Westphälische Sagen und Geschichten/S112-117

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Inhaltsverzeichnis

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Zuletzt hat es ein angesehener Mann von Westhofen gesehen. Diesen führte vor mehreren Jahren, als er von Schwerte nach Westhofen zurückkehren wollte, sein Weg über die Wandhofer Heide, auf welcher er gegen zwölf Uhr Nachts ankam, als gerade der Mond voll wurde. Auf einmal verschwand der Weg, auf dem er ging, und er sah sich in eine fremde Gegend versetzt, die er noch nie geschauet hatte. Vor sich erblickte er ein großes, schönes, hellerleuchtetes Schloß, aus dem ihm lauter Jubel und die schönste Musik entgegenschallte. Er blieb verwundert eine Zeitlang stehen; als ihm aber die Geschichte des verwünschten Schlosses einfiel, eilte er erschrocken von dannen. Doch den Weg konnte er nicht wieder finden, und wohl zwey Stunden lang lief er voll Angst in der Irre umher, bis er zuletzt von Fernen dreschen hörte. Darauf ging er zu, und erreichte glücklich das Dorf Wandhofen. Am anderen Morgen ging er mit vielen Leuten auf die Heide zurück; aber sie fanden nichts; nur an Einer Stelle, die etwas hügelicht war, kam ihnen starker Schwefelgeruch entgegen.

(Mündlich.)


XI.

Die ungetaufte Glocke.


Vor langen Jahren wurde zu Warendorf auf dem Thurme der alten Kirche eine neue Glocke aufgehangen. Die Glocke hatte man aber nicht getauft. Als

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man nun mit derselben zu läuten anfing, da kam mit einem furchtbaren Heulen und Geschrey der Teufel durch die Luft geflogen, holte die Glocke von dem Thurme, und warf sie eine halbe Stunde von der Stadt in die Ems, in einen tiefen Kolk, der der grundlose Kolk heißt. In diesem liegt sie noch; der Kolk ist aber so tief, daß noch kein Mensch bis auf den Grund hat fühlen können. Daß aber die Glocke noch darin ist, kann man an den vier hohen Festtagen hören; denn wenn dann des Abends in der Stadt mit allen Glocken geläutet wird, und man wirft einen Pfenning in den Kolk, so fängt auch die ungetaufte Glocke tief unten an zu läuten.

(Mündlich.)


XII.

Die Erdmännchen von Hardenstein.

Zur Zeit Kaisers Wenzeslaus lebte auf seiner jetzt verfallenen Burg Hardenstein an der Ruhr der Ritter Neveling von Hardenberg; zu diesem gesellte sich einstens ein Erdmännchen, welches sich König Goldemar nannte, und lebte lange Zeit vertraulich mit ihm auf der Burg. Der Goldemar redete mit ihm und anderen Menschen, er spielte sehr lieblich auf der Harfe, imgleichen mit Würfeln, setzte dabei Geld auf, trank Wein, und schlief oft bei Neveling in Einem Bette.

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Als nun Viele, sowohl Geist- als Weltliche ihn besuchten, redete er zwar mit allen, aber also, daß es besonders den Geistlichen nicht immer wohlgefiel, indem er durch Entdeckung ihrer heimlichen Sünden dieselben oft schamroth machte. Neveling, welchen er seinen Schwager zu nennen pflegte, warnete er oft vor seinen Feinden, und zeigte ihm, wie er deren Nachstellungen entgehen könnte. Auch lehrete er ihn, sich mit diesen Worten zu kreuzigen, und zu sagen: Unerschaffen ist der Vater, unerschaffen ist der Sohn, unerschaffen ist der heilige Geist!

So pflegt er zu sagen: Die Christen gründeten ihre Religion auf Worte, die Juden auf köstliche Steine, die Heiden auf Kräuter. – Seine Hände, welche mager, und, wie ein Frosch und Maus, kalt und weich im Angriff waren, ließ er zwar fühlen; keiner aber konnte ihn sehen.

Nachdem er nun drey Jahre bey Neveling ausgehalten hatte, ist er, ohne Jemand zu beleidigen, weggezogen. Es hatte aber Neveling eine schöne Schwester, um welcher willen Viele argwohneten, daß sich dieses Erdmännchen bey ihm ausgehalten habe. –

Eine andere Sage erzählet diese Wundergeschichte folgendermaßen:

Auf dem Hause Hardenstein hat sich vor Zeiten ein Erdmännchen aufgehalten, welches sich König Vollmar genennet, und diejenige Kammer bewohnet hat, welche von jenen Zeiten an bis auf den heutigen Tag die Vollmars Kammer heißet. Dieser Vollmar mußte jederzeit einen Platz am Tische, und einen für sein Pferd im Stalle haben; der denn jederzeit die Speisen, wie auch Hafer und Heu verzehret wurden, vom

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Menschen und Pferde aber sahe man nichts als den Schatten.

Nun trug es sich zu, daß auf diesem Hause ein Küchenjunge war, welcher begierig diesen Vollmar, wenigstens seine Fußstapfen zu sehen, hin und wieder Erbsen und Asche sträuete, um ihn solcher Gestalt fallend zu machen. Allein es wurde sein Vorwitz sehr übel bezahlet; denn auf einen gewissen Morgen, als dieser Knabe das Feuer anzündete, kam Vollmar, brach ihm den Hals und hieb ihn in Stücken, da er die Brust an einen Spieß steckte und briet, etliches röstete, das Haupt aber nebst den Beinen kochte.

Als der Koch bey seinem Eintritt in die Küche dieses erblickte, wurde er sehr erschrocken, und wollte sich fast nicht in die Küche wagen. Sobald die Gerichte fertig, wurden solche auf Vollmars Kammer getragen, da man dann hörte, daß sie unter Freudengeschrey und einer schönen Musik verzehret wurden. Und nach dieser Zeit hat man den König Vollmar nicht mehr verspüret. Ueber seiner Kammerthür aber war geschrieben, daß das Haus künftig so unglücklich seyn solle, als es bisher glücklich gewesen; auch daß die Güter versplittert und nicht eher wieder zusammen kommen sollten, bis daß drei Hardenberge vom Hardenstein am Leben seyn würden. Der Spieß und Rost sind lange zum Gedächtnisse verwahrt, aber 1651, als die Lothringer in diesen Gegenden hauseten, weggeplündert worden; der Topf aber, der auf der Küche eingemauert, ist noch vorhanden.

(v. Steinen S. 777–779.)

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XIII.

Die Springwurzel.

In der Nähe der Stadt Lübbecke bey Minden befindet sich in der Gebirgskette, die weiterhin die Porta Westphalica bildet, ein hoher, spitziger Berg, die Babildnie genannt. Oben auf der Spitze desselben hat im grauen Alterthume eine feste Burg gestanden, von welcher man jetzt nur noch einzelne Steine und Mauerstücke und die Spuren eines weitläufigen dreyfachen Walles findet. Die Burg hat dem tapferen Sachsenherzoge Wittekind gehöret, der sich gegen die Verfolgungen der Franken darauf geflüchtet hat. Er wurde hart von diesen bedrängt, und konnte ihnen zuletzt nicht mehr widerstehen, weshalb er die Burg Preis gab. Als nun die Franken die Burg nahmen, waren der Herzog mit seinem Weibe und seinen Kindern plötzlich verschwunden, und Niemand wußte, wohin sie gekommen. Nur Eine von seinen Töchtern war nicht mit fort, sondern in einem großen Keller unter der Burg geblieben, in welchem eine ungeheure Menge Schätze waren. Die Burg aber wurde von den Franken zerstört, und dabey die Prinzessin in dem Keller verschüttet. Dort muß sie nun sitzen und die Schätze bewachen. Wenn aber der Mond gerade um Mitternacht voll wird, dann darf sie heraus gehen, und wenn sie dann Jemanden findet, der mit ihr in den Keller gehet und die Springwurzel nimmt, die dort liegt, so

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wird dieser alle Schätze bekommen und die Prinzessin erlöset werden.

Vor langer Zeit war einmal ein Schäfer, der an diesem Berge seine Schafe hütete. Derselbe war des Abends eingeschlafen und hatte sich verspätet. Als er erwachte, stand der Mond hoch am Himmel, und er sah ein wunderschönes, von Gold und Edelsteinen glänzendes Fräulein vor sich stehen; die winkte ihm freundlich, er solle ihr folgen. Der Schäfer that es, und sie führte ihn oben auf den Berg. Da sah er eine Mauer, die that sich auf, als das Fräulein sie berührte, und beyde schritten durch dieselbe in den Berg. Sie kamen in einen großen weiten Saal, darinnen nichts war, als Silber, Gold und Edelsteine, aber auf einem Tische ganz allein lag eine Wurzel, das war die Springwurzel. Das Fräulein sprach zu dem Schäfer, er solle sich nehmen, so viel als er tragen könne, allein er solle das Beste nicht vergessen, sonsten er nimmer würde glücklich werden. Der Schäfer aber steckte alle seine Taschen voll von Gold und Juwelen, auch die Schäfertasche, und nahm auch beyde Hände voll; doch die Wurzel ließ er liegen. Da rief ihm das Fräulein noch einmal zu: Vergiß das Beste nicht, sonst wirst Du auch des Andern nicht froh! – Was sie aber meinte, das durfte sie nicht sagen. Allein der Schäfer achtete ihrer Worte nicht, und ging, und hinter ihm schlug mit furchtbarem Geprassel die Mauer zu. Seines Reichthums wurde er jedoch nicht froh, denn der schnöde Geiz war in sein Herz gefahren, und er starb vor Hunger.

(Mündlich. Vgl. auch Grimms deutsche Sagen und und die folgende Sage.).