Venus im hellen Tageslicht mit bloßem Auge sichtbar

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Textdaten
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Autor: v. B.
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Titel: Venus im hellen Tageslicht mit bloßem Auge sichtbar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 382-384
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[384] Venus bei hellem Tageslicht mit bloßem Auge sichtbar. „Hell, wie der Stern vorstrahlet in dämmernder Stunde des Melkens, Hesperos, der am schönsten erscheint vor den Sternen des Himmels.“ Mit diesen Worten preist Homer den glänzenden Anblick der Venus als Abendstern und vergleicht mit ihr den Glanz der Rüstung des gegen Hektor zum entscheidenden Kämpfe dahinstürmenden, göttergleichen Peliden Achilles. In der That übertrifft auch Venus an Glanz und Helligkeit alle anderen Sterne des Firmamentes; aber nur zu gewissen Zeiten ist sie uns sichtbar, bald links oder östlich von der Sonne am Abendhimmel als Abendstern, bald rechts oder westlich von der Sonne am Morgenhimmel als Morgenstern; und auch dann, wenn sie uns sichtbar ist, bietet sie nicht jedesmal denselben glänzenden, prachtvollen Anblick dar, mit dem sie uns gegenwärtig entzückt. Dieser, sowie das Sichtbarwerden der Venus bei hellem Tageslicht und mit unbewaffnetem Auge, hängt von ihrer Stellung zur Erde und zur Sonne in der Zeit ihrer Sichtbarkeit, und von atmosphärischen Zuständen ab.

Hier will ich mich nur darauf beschränken, auf die diesjährige zweimalige glanzvolle Erscheinung der Venus als Abendstern und später als Morgenstern aufmerksam zu machen. Venus hat Mitte Mai ihre größte scheinbare Entfernung (Ausweichung oder Digression) östlich von der Sonne erreicht; ihre Scheibe ist dann halb erleuchtet, wie der Mond bei dem ersten Viertel, hat aber noch nicht den größten Glanz entfaltet, welcher hauptsächlich von der größeren Annäherung zur Erde abhängt; zu der Zeit ihres größten Glanzes ist ihre Scheibe nur zum dritten Theile erleuchtet und zeigt sich uns in einem Fernrohre (selbst einem mäßig starken Opernglase) sichelförmig, aber von blendendem Glanze; dies findet in diesem Jahre am 11. Juni statt. Aber schon von Ende Mai ab bis zum 15. Juni kann man Venus mit unbewaffnetem Auge bei hellem Tageslicht erblicken. Die bequemste Zeit, sie am Himmel aufzusuchen, ist Nachmittag 3 Uhr, wo sie im Meridian oder wenigstens in der Nähe desselben, also gerade im Süden steht, für das mittlere Deutschland 63 Grad über dem Horizonte; man wird sie am leichtesten finden, wenn man sich an einem sternenhellen Abend den Ort am Himmel genau merkt, wo ein Stern oder auch die Spitze eines Thurmes oder Baumes, von einem bestimmten, willkürlich gewählten Standpunkte aus, die angegebene Höhe von circa 63 Grad in dem Meridiane hat. Venus steht gegenwärtig (Ende Mai) in dem Sternbilde der Zwillinge und rückt im Juni noch bis zu dem Krebse vor, um alsdann wieder für einige Zeit rückläufig zu werden.

Ihr Glanz aber vermindert sich bald nach dem 15. Juni, weil trotz der größeren (wirklichen) Annäherung zur Erde der erleuchtete Theil ihrer Scheibe, die Sichel, zu schmal ist, um einen großen Glanz zu entwickeln; dieser wird auch noch dadurch beträchtlich vermindert, daß Venus scheinbar immer näher an die Sonne rückt und endlich in der Dämmerung verschwindet, noch ehe sie sich zwischen Sonne und Erde stellt, wobei sie uns nur die dunkle Seite zuwendet, welche für uns ganz unsichtbar wird. Dies geschieht am 19. Juli d. J., man sagt dann: Venus ist in der unteren Conjunction mit der Sonne (♀ untere ☌ ☉, wie in den Kalendern steht). Bald darauf erscheint Venus rechts, d. h. östlich von der Sonne als Morgenstern vor Sonnenaufgang; in den ersten Tagen des August hat ihr Glanz bereits so zugenommen, daß sie unter den hellen Sternen der Zwillinge (Castor und Pollux) und über Procyon im kleinen Hunde leicht erkannt werden kann; ihren größten Glanz als Morgenstern erreicht sie in der ersten Hälfte des September; sie steht alsdann im Krebs und kann um diese Zeit ebenfalls mit unbewaffnetem Auge gesehen werden, wenn man sie des Vormittags 9 Uhr im Ortsmeridiane ungefähr 55° hoch aufsucht.

Das Sichtbarwerden der Venus bei hellem Tageslicht und mit unbewaffnetem Auge ist übrigens schon zu wiederholten Malen ein Gegenstand des Staunens, ja früher sogar des Aberglaubens bei der unwissenden Menge des Volkes gewesen; so am 5. Februar 1630 zu Tübingen, am 21. Juli 1716 zu London, 1750 und 1798 zu Paris.
v. B.