Von einer alten Einhüterin

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Textdaten
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Autor: Otto Beneke
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Titel: Von einer alten Einhüterin
Untertitel:
aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, S. 364–370
Herausgeber:
Auflage: 2. unveränderte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Perthes-Besser & Mauke
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
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[364]
124. Von einer alten Einhüterin.
(Um 1750.)

Wenn man zur Sommerzeit an einem schönen Sonntag-Nachmittag durch diejenigen Straßen der Altstadt geht, in welchen die großen Kaufmannshäuser stehen, Catharinenstraße, Grimm, Wandrahmen, Gröningerstraße und da herum, so hat man ein Bild der vollständigsten Einsamkeit und Verödung. Die reichen Herrschaften sind vor den Thoren auf ihren Gartenhäusern, oder machen Lustfahrten in der Umgegend; kein Mensch, der gesund von Herzen und Beinen ist, bleibt zu Haus, als nur die, die es behüten sollen und müssen, die guten alten Einhüterinnen, welche während der schönen Jahreszeit wie Hauskobolde oder andere Spukgeister in diesen dunkeln Häusern hocken, zu deren Bewachung sie bestellt sind.

Alles ist wie ausgestorben, kein Mensch begegnet zu solcher Stunde in diesen Straßen dem einsamen Wanderer, der nur seinen Tritt wiederhallen hört, sonst keinen Laut, wo’s an Werktagen so geschäftig lärmend und gedrängt voll Menschen ist. Hie und da sieht er am Dielenfenster, oder in der offnen Hausthüre, oder auf dem Beischlag der Haustreppe, ein altes ehrliches Frauenzimmer, sonntäglich ausstaffirt, vielleicht strickend, gewiß aber neugierig auf den vorübergehenden Beobachter blickend, den sie sicher einen „sonderbaren Schwärmer“ nennen würde, wenn sie wüßte, wie das ganze Gemälde in seinem Innern sich wiederspiegelt.

[365] So war’s vor 100 Jahren auch, denn unsere reichen Leute haben es von jeher geliebt, zur Sommerzeit die engen dunkeln Gassen mit heiteren Landwohnungen zu vertauschen, darum hat’s auch von jeher Einhüterinnen gegeben. Aber nicht Alle waren und sind so besonnen und tapfer wie die Röhrbehnsch, eine Quartiermanns-Wittwe „hoch in die 59,“ welche in der Catharinenstraße im Hause ihrer vormaligen Herrschaft einhütete.

Sie hatte den Sonntag-Morgen wie gewöhnlich zugebracht. Nachdem der Milchmann und die Brodtfrau da gewesen, hatte sie die Hausthüre mit der Kette geschlossen; darauf hatte sie in ihrem „Zibürken“[1] einige Stunden gesessen und andächtig in einem Predigtbuch gelesen, worüber sie nur zweimal eingenickt war. Dann hatte sie sich ihr bischen Mittagessen bereitet, und dasselbe verzehrt; später hatte sie wieder in ihrem Zibürken beim Stickstrumpf etwas geseeltagt und war dabei einige Male vom befremdlichen Gerassel eines vorüberfahrenden Stuhlwagens erweckt; dann hatte sie demselben nachgeblickt, und völlig neidlos darüber meditirt, wohin die Glücklichen wohl führen, „na’n Billwarder, oder na de hoge Lucht und in’t Eimshüttler Holt, denn hen na Veerlannen, na Karkwarder, mank de Eerbeern,“ dafür war’s schon zu spät. Sie hatte die Anzüge der Damen gemustert, über die Heiraths-, Tauf- und Krankheitsgeschichten dieser Familien nachgesonnen, wobei sie auf die viel interessanteren ihrer Herrschaft gekommen war, – – so erschien die Coffe-Stunde, und nach eingenommener Herzstärkung trug sie ein Polster auf den Beischlag vor der Hausthüre, und setzte sich darauf. Es war [366] ein absonderlich stiller Sonntag-Nachmittag. Ihre „Nabersch“, die Einhüterin gegenüber, mochte wohl schlummern oder sonst beschäftigt sein; sie saß im Bereich ihrer Stimme ganz muterseelen allein, konnte also nicht durch Snacken die Zeit vertreiben. Darum ist’s ihr doppelt erwünscht, als sich das Unerhörte ereignet, daß ein paar Arbeitsleute mit einem Ziehwagen vor ihre Thüre kommen. Diese laden einen großen Ballen ab, und stellen ihn auf die Diele, bei den andern Fässern und Packen, und geben einen Zettel ab für den Herrn, wenn er morgen vom Garten hereinkäme, darin stünde Alles, der gestern in den Hafen gekommene Engelsmann müsse schnell löschen, darum käme der Ballen schon heute. Gern hätte die gute Röhrbehnsch noch einige Minuten mit den Arbeitsleuten geklöhnt, sie aber hatten Eile und entfernten sich rasch. Als das Rasseln ihres Wagens fernhin gänzlich verhallte, da war’s wieder grabesstill in der St. Catharinenstraße.

Allgemach sank der Tag; jetzt kam die beste Tageszeit für diese enge dunkle Straßengruft voll Kellerluft und Droguen-Duft, nämlich wenn die untergehende Sonne vom Cremon her ihre Strahlen schrägwärts hereinwirft. Die Röhrbehnsch freute sich der behaglichen Wärme, fand Welt und Leben „doch schön,“ und verstieg sich sogar bis zu der Sehnsucht, einmal einen Sommer-Nachmittag im Grünen, etwa bei ihrer Schwestertochter in St. Jürgen an der Koppel, oder sonst wo auf dem Lande, zu verleben. Darüber war der flüchtige Sonnengruß vorüber, es dunkelte, nun ward’s auf ein halb Stündchen lebendig, die Stuhlwagen vom Vormittag kamen wieder heim, die Kinder schlafend, die Erwachsenen auch froh, daß das Vergnügen der Landparthie vorbei war; viele Fußgänger kamen vorüber und gingen in die Reimers- oder in die Mattentwiete, wo sie zu Hause gehörten, die waren fröhlich und guter Dinge; sie hatte Bekannte darunter, [367] die ihr im Vorbeigehen schnell erzählten, wie wunderschön und „vuller Minschheit“ es vorm Thore gewesen, beim Rothenbaum und am Hammerbaum, oder auf der Philippsburg am Grasbrook, oder wie kürig der Pulschinell und die andern Spaßmakers auf dem Hamburger Berge ihre Sachen gemacht hätten, u. s. w. Dann aber verließ die Röhrbehnsch die Haustreppe und kettete über, denn die nun noch kamen, waren Handwerksburschen und junge Gesellen, die lärmend und singend, bis die Nachtwächter kamen, die Straßen durchzogen, und ihre Lust daran hatten, ehrbare Frauen zu tarren. Als sie so ins dunkle Haus kam (vielleicht hatten die Erzählungen von der Landlust und der vielen Minschheit sie erregt), wurde ihr etwas beengt ums Herz. Während unten in der Küche ihr Abendbrodt kochte, blickte sie auf den engen Steinhof, wo von Speichern umgeben, kümmerlich eine Linde stand, darauf die Sperlinge noch unruhig hin und her flatterten und piepten; eine große fremde Katze lauerte unten am Stamm und blickte auf die Beute oben. Schnell verjagte die gute Röhrbehnsch das abscheuliche Beest, und beruhigter im Bewußtsein einer guten That, steckte sie ihr Talglicht an und genoß ihr Nachtessen im Zibürken; aber die Unruhe kam wieder, darum las sie mit lauter Stimme ihren Abendsegen, rakte das Feuer auf dem Heerde sorgsam ein, und verschloß die Hausthüre mit dem großen Schlüssel. Ihr Bett war, nach alter Weise in solchen Häusern, an der Diele in einem großen Wandschrank der Mauer, von da konnte sie die ganze Hausthür überblicken: das Zibürken, die Fässer, Packen, Säcke und den neuen Englischen Ballen, Alles stand ganz ordentlich da, draußen war Alles geruhig und still, und doch war sie unruhig, – so unruhig, daß sie sich ein Nachtlicht anzündete, es auf den Dielentisch stellte, und dann zu Bette ging. Das Vaterunser war gebetet, es schlug 11 Uhr, [368] 12 Uhr, der Schlaf aber kam ihr nicht. Sie war ganz hellig und aufgeregt geworden, sie wußte selbst nicht wie und warum. Sie blickte auf die Diele, das Nachtlicht warf einen spärlichen Schein umher, es war ganz still, nur das Pickern der großen Dielenuhr vernahm sie. Da, wie sie zufällig den Englischen Ballen ansieht glaubt sie dort ein leises Geräusch zu hören, ja eine Bewegung zu bemerken; sie blickt schärfer hin, und gewahrt mit Entsetzen, wie aus dem Ballen etwas hervordringt, spitz und schmal, und nach fünf Secunden erkennt sie ein Messer und eine Hand, die vorsichtig von innen heraus die Leinendecke aufschneidet, – und nach drei Minuten erhebt sich ein Kopf, und ein großer wilder Kerl, das lange Messer in der Hand, steigt sacht und behend aus dem Ballen, reckt die Glieder, blickt sich um, zündet sich das Licht an und kommt leise auf sie zugeschritten.

War’s allein das Entsetzen, das ihr die Zunge lähmte, daß sie nicht schon zehnmal laut aufgeschrieen vor Schreck und Angst? War’s nicht auch ein Instinkt, der sie trieb, das zu unterlassen, was ihr Verderben gewiß machen würde, das zu thun, was allein sie retten konnte? Frau Röhrbehn befahl Leib und Seele dem allmächtigen Gott, drückte die Augen zu und athmete tief und schwer, als wenn sie fest schliefe. Der Kerl kam an ihr Bette, das Messer in der Rechten, das Licht in der Linken; schon war’s, als hole er aus zum mörderischen Todesstoß auf ihr Herz, dann besann er sich, beleuchtete sie, und um sich zu überzeugen, ob sie auch wirklich fest schliefe, berührte er kitzelnd ihr Kinn mit der Messerspitze. Gott gab der armen Frau eine Kraft und Standhaftigkeit, die unter tausend Menschen sich kaum einer zutrauen würde. Sie blieb in diesem furchtbaren Moment unbeweglich, verzog keine Miene, und fuhr fort den tiefsten Schlummer darzustellen. Der wilde Kerl mochte vielleicht an seine Mutter denken, vielleicht auch [369] das Gewissen lieber vom Meuchelmorde frei halten, wenn ohne ihn der beabsichtigte Raub gelänge, da er schlimmstenfalls noch immer die Alte zum ewigen Stillschweigen bringen könne. Genug, nach einigen martervollen Minuten ließ er ab von ihr, und schlich leise ins Comtoir. Was jetzt thun? Sie konnte sich auf nichts besinnen, sie blieb in ihrer Lage und horchte nur mit geschärftem Ohre gespannt auf. Sie vernahm deutlich, wie der Räuber drinnen die Pulte und Schränke aufschloß und Geld auf Geld in Säcke legte; sie hörte, wie er die schwere eiserne Geldkiste, die er nicht öffnen konnte, mühsam bis auf die Diele transportirte, – dann trat er wieder auf sie zu, noch einmal hatte sie dieselben schrecklichen Momente zu erleben, denn noch einmal prüfte der fürchterliche Mann mit dem Lichtstrahl und der Messerspitze ihren Scheinschlaf, und noch einmal gelang es ihr, denselben zu behaupten; – ein einzig Augenblinzeln, und der Dolch hätte sie durchbohrt. Da ließ er ab, stellte das Licht hin, schlich zur Hausthüre, öffnete sie leise, trat hinaus, um dreimal verhaltenen Tones seinen umher lauernden Spießgesellen zu pfeifen, die große Beute forttragen zu helfen. Und diesen kurzen Augenblick benutzte die tapfere entschlossene Frau zur Ausführung eines rettenden Gedankens. Wie ein Blitz, so schnell, so lautlose war sie aufgesprungen, hinter ihn her gestürzt, hatte ihn mit einem heftigen Stoß die Treppe hinunter und auf die Straße geschleudert, und die Hausthüre zugeworfen und zugeriegelt, dann hatte sie das Fenster geöffnet, um dem lange verhaltenen Todesschrecken im lautesten Hülferufen Luft zu machen. Sich selbst und ihrer Herrschaft Hab und Gut hatte die alte treue Hüterin durch ihre Entschlossenheit mit Gottes Hülfe gerettet.

Von den Räubern wurden durch herbeieilende Nachtwächter die meisten mit dem Anführer gefangen. Sie empfingen später ihren Lohn. Die brave alte Frau erholte sich [370] von den Schauern dieser Schreckensnacht bald wieder. Ihre dankbare Herrschaft belohnte sie so reichlich, daß sie im nächsten Sommer wirklich bei ihrer Schwestertochter in St. Jürgen die Sonntags-Abende im Grünen feiern konnte, und hielt sie zeitlebens als ein treues Familien- und Erbstück in großen Ehren.

Das ist die Historie von der tapfren und resoluten Röhrbehnsch, der Einhüterin, wie sie sein soll.

Anmerkungen

[389] Desgleichen. – Ueber Zibürken giebt Richey, Idiot. Hamb. S. 349, eine umständliche Erläuterung. Die Geschichte soll, vielleicht etwas später als hier angegeben, wirklich passirt sein.

  1. Der kleine Glaskasten auf der Diele großer Kaufmannshäuser darin eine Dienstmagd oder Nähjungfer sitzt, um zugleich auf die Hausthüre zu passen.