Wie die Culturvölker essen

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Autor: Gerhard Rohlfs
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Titel: Wie die Culturvölker essen.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 623–624
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Über die Esssitten verschiedener Völker, insbesondere über die Funktionen der Hände beim Essen
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[623] Wie die Culturvölker essen. Soll man mit der rechten oder mit der linken Hand essen? Während in den dreißiger und im Anfange der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts Jedermann mit der Rechten aß, ist es heute bei den meisten Culturvölkern Sitte geworden, die Speisen mit der linken Hand zum Munde zu führen. Alle Reisenden unter Naturvölkern werden nun aber die Beobachtung gemacht haben, daß uncivilisirte Völker einen Unterschied von rechts und links im Gebrauch der Hände nicht kennen; ja einige unter ihnen bedienen sich häufig der Füße zu Verrichtungen, bei denen gesittete Völker nur die Hände gebrauchen. Der Beduine pflegt irgend einen Gegenstand, welcher zur Erde gefallen ist – und namentlich thut das der Targi – nicht mittelst der Hand aufzunehmen, sondern er ergreift ihn mit der großen und zweiten Zehe und hebt ihn auf.

Hieraus erhellt, daß der bevorzugte Gebrauch der Rechten, die bessere Entwickelung derselben, nicht angeboren, sondern ererbt ist. Ja, bie Behauptung geht wohl nicht zu weit, daß die frühesten Menschen sich ohne Unterschied der Füße wie der Hände bedient haben; unsere eigenen neugeborenen Kinder können mit der großen Zehe noch recht kräftig greifen und mittelst derselben Dinge ebenso fest wie mit der Hand fassen.

Seit Tausenden von Jahren ist indeß die ganze Menschheit rechthändig; das heißt: die rechte Hand ist geschickter, handlicher und feinfühliger, als die Linke. Unwillkürlich bedient sich heute Jeder vorzugsweise seiner Rechten.

Ursprünglich aber haben die Menschen, wie noch jetzt die Affen, mit den Extremitäten ohne Unterschied gegessen; gewiß hat es dann Zeiträume von Zehnjahrtausenden gegeben, wo die Menschheit sich der Füße nicht mehr zum Essen bediente, sondern ohne Unterschied der Rechten und Linken, und die Jahrtausende, seitdem der Mensch sich nur der Rechten zum Essen bedient, liegen so tief im grauen Nebel der Vergangenheit, daß sie weit zurückreichen hinter unsere geschichtliche Kenntniß. Bestätigt wird dies nicht so sehr durch geschichtlich verbürgte schriftliche Documente, wie durch bildliche Darstellungen.

Es giebt kein einziges altägyptisches Bild, aus dem zu ersehen wäre, daß in alten Zeiten mit der Linken die Nahrung zum Munde geführt worden wäre, und wenn es im alten oder neuen Testament auch nirgends ausdrücklich angeführt worden ist, man bediene sich beim Essen der Rechten, so geht aus Allem hervor, daß bei den alten Völkern die rechte Hand dazu benutzt wurde. Es ist wohl unzweifelhaft, daß die Juden sich beim Essen der Rechten bedienten. Ein sehr gelehrter Rabbiner aus Nürnberg, Dr. Elwin, schreibt mir darüber: „Die Juden [624] hatten bei den Mahlzeiten die Sitte, sich nach der linken Seite hin anzulehnen, sodaß die rechte Hand für die Speisen frei war, und es mag bei den Mahlzeiten, welche als eine geweihte Handlung betrachtet wurden, als würdiger angesehen worden zu sein, mit der rechten Hand zu essen. Bei den Waschungen hatte die rechte Hand das Gefäß zu ergreifen und reichte es der Linken, sodaß diese die Rechte zuerst begieße. Es soll nämlich die Rechte, welche die Liebe bezeichnet, sich erkräftigen über die Linke, welche die Gerechtigkeit symbolisirt.“

Bei denjenigen Culturvölkern der alten Welt, welche unseren Sitten und Anschauungen am nächsten gestanden haben, bei den Griechen und Römern, finden wir zwar auch nirgends ausdrücklich hervorgehoben, daß man sich beim Essen der Rechten bediene, indeß ist aus allen uns erhaltenen Bildern und vorzugsweise plastischen Darstellungen ersichtlich, daß dies der Fall war. Seite 527 im „Leben der Griechen und Römer“ sagt Koner: „Jeder der lecti (Speise-Sophas) bot Raum für drei Personen, welche, den linken Arm auf Kissen stützend, ruhten, während sie mit der freien rechten Hand die Speisen zum Munde führen konnten.“ Etwas früher, Seite 525, sagt Koner, daß die Römer diese Sitte von den Griechen angenommen hätten.

Wenn wir gesehen haben, daß es bei den Israeliten Sitte war, sich beim Essen der rechten Hand zu bedienen, so finden wir, daß Mohammed es allen Angehörigen seiner Religion einschärfte, sich bei dieser Handlung nur der Rechten zu bedienen. Sowohl bei den Türken wie bei den verschiedenen Völkern Nord-Afrikas und den Persern, auch bei mohammedanischen Bewohnern Hindustans gilt es nicht nur für höchst unschicklich, mit der Linken zu essen, sondern geradezu für Sünde. Ja, es wird schon als ein Verstoß gegen die gute Sitte, als ein Zeichen mangelhafter Erziehung betrachtet, einen Brocken trockenen Brodes mit der Linken zum Munde zu führen.

Bei anderen Culturvölkern, bei den Chinesen und Japanesen, finden wir ähnliche Anschauungen. Nach Braun Brown, Gesandtschaftsattaché der kaiserlichen chinesischen Gesandtschaft in Berlin, existiren im „Reiche der Mitte“ zwar keine religiöse oder anderweitige Vorschriften im Gebrauch der rechten Hand und der Führung der Stäbchen[1] beim Essen, indeß ist es gebräuchlich sich der Rechten zu bedienen. Aehnlich bestehen in Japan zwar keinerlei Vorschriften über diesen Punkt, allein es ist der gewohnheitsmäßige Gebrauch maßgebend: mit der rechten Hand zu essen.

Ganz hat man auch bei uns in Europa die Rechte noch nicht zurückdrängen können; denn Niemandem wird es einfallen, mit der Linken Suppe zu essen, und kein gut erzogener Mensch wird mit der linken Hand (das Messer in der rechten haltend) Fisch essen, weil es nun einmal die Sitte so will, daß, mit Ausnahme von Häringen und geräucherten Fischen, die gekochten und gebackenen Fische nur mit der Gabel (in der rechten Hand) berührt, genommen und zum Munde geführt werden. Aber Gemüse und Zuthat, Braten, Salat und Früchte, wenn zusammen herumgereicht, ißt man jetzt in England, Deutschland, Frankreich, Rußland etc., mit der Linken, indem man in der Rechten das Messer hält.

Diese Art zu essen ist noch nicht alt und wahrscheinlich aus Amerika, das heißt den Vereinigten Staaten importirt worden; sie verbreitete sich zuerst unter den weniger der feinen Cultur huldigenden Völkern, und herrscht jetzt souverain in allen civilisirten Ländern der Welt.

Es sind übrigens kaum zehn Jahre her, daß man beim reisenden Publicum an den Speisetischen den Engländer sofort vom Nordamerikaner unterscheiden konnte: Ersterer aß nur mit der rechten Hand, während der Yankee mit beiden Händen die Gerichte bearbeitete und sich besonders dadurch auszeichnete, daß er alle Bissen mit dem Messer in den Mund schob.

Vor etwa fünf Jahren fragten nach Deutschland kommende Franzosen verwundert, wie es käme, daß Jedermann in Deutschland mit der Linken äße. Jetzt ißt man in Frankreichs besten Kreisen mit der Linken, wenigstens das Fleisch, indem man wie bei uns und in Amerika mit der Rechten das Messer hält. Aber nie ißt ein Franzose mit dem Messer; selbst ein Mann aus den weniger feinen Kreisen fühlt, ich möchte sagen, instinctartig, wie widerlich das Essen mit dem Messer ist.

Wer beobachtet hat, wie schnell die Amerikaner essen, mit welcher Gier und Hast sie ihre Mahlzeiten bewältigen, findet die Behauptung, daß die Sitte des Essens mit der Linken wahrscheinlich aus den Vereinigten Staaten zu uns gekommen, natürlich und erklärlich. So wie der Californier mit dem Messer in der Rechten sein Stück Fleisch abgeschnitten hat, führt er es auch schon mit der Linken zum Munde; das geht Schlag auf Schlag, oder vielmehr Schnitt auf Schnitt. Und so kann man ihn nicht nur in Californien, sondern auch im äußersten Osten der Union essen sehen.

Da versammelt man sich in einer Restauration, und ohne einen gedeckten Tisch wird mit Eilzuggeschwindigkeit das Essen verschlungen. Da man in Amerika, wo man mehr als anderswo das: „Zeit ist Geld“ zu schätzen weiß, diese Art zu essen sehr praktisch fand, wurde sie allgemein üblich, und daß sie zuerst nach Deutschland importirt wurde, erklärt sich nicht nur aus den intimen Beziehungen Deutschlands zur Union, sondern zum Theil auch daraus, daß man in Deutschland weniger als in den anderen beiden großen Culturländern Europas, in England und Frankreich, auf äußeren Schliff Werth legt.

Wohin hat aber innerhalb des letzten Menschenalters diese aus der Union importirte Sitte geführt? Wir finden jetzt, daß man es in allen Kreisen als vornehm betrachtet, mit beiden Händen das Essen zu bearbeiten, das heißt: links die Gabel, rechts das Messer zu halten. Da aber ohne weiteres sich die Rechte ihr Recht nicht nehmen läßt, namentlich nicht bei dem Arbeiter und dem vom Arbeiter abstammenden Menschen, so hat sich überall die Unsitte eingebürgert, mit dem Messer zu essen. Ob das schöner und graziöser aussieht, als wenn wir, wie in früherer Zeit, erst das Fleisch zerschneiden, dann das Messer bei Seite legen und endlich mit der rechten Hand essen, darüber besteht wohl kein Zweifel.

Gerhard Rohlfs.

Anmerkungen

  1. Diese Stäbchen, Kwei-tzĕ genannt, welche aus Bambus, Elfenbein mit Silberschlag etc. hergestellt werden, dienen statt der Gabel; man spießt damit einen Bissen auf und führt ihn dann zum Munde. Die Kwei-tzĕ können als die Mutter der modernen vierzinkigen Gabeln betrachtet werden; man bediente sich in Europa, als der Gebrauch der Gabel noch in der Kindheit lag, zuerst zweizinkiger, noch im Anfange dieses Jahrhunderts ausschließlich dreizinkiger Gabeln, während erst in unserem Zeitalter die vierzinkigen immer mehr gäng und gebe werden.