommen. Die Geschichte eines schönen Geistes unsrer Zeit, der mit einer Dame von großem Verstande und vieler geselligen Liebenswürdigkeit in Verbindung stand, ist oft erzählt. Sie glaubten sich einander zu lieben, ihre Verhältnisse aber gestatteten ihnen nicht, sich ohne lästige Zeugen zu sehen und zu sprechen. Das einzige Mittel, welches ihnen zum Austausch ihrer Gefühle übrig blieb, war der Briefwechsel. Wie oft war dieser mit Wünschen angefüllt, sich endlich einmahl einander ganz so darstellen zu können, wie sie wären, und der Last einer langsamen Ueberlieferung ihrer Empfindungen durch Schrift entledigt, durch Geberde und mündliche Unterredung ihre Herzen gegen einander zu ergießen. Er erschien, der längstgewünschte Tag! aber noch ehe er verstrichen war, fanden sich die Geliebten genöthigt, einen Schirm zwischen sich zu stellen, und an einander zu schreiben.

Welch einen Contrast macht diese Geschichte mit der zweyer Liebenden aus dem vorigen Jahrhunderte! Auf gleiche Weise durch Verhältnisse und Lagen vor den Augen der Welt getrennt, hatten sie heimlich in einem Gartenhause ein ganzes Jahr hindurch ihre Zusammenkünfte häufig wiederholt. Am Ende des Jahrs bemerkt der eine, daß die Aussicht schön sey. „Ich bin verloren, ruft der andere, du siehst etwas außer mir!“

[331] Noch weniger mit der Liebe harmonierend ist nun gar das absichtliche Streben, die Phantasie mit einem selbstgeschaffnen Ideale zu täuschen, entweder um im Zustande der Begeisterung und der Spannung der edelsten Kräfte unsers Wesens zu schwelgen, oder den Stolz, daß man das Außerordentliche so außerordentlich begehrt, zu nähren.

Dieser Fall tritt sehr häufig ein bey Dichtern, Künstlern, und überhaupt bey allen Personen, welche durch ihre beschränkten Umstände vom Umgange mit Menschen abgeschnitten leben, aber vermöge ihrer Beschäftigungen und Anlagen eben so sehr zu Träumereyen als zur Eitelkeit und zum geistigen Stolze aufgefordert werden. Unter den Charakteren dieser Art giebt es besonders zwey Arten. Die eine ist von Natur heiter, gesellig, eitel; kurz, sanguinisch, aber durch Umstände melancholisch geworden, und an Zurückgezogenheit gewöhnt. Personen dieser Art suchen Unterhaltung ihrer Einsamkeit in der Nährung von Bildern, welche zu gleicher Zeit ihrer Eitelkeit schmeicheln. Dahin gehören eine Menge von Religiosen, Nönnchen, Mädchen aus dem Mittelstande, junger Leute aus allen Ständen, die unter strenger Aufsicht stehen, u. s. w. Petrarca gehört gleichfalls hieher, wie im dritten Theile dieses Werks näher gezeigt werden wird.

Die andere Art ist von Natur finster, stolz und cholerisch melancholisch. Diese Personen zünden ein Feuer in sich an, das sie selbst, und den unglücklichen Gegenstand, der ihnen Gegenliebe schenkt, mit ihnen verzehrt. Sie suchen nur das Ungewöhnliche in dem Gegenstande [332] ihrer Leidenschaft, in der Art, wie sie lieben und geliebt seyn wollen. Ihr Zustand ist eine Art von Raserey und finsterer Wuth, die aber für sie den Reitz der außerordentlichen Erhöhung ihrer Lebensgeister hat, die ihnen eben so zum Bedürfniß geworden ist, wie dem Orientaler das Opiat. Es giebt dieser Menschen zum Glück nicht viele. Aber eines jeden Erfahrung wird doch leicht ein Paar Beyspiele liefern. Rousseau hatte viel von diesem Charakter.

Beyde kommen darin überein, daß sie das Bild viel mehr als den Gegenstand, der es hergiebt, lieben. Dieser ist wirklich nur ein Mittel, das Bild desto lebhafter in ihrer Seele zu erhalten, indem sie es auf etwas Wirkliches beziehen. Die Person ist ihnen ungefähr das, was dem minder delicaten Weibe der Gatte ist, in dessen Umarmungen es an das Bild des abwesenden Buhlen denkt. Auch suchen sie sich nie dem Gegenstand so sehr zu nähern, daß dieß Gefühl der Individualität ihr Traumbild zerstören könnte. Sie thun wohl gar freywillig auf Gegenliebe Verzicht; verlangen nur, daß die Person sich lieben lasse, d. h. den Stoff zu dem Bilde hergebe, das sie begeistert. Auch sind sie in der Trennung von dem geliebten Gegenstande, worin sie ihn vollkommener ausmahlen können, nicht unglücklich. Ja! diese Trennung wird ihnen wohl gar angenehm, weil sie das Verhältniß um so reitzender finden, je qualvoller es ist. Sie häufen daher oft selbst die Schwierigkeiten, welche sich der gänzlichen Vereinigung entgegensetzen. Ueberzeugt, daß sie sich der Person, ohne Gefahr eines Verlusts der Spannung ihrer Phantasie, nicht weiter als bis auf diejenige Entfernung [333] nähern dürfen, wo ihre Eigenschaften in einem günstigen Halbdunkel erscheinen, suchen sie nur einen solchen Standpunkt auf, worin sie ihn auf diese Art erblicken. Darum werden sie auch beynahe immer das Mittelmäßige dem Hervorstechenden vorziehen, weil jenes ihre Phantasie mehr auffordert, das Mangelhafte zu ersetzen. – Gemeiniglich sind sie das Spiel schlauer Coquetten, oder solcher Männer, die ihre Schwächen zu nutzen wissen.


Drey und zwanzigstes Kapitel.
Absonderung der Leidenschaft der Liebe von der liebenden Anhänglichkeit, die mit einzelnen leidenschaftlichen Aufwallungen verknüpft ist.

Leidenschaft ist figierte Sehnsucht nach der unentbehrlichen Wonne, unsere Person an die Person eines andern Menschen abzugeben, und sich in ihm zu verlieren. Ich habe es schon gesagt, daß dieser Zustand sich bey glücklicher Liebe nicht leicht finden wird; daß er allemahl Hindernisse, Versagungen, Trennungen voraussetzt. Demungeachtet kann die glücklichste Verbindung im ruhigsten Genusse der Vereinigung[WS 4] sehr wohl mit einzelnen leidenschaftlichen Aufwallungen verknüpft seyn, welche vorübergehende Lagen, eine Anwandlung von Eifersucht, eine kurze Trennung, eine kleine Verunwilligung zwischen dem Geliebten, ein heftigeres Andringen [334] der Geschlechtssympathie, u. s. w. hervorbringen. Diese leidenschaftlichen Aufwallungen geben aber der Zärtlichkeit, oder auch der bloßen liebenden Anhänglichkeit noch keinesweges den Charakter der Leidenschaft der Liebe, so wie sie überhaupt für Liebe nichts beweisen.




Ende des ersten Theils.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: unterschieden
  2. Vorlage: demjenigeu
  3. Vorlage: verschiedeu
  4. Vorlage: Veinigung