Vom Heldenkaiser

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Textdaten
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Autor: A. Fr.
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Titel: Vom Heldenkaiser
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 192–197
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Vom Heldenkaiser.
(Zum 22. März.)


Achtzig Jahre fürstlichen Lebens auf immer hohem und weit vorgeschobenem Wachtposten, achtzig Jahre deutscher Geschichte in diesem so kampfes- und wendungsreichen Jahrhundert! Wer alles Ringen und alle welterschütternden Stürme, alle Verwirrungen und Verirrungen, alle unbeschreiblichen Leiden und staunenswerthen Triumphe dieser langen und merkwürdigen Epoche als ein Nächstbetheiligter durchlebt hat und steht heute noch unverdrossen und aufrechten Hauptes da als ein Mann mit hellem Auge und als ein Charakter, vor dem in ehrfurchtsvoller Bewunderung und Liebe eine Welt sich neigt, der zeigt wahrlich schon allein durch diesen Umstand, daß alle Eigenschaften seines Wesens auf dem Grunde jenes echten Menschenwerthes ruhen, den fürstliche Geburt, Stellung und Macht noch niemals einem Sterblichen zu geben vermochten. Und das ist es denn auch, was beim Hinblicke auf die Person des Kaisers Wilhelm die große Mehrheit der deutschen Nation bewegt. Wenn sie ergriffenen Gemüthes auf das weiße und mit doppeltem Lorbeer geschmückte Haupt ihres kaiserlichen Führers blickt, sieht sie in der schlichten Majestät seiner Erscheinung die Erfahrungen und Lehren, die furchtbaren Prüfungen und gewaltigen Erfüllungen ihres eigenen Lebensweges verkörpert.

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Die Gartenlaube (1877) b 193.jpg

Unser Kaiser.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.

[194] Wie schwer auch gegenwärtig noch aller heiße Drang und Hader einer Uebergangsperiode auf uns lastet, wir behaupten, daß Niemand unter uns dem bezeichneten Eindrucke sich entziehen kann. Mag derselbe nun bewußt und klar in den Gebildeten, mag er als halbdunkler und ahnungsvoller Instinct in den Massen sich regen, im Grunde der Seelen ruft das Bild dieses Kaisers Sympathien wach, die aus den unabweisbaren geschichtlichen Erinnerungen des nationalen Bewußtseins sich ergeben. Niemals ist eine Monarchenhuldigung freier gewesen von den Beweggründen kleiner Selbstsucht und machtschmeichlerischer Liebedienerei.

Der achtzigste Geburtstag des hohen Mannes muß uns zunächst erinnern, daß ihn der Beginn unseres Jahrhunderts schon als dreijähriges Kind gesehen. Als er 1797 das Licht erblickte, war für seine Nation bereits seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein neuer Morgen angebrochen, nach traurigen Zeiten des Druckes und der Erstorbenheit eine geistige Umwälzung und Wiedergeburt durch zwei reformatorische Erwecker herbeigeführt worden, von denen der eine auf dem Throne der Hohenzollern saß und das Schwert und Scepter eines Königs führte, der andere in einem armen Pfarrhause des Sachsenlandes geboren war und keine andere Gewalt besaß, als das Licht seiner Gedanken und die Macht seines geschriebenen Wortes. Was dem Wirken des großen Friedrich in Bezug auf die Befruchtung der nationalen Gesinnung und Bildung gefehlt hatte, das ist durch die Lebensarbeit des großen Lessing in folgenreichster Weise ergänzt worden. Eine gewaltige Saat aufrüttelnder Gedanken war in die Seelen gestreut, und bald sproßten die Keime einer verjüngten Schöpfungskraft und eines neubeschwingten Geistes auf und entfalteten sich endlich zu jenem Blüthenfrühling, der von dem kleinen Weimar aus seinen erwärmenden, erhebenden und befreienden Hauch durch alle deutschen Lande sandte. Auf dem Wege eines stillen, nicht in äußeren Erschütterungen sich ausprägenden Bildungsprocesses wurde damals der Nation jene innerliche Grundlage erarbeitet, ohne die sie niemals zu einer Ebenbürtigkeit unter den Culturvölkern, zu einem bewußten Wollen und Streben sich hätte aufschwingen können: der fortwirkende Einfluß großer Denker und Dichter, ein eigenes Gedankenleben, eine selbstständige nationale Dichtung und Literatur..

Wenn sich auch nicht annehmen und nachweisen läßt, daß diese wichtige Culturumwälzung im innersten Leben des deutschen Volkes den jungen Prinzen am Berliner Hofe direct berührte, so leuchtete der frisch erblühte Geist ihm unzweifelhaft doch entgegen aus den Augen der hochgebildeten königlichen Mutter, die den Ruf des Zeitalters gehört und verstanden hatte, wie er aus den Werken Lessing’s und Herder’s, Goethe’s und Schiller’s, aus dem neuen Regen der wissenschaftlichen Forschung, aus den angestrengten Bestrebungen für Verbesserung der Menschenerziehung und des Menschenlooses zu ihrem klaren Denken, ihrem reinen Sinne, ihrem hochherzigen und begeisterungsvollen Patriotismus sprach. Gewiß, es waren nur die besten Geister edler Bildung und Humanität, welche die ersten Schritte dieser Kindheit bewacht und geleitet und ihr die ersten Eindrücke gegeben hatten. Aber dem aus der ungebrochenen Kraft der Nation erwachsenen Geistesfortschritt war es noch nicht beschieden, auch der politischen Lage und den öffentlichen Zuständen Deutschlands eine der erlangten Bildungshöhe und bewiesenen Leistungsfähigkeit entsprechende Gestalt zu geben. Zwischen dem inneren Leben der Nation und dem davon nicht beeinflußten, regungslos in despotischen Formen verknöcherten und verkümmerten Staatswesen weitete vielmehr eine tiefe Kluft sich aus und erzeugte ungesunde Verhältnisse, welche auf die Dauer sich nicht halten konnten. „Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrich’s des Großen, der eine neue Zeit schuf. Wir sind mit derselben nicht fortgeschritten; deshalb überflügelt sie uns.“ So schrieb die Königin Luise in den Schreckensjahren des hereingebrochenen Verhängnisses an ihren Vater. Es kamen über die entgeistigten Staaten Deutschlands die Tage des Zusammensturzes; es kam nach Jahren der Schmach, der fürchterlichen Prüfungen und Schmerzen die Rettung des Vaterlandes durch die aufopferungsvolle Heldenkraft eines Volkes, in dem machtvolle Vorkämpfer der Wahrheit und Schönheit die Flamme der Idealität entzündet hatten. Alle diese Leiden und alle diese großartigen Wechsel der Geschicke haben ihre düsteren Schatten und ihren erhebenden Glanz in die Knaben- und Jünglingszeit des jetzigen Kaisers geworfen, und dies Alles hat er mit schon wachem Bewußtsein erfahren, zum Theil noch unter dem Einfluß der hochgesinnten Mutter, die mit dem Adel ihres Anschauens, mit ihrem starken Pflichtgefühl und mit der Gluth ihrer Vaterlandsliebe auch die Gemüther ihrer Söhne zu erfüllen suchte. „Werdet Männer,“ so rief sie ihnen im Unglück zu, „befreit dann Euer Volk von der Erniedrigung, suchet den verdunkelten Ruhm Eurer Vorfahren von Frankreich zurückzuerobern etc.!“

Wenn also später der sechszehnjährige Prinz auf den Schlachtfeldern von 1813 bis 1815 seine ersten militärischen Ehren verdiente, wenn er damals zweimal an der Seite des Vaters und Bruders in das besiegte Paris einzog, so haben ihn sicher dabei jene idealen Gesinnungen beseelt, welche die verklärte Mutter schon frühe zur Richtschnur seines Denkens und Handelns gemacht hatte. Will man aber Genaueres wissen von dem Einflusse seiner Erziehung und seiner Jugenderlebnisse auf die Richtung seines Charakters und seiner Grundsätze, so besitzen wir in dieser Hinsicht ein interessantes Zeugniß in einer von ihm selbst herrührenden Aeußerung, deren Aufrichtigkeit nicht bemängelt werden kann. Erst unmittelbar vor dem Feldzuge von 1815 fand in der Schloßcapelle zu Charlottenburg die Confirmation des Prinzen statt. Er stand damals bereits im neunzehnten Jahre, aber nach dem Urtheile eines seiner Erzieher soll er schon als dreizehnjähriger Knabe durch einen für sein Alter ernsten und gesetzten Charakter sich hervorgethan haben. Auch die Mutter schrieb bereits 1810 von ihm: „Unser Sohn Wilhelm wird, wenn mich nicht Alles trügt, wie sein Vater, einfach, bieder und verständig.“ Nimmt man hinzu, daß der Prinz seitdem des Lebens Ernst genugsam erfahren hatte, daß er mit Leib und Seele Soldat und also schwerlich ein Freund von unnützen Worten war, so wird man es nicht für jugendlichen Declamationserguß halten dürfen, wenn er bei seiner Confirmation in einem von ihm selbst verfaßten Gelöbnisse an geheiligter Stätte und vor einer auserwählten Versammlung unter Anderm Folgendes sagte: „Ich will nie vergessen, daß der Fürst vor Gott nur Mensch ist und mit dem Geringsten im Volke die Abkunft, die Schwachheit der menschlichen Natur und alle Bedürfnisse derselben gemein hat, daß die Gesetze, welche für Andere gelten, auch ihm vorgeschrieben sind, und daß er, wie die Andern, einst über sein Verhalten wird gerichtet werden. Mein Fürstenstand soll mich nicht verhindern, demüthig zu sein vor meinem Gott. Ich will an meiner Geistes- und Herzensbildung unablässig arbeiten, damit ich als Mensch und Fürst einen immer höhern Werth erlange. Meine Kräfte gehören der Welt, dem Vaterlande. Nie will ich in Dingen meine Ehre suchen, in denen nur der Wahnsinn sie finden kann. Ich will ein aufrichtiges und herzliches Wohlwollen gegen alle Menschen – denn sie sind alle meine Brüder – in mir erhalten und beleben. Ich achte es viel höher, geliebt zu sein, als gefürchtet zu werden, oder blos ein fürstliches Ansehen zu haben. Verderbte Menschen und Schmeichler will ich entschlossen von mir weisen. Die Besten, Geradesten und Aufrichtigsten sollen mir die Liebsten sein. Die will ich für meine besten Freunde halten, die mir die Wahrheit sagen, wo sie mir mißfallen könnte.“

Sieht man sich die hier angeführten Stellen mit einiger Aufmerksamkeit an, so überraschen sie zunächst wohlthuend durch den unverkennbaren Ausdruck einer lichten, milden und humanen Religiosität, wie sie in der Zeit vor den Befreiungskriegen und während derselben noch das kirchliche Leben und den Religionsunterricht beherrschte, bald aber immer mehr und mehr durch jenen finstern Geist einseitig-zelotischen Bekenntniß- und Buchstabendienstes verdrängt wurde, der Jahrzehnte hindurch in der preußisch-deutschen Politik eine so verhängnißvolle Rolle spielte. Für solche Ueberschwänglichkeiten war in den Neigungen des Confirmanden von 1815 keine Anlage vorhanden. Sein Gelöbniß zeigt uns vielmehr in deutlich sich ausprägender Weise schon alle die Grundzüge eines einfach bescheidenen und doch hochgerichteten, eines herzlich wohlwollenden und doch unbeugsam selbstständigen Charakters, welche spät erst eine so hohe Bedeutung für die Weltgeschicke erlangen und für unsre Nation so reichen Segen herbeiführen sollten. Denselben Eindruck erregte auch die Persönlichkeit des jugendlichen Prinzen. Als er auf seiner Brautreise in Weimar sich befand, schrieb Gagern von dort an den berühmten Stein: „Prinz Wilhelm ist die edelste Gestalt, die [195] man sehen kann, der Imposanteste von Allen; dabei schlicht und ritterlich, munter und galant, doch immer mit Würde.“

Nach Beendigung des Krieges aber konnten die bezeichneten Eigenschaften sich lange Zeit hindurch nicht anders bewähren, als in den Berufs- und Tätigkeitskreisen, welche dem zweiten Sohne eines Königshauses offen blieben. Prinz Wilhelm wirkte in hohen militärischen Stellungen ohne einen merkbaren Einfluß auf die politischer Dinge. So bei Lebzeiten des Vaters, so im Ganzen auch unter der Regierung seines Bruders. Die Kinderlosigkeit desselben gab dem nächstältesten Bruder allerdings die Stellung eines Thronfolgers, aber der geringe Unterschied der Lebensjahre konnte weder das Volk, noch den Prinzen selber an die Möglichkeit denken lassen, daß ihn der Lauf der Natur jemals zur Führung des Staates berufen würde.

Im Rathe des Schicksals jedoch war es anders beschlossen. In einem Alter, wo unzählige Andere bereits ruhebedürftig das Haupt zu neigen beginnen, trat Prinz Wilhelm erst als Stellvertreter des erkrankten Bruders, dann als selbstständiger Regent, und endlich 1861 (also vierundsechszig Jahre alt) als König auf den Schauplatz der Geschichte. Was für ein Wechsel der Scene seit diesem Wechsel der Persönlichkeiten sich vollzogen hat, das wissen wir Alle, weil wir es ja selber mit erlebt haben, weil es ohne die begeisterungsvollste Zustimmung und Mitwirkung der gesammten Volkskraft sich nicht hätte vollziehen können. Dennoch wird erst eine ferne Zukunft den vollen Glanz dieser gewaltigen Wandlungen und wahrhaft großen Verläufe mit ungetrübtem Blicke zu überschauen vermögen. Wenn aber diese späten Nachkommen dann zurückblicken auf den von uns erlebten wunderbaren Aufschwung, so wird ihnen als das Hauptwunder desselben ohne Zweifel noch immer die hohe Gestalt des königlichen Greises erscheinen, der Held mit dem Silberhaar und dem jugendfrischen Herzen, von dem alle Ueberlieferungen und Geschichtsbücher den spätesten Enkeln noch erzählen werden: „Sein Gewissen war rein, und unbefleckt sein Ruhmesglanz. Nicht eitler Kriegslust und Herrscherlaune, sondern nur einem ernsten Gebote der Pflicht ist er gefolgt, als er in einer Stunde der Gefahr die Fahne des Reiches entfaltete, sein Volk zur Befreiungsthat gerufen und es durch Kämpfe und Siege ohne Gleichen zur Unabhängigkeit und Einheit geführt hat.“ Eine müßige Frage wäre es, ob nicht ein Anderer gleichfalls hätte vollbringen können, was König Wilhelm für Deutschland geleistet hat. Gewiß ist nur so viel: es würde die Epoche der letzten zwanzig Jahre viel von ihrer Weihe und Würde, von der sittlichen Beseelung und Erhabenheit ihres Eindruckes verlieren, ohne die ergreifende und ehrfurchtgebietende Gestalt des hochbetagten Monarchen, der sie heraufgeführt und heute noch in seinem achtzigsten Jahre mit unermüdeter Hingebung der energische Hüter seines Werkes ist.

Muß aber eine unparteiische Wahrheitsliebe sich schon tief bewegt fühlen bei der Betrachtung aller dieser Umstände, so ist doch damit der Wunderkreis der betreffenden Fügungen noch keineswegs geschlossen. Es kommt noch Anderes hinzu, das in den unmittelbar vorausgegangenen Zeiten liegt. Schon wiederholt hatten bei uns in diesem Jahrhundert hoffnungsreiche Erhebungen und Bewegungen zu einer würdigeren Gestaltung des Vaterlandes stattgehabt. Sie waren allein vom Volke ausgegangen und immer kläglich gescheitert an dem Widerstande fürstlicher Macht, an der gewaltsamen Hinterlist weltlicher und geistlicher Vorrechtskasten. Nachher traten dann schlimme Perioden vermehrten Druckes ein, und in solchen Tagen ging dem Scharfblick unbefangener Patrioten die Ueberzeugung auf: es könne bei der zerfahrenen und verwickelten Lage der Dinge aus Deutschland nichts werden, wenn das Glück ihm nicht einstmals einen mächtigen Fürsten erstehen ließe, der die Zeit begreift und ihrer Bewegung zum Ziele verhilft. Der Ausblick auf die Fürstenhäuser Deutschlands war aber in dieser Hinsicht immer ein trostloser gewesen, und am allerwenigsten hätte man gerade in dem zweiten Sohne Friedrich Wilhelm's des Dritten die Neigung und Fähigkeit zu einem solchen Berufe gesucht. Wir leben jetzt im achten Jahrzehnt des Jahrhunderts, aber noch im fünften Jahrzehnt desselben betrachtete man es als ein Glück, daß für eine Thronbesteigung dieses Prinzen nur eine sehr geringe Aussicht vorhanden sei. Der Prinz gehörte damals im Urtheil des Volkes nicht zu den beliebten und populären Persönlichkeiten. Mit Recht sahen jene Tage in der Armee ein Werkzeug des absolutistischen Polizeistaats, in Prinz Wilhelm aber sah man eine Verkörperung des Hindernisses, welches der militärisch-aristokratische Geist jeder freieren Entwicklung der öffentlichen Verhältnisse entgegenstellte. Es mag sein, daß im Auftreten des prinzlichen Generals früher etwas Schroffes und Herrisches sich zeigte, das der Richtung der modernen bürgerlichen Welt widerstebte, kurz, der Prinz wurde allgemein für den entschiedensten, ja zorneifrigsten Vertreter unvolksthümlicher Grundsätze am Hofe gehalten.

Sehr natürlich war es ja auch, daß ein in den Anschauungen strenger Legitimität und in der Reactionsluft der Metternich'schen Blüthezeit zum Manne gereifter Sohn des preußischen Königshauses kein Freund von plötzlichen Veränderungen und gewaltsamen Neuerungen sein konnte, wie sie damals vom liberalen Standpunkte aus zum Sturze verrotteter Zustände für unumgänglich gehalten wurden. Mit der gesammten Welt der deutschen Höfe, mit allen bevorrechteten Ständen Deutschlands wird auch er die absolutistische Staatsform für die beste und ersprießlichste, die in Reden und Schriften sich äußernden oppositionellen Bestrebungen für das Strohfeuer eines unruhigen und oberflächlichen „Schwindelgeistes“ gehalten haben. Auf der andern Seite aber steht es auch fest, daß sein absolutistischer Standpunkt ein nüchterner und verständiger, daß er kein Schwärmer für Ideale mittelalterlicher Verfinsterung war und niemals zu jener Gesellschaft betbruderlich-romantischer Politiker des sogenannten Wilhelmstraßenclubs gehörte, denen selbst der Metternich'sche Polizeistaat als die leibhaftige Revolution erschien. Der Prinz war also trotz des reichlich von seiner Umgebung ausströmenden Ansteckungsstoffes nicht mit leidenschaftlichem Eigensinn in fixe Ideen verrannt, und das war schon wichtig für ihn. Denn solch ein Geist ist entwickelungsfähig und giebt immer der Hoffnung Raum, daß er nicht blind den Lehren der Erfahrung und einer bessern Erkenntniß sich verschließen, daß er immer die Elasticität des Prüfens und Lernens sich bewahren und dem sodann als richtig Erkannten auch fest und offen folgen wird. Und so geschah es auch.

Als im Februar 1848 der Volkssturm von Frankreich hereinbrauste und unwiderstehlich alle deutschen Stämme und Länder ergriff, da kam der Prinz zu der Ueberzeugung, daß es auch in Preußen mit dem bisherigen System nicht mehr gehen könne; er rieth seinem königlichen Bruder, durch Bewilligung der Volkswünsche der Revolution zuvorzukommen. Als erstes Mitglied des Staatsministeriums unterschrieb er auch jenes Verfassungspatent vom 18. März, das den Forderungen des Volkes eine ziemlich weitgehende Erfüllung verhieß. Man weiß, daß trotz dieser Verheißungen und unmittelbar nach Verkündigung derselben in Berlin jene Revolution ausbrach, die in einer Nacht den Bruch zwischen dem Alten und Neuen für immer entschied. Wir untersuchen hier nicht, ob dieser blutige Kampf durch ein bloßes „Mißverständniß“, oder ob er in planmäßiger Absicht von der einen oder der andern Seite hervorgerufen wurde. Durchaus glaublich aber ist es, wenn berichtet wird, der Prinz von Preußen habe im kritischen Augenblicke vom König verlangt, es solle zwar der „Aufruhr“ mit Waffengewalt niedergeschlagen, nachher aber auch das gegebene Wort gehalten und mit dem verheißenen constitutionellen System Ernst gemacht werden. So dachte sich jedoch das Volk die Ansichten des Prinzen nach der bisherigen Vorstellung von demselben nicht; der erregten und von verschiedenen Seiten her auch noch künstlich aufgereizten Gemüther bemächtigte sich vielmehr eine so außerordentliche Erbitterung gegen ihn, daß er zur Beschwichtigung derselben Berlin verließ. In einem Auftrage des Königs ging er nach London, wo sich nun ein seltsamer Widerspruch gegen das Urtheil in der Heimath ergab. Während hier selbst die gemäßigten Liberalen den Prinzen für einen grollend in der Ferne weilenden gefährlichen Feind der neuen Staatsreformen hielten, stellte sich auf englischem Boden das gänzlich Unzutreffende dieser Meinung für alle Diejenigen heraus, denen er dort näher getreten war. Der Zug ruhiger Einsicht, wohlwollender Milde und fürsorglicher Humanität, den einzelne Kreise in Deutschland und namentlich seine Umgebungen und Untergebenen längst an ihm gerühmt hatten, trat in den ungezwungenen Londoner Berührungen so überraschend zu Tage, daß es selbst einen dem Berliner Hofe so nahestehenden Mann wie Bunsen überraschte, den damaligen preußischen Gesandten in London.

Im Laufe der Zeit kam es natürlich auch zu politischen Erörterungen zwischen Bunsen und dem Prinzen, der eine unverstimmte Theilnahme für die neuen Entwicklungen in Deutschland zeigte und [196] namentlich für die in Frankfurt eben auf die Tagesordnung gesetzten Verfassungsfragen. Ueber den bekannten Dahlmann’schen Entwurf einer Reichsverfassung sprach er sich so klar und beifällig aus, daß der Gesandte ihn bat, sein Urtheil niederzuschreiben. Schon nach einigen Tagen war das Gutachten fertig, eine genaue und sorgfältig bis auf die einzelnsten Punkte durchgeführte Arbeit, in der es unter Anderem hieß: „Zuvörderst wiederhole ich, wie ich das Ganze des Verfassungswerkes als eine großartige Erscheinung unserer Zeit begrüße und dasselbe wegen seiner Klarheit, Gediegenheit und Kürze als meisterhaft anerkenne. Die Grundsätze, auf welchen das Ganze beruht, sind diejenigen, welche zur wahren Einheit Deutschlands führen werden; es sind dieselben, welche jeder Staat zu den seinigen machen muß, wenn diese Einheit erstrebt werden soll. Daß auch ich diese Grundsätze für Preußen unerläßlich fand, beweist meine Unterschrift unter dem Patente des Königs vom 18. März, und daß ich hier in England nicht anderen Sinnes geworden bin, ist mehr wie begreiflich.

Bunsen sandte das Gutachten an Dahlmann und setzte die Worte hinzu: „Ist der Prinz ein Absolutist oder ein Reactionär? Daß er durchaus offen, redlich und consequent sei, haben selbst die Ungünstigen nie geleugnet, wenn sie mit Kenntniß des Mannes sprachen oder schrieben. Der Prinz hat sich gleich in den ersten Tagen zu einer vollkommenen Klarheit über seine und des Königthums Stellung emporgerungen, mit der stillen und redlichen steten Verständlichkeit, die ihm eigen ist. Der Aufenthalt und Ideenaustausch in England hat ihm Vergangenheit und Zukunft noch klarer auseinandergesetzt.“

Von dem Aufenthalte in England, der unstreitig einen bedeutsamen Wendepunkt in seiner Gesinnungsentwickelung und seinen politischen Anschauungen bezeichnete, kehrte der Prinz am 8. Juli nach Berlin zurück und bekundete nun bei mehrfachen öffentlichen Gelegenheiten, daß er der constitutionellen Regierungsform stets gewissenhaft und treu seine Kräfte widmen werde. Mit diesem Bekenntnisse und mit der in London an den Tag gelegten Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer volksthümlich gestalteten Einheit Deutschlands stand es auch nicht in Widerspruch, wenn er als Heerführer an der Spitze einer Armee zur Niederwerfung des Aufstandes kämpfte, der sich 1849 in Baden und der Pfalz für die Vertheidigung der Reichsverfassung erhoben hatte. Mögen wir immerhin anders über den damals die Gemüther erregenden Streitpunkt denken, so müssen wir uns doch hier auf den Standpunkt des fürstlichen Soldaten stellen, in dem sich die Zuneigung für eine freiheitliche und nationale Gestaltung der Verhältnisse sehr wohl mit einer Verdammung von Bewegungen vertragen konnte, in denen er nichts als unerlaubte und gesetzlose Störung der nothwendigen Ordnung sah. In Preußen aber war inzwischen eine Unordnung anderer Art hereingebrochen, die offene Reaction. Es kamen die frömmlerischen Dunkelmänner mit ihren excentrischen Absichten an’s Ruder; es kam der Vertrag von Olmütz mit allen für Preußen und Deutschland so schmachvollen und niederbeugenden Folgen. Wie der Prinz von Preußen sich zu diesen unglückseligen Wendungen verhielt, darüber liegen Documente und Beweise nicht vor, und die vorhandenen Geschichtsdarstellungen und Biographien gehen schweigend über diese jedenfalls hochinteressante Periode im Leben des Prinzen hinweg. In hohen militärischen Stellungen lebte er seit 1849 regelmäßig am Rhein und kam selten und nur vorübergehend nach Berlin und Potsdam. In den Urtheilen des Volkes über ihn aber war gerade in dieser Zeit ein durchgreifender Umschlag eingetreten, und weite Kreise des Publicums hielten ihr Auge auf ihn gerichtet. Der gerade und offene Sinn des Prinzen, so erzählte man sich, sei allem Aussäen von Erbitterung, aller unredlichen Beschneidung verheißener Rechte, allen krummen und hinterlistigen Wegen, aller unpatriotischen Demüthigung des Staates entgegen. Er wolle Versöhnung der Gegensätze, und das habe ihn mißliebig bei der herrschenden Partei gemacht, die ihn fürchte. Es werde ihm der Aufenthalt am Hofe verleidet; zur Herbeiführung eines Zerwürfnisses mit dem Bruder und König sei er überhaupt belauscht und von bestellten Spionen verfolgt, selbst seine Papiere und Briefschaften seien vor den Einblicken der Spürer nicht sicher. Ueber alle diese Dinge, von denen notorisch Jahre hindurch mit großer Bestimmtheit gesprochen wurde, ist, wie gesagt, ein Schleier gebreitet, und sicher ist nur, daß sich das neugewonnene Vertrauen zu dem Charakter und den politischen Ansichten des Prinzen nicht als eine Täuschung erwies, als er unerwartet die Zügel des Staates ergreifen mußte.

Denn kaum hatte er am 26. October 1858 als selbstständiger Regent vor beiden Häusern des Landtages feierlich den Eid auf die Verfassung geleistet, so bestand sein erster Regierungsact in der Entlassung des bisher allmächtig gewesenen Reactionsministeriums, mit dem sofort auch der ganze Schwarm der portefeuillelosen Ohrenbläser, der Olmütz-Männer und frömmlerischen Kreuzzügler wider die Volksfreiheit aus den Umgebungen des Thrones verschwand. Gegner dieses zehnjährigen Unheils, Männer des öffentlichen Vertrauens wurden zu obersten Rathgebern berufen, und an dieses neugebildete Ministerium hielt der Prinz-Regent gleich in der ersten Sitzung jene geschichtlich denkwürdige Ansprache, in der sich unter Anderem über den schlimmsten Ausgangspunkt aller damaligen Mißverhältnisse die folgende Stelle fand:

„In beiden Kirchen muß mit vollem Ernste den Bestrebungen entgegen getreten werden, die dahin abzielen, die Religion zum Deckmantel politischer Bestrebungen zu machen. In der evangelischen Kirche, wir können es nicht leugnen, ist eine Orthodoxie eingekehrt, die mit ihrer Grundanschauung nicht verträglich ist und die sofort in ihrem Gefolge Heuchler hat. Alle Heuchelei, Scheinheiligkeit, kurz alles Kirchenwesen als Mittel zu egoistischen Zwecken ist zu entlarven, wo es nur möglich ist. Die wahre Religiosität zeigt sich im ganzen Verhalten des Menschen. Dies ist immer in’s Auge zu fassen und von äußerem Gebahren und Schaustellungen zu unterscheiden.“

Im Munde eines durch Erziehung und Sinnesrichtung durchaus conservativen, einem immerhin sehr gläubig-kirchlichen Standpunkte ergebenen Monarchen, dem Niemand also eine frivole Stellung zu den religiösen Dingen zutrauen durfte, waren diese Worte ein verheißungsreiches Programm der Zukunft. Ohne Rückhalt und schneller als man es erwartete, war damit endlich ein lange ersehntes Gericht ergangen über den ausschweifenden Hochmuth des schwarzen Nachtgevögels, das Jahre hindurch Preußen in einen Zustand der innern und äußern Schwäche, des Verfalles und der Abhängigkeit versetzt hatte, der bei der nächsten europäischen Erschütterung unfehlbar einen neuen Zusammensturz hätte herbeiführen müssen. Nach einer langen Zeit qualvoller Mißhandlung und Niedertretung des öffentlichen Geistes kam nicht blos über die preußische Bevölkerung, sondern über die gesammte deutsche Nation ein Gefühl freudigen Aufathmens, als sie plötzlich von dem mächtigsten Throne Deutschlands jene Verkündung hörte, die Millionen aus der tiefsten Seele gesprochen war und in der man sofort das Heraufsteigen einer neuen Aera begrüßte. Es war ein Erlösungswunder geschehen, wo jeder Rettungsweg verschlossen schien, ein Bann war gebrochen, ein schwer lastender Alp von der Brust der Nation genommen und dadurch wiederum die Bahn frei gemacht für eine aufrichtige und patriotische Politik des Volkswohls und der Ehre. Die entsprechenden Folgen zeigten sich auch bald, und sie zeigten sich u. A. sehr charakteristisch in dem plötzlichen Herabsinken der gefürchteten „Kreuzzeitung“ von der Stellung eines Regierungsblattes zu einem bloßen Parteiorgan.

Mag auch nicht Alles nach der betreffenden Stelle hin so schnell sich erfüllt haben, wie es die Begeisterung des ersten Augenblicks sich dachte, hatte die neue Aera noch durch mannigfache Mißverständnisse, Conflicte und Kämpfe sich durchzuringen, so war doch der Anstoß zum Aufstreben gegeben und es mußte nun das Gesetz der Dinge von Stufe zu Stufe bis zu den Momenten sich vollziehen, wo 1870/71 König Wilhelm der Verwirklicher jener großen Hauptpunkte wurde, welche das Volksprogramm von 1848 vergebens erstrebt und verlangt hatte. Wenn er hier nur ausgeführt hat, was seit lange der Volksgeist wollte und was ohne den Beistand des Volksgeistes nicht auszuführen war, so muß man zur Würdigung seiner Entschlüsse und Thaten vor Allem doch fragen, wie der Charakter und wie der Verlauf der Ereignisse unter einem der vorhergehenden Regenten Preußens sich wohl gestaltet haben würde. Mit Recht sehen wir daher in der Lebensgeschichte des hochbetagten Kaisers den so gewaltig ernsten Gang unserer nationalen Geschicke sich wiederspiegeln. Von den

[197] Zerfalle und der tiefen Erniedrigung nach dem Tage von Jena bis zur Annahme der Kaiserwürde im Spiegelsaale des Versailler Schlosses, von da bis zur Gründung des Reiches und zur Aufnahme des Kampfes mit den Anmaßungen Roms, wahrlich, das ist ein Weg, dessen inhaltsvolle Größe ein flüchtiger Blick nicht zu umfassen vermag und den dieser im Grunde des Herzens friedliebende Mann gegangen ist mit der wachsenden Mäßigung und Weisheit, welche eine reiche Erfahrung giebt, mit einem zugleich milden und unerschrockenen Herzen und mit der Einsicht und tiefen Bescheidenheit, welche die rechten Berather zu finden und neidlos festzuhalten weiß. Sein persönliches, wie sein öffentliches Leben war bis jetzt nur eine Bethätigung der Grundsätze, die er einst als junger Prinz in seinem Confirmationsgelöbnisse ausgesprochen hat. Vollkommen ist freilich kein Menschenwerk und nicht Alles kann auf einmal errungen werden. Fühlen aber alle Deutschen richtig und fehlt ihnen nicht der geschichtliche Sinn, ohne den ein Volk in der Noth und im Gewirre der Tagesströmungen sich verlieren muß, so werden sie den achtzigsten Geburtstag des Kaisers mit Gefühlen der Andacht und des freudigen Dankes feiern, daß das Geschick in wirrnißvoll nach Entscheidungen drängenden Tagen uns diesen Monarchen erstehen ließ, der nicht blos durch den Glanz seiner Thaten und seiner Machtstellung aus der Geschichte seiner Zeit hervorragt, sondern durch Züge wahren Menschenwerths, durch herzgewinnende Eigenschaften und durch Hoheit des Sinnes und der Erscheinung für alle Zukunft eine stolze Zierde des deutschen Namens bleiben wird.
A. Fr.