Zum Märchen von der Tiersprache

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Textdaten
Autor: Antti Aarne
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Titel: Zum Märchen von der Tiersprache
Untertitel:
aus: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 19. Jahrgang, S. 298–303
Herausgeber: Johannes Bolte
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Erscheinungsdatum: 1909
Verlag: Behrend & Co.
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Michigan-USA*, Commons
Kurzbeschreibung:
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[298]
Zum Märchen von der Tiersprache.

Unter den Märchen, die Th. Benfey als Material für eine eingehendere Untersuchung auswählte, befindet sich auch das Märchen von der Tiersprache. Ein Mann lernt die Sprache aller Tiere verstehen, ist aber dem Tode verfallen, wenn er jemandem etwas von seiner Kunst verrät. Die Frau des Mannes erkennt einmal an dessen geheimnisvollem Lächeln, dass etwas in ihm vorgeht, worüber er nicht mit ihr sprechen will, und verlangt selbst auf die Gefahr, dass ihr Mann sein Leben lassen muss, in das Geheimnis eingeweiht zu werden. Der Mann will dem unablässigen Drängen seiner Frau schon nachgeben, als er aus der Unterhaltung zweier Tiere neuen Mut schöpft und sich entschieden weigert, die Neugier der Frau zu befriedigen. In der diesem Märchen gewidmeten Untersuchung (Orient und Occident 2, 133. 1864 = Kleinere Schriften 3, 234) gibt Benfey mehrere ältere literarische Fassungen wieder, von neueren Aufzeichnungen aus dem Volksmund kennt er aber nur zwei: eine serbische und eine afrikanische. Das Sammeln von Volkspoesie steckte damals noch so sehr in den Anfängen, [299] dass sich der Forscher mit wenigen vereinzelten rein volkstümlichen Proben begnügen musste. Die Zahl der Varianten ist seitdem natürlich stark gewachsen. Es ist jedoch nicht meine Absicht, das Märchen hier genauer zu untersuchen, dazu fehlt mir allein schon die erforderliche Literatur[1]. Ich möchte vielmehr diesmal den Märchenforscher mit einigen Fassungen bekannt machen, die wegen der Fremdheit der Sprache schwerer zugänglich sind. Der grösste Teil von ihnen existiert nur handschriftlich.

Wir wenden uns zuerst den finnischen Varianten des Märchens zu. In Finnland scheint es nicht sehr häufig zu sein. Obwohl ich sämtliche Handschriftensammlungen der Finnischen Literaturgesellschaft durchgesehen habe, in denen von ein und demselben Märchen oftmals 50–60 Fassungen, mitunter sogar noch mehr, vorliegen, habe ich von diesem Märchen nur 11 Varianten angetroffen. Wir beginnen mit einer ostfinnischen, im Kirchspiele Jaakkima (Län Wiborg) aufgezeichneten Variante[2], die auch gedruckt unter dem Titel ‘Die sprechenden Tannen’ in der Sammlung ‘Suomen kansan satuja’ (Finnische Volksmärchen) Bd. 2, Nr. 5 erschienen ist. Der Held des Märchens ist hier ein Jäger, der mit seinen beiden Hunden in den Wald auf die Jagd geht. Als er unter einer grossen Tanne ein Feuer angemacht hat, bemerkt er in dem Baume eine Schlange. Sie verspricht dem Mann alle Sprachen der Welt mitzuteilen, wenn er sie aus dem Feuer rette. Nach ihrem Rate fällt er einen anderen Baum und stellt denselben an die Tanne, und daran kriecht die Schlange herunter. Der Mann lernt die Sprachen, darf aber niemandem etwas von seinem Können sagen. Während er ruht, hört er seine Hunde und die Bäume sprechen. Der eine Hund sagt zu dem anderen: „Bleib du hier und halte beim Herrn Wache, ich gehe nach Hause, dahin kommen Räuber.“ Eine dem Sterben nahe Tanne sagt zu einer zweiten, sie falle auf etwas Gutes, und der Mann findet unter der Wurzel der Tanne einen schwarzen Fuchs und eine Geldkiste, wodurch er reich wird. Zu Hause lacht er einmal, als er ein Spatzenweibchen zu seinen Jungen sagen hört: „Fresst nicht von der Erde, fresst von der Spitze! Was auf der Erde liegt, gehört uns“, und veranlasst dadurch seine neugierige Frau, die gerade Pirogen backt, sich nach dem Grund des Lachens zu erkundigen. Des unausgesetzten Drängens seiner Frau überdrüssig, beschliesst der Mann zuletzt das Geheimnis zu verraten und bereitet sich zum Sterben vor. Aber da hört er den Hahn sagen: „Ich habe 50 Weiber und kann sie alle regieren, mein Herr hat nur eins und kann nicht einmal mit dem fertig werden.“ Der Mann wird dadurch ermutigt, prügelt seine Frau gehörig, und danach leben sie einträchtig miteinander.

Sehr ähnlich sind eine südfinnische, eine westfinnische und eine mittelfinnische Version. Die erste von diesen stammt aus dem Kirchspiel Ingå[3] in Län Nyland, die zweite aus dem Kirchspiel Kauvatsa[4] in Län Åbo und Björneborg. Die [300] ingåsche weicht darin von der jaakkimaschen ab, dass sie die Räuber, den Fuchs und das Gespräch der Spatzen nicht erwähnt. Der Fuchs fehlt auch in der anderen Variante, in der noch hervorgehoben werden mögen der zweihenkelige Geldkessel (statt der Geldkiste), das auf einer Roggenhocke sitzende Spatzenweibchen, das, um seine Jungen das Fliegen zu lehren, diese auffordert, von der Hocke und nicht von der Erde zu fressen, da die Körner auf der Erde ihnen gehörten, und schliesslich der Zweifel der Frau, dass ihr Mann sie wegen ihrer Hässlichkeit auslache.

Die mittelfinnische Variante ist im Kirchspiele Saarijärvi[5] in Län Wasa aufgezeichnet und weicht von der jaakkimaschen in folgenden Punkten ab: Die Episode mit den Räubern fehlt und der sterbende Baum, unter dessen Wurzeln der Geldschatz versteckt ist, fällt auf einen Bären. Der Mann erbeutet sowohl den Bären als auch den Geldschatz. Der Spatz fordert seine Jungen auf, von der Spitze zu fressen und dann erst von der Erde, wenn das Korn geschnitten wird. Der Mann, der seiner Frau befohlen hat, Pasteten zu backen, hört dem Gespräch der Spatzen zu und fängt an zu lachen.

In den Hauptzügen deckt sich mit den vorstehenden Varianten eine Aufzeichnung aus dem Kirchspiel Ruskeala[6] in Län Wiborg, wiewohl darin die verschiedenen Abschnitte der Erzählung teilweise anders abgefasst sind: Es sind anfangs drei Jäger. Während sie schlafen, erscheint eine grosse Schlange, wickelt sich um sie und fordert den besten Schützen auf, auf ihren Rücken zu steigen, widrigenfalls sie ihn auffressen würde. Sie trägt den Mann auf ihrem Rücken zu einer Weide und befiehlt ihm, eine andere noch grössere Schlange zu schiessen. Zum Lohn lehrt sie ihm in ihrem Neste die Sprachen aller Tiere, indem sie an einem Erlenspan entlangspricht, dessen eines Ende sie zwischen den Zähnen und dessen anderes der Mann hält. Auch in dieser Fassung fällt ein Baum (eine Fichte) auf einen Fuchs, dem der Mann das Fell abzieht. Das Gespräch der Spatzen ist fast dasselbe wie in den vorhergehenden Varianten. Der Hahn hat 12 Hennen hinter sich, und statt der Frau des Mannes erscheint die Frau von dessen ältestem Bruder. Das Märchen endet folgendermassen: Die Frau glaubt, der Mann lache über sie, und läuft daher mit einem Beil in der Hand hinter ihm her zu den anderen Brüdern, die auf dem Felde Heu aufstecken. Der Mann rettet sich auf einen Schober; als die Brüder aber den Bericht der Frau vernehmen, wollen sie ihn totschlagen. Da erzählt ein Rabe, dass die Brüder ihren Bruder umbringen wollen, und der Mann springt von dem Schober herab und entflieht.

In den beiden folgenden Varianten, von denen die eine aus dem Kirchspiele Korpilahti[7] in Län Wasa und die andere aus dem Kirchspiele Karvia[8] in Län Åbo und Björneborg stammt, kommen wieder das Gespräch der Hunde und die Räuber vor. Als der Mann die Tiersprachen gelernt hat und sich darauf im Walde zur Ruhe niederlässt, hört er, wie der eine Hund zu seinem Gefährten sagt, das Haus des Herrn brauche einen Hüter, denn es sei von Räubern bedroht. Der eine Hund läuft denn auch schleunigst nach Hause, während der andere bei dem Herrn bleibt. Wir erwähnen noch, dass der sterbende Baum in beiden Varianten auf einen Fuchs fällt und das Spatzenweibchen ihren Jungen verbietet, [301] von der Erde zu fressen. Ihr Schluss stimmt mit dem der früher wiedergegebenen jaakkimaschen Variante überein, nur ist die Zahl der Hennen in der letzteren 40.

Eine Fassung aus dem Kirchspiele Ruskeala[9] in Län Wiborg und eine andere aus dem Kirchspiele Mouhijärvi[10] in Län Åbo und Björneborg weichen darin von den übrigen finnischen Varianten ab, dass sie nichts von dem Fallen des Baumes und der Geldkiste noch von den Vorbereitungen des Mannes auf den Tod erzählen. In der ersteren erfahren wir, wie der Mann nach der Erlernung der Sprachen von einer aus dem Feuer geretteten Maus (statt Schlange) aus dem Gespräch seiner Hunde vernimmt, dass seinem Hause eine Gefahr droht. Ebenso hört er aus dem Bericht des Hundes, der nach Hause gegangen war, an den anderen Hund, wie jener den Anschlag der Räuber durch sein Gebell vereitelt und wie ihn die Herrin aus Ärger über sein Bellen mit dem Fusse getreten hatte. Als der Mann dann nach seiner Heimkehr seine Frau fragt, warum sie den Hund getreten habe, wird diese böse, da sie meint, ihr Mann habe sie in der Nacht heimlicherweise beobachtet. Das Märchen endigt mit der Erzählung von einem Hahn, der seine neun Hennen züchtigt und sich wundert, dass sein Herr seine eine Frau nicht in Zucht halten kann. In der anderen Variante ist das aus dem Feuer gerettete Tier wieder eine Schlange; aber diese lehrt den Mann die Sprachen nicht selbst, sondern dies tut ein Fuchs, zu dem sie den Mann bescheidet. Als der Mann durch seine Hunde von den Dieben hört, eilt er selbst nach Hause, verjagt die Diebe und sagt zu seiner Frau, er könne die Sprachen der Tiere, die er jedoch anderen nicht zu erklären wage, da er sonst seine eigene Fähigkeit verliere. Die Frau versucht sie ihm zu entlocken, aber da ruft der Hahn dem Manne aus dem Fenster zu: „Schlechter Mann, ich kann 40 Hennen regieren, du nicht eine Frau.“ Der Mann verrät denn auch seine Kunst nicht.

Die beiden übrigen Varianten sind nahe mit der ersten ruskealaschen Fassung des Märchens verwandt, obwohl sie im Vergleich mit den anderen finnischen Varianten freier erscheinen. Die erste von ihnen ist im Kirchspiele Maaninka[11] in Län Kuopio aufgezeichnet. Der Held dieses Märchens ist der jüngere Sohn eines reichen Gehöfts. Als er einmal auf der Jagd ist, erwacht er mit einer neunköpfigen Schlange auf der Brust, die ihn bittet, eine zwölfköpfige Schlange zu schiessen. Der Junge tut es und erhält zum Lohn die Sprachen der Tiere, Bäume usw. Alsdann folgt eine Erzählung von zwei Bäumen: unter den Wurzeln des einen liegt eine Geldkiste, der andere fällt auf ein gehörntes Tier. Zu Hause angekommen, leiht sich der Junge von seinem älteren Bruder ein Scheffelmass, um die Goldstücke zu messen, und lässt einige Geldstücke auf dem Boden des Masses zurück. Er hört einmal den Hahn die Hennen ausschelten und lacht darüber. Die Frau des Bruders glaubt, der Junge lache über sie, und klagt es ihrem Manne. Der Junge soll am folgenden Tage auf einem Heuschober verbrannt werden, aber er springt auf den Rat eines Raben von dem Schober herunter und entflieht in die weite Welt.

In der anderen Variante, die ausserhalb der Grenzen Finnlands, in Ingermannland[12], zu Hause ist, sind es drei Brüder und zwei Schlangen, die geschossen werden sollen, beide mit nur einem Auge. Der Gang der Erzählung ist sonst derselbe wie in der vorhergehenden Variante, nur fehlt die Episode vom [302] Messen der Goldstücke, und die Brüder dingen den Helden des Märchens als Tagelöhner, als sie sehen, dass er viel Geld hat. In der Absicht, ihn zu töten, befehlen sie ihm, einen Heuschober zu machen; aber ein Vogel singt seinen Jungen zu: „Kommt, warmes Blut zu trinken, wenn der Bruder den Bruder erschlägt!“ und auch der Junge gibt zugleich an, dass er der Bruder seiner Herren sei. Er bleibt am Leben, und die Brüder verheiraten ihn.

In den finnischen Fassungen sind namentlich das Gespräch über die Körner und die Art und Weise, wie der Held des Märchens von dem unter dem Baume verborgenen Geldschatz erfährt, bemerkenswert. Von den Varianten, die Benfey anführt, hat die der Gesta Romanorum[13] als redende Tiere Spatzen, das Gespräch selbst aber ist ganz anders beschaffen. Von der Auffindung des Schatzes erzählt auch das serbische Märchen[14], indes erfolgt die Eröffnung nicht durch das Gespräch der Bäume, wie in den finnischen Varianten, sondern durch die in dem Baume sitzenden Raben: eine in den Märchen öfters vorkommende Episode. In Benfeys Material findet sich auch nichts vom Erscheinen der Diebe im Hause des Märchenhelden, während dieser im Walde ist, und von dem dadurch veranlassten Gespräch der Hunde. In welchem Umfang diese Züge in den später gesammelten Volksmärchen bekannt sind, vermag ich nicht zu sagen. Das Erscheinen der Diebe begegnet man wenigstens in einer kleinrussischen im Gouvernement Jekaterinoslav aufgezeichneten Variante, die ich nunmehr wiedergebe[15].

Die Sprache der Vögel und aller Tiere lehrt ein Greis einen armen Mann, der ihm ein Jahr lang dient, indem er einen Ofen heizt. Nachdem er seine Stelle aufgegeben, gedenkt der Mann in einer Schenke die Nacht über zu bleiben, setzt aber seine Wanderung doch fort, als er einen Raben sagen hört, die Schenke werde in der Nacht abbrennen. Er begegnet auf dem Wege einem anderen Mann, der ihn als Knecht dingt. Auf den Rat des Knechtes verbringen sie die Nacht in der Steppe und nicht in der Schenke, wie der Herr vorschlägt. Kaum sind sie eingeschlafen, da meldet ein kleiner Hund, der während des ganzen Marsches hinter dem Herrn herläuft, dass die Schenke brennt. Etwas später hört der Knecht Spatzen sagen, wie in dem Hause des Herrn Diebe Gold und Silber stehlen. Er teilt es dem Herrn mit, und sie eilen nach Hause. Die gestohlenen Sachen werden nach dem Bescheid, den der Mann aus dem Gespräch der Hunde erhält, gefunden. Nach all dem gewinnt der Herr seinen Diener so lieb, dass er ihm seine Tochter zur Frau gibt. Auf Veranstalten der anderen Kaufleute fragt die Frau ihten Mann nach seinem Wissen aus und dringt fortwährend in ihn, obgleich der Mann sagt, er müsse sterben, wenn er etwas verrate. Das Märchen schliesst wie gewöhnlich mit der Rede des Hahnes und der Bestrafung der Frau.

Die beiden folgenden Fassungen lassen eine auffallende Übereinstimmung mit der obenerwähnten serbischen Version erkennen. Die eine, eine tatarische, ist in Kaukasien[16] aufgezeichnet. Wie in so mancher anderen Variante lehrt die Tiersprache eine Schlange, der Schlangenkönig, dessen Tochter der Held des Märchens angeblich vor Schande bewahrt hat[17]. Die Erlernung der Sprache erfolgt durch Speien in den Mund. Die Schlangenprinzessin sagt, Wölfe würden den Mann sofort [303] zerreissen, wenn er irgend etwas von seinen Fähigkeiten gegen jemand verlauten lasse. Der Mann muss über das folgende Gespräch zwischen einer Stute und ihrem Füllen lächeln. Als er einmal seine schwangere Frau und seine zwei Kinder auf der trächtigen Stute in das Nachbardorf zu Verwandten bringt, hört er, wie die Stute ihrem Füllen, welches die Mutter bittet, es zu erwarten, über ihre schwere Last klagt, da sie fünf Personen tragen müsse. Das Märchen fährt dann in der gewöhnlichen Weise mit der Forderung der Frau, den Vorbereitungen des Mannes zum Sterben, der Rede des Hahnes und dem Prügeln der Frau fort. Der Hahn sagt, er halte 30 Weiber in Zucht, aber sein Herr könne nicht einmal mit einem fertig werden. Aber die Erzählung endigt nicht damit. Eines Tages verrät der Mann doch sein Können, und die von der Schlange verhängte Strafe geht in Erfüllung. Der Tod des Mannes und der furchtbare Kampf zwischen den Wölfen und den ihren Herrn verteidigenden Hunden wird mit kräftigen Zügen geschildert.

Die andere Variante findet sich in einer georgischen Märchensammlung, die ein gewisser Orbeliani um 1700 veranstaltet hat. Das Werk ist in einer russischen Übersetzung von Tsagareli unter dem Titel ‘Kniga mugrosti i lži’ erschienen. Woher der Verfasser die Märchen seiner Sammlung erhalten hat, ist nicht sicher bekannt, der Übersetzer des Werkes meint, sie seien hauptsächlich dem Volksmunde nacherzählt[18]. In Orbelianis Variante ist der Held des Märchens ein rechtschaffener Mann, der ein launenhaftes Weib hat. Als er einmal am Ufer eines Flusses sitzt und isst, wirft er etwas von seiner Mahlzeit in das Wasser; ein Mann steigt daraus hervor und lehrt ihn zum Lohn die Sprachen aller Tiere, indem er die Zunge in dessen Mund steckt. Der Mann lässt eine junge Krähe, die ihm die Augen ausbohren will, fliegen und bekommt von der alten Krähe Kunde von einem in der Erde vergrabenen Schatze. Darauf folgt die Episode von der trächtigen Stute, auf der der Mann seine schwangere Frau und sein Kind wegbringt, und das Gespräch zwischen der Stute und dem Füllen. Der Mann ist schon im Begriff, seiner Frau den Grund seines Lachens anzugeben, als er einen kleinen Hund mit Tränen in den Augen einem Hahne klagen hört, wie sein Herr seiner Frau wegen sterben müsse. Da versammelt der Hahn alle Hennen des Dorfes um sich, schreitet um sie herum und sagt zu dem Manne: „Ich habe 60 Weiber, und keine wagt auch nur ein Körnchen ohne meine Erlaubnis zu nehmen; du stirbst durch eine Frau.“ Er rät dem Manne, seine Frau zu prügeln, bis sie wie tot aussehe. Der Mann tut es auch und wird auf diese Weise vom Tode errettet.[19] – Aus den Anmerkungen zu Tsagarelis Übersetzung ersehen wir, dass dieses Märchen in Georgien allgemein bekannt ist[20].

Die tatarische und georgische Variante stimmen in der Episode von der Stute und in der Art der Erlernung der Tiersprache mit der serbischen überein. Wenn in der georgischen Fassung die Zunge in den Mund gesteckt wird, erinnert dies deutlich an das Speien in den Mund. In letzterer sei noch auf die Auffindung des Schatzes in der Erde hingewiesen, die, freilich in viel entwickelterer Form, auch in der serbischen und den finnischen Varianten vorkommt.

Sortavala, Finnland. Antti Aarne.

  1. [R. Köhler. Kleinere Schriften 2, 610 f. Dazu noch F. v. d. Leyen, Archiv f. neuere Sprachen 116, 19. Katona, Keleti Szemle 2, 45. G. v. d. Gabelentz, ZdmG. 52, 287. Brandes, Tijdschrift voor indische Taalkunde 41, 460 Nr. 7. Bezemer, Javaansche en malaische Fabelen 1903 S. 202. Kampffmeyer, Mitt. des Berliner Seminars f. oriental. Sprachen 8, 2, 231 (Südalgerien). Junod, Les Bas-Ronga 1898 p. 316. P. Schullerus, Siebenbürg. Archiv 33, 649 (rumänisch). Kristensen, Skattegraveren 8, 157.]
  2. Handschriftlich, Ahlqvist, Nr. 21. [Deutsch im Magazin f. d. Lit. des Auslandes 1858, 107 und bei Asbjörnsen-Grässe, Nord und Süd 1858 S. 155; französisch bei Beauvois, Contes pop. de la Norvège 1862 p. 171.]
  3. Handschrift Tyyskä, Nr. 3.
  4. Handschrift Massa, Nr. 3.
  5. Handschrift Lilius 2, Nr. 89b)
  6. Handschrift Savokarel. Landsmannsch. und Konvent der finnischen Elementaranstalt zu Helsingfors, Nr. 79.
  7. Handschrift Nurmio 3, Nr. 46.
  8. Handschrift Mikkola, Nr. 78.
  9. Handschrift Olsoni, Nr. 22.
  10. Handschrift Laine 4, Nr. 35.
  11. Handschrift Lilius 3, Nr. 252.
  12. Handschrift Saxbäck, Nr. 50.
  13. Orient und Occident 2, 163.
  14. Orient und Occident 2, 165 (Krauss, Sagen u. Märchen d. Südslaven 1, 439, Nr. 97).
  15. Manžura, Skazki poslovicz i. t. p. zapisannijja v Jekaterinoslavskoj i Charkovskoj gub. (Charkov 1890) S. 72.
  16. Sbornik materialov dlja op. mestn. i pl. Kavkaza 7, 98.
  17. [Dieser Eingang begegnet nicht nur in der einen malaiischen Fassung, sondern kehrt in einem Märchen der Marāthī bei Grierson, Linguistic survey of India 7, 90 (Calcutta 1905) wieder, wo ein Kuhhirt die Paarung einer Cobra mit einer anderen Schlange hindert und von ihr beim Schlangenkönig verklagt wird.]
  18. Tsagarelis Übersetzung, Vorwort, S. XI.
  19. Ebenda, Nr. 138, S. 152.
  20. Ebenda S. 196.