Westphälische Sagen und Geschichten/S266-278

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Kleinere Sagen.

I.

Der heilige Lebuinus.

Der heilige Lebuinus war ein frommer und eifriger Bekehrer der heidnischen Westphalen und scheute keine Mühe und keine Gefahren, um in seinem heiligen Berufe zu wirken; denn so viele Verfolgungen er auch von Geringen und Vornehmen zu erdulden hatte, so ließ er doch niemals von seinem gottseligen Werke ab. Einstmals kam er in die Nähe der Weser, in der Gegend, wo jetzt die Stadt Hervord steht. Es war hier damals eine große Menge Westphälinger, Priester, Krieger und Heerführer versammelt, welche ihren alten heidnischen Gottesdienst hielten und dabey über Krieg, Frieden und Gesetze beratschlagten Auf einmal erschien der heilige Apostel Lebuinus in ihrer Mitte, sonder Furcht und Angst, und forderte mit lauter Stimme sie auf, ihrem heidnischen Götzendienste zu entsagen, und Einen Gott, den ewigen und wahren anzubeten; er drohete ihnen mit fürchterlichen Strafen,

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wenn sie seinen Ermahnungen nicht Folge leisten würden. Doch da erhob sich der ganze Haufe, der zuerst verwundert das Wagniß des einzelnen Mannes angestaunt hatte, mit großem Geschrey, und schlug die Waffen an einander, und wollte in empörter Wuth den heiligen Priester erschlagen und den Götzen opfern. Aber Gott der Herr verließ seinen Diener nicht, und in dem Augenblicke, als sie ihn ergreifen wollten, öffnete sich ein Baum, an dem er stand, nahm ihn in seine Mitte und schloß sich wieder zu, also daß er gerettet und noch zu manchen heiligen Werken aufbehalten wurde. – Der Baum ist noch jetzt bey Hervord zu sehen, allein er hat so wunderbarliche Blätter, daß kein Mensch erkennen kann, was für ein Baum es ist.


Der heilige Suederus.

Ein eben so eifriger Apostel der Westphalen war Suederus. – Zu einer Zeit speiseten zu Soest viele heidnische Westphälinger; zu solchen begab sich der heilige Suederus. Als nun jene von der Macht ihrer Götter und von der Ohnmacht des Christus sprachen, den man ihnen dafür aufdringen wolle, da trat Suederus muthig auf, vertheidigte den Heiland, und erzählte besonders die Wunder, die Christus der Herr durch die Verdienste des heiligen Suibertus gethan. Als nun den Heiden daraus kund wurde, daß Suederus ein Christ

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sey, wurden sie wider ihn ergrimmt, griffen, schlugen und peinigten ihn, stießen ihn endlich heraus und rissen ihm die Zunge aus. – Kaun aber waren sie voller Freuden und in der Meinung, daß sie ein großes Werk gethan hätten, zu ihrem Schmause zurück gekommen, so wurden ihre Speisen zu Steinen, sie aber ihres Augenlichtes beraubt. Wie sie nun dadurch zur Erkenntniß ihres Unrechts, an Christo und seinem Knechte Sueder verübt, gebracht wurden, ließen sie sich zu demselben führen und bat ihn demüthig um Verzeihung. Hiezu war nun Suederus nicht allein willig, sondern er versprach ihnen auch Hülfe und Rückkehr ihres Augenlichtes, wo sie sich mit ihm nach Werden zum Grabe des heiligen Suibertus begeben würden. Der Vorschlag wurde zu Werke gerichtet, und sie reiseten zusammen auf Werden. Kaum waren sie daselbst angekommen, so wurden sie Alle, nebst dem Sueder, welcher in seinem Herzen den H. Suibertus angerufen hatte, durch dieses Verdienste geheilet; Sueder bekamt seine Zunge, und die Heiden ihre Augen nieder. Wodurch denn nicht allein sie, sondern auch hernach Viele in Soest und der Gegend bekehret wurden.

(v. Steinen Gesch.)

III.

Das Grab der heiligen Ida.

Nachdem die heilige Ida ihren Gemahl, den tapferen Herzog Egbertus durch den Tod verloren hatte, ließ sie neben der Kirche zu Herzfeld an der Lippe ein

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Einsiedlers Häuslein bauen, aus welchem sie durch ein Fensterlein auf den Altar der Kirche sehen konnte. Hier ließ sie ihren Eheherrn begraben, und nahm auch ihre Wohnung darin und trauerte um ihn. Zugleich ließ sie ihren eignen Todtensarg aus Marmorstein hauen, und stellte ihn in dieß Häuslein, und füllte ihn alle Tage zweymal mit Allmosen, welche sie Vor- und Nachmittags den Armen freudig austheilte. Als sie nun viele Jahrelang also in Gebet und frommen Werken zugebracht, erkrankte sie gar heftig, und starb seliglich am vierten September um das Jahr Achthundert, und ward in ihrem marmorsteinernen Sarge begraben. – Hernachmals geschahen viele Wunder an ihrem Grabe. Denn als im Jahre 915 die Ungarn in Westphalen einfielen und auch nach Herzfeld kamen, und daselbst die Kirche, die unterdeß über dem Grabe der Ida erbauet war, zerstören und niederbrennen wollten, gelang ihnen dieses auf keine Weise, indem das Feuer, das sie anlegten, alles Anschürens zum Trotze, jedesmal wieder ausging und nichts verzehrte. Und wie sie nun darauf auf das Dach der Kirche stiegen, um dieses einzureißen, und die schönen Glocken, die allda hingen, wegzunehmen, da kam eine gewaltige Furcht über sie, so daß sie weder einen Balken anrühren, noch eine Glocke von der Stelle bringen konnten. Daher blieb die Kirche zu Herzfeld in gutem Stande, obgleich ringsumher alle Kirchen und Kapellen von den heidnischen Ungarn zerstört waren. – Nachgehends wohnte zu Herzfeld ein vornehmer Graf, Namens Ludolf, der aber schlechten Gottesdienst hielt. Als diesem ein Kindlein gestorben war, ließ er es in das Grab der H. Ida begraben. Aber am folgenden Tage fand

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man das Kind draußen vor der Thüre desselben. Sie begruben es wiederum in gemeltes Grab, es ward aber am anderen Tage, wie auch am Dritten, wiederum vor der Thüre gefunden. Da erkannte der Graf und die Seinigen die Heiligkeit der Ida, und fingen an, dieselbe zu verehren und gottesfürchtiger zu werden.

(Wittins. v. Steinen.)


IV.

Die Wundertropfen zu Lünen.

Ein gewisser Ritter, mit Namen Lübert von Schwansbell, von dem Orden des heiligen Gregorius in Lifland, wurde im Kriege wider die Russen gefangen und sehr übel gehalten. Weil er in seinem Gefängnisse von keinem Menschen Trost hatte, wendete er sich zu Maria, der Mutter der Barmherzigkeit. Als ihm nun zu einer Zeit ein Stück Fleisch, darin eine Rippe war gebracht wurde, nahm er dieselbige, und kratzte damit auf einen Klotz, der im Gefängnisse war, das Bild der Maria mit ihrem Kinde auf dem Arme, so gut er konnte, und betete täglich vor demselben um Erlösung aus der Gefangenschaft. Einst als er auch vor diesem Bilde seine Andacht verrichtete, und der Kerkermeister unverhofft dazu kam, suchte er zwar das Bild mit seinem Mantel zu verbergen; weil aber der Kerkermeister meinte, er wolle etwas verstekken, womit er sich aus dem Gefängniß erlösen könne,

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riß er ihm den Mantel weg, wurde des Bildes gewahr, und fragte ihn nach der Bedeutung. Wie ihm Lübbert solche gab, von der Kraft der Maria Vorstellung that, und ihn zu bekehren suchte, sprach der Kerkermeister: Ich will erfahren, ob du die Wahrheit redest! – Darauf zog er einen Dolch heraus, und stieß dreymal in das Bild. Und wunderbarer Weise flossen bey jedem Stoße drey Tropfen Bluts aus dem Holze, neun im Ganzen, so daß der Mensch bestürzt davon ging. Lübbert aber nahm seinen Mantel und fing das Blut damit auf. Nachmals wurde er aus seinem Gefängnisse befreyet, und wie er nun glücklich wieder nach Westphalen kam, hat er von diesen Wundertropfen drey nach Altenlünen, drey nach Derne und drey nach Waltrop an die Pfarrkirchen geschenkt, wo sie auch viele Wunder verrichtet haben

(v. Steinen.)


V.

Die Familie Hackenberg.

Im Jahre des Herren 1402 wurden von den Hamburgern zwey berüchtigte Seeräuber, mit Namen Stortebecker und Göddert Michaelis gefangen und hingerichtet. Von den Schätzen, die man bey dem Stortebecker gefunden hat, ist die goldene Krone verfertigt, so die Thurmspitze an St. Catharinenkirche in Hamburg ziert. – Einer von den mitgefangenen Schifferknechten, Hackenberg geheißen, wurde wegen seiner

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Jugend von der Staße freygesprochen. Dieser kaufte von den Hamburgern eins von den alten eroberten Schiffen, dessen Mastbaum, wie er nnr allein wußte, mit eitel Golde angefüllt war. Als er nun seinen Schatz in Sicherheit gebracht hatte, kam er endlich nach Hagen io Westphalen, schlug daselbst seine Wohnung auf, und stiftete von diesen ihm so unverhofft zugeflossene Reichthümer viele milde Werke. Dieser ist der Stammvater der noch jetzt in Hagen und der Umgegend vorhandenen Hackenberge, und ist auf solche Art ein nochmals ansehnliches Geschlecht nach Westphalen gekommen.

(v. Steinen.)


VI.

Johann mit den Bellen.

Johann I. Herzog zu Cleve und Graf von der Mark hatte den Beynamen: Mit den Bellen. Dieser rührte davon her: Denn als sein Herr Vater Adolf, als er den Sohn aus Frankreich nach Hause gerufen, und gesehen, daß er mit prächtigen Gezeuch, sonderlich vielen mit Bellen (Schellen) behangenen Maulthieren angekommen, hat aus Verdruß, und um dem Sohne dessen Thorheit aufzurücken, ausgerufen: Da kömmt Johanneken mit den Bellen!

(v. Steinen.)

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VII.

Der Teufel in der Kirche zu Unna.

Es begab sich im Jahre 1596 zu Unna an einem Sonntage, zur Stunde des Predigens, da sowohl Katholische als Calvinisten in der Kirche waren, daß man ein gräßlich Gepolter oben in der Kirche an der Orgel hörte, worauf der Teufel aus der in Gestalt eines Calvinischen Dieners mit großem Heulen und Geschrey auf die Kanzel geflogen, darauf gestanden und sowohl von Katholischen als Calvinischen gesehen worden. Er hatte zwey große Hörner auf dem Kopfe, und ließ ein Gemurmel hören zwischen den Zähnen. Als er aber eine Zeitlang gestanden und gemurmelt, ist er verschwunden.

(v. Steinen, II. 1176.


VIII.

Der Fluch des Bischofs.

Auf einem großen Bauernhofe unweit Dortmund, den wir hier nicht näher bezeichnen dürfen, wurde vor vielen hundert Jahren ein Bischof von den Bauern erschlagen, den sie eines Verbrechens wegen in Verdacht hatten, der aber ein frommer Mann und unschuldig war. Noch sterbend betheuerte er seine Unschuld, und sprach,

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daß zum Zeichen derselben auf dem Hofe nie ein Erbe männlichen Geschlechts solle geboren werden. Sein Fluch ist bis auf den heutigen Tag eingetroffen; es werden Mädchen genug auf dem Hofe geboren, aber kein Knabe; auch der jetzige Besitzer ist von einem anderen Hofe.

(Mündlich.)


IX.

Der Mann mit dem Grenzsteine.

In der Schwerter Feldmark hat vor langen Jahren ein Mann einen falschen Grenzstein gesetzt, und einen langwierigen Prozeß darüber geführt, den er aber gewonnen, weil er falsche Zeugen bestochen hatte. Zur Strafe dafür muß er nun jede Nacht den Grenzstein auf seinen Schultern tragen, und damit in der ganzen Feldmark umhergehen. Vielem Leute haben ihn schon so gesehen. Der Grenzstein glühete und alle Augenblicke fiel er damit nieder, aber von sich werfen konnte er ihn nicht, und weil das Feuer des Steins ihn brannte, sprang er wieder auf und eilte weiter, wobey er ächzte und ausrief: Wo soll ich mit dem Grenzsteine hin?

(Mündlich.)

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X.

Die Hexenrache.

Vor vielen Jahren machte ein Nachtwächter in Schwerte zweyen Schwestern zugleich den Hof, ohne jedoch mit dem Heyrathen Ernst zu machen. Jede von ihnen forderte ihn zwar mehrmalen dazu auf, aber es half nichts; sie thaten sich deshalb zuletzt zusammen und schworen ihm Rache. Die beyden Schwestern aber waren Hexen. Als der Nachtwächter nun eines Nachts in seinem Bette lag, klopfte es auf einmal an sein Fenster, und als er dieß geschwind öffnete, faßten ihn Zwey, hoben ihn auf und führten ihn hoch durch die Luft. Erst wollten sie ihn in in die Ruhr werfen, nachher besannen sie sich aber, und setzten ihn ganz nakkend oben auf einen hohen Baum, wo ihn die Leute am andern Morgen halbtodt fanden.

(Mündlich.)


XI.

Der Währwolf.

Der Währwolf ist ein böser Zauberer, der sich in einen Wolf und in allerley grimmige Thiergestalten verwandeln, und dann, ohne daß man ihm etwas

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anhaben kann, Menschen und Vieh Schaden thun kann. Er muß sich aber dann in seiner wahren Menschengestalt zeigen, wenn ein unschuldiges Kind ein Stück Stahl über ihn hinwirft, und die eher wieder aufgreift, als der Währwolf; greife aber der Währwolf es zuerst, so ist das Kind verloren, denn jener wird wüthend und zerreißt es. Es sind schon wohl dreyhundert Jahre her, als ein solcher Währwolf in dem Dorfe Ergste lebte. Er hatte mit dem Teufel einen Bund gemacht und konnte sich in allerley Gestalten verwandeln und verübte allerley boshafte und gefährliche Streiche. Besonders liebte er es, sich in einen Wolf zu verwandeln, und in dieser Gestalt Schaafe, Kühe und anderes Vieh aus Ställen und Weiden zu rauben. Jedermann fürchtete ihn, aber Niemand konnte ihm etwas anhaben, denn die Macht des Satans beschützte ihn. Einstmals aber, als er in den Stall eines Bauern gedrungen war, um Schaafe zu stehlen, warfen die beyden Knaben des Bauern, der Eine eine Scheere, der Andere ein Messer kreuzweise über ihn, und fingen es geschwind wieder auf, ehe der Währwolf dazu kommen konnte. Jetzt mußte er seine natürliche Gestalt annehmen und sich gefangen geben. Er wurde nach Limburg an das peinliche Halsgericht gebracht, und hier, um zu sehen, ob er ein Zauberer sey oder nicht, unterm Oegersteine in die Lenne geworfen. Wenn er oben blieb, so war er ein Zauberer, wenn er aber zu Grunde gehen konnte, so war es gut. Lange schwamm er oben und es war ihm nicht möglich, unterzutauchen, und schon wollten Richter und Volk ihn als einen bösen Zauberer verurtheilen. Da wandte der Währwolf in seiner Herzensangst sich an seinen Bundesgenossen,

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den Teufel, und flehete ihn um Hülfe an. Dieser verließ ihn auch nicht, und verwandelte alsbald eine Nähnadel, die der Zauberer bey sich trug, in ein schweres Beil, also daß er zu Grunde ging. Er wurde jetzt für unschnldig erkannt, aus dem Wasser gezogen und freygegeben. – Er trieb darauf sein Wesen nach wie vor. Nachmals aber, als er in einen tiefen Schlaf gefallen war, überfielen ihn die Bauern plötzlich und legten Feuer an seinen Leib. Als er erwachte, wollte er sich zwar schnell verwandeln, allein es war zu spät, und er mußte elendiglich verbrennen. Seine Asche vergruben sie seitab vom Kirchhofe, wo er noch jede Nacht spucken geht, und jammert und winselt wie Jemand, der verbrannt wird.

(Mündlich.)


XII.

Der Brigadier von Corvey.

Vor etlichen hundert Jahren lebte in der Stadt Warendorf ein Oberst, Brigadier von Corvey geheißen; der war sehr reich, aber auch sehr grausam und geizig. Als er aber zum Sterben kam, verordnete er, daß er mit vielem Pompe begraben werde, und daß man viele Messen für ihn lesen lasse, damit seine Seele Erlösung bekomme. Dieses geschah auch, denn alle Straßen von seinem Hause bis zu der alten Kirche waren mit seinem schwarzem Tuche belegt, das nachher den Armen geschenkt wurde, und in allen Kirchen

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der Stadt wurden ein ganzes Jahr lang jeden Tag Seelenmessen für ihn gelesen. Dennoch konnte er aber seiner Strafe nicht entgehen, daß er im Leben so grausam und geizig gewesen war. Jedes Jahr an seinem Sterbetage muß er von des Abends an bis zum Frühmorgen mit feurigen Wagen und Pferden durch die Stadt und über alle seine ehemaligen weitläufigen Besitzungen fahren, wobey böse Geister ihn umgeben, und man ihn jämmerlich ächzen und stöhnen hört. Sein Degen und seine Stiefel, die noch zu Warendorf verwahrt werden, fangen alsdann an, erschrecklich zu poltern, und liegen nicht eher still, als bis die Fahrt ihres alten Herrn zu Ende ist.

(Mündlich.)