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Versuch einer Theorie der electrischen und optischen Erscheinungen in bewegten Körpern/Abschnitt V

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Abschnitt IV Versuch einer Theorie der electrischen und optischen Erscheinungen in bewegten Körpern (1895)
von Hendrik Antoon Lorentz
Abschnitt VI
[82]
ABSCHNITT V.
ANWENDUNG AUF DIE OPTISCHEN ERSCHEINUNGEN.


Zurückführung auf ein ruhendes System.

§ 56. Die Bestimmung des Einflusses, den eine Bewegung der ponderablen Körper auf die Lichterscheinungen ausüben kann, gelingt in sehr einfacher Weise, wenn man, wie es in diesem Abschnitte stets geschehen soll, die Circularpolarisation bei Seite lässt.

Wir wollen nämlich, wie wir das schon früher (§ 31) thaten, und unter fortwährender Vernachlässigung von Grössen zweiter Ordnung, an die Stelle von t die „Ortszeit“

t=t1V2(𝔭xx+𝔭yy+𝔭zz)

als unabhängige Variable einführen; ausserdem wollen wir, statt 𝔇, einen neuen Vector 𝔇 betrachten, den wir durch die Formel

4πV2𝔇=4πV2𝔇+[𝔭.] (IX)

definiren.

Wird irgend eine Grösse als Function von x, y, z und t' betrachtet, so bezeichnen wir, wie früher (§ 31), die partiellen Differentialquotienten mit

(x), (y), (z), t.

Es soll weiter, dieser Schreibweise gemäss, unter

Div 𝔄

der Ausdruck [83]

(𝔄xx)+(𝔄yy)+(𝔄zz),

und unter

Rot 𝔄

ein Vector mit den Componenten

(𝔄zy)(𝔄yz) u. s. w.

verstanden werden.

Die Einführung von t' und 𝔇 gewährt den Vortheil, dass, wie ich jetzt zeigen werde, die Gleichungen (Ic) — (Vc) dieselbe Gestalt annehmen, wie die für 𝔭=0 geltenden Formeln.

§ 57. Zunächst erhält man, unter Berücksichtigung der Formeln (35),

Div 𝔇=Div 𝔇1V2(𝔭x𝔇˙x+𝔭y𝔇˙y+𝔭z𝔇˙z),

oder nach (IIIc), wenn man in den mit 𝔭x,𝔭y,𝔭z multiplicirten Gliedern durch und Div durch Div' ersetzt,

Div 𝔇=Div 𝔇14πV2{𝔭x[Rot ]x+𝔭y[Rot ]y+𝔭z[Rot ]z}=
=Div 𝔇+14πV2Div [𝔭.]=Div 𝔇.

Die Gleichung (Ic) wird somit

Div 𝔇=0 (Id)

In ähnlicher Weise ist

Div =Div 1V2(𝔭x˙x+𝔭y˙y+𝔭z˙z)

d. h., nach (IVc),

Div =Div +1V2{𝔭x[Rot 𝔈]x+𝔭y[Rot 𝔈]y+𝔭z[Rot 𝔈]z}=
=Div 1V2Div[𝔭.𝔈]=Div ,

sodass sich für (IIc) schreiben lässt

Div =0 (IId)

Wenden wir uns jetzt der Formel (IIIc) zu. In diese sind [84] drei Gleichungen zusammengefasst, und zwar steht in der ersten derselben links der Ausdruck

'zy'yz.

Hierfür lässt sich, mit Rücksicht auf (35), schreiben

[Rot ]x1V2{𝔭y'zt𝔭z'yt},

und also für die Gleichung selbst

[Rot ]x=4π𝔇xt+1V2t{𝔭yz𝔭zy}=4π𝔇'xt.

Die beiden anderen Gleichungen lassen eine ähnliche Umformung zu, und es wird demnach

Rot =4π𝔇t (IIId)

Was ferner die erste der Gleichungen (IVc) betrifft, so geht diese, da

𝔈zy𝔈yz=[Rot 𝔈]x1V2{𝔭y𝔈zt𝔭z𝔈yt}

ist, über in

[Rot 𝔈]x=xt+1V2t{𝔭y𝔈z𝔭z𝔈y}='xt,

sodass (IVc) gleichbedeutend ist mit

Rot 𝔈=t (IVd)

Schliesslich folgt aus (Vc)

ϰ1𝔈x=4πV2𝔇'x, ϰ2𝔈y=4πV2𝔇'y, ϰ3𝔈z=4πV2𝔇'z (Vd)

§ 58. Um auch in die Grenzbedingungen die neuen Variablen einzuführen, fassen wir die Normale n für den betrachteten Punkt ins Auge, und ausserdem zwei zu einander und zu n senkrechte Richtungen h und k. Es soll dabei die Richtung n einer Rotation über einen rechten Winkel von h nach k entsprechen. Aus (IX) (§ 56) folgt sodann

4πV2𝔇'n=4πV2𝔇n+[𝔭.]n=4πV2𝔇n+[𝔭.]n=
=4πV2𝔇n+𝔭h'k𝔭k'h.

Da nun 𝔇n, 'k und 'h stetig sind, so muss auch 𝔇'n es sein.

[85] In ähnlicher Weise schliessen wir aus der Continuität von n, 𝔈h und 𝔈k, mittelst der aus (VIc) abzuleitenden Beziehung

'n=n1V2[𝔭.𝔈]n=n1V2[𝔭h𝔈k𝔭k𝔈h],

auf die Continuität von 'n.

Beachtet man auch die übrigen Gleichungen (VIIIc), so erhellt, dass sämmtliche Grenzbedingungen enthalten sind in den Formeln

𝔇'n(1)=𝔇'n(2), 𝔈h(1)=𝔈h(2), '(1)='(2), (VIIId)

worin jetzt h jede beliebige Richtung in der Grenzfläche sein kann.

§ 59. Die Gleichungen (Id)(Vd) und (VIIId) unterscheiden sich von den Gleichungen, welche nach § 52 für ruhende Körper gelten, nur dadurch, dass

t, 𝔇 und

an die Stelle von

t, 𝔇 und

getreten sind.

Diese Uebereinstimmung eröffnet uns einen Weg, Probleme über den Einfluss der Erdbewegung auf die optischen Erscheinungen sehr einfach zu behandeln.

Ist nämlich für ein System ruhender Körper ein Bewegungszustand bekannt, bei dem

𝔇x,𝔇y,𝔇z, 𝔈x,𝔈y,𝔈z, x,y,z. (69)

gewisse Functionen von x, y, z und t sind, so kann in demselben System, falls es sich mit der Geschwindigkeit 𝔭 verschiebt, ein Bewegungszustand bestehen, bei welchem

𝔇'x,𝔇'y,𝔇'z, 𝔈'x,𝔈'y,𝔈'z, 'x,'y,'z. (70)

eben dieselben Funktionen von x, y, z und t' [d. h. t1V2(𝔭xx+𝔭yy+𝔭zz)] sind.

Obgleich wir in den vorstehenden Betrachtungen den Coordinatenaxen die Richtungen der Symmetrieaxen gegeben haben, gilt der gefundene Satz für jedes rechtwinklige Coordinatensystem. Man wird das leicht erkennen, wenn man bedenkt, dass sich für die Ortszeit t' auch schreiben lässt

t𝔭rrV2,

wo r die vom Coordinatenursprunge nach dem Punkte (x, y, z) gezogene Linie bedeutet, und dass mithin t' unabhängig von der Richtung der Coordinatenaxen ist.

[86] Es mag übrigens daran erinnert werden, dass man bei dem beweglichen System unter x, y, z immer die Coordinaten in Bezug auf Axen, die an der Translation theilnehmen, zu verstehen hat.

Sind die Grössen (70) als Functionen von x, y, z und t' , also auch als Functionen von x, y, z und t, bekannt geworden, so lassen sich 𝔇x,𝔇y,𝔇z, x,y,z aus den Gleichungen (IX) und (VIc) berechnen.




Verschiedene Anwendungen.

§ 60. Wir wollen die beiden Bewegungszustände — im ruhenden und im bewegten System von Körpern —, von welchen soeben die Rede war, correspondirende Zustände nennen. Es sollen dieselben jetzt eingehender mit einander verglichen werden.

a. Sind in dem ruhenden System die Grössen (69) periodische Functionen von t mit der Periode T, so haben in dem anderen System die Grössen (70) dieselbe Periode in Bezug auf t' , also auch in Bezug auf t, wenn man x, y, z constant lässt. Bei der Deutung dieses Ergebnisses ist zu beachten, dass im Falle einer Translation zwei Perioden unterschieden werden müssen (vergl. §§ 37 und 38), die man füglich die absolute und die relative Periode nennen kann. Mit der absoluten hat man es zu thun, wenn man die zeitlichen Veränderungen in einem Punkte betrachtet, der eine feste Lage gegen den Aether hat, mit der relativen dagegen, wenn man einen Punkt ins Auge fasst, der sich mit der ponderablen Materie verschiebt. Das oben Gefundene lässt sich nun folgendermaassen ausdrücken:

Soll ein Schwingungszustand im bewegten System mit einem Zustande im ruhenden System correspondiren, so muss die relative Schwingungsdauer im erstgenannten Falle der Schwingungszeit im zweitgenannten Falle gleichkommen.

b. Es möge in dem ruhenden System an irgend einer Stelle keine Lichtbewegung stattfinden, d. h. es mögen daselbst 𝔇, 𝔈 und verschwinden. An der entsprechenden Stelle der bewegten Körper ist alsdann 𝔇=0, 𝔈=0, =0, somit auch 𝔇=0, =0, sodass dort die Lichtbewegung gleichfalls fehlt.

Es folgt hieraus unmittelbar, dass eine Fläche, die in einem ruhenden Körper die Begrenzung eines von Licht erfüllten Raumes bildet, [87] dieselbe Bedeutung haben kann, wenn sich der Körper verschiebt.

In einem ruhenden, homogenen Medium sind z. B. seitlich durch cylindrische Flächen begrenzte Lichtbündel möglich, vorausgesetzt nur, dass die Dimensionen der Querschnitte viel grösser als die Wellenlänge sind. Nach unserem Satze können auch in einem bewegten System derartige Bündel bestehen.

Die beschreibenden Linien der erwähnten cylindrischen Flächen nennen wir Lichtstrahlen, und im Falle einer Translation: relative Lichtstrahlen. Die Cylinder hat man sich nämlich als mit der ponderablen Materie fest verbunden zu denken; dieselben bilden somit die Bahnen für die Fortpflanzung des Lichtes, relativ zu jener Materie.

c. Es falle in dem ruhenden System ein cylindrisches Lichtbündel auf eine ebene Grenzfläche und werde dabei gespiegelt und gebrochen, — der Allgemeinheit halber wollen wir sagen: doppelt gebrochen. Die neuen Lichtbündel haben ebenfalls eine cylindrische Begrenzung. Wendet man nun das unter a und b Gesagte auf den correspondirenden Fall für das bewegte System an, so gelangt man zu dem Satze:

In dem bewegten System werden relative Lichtstrahlen von der relativen Schwingungsdauer T nach denselben Gesetzen gespiegelt und gebrochen, wie Strahlen von der Schwingungsdauer T im ruhenden System.

d. Es werde im ruhenden System ein beliebig gestalteter, durchsichtiger Körper von einem cylindrischen Lichtbündel getroffen, und es entstehe dadurch irgend eine Interferenz- oder Diffractionserscheinung. Treten hierbei dunkle Streifen auf, so müssen sich diese bei dem correspondirenden Zustande des bewegten Systems an genau denselben Stellen zeigen.

Ein extremer Fall einer Diffractionserscheinung ist die Vereinigung alles Lichtes in einem Brennpunkt. Nach obigem wird durch die Translation nichts geändert an den Gesetzen, nach welchen ein Lichtbündel von bestimmter cylindrischer Begrenzung durch ein Fernrohrobjectiv concentrirt wird.

e. Während bei correspondirenden Zuständen die seitliche Begrenzung der Lichtbündel dieselbe ist, haben die Wellennormalen verschiedene Richtungen. Gesetzt z. B., dass sich in dem ruhenden System ebene Wellen, deren Normale die Richtung (bx,by,bz) hat, mit der Geschwindigkeit W fortpflanzen, und dass [88] also hier die Abweichung vom Gleichgewichte eine Function von

tbxx+byy+bzzW

ist, treten für das bewegte System ähnliche Functionen von

tbxx+byy+bzzW=t{(bxW+𝔭xV2)x+(byW+𝔭yV2)y+(bzW+𝔭zV2)z}

auf. Die Richtungsconstanten b'x,b'y,b'z der Wellennormale werden also für dieses System bestimmt durch die Bedingung

b'x:b'y:b'z=(bx+W𝔭xV2):(by+W𝔭yV2):(bz+W𝔭zV2),

oder, falls es sich um eine Fortpflanzung im reinen Aether handelt, durch

b'x:b'y:b'z=(bx+𝔭xV):(by+𝔭yV):(bz+𝔭zV).

Aus dieser Gleichung ergibt sich umgekehrt

bx:by:bz=(b'x𝔭xV):(b'y𝔭yV):(b'z𝔭zV). (71)




Die Aberration des Lichtes.

§ 61. Es seien b'x,b'y,b'z die Richtungsconstanten der von einem ruhenden Himmelskörper nach der Erde gezogenen Linie, also auch die Richtungsconstanten der Normale zu den in der Nähe der Erde anlangenden ebenen Wellen. Wenn wir dann, um den weiteren Verlauf der Fortpflanzung zu untersuchen, die Lichtbewegung auf ein Coordinatensystem beziehen, das an der Bewegung der Erde theilnimmt, so bleiben natürlich die Richtungsconstanten der Wellennormale b'x,b'y,b'z, während als relative Schwingungsdauer T' (§ 37) die nach dem Doppler’schen Gesetze modificirte ins Spiel kommt. Wie wir sahen, wird nun die Bewegung, was die seitliche Begrenzung eines durch ein Diaphragma ausgeschnittenen Lichtbündels, die Concentration durch Linsen, und den Durchgang durch sonstige durchsichtige Körper betrifft, correspondiren mit einer Bewegung in einem ruhenden System, bei der die Schwingungszeit [89] T' ist, und die Normale zu den einfallenden Wellen die durch (71) bestimmten Richtungsconstanten bx,by,bz hat.

Alle Erscheinungen gehen mithin gerade so vor sich, als ob die Erde ruhte, die Schwingungsdauer T’ wäre, und der Himmelskörper, von der Erde aus gesehen, sich nicht in der Richtung (b'x,b'y,b'z), sondern in der Richtung (bx,by,bz) befände.

In diesem letzteren besteht nun eben die Aberration. Dass die Grösse und Richtung, welche wir für dieselbe finden, auch wirklich der bekannten, mit den Beobachtungen übereinstimmenden Regel entsprechen, ergibt sich sofort aus der Gleichung (71). Man erhält nämlich einen Vector von der Richtung (bx,by,bz), wenn man einen Vector von der Richtung (b'x,b'y,b'z), dessen Länge die Geschwindigkeit des Lichtes darstellt, mit einem zweiten zusammensetzt, welcher der Erdgeschwindigkeit 𝔭 gleich und entgegengesetzt ist.

Uebrigens liegt in unserem Satze auch die Erklärung dafür, dass sich bei der Beobachtung mit Linsensystemen immer die durch die soeben erwähnte Regel bestimmte Aberration herausstellt[1], ebenso die Erklärung für den bekannten Arago’schen Versuch[2] mit einem Prisma, und für das von Boscovich vorgeschlagene und von Airy[3] ausgeführte Experiment, bei welchem der Tubus eines Fernrohrs mit Wasser gefüllt war.




Beobachtungen mit Sonnenlicht.

§ 62. Die Bahn der Erde weicht so wenig von einem Kreise [90] ab, dass man, wenn es sich um Sonnenstrahlen handelt, die Geschwindigkeitscomponente 𝔭r, von welcher die Aenderung der Schwingungszeit abhängt (§ 37), vernachlässigen darf. Versuche mit diesen Strahlen müssen demnach so ausfallen, als ob die Erde ruhte, die Sonne sich in der durch die Aberration veränderten Richtung befände und dabei Lichtarten von derselben Schwingungsdauer aussendete, wie in Wirklichkeit[4].

Hieraus folgt unmittelbar, dass man in der für eine bestimmte Fraunhofer’sche Linie gemessenen Ablenkung bei der Brechung in einem Prisma, oder der Diffraction durch ein Gitter, keinen Einfluss der Erdbewegung verspüren wird, dass es also keinen Unterschied machen kann, ob die Richtung des auf das Prisma oder das Gitter fallenden Lichtes diesen oder jenen Winkel mit der Translation der Erde bildet. Was die Gitterspectra betrifft, so wurde dieses Resultat durch die sorgfältigen Versuche des Hrn. Mascart[5] bestätigt. Dieser Physiker hat überdies durch besondere Experimente[6] nachgewiesen, dass bei den genannten Spectra die Ablenkung für eine bestimmte Fraunhofer’sche Linie vollkommen übereinstimmt mit der Ablenkung für die entsprechenden Strahlen einer terrestrischen Lichtquelle[7].




Bewegte Lichtquellen.

§ 63. Oben, im § 61, wurde der Himmelskörper als ruhend vorausgesetzt. Indessen gelangt man auch für einen sich bewegenden Körper zu einem einfachen Resultat. Wir wissen bereits (§ 36), dass die Normale zu den die Erde erreichenden Wellen auf den Ort P hinweist, wo sich die Lichtquelle befand [91] in dem Augenblicke, da sie das Licht aussandte. Die Bewegung der Erde bewirkt nun, dass man den Stern nicht an dieser Stelle P, sondern in einer anderen Lage P' beobachtet, und zwar lässt sich die Verschiebung von P nach P' aus der gewöhnlichen Regel für die Aberration herleiten. Nach den Betrachtungen des § 61 liegt der Beweis auf der Hand.

Schliesslich zeigt eine einfache Figur, dass P' mit dem wahren Orte zur Beobachtungszeit zusammenfällt, sobald die Geschwindigkeit der Lichtquelle in Grösse und Richtung mit jener der Erde übereinstimmt.




Versuche mit irdischen Lichtquellen.

§ 64. Aus dem zuletzt gewonnenen Resultate folgt unmittelbar, dass man einen entfernten terrestrischen Gegenstand immer in der Richtung sehen wird, wo er sich wirklich befindet. Wir sahen auch schon, dass bei einer mit der Erde verbundenen Lichtquelle kein Unterschied zwischen der wahren und der beobachteten Schwingungszeit besteht.

Ueberhaupt wird nach unserer Theorie die Bewegung der Erde nie einen Einfluss erster Ordnung auf Versuche mit terrestrischen Lichtquellen haben.

Um diesen Satz zu begründen, wollen wir zunächst, unter Anwendung des Superpositionsprincips (§ 7), aus den Formeln des § 33 andere ableiten, welche für ein beliebiges System leuchtender Molecüle gelten. Wir nehmen dabei an, dass diese die gemeinschaftliche Translation 𝔭 haben, und wählen die durch (34) bestimmte Ortszeit t' und die relativen Coordinaten (§ 19) als unabhängige Variablen.

Es seien

(ξ1,η1,ζ1), (ξ2,η2,ζ2), u. s. w.

die Orte der Molecüle, und

𝔪x(1)=f1(t), 𝔪y(1)=g1(t), 𝔪z(1)=h1(t),𝔪x(2)=f2(t), 𝔪y(2)=g2(t), 𝔪z(2)=h2(t),u. s. w.,} (72)

oder [92]

𝔪x(1)=f1(t𝔭xV2ξ1𝔭yV2η1𝔭zV2ζ1), u. s. w.,𝔪x(2)=f2(t𝔭xV2ξ2𝔭yV2η2𝔭zV2ζ2), u. s. w.,u. s. w.} (73)

die in denselben bestehenden electrischen Momente.

Der Zustand, den ein einzelnes Molecül in dem Punkte (x, y, z) des Aethers hervorruft, wird bestimmt durch die Gleichungen (39) und (40). Die letztere wollen wir, um später den Satz des § 59 bequemer anwenden zu können, noch dadurch umformen, dass wir auch für den Aether die Bezeichnungen 𝔇 und 𝔇 einführen. Für dieses Medium ist, wie wir wissen, 𝔇 gleichbedeutend mit 𝔡, und also, nach (IX) (§ 56), 4πV2𝔇 gleichbedeutend mit

4πV2𝔡+[𝔭.].

Vermöge der Gleichung (Vb) dürfen wir also in (40) 𝔉 durch 4πV2𝔇 ersetzen.

Bezeichnen wir nun weiter durch Σ eine Summe von Gliedern, deren jedes von einem der leuchtenden Molecüle herrührt, so erhalten wir aus (39) und (40) folgende Formeln für den durch die Ionenschwingungen (72) in dem Aether hervorgerufenen Zustand:

'x=t(y)'{(mzr)}t(z)'{(𝔪yr)}, u. s. w.,4π𝔇'x=(Sx)'Δ{(𝔪xr)}, u. s. w.,S=(x)'{(𝔪xr)}+(y)'{(𝔪yr)}+(z)'{(𝔪zr)}.} (74)

Hierin bedeutet r die Entfernung des Punktes (x, y, z) von dem Orte (ξ,η,ζ) eines der leuchtenden Molecüle, während 𝔪x,𝔪y,𝔪z die Momente dieses Molecüls zur Ortszeit trV darstellen. Die beiden ersten Glieder der Summe

(𝔪xr)

sind z. B. [93]

1r1f1(tr1V) und 1r2f2(tr2V),

wenn r1 und r2 die Abstände zwischen (x, y, z) und den beiden ersten Molecülen sind.

§ 65. Aus den vorstehenden Formeln ergeben sich sofort andere, welche für eine ruhende Lichtquelle gelten, wenn man einfach alle Accente streicht. Bestehen in diesem Fall in den leuchtenden Molecülen die Momente

𝔪x(1)=f1(t), 𝔪y(1)=g1(t), 𝔪z(1)=h1(t),𝔪x(2)=f2(t), 𝔪y(2)=g2(t), 𝔪z(2)=h2(t),u. s. w.,} (75)

so hat man in dem Aether

x=ty{(𝔪zr)}tz{(𝔪yr)}, u. s. w.,4π𝔇x=SxΔ{(𝔪xr)}, u. s. w.,S=x{(𝔪xr)}+y{(𝔪yr)}+z{(𝔪zr)},} (76)

worin jetzt 𝔪x,𝔪y,𝔪z die Momente eines Molecüls zur Zeit trV bedeuten, sodass z. B. die zwei ersten Glieder der Summe

(𝔪xr)

die Werthe

1r1f1(tr1V) und 1r2f2(tr2V)

haben.

Natürlich sind jetzt ξ,η,ζ, x, y, z die auf ruhende Axen bezogenen Coordinaten.

§ 66. Es sollen die beiden in den §§ 64 und 65 betrachteten Fälle (mit und ohne Translation) mit einander verglichen werden. Dabei denken wir uns, dass in den beiden Fällen die räumliche Anordnung der leuchtenden Molecüle dieselbe sei, dass also alle ξ,η,ζ dieselben Werthe haben; wir nehmen dieses letztere auch für x, y, z an, was darauf hinauskommt, dass wir den Zustand des Aethers in einem Punkte betrachten, [94] der eine bestimmte Lage in Bezug auf die Lichtquelle hat. Endlich verstehen wir unter f1,g1,h1,f2, u. s. w. in beiden Fällen dieselben Functionszeichen.

Ein Blick auf die Formeln (74) und (76) lässt nun erkennen, dass wir es hier mit correspondirenden Zuständen zu thun haben, auf welche der Satz des § 59 anwendbar ist. Fällt also das Licht auf einen undurchsichtigen Schirm mit einer Oeffnung, so wird die Abgrenzung von Licht und Schatten, oder die Lage dunkler Diffractionsstreifen hinter demselben, in beiden Fällen dieselbe sein. Ebenso wenig wird sich ein Unterschied in der räumlichen Vertheilung von Licht und Dunkel zeigen, wenn die Strahlen an einem beliebigen durchsichtigen Körper gespiegelt oder gebrochen werden, eine Linse dieselben concentrirt, oder irgend eine Interferenzerscheinung auftritt. Kurz, alle optischen Versuche werden in beiden Fällen zu genau demselben Ergebniss führen.

Freilich sind die in der Lichtquelle selbst vorhandenen Bewegungen, die diese correspondirenden Zustände hervorbringen, nicht ganz dieselben. In dem einen Falle werden sie durch (73), und in dem anderen Falle durch (75) bestimmt. Setzt man

f1(t𝔭xV2ξ1𝔭yV2η1𝔭zV2ζ1)=f1(t), u. s. w.,

so darf man also auch sagen:

Eine sich verschiebende Lichtquelle, in welcher die durch

𝔪x(1)=f1(t), 𝔪y(1)=g1(t), 𝔪z(1)=h1(t),u. s. w.} (77)

dargestellten Ionenbewegungen stattfinden, bringt dieselben Erscheinungen hervor, wie eine ruhende Lichtquelle, für welche die Formeln

𝔪x(1)=f1(t+𝔭xV2ξ1+𝔭yV2η1+𝔭zV2ζ1),𝔪y(1)=g1(t+𝔭xV2ξ1+𝔭yV2η1+𝔭zV2ζ1),u. s. w.} (78)

gelten.

Handelt es sich um Schwingungen, so reducirt sich der [95] Unterschied zwischen (77) und (78) auf eine Veränderung der Phasen, und zwar wird diese für ein beliebiges Molecül durch

𝔭xV2ξ+𝔭yV2η+𝔭zV2ζ

bestimmt, ist demnach für die verschiedenen Molecüle nicht gleich.

Es ist nun zu beachten, dass die Molecüle einer Lichtquelle, z. B. einer Flamme, als gänzlich unabhängig von einander betrachtet werden müssen, sodass, wie man es gewöhnlich ausdrückt, die von zweien dieser Theilchen ausgesandten Strahlen nicht mit einander interferiren können. Daraus folgt, dass beliebige Aenderungen in den Phasen der einzelnen Molecüle keinen Einfluss auf die wahrnehmbaren Erscheinungen haben können. Die ruhende Lichtquelle mit den Bewegungen (78) wird nichts anderes ergeben als eine ebenfalls ruhende Quelle mit den Bewegungen (77), und so dürfen wir behaupten:

Ertheilt man einer Lichtquelle eine Translation, ohne etwas an den Schwingungen ihrer Ionen zu ändern, so bleiben die wahrnehmbaren Erscheinungen in fest mit derselben verbundenen Körpern so, wie sie waren.

§ 67. Zahlreiche Versuche haben bewiesen, dass bei Benutzung irdischer Lichtquellen die Erscheinungen in der That unabhängig von der Orientirung der Apparate in Bezug auf die Bewegungsrichtung der Erde sind. Es gehören hierher die Beobachtungen von Respighi[8], Hoek[9], Ketteler[10] und Mascart[11] über die Brechung, ebenso die Experimente der drei zuletzt genannten Physiker über Interferenzerscheinungen[12]. Hrn. Ketteler verdankt man auch eine Untersuchung über die innere Reflexion und die Refraction bei Kalkspathprismen[13], und [96] Hrn. Mascart eine Arbeit[14] über die Interferenzstreifen, die sich bei Kalkspathplatten im polarisirten Lichte zeigen.




Die Mitführung der Lichtwellen durch die ponderable Materie.

§ 68. In einem ruhenden, isotropen oder anisotropen Körper pflanze sich ein Bündel ebener Wellen fort, bei welchem sich die Componenten von 𝔇 und durch Ausdrücke von der Form

A cos2πT(tbxx+byy+bzzW+B) (79)

darstellen lassen; es ist alsdann W die Fortpflanzungsgeschwindigkeit. Diese Grösse kann von bx,by,bz, und T abhängen. Nachdem man dem Körper eine Geschwindigkeit 𝔭 ertheilt hat, kann, wie wir sahen (§ 59), in demselben ein Bewegungszustand bestehen, für welchen Ausdrücke wie

A cos2πT(tbxx+byy+bzzW+B),

oder

A cos2πT{t𝔭xx+𝔭yy+𝔭zzV2bxx+byy+bzzW+B} (80)

gelten. Die Richtungsconstanten b'x,b'y,b'z der Wellennormale sind jetzt den Grössen

bxW+𝔭xV2, byW+𝔭yV2, bzW+𝔭zV2

proportional. Setzen wir demgemäss

bxW+𝔭xV2=b'xW, byW+𝔭yV2=b'yW, bzW+𝔭zV2=b'zW, (81)

so wird (80)

A cos2πT{tb'xx+b'yy+b'zzW+B},

woraus man ersieht, dass W' die Geschwindigkeit ist, mit der sich Wellen von der relativen Schwingungsdauer T nach der [97] Richtung (b'x,b'y,b'z) in dem bewegten Körper fortpflanzen.

Aus (81) findet man

1W'2=1W2+2bx𝔭x+by𝔭y+bz𝔭zW V2,

und hierfür lässt sich auch, unter Vernachlässigung von Grössen zweiter Ordnung, schreiben

1W'2=1W2+2b'x𝔭x+b'y𝔭y+b'z𝔭zW V2=1W2+2pnW V2.

Es ist hier 𝔭n, die Componente der Geschwindigkeit nach der Richtung der Wellennormale, auf welche sich W' bezieht. Schliesslich wird

W=W𝔭nW2V2 (82)

§ 69. So lange war die Untersuchung allgemein. Es soll jetzt angenommen werden, der Körper sei isotrop. Die Geschwindigkeit W ist dann unabhängig von der Richtung der Wellen, und auch das Verhältniss

VW=N,

der absolute Brechungsindex des ruhenden Körpers, hängt nur noch von T ab.

Bei der Deutung der Formel (82), die jetzt übergeht in

W=W𝔭nN2, (83)

ist daran zu erinnern, dass wir der Beschreibung der Erscheinungen fortwährend ein Coordinatensystem zu Grunde gelegt haben, das sich mit der ponderablen Materie verschiebt. Es ist also (83) die Geschwindigkeit der Lichtwellen, relativ zu dieser Materie. Wünscht man die relative Geschwindigkeit W" in Beziehung auf den Aether zu kennen, so hat man die Geschwindigkeit (83), welche die Richtung der Wellennormale hat, zusammenzusetzen mit der in eben diese Richtung fallenden Componente 𝔭n der Translationsgeschwindigkeit. Man erhält hierdurch

W=W+(11N2)𝔭n, (84)

was mit der bekannten Annahme Fresnel’s übereinstimmt.

[98] Es möge zu diesem Resultate noch zweierlei bemerkt werden. Erstens gilt die gegebene Ableitung für jeden Werth von T, also für jede Lichtart, und zweitens ist das so zu verstehen, dass die Substitution der Werthe von N und W, welche in dem ruhenden Körper zu einem bestimmten T gehören, den Werth von W" für die relative Schwingungsdauer T liefert[15].

§ 70. Ist der betrachtete Körper doppelbrechend, so darf nicht vergessen werden, dass sich W und W' in dar Gleichung (82) auf verschiedene Richtungen der Wellennormale beziehen, nämlich W auf die Richtung (bx,by,bz), und W' auf die Richtung (b'x,b'y,b'z). Ueber die Frage, wie sich für eine gegebene Richtung der Wellen die Geschwindigkeiten im ruhenden und im bewegten Körper von einander unterscheiden, gibt die Gleichung nicht unmittelbar Aufschluss. Zu einem einfachen Satze führt indessen die Einführung der Lichtstrahlen.

In einem ruhenden doppelbrechenden Körper gehört zu jeder Richtung der Wellennormale (sobald man eine der beiden möglichen Schwingungsrichtungen gewählt hat) eine bestimmte Richtung für die Lichtstrahlen, d. h. für die beschreibenden Linien einer cylindrischen Grenzfläche eines Lichtbündels. Für die Punkte einer solchen Linie ist nun, wenn cx,cy,cz die Richtungsconstanten sind, und s die Entfernung von einem festen Punkte (x0,y0,z0) der Linie bedeutet,

x=x0+cxs, y=y0+cys, z=z0+czs (85)

Dadurch verwandelt sich, wenn man

Wbxcx+bycy+bzcz=U

setzt und unter B' eine neue Constante versteht, der Ausdruck (79) in

A cos2πT(tsU+B).

[99] Die Grösse U ist das, was man gewöhnlich die Geschwindigkeit des Lichtstrahls nennt.

Geht man jetzt zu der correspondirenden Bewegung in dem fortschreitenden Körper über, so bleibt (§ 60, b) die betrachtete Linie ein Lichtstrahl, und man erhält zur Bestimmung der Abweichungen vom Gleichgewichte in den verschiedenen Punkten desselben Ausdrücke wie

A cos2πT(tsU+B),

oder, nach (34) und (85),

A cos2πT(t𝔭ssV2sU+B), (86)

worin 𝔭s die Componente von 𝔭 in der Richtung des Lichtstrahles ist, während die neue Constante B" den Werth

B𝔭xx0+𝔭yy0+𝔭zz0V2

hat.

Der Ausdruck (86) geht über in

A cos2πT(tsU+B),

und es ist mithin U' die Geschwindigkeit des Lichtstrahls in dem bewegten Körper, wenn man

1U=1U+𝔭sV2

setzt.

Hieraus folgern wir

U=U𝔭sU2V2, (87)

eine der Gestalt nach mit (82) übereinstimmende Formel, in der sich jetzt U und U' auf Lichtstrahlen von derselben Richtung beziehen.

§ 71. Die Formel (84) hat eine schöne Bestätigung gefunden durch die zuerst von Hrn. Fizeau ausgeführten und später [100] von den Herren Michelson und Morley[16] wiederholten Versuche über die Fortpflanzung des Lichtes in strömendem Wasser. Die Anordnung derselben dürfte wohl zur Genüge bekannt sein, sodass wir uns darauf beschränken können, die Ergebnisse noch etwas eingehender, als es gewöhnlich geschieht, mit der Theorie zu vergleichen.

Um die Formel (82) anzuwenden, hat man zunächst aus den Versuchsbedingungen die relative Periode abzuleiten, und sodann aus der Dispersionsformel für ruhendes Wasser den dieser Periode entsprechenden Brechungsexponenten N. Der auf diese Weise berechnete Werth von V/N ist dann schliesslich in (82) für W zu substituiren. Was nun aber jene relative Periode betrifft, so ist eine nähere Betrachtung erforderlich.

Bekanntlich kamen bei den Experimenten zwei neben einander liegende, mit Glasplatten verschlossene Röhren in Anwendung, durch welche das Wasser mit derselben Geschwindigkeit, aber in entgegengesetzter Richtung floss; da die zur Ein- und Ausführung des Stromes dienenden Ansatzröhren sich ganz nahe an den Enden befanden, so darf man annehmen, dass an allen Stellen, wenigstens in dem mittleren Theile des Querschnitts, dieselbe Geschwindigkeit 𝔭 bestanden habe[17]. Die beiden Lichtbündel, die mit einander interferiren sollten, durchliefen den Apparat nun so, dass sich das eine in den beiden Röhren in der Richtung des Wasserstromes, und das andere stets in entgegengesetzter Richtung fortpflanzte.

Wir fassen jetzt einen festen Punkt P im Innern einer der Röhren ins Auge. Die Bedingungen, unter denen sich das Licht von der Quelle zu diesem Punkte fortpflanzt, bleiben offenbar — wenn der Wasserstrom stationär ist — fortwährend dieselben, und zwar gilt das für die beiden Wege, auf welchen die Strahlen den Punkt P erreichen können. Impulse, die mit gewissen Zwischenzeiten von der Quelle ausgehen, werden mit denselben Zwischenzeiten in P anlangen, und wenn T die [101] Schwingungszeit der Lichtquelle ist, so ist dieses auch die absolute Schwingungsdauer in P.

Daraus folgt dann für die auf das Wasser bezogene relative Schwingungsdauer

(1±𝔭W)T, (88)

worin eben W' die gesuchte Geschwindigkeit der Wellen ist, während, wie auch in den weitern Formeln, das obere oder das untere Zeichen anzuwenden ist, je nachdem sich das betrachtete Lichtbündel in der Richtung der Wasserbewegung, oder in der entgegengesetzten fortpflanzt.

Wir vernachlässigen stets Grössen zweiter Ordnung und dürfen somit statt (88) auch setzen

(1±𝔭W)T (89)

Unter dem W in der Gleichung (82) — und auch in diesem Ausdrucke (89) selbst — ist nun der Werth zu verstehen, der in dem ruhenden Körper zu der Periode (89) gehört. Der entsprechende Brechungsexponent ist

n±𝔭WTdndT,

falls man den Brechungsexponenten für die Periode T durch n bezeichnet; es ist demnach zu substituiren

W=Vn±𝔭WTdndT=Vn𝔭n2VWTdndT,

oder, wenn man in dem letzten Gliede W durch Vn ersetzt,

W=Vn𝔭nTdndT.

Weiter ist in (82)

𝔭n=±𝔭,

sodass man findet

W=Vn𝔭n2𝔭nTdndT,

und für die relative Geschwindigkeit in Bezug auf den Aether, also auch in Bezug auf die Schliessplatten der Röhren,

W=Vn±𝔭(11n2)𝔭nTdndT (90)

[102] § 72. Die genannten Physiker haben ihre Beobachtungen nicht mit dieser Formel verglichen, sondern mit einer anderen, in der das letzte Glied fehlt; es zeigte sich dabei eine sehr befriedigende Uebereinstimmung. Setzt man nämlich

W=Vn±𝔭ε,

so lässt sich der Coefficient ε aus den Versuchen ableiten. Während nun die Herrn Michelson und Morley auf diese Weise fanden

ε=0,434,

„with a possible error of ±0,02“, hat 11n2 für D-Licht den Werth 0,438.

Nach unserer Theorie sollte

ε=11n21nTdndT

sein, oder, wenn man n als Function der Wellenlänge λ in Luft betrachtet,

ε=11n21nλdndλ.

Dies wird für die Fraunhofer’sche Linie D

0,451.

Die Formel (90) entfernt sich also etwas weiter von den Beobachtungen als die einfachere Gleichung

W=Vn±𝔭(11n2); (91)

indessen sind die Beobachtungen wohl nicht so genau gewesen, dass man auf diesen Umstand Gewicht legen dürfte.

Sollte es gelingen, was zwar schwierig, aber nicht unmöglich scheint, experimentell zwischen den Gleichungen (90) und (91) zu entscheiden, und sollte sich dabei die erstere bewähren, so hätte man gleichsam die Doppler’sche Veränderung der Schwingungsdauer für eine künstlich erzeugte Geschwindigkeit beobachtet. Es ist ja nur unter Berücksichtigung dieser Veränderung, dass wir die Gleichung (90) abgeleitet haben.

§ 73. Eine wie wichtige Rolle die Formel (84) in der Theorie der Aberration und der damit zusammenhängenden Erscheinungen [103] spielt, braucht hier wohl kaum in Erinnerung gebracht zu werden. Fresnel gründete seine Erklärung des Arago’schen Prismenversuchs auf den Werth 11N2 des Fortführungscoefficienten. Spätere Forscher haben die Gleichung auf viele andere Fälle angewandt und aus derselben abgeleitet, dass die Bewegung der Erde bei den meisten Versuchen mit irdischen Lichtquellen ohne Einfluss ist, und dass Versuche mit dem Lichte eines Himmelskörpers so ausfallen müssen, als ob die durch die Aberration veränderte Richtung die wirkliche wäre. Wie einfach sich die theoretischen Betrachtungen gestalten, wenn man nicht die Richtung der Wellen, sondern den Gang der Lichtstrahlen ins Auge fasst, habe ich, nach dem Beispiele des Hrn. Veltmann[18] in meiner Abhandlung vom Jahre 1887 dargethan[19]. Ich beschränkte mich damals auf isotrope Körper, da es mir noch nicht bekannt war, wie das Fresnel’sche Gesetz für Krystalle zu erweitern sei. Jetzt, da es sich gezeigt hat, dass die Fortpflanzungsgeschwindigkeiten der Lichtstrahlen in diesen Körpern dem einfachen, in der Formel (87) ausgedrückten Gesetze gehorchen, ist es leicht nachzuweisen, dass auch die doppelte Brechung der Strahlen unabhängig von der Erdbewegung ist[20]. Man kann zu diesem Zwecke von einem einfachen, aus dem Huygens’schen Princip folgenden Satz ausgehen, den ich mir erlaube, hier noch kurz anzuführen.

Es seien A und B zwei beliebige, etwa in verschiedenen, an einander grenzenden Medien liegende Punkte. Von dem einen zum anderen kann im allgemeinen nur eine beschränkte Anzahl von Lichtstrahlen gehen. Bildet man nun für einen solchen Strahl, sowie für andere wenig davon abweichende Wege zwischen A und B, das Integral

dsU,

in dem U die Geschwindigkeit für einen dem Linienelemente ds [104] folgenden Lichtstrahl bedeutet, so ist nach dem besagten Satze das Integral für den Lichtstrahl ein Minimum.

Ich will hier jedoch weder auf diese Betrachtungen, noch auf weitere Anwendungen der Formeln (82) und (87) näher eingehen, da wir die Frage nach dem Einfluss der Erdbewegung in verschiedenen Fällen bereits oben in viel einfacherer Weise erledigt haben.




Nähere Betrachtung von Lichtbündeln mit ebenen Wellen.

§ 74. In den Anwendungen des allgemeinen, im § 59 gefundenen Satzes habe ich mich immer möglichst kurz gefasst und bin nicht mehr ins einzelne gegangen, als es gerade nothwendig war. Zur weiteren Erläuterung scheint es jedoch angemessen, an einigen Beispielen zu zeigen, wie sich auch alle Einzelheiten der Lichtbewegungen aus jenem Satze ergeben.

Wir betrachten zunächst ein Lichtbündel mit ebenen Wellen, das sich im Aether fortpflanzt, nachdem es durch eine weitere Oeffnung in einem undurchsichtigen, mit der Erde verbundenen Schirme hindurchgegangen ist. Für einen Augenblick sehen wir noch von der Bewegung der Erde ab. Es seien:

l, m, n die Richtungsconstanten der Wellennormale,
q eine Constante,
f, g, h die Richtungsconstanten der dielectrischen Verschiebung,
a die „Amplitude“ dieser letzteren.

Es lässt sich sodann die Lichtbewegung darstellen durch die Gleichungen

𝔡x=af cosψ, 𝔡y=ag cosψ, 𝔡z=ah cosψ, (92)
x=4πaV(mhng)cosψ, y=4πaV(nflh)cosψ,

z=4πaV(lgmf)cosψ,

(93)
ψ=2πT(tlx+my+nzV+q), (94)

[105] mit der Bedingung

lf+mg+nh=0. (95)

Man sieht leicht, dass diese Werthe allen Bewegungsgleichungen genügen. Die Vectoren 𝔡 und stehen senkrecht auf einander und auf der Wellennormale; die Richtung der Lichtstrahlen (§ 60, b) fällt mit letzterer zusammen.

§ 75. Bewegt sich die Erde, so ist nach dem Satze des § 59 ein Zustand möglich, der, auf ein bewegliches Coordinatensystem bezogen, dargestellt wird durch

𝔡'x=af cosψ, 𝔡'y=ag cosψ, 𝔡'z=ah cosψ, (96)
'x=4πaV(mhng)cosψ, 'y=4πaV(nflh)cosψ,

'z=4πaV(lgmf)cosψ,

(97)
ψ=2πT(t𝔭xx+𝔭yy+𝔭zzV2lx+mynzV+q). (98)

Unter 𝔡' ist hier der durch (IX) (§ 56) definirte Vector 𝔇 für den reinen Aether zu verstehen.

Während die Lichtstrahlen, welche die seitliche Begrenzung des Bündels bestimmen, noch immer die Richtung (l, m, n) haben, weicht die Wellennormale von derselben ab. Ihre Richtungsconstanten l', m', n' genügen, wie man aus (98) ersieht, den Bedingungen

l:m:n=(l+𝔭xV):(m+𝔭yV):(n+𝔭zV).

Wir werden wieder alle Grössen zweiter Ordnung vernachlässigen. Dann wird, indem wir die Componente von 𝔭 in der Richtung der Strahlen durch 𝔭s bezeichnen,

l(1+𝔭sV)=l+𝔭xV, u. s. w., (99)

wodurch sich (98) verwandelt in

ψ=2πT{t(1+𝔭sV)lx+mynzV+q}.

Während jetzt T die relative Schwingungsdauer ist, findet man für die absolute (§§ 60 und 37)

T=T(1𝔭sV).

[106] Zur Bestimmung von 𝔡 und können die Formeln (IX) (§ 56) und (VIb) (§ 20) dienen, welche wir durch

4πV2𝔡=4πV2𝔡[𝔭.]

und

=+4π[𝔭.𝔡]

ersetzen dürfen.

Es ergibt sich

𝔡x=a{f𝔭yV(lgmf)+𝔭zV(nflh)}cosψ, u. s. w., (100)
x=4πa{V(mhng)+(𝔭yh𝔭zg)}cosψ, u. s. w., (101)

oder, wenn man nach (99)

𝔭xV=l(1+𝔭sV)l, u. s. w.

setzt und (95) berücksichtigt,

𝔡x=a(1+𝔭sV){m(lgmf)+n(nflh)}cosψ, u. s. w., (102)
x=4πaV(1+𝔭sV)(mhng)cosψ, u. s. w.

Man ersieht hieraus, dass 𝔡 und beide senkrecht zur Wellennormale stehen, wie es auch nicht anders zu erwarten war. Ueberdies stehen die beiden Vectoren senkrecht auf einander, was man am einfachsten erkennt, wenn man (100) durch

𝔡x=a{f𝔭yV(lgmf)+𝔭zV(nflh)}cosψ, u. s. w.

ersetzt

Wir können nun weiter schliessen, dass der in dem Poynting’schen Theorem vorkommende Vector [𝔡.] mit der Wellennormale zusammenfällt. Man überzeugt sich leicht, dass er die Richtung hat, in der die Wellen sich fortpflanzen, und findet für seine Grösse

4πa2(V+2𝔭s)cos2ψ.

Der Energiestrom durch eine den Wellen parallele Ebene beträgt also für die Flächen- und Zeiteinheit

4πa2V2(V+2𝔭s)cos2ψ (103)

§ 76. Aus einem Lichtbündel wie dem oben betrachteten können durch Brechung oder Spiegelung an ebenen Grenzflächen [107] andere derselben Art entstehen. Wir betrachten hier nur solche, die sich wiederum im Aether fortpflanzen, und stellen für den Fall, dass die Erde ruht, eines der Bündel, welche aus der im § 74 betrachteten einfallenden Bewegung hervorgehen, durch folgende Formeln dar

𝔡x(1)=a1f1 cosψ1, 𝔡y(1)=a1g1 cosψ1, 𝔡z(1)=a1h1 cosψ1,

x(1)=4πa1V(m1h1n1g1)cosψ1, u. s. w.,

ψ1=2πT(tl1x+m1y+n1zV+q1).

§ 77. Mit dieser Bewegung wird nun diejenige correspondiren, welche, falls die Erde mitsammt dem reflectirenden oder brechenden Körper sich bewegt, aus dem durch (96)-(98) dargestellten Lichte hervorgeht. Für diesen neuen Bewegungszustand dürfen wir mithin schreiben

𝔡'x(1)=a1f1 cosψ'1, 𝔡'y(1)=a1g1 cosψ'1, 𝔡'z(1)=a1h1 cosψ'1,

'x(1)=4πa1V(m1h1n1g1)cosψ'1, u. s. w.,

ψ'1=2πT(t𝔭xx+𝔭yy+𝔭zzV2l1x+m1y+n1zV+q1),

woraus dann wieder folgt — vergl. (100) und (101) —

𝔡x(1)=a1{f1𝔭yV(l1g1m1f1)+𝔭zV(n1f1l1h1)}cosψ'1, u. s. w.,

x(1)=4πa1{V(m1h1n1g1)+(𝔭yh1𝔭zg1)}cosψ'1, u. s. w.

In diesen Gleichungen bestimmen l1,m1,n1 die Richtung der Strahlen, die wir auch durch s1 bezeichnen wollen.

§ 78. Bei der Spiegelung oder Brechung wird nun im allgemeinen die absolute Periode geändert, während, wie sich fast von selbst versteht und auch in unseren Formeln ausgedrückt wird, die relative Periode für alle in Betracht kommenden Lichtbündel dieselbe ist. Die absolute Periode der einfallenden Bewegung ist (§ 75)

T(1𝔭sV).

Desgleichen wird dieselbe für das im vorhergehenden Paragraphen betrachtete Bündel

T(1𝔭s1V).

[108] Sie hat sich mithin im Verhältniss von 1 zu 1+𝔭s𝔭s1V geändert.

Fallen z. B. Strahlen senkrecht auf eine Platte, die in der Richtung ihrer Normale mit der Geschwindigkeit 𝔭 zurückweicht, so ist für das einfallende Licht 𝔭s=𝔭, und für das reflectirte 𝔭s1=𝔭. Die Veränderung der absoluten Schwingungsdauer bei der Reflexion wird sonach durch die Verhältnisszahl 1+2𝔭V bestimmt.

Auch in dem Verhältniss zwischen den Amplituden des einfallenden und des gespiegelten oder gebrochenen Lichtes zeigt sich ein Einfluss der Erdbewegung. Die Amplitude der dielectrischen Verschiebung 𝔡 ist nämlich bei den in den §§ 74, 75, 76 und 77 betrachteten Bewegungszuständen

a, a(1+𝔭sV), a1, a1(1+𝔭s1V).

Das soeben erwähnte Verhältniss ist

a1a,

falls die Erde ruht, und

a1a(1+𝔭s1𝔭sV),

wenn sie sich bewegt.

In dem oben behandelten Fall, dass die Strahlen senkrecht auf eine zurückweichende Platte fallen, wird der letztere Ausdruck

a1a(12𝔭V);

das reflectirte Licht wird also durch die Bewegung der Platte geschwächt. Natürlich würde die entgegengesetzte Bewegung es verstärken.

Es entsteht nun die wichtige Frage, ob diese Intensitätsveränderungen mit dem Gesetze von der Erhaltung der Energie verträglich sind. Um hierüber zu entscheiden, hat man zu berücksichtigen, dass der Aether, infolge der Lichtbewegung, mit gewissen Kräften auf den spiegelnden oder brechenden Körper [109] wirkt (§ 17), und dass diese Kräfte eine Arbeit leisten, sobald sich der Körper mit der Geschwindigkeit 𝔭 verschiebt.

Man denke sich nun einen durchsichtigen, von ebenen Flächen begrenzten und rings vom Aether umgebenen Körper K, auf den ein System ebener Wellen fällt, und von dem also wieder reflectirte und gebrochene Lichtbündel ausgehen. Man lege um denselben eine feststehende, geschlossene Fläche σ, und berechne für ein Zeitintervall, das der relativen Periode T gleich ist,

1°. die Energiemenge A, die durch σ mehr ein- als auswandert,

2°. den Zuwachs B der innerhalb der Fläche befindlichen electrischen Energie, und

3°. die Arbeit C der obengenannten Kräfte.

Zur Vereinfachung nehme man dabei an, dass die Amplituden constant seien, und dass der Körper fortwährend in derselben Weise von den Strahlen getroffen werde, was der Fall ist, wenn die Lichtquelle, oder das zur Abgrenzung eines Bündels Sonnenlicht dienende Diaphragma an der Translation von K theilnimmt. Nach Ablauf der Zeit T hat dann die Energie in diesem Körper selbst wieder den anfänglichen Werth, und es würde sich sogar die in σ enthaltene Energie gar nicht geändert haben, wenn sich auch die Fläche mit der Geschwindigkeit 𝔭 verschoben hätte. Bei der Berechnung von B kommt demnach nur die Energie in gewissen, in der unmittelbaren Nähe von σ liegenden Raumtheilen in Betracht.

Man wird schliesslich finden

A=B+C, (104)

womit dann bewiesen ist, dass wir bei unseren Entwicklungen immer mit dem Energiegesetze in Uebereinstimmung geblieben sind.

Ich will mich mit der Verification der Gleichung (104) jedoch nicht aufhalten, da es vorzuziehen sein dürfte, die Frage allgemeiner zu behandeln.



[110]
Die Erhaltung der Energie in einem allgemeineren Falle.

§ 79. Ein beliebiger durchsichtiger Körper K werde von einer homogenen Lichtbewegung, deren Intensität constant bleibt, getroffen; in dem Körper und in dem Aether in dessen Nähe entsteht dann eine bestimmte Bewegung.

Dabei sind, wenn zunächst die Erde als ruhend gedacht wird, die Componenten von 𝔡 und im Aether gewisse Functionen von x, y, z, t, und zwar, was die letzte Variable betrifft, goniometrische Functionen mit der Periode T. Während einer vollen Periode, etwa in dem Zeitintervall von t0T bis t0, müssen gleiche Quantitäten Energie durch eine beliebige, den Körper umschliessende Fläche σ aus- und einwandern, was sich nach dem Poynting’schen Theorem ausdrücken lässt durch

t0Tt0dt[𝔡.]ndσ=0 (105)

Indem wir annehmen, dass diese Bedingung erfüllt sei, wollen wir zeigen, dass auch der mit dem obigen correspondirende Bewegungszustand, der im Falle einer Translation 𝔭 bestehen kann, dem Energiegesetze genügt.

Ersetzt man in den Functionen, welche bei ruhender Erde für 𝔡x, x, u. s. w. gelten, die Zeit t durch die „Ortszeit“ t' (§ 31) und versteht in jenen Functionen unter x, y, z die Coordinaten in Bezug auf ein bewegliches System, so erhält man die Werthe von 𝔡'x, 'x, u. s. w. für den neuen Zustand. Aus (105) folgt also unmittelbar, dass

t0Tt0dt[𝔡.]ndσ=0 (106)

ist, vorausgesetzt, dass man für σ eine Fläche wählt, die an der Bewegung des Körpers theilnimmt.

§ 80. Es soll nun aber die Wanderung der Energie durch eine feststehende Fläche σ betrachtet werden. Der auf die Einheit derselben bezogene Energiestrom ist

V2[𝔭.]n,

oder, wie man aus den Formeln (IX) und (VIb) (§§ 56 und 20), [111] unter fortwährender Vernachlässigung der Grössen zweiter Ordnung, findet

V2[𝔡.]n+4πV2{𝔭n𝔡2𝔡n(𝔭x𝔡x+𝔭y𝔡y+𝔭z𝔡z)}+

+14π{𝔭n2n(𝔭xx+𝔭yy+𝔭zz)}

(107)

Wollen wir hieraus die Energie berechnen, welche zwischen den Zeiten t0T und t0 mehr aus- als einströmt, so haben wir zunächst über die Fläche σ, und sodann, indem wir letztere festhalten, nach der Zeit zu integriren. Was die beiden letzten Glieder betrifft, so könnte man freilich ebenso gut an eine Fläche denken, die mit der Geschwindigkeit 𝔭 fortschreitet.

§81. Um auch die Integration des ersten Gliedes in der Weise einzurichten, dass man es dabei mit einer solchen beweglichen Fläche zu thun hat, setzen wir zunächst für den Zuwachs, den das Integral V2[𝔡.]ndσ, bei bestimmtem t, erleidet, wenn man die Fläche σ in der Richtung von 𝔭 um die unendlich kleine Strecke ε verschiebt, das Zeichen

χ ε,

worin natürlich χ eine ganz bestimmte Function von t ist. Wir denken uns weiter eine Fläche σ0, welche zur Zeit t0 mit σ zusammenfällt, aber mit der Erde verbunden ist. Zur Zeit t hat dann die „Entfernung“ von σ0 und σ den Werth 𝔭(t0t), der als unendlich klein zu betrachten ist, und beträgt unser Integral für die feststehende Fläche σ

𝔭χ(t0t)

mehr als für σ0. Das Zeitintegral, um das es sich schliesslich handelt, ist also um

𝔭t0Tt0χ(t0t)dt (108)

grösser als das für σ0 genommene Zeitintegral, und, da letzteres nach (106) verschwindet, hat man es nur mit dem Werth (108) zu thun.

Uebrigens braucht man hier in χ die Grössen mit 𝔭 nicht zu berücksichtigen und darf also, da bei dieser Vernachlässigung [112]

V2[𝔡.]ndσ

der Energiestrom ist, unter

χ ε

die für die Zeiteinheit, und unter

χ ε dt

die für das Element dt berechnete Differenz der Energieströme durch zwei festliegende, um die Strecke ε von einander entfernte Flächen verstehen.

Es soll nun Qε die Energie sein, die, zur Zeit t, von unserer Fläche σ in ihrer feststehenden Lage mehr umschlossen wird, als wenn diese Fläche um ε in der Richtung von 𝔭 verschoben wäre; man erkennt dann sofort, dass

χεdt=dQdtεdt,

χ=dQdt

sein muss.

Hierdurch, und weiter durch partielle Integration, verwandelt sich (108) in

𝔭t0Tt0dQdt(t0t)dt=𝔭TQt=t0T+𝔭t0Tt0Q dt,

oder

𝔭TQt=t0+𝔭t0Tt0Q dt,

da, bis auf Grössen von der Ordnung 𝔭, Q nach Ablauf der Zeit T wieder den anfänglichen Werth hat.

§ 82. Bis jetzt war nur vom ersten Gliede in (107) die Rede. Bezeichnen wir die beiden anderen Glieder durch A, so haben wir in

𝔭TQt=t0+𝔭t0Tt0Q dt+t0Tt0dtA dσ

den vollständigen Werth der durch σ nach aussen gewanderten Energie. Addiren wir dann dazu die Vermehrung der Energie im Innern von σ, und die Arbeit der Kräfte, mit welchen der [113] Aether auf den ponderablen Körper wirkt, so müssen wir, soll sich das Energiegesetz bewähren, offenbar Null erhalten.

Die Zunahme der Energie in einer vollen Periode T wäre Null, wenn sich die Fläche σ mit dem Körper K über die Strecke 𝔭T verschoben und dabei etwa die Lage σ angenommen hätte; sie besteht also factisch in der Energiemenge, welche, zur Zeit t0, in σ; mehr enthalten ist als in σ. Diese ist nun, wie aus der für Qε gegebenen Definition hervorgeht, gerade

𝔭TQt=t0.

Die obenerwähnte Arbeit lässt sich, wie wir sogleich sehen werden, darstellen durch einen Ausdruck von der Form

t0Tt0dtS dσ;

das Energiegesetz erfordert also, dass

𝔭t0Tt0Q dt+t0Tt0dtA dσ+t0Tt0dtSdσ=0

sei.

Gelingt es nun noch, Q darzustellen als ein Integral über σ, etwa in der Form

Q= q dσ,

und zu zeigen, dass

𝔭q+A+S=0 (109)

ist, so haben wir unser Ziel erreicht.

§ 83. Aus der für Qε gegebenen Definition leiten wir ab, dass unter qεdσ der Energieinhalt des Raumes zu verstehen ist, den das Element dσ bei der Verschiebung ε durchläuft, und zwar hat man, je nachdem die Verschiebung nach der Innen-, oder der Aussenseite von σ stattfindet, das positive, oder das negative Vorzeichen anzuwenden. Man hat also

qεdσ=εcos(𝔭,n)(2πV2𝔡2+18π2)dσ,

und

𝔭q=𝔭n(2πV2𝔡2+18π2).

[114] Was zweitens die Arbeit betrifft, so brauchen wir uns um das letzte Glied in der Gleichung (15) und den analogen Formeln nicht zu kümmern[21]. Nur die „Spannungen“ kommen in Betracht, und es ist

Sdσdt

die Arbeit der auf dσ entfallenden Spannung. Die Componenten dieser Spannung sind

{2πV2(2𝔡x𝔡α𝔡2)+18π(2xnα2}dσ, u. s. w.,

woraus folgt

S=2πV2{2𝔡n(𝔭x𝔡x+𝔭y𝔡y+𝔭z𝔡z)𝔭n𝔡2}+

+18π{2n(𝔭xx+𝔭yy+𝔭zz)𝔭n2}.

Schliesslich bedeutet A die Summe der beiden letzten Glieder in (107).

Die angegebenen Werthe genügen nun wirklich der Bedingung (109).





  1. Dass dies auch bei der Beobachtung mit einem Spiegeltelescop der Fall ist, würde ebenfalls ohne weiteres aus unserem Satze folgen, wenn der Spiegel aus einem durchsichtigen Material bestände. Was aber die wirklichen, aus Metall verfertigten Spiegel betrifft, so kann man bemerken, dass die Richtung, in welcher Lichtstrahlen reflectirt werden, und die Lage des Vereinigungspunktes nur von der Krümmung, nicht aber von der stofflichen Natur des Spiegels abhängen können. Zur Bestimmung dieser Lage lässt sich auch, wie es von verschiedenen Physikern geschehen ist, das Huygens’sche Princip anwenden, (vgl. meine Abhandlung in den Arch. néerl., T. 21).
  2. Arago. OEuvres complètes, T. 1, p. 107; Biot. Traité élémentaire d’astronomie physique, 3e éd., T. 5, p. 364.
  3. Airy. Proc. Royal Society of London, Vol. 20, p. 35, 1871; Vol. 21, p. 121, 1873; Phil. Mag., 4th Ser., Vol. 43, p. 310, 1872.
  4. Wir sehen hier ab von der Rotation der Sonne und den Bewegungen an ihrer Oberfläche, welche bekanntlich eine dem Doppler’schen Gesetze entsprechende Verschiebung der Spectrallinien verursachen. Bei den gleich zu erwähnenden Versuchen wurde mit dem Lichte der ganzen Sonnenscheibe gearbeitet.
  5. Mascart. Ann. de l’école normale, 2e sér., T. 1, pp. 166—170, und p. 190, 1872.
  6. Mascart. L. c., pp. 170 und 189.
  7. Bei den Versuchen mit Sonnenlicht kamen natürlich metallene Spiegel in Anwendung. Man sieht aber leicht ein, dass dies nichts an unseren Betrachtungen ändert (vgl. die Anm. 1 zu p. 89).
  8. Respighi. Memor. di Bologna (2), II, p. 279. (Citirt in Ketteler. Astronomische Undulationstheorie, p. 66).
  9. Hoek. Astr. Nachr., Bd. 73, p. 193.
  10. Ketteler. Astr. Und.-Theorie, p. 66, 1873; Pogg. Ann., Bd. 144, p. 370, 1872.
  11. Mascart. Ann. de l’école normale, 2e sér., T. 3, p. 376, 1874.
  12. Hoek. Arch. néerl., T. 3, p. 180, 1868. Ketteler. Astr. Und.-Theorie, p. 67; Pogg. Ann., Bd. 144, p. 372. Mascart. L. c., pp. 390—416.
  13. Ketteler. Astr. Und.-Theorie, pp. 158 und 166; Pogg. Ann., Bd. 147, pp. 410 und 419, 1872.
  14. Mascart. Ann. de l’école normale, 2e sér., T. 1, pp. 191—196, 1872.
  15. Eine Ableitung der Gleichung (84) aus der electromagnetischen Lichttheorie wurde auch von Hrn. R. Reiff publicirt (Wied. Ann., Bd. 50, p. 361, 1893). Schon lange vor mir hat sich auch Hr. J. J. Thomson mit dem Gegenstande beschäftigt (Phil. Mag., 5th. Ser., Vol. 9, p. 284, 1880; Recent Researches in Electricity and Magnetism, p. 543), ohne jedoch zu dem Fresnel’schen Coefficienten zu gelangen.
  16. Michelson and Morley. American Journal of Science, 3d. Ser., Vol. 31, p. 377, 1886.
  17. In den weiteren Formeln dieses Paragraphen bedeutet 𝔭 einfach die Grösse der Geschwindigkeit.
  18. Veltmann. Pogg. Ann., Bd. 150, p. 497, 1873.
  19. Lorentz. Arch. néerl., T. 21.
  20. Eine Ableitung dieses Satzes aus der Formel (87) habe ich in den Zittingsverslagen der Akad. T. Wet. te Amsterdam, 1892—93, p. 149, publicirt.
  21. Um nämlich die Arbeit zu berechnen, kann man den Weg 𝔭T mit dem Mittelwerthe der in seiner Richtung wirkenden Kraft multipliciren. Dieser Mittelwert wäre für das letzte Glied in (15) Null, wenn sich die Fläche σ mit dem Körper verschöbe, woraus folgt, dass er in Wirklichkeit eine Grösse von der Ordnung 𝔭 ist.


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