Wibeke, die Putzenmakersche

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Textdaten
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Autor: Otto Beneke
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Titel: Wibeke, die Putzenmakersche
Untertitel:
aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, S. 221–223
Herausgeber:
Auflage: 2. unveränderte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Perthes-Besser & Mauke
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Erscheinungsort: Hamburg
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Originalherkunft:
Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
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[221]
75. Wibeke, die Putzenmakersche.
(1541.)

Noch heut zu Tage benennt das Volk ein Weib, das mit Lug, Trug und Schwindeleien umgeht, mit dem wunderlichen Namen „Putzenmakersche,“ woraus denn Andere, die gern Hochdeutsch reden, noch seltsamer eine „Putzmacherin“ bilden und damit auf das ganze ehrbare Näh- und Putz-Geschäft ein verkleinerndes Streiflicht werfen. Jenes Wort aber rührt [222] her von Possen machen, womit nicht nur harmlose „Narrens-Possen,“ sondern alle Arten bertüglicher auf Gewinn abzielenden Schwindeleien verstanden waren. Der Ausdruck ist alt, wenn gleich die Sache noch viel älter ist.

Solch’ eine Putzenmakersche war auch ein Landweib, Wibeke, gebürtig aus Moorwärder, von geringer Herkunft, aber mit gewaltigem Mundwerk begabt. Die lies in der Stadt umher, log ehrlichen Leuten schlechte Waare für gutes Geld an, trog ihnen unter allerlei Vorwänden Geschenke ab und machte Wind und Possen wie die geschickteste Gaunerin. Und wenn eine Manier nicht länger ziehen wollte, so erfand sie flugs eine andere. Ao. 1537 hatte sie das Gevatterbitten erfunden, damit betrog sie die halbe Stadt und schwindelte ein Erkleckliches zusammen. Da sie nämlich seit Jahren in den guten Häusern aus- und eingegangen war, so kannte sie alle Familien-Verhältnisse und Umstände, auch die anderen oder interessanten der Frauen, ganz genau. Wo’s denn halbweges paßte, da ging sie in ein Haus, vermeldete ein feines Compliment von Diesem oder Jenem, seine Frau Liebste wäre von einem Kindlein verlöset worden, und er lasse schön zu Gevatter bitten u. s. w. Damals mochten die Leute noch gern Gevatter stehen und Pathen Stelle vertreten, die Taufschmäuse und Kindelbiere waren auch nicht zu verachten, darum blieben sie nicht lange bei Betrachtung der Ansagerin stehen, sondern verabreichten ihr ein honettes Biergeld; und wenn sie dann am dritten Tage wohlgeputzt zur Taufe zu kommen gedachten, so war Alles eitel blauer Dunst gewesen, und zum Schaden hatten sie noch den Spott zu tragen. In dieser Weise trieb sie’s lange, und wußte nicht nur die geringen und einfältigen, sondern selbst die vornehmsten, gelehrtesten und klügsten Leute auf das Unverschämteste zu prellen.

[223] Aber mit dem Gevatterbitten wurde es doch zu arg; deswegen paßte man ihr scharf auf den Dienst, und eines schönen Morgens nahmen die Schlupfwächter sie beim Kopfe. Am 8. August bekam sie ihren Lohn: sie wurde am Kaak gestäupt, worauf ihr der Frohn ein Ohr abschnitt, da mit sie sich der Strafe erinnern möge.

Aber das war ihr nicht genug. Eine ächte Putzenmakersche kann nun einmal nicht aus ihrer Schwindelhaut heraus. Sie trieb nach einigen Jahren ihr Gauner-Gewerbe wieder dreister denn zuvor. Da war des Richtherrn Geduld aber zu Ende; Ao. 1541 wurde sie abermals gefaßt, und nun ging’s kurz und bündig: erst am Kaak gestäupt, dann das andere Ohr abgeschnitten, und zuletzt zur Stadt hinaus!

Anmerkungen

[383] Unzweifelhaft historisch, Plattdeutsch erzählt im Heft 1, S. 137 der von Lappenberg herausg. Chroniken. Die Bezeichnung „Putzenmakersche“ erklärt Richey, Idioticon Hamb. S. 197.