Westphälische Sagen und Geschichten/S129-252

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Westphälische

Sagen und Geschichten

von

H. Stahl.

Zweiter Theil.


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Elias Grail,

eine geschichtliche Sage.

Unter den fränkischen Königen, die am Ende des siebenten Jahrhunderts regierten, lebten zwey Verwandte edlen Ursprungs, von denen der Eine Theodorich, der Andere Daltho hieß. Beyde zeichneten sich durch Muth, Tapferkeit und Treue aus, und leisteten ihren Königen die wichtigsten Dienste. Um diese zu belohnen, ernannte König Dagobert II. von Austrasien und Neustrien den Einen von ihnen, Daltho, zum Grafen von Thurgau in Helvetien und zum Advokaten des Bisthums Basel; den Anderen Theodorich aber machte er zum Grafen von Theisterbant und Cleve.

Die Grafschaft Cleve, die späterhin unter dem Kayser Sigismund zu einem Herzogthum erhoben wurde, besteht, wenigstens dem Namen nach, noch jetzt, und Jedermann kennt sie, ihre Lage und ihre Grenzen. Die Grafschaft Theisterbant aber ist ihrem Namen nach verschwunden. Sie bestand aus den Inseln Thiel und Bommel, dem Gebiete von Workum, Altena, Wanden, Heusdum, Arkel, Kulenburg und Büren, und dem ganzen Landstriche zwischen den Flüssen Lach und Linge bis an die alte Maas.

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Der Graf Theodorich herrschte mit Milde und Weisheit über diese beyden Grafschaften; er zog sich, bereits bejahrt geworden, von dem wilden Kriegerhandwerke zurück, und lebte nachdem seine Gattin längst verstorben war, mit seiner einzigen Tochter, Namens Beatrix, still und zufrieden auf seiner Burg zu Cleve, deren Mauern damals noch von den Wellen des Rheins bespült wurden. Doch, wenn gleich ein stilles und zufriedenes, ein langes Leben fristete ihm das Geschick nicht mehr. Er starb nach wenigen Jahren der Ruhe, betrauert von seinen Unterthanen, auf das schmerzlichste beweint von seiner Tochter, die jetzt, nachdem auch der Vater gestorben war, getrennt von ihren entfernt wohnenden Verwandten, verlassen und allein dastand, in einem kalten, wilden Leben, ohne Freund und ohne Beschützer.

In damaliger Zeit war Carl Martell, der Großvater Carls des Großen, unumschränkter Beherrscher der fränkischen Monarchie, als Herzog von Neustrien und Major Domus Austrasiens; dieser ernannte zum Nachfolger Theodorichs in den Grafschaften Theisterbant und Cleve seinen Freund und Waffengefährten Elias Grail oder Gralius. Woher dieser Elias Grail stammte und welchen Geschlechts er war, wußte zwar Niemand, aber bekannt war es, daß Carl Martell nur ihm sein Leben und seine Macht zu verdanken habe, und von ihm auf wunderbare Weise beschützt und errettet sey.

Als nemlich im Jahre 714 Pipin von Herstall, Major Domus des fränkischen Reichs, gestorben war, wurde ihm, unter dem roi fairneant Chilperich dem II., zuerst sein unmündiger Sohn Theudobald, bald

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nachher aber von einer Gegenpartey der Herzog Raginfred zum Nachfolger erwählt, obgleich er schon während seiner Lebzeit angeordnet hatte, daß kein Anderer, als sein Sohn Carl Martell ihm in seiner Macht und in seinen Würden nachfolgen solle. Diesen Carl Martell hatte Pipin, obgleich seine rechte Gemahlin Plecktrudis zu Cöln noch lebte, mit seinem Kebsweibe Alpais gezeugt, mit der er sich bis ans Ende seines Lebens auf einem Schlosse in Frankreich *) aufhielt; er hatte ihn zu seinem Nachfolger ausersehen, weil er mit richtigem Blicke den künftigen Helden und Regenten in ihm sah. Allein Plecktrudis, die ihrem Sohne Theudobald die Regierung verwahren wollte, hatte sich früh Carl Martells zu bemächtigen gewußt, und hielt ihn jetzt, nachdem Pipin gestorben war, und sie Theudobald als seinen Nachfolger hatte anerkennen lassen, in Cöln gefangen.

Wer ein Auge auf die nachherigen Thaten Carl Martells wirft, in denen der kühnste Heldengeist in klarer Entwickelung steht, der wird leicht die Wuth ermessen, mit der er ein Geschick tragen mußte, das ihn zu der schmachvollsten Unthätigkeit verdammte, während Fremde sich um eine Krone stritten, die nur ihm zugehörte. Denn schon damals war der Major Domus der eigentliche König, und Carls Sohn, Pipin der Kurze, gab später der Sache nur eine, nach damaligen Begriffen, legale Form dadurch, daß er sich vom Päpstlichen Stuhle die Königswürde, als ihm zustehend, zusprechen und sich damit zum Könige salben ließ.

  • ) Teschenmacher p. 97. sagt: in ar[.] Jopili[.].

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Vergebens sann der Gefangene auf Mittel sich zu befreyen; seine feindselige Stiefmutter hatte ihre Maßregeln zu gut getroffen, weder List noch Gewalt konnte ihn retten. Mochte er toben, wüthen, verzweifeln, nichts half.

Da erschien – erzählt die Sage – in einer Nacht an seinem Lager ein Jüngling, der war fremd, aber schön und glänzend anzusehen. Dieser nahm seine Hand und gebot ihm, aufzustehen und ihm zu folgen, indem er ihn befreyen wolle. Der gefangene Herzog sah ihn voll Verwunderung an, aber er trauete ihm, erhob sich und folgte ihm; und wie sich wunderbarer Weise vor dem Jünglinge die Thore öffneten und die Zugbrücken niederließen, so schritten sie sonder Gefähr und sonder Anstand aus dem Gefängnisse und aus der Burg, und kamen an das Ufer des Rheins. Hier war ein Nachen angelegt, neben dem ein schneeweißer Schwan Wache hielt. Das Thier erhob sich, als sie sich naheten, und rauschte hoch auf mit seinen Flügeln, seinem Herrn entgegen. Der fremde Jüngling ließ seinen Befreyeten in den Nachen steigen, und stieg dann selbst hinein, und der Schwan zog jetzt an einer güldenen Kette den Nachen weiter, den Strom hinauf.

Sie kamen zu Carls Freunden und Anhängern, die sie mit lauter Freude empfingen. Schnell wurde Carl Martell zum Major Domus ausgerufen, schnell schlossen alle Tapferen, alle Freunde seines verstorbenen Vaters sich an ihn an, und wenige Monate reichten hin, seine beiden Feinde zu unterwerfen; namentlich wurde Ragirfred in der Schlacht bey Cambray besiegt. Carl setzte sich jetzt in den Würden seines Vaters fest,

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und zog dann nach Cöln, wo er auch dessen Schätze in Besitz nahm.

Sein Befreyer war in dieser ganzen Zeit nicht von seiner Seite gewichen, mit Muth und Ausdauer hatte er alle Beschwerden des Krieges getragen, und in den Gefechten hatte man ihn nur da gesehen, wo der Kampf am heftigsten, die Feinde am dichtesten waren. Carl wollte ihn für seine Dienste und für seine Tapferkeit belohnen; aber plötzlich und auf eine unbegreifliche Weise war er aus Cöln und aus Frankreich verschwunden, ohne daß man seine Spur wiederfinden konnte. Man wußte weiter nichts von ihm, als daß er Elias Gralius oder Grail heiße, woher er stamme, hatte Niemand erfahren können.

Carl Martells unruhiger, kühner Geist litt ihn nicht lange in Unthätigkeit. Zuerst, nachdem er im Innern seines großen Reichs seine Macht befestigt, und diesem einen Schattenkönig gegeben hatte, bekriegte er die Sachsen, dann die Alemannier und Bojer. Alle diese Völker besiegte er, und unterwarf sie, wenn gleich die Unterwerfung der Sachsen nicht von Dauer war und völlig erst seinem großen Enkel gelingen sollte. Als er demnächst aber auch gegen die Friesen zu Felde zog schien sein bisheriges Glück ihm nicht mehr beystehen zu wollen. Dieses Volk, das von seiner ersten Bekanntwerdung an bis auf den heutigen Tag in der Geschichte nur Einen Namen führen kann, den des Tapferen, das trotz allen Wanderungen der übrigen Völker seine alten Wohnsitze an der Nordseeküste zwischen der Schelde und Weser beibehalten hatte, empfing unter seinem Fürsten Radbodus auch Carl Martelle mit einer unerwartet muthigen und standhaften Gegen

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wehr, so daß der Held seinen ganzen Feldzug fast vereitelt, und sich auf dem Punkte sah, zu einem schmachvollen Rückzuge seine Zuflucht zu nehmen. In dieser Noth erschien während eines hitzigen, hartnäckigen Gefechtes plötzlich ein junger Ritter in seinen Reihen, in einer glänzenden, goldenen Rüstung, mit einem Schilde, auf dem ein schneeweißer Schwan prangte. Elias Grail! rief Carl Martell voller Freude, als er ihn sah, als wenn in dem Jünglinge ihm sein Schutzgeist erschienen sey. Ellas Grail focht mit einem Muthe und mit einer Kühnheit, wie die Franken sie noch nie gesehen, und die Friesen noch nie erfahren hatten. Muth verbreitete er unter den Seinigen, Tod und Schrecken unter den Feinden. Die Friesen wankten, flohen, zerstreueten sich, und nach wenigen Tagen erschien Radbodus demüthig und unterwarf sich mit seinem ganzen Volke.

Diesesmal entschwand Elias Grail nicht wieder; er blieb bey Carl, dessen Freund er wurde und mit dem er nach Frankreich zurückkehrte. Um diese Zeit war es, als der Graf Theodorich von Cleve starb, und mit der lebhaftesten Freude ergriff Carl die Gelegenheit, seinem Freunde und zweimaligem Retter seine Dankbarkeit zu bezeigen; er ernannte ihn zum Grafen von Cleve und Thristerbant.

Das Volk von Cleve wahr zahlreich am Ufer des Rheins in der Nähe der gräflichen Burg zu Cleve versammelt, um seinen neuen Herrn in Empfang zu nehmen. Man erzählte sich, während man ihn erwartete, von seinen Thaten und seinem Muthe, und erschöpfte sich zugleich in Vermuthungen darüber, woher er, der so unvermuthet und räthselhaft erschienen war,

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wohl stammen möge. Einige hielten ihn für einen Sprößling des alten, edlen römischen Geschlechts der Anlier; Andere sagten, er stamme von einer berühmten Trojanischen Familie ab; noch Andere glaubten, er sey ein edler Fürst Griechenlands, der an der Ermordung des Kaysers Justinian des II. Antheil gehabt, und daher sein Vaterland habe verlassen müssen; die Meisten aber behaupteten, man könne seinen Ursprung und seinen Stamm mit Gewißheit nicht angeben, indem er aus dem irdischen Paradise herstamme, und zum Heil der Christenheit in diese Gegend gekommen sey.

Während so die Bewohner Cleves, seiner harrten, und sich von ihm unterhielten, saß die einzige, verlassene Tochter des Grafen Theodorich einsam in ihrem Gemache auf der Burg zu Cleve, und sah ebenfalls den Rheinstrom hinab, aber mit ganz anderen, nemlich mit sehr peinlichen schmerzhaften Gefühlen. Der heutige Tage war der Schlüssel zu einer dunklen Zukunft, der sie jetzt entgegenschritt. Nur zwey Wege blieben ihr offen: entweder sich der Gnade des neuen Herrn des Landes zu unterwerfen, oder ihre Tage zwischen dumpfen Klostermauern zu beschließen. Sie kämpfte lange, aber der Entschluß für das Klosterleben siegte; wie konnte die Tochter Theodorichs da abhängig und vergessen leben, wo man bisher nur ihre Winke als Befehle gekannt hatte!

Wie sie nun so saß und in Betrachtungen über ihr Schicksal verlohren, auf den Fluß zu ihren Füßen hinunterblickte, wurde auf einmal die laute Menge stumm, alles Gespräch stockte, und alle Gesichter wandten sich nach Einem Gegenstande, den Strom hinauf. Auch die Gräfin Beatrix sah dahin und ihr Auge blieb

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gefesselt durch den wunderbaren Anblick, der sich ihr darbot.

Langsam und feyerlich kam eine Reihe von Schiffen den Rhein herunter geschwommen, angefüllt von Rittern und Knappen, die glänzende Rüstungen und stolze hoch in der Luft wehende Fahnen trugen. An ihrer Spitze aber schwamm ein einzelner kleiner Nachen; der wurde gezogen von einem großen, schönen, schneeweißen Schwane, an einer glänzenden goldenen Kette, und in demselben stand nur Ein Ritter, von sehr hoher schlanker Gestalt, in goldener Rüstung, das Visir seines Helmes aufgeschlagen, so daß man in ein Gesicht sah, in dem Frische und Milde und Anmuth der Jugend mit der Kraft und Vollendung des Mannesalters und mit einer mehr als irdischen Hoheit auf das wundersamste gepaart war. Es war Elias Grail, der neue Herrscher.

Unbeweglich hafteten alle Augen an der herrlichen Erscheinung; auch Beatrix konnte die ihrigen nicht davon abwenden, und sie fühlte ihr Herz von einer bald schneidenden und bald wieder erhebenden Wehmuth durchzogen, als der junge Held jetzt an das Land stieg, seinen Schwan selbst von der goldenen Kette lösete, und nun mit einem lauten, lang wiederhallenden Freudengeschrey von seinen neuen Unterthanen empfangen wurde. Im Triumpfe wurde er in die Burg geführt. Beatrixens Herz klopfte höher, als sie ihn die Stiegen heraufkommen hörte; sie gerieth in unbeschreibliche Verwirrung, wenn sie bedachte, daß die Ritterfrauen jetzt bald sie abholen würden, um sie in ihre Mitte zu nehmen, und sich dem neuen Herrscher vorzustellen. Wirklich geschah dieß bald. Aber alle Angst und Verlegen

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heit war aus ihrem Innern gewichen, als sie ihm jetzt gegenüber stand, und in sein klares, mildes Auge sah. Der Jüngling sich sie lange und freundlich an; ihre schöne Gestalt, ihr frommer, jungfräulicher Blick schien einen tiefen Eindruck auf ihn zu machen; er bat sie mit Aufrichtigkeit, fast dringend, in der Burg zu bleiben, und auch fortan deren Gebieterin zu seyn, wie sie es bisher gewesen. So wie er alle Herzen gewann, so gewann er auch das ihrige. Beatrix blieb, von Einem Tage zum Anderen ihren Entschluß, das Klosterleben anzutreten, aufschiebend.

Elias Gralius feyerte unterdeß den Antritt seines Regiments mit Festen und kriegerischen Spielen, bey dem er selbst stets der Gewandteste, Geschickteste und Kühnste war. Wunderbar aber war es, wie sein Schwan, dessen Gefieder die größte Reinheit an Weiße übertraf, nie von seiner Seite wich. Immer sah man das schöne Thier neben ihm, mit seinem Halse sich an seine Kniee schmiegen, mit seinen Augen treu und klug und innig zu ihm hinaufblicken, als wenn es um einen freundlicher Blick, um eine Liebkosung bitten wolle. Und vor Freude leuchteten seine Augen, und schüttelte es sein zartes Gefieder, wenn sein Herr wirklich freundlich zu ihm herunter sah, oder seinen Kopf oder seinen Hals streichelte. Viel sprach man über dieß Verhältniß des Grafen zu dem schönen Schwane, der nicht bey Tage und nicht bey Nacht von ihm wich; aber ergründen konnte man es nicht, und es blieb bey leeren Vermuthungen.

Da begab es sich, daß der Graf Elias Grail plötzlich bekannt machte, Beatrix, die schöne Tochter Theodorichs, sey seine Braut, und nächstens werde er sie,

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nach den Vorschriften der christlichen Kirche zu seiner Hausfrau erheben Laute Freude entstand hierüber in dem ganzen Lande; am seligsten aber war Beatrix selbst. Der Schwan aber verfiel von demselben Tage an auf eine wunderbare Weise in die tiefste Betrübniß. Der Glanz seines Gefieders verschwand, sein Hals hob sich nicht mehr froh und stolz, der Blick seiner Augen war trübe, matt und krank schlich er hinter seinem Herrn her, der von dem Augenblicke an des treuen Thiers überdrüssig geworden zu seyn schien, es ungern an seiner Seite sah, und daher am Ufer des Rheins neben der Burg bald einen Thurm bauen ließ, dessen Ruinen noch jetzt stehen, und der noch jetzt unter dem Namen Schwanenthurm bekannt ist. In diesen verbannte er das edle Thier, und befahl seinen Knechten, es an nichts Mangel leiden zu lassen. Lange hat es hier gesessen, still und einsam, und in sichtlichem Grame sich aufzehrend. Oft hörten die Wärter es seufzen, wie wenn es eine Jungfrau wäre, aus deren Busen schwere Seufzer sich hervorpreßten; und manchmal in stiller Mitternacht vernahmen sie Töne, als wenn ein menschliches Wesen leise, aber desto schmerzlicher weine. Eines Abends aber, tönte aus dem Schwanenthurme ein wunderbarer Gesang hervor, der leise und zitternd mit dem Rauschen der Wellen sich vermischte, und der gegen Mitternacht langsam in einem stillen Weinen erstarb.

Am anderen Tage feyerte Elias Grail sein Beilager mit der Gräfin Beatrix. In der Kapelle der gräflichen Burg stand das schöne Paar vor dem Bischofe, der ihre Hände in einander legte, und vor dem sie sich ewige Treue schwuren. Elias Grail war

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sonderbar bewegt. Forsche nie, sprach er zu seiner Braut, bevor noch der Priester den Segen über sie gesprochen hatte, forsche nie nach meiner Herkunft, nach meinem Stamme. Versprich es mir. Jede Frage darnach wäre mein Elend, müßte uns auf ewig scheiden.

Sie versprach es, und der Bischof nahm jetzt das Krucifix, daß sie darauf Treue und Liebe sich geloben sollten. Da wurde plötzlich am Eingange der Kapelle ein heftiges Schluchzen laut, und wie Alle die Augen dahin wandten, sah man den Schwan des Grafen dastehen. Aber er sah nicht mehr krank und verfallen aus, sondern sein Gefieder war wieder weiß und glänzend, den schönen Hals hob er hoch empor, und auch seine Augen glänzten, aber schmerzlich wie von Thränen.

Der Bräutigam erblaßte, als er ihn sah, und auch die Braut zitterte und wurde bleich. Wohl waren ihr von der sonderbaren Gerüchten, welche man über den Grafen und den Schwan hatte, zu Ohren gekommen; eine entscheidende Frage schwebte auf ihren Lippen; aber da gedachte sie des Versprechens, das sie so eben noch gegeben hatte. Sie schwieg. Auch Elias Grail erholte sich schnell wieder, und der Bischof sprach jetzt den Segen der Kirche über sie aus.

In dem Augenblicke, als er geendet hatte, war der Schwan verschwunden; Niemand hatte gesehen, wie und wohin, Niemand hat ihn seitdem wieder gesehen.

Drey Jahre lang lebte Elias Grail mit seiner jungen Gemahlin zufrieden und glücklich, und zeugte in dieser Zeit drey Söhne mit ihr, Theodorich, Gottfried und Conrad von denen der Erste sein Nachfolger, der Zweite Graf von Lossen und der Dritte Landgraf vor Hessen wurde. Da geschah es eines Tages,

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daß die Gräfin Beatrix ihrer vergangenen Tage gedachte, wie sie nach dem Tode ihres Vaters freude- und hülflos gewesen, und wie darauf die Liebe ihres edlen Gemahls sie so glücklich gemacht habe. Nur Ein Wehrmuthstropfen fiel in den Kelch ihrer frohen Erinnerungen, das Andenken an deu räthselhaften Schwan. Weibliche Neugierde und Eifersucht kämpften in ihr, sie zerbrach sich den Kopf in Grübeleyen und Vermuthungen über das Thier selbst und über dessen Verhältniß zu ihrem Gatten, und ging von da auf diesen selbst, auf seine Herkunft, seinen Ursprung über. Immer brennender wurde ihre Begierde, über alles dieses Auskunft und Gewißheit zu haben. Elias Grail saß neben ihr. Lange kämpfte sie; zuletzt konnte sie nicht mehr widerstehen. Sie schmeichelte, sie liebkoste ihm; er war freundlich, gefällig; freundlicher, gefälliger als je. Jetzt war der Zeitpunkt, ihn zu fragen; er gab ihr gewiß Aufschluß. Und die Folgen! – Seine Worte in der Kapelle waren wahrscheinlich nur eine leere Drohung, hervorgegangen aus einer Furcht vor Entdeckung.

Ihr beschützender Genius verließ sie Sie mußte wissen, wer er, wer der Schwan war. Die unglückliche Frage schwebte über ihre Lippen.

Elias Grail war fröhlich und heiter gewesen. Aber so wie das Wort aus ihrem Munde kam, verfinsterten sich seine Augen, seine Gesichtszüge. Starr blickte er vor sich hin, ohne ihr zu antworten. Beatrix! sagte er dann, aber mit weicher, liebender Stimme, und das Finstere seines Blickes hatte einer unbeschreiblichen Wehmuth Platz gemacht. Er stand von seinem Sitze auf, und ging zu seinen drey

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Knaben, die in einer Ecke des Gemachs waren. Einen umarmte er nach dem Anderen, aber schweigend, man hörte kein Wort mehr von ihm; nur seine Augen wurden immer trüber und feuchter. Noch Einen wehmüthigen Blick warf er auf die Kinder, nachdem er sie geherzt hatte, dann auf seine Gattin, dann verließ er rasch das Gemach. Laut weinend und um Verzeihung bittend, stürzte die unglückliche Beatrix ihm nach, allein er war verschwunden. Man sah ihn nicht wieder.

Ein Jahr darauf, im Jahre 732, focht Carl Martell die Schlacht bey Poitiers, die entscheiden sollte, ob ganz Europa frey, oder die Sklavin fremder Barbaren werden, ob der christliche Glaube, oder blindes Heidenthum fortan herrschen solle. Der Kampf war heiß, die Banner der Christen im Gedränge, der Sieg schwankend. Da zeigte sich mitten in dem Gedränge, das die kühnsten und unbändigsten Araberfürsten in dem fränkischen Heere verursachten, hoch auf stolzem Rosse plötzlich ein Ritter in goldener Rüstung und mit einem Schilde, auf dem das Bild eines Schwanen in Silber strahlte. Blendend war der Glanz seiner Rüstung; aber mehr als diese glänzte sein großes, breites Schwert, das er mit schnellem, kräftigem Arme hob, und zernichtend und zerschmetternd auf die Häupter der Mauren schleuderte. Elias Grail! rief jauchzend vor Freude, als er ihn erblickte, Carl Martell wieder, wie in der Schlacht gegen die Friesen. Leben und Begeisterung strömte der Ruf in das christliche Heer; alle Kräfte verdoppelten sich, aller Muth entflammte höher; der glänzendste Sieg entschied die Freiheit Europas und des christlichen Glaubens. Vergebens wurde nach der Schlacht Elias Grail gesucht. Er war verschwunden.

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Niemand hat ihn wiedergesehen. Auch der Schwan nicht. Aber in dem Schwanenthurme zu Cleve hörte man oft um Mitternacht lieb heimliches Flüstern und Rauschen. Man hört es noch oft, obgleich der Thurm nur eine nackte Ruine mehr ist.

Die Sage erzählt – und warum sollte es nicht so seyn? – Der Schwan sey eine überirdische Fee gewesen, mit der Elias Grail in heimlicher Liebe gelebt habe. Als dieser sich mit der Gräfin Beatrix vermählt, habe sie vor dem Segen der christlichen Kirche weichen müssen. Allein, obgleich verlassen und verschmähet, habe sich ihre Liebe zu Elias Grail dennoch nicht in Haß gekehrt; vielmehr sich in die innigste Liebe zu allen Nachkommen des Grafen Elias aufgelöset. Und sie, und nicht eine Gräfin Annna von Rosenberg, sey es, welche noch jetzt als weiße Frau umherwandle und erscheine, und traurig es vorher verkünde, wenn das Geschlecht ihres Geliebten von einem Todesfalle oder einem Unglücke bedrohet werde. Das letzte Mal hat man sie gesehen, als sie den Tod der edelsten Königin verkündete, der unvergeßlichen Luise von Preußen. Drey Nächte wandelte sie vom Schwanenthurme in das Schloß zu Cleve und durch alle Gänge desselben, in weiten weißen Gewändern, still und langsam und in der tiefsten Trauer. Am vierten Tage war die edelste Frau verschieden.

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Der Ursprung des Stifts Fröndenberg.

Man hat viele recht interessante Sagen und Legenden über die Art und Weise, wie Kirchen, Klöster und Stifter in Westphalen entstanden sind. So haben wir die Entstehung des Stiftes zu Herdecke und der Kirche zu Stromberg bereits in dem ersten Bändchen dieser Sagen und Geschichten erzählt. So berichtet, um noch einige Beispiele anzuführen, die Sage von der Stiftung des Klosters zu Werden, daß der Platz, wo dasselbe gebaut worden, ehemals ein undurchdringlicher Wald gewesen, so daß Jedermann dem heiligen Ludgerus, der das Kloster allda bauen wollte, dieses, als etwas unmögliches abrieth. Allein der heilige Mann betete zu Gott, daß Er die heitere Luft verwandeln und einen wilden Sturm schicken möge. Dieses geschah, und in Einer Nacht hatte der Wind alle Bäume aus der Erde gerissen, und es war damit Platz gewonnen, und auch Holz, um das Kloster zu bauen. Da wo jetzt das Kloster Finnenberg bey Warendorf steht, war vor Zeiten ein Schloß, auf dem ein reicher und gottesfürchtiger Edelmann wohnte, welcher zwölf Töchter hatte. In einer Nacht hatte dieser Edelmann eine heilige Erscheinung; denn, als er sich betend ins Fenster legte, sah er nicht weit von sich zwey Personen herumgehen, die einen glänzenden Schein um sich

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hatten und die er für Jesus Maria erkannte. Beyde maßen mit einem Stricke einen Platz ab. Am andern Morgen fand er daselbst ein rothes Seil.

Da erkannte er in freudiger Demuth, den göttlichen Willen, und er ließ auf dem abgemessenen Platze ein Frauenkloster erbauen. Seine älteste Tochter wurde darin Abtissin, und die übrigen Eilf, Nonnen.

Das Stift Gevelsberg ist bekanntlich an der Stelle entstanden, wo der Erzbischof Engelbert von Cöln im Jahre 1225 von den Leuten seines Vetters, des Grafen Friederich von Isenburg erschlagen ist. Bald nach dieser That sah man daselbst nemlich mehrere Erscheinungen. Unter anderen sah ein Schmid, von Schwelm der in einer finstern, stürmischen Nacht des Weges kam, allda ein helles, glänzendes Licht, das mehrere Ellen hoch aus der Erde hervorkam und die ganze Gegend beleuchtete, und weder von dem Regen noch von dem Winde verlöscht werden konnte, sondern nicht einmal bewegt wurde. Ferner, nachdem dieses bekannt geworden, ließ ein Gichtbrüchiger aus Schwelm sich an den Ort tragen, verrichtete dort sein Gebet und fühlte sich auf der Stelle gänzlich geheilt. Dieses, und noch andere Umstände gaben den göttlichen Willen zu erkennen, daß hier eine Kirche und ein Kloster gebauet werden sollten, und man errichtete beyde im Jahre 1251.

So erzählt man sich auch viele Erscheinungen und Wunderwerke, welche die edlen Brüder Gottfried und Otto von Kappenberg bewogen haben, ihre weltlichen Kleider mit geistlichen zu vertauschen, aus ihrem Schlosse ein Kloster zu machen, das glänzendste Westphalens, und alles ihr Hab und Gut der Kirche zu schenken.

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Keine solcher Sagen und Legenden mag aber wohl interessanter seyn, als die von Entstehung des Stifts Fröndenberg an der Ruhr, indem wir dabey auch nicht im entferntesten das Einwirken menschlicher Leidenschaften sehen, nicht einmal ahnen können, sondern nur reine Frömmigkeit und Gottesfurcht antreffen, und daher auch von den Wundern, welche die Sage dabei nicht auslassen darf, gern annehmen, daß nicht Eigennutz oder andere Triebfedern, sondern blos ein kindlicher Volksglaube, dadurch stillschweigend, aber nicht minder schön, die Frömmigkeit der Stifter anerkennend, sie geschaffen habe.

In dem Städtchen Ahlen im Münsterlande lebte einst ein kriegerischer, aber frommer Mann, Namens Christophorus; derselbe that ein Gelübde, zum heiligen Grabe zu wallfahren, und hielt dasselbe. Wie er nun so sehr fromm und demüthig war, so gewannen die Priester, die das Grab des Herrn bewachten, ihn lieb, und sahen es gern, wenn er in ihrer Mitte seine Gebete verrichtete. Besonders war Einer unter ihnen, der Gefallen an seiner Frömmigkeit fand, und diese, als Christophorus von Jerusalem schied, dadurch belohnen und befestigen müssen glaubte, daß er demselben ein außerordentlich fein und lieblich gearbeitetes Marienbild schenkte, welches er selbst aus dem Holze des Kreuzes geschnitten, an dem unser Herr gelitten hatte.

Mit diesem Schatze kam der fromme Christophorus nach manchen Abentheuern und Gefahren, aber unversehrt, indem das Bild ihn beschützte, in seine Heimath zurück, und lebte fortan fromm und gottesfürchtig, wie er früher gethan, und noch frommer und gottesfürchtiger, und als er zum Sterben kam

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vermachte er das Bild seinen drey Kindern, und befahl ihnen, es niemals fortzugeben. Seine beyden Söhne wurden geistlich; Einer von ihnen Namens Bertoldus, wurde Mönch im Kloster zu Scheda; der zweyte, Menrickus, ward Canonikus zu Lübeck; seine Tochter aber ward Klosterjungfrau zu Ahlen. Und weil die Letzte mit ganzer Seele an dem Marienbild hing, so ließen die Brüder es ihr, und empfahlen ihr nur an, es recht in Ehren zu halten.

Es war im Jahre 1214, als der Mönch Bertoldus in einer Nacht, von frommen geistlichen Beschäftigungen, in sein Kloster Scheda zurückkehrte. Sein Weg führte ihn über den Berg Hassey oder Haßley, und dort einem großen, breiten Lindenbaum vorbey, unter dem in Vorzeiten die Bewohner der Gegend allerley üppige Tänze und Spiele getrieben hatten. Bertoldus gedachte dessen, als er in die Gegend des Baumes kam, und es that ihm leid in seinem frommen Gemüthe, wie doch so oft, so alle Tage und Stunden, die Menschen dem Bösen, ihren üppigen Lüsten und Begierden, Tempel bauen und Opfer bringen, den ewigen Gott aber vernachläßigen und verhöhnen. Wie er noch daran dachte, sah er auf einmal unter dem Lindenbaume einen hellen Glanz, als wenn es ein Abglanz des Himmels wäre. Er erstaunte darüber und sah lange hin; weil er aber nichts weiter erblickte, so ging er endlich weiter, schwieg aber, und behielt das Gesehene für sich. Einige Zeit nachher aber führte ihn sein Amt wieder desselbigen Weges, und zwar wieder um Nachtzeit; und abermals sah er denselben hellen, klaren Glanz; und bald nachher noch mehrere Male.

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Da gedachte er, daß es der Wille des Herrn sey, diesen, früher nur Lastern und Sünden gewidmeten Ort von den vorigen Gräueln zu reinigen, und denselben nur zum Dienste des Himmels zu weihen. Er faßte daher den Entschluß zu bewirken, daß daselbst zur Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau ein Kloster errichtet werde. Diesen Entschluß theilte er seinem Probste zu Scheda mit, und bat denselben, da er sein Vorgesetzter war, um seine Erlaubniß zu diesem Unternehmen. Allein der Probst, ein hochmüthiger Mann, der ihm zuwider war, verweigerte ihm diese Erlaubniß ein für allemal, und verbot ihm zuletzt bey scharfer Strafe, je wieder zu ihm ein Wort über die Sache zu sprechen. Den frommen Bertoldus. schmerzte dieß sehr; aber seinem Oberen, dem er Gehorsam geschworen, mußte er gehorchen. Er schwieg daher, und that seinem gottesfürchtigen Herzen nur dadurch Genüge, daß er, so oft als es ihm möglich war, unter den Lindenbaum ging, und daselbst sein Gebet verrichtete.

Als aber der zeitliche Probst zu Scheda nach einem halben Jahre plötzlich starb, wagte Bertoldus es, dessen Nachfolger, einem durchaus frommen Manne, seine Bitte wieder vorzulegen. Dieser gewährte sie ihm auf der Stelle.

Die erste Schwierigkeit, die Bertoldi Unternehmen entgegenstand, war also nun besiegt; er hatte von seinem geistlichen Oberen die Erlaubniß zur Errichtung des Klosters. Aber wie wenig war dieß in Betracht dessen, was noch alles zur Vollendung seines ganzen Plans erforderlich war! Wie gewiß hätte ein jeder der nicht von wahrer, ausdauernder Frömmigkeit beseelt war, von der Last aller der Schwierigkeiten und

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Hindernisse, die noch aus dem Wege zu räumen waren, sich besiegen lassen, und das Ganze aufgegeben! Nicht so Bertoldus, der wahrhaft gottesfürchtig war. Wohl erkannte er das Schwierige seines Unternehmens, wohl sah er ein, daß er keine Mittel habe, ein Hüttchen zu bauen, geschweige eine Kirche und ein weites Klostergebäude, daß ihm selbst das Land nicht einmal gehöre, auf dem das Kloster erbauet werden solle, und daß er keine Lebensmittel und keine Einkünfte habe, um die geistlichen Jungfrauen, die das Kloster künftig bewohnen sollten, zu unterhalten. Doch dieß alles schreckte ihn nicht ab, und muthig und ganz allein setzte er seinen zur Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau gefaßten Plan fort.

Zuerst reisete er zu seiner Schwester in Ahlen, und bat sie, ihm des Marienbild zu geben, das ihrer Beyder Vater aus dem gelobten Lande mit sich gebracht hatte. Sie weigerte sich zwar anfänglich, und wollte lange in sein Begehren nicht willigen, weil sie sich von dem theuren Bilde nicht trennen zu können glaubte; allein eines Morgens, als über Nacht plötzlich die Erkenntniß des heiligen Werks, das ihr Bruder vorhabe, ihr gekommen war, willigte sie ein, und gab ihm unter Thränen das heilige Bild.

Hiedurch war Bertoldus wieder um einen großen Schritt auf seinem beschwerlichen Wege vorangerückt. Denn mit dem Bilde durchzog er jetzt das Münsterland und die angrenzenden Länder, und zeigte es den Leuten vor, und bat sie, um dieses aus dem Kreuze Christi verfertigten Heiligthums willen, ihm Gaben für sein Unternehmen zu geben. Das thaten die Leute denn auch willig und reichlich; Bertoldus scheute dabey

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aber auch keine Beschwerden und keine Verfolgungen, an welchen Beyde es ihm nicht fehlte. Denn nicht nur mußte er die beschwerlichsten Gänge machen, Hunger und Durst, Kälte und Nässe ertragen, um nur immer seinen Zweck verfolgen zu können, sondern auch von manchen Seiten fand er Anfeindungen gegen sein frommes Vorhaben. So z. B., als er einst auf einem schmalen Steg über die Ruhr gehen wollte, verhöhnte ihn Jemand als einen Schwärmer, faßte ihn an, ergriff sein Marienbild und warf es in den Fluß Da gerieth der fromme Mann in große Angst, und glauvte, nun sey sein Unternehmen und alles verloren. Doch rief er inbrünstig die Mutter Gottes um ihren Schutz an, und in demselben Augenblicke sah er das Bild gegen den Strom an wieder auf sich zu schwimmen, wo er es denn mit freudiger Danksagung wieder ergriff, und nun, nach Bekehrung der Spötter, mehr Gaben erhielt, als vorher. Ein ander Mal, als er sich in dem Städtlein Menden aufhielt und daselbst an der Straße ein Gezelt errichtet hatte, in welchem er sein Bild aufstellte, und durch dessen liebreiches Antlitz die Vorübergehenden zu reichlichen Gaben bewog, trat ein gewisser Bürger der Stadt auf, welcher die Aufsicht über die Kirchengüter hatte, schmähete den Bertoldus, daß er die Einkünfte der Kirchen der Stadt verringere, schimpfte ihn, und unterwand sich sogar, sein Gezelt nebst dem Marienbilde umzustoßen. Aber für diesen Frevel wurde der Verwegene aus der Stelle bestraft; denn indem er wieder weiter gehen wollte, konnte er das nicht, und der Fuß, mit dem er das Bild umgestoßen, war ihm gänzlich verdorret. Da vergalt Bertoldus nicht Böses mit Bösem, sondern

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erbarmte sich seiner, legte das Muttergottesbild auf den verdorreten Fuß, und heilte ihn also augenblicklich; wodurch er denn abermals sich viele Freunde und neue Gaben erwarb.

Nachdem nun Bertoldus auf diese und ähnliche Weise genug Gaben gesammelt zu haben vermeinte, um vorläufig eine Capelle für sein Bild, und eine Hütte für sich daneben erbauen und darin nothdürftig leben zu können, kehrte er auf den Berg Haßley zurück, und bauete daselbst in der Nähe der vorhin besagten Linde zuvörderst ein kleines Hüttchen, worin er sein Marienbild setzte und dasselbe verehrte, auf den Herrn vertrauend, daß dieser im folgenden Jahre reichlichere Spenden verschaffen werde, um Kirche und Klosier zu bauen. Die geistlichen Herren zu Scheda verlachten ihn zwar sehr dieser Handlung halber, erinnerten ihn an das schöne und ruhige Leben, das sie in ihrem reichen Kloster, in der Mitte des Ueberflusses führten, und das er mit ihnen führen könne, und schalten ihn einen Thoren, daß er sein ärmliches Daseyn in der kalten, feuchten Reiserhütte, jedem Regen und jedem Froste ausgesetzt, führe; ja sie gingen in ihrem Hohne und im Kitzel ihrer frechen Launen sogar so weit, daß sie mehrere Male sein armseliges Hüttchen verwüsteten. Allein der fromme Bertoldus ließ sich durch dergleichen, das er als eine Prüfung des Herrn betrachtete, nicht irre machen, richtete sein Hüttchen jedesmal geduldig wieder auf, und befand sich in seiner frommen Armuth und Unbequemlichkeit unendlich wohler, als jene im Schooße des Ueberfusses, aber auch der Sünden. Er trachtete nur danach und machte neue Pläne, in dem kommenden Frühjahre wieder

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auszuziehen und neue Gaben für sein Unternehmen zu sammeln.

Allein diese Zeit sollte er nicht mehr erleben; denn ehe noch der Winter zu Ende ging, warf ihn eine heftige Krankheit, die Entbehrung und Strapazen ihm zugezogen hatten, aus das Sichbette, und auch bald auf die Bahre. Sein Leichnam wurde in dem Klosterbegräbniß zu Scheda beigesetzt. Das Hüttchen mit dem Marienbilde aber stand jetzt leer, und Niemand bekümmerte sich darum.

Da hatte der Canonicus Menrikus in Lübeck in einer Nacht einen Traum, daß sein Bruder todt, und das Muttergottesbild, welches sein Vater aus dem gelobten Lande mitgebracht, verlassen sey, und es war ihm, als ob eine Stimme ihm zurufe: Menrikus, mache Dich auf, und begib Dich in Dein Vaterland, um allda das zu vollbringen, was Dein Bruder Bertoldus angefangen hat. Anfangs hielt er alles für eine Täuschung seiner aufgeregten Sinne; nachdem er aber zum zweyten Male den nemlichen Traum gehabt, begab er sich alsbald auf die Reise und kam auf den Berg Haßley, wo sein Bruder das Hüttchen erbauet. Er hatte dasselbe aber kaum erblicket, so gereuete ihn sein Entschluß, und er war willens, nach Lübeck zurückzukehren. Da sah er aber bald das Bild an, und er trat näher zu demselben, und schauete es lange an, und wurde wunderbar bewegt, indem es ihm wieder war, wie in den Tagen seiner Kindheit, als er fromm und gläubig und demüthig vor dem Bilde gelegen hatte, und neben ihm seine Eltern und seine Geschwister, und Alle hatten so inbrünstig gebetet, und sich so glücklich, so selig gefühlt. Und je länger er das Bild

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betrachtete, desto andächtiger wurde er, und mit solcher Freude erfüllt, daß er viel lieber armselig in diesem Hüttlein bleiben, als zu seiner reichen Präbende nach Lübeck zurückkehren wollte.

Er schlug seine Wohnung in dem Hüttchen auf, und betete fromm und demüthig; und als der Frühling kam, fing er, wie auch sein verstorbener Bruder gethan, Wanderungen in allen benachbarten Gegenden an, um für die zu erbauende Kirche und Kloster neue Gaben einzusammeln. Doch er bekam nicht viel, so viele Mühe er sich auch gab. Von dem Gesammelten bauete er unter der Linde eine Capelle zu Ehren der Jungfrau Maria, des Erzengels Michael und aller heiligen Engel, stellte darin sein Bild auf und ließ auch den Leichnam seines Bruders von Scheda dahin bringen.

Unterdeß war der Ruf von der Frömmigkeit der beyden Brüder, und von ihrem wunderthätigen Marienbilde immer mehr und weiter verbreitet worden; und von allen Seiten war jetzt ein großer Zulauf von Menschen zum Berge Haßley, um das Bild daselbst zu verehren, und dem Menrikus Gaben zu bringen. Darüber ärgerten sich die benachbarten Geistlichen, sonderlich die zu Scheda. Als daher eben um solche Zeit der Erzbischof zu Cöln, Heinrich von Mollenark, sich in diesen Gegenden aufhielt, baten sie ihn um einen Befehl, die errichtete Capelle wieder zu zernichten, und dem Menrikus die fernere Ausführung seines Vorhabens zu verbieten. Doch gerade dieser Neid und Mißgunst sollte dem frommen Unternehmen am meisten förderlich seyn. Denn der Erzbischof, nachdem ihm die, ganze Sache erzählet worden, trug ein Verlangen, den

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frommen Mann, der mit so vieler Standhaftigkeit nur auf seinen Plan dedacht war, kennen zu lernen. Er ließ ihn deshalb zu sich rufen, und unterhielt sich lange mit ihm, versuchte auch nebenbey, ob er ihn von seinem Vorhaben nicht abbringen könne. Als aber Menrikus ihm erklärte, lieber die Tage seines Lebens Steine tragen zu wollen, als des Angefangenen nicht fortzusetzen; freute der Erzbischof sich sehr hierüber, und erkundigte sich, für welches Geschlecht und für welchen Orden Menrikus das zu erbauende Kloster bestimmt habe. Menrikus gab ihm hierauf Bescheid, haß er es für den weiblichen Cistercinesen Orden bestimmt habe: und versprach ihm der Erzbischof dann, am anderen Tage ihm Bescheid geben zu lassen.

Wie nun Menrikus am folgenden Morgen zaghaft in seinem Hüttchen saß, indem er befürchtete, von seinem geistlichen Oberhaupte auf eimal seinen schönen Plan zerstört zu sehen; sah er plötzlich eine Menge Herren und Ritter auf sich zu kommen; an deren Spitze war der Erzbischof selbst, gefolgt von den Grafen Gottfried von Arnsberg, Otto von Altena, dem Herrn von Ardey und vielen anderen Rittern. Sie naheten sich voll Huld dem Menrikus, und der Erzbischof forderte ihn auf, noch einmal zu erzählen, welch frommes Werk er zu stiften gedenke, und was alles er dafür schon gethan habe. Dann fragte er ihn, wie viel Platz er nöthig habe, um darauf eine Kirche und ein Kloster zu errichten. Doch kaum hatte Menrikus angefangen, diese Frage zu beantworten, so ließ sich eine helle Wolke gerade neben den Umstehenden vom Himmel herunter, in deren Mitte ein hohes goldenes Kreuz von allen Anwesenden erblickt wurde. Da

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erkannten Alle, daß diese Wolke den erforderlichen Platz. anzeige; und die Herren, welche allda zu gebieten hatten, schenkten dem Menrikus nicht nur den angezeigten Ort, sondern versprachen ihm auch zu Vollführung des Werks allen nöthigen Beystand. Insonderheit hat Graf Otto von Altena die Kirche auf seine Kosten erbauen lassen. Der Kayser Friederich II. aber, sobald er durch den Erzbischof von Cöln alles geschehene erfahren, hat ebenfalls dem Menrikus nicht nur reichlichen Vorschub gethan, sondern ihm auch einen Brief über die immerwährenden Freiheiten des anzulegenden Klosters gegeben.

So sah sich Menrikus also auf einmal aus der größten Angst, alles mißlungen zu sehen, an das Ziel seiner Wünsche gebracht. Herrlich erhob sich alsbald die neue Kirche, und hell und geräumig das Kloster daneben. Und bald darauf sandte der Erzbischof aus dem Kloster Hoven eine Abtissin und zwölf Jungfrauen dahin. Allein wenn auch auf solche Art der Plan des Bertoldus und späterhin des Menrikus zur vollständigen Ausführung gekommen war, so war damit die Reihe der Beschwerden und Prüfungen, die des Letzteren warteten, noch lange nicht zu Ende, sollten vielmehr erst recht eigentlich wieder eröffnet werden.

Das neue Kloster hatte nemlich nicht das geringste Eigenthum, das Unterhalt und Lebensmittel hätte geben können, und eben so wenig Einkünfte und Renten, woraus man diese nehmen konnte. Die neuen Nonnen lebten daher sehr kümmerlich und armselig, und droheten dem Menrikus oftmals, wenn sich das nicht bessere, in ihr Kloster zurückkehren zu wollen. Das verursachte dem frommen Manne viel Leid, und doch

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konnte er ihnen nur kümmerlich und auf kurze Zeit helfen, besonders weil die sämmtliche Geistlichkeit der Gegend noch immer einen großen Haß auf das neue Kloster hatten. Einmal aber war die Armuth des Klosters so weit gekommen, daß sowohl Menrikus als die Nonnen schon seit mehrerrn Tagen nichts genossen hatten. Mit Thränen kamen die Letzteren zu Menrikus, und stellten ihm ihre Noth vor, und baten ihn um Brod, daß es ihm das Herz zerschnitt. Vergeblich suchte er sie zu trösten; sie wollten das Kloster verlassen, wenn er ihnen nicht in einer Stunde Brod schaffe. Doch er verzweifelte nicht. Er forderte sie auf, sämmtlich mit ihm in die Kirche zu gehen, und zu Gott und der heiligen Jungfrau um Schutz und Rettung zu beten. Und wie sie ihre Gebete geendigt hatten und aus der Kirche zurückkamen, da war ein ganzer Wagen voll Getraide von Soest gekommen, wovon sie geraume Zeit leben konnten, bis reichlichere fromme Gaben sie vor aller ferneren Noth schützten.

Das neue Kloster hatte noch keinen Namen erhalten, und hieß nur das Kloster am Haßley. Durch folgende Begebenheit erhielt es seinen Namen, den es bis aus den heutigen Tag behalten hat. Ungefähr ein halbes Jahr nach seine Erbauung verkaufte ein Ritter der Gegend einen Zehnten. Menrikus kaufte solchen für sein Kloster, dem er dadurch eine gute Einnahme verschaffen konnte, für vierzig Mark, und versprach das Geld auf die bestimmte Zeit richtig zu bezahlen, indem er bis dahin soviel an Gaben zu erwerben hoffte. Allein schon war der Zahlungstag da, und Menrikus hatte von seinem Gelde noch nichts beisammen. In dieser Noth begab er sich in aller Frühe des Tages

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mit seinem Marienbilde nach Soest, um daselbst das Mitleid frommer Leute in Anspruch zu nehmen. Vorher ging er aber daselbst in die Kirche des heiligen Stephanus und las allda eine Messe, und bat die heilige Muttergottes, ihm sein Unternehmen gelingen zu lassen. Kaum trat er dann aber wieder aus der Kirche, so kamen ihm schon seine Gläubiger entgegen, die ihn hatten hinein gehen sehen, und forderten ihr Geld von ihm, und droheten ihm, ihn in Banden zu werfen, wenn er nicht sofort bezahle. Darüber gerieth Menrikus in große Angst und Verlegenheit. Doch in demselben Augenblicke nahete sich ihm eine Frauensperson, die ihn fragte, wer er sey und ob er von dem neu angelegten Kloster Vründenberg komme? – Dieser antwortete daß er Menrikus hieße, und von einem neuen Kloster herkomme, aber den Namen Vründenberg habe dasselbe nicht. Da sagte die Frau: Du bist der Mann, den ich suche, und zu Deinem Kloster ziele ich, denn dasselbe wird zuwege bringen, daß Alle, die es künftig besuchen, zu Freunden Gottes werden. Nimm mich daher zu allererst darin auf. Dabey streckte sie ihre Hand aus; darin waren gerade vierzig Mark; die gab sie dem Menrikus, der sie sofort den Gläubigern bezahlte, und nun entschied, daß sein Kloster fortan wirklich Vründenberg heißen solle, woraus späterhin der Name Fröndenberg entstanden ist.

Menrikus stand noch lange Jahre dem Kloster treu vor, und starb endlich sanft und selig. Er wurde neben seinem Bruder Bertoldus begraben, und sind sowohl bey seiner Beerdigung, als an seinem Grabe viele Wunder geschehen.

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Sein wunderthätiges Marienbild aus dem Holze des Kreuzes Christi befindet sich noch in der Kirche zu Fröndenberg.

Späterhin ist das Kloster zu Fröndenberg der Begräbnißplatz vieler Grafen von Mark und Altena geworden. So ruhen hier Eberhard II. † 1308. Engelbert II. † 1328. Adolph V. und Engelbert III.


Der letzte Burggraf von Stromberg.

Historisch-romantische Darstellung.

Im Herzen von Westphalen, in dem südwestlichen Theile des Fürstenthums Münster, erhebt sich in der Mitte einer weiten, fast unabsehbaren Fläche, eine schmale, mit dichten Waldungen und fruchtbaren Feldern bedeckte Hügelreihe, die nördlich sanft und allmälig sich obdacht; südlich aber, nahe an der Grenze des Fürstenthums, in einer schroffen und scharfen Spitze hervorspringt. Oben auf dieser Spitze, nahe bey einer noch gut erhaltenen Kirche, sieht man weitläufige Ruinen einer Ritterburg mit Wällen, Gräben, eingefallenen Mauern, und zusammengestürzten Thürmen, weit hinabschauend in das flache Land ringsumher. Dann nach Norden schweift das Auge über die ganze Hügelreihe hinüber, auf deren Endpunkte die Ruine liegt, und zu beiden Seiten derselben in das, sehr fruchtbare

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Münsterland; mehr rechts sieht man bis in die Osnabrükkischen Berge, über das Kloster Iburg hinweg, das hell und freundlich von seiner Anhöhe herüberwinkt; östlich reicht der Blick bis an die Bielefelder Berge, über die Ortschaften Rheda, Wiedenbrück, Güterschloe, bis zu den Ruinen des Ravensberges, und bis zu der Schlucht, aus welcher Ein Thurm der Stadt Bielefeld neugierig hervorguckt; südlich aber sieht man die Lippischen Berge, und die Stadt Paderborn mit den kahlen Bergen dahinter; und westlich hat man den Blick in die Grafschaft Mark mit dem freundlichsten Städtchen Westphalens, Lippstadt, und dem thurmreichen Soest, bis die Ruhrberge den Horizont schließen.

Keine Inschrift, kein Wappen, kein Denkmal vergangener Zeit verkündet mehr, wer früher Herrscher und Besitzer dieser Burg gewesen sey; aber der große Umfang der Ruinen, die Dicke und Breite der Mauern, die Festigkeit des noch erhaltenen Gesteins lassen auf ein mächtiges Geschlecht schließen, das hier einst gehauset und der Umgegend Gesetze vorgeschrieben haben müsse. Und Geschichte und Sage bestätigen dieß.

Die Burg war früher der Sitz der Burggrafen von Stromberg, von denen die Ruinen noch den Namen tragen. Lange Jahrhunderte hindurch wohnte dieß Geschlecht, eins der edelsten und mächtigsten in Westphalen, und unter dem höheren Adel Deutschlands Sitz und Stimme auf den Reichstagen ausübend, hier in der Mitte seiner großen Besitzungen, die Stundenweit nach allen Richtungen sich ausdehnten. Es gehörten nemlich, so weit man mit Gewißheit noch darüber urtheilen kann, zu der Burggrafschaft Stromberg, das Amt Stromberg im Münsterschen, das Amt

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Delbrock im Paderbornschen, der größte Theil des Amts Reckenberg im Osnabrückischen *) und die Burg Krassenstein.

Stets geachtet und geehrt von ganz Westphalen, hatte das edle Geschlecht der Burggrafen von Stromberg geherrscht; als das Ende des vierzehnten Jahrhunderts plötzlich ihren Fall und Untergang sehen sollte. Der Burggraf Burchard war es, der die Reihe seiner Ahnen und eine edle Dynastie beschließen sollte. Durch eigne schwere Schuld, durch jenen Uebermuth, der, indem er der höchsten sittlichen und gesetzlichen Ordnung verderbend entgegentritt, laut das rächende Schicksal gegen sich selbst auffordert und so das Verderben, das er zuerst um sich her verbreitete, nun auf sein eigenes schuldiges Haupt zernichtend und zerstörend zurückwirft; und doch wieder mit jenem hohen Sinn, der indem er nur edlen großen Seelen eigen ist, einen entsetzlichen Hohn der höchsten Weltregierung uns dadurch anzudeuten scheint, daß diese gerade an ihm ihre verderbende Gewalt ausüben mußte. –

Es war an einem warmen Sommertage des Jahrs 1375, als ein stattlicher Zug von Reutern auf der Landstraße, welche damals von der Stadt Münster zu den Städten Lippstadt und Soest führte, und so die Verbindungsstraße zwischen dem nordwestlichen Deutschlande und den südlicheren Ländern bildete, langsam daher gezogen kam. Der Zug bestand aus Kaufleuten der Stadt Münster, welche nach Soest reisen wollten, um dort in Angelegenheiten der Hansa eine wichtige Berathung zu halten, und zugleich diese Gelegenheit

  • ) Jetzt preußisch, wie die übrigen Theile.


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benutzend, Korn einzukaufen, welches in diesem Jahre im Münsterlande schlecht gerathen war, in der Soester Börde dagegen in üppiger Fülle stand. In kurzer Entfernung hinter ihnen ritt eine ansehnliche Schaar Lanzenknechte, welche alle wohl beritten und wohl bewaffnet waren, und welche die Kaufherrn zu ihrer Bedeckung gegen räuberische Anfälle von dem Bischof Florenz von Münster sich ausgebeten hatten. Da auch die Kaufherren alle wohl bewaffnet und gerüstet waren, so glich das Ganze eher einem Haufen zur Fehde ausziehender Ritter, als dem Zuge friedliebender, nur Gewinn suchenden Bürger.

An der Spitze des Zuges ritt ein stattlicher Herr in blanker Rüstung, von kräftigem Körperbau und mit einem klugen, ernsten Gesichte; seine Haare waren bereits gebleicht, aber die Frische und Lebendigkeit seines Gesichts, kaum einen Vierziger andeutend, schien seine Haare unaufhörlich Lügen strafen zu wollen. Es war der Herr Andreas Zurmühlen, einer der reichsten und achtbarsten Bürger Münsters. Das Comptoir der Hansa in Münster hatte ihn zum Wortführer bey der Unterhandlung in Soest und zum Anführer des Zugs ernannt; sowohl sein Ansehen, als seine Klugheit und die mannigfachen Erfahrungen, die er sich auf seinen häufigen Reisen in allen Weltgegenden erworben hatte, verdienten diese Auszeichnung.

An seiner Seite ritt ein kleines Männchen, von Kopf bis zu den Füßen gerüstet und gewappnet, das, sonderbar gegen das zwar umsichtige aber ruhige und sichere Benehmen Zurmühlens abstehend, mit der größten Aengstlichkeit die klugen nach allen Seiten herumschweifen ließ, und bey dem leisesten Geräusche, das

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ihm als verdächtig vorkam, sich, wie Schutz suchend, an die Seite seines Begleiters näher herandrängte. Antonius Crusemann hieß dieß Männlein; er war ebensfalls ein reicher, einsichtsvoller Kaufherr, und zugleich Mitglied des großen Stadtraths. Diesen beyden Umständen hatte er seine Wahl als Mitglied dieser Deputation zu verdanken, so sehr er auch wegen Unsicherheit der Straßen gegen diese Ehre sich gesträubt hatte.

Die übrigen Mitglieder des Zuges waren ehrliche, in ihrem Handel lebende Bürger, die sich durch nichts vorzüglich auszeichneten. Nur ein junger Mann unter ihnen suchte sich bemerklich zu machen. Von hübscher, schlanker Gestalt; mit einem runden, einnehmenden Gesichte, dem etwas Selbstgenügsamkeit nicht sehr übel stand, ritt er auf einem großen, schönen Hengste, und trug eine, etwas phantastisch aufgestützte glänzende Rüstung mit einem großen breiten Schwerte, wie nur Ritter es zu tragen pflegten. Er war der Sohn des Herrn Andreas Zurmühlen, Namens Johannes. Sein Vater schien übrigens an dem Wesen des Sohns keinen sonderlichen Gefallen zu haben; denn, so oft er ihn ansah, maß er ihn mit einem finsteren, mißbilligenden Blicke; weshalb der junge Johannes dann auch augenscheinlich die Nähe seines Vaters mied, und sich lieber in den Reihen der hinter jenem herreitenden Kaufleute aufhielt, denen er von seinen Reisen, und von den darauf erlebten Abentheuern erzählte.

Die Herren waren früh am Morgen mit der Dämmerung aus Münster gezogen, hatten in der Stadt Warendorf gefrühstückt, und ritten jetzt, als es hoher Mittag geworden war, in dem Walde, der sich

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zwischen den beyden Klöstern Clarholz und Herzebrock erhebt. Ihre Absicht war, bis zu dem Kloster Herzebrock durchzureiten, und dort in der Herberge Mittagsruhe zu halten, worauf sie dann, wenn sie gut ritten, mit der Abendsonne noch Lippstadt zu erreichen hofften. Allein als sie eben an dem Kloster Clarholz vorbeigeritten waren, bemerkten sie, daß ihren Pferden, von Durst, Sonnenhitze und Müdigkeit gequält, der Weg anfing beschwerlich zu werden. Dieß, und eigene Müdigkeit und ein stilles angenehmes Plätzchen, das sie abseits der Landstraße in dem Walde entdeckten, bewog sie, hier unter dem kühlenden Schatten der Bäume und an dem Ufer eines frischen, klaren Baches Halt zu machen, und, da sie mit Proviant versehen waren, ihre Mittagsruhe zu halten.

Der Herr Andreas machte zuerst den Vorschlag dazu, der von allen Seiten mit Freuden aufgenommen wurde. Nur der ängstliche Crusemann widersetzte sich. Sein bewegliches Auge stand einen Moment vor Angst still, und mit fast jammernder Stimme bat er, von diesem gefährlichen Vorhaben abzustehen, und schnell weiter zu reiten zu der sicheren Herberge in Herzebrock.

Bedenkt, ihr theueren Herren! rief er; Hier, mitten in dem großen, wilden Forste, in der Nähe des gefährlichsten aller Raubritter, von denen je die Geschichte erzählt hat! Kein Bissen würde mir hier schmecken! Keinen Tropfen würde ich vor Angst herunterbringen.

Seine Begleiter suchten ihm mit ruhigen Worten seine Angst abzureden. Der junge Johannes Zurmühlen aber lachte laut auf. Laß ihn kommen, den Raubritter! rief er, keck an sein Schwert schlagend. Dieses

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gute Eisen hier an meiner Seite hat schon manchem gewaltigen Seeräuber in der Ostsee und im Sund, das Lebenslicht ausgeblasen. Mag es sich auch einmal an diesem Stromberger versuchen. Ein Ungethüm ist doch so ein Land- oder Landstraßenräuber auch nicht! Der alte Andreas warf einen verweisenden Blick auf seinen vorlauten Sohn. Handle, wenn es Zeit ist; aber prahle nicht vor der Zeit! sprach er kurz und strenge, und wandte sich dann an Crusemann, um diesen durch ernstere Vorstellungen zu beruhigen. Ihr fürchtet ohne Noth! sagte er zu ihm. Denn einmal haben, seitdem im vorigen Jahre der Erzbischof zu Cöln und die Bischöfe zu Münster, Osnabrück und Paderborn, nebst den Grafen von der Mark, von Tecklenburg und anderen edlen Herrn, auch den Städten Westphalens einen neuen Landfrieden geschlossen haben, die Raubritter sehr an Muth und Kühnheit verloren und in ihren Plünderungen nachgelassen. Zum anderen aber, wenn auch der Burggraf von Stromberg nicht ganz ruhig geworden seyn soll, wie mehrere Klagen über ihn bey unserm Bischofe beweisen, so sind wir doch hier nicht in seinem Lande, sondern in dem Gebiete des Grafen von Tecklenburg –

Seines Busenfreundes! Seines Spießgesellen! fiel mit zitternder, aber hastiger Stimme Crusemann ein.

Nicht seines Spießgesellen! erwiderte Zurmühlen. Der Graf Otto von Tecklenburg ist ein sehr edler Herr, der zwar ein Freund des Strombergers ist, der aber dessen Betragen nie billigt, noch weniger theilt. Wir können daher ohne Sorgen seyn. Und wenn uns Jemand überfallen sollte, so haben wir ja eine rüstige

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Bedeckung bey uns. Jene vierzig Reisige können schon einen Anfall abwehren, besonders, wenn wir durch unser Beyspiel von Ruhe und Entschlossenheit ihren Muth anfeuern.

Ach Gott, wenn! rief ängstlich der Herr Crusemann.

Zurmühlen aber sprach entschieden: Keine Umstände weiter! und befahl dem ganzen Zuge, an dem Platze, zu dem sie unterdeß gelangt waren, abzusteigen, und Mittagsmahl und Mittagsruhe zu halten. Er selbst war der Erste, der von seinem Rosse sprang, es im Grase weiden ließ, und sich dann an den schattigen Rand des Baches lagerte. Alle folgten bald seinem Beyspiele.

Zur Vorsicht wurden Wachen ausgestellt, die das geringste Geräusch melden mußten; dann labte man sich an dem Mitgebrachten, und war froh und guter Dinge. Nur Crusemann saß ängstlich und verzagt, und wundersam war es anzusehen, wie seine Augen mit unbegreiflicher Beweglichkeit bald angstvoll in die Gebüsche starrten, bald sein weidendes Roß trafen, dann wieder lüstern auf die Speisen zu seinen Füßen, dann wieder forschend in die Augen seiner Begleiter blickten. Dabey hatte er aber in sofern vorhin die Unwahrheit gesagt, als Essen und Trinken ihm recht gut schmeckten, ob er gleich noch immer unaufhörlich das Gegentheil versicherte.

Die Mittagsruhe der Reisenden wurde übrigens durch nichts gestört, und selbst Crusemann fing daher an, muthiger zu werden, als er den ganzen Tag über gewesen war.

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Im Grunde, sagte er, sind diese Raubritter so gefährlich nicht, als sie wohl aussehen; sie sind doch Menschen, wie wir auch. Und Ihr habt Recht, Freund Zurmühlen, mit unsern vierzig Reisigen dort brauchen wir eine mäßige Bande eben nicht zu fürchten, zumal da solch Gesindel immer ein böses Gewissen, und folglich keinen guten Muth hat.

Ihr sprecht ja wie ein Buch! lachte der junge Zurmühlen. Aber unter Räubern gelten solche schöne Sätze nicht. Ob sie ein Gewissen haben weiß ich nicht; ich glaube sie wissen es selbst nicht. Aber Muth haben sie genug; das weiß ich, weil ich es oft erprobt habe. Ihr solltet einmal Eine Seereise mitmachen, und sehen, wie die schwarzen bärtigen Kerls mit ihren kleinen Nachen sich an die größten Fahrzeuge heranwagen, ihnen in dem Nacken sitzen, und ehe man es sich versieht, ihre Enterhaken herübergeworfen haben, und nun stürmen, stoßen, drängen und schlagen, als wenn sie selbst kein Leben zu verlieren, sondern nur Anderen zu nehmen hätten. Hundertmal bin ich an der friesischen, schwedischen und dänischen Küsten dabey gewesen. Und zu Lande werden sie ihr Handwerk nicht schlechter verstehen.

Den kleinen Rathsherrn hatte dieß Geschwätz schnell wieder ängstlich gemacht. Es ist doch unbegreiflich, sprach er, wie edelgeborne Ritter einem solchen niederträchtigen Gewerbe sich hingeben können. Dieser Burggraf von Stromberg! Sonst ein so edler, braver Herr! Freund unseres Herrn Bischofs! Und nun so ein arger Raubrittter! Eine Qual und eine Schande der Menschheit!

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Freylich, nahm der alte Zurmühlen das Wort, das schwer zu begreifen. Aber nicht seine Gesinnungen und Neigungen allein, auch seine Schicksale machen den Menschen zu dem, was er wird. Dieser Burggraf ist ein edler Herr von Gesinnungen, und deshalb ist es unbegreiflich, wie er auf solch ein gemeines Gewerbe verfallen konnte. Aber, wenn wir seine Schicksale wüßten, die wie geheime Fäden, von unsichtbarer Hand gewoben, durch seine Entschlüsse und Handlungen sich durchziehen, so würden wir über ihn vielleicht nicht mehr im Dunkeln seyn. Wahrscheinlich würden wir ihn dann aber auch nicht verdammen. Ich kenne nur weniges aus seinem früheren Leben. Aber dieß Wenige schon erklärt mir Vieles an ihm.

Und das wäre? fragten Mehrere neugierig.

Doch Zurmühlen antwortete nicht. Horch! sagte er leise, und sein Blick starrte auf die Landstraße, die sie gekommen waren. Es schien Geräusch von daher zu kommen. Alle horchten gespannt; der kleine Crusemann leichenblaß, aber unbeweglich. Auf einmal kam ein Reuter, der in der Gegend, woher das Geräusch kam, Wache gestanden hatte, herangesprengt.

Zu Pferde! rief dieser. Der Wald dröhne von Pferdegetrappel, das sich von der Straße nahet, die wir zurückgelegt haben.

Ach Gott, meine Ahnung! rief der verzagte Rathsherr. Den ganzen Tag hat es mir in den Knochen gelegen, daß es heute nicht gut gehen würde!

Nur ruhig! befahl Zurmühlen, keine Klagen!

Doch jener jammerte weiter. Ihr habt gut sprechen! rief er; Ihr seyd Witwer, und habt kein Weib und keine Waisen, die um Euch jammern. Aber ich! –

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Ey was! entgegnete Zurmühlen, fast lachend. Wer wird denn gleich das schlimmste denken. Wir wissen noch nicht einmal, was es ist, was dort nahet. Und wenn es denn auch Räuber wären, und wenn sie uns sogar überwänden; Menschenfresser sind siie doch auch nicht, und ein gutes Lösegeld. – Lösegeld? schrie Crusemann. Ich armer Mann, Lösegeld? –

Zurmühlen hörte nicht weiter auf ihn. Zu Rosse! rief er dem Zuge zu, der unterdeß aufgesprungen war und sich um ihn versammelt batte. Mag es seyn, was es will, Vorsicht schadet nicht in diesen Zeiten, in denen man jeden Augenblick eines Ueberfalls gewärtig seyn muß. Sind es Räuber, so haltet Euch muthig und besonnen, außerdem seyd ruhig. Aus jeden Fall folgt meinem Befehle!

Er schwang sich auf sein Pferd und stellte sich mit jenem besonnenen Muthe, der den überwiegenden, kräftigen Charakter auszeichnet, an die Spitze des Zuges, um abzuwarten, welch gefährliches oder nicht gefährliches Abentheuer sich darbieten werde.

Der ganze Haufen, sowohl Kaufleute, als Reisige hatten sich aus ihre Rosse geworfen und standen erwartungsvoll, aber auch großentheils angstvoll, wie das Abentheuer sich entwickeln werde. Der junge Herr Johannes Zurmühlen schlug dabey kräftig an sein Schwert und spornte sein Roß, daß es voran solle an die Seite seines Vaters, hielt es aber zugleich so kurz im Zügel, daß das Thier zurückgehen mußte, und so in den Hintertheil des Zuges kam; der Rathsherr Crusemann machte nicht so viele Umstände; ohne alles Geräusch ritt er ganz in den Hintergrund, und erwartete hier,

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schnell nach einer lichten Stelle des Waldes spähend, durch die er entfliehen könne, weniger angstvoll das Kommende.

Das Geräusch hatte sich unterdeß genähert, und es entwickelte sich jetzt schnell, was es bedeuten sollte. Auf der Landstraße, welche unsere Reisenden verlassen hatten, und welche sich in einer Entfernung von ungefähr fünfzig Schritten vor ihnen vorbeizog, kam mit verhängten Zügeln, eine einzelne, verschleierte Dame daher gesprengt. Sie war augenscheinlich im Entfliehen begriffen; das zeigte der Schaum, mit dem ihr fliegendes Roß bedeckt war, und die ängstliche Hast, mit der sie es dennoch unaufhörlich antrieb. Eben so augenscheinlich wurde sie aber auch verfolgt; denn keine fünfzehn Schritte hinter ihr kamen unordentlich durch einander fünf oder sechs geharnischte Reuter gejagt, die nicht weniger als die Dame, ihre Pferde antrieben, und den Flüchtling einzuholen suchten. Die Visire ihrer Helme waren geschlossen, so daß sie, da sie auch sonst keine Abzeichen trugen, unkenntlich waren.

Der ganze Trupp jagte still vorüber, als wenn zum Sprechen keine Zeit da sey; die Kaufleute wurden nicht bemerkt. Kaum war er aber wenige Schritte an diesen vorbey gekommen, als auf einmal das Pferd der Dame stürzte, und diese mit dem lauten, durchdringenden Schrey: Hülfe! Hülfe! mit Gewalt auf den Boden geschleudert wurde. Hier lag sie unbeweglich. Ihre Verfolger aber waren mit Blitzesschnelle von ihren Pferden, und rannten auf sie zu. Einer von ihnen, eine lange, hagere Gestalt, kam zuerst bey ihr an. Bist Du jetzt mein? rief er mit lauter, frohlockender Stimme, und hob sie von der Erde auf, und

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nahm sie in seine Arme. Eine Ohnmacht hatte die Lebensgeister der Dame getödtet; wehren konnte sie sich nicht. Sie flehnte nur mit leiser Stimme: Erbarmen! dann lag sie leblos.

Die Kaufleute hatten, ohne sich zu regen, diesen Auftritt angesehen. Sie freueten sich, daß für sie keine Gefahr da war. Allein diese Freude konnte ihr Gefühl für Menschlichkeit nicht unterdrücken, wenigsters in der Brust des edlen Zurmühlen nicht. Hier wird ein Bubenstück begangen! rief dieser seinen Gefährten zu. Auf Kameraden, der Schwachen zu Hülfe!

Er spornte bei diesen Worten zugleich sein Pferd, und jagte auf die Stelle zu, wo der lange Ritter die ohnmächtige Dame in seinen Armen hielt, und sie auf ihr Pferd zu heben suchte, das seine Begleiter unterdeß wieder aufgerichtet hatten. Der ganze Zug folgte dem braven Kaufherrn, selbst der kleine Rathsherr wollte nicht zurückbleiben; und der junge Zurmühlen spornte sein Pferd so gewaltig und ließ ihm jetzt dabey den Zügel so weit schießen, daß er den Uebrigen weit zuvorkam und am ersten bey dem Ritter anlangte.

Laßt die Dame los, Räuber! rief er mit furchtbarer Stimme diesem zu und schwang sein langes Schwert. Gebt sie frey, oder Eure letzte Stunde hat geschlagen!

Der Ritter zog rasch sein Schwert aus der Scheide, und wollte auf den Jüngling eindringen, um seine Beute zu vertheidigen; als er aber in demselben Augenblicke den herannahenden Haufen von vierzig bis fünfzig wohlbewaffneten und dem Anscheine nach tapferen, kampflustigen Männern gewahrte, mochte er eine Gegenwehr nicht für sehr rathsam halten. Er ließ die

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Dame in das Gras gleiten, und schwang sich mit unglücklicher Schnelle auf sein Roß. Seine Kameraden folgten eben so schnell seinem Beyspiele; und ehe der alte Zurmühlen noch bey ihnen angekommen war, sprengten alle sechs Räuber schon auf und davon, den Weg nach Clarholz zurück.

Ha, feige Spitzbuben! rief der junge Zurmühlen, sprang von seinem Pferde, und nahete sich der Dame, die unbeweglich im Grase lag.

Es war eine schlanke jugendliche Figur. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, der Schleyer war darüber gefallen. Als er diesen jedoch zurückschlug, mußte er, so ungern und selten er das auch that, gestehen, schönere Züge noch nicht gesehen zu haben. Und doch dedeckte noch Todesblässe das Gesicht, und die Augen waren geschlossen

Er warf sich zu ihr nieder in das Gras, zog den schönen Körper sanft auf seinen Schooß, und suchte mit Wein, den ihm schnell Einer der Kaufleute reichte, und womit er ihre Schläfe rieb, sie ins Leben zurückzurufen. Es war ein reizender Anblick, der hübsche, kräftige Jüngling, und das bleiche, schöne Mädchen auf seinem Schooße. Selbst die Aeltesten der Reisegesellschaft beneideten den jungen Zurmühlen, und machten sich Vorwürfe, ihm nicht den Vorrang abgewonnen zu haben.

Auf einmal schlug die Dame die Augen auf, aber nur um zu neuem Schrecken zu erwachen. Mochte ihr Blick auch an derartige Auftritte gewohnt seyn, so konnte doch der Anblick so vieler fremder und bewaffneter Menschen, die sie rund um sich her sah, und die Alle nur um ihretwillen da zu seyn schienen, ihr Herz,

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das kaum wieder angefangen hatte zu schlagen, nur mit Entsetzen füllen. Habt Erbarmen mit mir! rief sie mit flehender Stimme, und schloß die matten Augen wieder.

Da nahm der junge Johannes mit dem sanftesten Tone, der ihm zu Gebote stand, das Wort. Aengstet Euch nicht, Fräulein! sprach er. Niemand von uns soll Euch etwas zu Leide thun!

Ton und Worte schienen ihre Lebensgeister schnell wieder aufzurichten. Sie schlug die großen, dunkeln Augen wieder auf, und ließ sie forschend durch den ganzen Kreis der Männer schweifen. Aber noch immer ängstlich, als wenn sie in jeder neuen Gestalt einen verhaßten Gegenstand zu sehen fürchte. Doch sie entdeckte diesen nicht, und sichtbar ermuthigte sich ihr Blick. Sie wurde ruhiger. Jetzt aber auch fiel ihre Lage ihr ein, an welche die Furcht sie bisher nicht hatte denken lassen. Mit einem hohen Erröthen, als sie sich in den Armen eines fremden Jünglings erblickte, sprang sie auf, und stand nun in ihrer vollen Schönheit, aber auch reizender Verwirrung da. Wo bin ich? Bin ich errettet? fragte sie mehr mit verschämter, als furchtsamer Stimme.

Ihr seyd in guten Händen! erwiderte der alte Zurmühlen, und könnt ohne Furcht seyn!

Sie spähete noch einmal ängstlich im Kreise umher. Ist Er nicht hier? fragte sie.

Meint Ihr, fragte der junge Zurmühlen schnell, den langen, ungeschlachten Räuber, in schwarzer Rüstung, vernummt, und auf einem großen Rappen?

So sah er aus! erwiderte die Dame, als wenn die bloße Erinnerung sie von neuem ängstlich gemacht

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hätte. O Gott! fuhr sie fort, Ihr steht doch nicht mit ihm in Verbindung? Ihr liefert mich ihm doch nicht aus?

Fräulein! antwortete der alte Zurmühlen ihr mit Würden. Fräulein, denn Eure Gestalt und Euer Wesen scheinen mich zu berechtigen, Euch diesen Namen zu geben! Eure Fragen verzeihe ich Eurer Furcht. Wir haben keine Gemeinschaft mit Räubern, am allerwenigsten mit Dirnenräubern. Wir sind friedliche Kaufleute aus Münster; Ihr seyd sicher unter uns, denn wir glauben auch gegen Angriffe Euch vertheidigen zu können. Und wohin Ihr verlangt, bringen wir Euch, wenn Euer Weg nicht gar zu weit von dem unsrigen abgeht!

Die Dame war zwar, als sie jetzt erfuhr, in welcher Gesellschaft sie sich befand, einen Augenblick sichtbar betroffen, doch faßte sie sich schnell, und erwiderte dem Kaufherrn verbindlich: Euren Schutz nehme ich mit dem lebhaftesten Danke an. Wenn meine Fragen Euch beleidigt haben, so verzeihet mir. Die Verfolgung, der Fall vom Pferde, meine Angst haben noch jetzt meinen Sinn so verwirrt, daß ich meine, noch immer in einem ängstlichen Traume zu seyn. Wahrscheinlich habe ich auch Euch meine Errettung zu verdanken.

Allerdings, holdseliges Fräulein! rief schnell der kleine Rathsherr Crusemann. Ohne uns hätte der lange Räuber Euch längst von dannen geschleppt. Das war ein gefährlicher Kerl!

So gefährlich nun eben nicht! fiel mit angenommener Bescheidenheit, um sich bemerklich zu machen,

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der junge Zurmühlen ein; Im Gegentheile war er ein feiger Schuft.

Ihr wißt, wie ich ganz allein vor Euch voraussprengte, als wir die edle Dame hier in Gefahr sahen. Aber dennoch, und obgleich er noch wohl ein halbes Dutzend Helfershelfer bey sich hatte, nahm er in größter Eile die Flucht, sobald er mich nur sah; so eilig, daß ich ihm nicht einmal einen Denkzettel mit auf den Weg geben konnte, so sehr mein gutes Schwert auch danach verlangte.

Ja, ja! sagte der kleine Rathsherr. Ich sagte es ja vorhin: Ein Räuber hat immer ein böses Gewissen, und daher nie guten Muth. Ihr lachtet; aber hat sich mein Satz denn nicht schon wieder bewährt? Dieser lange Kerl hatte Knochen, die kräftig genug waren; aber das Gewissen fehlte ihm! Und ich versichere Euch, laßt nur den Stromberger kommen, auch den werden wir in die Flucht schlagen.

Die Dame erbleichte plötzlich bey dem Namen des Strombergers, und stand zitternd neben dem jungen Zurmühlen, der sich an ihre Seite gedrängt hatte.

Ihr zittert, Fräulein! fragte dieser mit einem muthigen Lächeln. Fürchtet Euch nicht! Haben wir Euch gegen Einen Räuber beschützt, so werden wir auch gegen den Zweiten Euch vertheidigen können. Oder, fragte er schnell, war jener lange Räuber vielleicht der Stromberger?

Die Blässe des Mädchens machte einem hohen Erröthen Platz.

Nein! erwiderte sie langsam. Das war der Burggraf von Stomberg nicht!

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Aber ein Räuber wie dieser! rief Crusemann. Vielleicht nicht einmal ein so frecher, sonst müßte er auch so berüchtigt seyn; und der Stromberger ist doch der berüchtigteste im deutschen Lande!

Das Fräulein schlug einen Augenblick die Augen nieder; als sie sie wieder erhob, hob sich zugleich ihre Gestalt, die eine Zeitlang gebückt dagestanden hatte. Der Ruf und das Schicksal, sagte sie mit fester Stimme, sind nicht immer gerecht!

Was? rief der Rathsherr, den diese Worte zu empören schienen, voll Eifer; was? Der Ruf soll nicht gerecht gegen den Stromberger seyn? Wer hat mehr, als er, wehrlose Kaufleute überfallen, und geplündert und in sein Burgverließ geworfen, bis sie mit schwerem Gelde sich auslöseten? Wer hat mehr und öfter den Landfrieden gebrochen? – Wer? –

Eine dunkle Röthe stieg im Gesichte der Dame auf. Den Landfrieden hat er nie gebrochen, fiel sie hastig ein, weil er nie einen beschworen hat; daß er gegen seine Feinde sich vertheidigte, konnte ihm Niemand wehren. Und wenn er auf seinem Gebiete Kaufleute überfallen und angehalten hat, bis sie sich auslöseten, wer will ihn deshalb anklagen? Warum verweigerten sie ihm Zoll und Geleit, die er von ihnen verlangte?

Weil, unterbrach die Eifrige noch eifriger der Rathsherr, weil er kein Recht hatte, diese zu fordern!

Der Burggraf von Stromberg, erwiderte die Dame fast stolz, gehört, wie die anderen drey Burggrafen des Reichs, zu den ersten Fürsten Deutschlands, und wohl hat er das Recht, in seinem Lande Gesetze

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vorzuschreiben, und auf deren Beobachtung zu wachen und die Uebertreter zu bestrafen, wie es ihm gutdünkt.

Ey, mein schönes Fräulein! rief Crusemann etwas höhnisch; warum hat dann, wie das Gerücht besagt, unser Herr Bischof schon den Achtbrief gegen diesen Burggrafen in der Tasche? –

Weil – erwiderte sie hastig; doch schnell stockte sie. Ich weiß es wohl, fuhr sie dann langsamer fort, daß manchen Fürsten Westphalens der Burggraf von Stromberg, oder vielmehr seine Burggrafschaft, ein Dorn im Auge ist, und daß sie ihn und diese gar zu gern vertilgen möchten. Darum werden denn falsche Vorstellungen und falsche Anklagen gegen ihn bey Kayser und Reich gemacht; darum werden die Reisenden, die sonst gern Zoll und Geleit geben würden, in ihrer Weigerung bestärkt, und in ihren, oft grundlosen Klagen unterstützt. – Doch wozu dieß Gespräch! –

Vorwände! Leere Beschönigungen! rief der Rathsherr hitzig; die jeder Spitzbube bey der Hand hat! –

Der alte Zurmühlen hatte mit stillem Nachdenken die Dame betrachtet, die mit jedem Momente dieser Unterredung eifriger und heftiger zu werden schien; und wohl sonderbare Vermuthungen stiegen in ihm auf, über die er gern Gewißheit gehabt hätte. Dennoch, als er jetzt sah, daß das Gespräch die Dame angriff und ihr unangenehm wurde, machte er ihm schnell ein Ende. Fräulein, sagte er artig; ich sehe, Ihr habt Euch von Eurem Schrecken wieder erholt; unsere Reise erfordert Eile, wenn wir ihr Ziel heute noch erreichen wollen. Erlaubt daher, daß wir aufbrechen. Wenn Euer Weg ein anderer ist, als der unsrige, so habt Ihr über die Hälfte unserer Bedek-

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kung so lange zu befehlen, bis sie Euch in sichere Obhut gebracht hat. Geht Eure Reise aber auf Lippstadt, wie die unsrige, so wird es uns doppelt angenehm seyn, in Eurer Gesellschaft reisen zu können.

Die Dame stand unschlüssig, als er hier schwing, sie schien sich in einiger Verlegenheit zu befinden. Ihr seyd sehr gütig, lieber Herr! sagte sie nach einer Weile; ich bin aber in der That in Verlegenheit, welchen Gebrauch ich von Eurem Anerbieten machen soll. Ihr werdet auf Wiedenbrück oder Langenberg ziehen, mein Weg führt aber mehr rechts; gemeinschaftlich können wir also nicht reisen. Eben so wenig darf ich aber, bey der Unsicherheit der Gegend, es zugeben, daß Ihr um meinetwillen Euch trennt; und doch möchte ich auch nicht gern allein reisen.

Wegen unserer Trennung seyd ohne Sorgen! erwiderte Zurmühlen. Wenn ich von unserer Bedeckung Euch zehn Mann mitgebe, so bleiben noch immer genug zu unserem Schutze übrig.

Und die Zehn führe ich an, Vater! rief schnell der junge Johannes. Ihr erlaubt es doch, Fräulein, daß ich Euren Ritter mache?

Die Dame sah ihn mit einem etwas gleichgültigen Blicke an, der zu seiner Frage weder ja noch nein sagte. Der alte Zurmühlen aber erwiderte ihm kalt: Nicht Du! Ich werde das Fräulein den Ihrigen überliefern. Du bleibst, wohin die Jugend gehört, bei dem erfahrneren Alter, von dem sie lernen kann.

Aber, fiel der Sohn etwas kleinlaut ein, wer soll denn hier in Eurer Abwesenheit befehlen?

Der alte Zurmühlen sann einen Augenblick nach. Ihr, Vetter Crusemann, sagte er dann zu dem

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Rathsherrn; seyd wohl so gut, in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit Zugführer statt meiner zu werden. In Zeit von einer Stunde, noch vor Langenberg, hoffe ich wieder bey Euch zu seyn. Ich kenne hier die Wege.

Der kleine Rathsherr wurde zu Anfang dieses Vorschlags etwas sehr blaß; indeß erfreute ihn hoch das Zutrauen, das derselbe voraussetzte, und in dieser Freude und in der frischen Erinnerung des noch so eben über die Räuber erfochtenen Sieges, weigerte er sich nicht, das ihm angetragene Amt anzunehmen.

Schnell wurde jetzt alles zum Aufbruche fertig gemacht. Der alte Zurmühlen suchte zehn der muthigsten Reisigen aus, ließ die Dame auf ihren, unterdeß wieder aufgefangenen Zelter steigen, und dann beyde Züge sich in Bewegung setzen. Eine Zeitlang ritten sich noch neben einander auf derselben Straße. Bald aber ging ein schmaler Weg von der Hauptstraße rechts ab; dieser bezeichnete die Dame als den ihrigen, und während der Hauptzug auf der Landstraße fortritt, schlugen die Dame und an ihrer Seite Zurmühlen, von den zehn Reisigen gefolgt, den rechts in den Wald führenden Weg ein.

So lange beyde Haufen noch zusammengewesen waren, hatte Zurmühlen mit seiner Begleiterin nichts gesprochen. Jetzt aber ritt er näher an sie heran, und fragte sie ohne Vorbereitung; Fräulein, Ihr vertheidigtet vorhin mit vielen Feuer den Burggrafen von Stromberg; und jetzt führt Ihr mich einen Weg, der uns geradezu zu seiner Burg bringt; gehört Ihr dem Stromberger an?

Stimme und Blick war bey dieser Frage ohne Arg oder Hinterlist; die Dame gewahrte das wohl,

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und sie schwankte lange, was sie ihm antworten solle. Ihre Bedenklichkeiten mochten aber doch am Ende siegen, denn sie antwortete: Verzeihet mir, lieber Herr, wenn ich Euch Eure Frage nicht beantworten kann; wenigstens jetzt noch nicht. Geduldet Euch, wenn ich bitten darf; bis wir am Ziele meiner Reise sind.

Ihr trauet mir nicht! erwiederte Zurmühlen etwas empfindlich. Verkennet meine Lage nicht! entgegnete die Dame. Würdet Ihr anders handeln, wenn Ihr an meiner Stelle wäret; allein, mitten im Walde, unter unbekannten Menschen, und eben noch kaum einem gefährlichen Abentheuer entronnen?

Zurmühlen antwortete nicht. Es ist freylich eine schlimme Zeit! sprach er nur leise, wie für sich; dann ritten sie schweigend neben einander.

Länger als eine Viertelstunde konnten sie noch nicht geritten seyn, als sie auf einmal, jedoch noch in ziemlicher Entfernung, Rufen und Waffengetöse zu vernehmen glaubten; es kam von der Gegend her, nach welcher die Kaufleute gezogen waren. Zurmühlen hielt sein Pferd an und horchte, als er es vernahm; auch die Dame lauschte, und Beyde wurden bald unruhig, als das Geräusch, anstatt nachzulassen, mit jedem Augenblicke zu wachsen schien, ohne gleichwohl näher zu kommen. Besonders wurde die Dame ängstlich. Sie lauschte mit vorgebogenem Körper, ganz Ohr und sah dann und wann, als wenn sie etwas auf dem, Herzen habe, und doch sich zu entdeckten fürchte, auf ihren Begleiter, der ebenfalls eine immer mehr in ihm aufsteigende Unruhe nicht verbergen konnte. Auf einmal aber schien sie einen Entschluß gefaßt zu haben.

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Ich fürchte Herr! sagte sie zu Zurmühlen; die Eurigen sind angegriffen, und in einem heftigen Kampfe. Laßt uns ihnen zu Hülfe eilen. Dieser Holzpfad, wenn ich nicht irre, muß uns in wenigen Minuten zu ihnen führen.

Der alte Zurmühlen konnte in der That seiner Unruhe nicht Herr werden, und dieser Vorschlag der Dame schien ihm sehr willkommen zu seyn. Wenn Ihr meint! – erwiderte er, und setzte sein Roß in Bewegung, um den angegebenen Weg seitab zu sprengen. Allein in demselben Augenblick hörten sie wildes Getöse, das ganz in ihrer Nähe war, und als sie sich umblickten, sahen sie einen Haufen Geharnischter, die in gestrecktem Gallopp hinter ihnen her gejagt kamen, und sie schon bis auf wenige Schritte eingeholt hatten. Entfliehen war keine Möglichkeit mehr; auch mochte der brave Zurmühlen sich nicht dazu verstehen wollen. Er warf daher geschwind sein Pferd zurück, zog sein Schwert, und ermahnte seine Leute, sich muthig und standhaft zu halten; indem er seine Begleiterin bat, sich eilig davon zu machen.

Diese schien dazu jedoch nicht geneigt zu seyn; nachdem sie vielmehr mit einem kurzen Blicke die verfolgenden Reuter betrachtet hatte, rief sie Zurmühlen zu: Verhaltet Euch nur gaanz ruhig, lieber Herr, diese Ritter thun uns nichts! Ich kenne sie an den drey Vögeln und an dem schwarzen Balken auf den Schilden. Doch die Ritter waren anderen Sinnes. Glück auf! rief Einer von ihnen, dessen Schild ein langer schwarzer Balken mit einem Sterne zierte Glück auf, da ist Beute! Drauf! drauf!

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Zugleich war er mitten unter den Reisigen Zurmühlens, und hieb mit blinder Wuth um sich her; Zurmühlen wollte sich ihm entgegenwerfen und so das Zeichen zu einem allgemeinen Gefechte geben; allein seine Reisegefährtin hielt ihn plötzlich zurück, und drängte, statt seiner, sich dem fremden Ritter entgegen, indem sie rief: Diesen Kampf laßt mich auskämpfen! – Zugleicher Zeit schlug sie ihren Schleyer zurück, und zeigte ein glänzendes, freudiges Gesicht, und rief mit freudiger Stimme: Vater! Hermann! seyd Ihr es?

Da ließ der fremde Ritter verwundert Arm und Schwert sinken, und alle die Seinigen thaten desgleichen. Ein Ritter aber, der ganz hinten im Zuge war, eine hohe, Ehrfurcht gebietende Gestalt, mit einem schönen, aber vom Grame gefürchten Gesichte, drängte durch die, ehrerbietig ihm Paltz machenden Knappen sich durch, warf sich rasch vom Pferde, und zog die Dame, die ebenfalls bey seinem Anblicke schnell von ihrem Zelter gesprungen war, mit dem lauten Ausrufe der Freude: meine Tochter! an seine Brust.

Es war der Burggraf Burchard von Stromberg, der hier seine Tochter wiederfand.

Lange hielt die Gräfin den greisen Vater stumm umarmt; dann wandte sie sich an den jungen Ritter mit dem Balken, und reichte ihm mit liebreicher Miene ihre Hand. Willkommen, Hermann von Morrian; sagte sie, leise bey dem Namen erröthend; Ihr kanntet mich wohl nicht? –

Bey Gott nicht, theure Gräfin! versicherte der Jüngling, indem er mit einem zärtlichen Blicke die dargebotene Hand drückte. Doch rasch wandte er sich nach Zurmühlen und dessen Reisigen um, die still

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diesem Schauspiele zusahen. Und diese? fragte er, sein Schwert wieder aufgreifend.

Sind meine Retter! erwiderte die Dame, indem sie freundlich ihren Vater und den Ritter Morian zu Zurmühlen führte. Dieser Herr, fuhr sie dann zu Beyden fort; hat mich aus den Händen eines frechen Räubers errettet, von dem ich Euch nachher erzählen werde. Ohne ihn und die Seinigen sahet Ihr mich schwerlich wieder.

Der Burggraf ergriff freundlich Zurmühlens Hand und drückte sie. Euer Name? fragte er.

Zurmühlen! antwortete dieser, Kaufmann aus Münster!

Herr Zurmühlen! fuhr der Burggraf fort; ich danke Euch. Euer Muth soll nicht unbelohnt bleiben!

Ich habe an keinen Lohn gedacht, als ich die Gräfin befreyete! erwiderte Zurmühlen, zwar bescheiden, aber nicht ohne jenen edlen Stolz, der ihm eigen war. Wollt Ihr aber, Herr Graf, fuhr er fort, mir Gleiches mit Gleichem vergelten, so begleitet mich nach jener Gegend des Waldes hin, wo ich noch immer Getöse vernehme, und wo wahrscheinlich mein Sohn mit meinen übrigen Reisegefährten überfallen ist.

Durch das Gesicht des Burggrafen flog ein Zug, wie fast des Schreckens. Hermann, fragte er den Ritter Monian; Bömmelingen ist doch nicht? –

Freylich! freylich! versetzte der Gefragte bedenklich. Mit dem ganzen Haufen muß er dort seyn! Gerade in der Gegend! Wir wollten ja dort in der Nähe zusammenstoßen!

Voran, Kameraden! rief der Burggraf ohne sich weiter zu bedenken, drückte den Helm fester in die

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Stirn, und sprengte mit verhängten Zügeln zu der bezeichneten Gegend, gefolgt von seiner Tochter, seinen Leuten, Zurmühlen und dessen Reisigen.

Doch schon nach wenigen Minuten begegnete ihnen ein großer Trupp Reuter, an deren Spitze ein kleiner buckeliger Ritter ritt, und die in ihrer Mitte den Rathsherrn Crusemann und die meisten Uebrigen der Münsterschen Kaufleute als Gefangene führten.

Eine furchtbare Ahnung ergriff Zurmühlen, als er sie erblickte. Eine bange Frage schwebte auf seiner Lippe, aber er wagte nicht, sie zu thun.

Bömmelingen! rief der Graf hastig aber strenge dem buckeligen Ritter zu: Was hast Du angefangen? Wenn Unheil geschieht, immer hast Du es angerichtet.

Zum Teufel, Burggraf! antwortete dieser, indem er mit einem wilden Lächeln auf die Gefangenen zeigte; ich habe Euch da einen Haufen fette münstersche Schweine eingefangen, wovon ich denk, daß wir noch lange daran zehren können. Schade nur, daß wir diese Wenigen gefangen haben; die Meisten sind zum Teufel gelaufen! Höre Graf; es ist ein schlecht Vergnügen, gegen solche feige Hunde zu fechten; sie liefen, wie die Hasen, was nicht lief, konnte es vor Angst nicht.

Der alte Zurmühlen bekam wieder Athem.

Aus dem Haufen der Gefangenen drängte sich aber der Rathsherr Crusemann vor, auf den Burggrafen zu. Ach, gnädigster Herr! sprach er demüthig und flehend zu diesem: Verfahret gnädig mit uns wehrlosen und armen Leuten. Laßt uns nicht in Euer finsteres und tiefes Burgverließ werfen; rechnet uns lieber das Lösegeld höher an!

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Der Burggraf wandte sich an Zurmühlen. Sind das Eure Gefährten? fragte er.

Ja, Herr Burggraf! antwortete dieser.

Ihr seyd frey, ohne Lösegeld! sagte jener darauf zu den Gefangenen, und könnt ruhig Eure Reise fortsetzen, wenn Ihr nicht vorzieht, auf meiner Burg Euer Nachtquartier zu nehmen, wozu ich Euch hiemit höflich einlade!

Der kleine Rathsherr, der vor Angst seinen Vetter Zurmühlen noch nicht gesehen hatte, wußte nicht, wie ihm geschah. Er starrte sprachlos den Burggrafen an, und seine schmalen Lippen hingen lang herunter. Doch hatte er noch so viel Besonnenheit, die Einladung anzunehmen. Wir danken untertänigst! antwortete er, und stieß die Worte heftig, wie mit innerem Entsetzen hervor. Wir sind einfältige Bürgersleute, und wollen lieber unsere Reise fortsetzen, die eilig ist.

Und Ihr, Zurmühlen? fragte der Burggraf diesem.

Da blickte, bey dem Namens der Rathsherr noch verwunderter auf, sah seinen Vetter, und rief voll Erstaunen: Wie kommt Ihr hieher, Freund Zurmühlen? – Und die Fremde Dame ist auch da? – Ich dachte Euch längst in Langenberg, und beneidete Euch tausendmal. Ach, es war ein gefährliches Amt, das Ihr mir da aufbürdetet. Solche Räuber, Ritter wollte ich sagen, haben doch Muth, wenn sie auch das Andere nicht haben; Ihr wißt wohl, was! Wir haben einen heftigen Strauß mit ihnen gehabt, an den ich mein Lebenlang denken werde. Plötzlich, wie ein Blitz, überfielen sie uns, rannten mit ihren langen Lanzen auf uns ein, schlugen mit ihren Schwertern auf uns los,

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daß uns hören und sehen verging, und daß wir Gott dankten, nur geschwind genug davon jagen zu können. Nur ich nahm die Flucht nicht, weil Ihr mich doch einmal zum Anführer bestellt hattet, und weil ich meinen Posten nicht verlassen durfte. Auch Euer Sohn! –

Hier stockte er plötzlich in seinem Redefluß, und sah mit einem verlegenen Gesichte vor sich nieder, und dann wieder von der Seite Zurmühlen an.

Mein Sohn? fragte dieser gepreßt, und schnell und ängstlich Athem holend.

Crusemann schwieg, verlegener werdend.

Um Gotteswillen! rief Zurmühlen. Fahrt fort. Mein Sohn?

Freund! versetzte der Rathsherr mit leiser Stimme, und langsam, wie die Worte abwägend. Freund! er war ein braver Junge, dessen sich kein Vater zu schämen braucht, und der ehrlich aushielt. Wenn er auch zuweilen ein bischen prahlte.

Um des Himmels willen! rief der unglückliche Vater immer ängstlicher und bleicher werdend. Endigt! Endigt! Sagt alles. Ist er todt? fiel er? –

Der Rathsherr preßte ein leises ja hervor!

Todtenstille herrschte in dem ganzen Kreise. Auf allen Gesichtern malte sich lebhafte Theilnahme, die bey dem alten Burggrafen und seiner Tochter, besonders bey der Letzteren, in wahren Schmerz überging.

Nur der buckelige Bömmelingen schien nichts zu fühlen.

Der junge Fent mit dem langen Ritterschwerte? rief er. Zum Teufel, der focht recht gut, besser als

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ich es von solch einem Heckenreuter erwartet hätte. Aber vor den Tod kein Kraut gewachsen ist! –

Der alte Zurmühlen hatte mit beyden Händen sein Gesicht bedeckt. Lange war sein Schmerz stumm. Zuletzt mußte er sich Luft machen Die Natur muß ja ihre Recht haben. Es war mein einziger Sohn! jammerte er. O Gott! während ich ihm seine Tochter befreye, erschlagt Er mir meinen Sohn! Herr des Himmels! duldest Du es? Lohn versprach er mir! Lohn! – furchtbarer Spott des Geschicks! –

Doch auf einmal faßte er sich; die Kraft seines starken Willens besiegte die Natur. Kommt Freunde! sprach er mit veränderter, ruhiger Stimme zu seinen Landsleuten. Laßt uns die zersprengten Gefährten sammeln, und die gebliebenen zur Erde bestatten, und dann mit Gott unsere Reise fortsetzen!

Diese Gewalt über den Schmerz erschütterte Alle. Die Gräfin weinte heftig; sie wollte sich ihm nahen, um ihm Worte des Trostes zu sagen, allein ein feines Gefühl der Schicklichkeit hielt sie zurück. Der alte Burggraf sah finster vor sich nieder; auch der Ritter Morian, nur Bömmelingen schien die allgemeine Stimmung nicht begreifen zu können. Pah! sagte er leise für sich, ein Menschenleben ist wie ein Fliegenleben!

Zurmühlen hatte sich unterdeß immer mehr zum Herrn seines Schmerzes gemacht. Sein Blick war wieder klar, obgleich sehr ernst geworden; seine Gestalt richtete sich wieder empor. Einen wehmüthigen Blick warf er auf die junge Gräfin; dann einen strengen auf den Burggrafen. Herr Burggraf! sprach er zu diesem. Im Himmel gibt es eine ewige Gerechtigkeit, die alle Thaten des Menschen wägt. Sie

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wird auch die Eurigen wägen. Aber auch der irdischen Gerechtigkeit könnt Ihr nicht lange mehr entgehen. Ich werde Euer Ankläger!

Er drückte seine Sturmhaube tief in die Augen, die sich wieder zu feuchten begannen, und ritt, von seinen Landsleuten gefolgt, langsam der Wahlstatt zu, wo sein entseelter Sohn lag.

Der Burggraf sah ihm lange mit finsterem Blicke nach. Unglücksrabe! sprach er dann leise, warf einen Blick, wie den des Vorwurfs, zum Himmel empor, und lenkte sein Pferd auf den Weg nach Stromberg zurück. Die Gräfin folgte ihm, noch immer weinend, der Ritter Morian in sich gekehrt. Goswin von Bömmelingen aber summte ein lustiges Lied für sich.

Am dritten Tage nach diesen Vorfällen ging der Burggraf von Stromberg, in Gedanken verloren, in seinem Gemache auf und ab; sein einziges Kind, die Gräfin Sophia, saß an einem Tische vor einem der hohen Bogenfenster, das auf den Burghof führte, und war mit Wirken von Teppichen beschäftigt. Ihr gegenüber saß der Ritter Morian, die Augen zwar starr auf die Arbeit der Gräfin geheftet, aber offenbar zerstreut und an ganz andere Gegenstände denkend. Lange wurde kein Wort gesprochen, denn, obgleich die Gräfin nur an ihre Arbeit zu denken schien, so sah man doch auch ihrem sich plötzlich trübenden, oder aus dem Fenster über die reiche, mannigfaltige Fläche schweifende Blicke an, daß ihre Seele bey etwas Anderm, als blos bey ihrer Arbeit verweile.

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Der Burggraf unterbrach zuletzt das Schweigen; er forderte seine Tochter auf, ihm nochmals die Geschichte ihrer Reise zu erzählen, eine Geschichte, die sie ihm in den paar Tagen ihrer Rückkehr schon mehrere Male hatte wiederholen müssen. Als Grund der jetzigen Wiederholung gab er an, daß sein Freund, der Ritter Morian, noch nicht vollständig davon unterrichtet sey.

Die Gräfin gehorchte, ohne Widerstreben, obgleich ihr Erröthen bewies, daß sie es ganz gerne nicht that. Sie erzählte daher auch nur kurz und flüchtig.

Vor ungefähr drey Wochen war der Münstersche Domscholaster, Heidenreich Wulf genannt von Lüdinghausen, ein frommer, gottesfürchtiger und gutmüthiger Mann, nach Stromberg gekommen. Dieser, den der Burggraf schon früher als er noch Pastor in Herzfeld, in der Nähe von Stromberg war, gekannt und oft besucht hatte, hatte dem Burggrafen vorgestellt, wie er durch seine Ueberfälle und Beraubungen wehrloser Kaufleute, durch seine Gefährdung der Landstraßen und durch sein Auflehnen wider jeden Landfrieden, sich den Haß nicht blos des Bischofs von Münster, sondern auch aller geistlichen und weltlichen Herrn Westphalens zugezogen habe. Er hatte ihn daher gebeten, von solchem, Gott mißfälligen Lebenswandel abzustehen, und fortan friedlich und ruhig zu leben wie es einem so edlen Reichsfürsten zustehe.

Der Burggraf [..]gegen hatte ihm erklärt, wie er, da die benachbarten Münsterschen und Osnabrückischen Kaufleute, von ihren Bischöfen hierin unterstützt, ihm ungerechter und unbilliger Weise den Zoll verweigerten, den er, als Fürst, der sein Land nur von

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Kayser und Reich zu Lohn trage, in seinem Gebiete wohl fordern könne, nur seine wohlerworbenen Rechte beschützt und aufrecht erhalten habe, und wie er deshalb, so lange er nicht gegen Kayser und Reich gehandelt habe, weder einen Westphälischen, noch irgend einen anderen Edelen zu fürchton brauche.

Der Domscholaster hatte ihm hierauf vorgestellt, wie er doch um der herzlichen Freundschaft willen, die so lange Jahren zwischen ihm, dem Burggrafen, und dem Bischofe Florenz von Münster bestanden, dessen Unterthanen nicht ferner mißhandeln möge, und wie, um eine Ausgleichung dieserhalb zu versuchen, der Bischof ihn bitten lasse, von Münster zu ihm zu kommen, auf diese Reise aber auch seine Tochter mitzunehmen, indem der Bischof außerordentliches Verlangen trage, die Jungfrau wiederzusehen, die er als liebliches Kind so oft auf seinen Armen getragen.

Der Burggraf war wirklich früher sehr eng mit dem Bischofe von Münster befreundet gewesen; er hatte diesen sogar im Jahre 1364 in sein Bißthum einsetzen helfen, ihm sehr oft in seinen Fehden, gegen dessen eigene Münsterschen Unterthanen, die ihn mehrmalen nicht anerkennen wollten, beygestanden, und seitdem Jahre lang in ununterbrochener Freundschaft mit ihm gelebt. Vor zwey oder drey Jahren aber war dieses Band durch die Zollzwistigkeiten des Burggrafen, und durch die darauf erfolgten Plünderungen und Mißhandlungen Münsterscher Kaufleute zerrissen worden, so daß seitdem Beyde, die sonst kaum Monate ohne einander hatten leben können, sich nicht wiedergesehen hatten Der Burggraf hatte auch jetzt keine Lust, der Einladung nach Münster zu folgen. Dagegen trug er

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bey den wiederholten Bitten des Domscholasters, kein Bedenken, seiner Tochter die Reise dahin zu erlauben, zumal da er den Bischof stets ohne Arg gefunden, auf die Treue des ehrwürdigen Domscholasters aber sich Häuser bauen ließen, und auch die Gräfin selbst wünschte, ihren alten Freund und Lehrer einmal wiederzusehen.

Dabey hatte er noch einen anderen Grund, den er aber Niemanden mittheilte. Schon seit einiger Zeit hatte er gesehen, wie zwischen seiner Tochter und dem jungen Ritter Morian eine geheime Neigung entstand, die mit jedem Tage mehr wuchs und fester in Beyder Herzen zu wurzeln drohete. Stammte der junge Mann nun gleich aus einem der edelsten Geschlechter Westphalens, so war er doch zu arm, und hatte zu wenig Verbindungen, um, wenn er der Gemahl Sophiens werden sollte, die Integrität der Burggrafschaft Stromberg gegen die Ansprüche benachbarter Fürsten und angeblicher Lehnsvettern zu schützen, die schon jetzt, da der Burggraf keinen Sohn hatte mehr oder weniger laut hervortraten. Dieß bestimmte ihn, die jungen Leute für einige Zeit zu trennen. Er erlaubte der Gräfin daher die Reise nach Münster, gab ihr seinen alten, bewährten Vasallen, den Ritter Albert von Oer nebst einigen Knappen mit, und stellte ihr frey, so lange in Münster zu bleiben, als es ihr dort noch gefalle.

Allein die junge Gräfin war kaum einige Tage in Münster gewesen, als sie schon von da wieder fort, und nach Stromberg zurück sich sehnte. Der Bischof war nicht hieran Schuld, er war freundlich und liebreich gegen sie, wie ein Vater; desto mehr aber sein Vetter, der Ritter Rudolf von Wevelinghoven.

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Dieser, ein langer, hagener, häßlicher und dabey fader und aufgeblasener Mensch, verfolgte sie mit seinem Schmeicheleyen und Zärtlichkeiten vergestalt, daß aus der Gleichgültigkeit, womit sie ihn zu Anfang betrachtet hatte, zuletzt ein wahrer Widerwille bey ihr wurde. Als er ihr aber sogar nicht undeutlich zu verstehen gab, daß er Ansprüche auf ihre Hand mache, wurde sie von einer unbesiegbaren Angst ergriffen, wenn sie ihn nur sah; und als er dennoch täglich zudringlicher wurde, und sie auch aus einzelnen Worten des Bischofs merkte, daß dieser nach und nach den Fürsprecher seines Neffen bey ihr machen wolle, wurde ihr der Aufenthalt zu Münster auf einmal so unheimlich und zuwider, daß sie den ersten besten Vorwand aufgriff, um mit ihrem treuen Oer die Rückreise wieder antreten zu können. Der Herr von Wevelinghoven bot ihr zwar seine Begleitung und seinen Schutz an, allein sie schlug diese geradezu aus, und trat den Rückweg allein mit dem Ritter Oer und ihren vier Knappen an. Das tückische Gesicht, mit dem der verschmähete Liebhaber Abschied von ihr nahm, beachtete sie nicht.

Doch kaum hatte sie mit ihrer Begleitung die zwischen dem Dorfe Behlen und dem Kloster Clarholz befindliche Heide zurückgelegt, und war in den daran, sich anschließenden Wald gekommen, als plötzlich aus dem dickigt zwölf vermummte, aber wohl bewaffnete Reuter hervorstürzten, und über ihre Bedeckung herfielen. Sie waren so unvorbereitet gekommen, daß der Herr von Oer sich kaum zur Wehre setzen konnte, und, fast ohne einen Schwertstreich gethan zu haben, vom Pferde gerissen und geknebelt wurde. Seinen Knappen erging es nicht besser. Helfen konnte die Gräfin nicht,

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aber wohl sah sie, daß dieser Ueberfall blos ihrer Person galt, zumal da sie unter den Vermummten eine lange Gestalt sah, die ihr nur zu bekannt vorkam. Sie ergriff daher eilig die Flucht, wurde aber sofort von der Hälfte der Räuber verfolgt, und, als ihr Pferd stürzte, in dem Walde zwischen Clarholz und Herzebrock eingeholt, bis der unglückliche Zurmühlen sie befreyete.

Der Burggraf blieb sinnend mitten im Gemache stehen, als die Gräfin dieß wiederholt erzählt hatte. Mit jedem Augenblicke, sagte er dann, wird es mir klarer, was schon mein Vater fürchtete, und was ich mir nie gestehen mochte. Mein Land ist zu schön, und liegt ihnen zu gelegen, als daß die geistlichen Herrn nicht danach trachten sollten. Der Zeitpunkt scheint ihnen gekommen zu seyn; der Himmel selbst hat ihn beschleunigt, daß er mir keinen Sohn gab. So lange trauete ich diesem Florenz! So oft schüttete ich meine Brust gegen ihn aus, wie ich gegen keinen Bruder gethan hätte! Und nun! – Doch freylich, er hat Recht; er will nur den Glanz seiner Familie haben! Und – sprach er leiser – ist es denn im Grunde nicht auch besser, daß es so wird, als wenn fremde Raubthiere sich in das schöne Land theilen? –

Sein Blick verweilte sinnend auf seiner Tochter, deren Auge so eben dem des Jünglings ihr gegen über begegnet war, und die nun errötend, aber sehnsüchtig in den wolkenlosen Himmel blickte. Nach einer Weile nahete er sich ihr. Sophie, fragte er sie, täuschtest Du Dich nicht? Weißt Du gewiß, daß Rudolf von Wevelinghoven Dein Räuber war?


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Ich konnte mich nicht täuschen! erwiderte die Gräfin. Seine Gestalt, seine Stimme, selbst der stechende Blick, den er durch das Visir seines Helmes auf mich warf, alles verrieth ihn. Auch Oer, als er gestern wiederkam, hat ja meine Aussage bestätigt. Er hat ihn erkannt, als er wüthend, ohne die schon gehabte Beute, zu seinen Spießgesellen zurückgekehrt ist, und die Befreyung der Gefesselten befohlen hat.

Der Burggraf ging wieder schweigend und nachdenklich auf und ab. Auf einmal gab der Thurmwart draußen das Zeichen, daß sich ein Fremder der Burg nahe. Rasch wandte sich der Graf an den Ritter Morian. Empfang den Ritter, sprach er, der dort nahet, und führe ihn gleich zu mir hierher!

Der junge Mann verließ schweigend das Gemach. So wie er fort war, trat der Burggraf dicht vor seine Tochter. Sophie, sagte er, ihre Hand fassend, es nahet eine ernste, entscheidende Stunde für uns Beyde. Wahrscheinlich wird sie bestimmen, ob das Geschlecht der Burggrafen von Stromberg fortbestehen oder zu Grunde gehen und spurlos verschwinden soll; ob diese Grafschaft, über die ich jetzt, wie ein glücklicher Vater über seine Kinder herrsche, auch künftig meinem und Deinem Stamme gehorchen, oder wie ein wehrloses Thier von Wölfen und Tiegern zerrissen werden soll. In dieser Stunde soll darüber entschieden werden, und in Deine Hand sind die Loose gegeben.

In meine? fragte die Gräfin, und ihre Hand zitterte in der ihres Vaters, dessen Ernst und Wehmuth, womit er gesprochen hatte, ihren Busen mit Furcht und dunkeln Ahnungen erfüllte.

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Meine Tochter! fuhr der Graf fort: Meine Besitzungen liegen mitten zwischen den drey geistlichen Ländern, Paderborn, Münster und Osnabrück; alle drey Bischöfe betrachten sie als eine schöne Beute, die ihnen fast nicht mehr entgehen kann; am meisten der Bischof Florenz von Münster, der mit dem Kayser und dem Papste persönlich befreundet ist. Ich habe keinen Sohn, der mein Erbe künftig beschützen kann; Deiner Thränen und Deines Flehens werden sie spotten, und mehr hat ein Weib nicht, um ihre Rechte zu vertheidigen. Dem Bischofe von Münster wird es ein leichtes Spiel seyn, sie verstummen zu machen, und der gefürchtete Moment ist unvermeidlich erschienen, unser Name stirbt, unser Land wird zerrissen. Sophie, und nur Ein Mittel kann uns retten!

Und welches? fragte das Mädchen, kaum höbar, mit angehaltenem Athem.

Eine Verbindung mit dem Bischofe von Münster, erwiderte der Burggraf; die ihm oder den Seinigen allein das zusichert, was er sonst mit seinen Nachbaren theilen müßte.

Vater! rief die ängstlich Erratende. Rudolf von Wevelinghofen – fuhr der Graf fort.

Um Gotteswillen! rief die Geängstete mie zitternder Stimme.

Sophie! fagte der Vater mit anscheinender Ruhe und Festigkeit; höre mich ruhig an; laß mich mein ganzes Herz vor Dir ausschütten. Der Bischof von Münster hat den Achtbrief wider mich in der Hand. Heute Morgen hat er es mir selbst geschrieben. Er wartet nur mit dessen Bekanntmachung und Vollstreckkung, mit der er vom Kayser beauftragt ist, bis sich

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eine passende Gelegenheit findet, und weil sein Vetter Rudolf um deinetwillen ein gut Wort bey ihm eingelegt hat, und weil er, der Bischof, hofft, dieß gute Wort werde Anerkennung bey uns finden. Darum ließ er uns, vorzüglich Dich, nach Münster einladen. Und jetzt, da auch jene Gelegenheit sich in der Anklage des alten Zurmühlen wider mich gefunden hat, haben wir die Wahl: entweder Du wirst die Gattin Rudolfs von Wevelinghoven, und dieser wird mit der Burggrafschaft Stromberg belehnt, wie vor zweyhundert Jahren unser Vorfahr Gottfried von Rudenberg; oder die Reichsacht wird gegen mich publizirt, die Grafschaft Stromberg zerrissen, und Du, wenn man es gut mit Dir vor hat, in ein Kloster gesperrt. Entscheide, Sophie; aber rasch. Der Herr von Wevelinghoven will selbst die Antwort holen; so eben ist er herein geritten, und in wenigen Minuten wird Morian ihn zu uns führen.

Die Gräfin saß da, starr und bleich wie eine Bildsäule, und fast eben so leblos; nur bey dem Namen Morian schreckte sie auf, und rief unwillkürlich: Hermann? – Dann erröthete sie plötzlich, und auf einmal stürzten heiße Thränen aus ihren Augen, und machten sie unfähig, ihrem Vater zu antworten.

Sammle Dich, meine Tochter! sagte dieser liebevoll.

Da ging die Thüre auf, und der junge Morian führte den Ritter von Wevelinghoven herein, und entfernte sich dann gleich wieder. Die Gräfin trocknete schnell ihre Augen, und trat mit ihrem Vater dem Fremden entgegen.

Dieser maß die unwillkürlich Zitternde mit einem flüchtigen, etwas spöttischen Lächeln, und wandte sich

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dann an ihren Vater. Mein Ohm, sprach er zu diesem, sendet mich in einer zwiefachen Angelegenheit zu Euch, Herr Burggraf. Einmal soll ich Euch verkünden, daß der alte Handelsherr Zurmühlen in Münster Klage wider Euch erhohen hat, wegen böslichen Ueberfalls und Erschlagung seines einzigen Sohns. Mein Ohm läßt Euch dabey sagen, daß das ganze Volk Münsters über diesen Vorfall im höchsten Grade erbittert ist, und laut von ihm Rache für das Blut des Erschlagenen fordert, und daß mein Ohm daher nicht mehr im Stande ist, Euch ferner zu schützen. Vorausgesetzt indeß, und das ist mein zweyter Auftrag, daß ich ihm günstige Antwort auf das Schreiben bringe, das er Euch heute Morgen gesandt hat.

Er sprach diese Worte mit einer unverhehlten Anmaßung, die durch seine widerliche Stimme und sein grinsendes Lächeln, womit er dann und wann Seitenblicke auf die junge Gräfin warf, noch empörender wurde. Die Zornmuskeln im Gesichte des Grafen zuckten, und nur mit Mühe hielt er sich. Doch antwortete er ihm gelassen: Was den ersten Gegenstand Eurer Sendung betrifft, so ist die Erschlagung des jungen Zurmühlen gegen mein Wissen und Willen geschehen; ich kann daher um so weniger verantwortlich dafür seyn, als dieß Unglück wohl Niemanden mehr geschmerzt hat, als mich.

Der Herr, unterbrach ihn Wevelinghoven, ist immer für die Handlungen seiner Diener verantwortlich.

Wir wollen hierüber, fuhr der Burggraf fort, nicht ferner streiten. Denn an Ende bin ich Herr in

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meinem Lande, und kann erschlagen lassen, wen ich will. Was aber euren zweyten Auftrag anbetrifft –

So, fiel der Wevelinghover ein; so wollt Ihr damit mich unmittelbar an Eure schöne Tochter verweisen.

Und ohne den Grafen ferner zu beachten, wandte er sich zu dieser, und fragte sie: Und Ihr, schöne Gräfin? Welche Antwort habt Ihr für mich? Euer Herr Vater hat doch mit Euch gesprochen? –

Die Gräfin stand, am ganzen Körper zitternd, und schlug ihre Auge zu Boden; auf einmal hob sie es wieder empor, und blickte zum Himmelsgewölbe auf; nur einen kurzen Moment; aber es war ein Blick, der alles ausdrückte, was das menschliche Herz in der entsetzlichsten Angst nur zu fühlen und zu bitten vermag.

Der alte Burggraf sah ihn, und er zerschnitt ihm das Herz. Eine Sekunde lang stand er noch schwankend, unschlüssig, dann trat er rasch vor, ergriff die Hand seiner Tochter, nahm, von seinem Gefühle überwältigt, die Erbleichte in seine Arme, und sagte zu dem Herrn von Wevelinghoven: Ich habe meiner Tochter noch nicht alles gesagt; erlaubt, daß ich es nachhole! In einer Viertelstunde holet die Antwort!

Er sprach diese Worte in einem stolzen, befehlenden Tone. Der Wevelinghover wurde davon betroffen; allein er verstand sie, und mit einem halb wüthenden und halb höhnischen Blicke verließ er das Zimmer.

Vater! sagte die Gräfin, als er fort war: Ich bin bereit! Rufe ihn zurück! Ich will die Seinige werden. Meine Angst war eine Thorheit. – Sie suchte sich stark zu machen, allein sie fiel erschöpft auf einen Stuhl zurück.

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Doch der Graf ging mit starken Schritten im Gemache auf und nieder; sein beleidigter Stolz wurde immer lauter in ihm, sein Zorn immer heftiger. Einzelne Worte: Frecher Bube! Unverschämter! In meinem eignen Hause! – entfuhren seinen Lippen. Auf einmal ging er zu seiner Tochter; seine Züge waren ruhiger geworden.

Du liebst, Sophie? fragte er sie mit milder Stimme. Du liebst Hermann von Morian? Geahnt habe ich es lange; diese Stunde hat mir Gewißheit gegeben!

Ein dunkler Purpur überglühete das bleiche Gesicht der Jungfrau. O mein Vater! sagte sie flehend; ich will ja Deinem Befehle gehorchen!

Du liebst Hermannen? fragte der Graf noch einmal, und noch milder, liebevoller.

Das Mädchen wagte, ihre Augen zu ihm zu erheben; sie sah nur Güte und Liebe in seinem Gssichte. Da ging eine hohe, beseligende Freude in ihrem Herzen auf. Ich liebe ihn, Vater! lispelte sie leise; und er auch. Eine selige Stunde raubte uns heute Morgen das Geständniß.

Ich hatte es geahnt! erwiderte der Graf, trat an das Fenster, und rief mit lauter Stimme den Namen Hermann in den Burghof hinunter.

Nach wenigen Sekunden trat der Gerufene herein.

Der Burggraf trat ihm ernst entgegen. Du bist ein braver Bursch, redete er ihn an, und muthig und edel; ich selbst habe Dich zum Ritter geschlagen. Aber hättest Du auch den Muth, meiner einzigen Tochter Gut und Blut zu vertheidigen, und, wenn sie alles

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verloren hätte, sie in Noth und Elend nicht zu verlassen? –

Herr! sagte der überraschte Jüngling, und sah fragend bald den Vater, bald die hoch erröthende Tochter an.

Hättest Du den Muth? fragte jener noch einmal.

Da sah ihn der junge Ritter mit seinem kühnen und treuen Auge fest an, und erwiderte mit lauter Stimme: Ja, Burggraf, den Muth habe ich, so wahr der Himmel mir seinen Segen schenken möge!

So nimm sie hin, die Du liebst! sagte der Graf, zog seine Tochter empor, und legte sie in die Arme des Geliebten, und hatte selbst in den alten Augen Thränen stehen, als er sah, wie die Beyden mit Thränen der Wonne und des Entzückens sich fest und innig umarmt hielten.

Dann ging er heraus und ließ die Glücklichen allein. Nach einer Weile aber kehrte er zurück, gefolgt von dem Ritter von Wevelinghoven. Ihr wollt Eure Antwort holen, sagte er zu diesem, und zeigte auf die Liebenden, die sich noch umarmt hielten. Seht sie dort! und Eurem Ohm sagt, ich und mein Schwiegersohn hofften, unsere Burggrafschaft besser beschützen zu können, als der freche und naseweise Bursch, den er mir geschickt habe!

Burggraf, das sollt Ihr bereuen! rief der lange Ritter, und stürzte mit dem Flammenbicke der Wuth und der Rache aus dem Gemache, und nach wenigen Minuten aus der Burg.

Der Burggraf freuete sich sehr, daß er diesem gemeinen und widerwärtigen Menschen nicht die einzige Tochter geopfert habe, und setzte sich mit erleichterter

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Brust zu seinen Kindern, und hörte lange ihren Liebesgesprächen zu, und erquickte sich daran und an den Erinnerungen, die still, und süß und wehe aus seinem Jugendleben in ihm aufstiegen.

Dann aber beratschlagte er sich mit dem jungen Ritter über die Anstalten, die zum Empfange des mächtigen und erbitterten Feindes, den sie jetzt erwarten, und zur Ausdauer in dem Kampfe, dem sie entgegensehen mußten, erforderlich waren.

Der Bischof Florenz von Münster hatte wirklich den kaysersichen Achtbrief gegen den Burggrafen von Stromberg schon seit einiger Zeit in Händen. Obgleich er früher, wie bereits angeführt ist, Jahrenlang mit dem Burggrafen in der engsten Freundschaft gelebt hatte, die oftmals durch die wichtigsten Dienste, welche der Burggraf dem Bischofe, und dieser wieder jenem leistete, geprüft und bekräftigt worden war, so war er doch späterhin von allen Fürsten Westphalens der Erste gewesen, der öffentlich den Gewaltthätigkeiten Burchards sich entgegenstellt, auf deren Ahndung angetragen, und bey dem Kayser den Achtbrief wider ihn ausgewirkt hatte. Als einen Grund für dieses strenge und allerdings etwas auffallende Verfahren gegen seinen ehemaligen Freund, Beschützer und Bundesgenossen hatte er freylich die arge Gewalt und Bedrückung angegeben, die der Burggraf sich namentlich gegen seine, des Bischofs Unterthanen erlaubt hatte, und die seine Gerechtigkeitsliebe nicht länger ungestraft dulden könne. Besonders dem Kayser Carl der noch jetzt wegen seines Geizes, seiner Feigheit und seiner Schwäche in

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der Geschichte verächtlich dasteht, waren jene von dem Bischofe vorgetragenen Umstände, auch ohne ferneren Beweis, so wichtig gewesen, daß er von seinen Räthen die größtentheils aus Geistlichen bestanden, und die der gewandte Florenz leicht auf seiner Seite hatte, ohne Schwierigkeiten verleitet werden konnte, gegen einen Fürsten, selbst ohne dessen Vertheidigung zu hören, die hohe Reichsacht auszusprechen, der nicht nur Unterthanen des Reichs geplündert, festgenommen und erschlagen, sondern der auch dadurch ein noch größeres Verbrechen begangen, daß er es gewagt hatte, die Verfügungen der goldenen Bulle, deren sich dieser schwache Kayser bekanntlich mit vieler Eitelkeit als eines höchst wohlgerathenen Kindes, rühmte und annahm, durch Wort und That mit Füßen zu treten. Indeß leuchtete es doch Manchen, besonder Unbefangenen, die näher die Sache ins Auge faßten, ein, daß jener öffentlich von dem Bischofe angegebene Grund, nicht der einzige, hauptsächliche seines Verfahrens seyn könne; daß vielmehr auch noch andere Umstände, dieß zu bestimmen, mitwirken müßten. Welche dieß waren, darüber war man in höchster Ungewißheit, obgleich man wohl vermuthete, daß sie in dem persönlichen, vertrauteren Verhältnisse der beyden ehemaligen Freunde liegen dürften. Wir glauben, in dem Obigen bereits eine nähere Andeutung derselben gegeben zu haben.

Obgleich der Graf Engelbert von der Mark, damals kayserlicher Marschall in Westphalen war, so hatte der Bischof Florenz es doch zu Wege zu bringen gewußt, daß nicht jenem, sondern ihm, die Exekution der kaiserlichen Reichsacht aufgetragen wurde Er zögerte jedoch, obgleich er schon lange im Besitze des

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Achtbriefs war, mit Publikation und Vollstreckung derselben, bis sich hinzu eine sehr passende Gelegenheit finden würde, indem er dann gegen den mächtigen Burggrafen um so mehr auf Unterstützung seiner Nachbarn rechnen konnte. Diese Gelegenheit hatte sich jetzt gefunden, als der junge Zurmühlen auf seinem friedlichen Zuge, kaum an der Grenze der Grafschaft Stromberg, von den Leuten des Burggrafen ohne alle Veranlassung war erschlagen worden; und als dessen unglücklicher Vater und mit ihm die ganze Bürgerschaft Münsters jetzt vor dem Pallaste des Bischofs erschienen, von diesem laut Rache für das Blut des Erschlagenen forderten, und mit ihrer ganzen streit- und waffenfähigen Mannschaft das Heer des Bischofs zu unterstützen versprachen.

Eine solche Stimmung und einen solchen Zeitpunkt hatte der kluge Bischof abgewartet; und alsbald fertigte er jetzt einen Herold, der den Achtbrief zuerst dem Burggrafen und dann dem Adel Westphalens bekannt machen solle, nach Stromberg ab. –

Nur wenige Tage waren seit der Abreise des Ritters von Wevelinghoven ruhig und ungestört vergangen; der Burggraf, der sie wohl für Vorläufer eines gewaltigen Sturmes ausah, hatte sie dazu benutzt, sich in völlig wehrhaften Zustand zu setzen. Die Burg Stromberg und das ungefähr drey Stunden nordwestlich von derselben gelegene feste Schloß Krassenstein waren mir Lebensmitteln und Vertheidigungswaffen aller Art versehen; besonders auf der Burg Stromberg herrschte ein reges, kriegerisches Leben. Die große Rüstkammer der Burg war geleert worden und Waffen von allen Gattungen und aus allen Zeiten des

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Mittelalters waren auf den Burghof transportirt, um dort entweder geputzt und ausgebessert, oder dahin vertheilt zu werden, wo sie ihrer Natur und ihrer Bestimmung nach die besten Dienste leisten konnten. Panzer, Helme und Schilde, große Schwerter und breite Flammberge, Piken und Lanzen, Streitäxte und Morgensterne lagen dort bunt zerstreut durcheinander, wurden von ihrem Roste gesäubert, polirt, geschliffen, geschärft und reparirt. Schanzkörbe wurden ausgebessert und gefüllt, große Kessel, aus denen das siedende Wasser auf die Stürmenden geschüttet wurde, wurden herangeschleppt, Felsstücke, um sie von den Mauern zu schleudern, herbeygewälzt; dann wurde alles vertheilt in Schießscharten, an die Thore, auf die Mauerzinnen.

Der Burggraf selbst leitete alle diese Zurüstungen, zwar finster und still, aber mit Ruhe und Besonnenheit. Er hatte alle seine Vasallen aufbieten lassen, mir ihren Mannen ihm schleunigst zu Hülfe zu eilen, und ihm in einem Kampfe beyzustehen, dessen er stündlich gewärtig seyn müsse. Und wirklich hatte er auch die Freude, keinen Einzigen ausbleiben zu sehen. In frohem Kampflust ritt Ein Ritter nach dem Anderen, von tapferen Fähnleins gefolgt, in die Burg Stromberg ein, und freudig boten sie dem angestammten Lehnsherrn ihre Dienste an, ihn gegen jeden Angriff, gegen jede Unbill zu vertheidigen. Das Auge des Burggrafen hätte wohl freudig lächeln können, wenn er die Tausende von streitbaren und kampflustigen Männern sah, die in der Burg und rund um dieselbe gelagert nur von seinem Winke abhingen, und die bereit waren, seine Person und seine Rechte bis zu ihrem letzten Blutstropfen zu beschützen; allein dennoch erheiterte es

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sich nicht, sondern blieb finster und trübe, als wenn die Kampflust, die sonst so oft darin geblitzt hatte, auf einmal von einem schweren, drückenden Gefühle einer Schuld oder eines Verbrechens, oder auch von einer schwarzen, verderbendrohender Ahnung verdrängt worden wäre.

Vier oder fünf Tage waren auf diese Weise verflossen. Auf den Fünften folgte eine warme, stille Nacht, die alles in der Burg und deren Umgebung früh in Ruhe wiegte. Die Wachtfeuer, welche rund um die Burg von allen Seiten angezündet waren, waren verloschen; die Krieger schliefen ruhig auf ihren Waffen, neben ihren Rossen; die Ritter auf der Burg ruheten aus von einem fröhlichen Gelage, bey dem man nur den Wirth nicht fröhlich gesehen hatte. Alles lag in Schlaf und Ruhe. Nur die Schildwachen an den Thoren der Burg und auf den Mauern wandelten, eingedenk ihrer Pflicht, auf ihren Posten auf und ab, und riefen sich zuweilen an, um sich aufzumuntern, oder auch gelegentlich einander einen Witz oder eine Merkwürdigkeit mitzutheilen. –

Auf einmal wurde oben auf dem Thurme über dem Haupteingangsthore die Stimme des Wärters laut. Er rief mit gedämpfter Stimme der Schildwache unten am Thore zu, wie er einen einzelnen Menschen von dem Oelder Wege her, sich pfeilschnell durch die Gebüsche auf die Burg zuschleichen sehe; manchmal stehe die Figur, die er wegen der Dunkelheit der Nacht nicht genauer erkennen könne, eine halbe Minute lang still, und scheine dann spähend nach allen Seiten sich umzusehen. Der Thurmwart forderte die Wache auf,

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von dieser allerdings verdächtigen Erscheinung weitere Meldung zu machen.

Diese schickte sich auch schon dazu an, als plötzlich hinter einem Vorsprung der inneren Mauer her mit behenden aber schweren Schritten Jemand näher kam.

Es war eine kleine, bewegliche Figur, mit langen Armen und einem großen Höker auf dem Rücken, das Haupt mit einem Helme dedeckt und den Körper in einen schweren Panzer gehüllt, von dem es fast unmöglich schien, daß der schmächtige, kleinliche, verkrüppelte Bau ihn tragen könne; daher hatte die ganze Erscheinung des Mannes etwas Seltsames, und auf den ersten Anblick fast possirliches, wogegen sie, wenn man die Kraft sah, mit der er sich unter der schweren Last der Rüstung leicht und als wenn er nichts zu tragen habe, bewegte, und wenn man von dem stechenden Blicke zweyer kleiner, aber fast wie Sterne leuchtender Augen durch das Visir des Helmes getroffen wurde, grausenhaft und beynahe gespensterartig wurde.

Was gilts? trat dieser Mann die Schildwache rasch an.

Der Lanzenknecht schrack beynahe über die unerwartete Erscheinung zusammen. Ihr da, Ritter Bömmelingen? rief er mehr erschrocken als erstaunt aus, und berichtete dann schnell, was der Thurmwart gesehen hatte, indem er die Frage hinzufügte, ob er Lärm schlagen solle?

Der Ritter antwortete auf diese Frage nicht, sondern ließ nur ein unterdrücktes Lachen hören. Freylich, sagte er dann leise für sich; man sollte sie aufwecken, aus süßem Schlafe, aus gaukelnden Träumen, die Verliebten, wie die Betrunkenen! Gesichter und

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Verlegenheit würden köstlich seyn! – Doch sey still! rief er dann lauter der Schildwache zu, und bestieg die Wendeltreppe, die zum Thurmwart führte. Als er oben angekommen war, sah er sich nach allen Seiten flüchtig um und folgte dann der Richtung, die ihm der Wärter still mit dem Finger angab. Er sah in derselben den verdächtigen Menschen, der so eben rasch aus einem Gebüsche hervortrat, vorsichtig mitten durch einen Haufen Lanzenknechte schritt, die dort im Grase ruheten, und dann mehr springend als gehend, sich geradeswegs der Burg nahete. Der Ritter beobachtete ihn schweigend. Der Thurmwart aber fragte ihn leise: Sollte man den Kerl nicht fast für ein Gespenst halten, so leise und keck schritt er über die Schlafenden weg?

Da lachte der Ritter Bömmelingen recht höhnisch. Du hast Recht, alter Narr! sagte er; es ist mein Theodorus, der auf Kundschaft ausgewesen ist. Ich kenne ihn an den langen Beinen und langen Sprüngen. – Zugleich rief er, als der Gegenstand ihrer beyderseitigen Aufmerksamkeit jetzt schon fast das Thor erreicht hatte, mit halblauter Stimme herunter: Gibts etwas, Theodorus?

Dachte ichs doch, Herr, erwiderte der Gefragte daß Ihr schon auf seyn würdet. Nun nur rasch aufgebrochen. Von der Warendörfer Straße her nahet ein Häuflein seltsam vermummter Reisige; sie haben den geraden Weg hieher eingeschlagen; wer sie sind und was sie wollen, weiß ich nicht, denn sie reiten still, aber auch langsam wie ein Leichenzug, und keinen Laut hört man bey ihnen, als den ihrer Pferde.

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Wie viele? fragte Bömmelingen kurz.

An zwanzig! war die Antwort.

Und sonst?

Alles leer! entgegnete der Knappe, kein Roß und kein Mann und kein Geräusch auf drey Stunden die Runde.

Bleibe dort! rief der Ritter; ich bin gleich bey Dir; vor Sonnenaufgang müssen wir sie haben.

Er stieg rasch den Thurm herunter, verbot dem Thurmwart und der Schildwache, Gewach zu machen, ging in die Ställe, wo die Reisigen schliefen, weckte zwanzig Mann von diesen, befahl ihnen, leise ihre gesattelten Pferde herauszuziehen, zog dann sein eigenes schwarzes Roß ebenfalls hervor, saß in einer Minute auf und ritt an der Spitze eines kecken Zuges langsam zum Burgthore hinaus. Draußen sprach er noch einige leise Worte mit seinem langen Knappen; dann wandte er sich an seine Reisigen zurück und rief: Haltet Euch brav, Stromberger, und hauet frisch drein; wenn mich nicht alles trügt, so werden wir einen guten Fang machen. Voran! rief er dann, und während Theodorus mit seltsamen Sprüngen vor ihnen herlief setzte sich der ganze Zug in schlankem Trabe in Bewegung; die schlafenden Krieger, die um die Burg lagerten, wurden durch das Geräusch wach, allein ehe sie aufblicken konnten, war schon alles aus ihrem Gesichtskreise verschwunden.

Sie waren noch nicht gar lange so geritten, als sie nicht weit von sich Pferdegetrappel vernahmen, das ihnen entgegen zu kommmen schien. Der Ritter ließ seine Leute anhalten. Da sind sie! sprach er leise zu ihnen; sie kommen geschwind, um sich den Tod zu

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holen! Würden auch, fuhr er widerlich lachend fort, langsamer reiten, wenn sie wüßten, was sie hier erwartet. – Vertheilt Euch hier, befohl er dann, ins Gebüsch; zu jeder Seite zehn, und so wie sie mitten zwischen uns sind. –

Spart Euch die Mühe, Herr! rief plötzlich der lange Theodorus dazwischen, der voraus gewesen war, und mit seinen langen Beinen jetzt zurückgesprungen kam. Unsere Erwarteten sind das nicht, die müssen dort rechts herkommen; dieß ist etwas anderes; laßt es vorbey ziehen, damit uns jene nicht entgehen!

Bömmelingens Augen glüheten vor Zorn. Eser! rief er, mein Schwert hat noch Niemanden vorbeygelassen, den es erreichen konnte. Packe Dich zum Teufel, oder es möchte heute auch Dich noch treffen! – Thut, wie ich Euch befohlen habe! rief er dann seinem Leuten zu, und theilte sie in zwey Theile, die in Gebüsche sich versteckten; er selbst ritt an eine dicke Eiche.

Dort standen sie harrend eine Minute; das Pferdegetrappel kam näher.

Auf einmal kam des Ritters langer Knappe, der sich unterdeß wieder entfernt hatte, noch einmal zurückgesprungen, dießmal laut lachend. Drauf, gestrenger Herr! rief er: sie kommen! Haut sie nieder; laßt ja Niemanden vorbey, den Euer gutes Schwert erreichen kann!

Mit der Behendigkeit eines Hirsches sprang er wieder fort, und fast in demselben Augenblicke wurde ein Haufen Reuter sichtbar, in dem jedoch plötzlich eine derbe Stimme Halt kommandirte, worauf Alle ihre Rosse anhielten. Seyd auf Eurer Hut! rief dann

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dieselbe Stimme; es scheint mir nicht richtig hier im Gebüsche!

Da sprengte rasch der Ritter Bömmelingen hinter seinem Baume hervor und lachte laut auf, daß seine Gefährten, die ihm folgen wollten, vor Verwunderung nicht wußten, was sie thun sollten. Bömmelingen aber ritt geradezu auf den fremden Haufen los, und rief, als er bey diesem ankam, mit lachender Stimme: Es ist hier richtig genug, alter Albert! Laßt nur ruhig Eure Schwerter stecken, Ihr trefft hier gute Freunde. Aber wo kommt Ihr denn in der finsteren Nacht her?

Der Ritter Albert von Oer schien nicht sehr erfreut, als er Bömmelingen erkannte. Wir kommen von Krassenstein, sagte er kalt und kurz, wohin der Burggraf uns vorgestern geschickt hat, Um das Schloß in festen Stand zu setzen.

Und Ihr habt es wohl recht fest gemacht? fragte Bömmelingen.

Ich kenne meine Pflicht! antwortete Oer noch kürzer.

Das ist brav! erwiderte in spöttischem Tone und mit einem stechenden Blicke Bömmelingen: Sehr brav! denn die Tage kommen, wo der Burggraf Männer von Muth und Treue nöthig hat.

Solch ein Achtbrief, den, wie alles Land sagt, der fromme Bischof von Münster gegen ihn in der Tasche hat, ist ein fatales Ding, das schon manche Treue wankend machen kann.

In Westphalen kennt man keine wankende Treue! fiel Oer ruhig ein.

Und doch, fuhr jener fort; habe ich die felsenfeste Treue durch einen Achtbrief schon erschüttert gesehen.

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Wer will auch einem ehr- und rechtlosen Menschen, dessen Haupt nicht mehr werth ist, als das eines jeden Mörders und Diebes, sein Wohl und sein Leben opfern, ohne daß man dafür anderen Dank einärndten kann, als selbst ehr- und rechtlos zu werden, wie jener auch!

Oer sah ihn mit einem scharfen, verachtenden Blicke an; Bömmelingen hielt ihn aus, würde dann auf einmal sehr ernst, und indem er Oers Hand drückte, sagte er mit veränderter Stimme und verändertem Wesen: Wir Beyde wanken nicht, alter Freund! Verzeihet mir meine Sprache von eben. Es steigt zuweilen ein bitterer Hohn gegen das ganze Menschengeschlecht in mir auf, den ich alsdann unmöglich unterdrücken kann. So gings mir auch eben. Aber für den Burggrafen lasse ich mein Leben wie Ihr.

Oer gab ihm seine Hand, aber ohne den Händedruck zu erwidern. Ich weiß es, sagte er nach einer Pause mit warmem Tone, Ihr seyd ein tapfrer Ritter, und dem Burggrafen treu, und er hält auch viel auf Euch; aber. –

Aber? fragte Bömmelingen den Stockenden.

Oer bedachte sich einen Augenblick. Aber er liebt Euch nicht, sagte er dann schnell, wie Ihr ihn nicht liebt.

Bömmelingen antwortete nicht, in sein erdfahles Gesicht stieg eine dunkle Röthe, von der man nicht wußte, ob man sie der aufgehenden Morgenröthe oder einem heftigen Gefühle seines Innern zuschreiben solle. Sie kommen! rief auf einmal die Stimme des langen Theodorus, der mitten zwischen ihnen stand, ohne daß sie ihn hatten ankommen sehen, und der jetzt

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auf die Landstraße zeigte, die sich rechts in das dichtere Gebüsch bog.

Macht Euch fertig! rief Bömmelingen seinen Leuten zu; aber nur gerade darauf los, wir sind ihnen jetzt überlegen. Denn nicht wahr, wandte er sich an Oer, Ihr leistet uns wohl Hülfe, in dem kleinen Strauße, den wir bestehen sollen!

Was gibts! fragte Oer verwundert.

Einen Fang! rief Bömmelingen, gab seinem Rosse die Sporen, und flog, von allen Anwesenden gefolgt, die bezeichnete Straße hinauf. Ein Trupp geharnischter Reuter kam ihnen langsam entgegen, als sie um die Ecke bogen. Ergebt Euch! schrie Bömmelingen, während sein Trupp ein furchtbares Geheul erhob. Aber rasch hatten die fremden Reuter ihre Rosse gewendet, und mit Blitzesschnelle stürzten sie davon, nach allen Seiten in die Büsche hinein.

Nur Einer, der den Zug angeführt hatte, entfloh nicht. Mir nach, Gefährten! rief er, glaubend, die Seinigen hielten noch hinter ihm, riß sein Schwert aus der Scheide und stürzte auf die Ueberfallenden ein. Mit kräftigem Arme hieb er um sich, allein, ohne Unterstützung, mußte er bald den, von allen Seiten nur auf ihn Eindringenden unterliegen. Ein gewaltiger Hieb Bömmelingens warf ihn vom Pferde.

Schneidet dem Narren den Hals ab! rief Bömmelingen laut lachend, als er fiel, und rasch sprangen einige Knechte vom Pferde, um diesen Befehl auszurichten. Doch jener besann sich eines anderen. Halt! rief er dazwischen, sprang ebenfalls zur Erde, und nahete sich dem Gefangenen. Wer bist Du, Gesell? fragte er diesen, und wohin wolltest Du?

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Zu Deinem Herrn, dem Burggrafen von Stromberg! antwortete eine tiefe, dumpfe Stimme. Wer ich bin, kann Euch gleichgültig seyn!

Und Du kennst doch uns? fragte Bömmelingen.

Ey, erwiderte der Fremde höhnisch, fallen dann, jetzt im tiefen Landfrieden, noch andere, als Straßenräuber und Stromberger über den wehrlosen Reisenden her? Daß Ihr zu den ersteren nicht gehöret, sieht man leicht. Und zu dem, wer sollte Dich, Ritter Bömmelingen nicht kennen? Den Ritter vom Galgen, wie Stadt und Land Dich nennt?

Hund! knirschte Bömmelingen, und hieb mit seinem Schwerte nach dem Wehrlosen. Aber Oer fing mit seinem Schilde den Hieb auf. Laßt ihn sprach er zu Bömmelingen, er ist auf ritterliche Art in Gefangenschaft gekommen. Unsere Ehre hängt an seinem Leben.

Aber der Gereitzte lachte wild. Reißt ihm den Helm ab! befahl er seinen Knechten, und dann macht ihn um seinen Kopf kürzer!

Niemand rühre ihn an! sprach Oer mit ruhiger, aber streng befehlender Stimme, und stellte sich vor den Gefangenen. Die Knechte standen unentschlossen. Selbst Bömmelingen schien zu schwanken und mit sich selbst zu kämpfen. Mag er laufen! sagte er nach einer Weile; das Burgverließ auf dem Stromberge ist auch kein Paradies; aber eine Hölle, guter Freund! setzte er höhnisch lachend hinzu, indem er den Gefangenen auf die Schulter klopfte.

Dieser, dessen rechter Arm durch einen schweren Hieb, den er darauf bekommen, gelähmt war, wurde jetzt durch Oers Fürsorge ans ein Pferd gehoben

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und Alle setzten sich dann gen Stromberg in Bewegung.

Die Sonne ging eben auf, als sie hier anlangten.

Der Burggraf war schon auf und stand auf dem Burghofe neben dem jungen Hermann von Morrian, mit dem er angelegentlich sprach.

Sein Gesicht war aufgeheitert, und freundlich ging er den Ankommenden entgegen. Wie stehts auf Krassenstein? fragte er den Herrn von Oer.

Gut! antwortete dieser; ich komme nur, um mir mehr Mannschaft von Euch auszubitten. Die hundert Mann, die ich dort habe, möchten es nicht lange vertheidigen können!

Nimm Dreihundert hinzu! erwiderte der Burggraf; wir haben hier Leute genug. Und dann halte Dich vier Wochen, damit der Münsterländer sich nachher nicht rühmen kann, einen Ziegel in der Burggrafschaft Stromberg sein genannt zu haben.

Vier Wochen, Herr? fragte Oer bedenklich. Glaubt Ihr, Burggraf, in vier Wochen sei diese Fehde zu Ende?

Doch, erwiderte Burchard ruhig. Wir sind nirgends müßig gewesen, während Du auf Krassenstein warst. Morrian ist bey meinen Freunden gewesen; so eben kommt er zurück, und bringt gute Nachrichten. Der Graf Otto von Tecklenburg ist schon auf dem Wege nach Lübeck, wo der Kayser sich jetzt aufhält, um ihm die Gerechtigkeit meiner Sache vorzustellen; spätestens in vier Wochen muß er fertig seyn. Und so lange werden wir uns wohl halten können, zumal da auch der rechtschaffene Bischof zu Paderborn die

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Zusicherung gegeben hat, nicht die Waffen gegen mich zu ergreifen.

Und Ihr vertrauet auf diese Sendung? fragte Oer, noch immer bedenklich.

Der Tecklenburger ist angesehen bey Kayler und Reich! entgegnete der Burggraf; und die gerechte Sache siegt stets!

Wohl gesprochen, Burggraf von Stromberg; aber übel für Euch! rief auf einmal die dumpfe Stimme des gefangenen Ritters, der unbemerkt in dem Haufen gestanden hatte.

Der Burggraf schrack fast über ihren Ton zusammen. Sein Auge spähnte in die Richtung, woher er kam. Da trat der Fremde unerschrocken hervor, stellte sich dicht vor den Grafen, und schlug das Visir seines Helmes auf; und der Burggraf erbleichte sichtlich, als er in das blasse Gesicht und in die strengen Augen des Greises sah, der jetzt so nahe vor ihm stand. Unglücksrabe! rief er unwillkürlich, und trat einen halben Schritt zurück.

Bin ich das jetzt erst? fragte der Ritter mit strengem Vorwurfe. Burggraf, warum war ich es Euch nicht früher? – Sein Auge streifte verächtlich den Ritter Bömmelingen, der ebenfalls als er das Gesicht des Gefangenen sah, auffallend betroffen worden war, und jetzt verlegen da stand. Ruhig fuhr er dann, sich wieder zu dem Burggrafen wendend, fort. Doch lassen wir unsere Sachen – ein anderes Geschäft führt mich zu Euch! – Burggraf von Stromberg sprach er dann mit verstärkter Stimme; ich stehe vor Euch im Namen des Kaysers Caroli IV., und meines Herrn

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des Bischofs Florenz von Münster, um Euch zu verkünden, wie das Oberhaupt des Staates, nachdem es vergeblich mit väterlicher Milde Euch angemahnet, von Eurem Morden wehrloser Bürger abzustehen, sich endlich gezwungen gesehen hat, wegen Euren genannten Missethaten und Verbrechen, und wegen Eures langjährigen Verhöhnens alles Landfriedens, die oberste Reichsacht über Euer schuldiges Haupt zu verhängen. Demgemäß erkläre ich im Namen meines obersten Herrn des Kaysers, Euch Burchard Burggrafen zu Stromberg und Herrn zu Krassenstein, als überführt gemeiner Straßenräuberey, schmählicher Mordthaten und öfteren Landfriedensbruchs, für ehr- und rechtlos, Euer Haupt für vogelfrey, und alle Eure Güter, Lehne und Besitzungen dem Reiche, von dem sie herstammen, zurückverfallen. Und soll es einem Jeden, er sey, weß Standes er wolle, erlaubt und befohlen seyn, ohne Urtel und Fehdeansage, Euch zu fangen oder zu erschlagen, wie er es am besten vermag, und Euren Leib den Vögeln des Feldes zu überliefern, da er in geweiheter Erde nicht ruhen darf. Allen denen aber die von diesem Augenblicke an noch eine Stunde lang mit Euch halten, und ihre Hände und ihre Hülfe nicht von Euch abwenden, denen verkünde ich ein gleiches Schicksal, und sollen auch sie ehrlos und rechtlos seyn und ein Jeder sie erschlagen können, wo er sie findet. – Zum Vollstrecker dieser Acht hat des Kaysers Majestät meinen Herrn, den Bischof Florenz von Münster ernannt, der in wenigen Stunden hier seyn wird, um zu thun, was seines Amtes ist. – Und nun, Burggraf, ist mein Auftrag zu Ende; jetzt verfahret mit mir, wie es Euch gutdünkt!

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Die Stimme des Greises wurde mit jedem Worte nachdrücklicher, ernster, feyerlicher; er stand da, in seiner würdevollen Haltung, mit seinem blitzenden Auge, seinem furchtlosen Gesichte und bedeckt von seiner einfachen, schwarzen Rüstung, wie ein überirdisches Wesen, wie ein rächender Strafvogel. Kein Laut wurde um ihn her hörbar, obgleich alle Ritter, die auf der Burg waren, nach und nach herbey gekommen waren, und einen Kreis um ihn geschlossen hatten. Alle standen ernst und sinnend da, und hörten seinen Worten; selbst Bömmelingen, aus dessen Gesichte jede Spur eines Hohns verschwunden war, blickte nachdenklich vor sich nieder. In des Burggrafen Gesicht aber war mehr als Ernst zu lesen; es spiegelte sich ein heftiger Kampf seines Innern darin ab, wie wenn der Augenblick, der jetzt gekommen war, obgleich er ihn lange vorher gesehen und erwartet hatte, ihn dennoch mit Gewalt träfe und das Gefühl einer schweren, auf ihm lastenden Schuld mit erneuerter Kraft in ihm weckte, wogegen sein Stolz und seine angeborne Kraft jedoch die höchsten Anstrengungen machten, um jede Ueberwältigung dieses Augenblicks zu unterdrücken und zu zerstören. Sein Gesicht war blaß und abgespannt, sein Auge in sich gekehrt; wenn es aber plötzlich den greisen Ritter traf, dann war es, als wenn er von einem inneren Grauen, das wie ein elecktrischer Schlag auf ihn wirkte, getroffen werde.

Als der fremde Ritter schwieg, stand auch er noch eine ziemliche Pause schweigend, und kein Laut war in dem gedrängten Kreise zu hören. Dann aber richtete sich auf einmal seine Gestalt auf, sein Auge bekam wieder Feuer, sein Gesicht den Ausdruck des Muths,

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der Kraft. Mit schnell errungener Ruhe überschaute er die Versammlung der Ritter, dann sprach er kurz, aber stolz, im Gefühle seiner großen Seele: Ritter und Vasallen! Ihr habt gehört, welches Urtheil über mich und über Euch gesprochen ist! Ich entlasse Euch Eurer Pflicht und Eurer Lehnstreue gegen mich. Ziehet in Frieden, und möge Euch ein besserer Herr nach mir werden, als ich es Euch seyn konnte! – Er sprach die letzten Worte mit weicher Stimme, und wollte, ohne Jemanden ferner anzublicken, in die Burg eilen.

Da trat ihm der alte Ritter von Oer entgegen, riß sein Schwert aus der Scheide und schwang es hoch in der Luft, und sprach dann mit lauter, kräftiger Stimme: Burggraf, wir verlassen Dich nimmer! So lange unser Arm noch ein Schwert führen kann, führen wir es für Dich!

Und alle Ritter, die auf dem Platze waren, folgten seinem Beyspiele, hoben hoch ihre Schwerter empor, und schworen laut und feyerlich, ihren Burggrafen nicht zu verlassen, sondern wie treue westphälische Ritter, ihn zu beschützen bis zu ihrem letzten Athemzuge, und sollte auch nur Schmach und Verfolgung ihr Lohn seyn!

Da ergriff eine hohe Rührung den Burggrafen, in seinem Auge zitterte eine Thräne. Freunde! rief er; jetzt erkenne ich es, die Treue ist das Höchste im Leben. Ich nehme Eure Schwüre an; so lange noch eine Muskel und eine Sehne unseres Körpers hält, wollen wir uns vertheidigen; denn nun laßt es mich Euch sagen: ohne Vertheidigung und ohne Reche bin ich verurtheilt worden, auf die einseitige Anklage eines gleisnerischen Räubers, den nach meinen Besitzungen

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gelüstete. – Und nun, Du Unglücksrabe, wandte er sich dann an den fremden Ritter, gehe heim in Frieden, und melde Deinem Herrn, was Du gesehen hast; und sage ihm, er möge kommen, um zu erproben, was fester sey, der Verrath oder die Treue!

Der fremde Ritter schloß sein Visir und entfernte sich langsam von der Burg; Bömmelingen sah ihm schweigend nach, aber er machte keine Miene, ihn aufzuhalten oder zurückzuholen.

Der Burggraf machte dann seinen Rittern seine Hoffnungen und seine Pläne bekannt, wie er durch die Verwendung des Grafen von Tecklenburg und dessen Freunde in wenigen Wochen die Reichsacht von seinem Haupte abgeschüttelt zu haben, bis dahin aber mit seinen muthigen Schaaren sich zu halten hoffe. Den Ritter von Oer beorderte er mit hinreichender Mannschaft zum Schlosse Krassenstein, um dieß zu vertheidigen. Er selbst übernahm die Vertheidigung des Strombergs; Morrian wurde mit Befehligung des Heeres beauftragt, das außer den beyden festen Oertern bleiben, das münstersche Belagerungsheer, das man erwartete, beunruhigen und im Nothfalle sowohl die Stromberger als die Krassensteiner unterstützen sollte.

Schnell wurde überall seinen Anordnungen Folge geleistet; und als nun nach einigen Stunden alle Höhen und Felder um den Stromberg herum lebendig wurden von den Schaaren des münsterschen Bischofs, und unzählige Waffen und Rüstungen in der hellen Morgensonne blitzten und leuchteten, da forderten alle Stromberger Ritter, beseelt von frischem, fröhlichem Muthe und hohem Eifer, den Burggrafen einmütig auf, sie auf der Stelle gegen den Feind, der den

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Stromberg vielleicht unbesetzt wähne, und daher, wenn er ihnen auch an Machte überlegen, auf einen solchen Empfang doch unvorbereitet sey, zu Felde zu führen, um so mit Einem kräftigen Schlage dieser Fehde ein Ende zu machen.

Der Burggraf konnte ihnen nicht widerstehen, und mit einem lauten Jubel wurde sein Befehl zum sofortigen Aufbruche aufgenommen. In Zeit von einer halben Stunde zog das ganze Heer kampffertig und kampflustig aus der Burg, der blutigen Stunde entgegen. Der Ritter Morrian war der Letzte, der die Mauern der Burg verließ, der Abschied von seiner geliebten Sophia, die Thränen, die sie in banger Ahnung an seiner Eisenbrust vergoß, hatten ihn abgehalten; allein der Erste war er, als nach kurzem beyde Heere feindlich aneinander geriethen. Vater! rief er mit aufflammendem Muthe, als der Burggraf ihm die Anführung der Reuter übertrug. Heute, mein Vater, verdiene ich Deine Tochter! Nur als Sieger siehst Du mich wieder! Er hielt Wort. Mit rasender Wuth stürzte er der Reutermasse des Feindes entgegen, während der Burggraf sich an die Spitze des Fußvolks stellte und dieses zum langsameren, aber desto hartnäckigeren Kampfe führte. Die Münsterschen hatten ihren Feinde nicht so vorbereitet und kampffertig vermuthet. Ueberraschung und Müdigkeit von dem beschwerlichen Nachtmarsche trugen daher dazu bey, daß sie die heranstürmenden Stromberger nicht mit dem Muthe und dem Feuer empfingen, welches Rache für vergossenes Mitbürgerblut und glänzende Versprechungen des Bischofs in ihnen entzündet hatten. Sie kamen sogar fast in

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Unordnung, als die Schaaren der Stromberger, in größeren Massen, als sie es hatten erwarten können, mit wildem Kampfgeschrey und siegreichem Ungestüm auf sie eindrangen. Allein, wenn auch der Burggraf und der junge Morrian diese Verwirrung durch rascheres, kühneres Eindringen zu benutzen suchten, so war es doch nur ein kurzer Moment, den dieselbe dauerte; denn schnell wußten der Bischof Florenz, der, einen Panzer unter seinem geistlichen Kleide, selbst im Heere war, so wie sein tapferer Feldhauptmann Clemens Droste, am meisten aber der alte Zurmühlen, der die Anführung der Stadt Münsterschen Lanzenknechte hatte übernehmen müssen, durch kräftige Worte und durch kühnes Beyspiel der schon verzagenden Muth der Ihrigen wieder zu entflammen, und so einen Kampf in den Gang zu bringen, der an Erbitterung und Hartnäckigkeit selbst in jener Zeit wohl vergeblich seines Gleichen suchen mochte. Keine Partey wollte einen Fußbreit weichen, und doch war es das Ziel einer jeden, voran zu dringen, und entweder den Tod oder den Platz des Gegners zu gewinnen. Mehrere Stunden dauerte, nach den Berichten der Chroniken, dieser furchtbare, grausame Kampf, und nicht die ermüdendsten Anstrengungen, nicht das Aufthürmen von Leichen, nicht das Brennen der senkrecht glühenden Sonnenstrahlen schienen ihm ein Ende machen zu können.

Da sollte der junge Ritter Morrian sein Wort halten. Das Gefecht hatte sich, wie das damals immer gebräuchlich war, in unzählige Haufen vertheilt, die jeder einzeln für sich, und ohne um das Ganze sich zu bekümmern, ihren Sieg verfolgten. Lange hatte Morrian mit einem Häuflein Reisige gegen einen ihm

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überlegenen Haufen gefochten, der seinem Glanze und seinem Muthe nach, aus der Blüthe des Münsterschen Adels zu bestehen schien. Manches Opfer hatte den Tod auf beyden Seiten verschlungen, aber Niemand wich. Da wandte auf einmal Morrian sein Pferd, rief den Seinigen zu: Mir nach! und stürzte auf ein seitwärts befindliches einzelnes Gebüsch zu. Sein scharfes Auge hatte in diesem geistliche Kleidung entdeckt, und seine Ahnung ihn nicht betrogen. Noch ehe die über die plötzliche, unbegreifliche Flucht eines so ausgezeichnet tapferen Feindes im höchsten Grade erstaunten Münsterschen, Anstalten zum Verfolgen machten, waren Morrian und die Seinigen, mit Blitzesschnelle in das Gebüsch gedrungen, den darin sich sicher wähnender Bischof schon zum Gefangenen gemacht, und kehrten im Triumpfe jetzt mit ihm in die Reihen der Ihrigen zurück.

Der Bischof ist gefangen! erscholl es augenblicklich in beyden Heeren, und verbreitete Freude in dem Einen, und Schrecken in dem Anderen. Zwar machten die angeführten Münsterschen Edelleute sich pfeilschnell auf, und schnitten dem jungen Morrian den Weg ab, ehe er die Seinigen noch erreichen konnte; auch gelang es dem angstvollen Bischof glücklich, während des Gefechts, das jetzt mit entsetzlicher Wuth sich um seine Person entspann, diese durch kluge Flucht in Sicherheit zu bringen. Allein die Nachricht seiner Gefannehmung hatte doch einmal sein ganzes Heer durchdrungen, und wenn auch nicht Aller, doch der Meisten Muth und Ausdauer gelähmt. Schaarenweise sah man Münstersche Reuterey und Fußvolk die Flucht ergreifen und in den Gebüschen sich zerstreuen; und die

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Verwirrung würde allgemein geworden seyn, wenn nicht der edle Zurmühlen in zürnendem Muthe die Fliehenden aufgehalten, sie wieder in Ordnung gestellt und gegen den mutiger vordringenden Feind zurückgeführt hätte. Doch auch sein Stündlein wie des so manches Braven, sollte heute schlagen. Geswin Bömmelingen, der mit fast an das Uebermenschliche grenzender Kraft überall, wo es Noth that, wo er ein Vordringen der Münsterschen, ein Schrecken der Stromberger sah, sich in das Gedränge warf, und, als wenn für ihn keine Gefahr und kein Tod sey, wie ein vernichtender Würgengel Schrecken und Tod um sich her verbreitete, Bömmelingen hatte kaum erspähet, wie Zurmühlen die Fliehenden aufhielt, als er mit seinem langen, gewaltigen Arme sich Bahn zu ihm machte, und mit der Wuth und Schnelligkeit eines Raubvogels auf ihn zustürzte. Alter Narr! rief er, als er ihn erreicht hatte, und begleitete die Worte mit seinem widerlichen Lachen. Lebst Du noch? Habe ich doch Dein Söhnlein erschlagen, wird es mir auch mit Dir gelingen! – Lachend, aber gewaltig hieb er mit seinem langen Schwerte auf ihn ein. Aber dem alten Zurmühlen war Furcht etwas fremdes. Mit besonnenem Muthe fing er die Hiebe des Gegners auf seinem Schilde auf, indem er verächtlich zu ihm sprach: Das Blut des Erschlagenen bekommt heute ein großes Opfer! Möge die ewige Gerechtigkeit nur Dich nicht verschonen!

Doch da lachte Bömmelingen noch höhnischer als vorher. Alter Narr! mit mir hats noch Zeit! Sorge Du für Dich! rief er, und seine Hiebe fielen rascher, schneller, gewaltiger, und Einer von ihnen, da das durch mannigfache Anstrengungen des Tages erschöpften

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Zurmühlen Kräfte zu erliegen anfingen, traf so gewaltig und unparirt dessen Helm, daß dieser mitten von einander sprang, und der unglückliche mit bis zum Rumpfe gespaltenem Haupte zur Erde rollte. Noch einmal lachte Bömmelingen laut auf.

Als aber die Münsterschen Lanzenknechte den Fall ihres Anführers sahen, da kam von neuem bleiche Furcht in ihre Gemüther; mit lautem Angstrufe, die Waffen von sich werfend, flohen sie Schaarenweise in die Gebüsche; vergebens waren alle Bemühungen des tapferen Clemens Droste, sie zu halten oder zurückzubringen, vergebens sein Rufen, sein Bitten, sein Drohen; vergebens sprengte selbst der Bischof den Flüchtigen nach und bedrohete sie mit Bann und Exkommunikation; wie ein Strom, der einmal die Schranken durchbrochen hat, nicht mehr in seinem rasenden Fortschießen zu hemmen ist, so war auch hier an kein Einhalten der jeden Augenblick allgemeiner werdenden Flucht mehr zu denken. Alles Söldnervolk folgte bald dem Beyspiele der Lanzenknechte. Nur die Münsterschen Ritter, auf Einen Haufen zusammengedrängt, waren zuletzt noch auf dem Wahlplatze und wehrten sich, wie Verzweifelte, gegen eine ihnen zehnmal überlegene Macht; allein der Feldhauptmann Droste sah leicht ein, daß ein Sieg nicht mehr zu gewinnen sey und jeder Blutstropfen ferner unnütz vergossen werde, und er selbst gab daher das Zeichen zum Rückzuge. Nur ungern gehorchten ihm die Ritter, und auch im Zurückziehen noch tapfer, Mann bey Mann haltend. Bömmelingen, der nach Zurmühlens Fall sich schnell dahin geworfen hatte, wo der Kampf noch heiß war, wollte sie zwar verfolgen, allein der junge Morrian verbot das, und der

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Burggraf, ebenfalls den Muth der Geschlagenen ehrend, trat freudig der Meinung seines edlen Schwiegersohnes bey.

So hatte wirklich schon der erste Tag eine Fehde entschieden, die aller Wahrscheinlichkeit nach von langer Dauer hätte seyn müssen; denn daß der Bischof mit seinem muthlosen und zum größten Theile aufgeriebenen Heere nicht rückkehren und Belagerung oder Feldschlacht zum zweytenmale nicht wagen könne, war unzweifelhaft; und bevor er vom Kayser zur Unterstützung in Vollstreckung von dessen Befehlen andere Hülfe bekommen konnte, ehe mußte, das durfte der Burggraf hoffen, der Tecklenburger seinen Zweck erreicht und die Aufhebung der Acht bewirkt haben.

Dennoch überschaute der Burggraf von Stromberg mit tiefsinnigem und trübem Blicke die Wahlstatt, auf der er Sieger geblieben war; nur rein menschliche Gefühle schienen sich schmerzlich in seiner Brust zu regen, wenn er die vielen Erschlagenen, Verkrüppelten und Verwundeten sah, die das Feld bedeckten; eine drohende Stimme schien ihm zuzurufen: Sie sind um Deinetwillen erschlagen, um Deiner Verbrechen willen. Er schauderte unwillkürlich zusammen, als Bömmelingen jauchzend die große Anzahl der getödteten und zum Tode verwundeten Feinde ihm meldete, und schnell, indem er dem alten Oer die Vorsorge für die Verwundeten übertrug, befahl er die Rückkehr zur Burg. Erst als er hier die Freude sah, mit der die entgegenspringende Tochter sich erst ihm und dann lange und mit lauten Thränen dem Bräutigam in die Arme warf und dem Himmel für die Errettung Beyder dankte,


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erst da wagte es ein freudiges Gefühl, sich unter die schmerzlichen seines Innern zu mischen. –

Die Fehde schien in der That beendigt zu seyn. Tage und Wochen vergingen, ohne daß der Stromberg beunruhigt wurde, oder daß ein Feind sich in seiner Nähe sehen ließ, oder daß man auch nur von Rüstungen oder Vorbereitungen des Bischofs zu einem neuen Kampfe etwas vernommen hätte. Allgemein war man geneigt, diese Ruhe den Bemühungen des Grafen von Tecklenburg in Lübeck zuzuschreiben; selbst der Burggraf gab sich gern dieser Hoffnung hin, obgleich er von seinem Freunde noch nicht die geringste Nachricht bekommen hatte, und schon war er manchmal im Begriff, seine Vasallen und ihre Leute wieder zu entlassen und sich blos auf einen Vertheidigungszustand seiner Bürger einzuschränken. Indeß unterblieb dieß auf Anrathen des vorsichtigen Oer, der in der herrschenden Ruhe nur immer eine schwüle Gewitterstille sehen wollte.

Ein sorgloseres und fröhlicheres Leben griff jedoch unterdeß auf dem Stromberge um sich. Spiele und Bankete füllten alle Tage, Frohsinn und Heiterkeit alle Herzen, am meisten die der beyden Liebenden, die mit dem Tage der Aufhebung der kayserlichen Acht ihrer völligen Verbindung entgegen sehen durften. Nur der Burggraf blieb trübe und nachdenklich, und sein Blick finster. Am unzufriedensten aber war Bömmelingen; das ruhige, unthätige Leben auf der Burg konnte ihm unmöglich gefallen. Er zog daher jeden Tag mit einem auserlesenen Haufen seiner gewohnten Beschäftigung, der Wegelagerung nach; allein kein Fremder ließ sich auf dem Strombergischen Gebiete oder an dessen Grenzen sehen; die Nachricht, daß ein

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großes, wildes Heer am Stromberge halte, war zu allgemein verbreitet und verursachte zu großen Schrecken, als daß nicht jeder Reisende die größten Umwege sollte genommen haben, um nur nicht diese Gegend der Gefahr berühren zu müssen. Bömmekingen mußte daher jeden Tag unverrichteter Sache zurückkehren, was ihn jeden Tag mehr verstimmte. –

Es war ein warmer Nachmittag des Spätsommers; der Burggraf ging in tiefem Nachsinnen in dem Garten hinter der Burg umher, das finstere Auge starr an den Boden geheftet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schienen wechselsweise vor seinem Geiste vorüber zu schweben, aber nicht in angenehmen, heiteren Bildern. Zwar hatte er wenige Tage vorher von dem Grafen von Tecklenburg, der sich noch immer in Lübeck bey dem Kayser befand, Nachricht erhalten, das er die besten Hoffnungen habe, daß er mehrere Großen des Reichs, die sich im Gefolge des Kaysers befanden, für seine Sache gewonnen, daß selbst der Herzog von Bayern und der Graf von Würtemberg ihn unterstützten, und der Kayser daher schon angefangen habe zu schwanken, bald aber seinen ungerechten Ausspruch einsehen und ganz zurücknehmen werde. Nichtsdestoweniger war jedoch die Stimmung des Burggrafen durch das lange gespannte Harren und durch die lange Stille, in der auch er jetzt immer mehr eine drohende Gewitterschwüle sah, von Tag zu Tag trüber geworden. So lange ein Gegenstand des Hasses und Neides seiner geistlichen Nachbaren, und einmal auf ungerechte Weise verurtheilt, konnte er, zumal bey dem ihm nur zu wohl bekannten erbärmlichen, weibischen Charakter des Kaysers, sich nicht überreden, daß sein Schicksal

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eine günstige Wendung mehr nehmen könne. Die Reichsacht wurde nicht wieder aufgehoben, strengere Maßregeln mußten im Gegentheile folgen, um sie gegen ihn in Ausübung zu bringen. Und was war dann sein Loos, und das der Seinigen, seiner Angehörigen, seiner Freunde, seiner Vasallen und Bundesgenossen? Eine entsetzliche Uebermacht fiel über sie her, die nur Einen Zweck kannte: Zerstörung, Zernichtung.

Welches, auch noch so muthige, entschlossene Gemüth hätte nicht unruhig und verstimmt werden sollen bey einer solchen Aussicht? Zumal, wenn das Bekenntniß hinzukommen mußte: Du trägst selbst die Schuld deines Geschickes; und wenn auch ganz Deutschland ruft: Du bist wider Recht und Sitte verurtheilt! so ist in Deiner eigenen Brust doch ein höherer Richter, der dein Urtheil nicht verwerfen kann!

Er schritt immer tiefsinniger weiter. Da sah er in einer Laube seine Kinder, Sophie mit ihrem Bräutigam; er sah, wie sie sich umfangen hielten, er hörte ihr leises Liebesgeflüster, sie sprachen von ihren Wünschen und Hoffnungen, ein stilles, überseliges Glück leuchtete aus ihren Augen. Aber in das Herz des Burggrafen konnte dieser Anblick keinen Balsam gießen. Im Gegentheil verrieth der Ausdruck seines Gesichts einen vermehrten Sturm seines Innern. Schnell schritt er vorüber. Arme Bethörte! sprach er im Gehen; Glück und Freude hofft Ihr vom Leben, und es gibt doch nur Gram und Sorge und Elend; und wenn es Euch auch noch so sehr anlächelt, doch nur die Furcht, daß es anders werden könne, müsse! Auch Euer Traum wird zu nichte werden. Und durch wen? –

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Auf einmal blieb er stehen, seine Rede stockte. Er war an die nordöstliche Seite des Gartens gekommen, die durch eine Schlucht des Gehölzes die freye Aussicht nach der Gegend von Rheda gewährte. Seine Augen hefteten sich starr auf einen Haufen Reuter, die er des Weges her auf die Burg zukommen sah. Lange stand er unbeweglich; auf einmal röthete sich sein Gesicht, sein Herz klopfte hörbar. An der Spitze des Haufens ritt ein stattlicher Ritter in glänzender Rüstung, den er zu erkennen glaubte. Er betrog sich auch nicht; es war sein lange ersehnter, treuer Freund, der Graf Otto von Tecklenburg. Mit stärker klopfendem Herzen, mit erregteren, stürmischeren Gefühlen eilte er aus dem Garten, auf den Burghof; aber dennoch mit ausgebreiteten Armen flog er ihm hier entgegen.

Das schöne kräftige Gesicht des Grafen Otto hatte heute einen trüben Ausdruck, sein lebendiges Auge konnte nur mit Wehmuth und Mitleiden auf seinen Freund blicken. Der Burggraf bemerkt es. Du bringst mir keine gute Nachrichten, Otto? fragte er, nicht ohne einige Unruhe.

Der Freund nahm ihn unter den Arm. Laß uns in Dein Gemach gehen! antwortete er; ich habe Dir mancherley zu sagen! – Er begleitete die Worte mit einem bedenklichen Blicke auf die Umgebung von Rittern und Knappen.

Allein in des Burggrafen Gesichte entwickelte sich ein edler, hoher Stolz. Ich habe keine Geheimnisse vor meinem Rittern! sagte er. Sprich alles, was Du auf dem schwer belasteten Herzen hast. Ein Jeder mag, soll es hören!

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Er ließ alle Ritter und Vasallen zusammenrufen, und einen Kreis um ihn und seinen Freund bilden. Dann forderte er diesen noch einmal auf zu erzählen.

Ich habe nur Trauerbotschaften zu verkünden! begann der Graf von Tecklenburg. Ich habe mich redlich bemühet; ich habe gethan, was der Burggraf von Stromberg gethan hätte, wenn der Graf von Tecklenburg in seiner Lage gewesen wäre. Meine Bemühungen sind fruchtlos geblieben. Einmal zwar schiene sie Früchte tragen zu sollen: Viele Große des Reichs unterstützten mich, und sprachen laut von ungerechten Verurtheilungen, in denen der ganze deutsche Fürstenstand beleydigt sey. Der Kayser schwankte auch schon, und war nur um einen Ausweg verlegen, auf dem er mit guter Art seinen Rückzug nehmen könne. Ich triumphirte. Auf einmal erschienen in der kayserlichen Pfalz die Bischöfe von Minden, Osnabrück und Münster, eingeführt von dem Falschen Erzbischof Friedrich von Cöln, und alles war vorbey. Der schwache, eitle und geizige Kayser unterlag ihren Ueberredungen, ihren Schmeicheleyen und Bestechungen. Die Reichsacht blieb beschlossen, dem Bischofe von Münster wurden ausgedehntere Vollmachten übergeben, sie zu vollstrecken.

Der Graf von Tecklenburg endete hier seinen kurzen, aber Inhaltschweren Bericht, und blickte dann theilnehmend in das Auge seines Freundes. Allein dieser hatte mit der Entscheidung und Gewißheit seines Geschicks schnell wieder seinen festen, frohen Muth bekommen. Vernichtet soll ich also werden! sprach er mit Ruhe, mein Geschlecht soll untergehen, mein Land zerrissen werden, mein Leib eine Beute der Thiere des Waldes, der Vögel der Luft? – Sey es! Eine strenge,

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blinde Macht bestimmt die Schicksale der Menschen, und erliegen muß der Mensch ihr, denn sie ist eine höhere Macht. Aber nicht unterwerfen soll er sich ihr. Einen Triumph kann sie ihm nicht rauben, den der inneren Kraft; sie gebürt nur äußere Nothwendigkeit! – Ich danke Dir, Freund! wandte er sich an den Grafen von Tecklenburg. Du hast Recht, Du hast gehandelt, wie ich für Dich gethan hätte. Die Worte sind unser Beyder schönster Stolz! – Ich danke Euch Allen, wandte er sich dann an den ganzen Kreis um ihn her; meine Freunde und meine Vasallen! Ihr habt mir treu und redlich beygestanden, wie westphälische Ritter! Ihr habt Gut und Blut für mich geopfert. Empfangt meinen herzlichen Dank! – Von diesem Augenblicke an seyd Ihr frey, ledig Eurer Pflicht, Eures Worts! Kehret heim zu Euren Bürger, und wenn Ihr in Noth kommt, so möget Ihr die Treue finden, die Ihr mir bewiesen habt!

Er schwieg hier mit fast feuchten Augen. Ein dumpfes Gemurmel erhob sich unter den Rittern. Der alte Oer drängte sich aus ihren Reihen hervor, auf den Burggrafen los, und ergriff dessen beyde Händ. Burchard! rief er, soll das unser Lohn für treue Dieunte und Aufopferungen seyn? – Thränen standen in seinen alten Augen.

Der Burggraf drückte ihn, von Rührung überwältigt, an seine Brust. Alter Freund! sprach er; Wir haben manchen Strauß zusammen bestanden, manche Gefahr getheilt. Aber auch von Dir muß ich scheiden. Da erhoben alle Ritter laut ihre Stimmen. Soll das unser Lohn seyn? riefen sie. Wir verlassen Dich nicht, Burggraf! Dein Schicksal ist das unsrige!

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Der Graf von Tecklenburg aber nahm jetzt das Wort. Du hattest Recht, Burchard! sprach er. Der Mensch soll sich dem feindseligen Schicksale nicht blind unterwerfen. Auch Du wirst das nicht. Ich ahne Deinen Plan, Du willst untergehen, wie ein Held, aber allein, ohne Deine Freunde mit in Dein Verderben zu ziehen. War es nicht so? –

So ist es! antwortete der Burggraf fest.

So ist es nicht! erwiderte der Graf; So soll es auch nicht seyn, so kann es nicht seyn. Wie Du nicht ohnmächtig Dich unterwerfen kannst, so können wir auch nicht ohnmächtig zusehen, wie Du zu Grunde gehest. Würdest Du es an unsrer Stelle können? –

So wollen wir denn bey Dir ausharren, so lange unser Arm noch ein Schwert führen kann. Ich und alle diese Ritter sind bereit dazu.

Und was hilfts? fragte der Burggraf. Viel! rief der Graf Otto. Hat doch wohl eher ein kleines Häuflein große Heere besiegt. Der Stromberg ist fest, unüberwindlich, so lange er auch von außen vertheidigt wird. Jahrelang kannst Du Dich darin halten, und in einem Jahre kann viel verändert werden, selbst der hartnäckigste Sinn des Menschen! –

Er sprach noch lange, die Ritter unterstützten ihn, und endlich gab der Burggraf nach.

Der Bischof von Münster säumte nicht lange, die Reichsacht, mit deren Exekution er von neuem beauftragt war, nunmehr mit verdoppeltem Eifer und

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verdoppelten Kräfte gegen den Burggrafen zu vollstrecken. Wie wenig er für sich allein gegen diesen kräftigen und unternehmenden Feind vermochte, hatte er zu seinem argen Schaden und bitteren Verdrusse eingesehen; er war daher darauf bedacht, zu der neuen Fehde sich Bundesgenossen zu erwerben. Zuerst wandte er sich an den Grafen Engelbert von der Mark, der vermöge seines Amts, als Marschall von Westphalen, verbunden war, in dieser ihm vom Reiche aufgetragenen Exekution ihm beyzustehen, und den er daher, nach erreichtem Zwecke, mit einer geringen Entschädigung abzuspeisen hoffte. Allein Engelbert, wenn er sich auch seiner Verpflichtung nicht ganz entziehen konnte, zeigte dabey doch so wenig Eifer, daß der Bischof sich endlich gezwungen sah, andere Hülfe in Anspruch zu nehmen, von der er mehr Kraft und Thätigkeit erwarten konnte. Diese fand er auch bey den Bischöfen zu Osnabrück und Paderborn. Der Erste von diesen, Diederich von Horn, ein frommer Mann, war gleich zum Beystande bereit, nachdem Florenz die Fehde ihm als eine Sache der durch den Burggrafen auf das schwerste beleidigten Kirche geschildert hatte, und nahm mit dem Versprechen einer geringen Entschädigung vorlieb. Heinrich Spiegel aber, Bischof zu Paderborn, ein Mann, der mehr den Krieg als den Chorrock liebte, und der daher der erste Bischof in Westphalen war, welcher zur Ausübung seiner geistlichen Amtsgeschäfte sich einen Weihbischof hielt, konnte nicht so wohlfeilen Kaufs gewonnen werden, und ließ sich vor seinem Beytritte, als Antheil an der Beute, das schöne Amt Delbrück versprechen, das in sein Bisthum weit hineinreichte und ihm daher doppelt gelegen war.

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Mit diesem mächtigen Bundesgenossen und mit seiner eigenen bedeutenden Macht rückte der Bischof von Münster noch im Herbste des Jahrs 1375 vor Stromberg. Wie wenig der Schrecken einer Reichsacht auf die Freunde und Untergebenen des Burggrafen wirkte, hatte er erfahren; er that daher, um außer den genannten auch noch einen ferneren Bundesgenossen zu haben, gleichzeitig mit seinem Auszuge aus Münster den Burggrafen, als einen Kirchenschänder und Klosterräuber feyerlich in den Bann, und sagte eben so alle die von der Gemeinschaft mit der Kirche los, die es noch länger mit ihm halten würden. – Allein auch dieß machte auf die treuen Stromberger keinen Eindruck.

Der Burggraf, mit dem der Graf Otto mit seiner ganzen Macht sich schon vereinigt hatte, sah seine Feinde mit einer Ruhe ankommen, die, wenn sie auch ungewiß ließ, ob sie von einem Vertrauen auf eine höhere Macht, oder von einer resignirter Unterwerfung herrühre, doch auf jeden Fall davon zeugte, daß er in seinem Innern mit sich selbst einig sey. Mochte der Graf von Tecklenburg, als man die Massen sich um Stromberg lagern sah, gegen welche das Heer des Burggrafen nur ein Häuflein war, das sie erdrücken konnten, auch bedenklich werden, mochte des alten Oer Bedenklichkeit fast an Angst grenzen und mochte Bömmelingen auch wüthen, der Burggraf blieb besonnen und gelassen, und keine Spur irgend einer Gemüthsbewegung oder in ihm zehrenden Leidenschaft war an ihm zu entdecken. Mit der größten Ruhe traf er seine Anstalten zur Vertheidigung, und war dann auf alles gefaßt.

Angriffsweise durfte er jetzt nicht zu Werke gehen; er mußte sein ganzes Augenmerk darauf richten, sich

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desto länger und nachdrücklicher vertheidigen zu können, und hiezu war Vermeidung aller Gefechte in freyem Felde nöthig, die nur dazu dienen konnten, sein Heer zu schwächen. Die Verbündeten schienen eben so wenig zu einem offenen Angriffe Lust zu haben, wahrscheinlich, weil sie, um mit Einem vernichtenden Schlage das Haupt ihres Gegners zu treffen, vorher die Ankunft des Grafen von der Mark abwarten wollten. Alle Feindseligkeiten der beyderseitigen, einander im Angesichte liegenden Heere waren daher darauf beschränkt, daß der immer unruhige Bömmelingen von Zeit zu Zeit plötzlich mit einem Haufen ihm Gleichgesinnter aufbrach, um entweder neue Lebensmittel in die Burg zu schaffen, oder dem Feinde einen durch seine Kundschafter verrathenen Transport von Lebensmitteln abzunehmen, wobey er in der Regel glücklich war. Außerdem geschah nichts; nicht einmal wurde ein Angriff auf das von dem alten Oer mit einer auserlesenen Schaar vertheidigte Krassenstein gemacht.

Wochenlang hatte diese Ruhe gedauert. Eine einzige Nacht sollte sie zerstören, und der ganzen Lage der Sache eine andere, aber schreckliche Wendung geben. Es war ein kalter, stürmischer Novemberabend. Die Ritter auf der Burg Stromberg saßen in dem großen, ungeheuren Rittersaale, und erwärmten sich durch edle Weine und durch Erzählungen von Fehden und Abenteuern. Die Gemeinen lagen in den Erdgeschossen der Burg, oder in Hütten, die sie sich auf dem Burgplatze erbauet hatten, oder in den Häusern des bis an die Burg sich erstreckenden Dorfes Stromberg, und suchten Schutz gegen das Unwetter. Von den Feinden hatte man den ganzen Tag nichts gesehen

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oder gehört; sie lagen ruhig in ihren Hütten oder in den einzelnen Bauernhöfen, in denen sie ihre Quartiere genommen hatten. Der Graf von Tecklenburg war gegen Abend mit einer kleinen Bedeckung nach Rheda geritten, um seine Gemahlin und Kinder zu sehen, und dort einige Anordnungen zu treffen.

Der Burggraf befand sich allein mit seinen Kindern in dem kleineren Rittersaale der Burg. Alle drey saßen schweigend um dem Kamin, und blickten nachdenklich in die knisternde Flamme. Auch in den Augen der Liebenben leuchtete heute jenes schöne Feuer nicht, das siegreich über Gram und Sorgen strahlt. Schwere Seufzer entfuhren oft unwillkürlich ihren Lippen, und schreckten den Burggrafen jedesmal aus seinem tiefen Sinne heraus.

Der Ritter Morrian nahm zuletzt das Wort. Mit einer lebhaften Unruhe in Blick und Bewegung wandte er sich an den Burggrafen. Vater, sprach er, wie lange soll diese todte Unthätigkeit noch dauern? Wann willst Du schlagen lassen, und uns mit Einem Male aus diesem peinigenden Zustande des Harrens und der Ungewißheit befreyen? – Die Feinde werden nicht den Anfang machen; es sind Pfaffenknechte! Aber wir, edle, freye Ritter! und lassen uns Mondenlang von solchem Gesindel einschließen! Und wagen nicht einmal, uns ihnen zu zeigen!

Der Burggraf blieb ruhig bey diesen Vorwürfen. Wir dürfen, antwortete er, nicht wagen und nicht kämpfen. Wir müssen die Elemente für uns kämpfen lassen; der Winter ist nahe, jede Nacht wird kälter. Wir sind in warmen Häusern, und können ihn erwarten; aber unsere Feinde, ohne Obdach, im Felde und in

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Wäldern, müssen ihm weichen. In wenigen Wochen wird der Stromberg keine feindliche Lanze mehr sehen.

Die Elemente? erwiderte der Jüngling blitzenden Auges. Tapfere Ritter sollen die Elemente für sich kämpfen lassen?

Wenn der eigne Kampf Unbesonnenheit ist, ja, versetzte der Burggraf fast strenge. Mit milderer Simme setzte er aber hinzu. Bey der Uebermacht unserer Feinde und bey der Kleinheit unseres Häufleins gilt jeder Mann uns jetzt viel. Jeder Kampf mußte uns zernichten.

Der Muth, antwortete der Jüngling, gilt im Kampfe, nicht der Mann! Vater, fuhr er feuriger fort; Dich beseelte ja sonst ein so schöner, frischer Muth! Warum denn jetzt so bedenklich, so zögernd, so vorsichtig? – Sprich das entscheidende Wort. Laß uns den Kampf wagen; alle Deine Ritter bitten Dich darum! Wage, und zwinge noch einmal Dein Glück, das noch nie Dich verlassen hat, an Deine Seite!

Der Burggraf schrack bey den Worten fast zusammen, und sah starr vor sich nieder. Glück! sprach er tonlos in sich hinein. Das Glück ist von mir gewichen! Eigne, schwere Schuld hat es verbannt! Er sprang unruhig auf, und ging mit heftigen Schritten in dem Saale herum. Der Ritter und die Gräfin sahen ihm erschrocken nach. Woher diese entsetzliche Wirkung eines einzigen Wortes? Morrian stand auf und folgte ihm. Was fehlt Dir, Vater? fragte er theilnehmend. Auch die Gräfin trat an seine Seite und faßte liebreich seine Hand.

Der Sturm, der in seinem Innern so plötzlich aufgeregt war, schien sich nach und nach zu legen.

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Beruhigter faßte er nach einer Weile die [Hände] seiner Kinder, und führte sie zum Kamine zurück. Du hast Recht, Hermann! sprach er hier. Wir wollen schlagen. Besser, edel und auf einmal unterzugehen, als in schnöder Ruhe Jahrelang gemartert zu werden, jeden Tag denken zu müssen, es ist der letzte, an dem die Sonne Deines Glückes leuchtet. Laß uns morgen schlagen. Morgen sey der Tag unseres Unterganges!

Unseres Sieges! Vater! rief der Ritter.

Aber der Burggraf schüttelte das Haupt, und sah lange schweigend vor sich nieder. Auf einmal ermannte er sich, mit einem freyen Blicke sah er seine Kinder an. Ihr werdet, hob er an, mein Betragen und meinen Zustand nicht begreifen können. Ich will ihn Euch erklären. Hört mich an, und erfahret zugleich eine entsetzliche Geschichte, die ich nicht länger in meinem Busen verschließen kann, die wie mit giftigen, glühenden Krallen ihn zerfleischt, um sich hinauszuarbeiten. Aber wenn Ihr sie gehöret habet, so verdammet mich nicht, sondern schreibt sie tief in Eure Herzen ein, damit das Elend Eures Vaters Euch ein Sporn sei, glücklicher zu werden als er.

Ich wurde von einem strengen, harten Vater erzogen, der nur seinen Willen kannte, keinen anderen gelten ließ, am wenigsten den meinigen. Ich führte das eingezogenste, abhängigste Leben. Auf einem Turniere zu Cassel lernte ich eine edle Dame kennen; wir liebten uns; allein mein Vater hatte mir eine andere bestimmt. Ich wurde vermählt gegen meine Neigung, und mußte noch abhängiger leben, als vorher Eine unbegrenzte Sehnsucht nach Freyheit, nach Glück drohete meine Brust zu zersprengen.

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Endlich wurde sie erfüllt; mein Vater starb; ich war eigner, unumschränkter Herr. Schnell warf ich mich von Vergnügen zu Vergnügen, von Abentheuer zu Abentheuer. Mein braves, aber von mir nicht geliebtes Weib saß einsam daheim, während ich von Fehde zu Fehde, von Turnier zu Turnier, von Bankett zu Bankett flog. Dem Bischofe von Münster gelang es endlich, durch Väterliche Milde, und durch eine Liebe, die zu schön war, als daß ich sie für erheuchelt halten konnte, meine Lebensart wieder zu regeln. Aber nur auf kurze Zeit, bald erblickte ich in seiner Milde und Liebe nur Bande, schwer und beengend wie die, in denen mein Vater mich gehalten hatte. Unter Vorwürfen gegen mich selbst, daß ich ihm so viele Gewalt über mich eingeräumt hatte, suchte ich sie abzuschütteln. Lange gelang mir dieß nicht, seine Liebe für mich war zu aufrichtig.

Da rettete Bömmelingen, ein abentheuernder Ritter, in einer Fehde, in der ich dem Bischofe gegen die Friesen beystand, auf eine überaus edle und unerschrokkene Art mir das Leben. Dankbarkeit, noch mehr aber sein freyes, ungebundenes Leben, und seine leichten Grundsätze zogen mich zu ihm, und fesselten mich bald so an ihn, daß er mir unentbehrlich wurde. Die Bande des Bischofs wurden nun jeden Tag mehr abgeworfen, mein Leben immer unregelmäßiger, Sitten und Gesetze immer mehr verhöhnt; der Bischof und seine Ermahnungen verspottet, zuerst blos von Bömmelingen, bald auch von mir.

Auf einem Bankette lernte ich die Tochter eines Ritters im Niederstift kennen; Ittling hieß er. Agnes war sein einziges Kind, und da er arm war, sein

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Alles. Eine glühende, unbändige Leidenschaft zu der schönen, frommen, keuschen Jungfrau setzte sich in meiner Brust fest. Bömmelingen gewahrte sie, und bald war ein Plan zu ihrer Befriedigung entworfen. Mit Gewalt beschlossen wir, das Mädchen zu entführen. In einer stillen Nacht drangen wir in die schwach besetzte Burg. Unsern Zweck und unsere Beute erreichten wir bald. Aber indem wir sie in Sicherheit bringen wollten, stürzte der mit Schrecken erwachte Vater auf uns zu. Mit Gewalt wollte er die Tochter uns entreißen; doch, unbewehrt, wurde er bald überwältigt, und, ohnmächtig zu helfen, mußte er den Raub seines Liebsten ansehen. Er wüthete nicht in seiner Ohnmacht, aber mit einer dumpfen Grausen erregenden prophetischen Stimme rief er mir nach: Burggraf, diese Stunde ist der Saamen Deines Unterganges! Einst werde ich vor Dich treten wie der Engel der Rache, und Dich an sie mahnen! Dann wirst Du sie verfluchen, aber sie wird Dich vernichten!

Ich lachte damals über diese Worte, Bömmelingen spottete über sie. Aber oft, in stiller Mitternacht, traten sie wie drohende Gespenster vor mich. Agnes von Ittling wurde bald von mir verlassen; Bömmelingen brachte sie in ein Kloster. Neue Leidenschaften; neue Gewaltthaten besonders da mein Weib bald starb, bezeichneten mein Leben, und verdrängten auch bald das Bild des alten Ittling aus meinem Innern. Desto fürchterlicher, mahnender sollte ich ihn wieder sehen. Er war es, der mir die Acht des Kaysers verkündete. Eine doppelte Vernichtung sprachen seine Worte und sein Blick über mich aus.

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Er schwieg hier, und bedeckte sein Gesicht mit beyden Händen. Morrian sah ihn mit innigem Mitleide an; Sophie schwamm in Thränen. Auf einmal erhob er sich wieder. und doch, sprach er fest; der gewisse Untergang ist ein Himmel gegen diese Hölle der Selbstqual, der Ungewißheit. Morgen schlagen wir. Alle unsere Macht soll gegen den Feind.

Der Untergang des Stromberger Geschlechts soll so groß seyn, wie sein Glanz es war!

In Morrians Augen leuchtete ein kräftiger Muth. Ja, wir wollen schlagen! rief er. Aber nicht um unterzugehen, sondern um zu neuem Glanze uns zu erheben!

Eine Pause, die jetzt eintrat, wurde durch die plötzliche Ankunft des Ritters von Bömmelingen unterbrochen. Eilig trat dieser in den Saal. Seine kleinen Augen brannten, sein ganzes Wesen drückte einen hohen Grad von Aufregung auf. Einen kurzen, höhnischen Blick warf er im Saale umher, auf die Liebenden. Auf, Burggraf! rief er dann. Auf junger Rittersmann, aus den Armen der Minen! Andere Arme erwarten Euch, aber eiserne, kalte, und nicht die warmen, weichen der Liebe!

Die beyden Männer waren aufgesprungen; die Gräfin umfing erblaßt den Geliebten. Was gibts? fragte der Burggraf schnell.

Erlösung! erwiderte Bömmelingen; Erlösung aus dieser Schlafsucht. Die Pfaffen kommen den Rittern zuvor. So eben kommt mein Theodorus aus ihrem Lager. In der stille sind sie aufgebrochen, waffnen sich, und werden in kurzer Zeit an unseren Mauern stehen, um uns zu überrumpeln; während der Graf

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von der Mark, der heute mit einem Kriegsheere herangerückt ist, das Schloß Krassenstein stürmt.

Morrian jauchzte hoch auf über diese Nachricht. Voran, rief er; das Heer geweckt; in einer Minute muß alles fertig seyn, bereit, die Pfaffenknechte zu empfangen.

In des Burggrafen Gesicht aber trat ein hoher Ernst. Eine Zeitlang sah er schweigend und sinnend vor sich nieder. Sey es! sprach er dann entschlossen. Laß das Heer bereit seyn, Bömmelingen! wandte er sich an diesen. In einer Viertelstunde bin ich bey Euch. Und damit der Feind sieht, daß wir seine Uebermacht nicht fürchten, wollen wir ihn draußen empfangen, nicht hinter unseren festen Mauern!

Brav gesprochen, Burggraf! rief Bömmelingen, und sprang aus dem Zimmer, um den empfangenen Befehl zu vollziehen.

In wenigen Minuten stand das ganze Heer gerüstet und kampffertig. In einer Viertelstunde rückte es aus den Thoren der Burg, und stellte still und ohne Geräusch sich auf, um den Feind, den man im Thale schon rasch aber leise sich herannahen hörte, zu empfangen. Der Burggraf behielt den Oberbefehl über das Ganze; Morrian führte die Reiterey an, wie bey dem neulichen Gefechte. Mit einem schweren Herzen hatte er Abschied von seiner Braut genommen, die ihn immer wieder von neuem umarmte, ihn mit ihren Thränen bedeckte, und ihn nicht von sich lassen wollte, weil eine schwarze Ahnung ihr sagte, sie solle ihn nicht wiedersehen. Auch ihn hatte ihre Angst auf einen Augenblick verstimmt; als er aber jetzt durch die Dunkelheit der stürmenden Nacht den Feind heranrücken

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hörte, kehrte plötzlich und schnell sein alter, so oft erprobter Schlachtenmuth zurück.

Die Feinde, als sie den Fuß erreicht hatten, machten Halt, ruheten wenige Minuten aus, und klommen dann still, aber eilfertig die Anhöhe hinan. Bis auf zwanzig Schritte ließ der Burggraf sie heran kommen, ohne daß sie, wegen des Geräusches des Sturms, gewahrten, daß ein Feind sie erwarte. Auf einmal aber rief der Burggraf mit starker Stimme: Jetzt drauf! Und so wie der Ruf durch die finstere Nacht ertönte, erhob sich von allen Seiten ein furchtbares Kriegsgeschrey, und mit einer rasenden Wuth stürzte das ganze Heer der Stromberger den Berg hinunter auf die erschrockenen Feinde. Diese aber flohen nicht, denn der tapfere Clemens Droste war an ihrer Spitze; und es erhob sich jetzt ein Kampf, der so erbittert, hartnäckig und blutig auf diesem Berge noch nicht mochte gefochten seyn. Fürchterlich hieben die Stromberger mit ihren Schwertern, Streitäxten und Morgersternen auf den andringenden Feind; fürchterlich setzte aber auch dieser sich zur Wehre. Weithin durchdrang das Geräusch der Waffen, und das Geschrey der Kämpfenden die dicke Finsterniß.

Eine Stundelang dauerte dieser entsetzliche Kampf; das Blut rann den Berg hinunter, Leichen waren auf Leichen gethürmt; aber kein Theil war gewichen. Doch das Häuflein der Stromberger wurde immer geringer, schmolz mit jeder Minute mehr zusammen, wogegen die Bischöflichen jeden Augenblick wie Pilze aus der Erde zu wachsen schienen. Da ertönte frisches Kriegsgeschrey durch die Nacht, und die Herzen der Stromberger wurden mit neuem Muthe erfüllt. Der Graf

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von Tecklenburg kam mit seinem Haufen von Rheda zurück. Es waren zwar nur wenige Mann, die er in den Kampf brachte, aber sie waren tapfer und nicht ermüdet. Mit wilder Lust, von ihrem kühnen Herrn angeführt, warfen sie sich in das Schlachtgetümmel, und wirklich war ihr Angriff so ungestüm, daß die Bischöflichen zum Weichen gebracht wurden, und, den Berg verlassend, sich in das Thal zurückzogen. Die Stromberger jubelten, ohne Aufenthalt verfolgten sie den Feind, der einmal in Unordnung gebracht, zumal in der finsteren Nacht, wo Ordnung doppelt Noth that, keinen kräftigen Widerstand mehr leisten konnte, in Ungewißheit über seine eigene Lage gerieth, und bald nicht mehr wußte, ob er mit seinen Streichen sich gegen Feind oder Freund wende. Der Sieg schien nicht mehr zweifelhaft; schon jagte Morrian mit seiner geschlossenen Reuterschaar ganze Haufen von Münsterschen, Osnabrückern und Paderbörnern, in wilde, ungeregelte Flucht.

Aber ist jedes Glück unbeständig, das Kriegsglück ist es am meisten. Schnell sollte es hier sich wenden.

Fern in Nordosten stieg plötzlich eine hohe Feuersäule [am] dunklen Horizonte empor, die ihren Schein bis zu dem Kampfplatze warf. Rheda brennt! erscholl zugleich eine starke Stimme aus dem Haufen der Feinde. Und hundert Stimmen riefen hinten drein: Graf von Tecklenburg, rette Dein Weib, Deine Kinder!

Der Graf Otto erblaßte. Zögernd stand er eine Sekunde lang, und ließ Arm und Schwert sinken. Da sprengte der Burggraf auf ihn zu. Rette Dein Weib, Deine Kinder! rief auch er, und wollte den Ueberraschten fortdrängen. Aber der edle Graf von Tecklenburg

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mich nicht. Gott wird sie retten! rief er, schnell wieder entschlossen, mein Posten ist hier! und mit neuem Muthe stürzte er in die Reihen der Feinde.

Dennoch sollte kein Glück dem Burggrafen und seinem Freunde aufgehen. Denn auch von der anderen Seite röthete sich jetzt plötzlich der Himmel, und wie noch kaum das Geschrey erschollen war. Der Krassenstein brennt! Die Märker haben ihn genommen! – so kam auch schon neues Geschrey und Waffengeräusch und Pferdegetrappel nahe. Es war der Graf Engelbert von der Mark mit seinen Leuten, die Krassenstein wirklich erobert und die Mannschaft darin erschlagen hatten. Der alte Oer hatte sich gewehrt wie ein Löwe, allein der furchtbaren Uebermacht mußte er unterliegen; mit unzähligen Wunden bedeckt, fiel er todt auf dem Kampfplatz nieder.

Die Markaner entschieden den immer ungleicher werdenden Kampf schnell. Der Kriegserfahrne Engelbert wußte bald die entscheidenden Anstalten zu treffen. Von allen Seiten wurden die Stromberger umringt und zusammengedrängt, im Rücken, im Gesichte und von beyden Seiten wurden sie von zahllosen Feinden angegriffen. Dennoch entsank ihnen der Muth nicht; sie wehrten sich wie Verzweifelte, und die beyden hellen Flammen am Horizonte beleuchteten mit jedem Momente eine gräßlichere Szene. Berge von Todten bedeckten das Feld, Hunderte von Verwundeten winselten in die Nacht hinein. Alte, immer muthig gewesene Ritter riefen dem Burggrafen zu, einen Rückzug in die Burg zu nehmen, weil hier auf kein Heil mehr zu hoffen sey. Aber Burchard hörte nicht auf sie; er war trüb und blind gegen alle Schrecken und Gräuel, die

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ihn umgaben; ohne Wort und ohne Laut d[rang er], still, aber desto furchtbarer in die dicksten Haufen [...] Feinde, und mähete alles nieder, was in den B[....] seines Schwertes kam. Morrian und Bömmelingen waren an seinen beyden Seiten, furchtbar und vernichtend und unwiderstehlich wie er. Alle Drey bluteten, allein sie achteten keines Bluts und keiner Wunden.

Da stellte sich ein hoher Ritter in schwarzer Rüstung Bömmelingen gegenüber, und dieser gewahrte bald, daß er einen Kämpfer gegen sich habe, wie sein Schwert heute noch keinen gefühlt hatte. Desto wüthender drang er auf ihn ein. Allein der fremde Ritter blieb ruhig, und nach wenigen Minuten eines fürchterlichen Kampfes deckte Bömmelingens Leiche den Boden.

Fahre hin, Du Unhold! rief der Ritter mit einer tiefen, dumpfen Stimme, die den Burggrafen bis ins Mark erschütterte, ging um diesen herum, und stellte sich mit der nemlichen Kälte, die er gegen Bömmelingen gezeigt, dem Ritter Morrian entgegen. Aber kräftiger griff er diesen an, schneller, schwerer fielen seine Hiebe auf Schild und Helm und Panzer des Jünglings, der, ermüdet durch so viele Anstrengungen, vergebens seine letzten Kräfte aufbot. Ein gewaltiger Hieb des Ritters streckte ihn zu Boden.

Da stellte der schwarze Ritter sich vor den Burggrafen, hoch seine Gestalt emporgerichtet, das blutige Schwert in der Hand. Burggraf! sprach er, mein Kind ist gerächt! Du bist zernichtet! Und spurlos war er unter der Menge verschwunden.

Der Burggraf war wirklich zernichtet. Sein tapferster Arm, Bömmelingen, lag rechts neben ihm,

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eine starre Leiche, links sein einziger Sohn, der Geliebte, der Bräutigam seiner Tochter; Krassenstein stand in Flammen, sein Heer war vernichtet, sein Freund sah um seinetwillen Hab und Gut brennen. Die stärkste Kraft mußte durch solche Unfälle gebrochen werden. Mit einer großen Thräne im Auge beugte er sich über den gefallenen Morrian; aber das Herz des Jünglings schlug nicht mehr, sein Athem stockte, seine Lippen waren kalt. Fahre wohl! sprach der Burggraf leise; dann versammelte er den kleinen Rest der Seinigen um sich, und während er den Grafen von Tecklenburg beschwor, nach Rheda zurückzukehren, und dieser endlich nachgeben mußte, schlug er mit den wenigen Hunderten, die ihm übrig geblieben waren, durch die zahllosen Reihen der Feinde sich durch, und gewann glücklich die schützenden Mauern der Burg.

In starres Schweigen versunken, saß am folgenden Abend der Burggraf in seinem Gemache, und schaute in die Flamme des Kamins, die im Begriffe stand zu verlöschen. Nicht weit von ihm lag auf einem Ruhebette seine Tochter, blaß, entstellt, die Augen von Thränen geschwollen; aber die Unglückliche weinte jetzt nicht mehr, im Gegentheile sie lächelte, und in Momenten wurde ihr Lächeln zu einem wilden, lauten Lachen; die Schrecken der Nacht hatten ihren schönen, kräftigen Geist zerstört, ihr Herz gebrochen. Der Burggraf achtete nicht auf sie. Von außen her schlug von Zeit zu Zeit ein heller, heftiger Knall in das Gemach, dem jedesmal eine Erschütterung der ganzen Burg folgte. Es war der Knall von zwey Doppelhaken, welche, seit wenigen Jahren in Deutschland erst bekannt

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geworden, die Bischöflichen mitgebracht hatten, und womit sie, den ganzen Tag nur auf Einen Punkt der Burgmauer zielend, diese zu zerstören und so sich einen leichteren Weg in die Burg zu bahnen strebten. Auch darauf achtete der Burggraf nicht; er saß starr und unbeweglich, und schien nur mit dem Kampfe beschäftigt, der in seinem Innern wüthete.

Lange saß er so, und nur der Knall der Donnerbüchsen von außen und der Gräfin lautes Lachen unterbrachen auf fürchterliche Weise die tiefe Stille. Zuletzt trat ein Knappe herein, und meldete mit bleichem Gesichte die furchtbare Wirkung des feindlichen Geschützes; die starke Mauer war nach der östlichen Seite bereits gesprungen, einzelne große Steine rissen sich bey jedem Schusse los und rollten den Berg hinunter, noch wenige Kugeln und ein großes Loch war in die Mauer gebrochen; schon zogen sich die Feinde nach dieser Gegend hin zusammen, schleppten Haken und Sturmleitern bey einander, und schienen jeden Augenblick im Begriff einen fürchterlichen Sturm zu wagen.

Während des Anfangs dieses Berichts wich der starre Gleichmuth nicht aus dem Gesichte des Burggrafen; auf einmal blitzte aber ein kühner, wilder Muth darin auf. Er sprang auf, warf seinen Helm auf den Kopf, gürtete das Schwert um seinen Leib und wollte aus dem Gemache stürzen, den Stürmenden entgegen. Die Stunde der Vernichtung ist da! rief er, aber sie soll theuer erkauft werden!

Er drängte den Knappen hinaus, und wollte ihm folgen. Da bannte ein wildes Gelächter ihn auf die Stelle, auf der er stand. Es war seine unglückliche Tochter; ein entsetzliches Lachen entfuhr ihrer

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Brust, ihren krampfhaft verzerrten Lippen. Lustig, Vater! rief sie; zum Hochzeitsfeste! Draußen im Walde, wo mein Liebster wohnt! – Sie wollte aufspringen, zu ihm hin; aber sie vermochte es nicht, und mit einem stillen Lächeln sank sie zurück, indem sie leise sprach: Meine Füße tragen mich nicht mehr. Ich glaube, sie sind todt. Trage Du mich in den Wald, Väterchen!

Sie sprach die Worte mit flehender Stimme, wie ein Kind, das die Mutter bittet. Dem Burggrafen schnitten sie durchs Herz; der wilde Muth wich aus seinem Gesichte, still kehrte er an der Thüre zurück, und ging mit großen Schritten im Gemache auf und ab; ein heftiger Kampf schien wieder in ihm zu wüthen. Ein zweyter Knappe kam, und meldete, die Mauer sey zerfallen, die Feinde am Stürmen: Ich komme! antwortete er, und der Knappe ging. Aber er kam nicht. Still setzte er sich an den Kamin und sah in die Kohlen, die gestorben waren. Ein dritter Knappe kam, und meldete, die Feinde seyen schon mit Uebermacht in der zerstörten Mauer, und beschwor ihn, den Seinigen zu Hülfe zu kommen. – Ich komme! antworte er noch einmal, aber er blieb sitzen, und blickte starr in die todten Kohlen.

Auch seine Kraft war gebrochen. Es war ein furchtbarer Anblick, ihn da sitzen zu sehen, äußerlich stark und kräftig, in der blutigen Rüstung, aber von innen kraftlos, ausgestorben; und neben ihm die ohnmächtige und wahnsinnige, die an Geist und Körper zerrüttete Tochter.

Auf einmal sprang er auf, noch einmal blitzte Muth in seinen Augen. Rächendes Schicksal! rief er;

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auch Dir kann der Mensch trotzen! Ich will es! – Er wollte fortstürzen; da fiel unwillkührlich sein Blick auf die arme Wahnsinnige, und er stand. Unglückliche! sprach er mit sanfter Stimme; kann ich Dich denn allein lassen, in den Graus der Zerstörung und des Mordens? – Mein Kind! Mein Kind! rief er heftiger, und die Vaterliebe hatte über seinen Stolz gesiegt. Rasch stand jetzt ein entscheidender Entschluß in ihm fest.

Unter seiner Rüstung zog er einen schweren Schlüssel hervor, dann hob er eine Diele des Fußbodens auf, sprang, als er schon wildes Geräusch der siegreichen Feinde im Burghofe hörte, schnell zurück, ergriff ein Licht, zündete die gewirkten Decken des Zimmers an, daß sie prasselnd anfingen zu brennen, faßte gleichzeitig seine Tochter unter den Arm und stürzte sich mit ihr in den dunkelen Gang, zu dem die verborgene Thür führte. Diese warf er hinter sich zu, in dem nemlichen Augenblicke, als die Feinde die Thüre des Gemaches aufrissen, aber wegen der Flamme, die ihnen entgegenschlug, zurückstürzten.

Lange tappte er in dem finsteren, unterirdischen Gange herum, seine schreckliche Bürde auf dem Arme. Endlich erreichte er den Ausgang, tief unten im Thale, an einer dicht mit Bäumen und Strauchwerk bewachsenen Stelle. Er legte seine Last nieder, als er im Freyen war, um einige Augenblicke frische Luft zu schöpfen. Seine Burg stand in hellen Flammen; es kümmerte ihn nicht; im Gegentheile, es war ihm ein wohlthätiges Gefühl; konnte er doch jetzt da nicht verhöhnt werden, wo er früher geherrscht hatte!

Auf einmal naheten sich Gestalten unter den Bäumen. Er hielt sich ruhig, um nicht entdeckt zu

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werden; allein sie kamen auf die Steue zu, wo er sich befand, und bald sahen sie ihn.

Dachte ich doch! rief jauchzend eine widerliche Stimme, und mit entblößtem Schwerte stand der lange Ritter von Wevelinghoven vor ihm, der bisher sich nicht hatte sehen lassen, jetzt aber, da Kampf und Gefahr vorüber waren, die schützende Nähe seines Ohms verlassen hatte. Drohend schwang er sein Schwert. Ergib Dich, Burggraf! rief er, Du und Dein Dirnlein!

Er wollte auf den Burggrafen losstürzen; aber in demselben Augenblicke fühlte er seinen Arm festgehalten. Er sah sich um; ein schwarzer Ritter stand hinter ihm. Es ist genug! sprach dieser strenge. Kein Mord mehr!

Ittling! rief der Burggraf, als er die Stimme erkannte.

Da nahete sich ihm der Ritter. Burggraf! sprach er, gehe mit Gott! Mein Kind ist gerächt! Ich wollte ein Racheengel seyn, aber kein Teufel!

Er zog den Wevelinghoven mit sich fort, und entschwand in der Nacht.

Noch eine Weile stand der Burggraf und blickte stumm vor sich nieder, dann hob er sein Kind auf, und wandelte langsam damit in den Wald hinein, durch die finstere Nacht, durch den stürmenden Regen, hinter sich die brennende Burg, das jauchzende Geschrey seiner Sieger. Es war Mitternacht, als er an dem Schlosse zu Rheda ankam. Mit wenigen Worten befahl er dem Thurmwart, den Grafen Otto zu wecken, dann setzte er sich still auf einen Stein unter dem Thore, sein wahnsinniges Kind neben sich. Als der

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Graf kam, übergab er ihm seine Tochter. Halte sie gut! sprach er leise, und wollte die Burg wieder verlassen. Der Graf hielt ihn; allein er schüttelte schweigen den Kopf. Der Graf beschwor ihn, zu bleiben; er bot ihm alle Hülfe an; er versprach, ihn bis zu seinem letzten Athemzuge zu beschützen; er stellte ihm die Verwendung der Reichsfürsten, die Begnadigung des Kaysers vor.

Allein der Burggraf war nicht zu bewegen. Ich kann nicht! sprach er; in meiner Brust ist keine Gnade; was hilft mir die Gnade der Menschen!

Still verließ er die Burg und kehrte in die stürmende Nacht zurück. Man hat ihn nie wieder gesehen. Alte Chroniken behaupten, er sey über die Weser gegangen, und habe bey dem Grafen von Grubenhagen Schutz und Unterkommen gefunden; aber mit Gewißheit weiß man nichts hierüber. Dagegen versicherten gleichzeitig Westphälische Rittter, am heiligen Grabe einen Pilger gesehen zu haben, der an Gesicht und Figur dem Burggrafen geglichen habe. Allein auch dieß ist nicht ausgemittelt.

Seine Burggrafschaft theilten die Bischöfe von Münster, Paderborn und Osnabrück; der Graf Engelbert von der Mark dachte zu edel, um von dem Raube etwas anzunehmen.

Die Rache des Bischofs von Münster ging soweit, daß der Graf von Tecklenburg die Gräfin Sophie nicht einmal bey sich behalten durfte. Er wurde durch eine langwierige Belagerung gezwungen, sie von sich zu lassen. Doch wirkte er aus, daß sie dem Kloster Herzebrock durfte übergeben werden. In diesem war eine blasse, freundliche Nonne, die nahm sich der