Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredelung und Verschönerung/Zweyter Theil

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Autor: Basilius von Ramdohr
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Titel: Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredelung und Verschönerung. Zweyter Theil
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Erscheinungsdatum: 1798
Verlag: Georg Joachim Göschen
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Erscheinungsort: Leipzig
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[1]
Venus Urania.

Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung.

Zweyter Theil.


Von
Fried. Wilh. Basil. von Ramdohr.

Leipzig,
bey Georg Joachim Göschen. 1798.
[3]
Zweyter Theil.

Aesthetik der Liebe.
[5]
Vorbericht zum zweyten Theile.

Unter Aesthetik verstehe ich den Inbegriff der Vorschriften, welche aus der Anwendung der Gesetze des Verstandes und der Vernunft auf die Verhältnisse des Menschen zu denjenigen Gegenständen fließen, welche seinen Beschauungshang reitzen. Was dem Menschen, ohne vorgängige deutliche Beziehung auf seine sympathetischen und selbstischen Verhältnisse, bey der bloßen Contemplation gefallen soll und darf, das lehrt, meinen Begriffen nach, die Aesthetik.

Suche in den Gegenständen, die auf deinen Beschauungshang wirken, Wahrheit, d. h. Uebereinstimmung mit sich selbst; suche an ihnen Zweckmäßigkeit, d. h. Zusammenstimmung mit den Dingen, die sie umgeben! das ruft der Aesthetiker dem [6] Beschauer zu: das lehrt er ihn finden. Die Folge ist dann Allgemeingültigkeit des Geschmacksurtheils für alle diejenigen Menschen, die Anlagen und Bildung zu Gefühlen des Edeln, Schönen, Vollkommnen haben.

Aesthetik ist also die Theorie des wahr und zweckmäßig Edeln und Schönen; des wirklich Vollkommenen für den Beschauungshang. Mit andern Worten: die Theorie eines geläuterten Geschmacks.

Auch die Liebe kann ein Gegenstand unserer Beschauung seyn, und in so fern die Reitzungen, welche sie uns in diesem Verhältnisse giebt, den Gesetzen der Vernunft und des Verstandes unterworfen werden mögen, ein Gegenstand der Aesthetik. Die Aesthetik der Liebe ist folglich der Inbegriff der Vorschriften, welche aus der Anwendung der Gesetze des Verstandes und der Vernunft auf diejenigen Verhältnisse fließen, in welche wir, vermöge der bloßen Beschauung der Liebe, mit dieser zu stehen kommen. Sie lehrt uns, was uns in der Liebe bey der Contemplation gefallen soll und darf. Ihre Vorschriften sind allgemein gültig für [7] alle diejenigen Menschen, welche Anlagen und Bildung zu Gefühlen des Edeln, Schönen, Vollkommnen in der Liebe haben.

Bey dem Versuche, den ich hier zu einer solchen Aesthetik der Liebe liefere, habe ich besonders auf diejenige Geschlechtsliebe Rücksicht genommen, die sich in der zärtlichen Anhänglichkeit äußert. In dieser Erscheinung stellt sich ihr Bild auffallend und lange genug dar, um es beurtheilen zu können. In dieser Gestalt dürfen wir sie noch der Leitung des Verstandes und der Vernunft fähig halten. Als einzelne Aufwallung betrachtet, offenbart sich die Liebe nicht immer deutlich und anhaltend genug, um sie zum Gegenstande einer Theorie des Edeln und Schönen zu machen: als Leidenschaft wirkt sie mit zu vieler Heftigkeit, um die Beobachtung der Gesetze des Wahren und des Zweckmäßigen von ihr verlangen zu dürfen.

Inzwischen werden die Grundsätze, welche über die Liebe, als zärtliche Anhänglichkeit an einer Person von verschiedenem Geschlechte betrachtet, aufgestellt sind, dennoch leicht auf andere liebende [8] Verhältnisse übertragen werden können; und zwar um so mehr, da die Geschlechtszärtlichkeit aus einer Menge liebender Affekte jeder Art zusammengesetzt ist, und von einzelnen leidenschaftlichen Aufwallungen keinesweges frey gedacht werden mag.




Von der Aesthetik der Liebe ist nach meinen Begriffen verschieden, die Moral, die Politik, die Anstands- und die Klugheitslehre der Liebe.

Die Moral der Liebe ist der Inbegriff der Vorschriften, welche aus der Anwendung der Gesetze des Verstandes und der Vernunft auf die Verhältnisse des liebenden Menschen gegen das Reich vernünftiger Wesen, als solcher, fließen. Diese Vorschriften leiten unsere Liebe nach den Pflichten, die wir dem freyen, über das Leben hinaus fortdauernden, zur Vollkommenheit fortschreitenden Wesen in uns selbst, dem höchsten Wesen und der Menschheit schuldig sind. Sie haben Allgemeingültigkeit für alle Menschen, die ihren Zusammenhang mit [9] einem Reiche vernünftiger Wesen anerkennen, und sich als Mitglieder desselben betrachten.

Die Politik, die Lehre von der Gesetzgebung in Rücksicht der Liebe, ist der Inbegriff der Vorschriften, welche aus der Anwendung der Gesetze des Verstandes und der Vernunft auf die Verhältnisse des liebenden Menschen gegen den Staat, (gegen die bürgerliche Gesellschaft,) fließen. Diese Vorschriften, welche unsre liebenden Triebe nach den Pflichten leiten, die wir dem Staate und unsern Mitbürgern, als solchen, schuldig sind, sind allgemeingültig für alle Bürger.

Die Anstandslehre in Rücksicht der Liebe ist der Inbegriff der Vorschriften, welche aus der Anwendung der mehrgenannten Gesetze auf die Verhältnisse des liebenden Menschen gegen die örtliche Gesellschaft fließen, mit der er durch seinen Wohnort zusammenhängt.

Endlich beschäftigt sich die Klugheitslehre damit, dem liebenden Menschen in seinen Verhältnissen gegen sein abgesondertes, zu sinnlich angenehmen Empfindungen eingerichtetes Wesen, Vorschriften [10] zu geben, die gleichfalls aus der Anwendung des Verstandes und der Vernunft auf diese Verhältnisse fließen. Kürzer: sie ist die Theorie, welche den Genuß des Lebens durch Liebe zu erhöhen lehrt.

Plato in seinem Gastmahle ist Aesthetiker der Liebe: Xenophon in den Oeconomicis Moralist: die Republick des ersten liefert vieles zur Politik der Liebe: die Galanterie des Mittelalters enthält größten Theils eine Anstandslehre der Liebe, und Ovids, Bernards, Manso’s Künste zu lieben sind auf gewisse Weise als Klugheitslehren der Liebe zu betrachten.

Alles dieß zusammen gehört zur Sittenlehre: zu dem Inbegriffe der Vorschriften, welche das Betragen des Menschen gegen sich selbst und andere leiten. In einem vollständigen Traktate von der Liebe müßten alle jene besondern Theile der Sittenlehre in Rücksicht auf dieß Verhältniß des Menschen abgehandelt werden. Ich habe dieß nicht gethan. Ist meinem Werke darum der Vorwurf der Unvollständigkeit und des Mangels zu machen? [11] Ich glaube nicht! Ich habe nirgends eine vollständige Sittenlehre der Liebe versprochen. Ich habe eine Abhandlung über die Veredlung und Verschönerung der Liebe angekündigt, und diese hoffe ich zu liefern. Wenn man darunter etwas gesucht hat, was man nach bestimmten Begriffen von demjenigen, was Edel und Schön ist, zu erwarten nicht berechtigt war, so ist dieß nicht meine Schuld.

Allein wer einmahl gelernt hat, die Gesetze des Verstandes und der Vernunft auf den Beschauungshang anzuwenden, dem kann es nicht schwer fallen, auch die übrigen Verhältnisse darunter zu bringen, in welche der Mensch zu den Gegenständen, die ihn auf andre Art reitzen, zu stehen kommt. Unstreitig ist diejenige Anwendung jener Gesetze auf das Verhalten des Menschen, die ich versucht habe, die schwerste unter allen. Die Aesthetik steht aber auch mit der Moral, mit der Politik, mit der Anstands- und Klugheitslehre in sehr genauer Verbindung. Sie hütet sich nicht allein, die Vorschriften dieser Lehren zu beleidigen, damit die Wonne an der Beschauung nicht gestört werde; sie [12] nimmt auch das Moralische, das Patriotische, das Anständige, das Kluge auf, und bildet es zu einem Gegenstande wonnevoller Beschauung aus. Mannigfaltige Gelegenheit habe ich daher gefunden, in dem Laufe dieses Theils über jene Gegenstände zu sprechen, und noch häufigere werde ich in dem[WS 1] dritten Theile finden, der sich mit der Geschichte der Liebe beschäftigt.








[397]
Kurze Uebersicht
des Inhalts des zweyten Theils.

Dieser Theil ist der Aesthetik der Liebe gewidmet.

Veredeln und Verschönern heißt in einer auf beyde Ausdrücke zutreffenden Bedeutung: ein Ding fähig machen, den Beschauungshang zur Wonne zu reitzen.

Unser Beschauungshang ist, wie schon im ersten Theile ausgeführt ist, diejenige Seite unserer Reitzbarkeit, die bey völliger Ruhe unsers Bestrebungsvermögens, bey abgezogener Aufmerksamkeit von unserm selbsteigenen Zustande, bloß durch die Bemerkung des Auffallenden der Eigenthümlichkeiten eines Gegenstandes, dem wir uns von ferne nähern, zur Lust oder Unlust gereitzt werden kann.

Dieser Beschauungshang ist nun theils mit unserm höhern Wesen, mit unserm Geiste, theils mit unserm niedern instinktartigen Wesen verbunden.

Die Gegenstände, welche auf unsern Beschauungshang wirken können, tragen theils einen innern Gehalt, etwas Geistiges; theils eine äußere Form, eine Hülle, an sich.

Das Bild des innern Gehalts, des Geistigen der Dinge, das auf unser höheres Wesen, auf unsern Geist, wonnevoll bey der bloßen Beschauung wirkt, – heißt Edel.

Das Bild der äußern Form, der Hülle der Dinge, das auf unser niederes Wesen wollüstig und wonnevoll bey der bloßen Beschauung wirkt, – – heißt Schön.

[398] Beyde Ausdrücke bezeichnen daher Gegenstände, die unsern Beschauungshang zur Wonne reitzen, beyde aber sondern sich als Arten einerley Gattung von reitzenden Gegenständen für unsern Beschauungshang wieder von einander ab.

Bey den Gefühlen des Edeln scheint eine lebhaftere Wirksamkeit derjenigen Phantasie, welche das Unsinnliche schafft und darstellt, verbunden mit einer dunkeln Rührung, in welche die herrschenden Triebe unsers Geistes, Stolz, Ruhmsucht, Herrschsucht, u. s. w. versetzt werden, – – hauptsächlich zum Grunde der Wonne zu liegen, mit der sie uns erfüllet.

Bey den Gefühlen des Schönen scheint dagegen eine wohlthätige Wirkung der sinnlichen Eindrücke auf unsre Nerven, eine angenehme Wirksamkeit unsers thierischen Wahrnehmungsvermögens, und derjenigen Phantasie, die gern verkörpert, verbunden mit einer dunkeln Aufregung unserer niedern Neigungen nach körperlichem oder wenigstens gegenwärtigem Genusse, angenehmer Unterhaltung, u. s. w. hauptsächlich zum Grunde zu liegen.

Bey beyden wird inzwischen immer dieß zum Voraus gesetzt, daß das Wohlverhältniß, in welches wir mit den reitzenden Gegenständen kommen, ein Verhältniß aus der Ferne sey, und daß wir ihre angenehmen Einwirkungen unmittelbar bey der Beschauung, und ohne vorgängige Beziehung auf unsere selbstischen und sympathetischen Verhältnisse mit dem angeschaueten Gegenstande erfahren.

Beydes, das Edle sowohl als das Schöne, muß aber eingetheilt werden in das vage, unbestimmte Edle und Schöne, und in das aesthetisch Edle und Schöne.

Unabhängig von den Bedingungen, unter denen ein Bild unsern Beschauungshang zur Wonne reitzen kann, giebt es nehmlich gewisse Gesetze des Verstandes und der Vernunft, denen jenes gemeine Edle und Schöne unterworfen werden mag, und [399] deren Erfüllung unserm Geschmacksurtheile Anspruch auf Allgemeingültigkeit giebt. Diese Gesetze drücken wir dahin aus: das Edle und Schöne muß wahr, und tüchtig oder zweckmäßig erscheinen. Wahr ist ein Ding, das übereinstimmend mit sich selbst ist, und daher unter allen Verhältnissen von mir selbst und andern als etwas für sich Bestehendes von andern Dingen unterschieden werden mag. Zweckmäßig ist ein Ding, das zusammenstimmend mit seinen äußern Verhältnissen, und daher unter allen Lagen von mir und andern für geschickt erkannt wird, seine Bestimmung auszufüllen.

Aesthetisch Edel oder Schön ist daher dasjenige Bild, das unter Leitung des Verstandes und der Vernunft unsern Beschauungshang zur Wonne reitzt.

Das Ideal des ästhetisch Edeln ist das Bild des Ganzen eines moralisch edeln menschlichen Geistes; und moralisch edel heißt alles dasjenige, was mit diesem in näherem Verhältnisse steht. Das Ideal des ästhetisch Schönen ist das Bild des Ganzen eines schönen menschlichen Körpers.

Von dem Edeln und Schönen ist noch das Vollkommene unterschieden, dasjenige, was uns durch seine auffallende Uebereinstimmung mit den Gesetzen des Verstandes und der Vernunft unmittelbar zur Wonne der Beschauung reitzt. Hier liegt der Grund der Lust nicht an der lebhaftern Thätigkeit einer mit dem herrschenden Triebe, oder der Sinnlichkeit unsers Geistes und unsers niedern Wesens in Verbindung stehenden Phantasie; sondern an der lebhafteren Thätigkeit derjenigen Phantasie, die sogar Bilder der Gesetze des Verstandes und der Vernunft zu schaffen, und diese unserm Geiste auf eine Art darzustellen weiß, wodurch [400] der Trieb nach Erkenntniß der Wahrheit und Zweckmäßigkeit überhaupt, ungewöhnlich befriedigt wird.

Es giebt aber zwey Arten des Vollkommnen: das relativ und das absolut Vollkommne. Jenes befriedigt nur überhaupt den Trieb nach dem Uebereinstimmenden, Wohlgeordneten, und weiterhin nach Wahrheit und Zweckmäßigkeit in gewisser Rücksicht: der Gegenstand ist vollkommen in Vergleichung mit andern Gegenständen seiner Gattung und Art.

Das letzte, das absolut Vollkommne, befriedigt den Trieb nach Wahrheit und Zweckmäßigkeit in jeder Rücksicht; es liefert das Bild eines ohne alle Vergleichung vollkommnen Wesens. Dieß ist nun freylich eine bloße Vernunftidee, die nie in ein klares Bild gefaßt werden kann. Aber ein Wesen, das seinem innern Gehalte nach moralischen Adel, nach Art des Ganzen eines menschlichen Charakters, und zugleich seiner äußern Form nach Schönheit, nach Art des Ganzen eines menschlichen Körpers, zeigt; ein solches Wesen wird für uns das Bild eines Abstrakts von Vollkommenheit, und erfüllt uns bey seiner Erkenntniß mit der höchsten Wonne, welche der Beschauungshang, und vielleicht alle reitzbaren Seiten des Menschen überhaupt, darbiethen können.

Wir veredeln und verschönern folglich auf sehr verschiedene Art. Entweder wir legen dem Dinge, das auf unsern Beschauungshang wirken soll, nur etwas unbestimmt Edles und Schönes bey: oder wir legen ihm etwas ästhetisch Edles und Schönes bey: oder wir machen es fähig, uns durch seine bloße Vernunft- und Verstandesmäßigkeit zur Wonne der Beschauung zu reitzen, wir suchen es zu vervollkommnen: oder wir erwecken gar das Bild einer absoluten Vollkommenheit durch dasselbe, [401] indem wir es seinem Innern nach als ein ästhetisch edles Ganze, nach Art des moralisch edeln menschlichen Geistes, und zugleich seinem Aeußern nach als ein ästhetisch schönes Ganze, nach Art des schönen menschlichen Körpers, erscheinen lassen.

Die Liebe trägt nun an sich viel unbestimmt Edles und Schönes an sich. Wir glauben aber auch oft edle und schöne Liebe zu beschauen, wo wir nur veredelte und verschönerte gesellige Triebe bemerken. Die Liebe wird nur da ästhetisch veredelt, wo der innere Gehalt der Gesinnung, die Aufopferung der Selbstheit, geradezu auf das wonnevolle Streben nach der Ueberzeugung, den Geliebten zu beglücken, zurückführt, folglich mit dem Bilde eines hohen mächtigen Geistes, der unsern Geist empor hebt, das unzweydeutige Bild der Liebe erweckt wird.

Die Liebe wird nur da ästhetisch verschönert, wo die Zartheit und die Fülle der Empfindung, als die äußere Form der Gesinnung, auf ein Herz zurückführt, das fähig wäre das Glück des Geliebten seinem eigenen vorzuziehen, weil es den Werth eines andern Herzens ganz zu schätzen weiß: mithin wo mit dem Bilde des feinsten und reitzendsten Instinkts, der unserm Instinkte schmeichelt, zugleich das unzweydeutige Bild der Liebe erweckt wird.

Die Liebe wird relativ vervollkommnet, wenn wir in einer Handlung oder Gesinnung einen auffallenden Beweis des Strebens finden, den Geliebten zu beglücken.

Die Liebe wird aber zum Bilde einer absoluten Vollkommenheit, wenn das Ganze einer auf Zärtlichkeit beruhenden Verbindung seinem innern Gehalte nach Seelenadel, seiner äußern [402] Form nach Schönheit zeigt. Ausgezeichnet wahre und zweckmäßige Liebe, die sich als ein edles und schönes Ganze zeigt, ist vollkommene Liebe.

Der Moralist veredelt die Liebe nicht in dem Sinne, worin ich das Wort genommen habe. Er hebt sie freylich über das Gewöhnliche, er vervollkommnet sie, indem er sie so leitet, daß sie mit den Verhältnissen des Menschen gegen das Reich vernünftiger Wesen, dessen Mitglied er ist, übereinstimmend, und diesen angemessen wird. Aber seine Absicht ist nicht, ein Bild von ihr zu liefern, das den Beschauungshang unter Leitung des Verstandes und der Vernunft zur Wonne reitze: eine Wirkung, die er sich nur bey Menschen von seltnerer Anlage und Bildung versprechen darf, und der er daher nur mit Gefahr, seines wahren Zwecks zu verfehlen, nachstreben dürfte. Nein! er stellt Lehren auf, die für alle Menschen, die ihren Zusammenhang mit dem Reiche vernünftiger Wesen anerkennen, allgemeingültig sind: er sucht diese von der Pflicht, seine Grundsätze zu befolgen, zu überzeugen, und die Billigung, die er ihnen abnöthigt, giebt nur die Zufriedenheit, welche das befriedigte Bedürfniß mit sich führt, nicht Wonne.

Der Gesetzgeber für die bürgerliche Gesellschaft wird die Liebe gleichfalls nicht veredlen können noch wollen. Er sucht nur die Möglichkeit dazu zu befördern, indem er die Hindernisse wegräumt, welche der Entwickelung des Sinns für Adel und Schönheit, so wie der richtigen Erkenntniß des Wahren und Zweckmäßigen entgegen stehen. Er wird besonders die Geschlechtssympathie so zu leiten suchen, daß ihre Befriedigung den Zwecken der Natur und des Staats nicht zuwider laufe.

Die gute Sitte sucht hingegen bereits die Liebe zu veredeln und zu verschönern, indem sie gewisse Begriffe [403] darüber festsetzt, wie die engeren Verbindungen liebender Personen beschaffen seyn müssen, um dem Beschauungshange der Menge Wonne zuzuführen. Ja! sie entwirft sogar Ideale von Vollkommenheit der Liebe, die sie als Gegenstände der Bewunderung und des Nachstrebens für die edelsten Mitglieder der örtlichen Gesellschaft aufstellt.

Inzwischen ist es immer nur sehr wenigen Menschen vorbehalten, das Edle und das Schöne in der Liebe vermöge eigner Kraft zu fühlen, es den Gesetzen der Vernunft und des Verstandes zu, unterwerfen, oder gar die Verbindungen, welche auf ihr beruhen, zum Bilde absoluter Vollkommenheit zu heben.

Die Ausführung dieser Sätze liefert das siebente Buch.


Da die Veredlung und Verschönerung der Liebe so oft in der Befreyung von allem Einflusse des Körpers gesucht wird, andere aber in diesem Einflusse des Körpers das Wesen der Liebe selbst setzen, und nur durch Anreihung einer üppigen Unterhaltung für den Geist für ihre Veredlung und Verschönerung sorgen zu können glauben; so haben diese Begriffe vorläufig geprüft, und überhaupt der gegenseitige Einfluß des Körpers und der Seele in der Liebe selbst, und in einigen mit ihr verwandten Affekten, näher bestimmt werden müssen.

Alle Liebe ist ein Akt der Seele; mithin ist es ein Mißbrauch, wenn man von körperlicher Liebe spricht. Der Körper kann also bey der Liebe nur als Mittler in Betracht kommen, der entweder die Seele zum Lieben [404] auffordert, oder ihrer liebenden Stimmung eine besondere Modification giebt, oder ihr endlich zum Agenten dient, ihre liebenden Gesinnungen in einen Akt der Wohlthätigkeit für die Sinnlichkeit des Andern einzukleiden.

Die Mitwirkung des Körpers bey der Liebe zu einer Person von verschiedenem Geschlechte ist verschieden, je nachdem dieser Zustand als liebende Aufwallung, oder als zärtliche Anhänglichkeit und Leidenschaft betrachtet wird.

Die einzelne liebende Aufwallung, welche uns eine Person von verschiedenem Geschlechte einflößt, kann ohne Zweifel frey von aller Mitwirkung des Körpers angenommen werden, wenn die Person selbst, oder das Bild ihrer körperlichen Formen, dem Liebenden während der Dauer des Affekts nicht gegenwärtig sind. In allen übrigen Fällen wird die Mitwirkung schon problematischer. Die Verschiedenheit der stärkern oder zärtern Formen der Geschlechter, ihr verschiedener mimischer Ausdruck, können die liebenden Gesinnungen verschieden modificieren, und ihnen bald den Charakter der Stärke, bald der Zartheit geben. Die männliche Schönheit so wohl als weibliche ladet das Herz zu liebenden Affekten ein, und diese Gefühle sind vom Einflusse des Körpers nicht zu trennen. Inzwischen folgt daraus keinesweges, daß durch diese Mitwirkung des Körpers die Liebe zu einer Person von verschiedenem Geschlechte zur Geschlechtsliebe modificiert, und noch weniger, daß dadurch die körperliche Geschlechtssympathie erweckt werde. Den Einfluß des Körpers auf die Geschlechtssympathie überhaupt, (nehmlich so wohl des Körpers als der Seele,) darf man nur da annehmen; wo der üppige Charakter dieser Empfindung durch den sinnlichen Eindruck unterstützt wird: Aufwallung der körperlichen Geschlechtssympathie aber nur da, wo [405] sich bey dem Liebenden zugleich Symptome von körperlicher Ueppigkeit und Lüsternheit besonders gegen solche Personen äußern, deren Bau und Verhältnisse jene Triebe befördern.

So zeigt sich dann die Möglichkeit, daß der einzelne liebende Affekt zu Personen vom andern Geschlechte frey von aller Mitwirkung der Geschlechtssympathie, so wohl der Seele als des Körpers, mithin keine Geschlechtsliebe seyn könne. Aber die zärtliche Anhänglichkeit und die Leidenschaft zu Personen von verschiedenem Geschlechte können nicht frey von Geschlechtssympathie seyn. Diese äußert sich wenigstens immer in ihren untersten Grade als Ueppigkeit des Körpers und der Seele. Beyde müssen der Natur des Verhältnisses nach mitwirken, jedesmahl wo Stärke und Zartheit ins Wohlverhältniß kommen. Davon sind weder zärtliche Verbindungen zwischen Verwandten von verschiedenem Geschlechte ausgenommen, noch[WS 2] Leidenschaften unter Personen, welche bloß den äußern Kennzeichen nach zu einerley Geschlecht gerechnet werden.

In dem Sinne also, wornach die körperliche Geschlechtssympathie gar nicht mitwirken sollte, giebt es keine Zärtlichkeit oder Leidenschaft der bloßen Seele zu Personen von verschiedenem Geschlechte. Was man gemeiniglich Seelenliebe nennt, ist ein Verhältniß, worin grobe Begierden nach dem unnennbaren Genusse sich nicht melden, oder verhalten und unterdrückt werden: entweder weil der Liebende zu unerfahren ist, oder weil er aus Grundsatz und unter günstigen Lagen seine Triebe glücklich bekämpft. Allein der Körper behauptet demungeachtet seinen Einfluß, indem er in einer feineren Gestalt, als Ueppigkeit und Lüsternheit, erscheint. Billig aber sollte man diejenigen Verhältnisse mit dem ehrwürdigen Nahmen der Seelenliebe nicht belegen, bey denen entweder ein [406] verfeinerter körperlicher Appetit, oder ein bloßer Austausch von Gewährungen für Eitelkeit und Unterhaltung, oder endlich eine bloße Begeisterung für ein idealisches Wesen zum Grunde liegt.

Der Verfasser hält alle wahre Liebe für Seelenliebe, und glaubt, daß dieser kein Abbruch dadurch geschehe, wenn sie in den Freuden des Körpers eines von den Mitteln sucht und findet, wodurch das Glück des Geliebten befördert wird. In einem erhabenern Verstande aber nennt er diejenige Liebe mit diesem Nahmen, welche dahin strebt, dem Geliebten das höchste Gut, das dauerndste Glück, zu sichern, welches nur der Sinn für das Vollkommne, Edle und Schöne, und vor allen Tugend, in der vereinigten Person gewähren kann. Denn hier sucht das Geistige in den beyden Verbündeten in dem geistigsten Genusse, der sich denken läßt, zusammenzutreffen, und sich dadurch wechselseitig zu beglücken.

Da die Gefühle der physischen Schönheit, und die Begeisterung, mit der sie genossen wird, so leicht mit Liebe verwechselt werden, ob sie gleich nur diese erwecken mögen, und da der Grund des Anziehenden der Schönheit bald dem bloßen Einfluß auf unsere körperliche Geschlechtssympathie, bald einem rein geistigen Genuß der Form einer vollkommenen Seele zugeschrieben wird; so nimmt der Verfasser Gelegenheit, jene Ideen in einigen Excursen zu berichtigen. Er zeigt, daß der Eindruck, den die physische Schönheit auf uns macht, von der Mitwirkung des Körpers nicht getrennt werden könne, daß sie aber gar nicht unbedingt auf unsre körperliche Geschlechtssympathie einwirke: daß es ganz andere Formen sind, welche diese aufregen, als diejenigen, welche das Gefühl der Schönheit erwecken: [407] daß man jedoch dabey einen Unterschied zwischen verschiedenen Arten der Schönheit machen müsse, indem die zärtere die Mitwirkung des untersten Grades der körperlichen Geschlechtssympathie, nehmlich der Ueppigkeit, in untergeordneter Maße zuläßt; endlich daß bey der Begeisterung für diese Art von Schönheiten sogar die Lüsternheit eine wichtige Rolle mitspiele, wenn sich gleich keine grobe Symptome des unnennbaren Triebes äußern. Bey dem Gefühle der ernsteren und unterhaltenden Schönheit, so wie bey der Begeisterung dafür, nimmt er hingegen keine unmittelbare Einwirkung der Körper auf körperliche Geschlechtssympathie des Beschauers an. Diese dient folglich nach seinen Erfahrungen nur dazu, das Gefühl der Schönheit in gewissen Fällen und auf gewissen Stufen zu verstärken. Ein völlig falscher Satz aber bleibt es, daß die Schönheit in irgend einem Falle rein geistig, und bloß als Abdruck einer vollkommenen Seele genossen werden könne. Vielmehr ist es klar, daß allenthalben, wo nicht dem Auge und dem niedern Beschauungshange unmittelbar geschmeichelt wird, die wohlgefälligen Empfindungen, welche uns die körperliche Gestalt einflößt, den Nahmen schöner Gefühle nicht verdienen.

Sehr oft werden die Begeisterung für das immaterielle Schöne und Vollkommne, und ihre höheren Stufen, die Besessenheit und der Selbstverwandlungstrieb, mit Liebe verwechselt, und was noch sonderbarer ist, der körperlichen Geschlechtssympathie zugeschrieben. Auch diese Ideen sucht der Autor zu berichtigen. Er läugnet zwar nicht, daß der Aufruhr unserer Seele, welcher der erregten Geschlechtssympathie der Seele gehört, den Körper sehr leicht in einen ähnlichen verwickeln könne, und zwar besonders da, wo die Bilder geistiger Schönheit und Vollkommenheit [408] uns unter körperlichen Formen erscheinen, welche schon an sich zur Ueppigkeit und Lüsternheit einladen könnten. Aber er hält es unerweislich, daß diese mittelbare Regung des Körpers als unbedingter Grund, oder als nothwendige Folge der Schwärmerey angesehen werden könne.

Hier scheint zugleich der Ort zu seyn, den Werth des heißen Bluts für Liebe, Sinn des Edeln und Schönen, zu bestimmen. Der Autor zeigt, daß die höhere Reitzbarkeit der Organe, welche mit der stärkeren Anlage zur körperlichen Geschlechtssympathie verbunden[WS 3] zu seyn pflegt, dem Herzen und dem Beschauungshange förderlich, aber auch eben so leicht gefährlich werden könne.

Zuletzt wird noch gezeigt, daß die stärkere Anlage zur Geschlechtssympathie der Seele, (dasjenige, was die Franzosen Seelentemperament nennen,) jener Hang zur üppigen Geselligkeit, Eitelkeit, Schwärmerey, u. s. w. für Herz, Geschmack, Genie und Talent nichts beweisen, so sehr sie das alles unterstützen, wenn es außerdem vorhanden ist.

Diese Sätze werden im achten Buche weiter ausgeführt.


Der Verfasser geht nunmehro zu einer praktischen Analyse des obersten Grundsatzes der edeln und schönen Fertigkeit oder Kunst zu lieben, über. Dieser besteht darin, die Liebe als das Bild einer absoluten Vollkommenheit erscheinen zu lassen, und dieß wird erreicht, wenn ausgezeichnet [409] wahre und zweckmäßige Liebe sich als ein edles und schönes Ganze darstellt.

Bey der Theorie, die hier entwickelt wird, liegt nicht so wohl die Erfahrung von demjenigen, was wirklich geleistet ist, als vielmehr die Abhandlung von demjenigen zum Grunde, was seltenen Menschen unter seltenen Verhältnissen bey anhaltender Anstrengung und Aufmerksamkeit zu leisten möglich wäre. Der Aesthetiker unterscheidet sich daher vom empirischen Critiker und vom Dichter. Der empirische Critiker entlehnt seine Grundsätze aus der Verfahrungsart früherer Muster, welche den Sinn des Edeln und Schönen gereitzt und befriedigt haben. Der Dichter rüstet die Menschen mit idealischen Kräften aus, und läßt sie unter eben so idealischen Verhältnissen auftreten.

Zuerst werden die Anlagen angegeben, mit denen der Mann ausgerüstet seyn muß, um edel und schön zu lieben: es wird das Weib geschildert, das seiner Liebe würdig ist: es werden die Verhältnisse festgestellt, unter denen jene Anlagen ihre freye Wirksamkeit erhalten können.

Der Mann muß ein Herz, in jedem Sinne des Worts, haben. Er muß reitzbar, reitzbar für Sympathie, besonders zum Geschlecht, Menschenliebend, fähig zu starker und zärtlicher Anhänglichkeit seyn. Mit diesem Herzen muß er ästhetischen Sinn, Talent, Genie, und besonders noch jene Energie des Charakters, jene Festigkeit und Selbständigkeit verbinden, welche der Verbindung Dauer versprechen, und ihn würdig machen, der Führer und der Beschützer der Gattin zu seyn. Diese Vorzüge werden nicht leicht angetroffen werden, wo der Mann nicht zu einer gewissen Reife des Alters gekommen ist. Von Seiten des Körpers werden wenigstens solche Formen bey ihm vorausgesetzt [410] die an der Seite des Weibes als ein wohl gruppierender Theil eines schönen, Liebe darstellenden Ganzen erscheinen.

Ein solcher Mann muß eine Geliebte wählen, die ihren Anlagen nach den nöthigen Beytrag zur Vollkommenheit, oder zu dem edeln und schönen Ganzen der liebenden Verbindung verspricht.

Es giebt seltene Fälle, in denen eine solche Wahl unmöglich ist, und worin die Leidenschaft auch den edelsten Mann überrascht oder überschleicht: aber diese Fälle machen nur Ausnahmen. Zwar wird unsere Wahl nie so frey seyn können, als da, wo die Vernunft sich in der Wahl der Mittel zu Abhelfung eines Bedürfnisses bestimmt; aber so lange wir im Zustande der Zärtlichkeit bleiben, und nicht in Leidenschaft übergehen, werden Herz und Phantasie sich der Leitung der Vernunft nicht entziehen. Ueberhaupt aber können diese Kräfte unserer Seele durch Bildung unserer Denkungsart im Ganzen empfänglicher für Reitzungen und Bilder werden, welche die Vernunft billigt, abgehärteter gegen solche, welche diese verdammt.

Auch bey dem Weibe macht ein Herz, für Menschenliebe und Zärtlichkeit geschaffen, das erste aller Erfordernisse aus. Wo wir es antreffen, da läßt sich schon auf Veredlung und Verschönerung der Verbindung hoffen. Aber ein höheres Glück verspricht diejenige Gattin, welche aus Achtung für ihre eigene Würde, aus Schätzung ihres Rufs, der Verführung der Sinne und der Eitelkeit stets widerstanden hat, und dem Manne das vollkommenste Vertrauen zu ihrer Tugend und Treue, so wie ein hohes und heiliges Gefühl ihrer Würde einflößt. Sie muß außerdem Energie des Charakters und Selbständigkeit genug haben, um sich da, wo sie der Verbindung mit dem Manne ungeachtet als einzelner Mensch, und als einzelnes Weib beurtheilt werden kann, in den Gründen ihres Wollens und Handelns [411] selbst zu bestimmen, und den Mann nur als Rathgeber zu betrachten. In denjenigen Verhältnissen aber, wo sie als zusammengesetzte Person mit dem Manne erscheint, muß sie diesen zwar als Führer und endlichen Bestimmer ansehen; aber sie darf sich ihre Rechte als Rathgeberin und Mithelferin nicht nehmen lassen. Auch dem geliebten Weibe ist Talent und Genie in der Liebe zu wünschen. Zu gewissen Kenntnissen, Fertigkeiten, Künsten, Sitten, besonders zu denjenigen, die in den Begriff der Hausfrau und der Beförderin örtlicher Geselligkeit gehören, wird eine frühe Anleitung erfordert. Die körperliche Schönheit der Geliebten wird mehr von der reitzenden als ernsten Art seyn müssen, damit bey ihrer Zusammenstellung mit dem Manne der Charakter einer wohlgepaarten Geschlechtsverschiedenheit in den gruppierten Körpern bewahrt werde.

Wenn die liebende Verbindung als Vollkommenheit erscheinen soll, so läßt sich der Begriff einer durch Gegenliebe und möglichste Vereinigung der Verhältnisse glücklichen Situation nicht davon trennen. Außerdem wird ein gewisser Grad von Wohlstand und Muße erfordert, um die gehörige Sorgfalt auf die Veredlung und Verschönerung der Liebe zu wenden, und die Mittel dazu, in so fern sie nicht allein in uns selbst liegen, herbeyzuschaffen. Inzwischen sind die Umstände, unter denen wir lieben, selten so ungünstig, daß der echte Trieb nach Vollkommenheit dadurch gänzlich niedergeschlagen werden könnte. Gemeiniglich sind unsere Herzlosigkeit, unsere Trägheit, unsere unbestimmten und übertriebenen Forderungen die wahren Hindernisse, die sich edler und schöner Liebe in den Weg stellen.

Die Ausführung dieser Sätze liefert das neunte Buch.


[412] Derjenige, der das Herz der Geliebten gewinnen will, muß zu gleicher Zeit ihre Selbstheit und ihre Sympathie interessieren und ihrem Beschauungshange Wonne zuführen: er muß seine Person der Person der Geliebten wichtig machen, aber zugleich das Gefühl erwecken, daß sie ihm unentbehrlich sey, und sich überher als einen Gegenstand des allgemeinen Beyfalls ihres Geschlechts darstellen. Von diesen Maximen gehen alle Verführungskunste aus, und der edel liebende Mann muß sie gleichfalls befolgen, wenn er Gegenliebe erwecken will. Aber er sucht sie auf eine andere Art anzuwenden.

Körperliche Schönheit ist kein gleichgültiger Vorzug in dem Manne. Dieser wird den Vortheil, den sie ihm gewährt, um die Aufmerksamkeit der Geliebten für sich zu erwecken, nicht verschmähen. Aber er wird nur dann Werth auf seine Formen legen, wenn diese wirklich schön sind. Er traut seiner Geliebten zu viel Geschmack zu, als daß ihr ein unverhältnißmäßig kolossalischer Bau, oder weibische Zierlichkeit der Formen gefallen könnten. Immer wird er seine Schönheit mehr wie ein Creditiv auf höhere Vorzüge betrachten, als wie ein unbedingtes Mittel, ihr Herz zu rühren. Vor allen Dingen aber sucht er seinem Körper denjenigen Ausdruck zu geben, wodurch sich eine edle, schöne und zugleich liebende Seele ankündigt.

Urbanität überhaupt, und besonders gegen das Frauenzimmer, ist ein anderes wichtiges Mittel, um sich vor seinen Augen auszuzeichnen. Sie ist die fertige Beobachtung der Vorschriften, nach denen unsere Person in den Verhältnissen des weiteren geselligen Umgangs mit Menschen, (ohne vorgängige Bekanntschaft oder Verbindung, und ohne Rücksicht auf einen [413] besondern Zweck des Nutzens oder der Unterhaltung,) andern auf eine Art erscheint, wodurch die gesellige Mittheilung befördert, und Vergnügen durch das bloße Zusammenseyn erweckt wird.

Urbanität ist theils eine nützliche Fertigkeit, theils eine edle und schöne, je nachdem sie bloß nach den Gesetzen der Wahrheit und Zweckmäßigkeit eingerichtet und ausgeübt wird, oder in so fern wir zugleich dem Beschauungshange dadurch schmeicheln wollen. Daher der Unterschied zwischen dem bloß guten und feinen Ton. Von beyden ist der bloß brauchbare oder locale Ton verschieden. Der Hauptgrundsatz der Urbanität ist dieser: daß wir Achtung für uns selbst, Achtung und Liebe für andere auf eine unserm Charakter und dem Charakter anderer angemessene Art in den Verhältnissen des weiteren geselligen Umgangs durch unsere äußere Handlungsweise darlegen.

Die Urbanität gegen das Frauenzimmer heißt besonders Galanterie. Diese hält selten das Mittel zwischen einem zu steifen und zu freyen Ton. Ihr wahrer Charakter ist Geschmeidigkeit ohne Niederwürfigkeit; Würde, Selbstbeachtung ohne Hochmuth.

Eben so wichtig als die Urbanität ist die Gabe der geselligen Unterhaltung, um sich dem Frauenzimmer bemerklich zu machen. Sie ist die gesellige Fertigkeit, in Zirkeln, worin Menschen von verschiedenen Fähigkeiten und Neigungen auf einen gemeinschaftlichen Beytrag zur Belustigung durch Austausch der Gedanken und Gefühle rechnen, diesen Beytrag gehörig zu liefern. Auch hier findet eine bloße Brauchbarkeit, und wieder eine innere Wahrheit und [414] Zweckmäßigkeit Statt: je nachdem wir nehmlich bloß auf dasjenige Rücksicht nehmen, was örtlich belustigen kann, oder was alle vernünftige Menschen billig belustigen sollte. Die gesellige Unterhaltung kann ebenfalls edel und schön erscheinen, und dadurch auf den Beschauungshang wirken.

Unser öffentlicher Ruf als Bürger ist dem edeln Weibe nicht gleichgültig: wichtiger ist ihm aber die Ahndung, daß wir zum Glück engerer Verbindungen gemacht sind. Diese giebt ihm unser ganzes Betragen, besonders aber unser Ruf als Sohn, Bruder und Freund!

Durch diese Mittel richten wir die Aufmerksamkeit der Geliebten auf unsere Person: aber um die ihrige an uns zu hängen, um ihr Herz zu gewinnen, bedarf es eines bestimmteren Angriffs!

Wir müssen ihr sympathetisches Interesse für unsern liebenden, von ihrer Gegenliebe abhängenden Zustand erwecken. Der edle Liebhaber wird dabey mit Bescheidenheit und weiser Vorsicht verfahren. Eine zu frühe Entdeckung unserer Gesinnungen, und ein zu auffallender Ausbruch der Wirkungen unserer Leidenschaft, beleidigen aus Gründen, die tief in der Natur der weiblichen Zartheit und der Sittlichkeit überhaupt liegen. Es ist sicherer, die Sympathie der Geliebten zur Mitfreude an unserm durch Liebe erhöheten Zustand einzuladen, als Mitleiden mit unserm durch Liebe herabgesunkenen Zustande bey ihr zu erwecken. Sie muß mehr die Wonne ahnden, uns auf den höchsten Gipfel der Glückseligkeit durch ihre Gegenliebe zu heben, als das Bedürfniß des Mitleidens und der Pflicht fühlen, uns [415] zum Ruhestande des Lebens zurückzuführen. Bey aller Ueberzeugung, die wir ihr von der Abhängigkeit unsers Schicksals von dem Besitz ihres Herzens geben; müssen wir ihr zugleich das Gefühl nicht nehmen, daß wir noch abhängiger von dem Bestreben nach Achtung unsers vernünftigen Wesens sind, und daß wir in der Bewahrung unserer sittlichen Würde Trost und Schadloshaltung für die verlorne Hoffnung ihres Besitzes finden könnten.

Daneben werden wir auch die persönliche Selbstheit der Geliebten zu interessieren suchen. Der edle Mann thut dieß durch Lobeserhebung des wirklich Lobenswerthen, durch eine Gefälligkeit, die sich von aller Niederträchtigkeit weit entfernt hält; besonders aber dadurch, daß er sich selbst durch Liebe veredelt darstellt, und zu ihrer eigenen Veredlung beyträgt. Nichts kann den Ruf der Gattin mehr verherrlichen, als wenn die Würde des Mannes zum Theil der Würde des Gegenstandes zugeschrieben wird, dem er anhängt.

Durch alles dieß wird zugleich der Beschauungshang der Geliebten wonnevoll gereitzt, indem sie den Mann, der ihre edlere Sympathie und edle Selbstheit interessiert, zugleich als einen Gegenstand des allgemeinen Wohlgefallens betrachten kann.

Das zehnte Buch liefert die Ausführung dieser Ideen.


[416] Jetzt folgt eine Reihe von Darstellungen des Genusses, den ausgezeichnet wahre und zweckmäßige Liebe, die als ein edles und schönes Ganze erscheint, darbiethen kann. Die gepaarte Person im begünstigten Streben nach Vereinigung ist die Einheit des Begriffs, worunter diese mannigfaltigen Bilder zusammengefaßt werden. Um sie gehörig unter und gegen einander zu ordnen, sie wohl unter sich zusammen zu hängen, und dadurch den Ueberblick des Ganzen zu erleichtern, hat man einen gewissen Plan bey ihrer Aufstellung befolgen müssen.

Zuerst erscheint der Liebende durch das Erwachen der Liebe, durch sein Streben und Hoffen bereits beglückt; dann glücklicher durch das Bewußtseyn, wieder geliebt zu seyn, endlich beseligt durch persönliche Vereinigung mit der Geliebten. In dieser letzten Lage, welche immer der Zweck des Strebens der Liebenden ist, und die sie sich wenigstens mit Hülfe der Imagination vergegenwärtigen müssen, wenn sie Freuden der Liebe genießen wollen, sind sie besonders Gegenstände unserer Beschauung.

Die Hauptwege, auf denen den Liebenden Genuß zugeführt wird, sind der Körper, das niedere und dann das höhere Seelenwesen. Der Körper und das niedere Seelenwesen machen an der gepaarten Person, wie sie im Genuß der Liebe gedacht wird, gleichsam die Hülle aus: das höhere Seelenwesen gleichsam ihren innern Gehalt.

Die Freuden, welche durch das Mittel des Körpers genossen werden, erhalten nur dadurch Anspruch auf den Genuß wahrer und zweckmäßiger Liebe, wenn die Ueberzeugung des gemeinschaftlichen Glücks der Verbündeten [417] ihnen den höchsten Reitz giebt; und nur in so fern können sie Bilder des Edeln und Schönen erwecken, als Seelenadel und Schönheitssinn aus der Art, sie zu geben und einzunehmen, hervorleuchtet. Dieser Gesichtspunkt wird bey allen folgenden Gemählden festgehalten, welche von dem mannigfaltigen Genusse geliefert werden, die dem niedern Seelenwesen aus dem traulichen Umgange, aus den schönen Künsten, der ländlichen Natur, den größern und engern Zusammenkünften der örtlichen Gesellschaft zufließen.

Darauf werden die Freuden geschildert, welche das höhere Seelenwesen aus der liebenden Verbindung einnimmt. Hieher gehört der Genuß, der aus der wechselseitigen Ausbildung der Kräfte des Geistes überhaupt, seiner Vermehrung mit Kenntnissen, u. s. w. fließet: derjenige, welchen die Vereinigung zu einem Schicksale mit sich führt: endlich und hauptsächlich derjenige, welchen das gemeinschaftliche Nachstreben nach Tugend hervorbringt, und der billig als der höchste unter allen betrachtet werden muß.

Mit diesen Sätzen beschäftigt sich das eilfte Buch.


[418] Die Dauer der Liebe gehört unstreitig zu ihrer Veredlung, wenn sie den Begriff ihres Wesens nicht aufhebt. Liebe soll die zusammengesetzte Person beglücken. Dieß vermag die Leidenschaft nicht, wenn sie fortwährend wirkt: sie verdankt ihr anhaltendes Daseyn nur Hindernissen, die sich der Vereinigung der Liebenden entgegen setzen. Alle Erfahrungen widersprechen der Möglichkeit, daß eine Leidenschaft, in der sich die Liebenden dem ungestörten Genuß ihrer Verbindung überlassen können, durch den Lauf der Jahre nicht geschwächt werden sollte. Warme Zärtlichkeit kann hingegen bey dem Gefühle eines begünstigten Strebens nach Vereinigung das ganze Leben hindurch fortdauern. Wie dieß erreicht werde, wird in dem Folgenden gelehrt.

Eine Hauptmaxime ist diese: die Liebenden müssen sich weder einander zu gewöhnlich, noch zu ungewohnt werden. Sie müssen viel arbeiten, und dabey einen von dem Genuß ihrer Zärtlichkeit noch unabhängigen Zweck ihrer Thätigkeit vor Augen haben, auf den sie, jeder für sich, loszustreben. Dieß wird ihre überflüssigen Kräfte dämpfen, und ihre wild umherschweifende Phantasie zügeln. Aber sie müssen auch Muße genug übrig behalten, den Genuß ihrer Liebe zu besorgen. Liebe ist nicht unser einziger Beruf, aber sie ist mehr wie ein Zeitvertreib, sie ist ein ernstes Geschäft.

Liebende müssen sich neu bleiben, ohne sich einander unbekannt zu werden. Gänzliche Absonderung von der größern Gesellschaft, beständiges Zusammenseyn, Unmäßigkeit in dem Genuß körperlicher Freuden, Einförmigkeit in den Unterhaltungen, sind eben so gefährlich, [419] als lange Trennungen, übertriebene Sorgfalt für Abwechselung, die nur zerstreut, und ein überspanntes Interesse, das in den Austausch der Gefühle gelegt wird.

Liebende müssen schön für einander bleiben. Die Abnahme der Reitze des Körpers kann durch Nettigkeit, Ordnung, Schicklichkeit, und Geschmack in den äußern Beywerken, und durch die Anmuth des Ausdrucks der innern Empfindungen in Mienen und Geberden, zum Theil ersetzt werden. Anmaßung und Ziererey sind hier aber eben so wohl zu vermeiden, als Vernachlässigung

Liebende müssen sich einander interessant und wichtig bleiben. Unsern eigenen Leiden einen gefaßten Muth entgegen setzen, den Leiden anderer ohne Andringlichkeit zu Hülfe kommen, lehrt die Klugheit überhaupt, und besonders diejenige, welche die Dauer der Liebe zum Zweck hat. Ohne das Herz, das wir zu fesseln wünschen, in Unruhe zu setzen, dürfen wir doch dem Liebenden fühlen lassen, daß das Unsrige keine Verschmähung zu befürchten habe, wenn wir es anderweit verschenken wollten. Auch das Gefühl, daß wir durch die Verbindung an Ansehn und Wohlstand gewinnen, verträgt sich mit der Liebe, und befördert ihre Dauer.

Ohne Achtung besteht keine Liebe für edlere Seelen. Doch muß sie rein von dem Gefühle der Anmaßung und zurückschreckender Superiorität gehalten werden. Zur Beförderung dieser wechselseitigen Achtung, so wie zur bessern Befolgung aller Regeln, durch deren Beobachtung die Liebe verlängert wird, ist besonders auch der äußere Anstand im Betragen der Liebenden gegen einander zu empfehlen.

[420] Eine ununterbrochene Einigkeit läßt sich von der zärtlichsten Verbindung nicht erwarten. Doch können die Veranlassungen zu Zwisten sehr vermindert, und ihre Folgen geschwächt werden, wenn beyde Theile ihre Selbständigkeit wechselseitig anerkennen, bewahren, und zugleich von einander überzeugt sind, daß der Wunsch, die zusammengesetzte Person zu beglücken, die herrschende Stimmung in ihren Herzen sey.

Eifersucht hat oft die zärtlichsten Verbindungen getrennt. Es ist nothwendig, Mittel anzugeben, wodurch ihren traurigen Folgen vorgebeugt werden könne. Kaum aber weiß man dem Unglücklichen zu rathen, der an einer Person hängt, die durch ihre frühere Aufführung keine Bürgschaft für ihre Treue darbiethet, und durch ihr leichtsinniges Betragen die Furcht vor der Möglichkeit eines Rückfalls nährt. Der Autor, der sich überzeugt hält, daß es demjenigen, der Veranlassung zur Eifersucht giebt, leicht sey, den Liebenden zu beruhigen, wenn er es ernstlich will, räth demjenigen, dessen Ruhe immer willkührlich aufs Spiel gesetzt wird, zum Bruch. Glücklich ist derjenige, der mit einer Person verbunden ist, deren feineres Ehrgefühl nicht bezweifelt werden mag! Demungeachtet giebt es Charaktere, die aus Selbstsucht, und aus Bewußtseyn eigener Schwäche die makelloseste Unschuld durch Argwohn kränken werden. Diesen muß mit edelm Stolze, Selbstvertrauen, und Festigkeit begegnet werden.

Die Grenzen der Treue sind für gröbere Seelen lax: für feiner gestimmte werden sie bereits dann überschritten, wenn der eine der Verbündeten dem Wunsche Raum giebt, die Geschlechtssympathie, oder gar die Zärtlichkeit und die [421] Leidenschaft einer dritten Person von verschiedenem Geschlechte auf sich zu ziehen.

Der edelste Mensch ist zum Bruch berechtigt, sobald er überzeugt ist, daß er die Person, die mit ihm verbunden ist, nie glücklich machen könne, daß vielmehr die längere Dauer der Verbindung zu ihrem beyderseitigen Unglück ausschlagen müsse. In einigen Fällen ist es sogar Pflicht, zu brechen. Der andere Theil mag aber den Bruch verschuldet haben, oder nicht; so bleibt es selbst für den Gekränkten Schuldigkeit, seinen Charakter in Beziehung auf das geendigte Verhältniß durch ein großmüthiges Betragen zu ehren.

Die Ausführung dieser Sätze enthält das zwölfte und letzte Buch in diesem Theile.


[423]
Verbesserungen im zweyten Band.

Seite 12 Zeile 7 von oben: ein dem weg.
34 15 – – der unser niederes Wesen bey der bloßen Beschauung zur Wollust und Wonne reitzt. für der auf – – erweckt.
117 10 von unten: haben für habe.
127 4 von oben: Lustigkeit für Lüsternheit.
143 1 – – steter für starker.
149 15 von unten: bezwingen für bezwungen.
156 14 von oben: Maximen für Maxime.
161 2 – – Freuden für Freunden.
184 6 von unten: erwecken für erwecke.
202 9 – – (;) für (!)
204 10 von oben: so für hier.
248 6 von unten: es für er.
253 3 von oben: ausübte für ausübt.
272 10 – – Fernen für Formen.
371 10 von unten: (!) für (:)
409 5 von oben: Ahndung für Abhandlung.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: dem dem
  2. Vorlage: nach
  3. Vorlage: vrbunden