Wie der Magen im gesunden und kranken Zustande zu behandeln ist

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Wie der Magen im gesunden und kranken Zustande zu behandeln ist
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 410-411
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Gesundheits-Regeln.
Wie der Magen im gesunden und kranken Zustande zu behandeln ist.

Der Magen, – ein dudelsackförmiger häutiger Beutel, welcher alles Feste und Flüssige, das wir verschlucken, in sich aufnimmt und seine Lage in der Oberbauchgegend, in der sogenannten Herzgrube und unter den untern Rippen der linken Seite hat, – spielt insofern eine große Rolle im menschlichen Organismus, als er das Hauptorgan für die Verdauung der Nahrungsmittel (und zwar vorzugsweise für die wichtigsten, für die eiweißstoffigen; s. Gartenlaube Jahrg. I. Nr. 39. S. 423) und sonach auch für die Blut- und Stoffbildung ist. Störungen der Magenverdauung, in Folge von Krankheiten dieses Organes, ziehen deshalb bald Blutarmuth und schlechtere Ernährung des ganzen Körpers mit Bleichwerden, Abmagerung, Kraftlosigkeit und Mattigkeit nach sich und können selbst zum Tode durch Auszehrung führen. – Die krankhaften Affectionen des Magens sind: Katarrhe, Geschwüre (a), welche Narben (c) hinterlassen, leichtblutende Abschorfungen (b), Verhärtung mit Verengerung und Krebs; die meisten dieser Krankheiten sind bei richtiger diätetischer Behandlung des Magens heilbar, und die wenigen unheilbaren lassen sich durch richtige Diät weniger gefährlich und beschwerlich machen. – Es deuten sich die Magenaffectionen an: durch Appetitlosigkeit, Ekel, Aufstoßen, Uebelkeit, Sodbrennen, Würgen, Brechen (von genossenen Speisen, sauerem Magensaft, Schleim, Galle oder Blut), bald oder einige Stunden nach dem Essen, und durch unangenehme oder schmerzende (krampfartige, reißende) Empfindungen in der Magengegend (s. Magenkrampf in Gartenlaube Jahrg. I. Nr. 42. S. 456).

Um den Magen gesund zu erhalten bedarf derselbe einer passenden Behandlung von außen und von innen. Die richtige äußere Behandlung besteht darin, daß man zuvörderst dem Magen bei und nach dem Essen den gehörigen Raum zu seiner Ausdehnung und Bewegung gestattet. Deshalb sollten alle, die Oberbauchgegend verengende und zusammenschnürende Kleidungsstücke, wie Schnürleib, Unterrocksbänder, Hosenbund, Weste, rock u. s. w., soviel als nur möglich locker gemacht werden. Auch ist gleich nach dem Essen das Sitzen mit vorgebeugtem Oberkörper zu vermeiden. Sodann kann nicht genug vor stärkerer Erkältung der Magengegend gewarnt werden, weil diese bei vielen Personen Magenkatarrh nach sich zieht, während Wärme dieser Gegend die Magenverdauung zu unterstützen scheint. Daß stärkere Stöße und Erschütterungen den Magen schädlich werden können, versteht sich wohl von selbst. – Was die innere Behandlung des Magens betrifft, so bezieht sich diese auf die Aufnahme von Stoffen in denselben, welche Schaden verursachen können, im Allgemeinen also auf zu viele, zu heiße oder zu kalte und zu schwer verdauliche, sowie auf sehr reizende und giftige Stoffe (s. einen spätern Aufsatz). Ueberladungen [411] des Magens, besonders mit festen und schlecht gekauten, sehr fetten, reizenden und spirituösen Stoffen geben die häufigste Ursache der Magenverderbniß ab. Sehr oft thut dies aber auch der genuß vielen kalten Wassers, sowie ganz besonders der häufige Gebrauch von Abführmitteln, deren Anwendung doch ganz entbehrlich ist (s. Gartenlaube Jahrg. III. Nr. 1 und 21). Bei Cigarrenrauchern und Tabakskauern trägt gar nicht selten das Verschlucken von Tabaksauce Schuld an der Magenverderbniß.

Der kranke Magen, es mag seine Krankheit sein welche sie will, verlangt zu seiner Heilung eine strenge und consequent durchgeführte Diät, namentlich also warme, flüssige oder breiige, leicht verdauliche und milde Nahrungsstoffe, welche lieber öfterer, aber in kleinern Portionen zu genießen sind. – Bei Magenverderbniß durch Ueberladung (Indigestion) taugt das gewöhnliche Reizen des Magens durch bittere Spirituosa (Liqueure, Bier u. dgl.) oder durch sehr salzige Stoffe durchaus nicht, und wenn sie auch einigemal nichts schaden, sogar zu helfen scheinen (denn es ist dies nur Schein, weil sich der Magen nach und nach ganz von selbst wieder herstellt), so bringen sie, öfter angewendet, doch endlich Nachtheil und bleibende oder doch schwer zu hebende Magenverderbniß (eine Art Stockschnupfen mit Verdickung und Verhärtung der Magenwand). Deshalb ist es weit vortheilhafter, einen durch Ueberladung verdorbenen Magen lieber einige Zeit, einen oder einige Tage ruhen (hungern) zu lassen, oder nur ganz milde, reizlose, lauwarme und schleimige Nahrungsmittel zuzuführen. – Hat Jemand schon längere Zeit an diesen oder jenen, oben angeführten Magenbeschwerden gelitten, dann ist die angegebene Magendiät so bald als möglich und auch längere Zeit hindurch einzuhalten; denn Arzneinen machen den Zustand wahrlich nicht besser. Es muß deshalb der Patient alles Kalte und Reizende (Pfeffer, Senf, Meerrettig, starke Gewürze und Säuren), sowie Spirituosa und scharfe Arzneien vermeiden; er muß anstatt fester und unverdaulicher, besonders pflanzlicher Stoffe (wie Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst, Schwarzbrot, hartes Fleisch und hartes Ei, Eingepöckeltes und Geräuchertes, Fische, Käse, sehr fettreiche Substanzen u. s. f.) nur flüssige, weiche und leichtverdauliche, besonders thierische Nahrung (vorzugsweise also gute Fleischbrühe und weiches Ei, lockeres Weißbrot und zartes, saftiges, weiches Fleisch) zu sich nehmen, und dies, wie schon gesagt, in kleiner Quantität, aber öfterer. Milch wird deshalb nicht so gut vertragen als man wohl glaubt, weil sie im Magen gerinnt und dadurch Quarkstückchen bildet, welche weniger gut und nicht so schnell als flüssige Eiweißstoffe verdaut werden. Alles Feste (zumal Fleisch und Brot), was von einem Magenkranken genossen wird, muß sehr klein geschnitten und tüchtig gekaut werden, damit es breiig weich in den Magen gelangt. Uebrigens ist auch die Magengegend durch eine Leibbinde warm zu halten (Ueber die Verdaulichkeit der Nahrungsmittel soll ein späterer Aufsatz handeln).

Die Gartenlaube (1855) b 411.jpg

Ein kranker Magen.
a. Ein frisches Magengeschwür. b. Wunde und leicht blutende Stellen. c. Geschwürsnarben. d. Eingang in den Magen (Magenwand). e. Ausgang (Pförtner). f. Milz.

NB. Die homöopatische Behandlung von Magenbeschwerden, wie sie in den neuesten (1855 erschienenen Schriften empfohlen wird, wirft ein helles Licht auf die ganze homöopathische Wirthschaft. Denn welcher verständige Mensch glaubt wohl, daß es in jedem einzelnen der folgenden Fälle mehrere verschiedene Heilmittel geben kann? So: bei Verderbniß des Magens nach Ueberladung und Ueberfütterung, nach Rausch, durch fette Speisen, Zucker und Süßigkeiten, Salziges, Saueres, Blähendes, Obst, Gegohrnes und Fauliges, Kaltes und Eis, Wasser, Milch, Bier, Branntwein, Wein, Kaffee, Thee, Tabak; – mit bitterm, saurem, fauligem, versagendem, gewaltsamem Aufstoßen, mit Sodbrennen, Schlucksen, Erbrechen (von Speisen, Galle, Schleim, Wasser, sauren Stoffen, Blut, schwärzlichen Stoffen; früh, Nachts, durch Trinken u. s. f.). – Nur weil die homöopathischen Mittel gleich Nichts sind und der erkrankte Magen sich gewöhnlich von selbst herstellt, darum wird ein Magenkranker auch bei homöopathischer Behandlung gesund. Noch niemals ist durch Homöopathie ebensowenig aber auch durch eine andere Heilmethode, eine Magenverhärtung und ein Magenkrebs geheilt worden, obschon die Homöopathen heilsame Mittel dagegen besitzen wollen. Ein Heilkünstler, welcher sich mit einer solchen Heilung brüstet, ist entweder ein Lügner und Betrüger oder ein Dummkopf.
(Bock.)