Zur Frage nach der Bedeutung der indischen Märchen

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Textdaten
Autor: Antti Aarne
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Titel: Zur frage nach der bedeutung der indischen märchen
Untertitel:
aus: Finnisch-ugrische Forschungen, 12. Band, S. 139–146
Herausgeber: Emil Nestor Setälä, Kaarle Krohn, Yrjö Wichmann
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1912
Verlag: Red. der Zeitschrift; Otto Harrassowitz
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Erscheinungsort: Helsingfors; Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Princeton-USA*, Commons
Kurzbeschreibung:
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[139]
Zur frage nach der bedeutung der indischen märchen.
Alfred Forke. Die indischen Märchen und ihre bedeutung für die vergleichende Märchenforschung. Berlin 1911. – F. von der Leyen. Das Märchen. Leipzig 1911.

Als Benfey 1859 die theorie aufstellte, dass die märchen in Indien entstanden und von dort hauptsächlich durch vermittlung der literatur nach dem abendland gewandert sind, fand er viele anhänger. Im hinblick auf die reichhaltigkeit der alten indischen märchenliteratur und ihre durch übersetzungen erfolgte übertragung auf verschiedene Völker erschien seine idee sehr natürlich. Aber mit dem anwachsen der aus dem volksmund gesammelten märchenschätze und dem fortschreiten der forschung trat die einseitigkeit der ansichten Benfeys ans licht, und seine theorie verlor ihre bedeutung. Nur wenige forscher wollen mehr etwas von ihr wissen, und auch die, welche ihr noch huldigen, haben die ansichten Benfeys in weitem masse modifiziert und gemildert.

Dies besagt indes nicht, dass die frage nach der bedeutung der indischen märchen für die vergleichende untersuchung der volksmärchen endgültig gelöst sei. Dass in dieser hinsicht sogar noch grosse meinungsverschiedenheit herrscht, davon legen die am anfang meines aufsatzes genannten werke zeugnis ab. Das erste behandelt lediglich die indischen märchen und ihre bedeutung, das zweite beschäftigt sich mit der frage der volksmarchen in ihrem ganzen umfang, obwohl auch hier den indischen märchen, denen das kapitel „Das indische [140] Märchen und seine verbreitung“ gewidmet ist, besondere beachtung zuteil wird.

Prof. Forke stellt sich bezüglich der vermeintlichen grossen bedeutung der indischen märchen auf einen ablehnenden standpunkt. Er gibt allerdings zu, dass die inder einige ihrer märchen an die anderen völker Asiens und Europas abgegeben haben können, dass sie dafür aber auch einige aus den ländern des westens erhalten haben. Die indischen märchen haben nach ihm z. b. die deutschen so wenig beeinflusst, dass von den 1400 märchen der alten indischen Sammlungen nur etwa 15 episoden oder ganze geschichten auch in den sammlungen von Grimm, Bechstein und Pröhle (Kinder- und Volksmärchen) auftreten. Von diesen 1400 sind also etwa 15 episoden, nicht alles ganze geschichten, in ca. 400 deutsche märchen übergegangen, und wahrscheinlich ist die zahl der aus Indien stammenden märchen in wirklichkeit noch geringer, denn von diesen 15 sind einige möglicherweise im gegenteil von Europa nach Indien gewandert. Den vermeintlichen einfluss der indischen märchen auf die europäischen erklärt Forke in manchen fällen daraus, dass man übereinstimmungen zwischen märchen auch dann zu sehen geglaubt habe, wenn sie in wirklichkeit nicht vorhanden waren, „oder es sind nur anklänge und zufällige ähnlichkeiten“. Und er stellt die indischen märchen nicht einmal in formaler hinsicht besonders hoch: „Sie sind oft viel plumper und einfältiger, als die der europäischen kulturvölker. Es fehlt ihnen z. b. die naive phantasie, die poesie und das gemüt der deutschen märchen.“

Ganz anders beurteilt v. d. Leyen die indischen märchen. „Der märchenreichtum des einen landes Indien übertrifft den märchenreichtum aller anderen völker, die im vergleich mit Indien sehr wenige originale märchen besitzen.“ Es ist tatsache, sagt er an einer anderen stelle, dass die indischen märchen einen grossen einfluss auf die märchen der nichtindischen welt ausgeübt haben. Unter den völkern des östlichen und nördlichen Asiens ist dieser einfluss noch grösser gewesen, als Benfey geglaubt hat. Und über die art der indischen märchen, die Forke so unvorteilhaft schildert, fällt v. d. Leyen u. a. folgendes lobendes urteil: „Die indischen märchen sind in ihrem aufbau und ihrem scharfsinn, in ihrer phantasie und ihrer tiefen [141] ahnung, trotz aller übertreibungen und überladenheiten das vollendetste, was bisher im aufbau und der erfassung der märchen erreicht wurde.“ Besonders entzückt ist er von der indischen erzählungskunst, die in keinem anderen land ihresgleichen habe. Soviel er auch die bei anderen völkern angetroffenen entsprechenden märchen mit den indischen vergleicht, immer bemerkt er, „dass die inder kunstvoller, überlegener und mit reicherer erfindungsgabe erzählten als die nicht-inder“.

Bei der kritik der ansichten Forkes fällt vor allem die grosse bedeutung ins auge, die er dem zufall in den märchen beimisst. Die forscher haben es nicht verstanden die auf zufall beruhenden übereinstimmungen von solchen zu scheiden, die von gegenseitiger abhängigkeit herrühren, und haben die gegenseitige beeinflussung der märchen daher überschätzt. Er sagt: Wie man im leben die seltsamsten übereinstimmungen findet, die lediglich auf zufall beruhen, ebenso spielt der zufall auch in der wissenschaft eine grosse rolle. Zwei menschen können, ohne voneinander zu wissen, so ähnliche entdeckungen gemacht haben, dass man leicht glaubt, der eine habe vom andern entlehnt. Und da auch das phantasiematerial im grossen und ganzen dasselbe ist, müssen auch daraus ohne gegenseitige beeinflussung bisweilen ähnliche produktionen geschaffen werden. Der zufall hat in den volksmärchen eine so grosse rolle gespielt, dass die entlehnung bei der verbreitung der märchen an bedeutung verliert. „In manchen fällen hat aber ohne zweifel eine entlehnung stattgefunden“, räumt Forke gleichwohl ein.

Meiner ansicht nach spricht der verfasser zu viel von zufall. Es dürfte niemand verwundern, wenn ein chinesischer philosoph und ein indischer weiser, ohne voneinander zu wissen, beide über das menschenleben solche beobachtungen gemacht haben, wie dass der mensch ein alter von höchstens 100 jahren erreicht, wovon den grössten teil kindheit, alter und schlaf und den rest noch störender schmerz, krankheit und sorge ausfüllen. Und möglich ist auch – um beispiele aus den märchen zu nennen –, dass die übereinstimmung in der äsopischen fabel vom fuchs, der, nachdem er das herz des getöteten hirsches gefressen, zum löwen sagt, der hirsch habe gar kein herz gehabt, und in dem märchen vom drachentöter, [142] wo der als retter der königstochter auftretende marschall behauptet, die drachen hätten überhaupt keine zunge – der wirkliche sieger hat die zungen herausgeschnitten und als trophäen mitgenommen – auf zufall und nicht auf gegenseitiger abhängigkeit beruht, oder die übereinstimmung, die darin zutage tritt, dass das deutsche Aschenputtel zu dem auf dem grabe der mutter wachsenden haselbaum sagt: „Bäumchen rüttle dich und schüttle dich, wirf gold und silber über mich“ und von dem baum ein golden und silbernes kleid bekommt, dass ein baum in einem indischen jâtaka den kaufleuten wasser, speisen, schöne frauen und kostbarkeiten liefert, und dass in einer tibetischen erzählung von wunschbäumen, sobald die götter und göttertöchter es wünschen, blaue, gelbe, rote und weisse kleider, desgleichen allerhand schmucksachen hervorwachsen. Aber die in einzelzügen und märchenmotiven auftretenden, oft recht allgemeinen ähnlichkeiten sind zu unterscheiden von der übereinstimmung, die sich in ganzen märchen ausspricht und sich wenigstens teilweise bis auf deren einzelne teile erstreckt. Viel missverständnis und verwirrung ist bei der untersuchung von märchen dadurch entstanden, dass nicht genug zwischen märchen und deren einzelnen teilen unterschieden worden ist. Und hiervon rührt es auch gewöhnlich her, dass man auch gegenseitige beeinflussung angenommen hat, wo sie in wirklichkeit nicht bestanden hat, oder der irrtum ist aus unvollständiger kenntnis der märchen entsprungen. Bei den übereinstimmungen und überhaupt bei der untersuchung von märchen sollte man immer bedenken, dass die märchen geschichten sind, logisch zusammenhängende und ästhetisch einheitliche geschichten, die an einem bestimmten ort und in bestimmter zeit entstanden sind und sich dann von diesem ihren entstehungsort nach verschiedenen seiten verbreitet haben. Die züge und episoden haben anfangs ihren platz in einem bestimmten märchen, obwohl sie sich dann aus ihrem ursprünglichen zusammenhang losgelöst und an andere märchen angeschlossen haben können, und in diesem sinn müssen sie behandelt werden. Ja es gibt fälle, wo sich aus solchen stücken sogar ein ganz neues märchen gebildet hat, das seinerseits wieder wie andere märchen von einem ort zum anderen wandert. Halten wir uns bei der beurteilung der übereinstimmung von märchen an [143] die ganzen märchen, so ist die entscheidung der frage in der regel leicht. Natürlich kann es einzelne fälle geben, wo der forscher im ungewissen bleibt, ob es sich um entlehnung oder um zufall handelt, aber weitreichendere bedeutung kommt diesen nicht zu. Wilhelm Grimm äusserte hierüber schon seinerzeit: „Man begegnet märchen dieser art, wo man die übereinstimmung als zufall betrachten kann, aber in den meisten fällen wird der gemeinsame grundgedanke durch die besondere, oft unerwartete, ja eigensinnige ausführung eine gestalt gewonnen haben, welche die annahme einer bloss scheinbaren verwandtschaft nicht zulässt.“

Die übereinstimmungen in den märchen verschiedener länder beruhen ohne zweifel hauptsächlich auf entlehnung, einen sehr geringen anteil hat der zufall, und die gewöhnlichste verbreitungsart ist die mündliche tradition gewesen. Die märchen verbreiten sich durch mündliche erzählung sehr leicht von ort zu ort, von volk zu volk. Auch die verwandtschaft der völker, ja sogar die ähnlichkeit der sprachen, die der verfasser des buches auch erwähnt, sind hierbei wenig von belang, umso mehr aber die geographische nähe der völker und der dadurch bedingte intime verkehr. Bei der tatsache, dass die meisten deutschen märchen auch in Holland, Dänemark, Schweden und Norwegen verbreitet sind, spricht die verwandtschaft der bewohner dieser länder überhaupt kaum mit, sondern sie erklärt sich daraus, dass die völker dicht nebeneinander wohnen und eng miteinander verkehren. Auch die deutschen und französischen märchen sind sich ähnlich, und Forke spricht auch später davon, wie die märchen durch vermittlung einer zweisprachlichen grenzbevölkerung sehr leicht von einem sprachgebiet auf das andere übergehen, z. b. von Deutschland nach Frankreich durch Elsass-Lothringen. Zwischen Ostfinland und Nordrussland findet trotz den verschiedenen sprachen der regste märchenaustausch statt.

Indem der verfasser die indischen märchen mit den märchen anderer länder und besonders mit den deutschen vergleicht, kommt er zu dem meiner ansicht nach richtigen schluss, dass die ersteren so, wie sie in den alten sammlungen vorliegen, eine jüngere märchenform als die letzteren repräsentieren. Sie sind „nüchterner und verstandesmässiger, auch stark moralisierend“, [144] sie sind „kunstmärchen einzelner gelehrter“. Da die ursprünglichere form nicht aus der jüngeren entstanden ist, folgt daraus, dass die literarischen indischen märchen nicht die quelle der märchen der anderen länder gewesen sein können. Es ist jedoch zu beachten, dass dies nur von jenen literarischen märchenformen gilt und noch nicht beweist, dass Indien nicht die heimat dieser märchen sein könnte. Die indischen literarischen märchen fussen grossenteils auf älteren volkstümlichen märchen, sagt der verfasser selbst. Vielleicht vertreten diese volkstümlichen indischen vorbilder ursprüngliche formen der märchen und haben sich ohne literarische vermittlung mündlich nach den anderen ländern verbreitet. Ich meinerseits glaube, dass, wenn vom einfluss der indischen märchen die rede ist, immer dieser seite der frage genügend beachtung geschenkt werden müsste. Dabei ist auch zu beachten, dass im alten Indien natürlich auch viele andere märchen ausser den in der literatur erhaltenen bekannt gewesen sind, und auch diese können sich nach anderen ländern verbreitet haben.

Sehr gering schätzt Forke den einfluss der indischen märchen auf die märchen anderer länder ein. Ohne zweifel übertreibt er in diesem punkte. Bei der beurteilung der bedeutung jener märchen muss man bedenken, dass Indien ein altes kulturland ist, in dem märchen in grosser menge bekannt und sehr beliebt gewesen sind. In anbetracht dessen ist es wahrscheinlich, dass die indischen märchen stärker als gewöhnlich nach aussen auf andere länder gewirkt haben.

Wenn Forke von den indischen märchen keine hohe vorstellung hat, geht v. d. Leyen in ihrer bewunderung zu weit. Übertrieben scheint mir z. b. sein lob der indischen erzählungskunst. Dieses macht schon darum einen weniger glaubhaften eindruck, weil in dem werke mit gleicher begeisterung auch die erzählungskunst der araber geschildert wird, obwohl sie sich in ihrer art anders darstellt. Gewagt ist auch die äusserung, dass die anderen länder im vergleich mit Indien „sehr wenige originale märchen“ haben. Eine solche behauptung setzt eine viel genauere kenntnis der alten märchenschätze anderer länder voraus, als sie heute möglich ist. Eine besondere verehrung Benfeys tritt in folgenden worten v. d. Leyens hervor: „Die behauptung, die man immer von neuem hört, ist [145] falsch, dass nämlich die theorie Benfeys abgetan sei und zu den toten gehöre. Man darf im gegenteil auf eine baldige auferstehung dieser vielgeschmähten theorie hoffen, nach der sie dann freilich von allerlei schlacken gereinigt und in geläuterter gestalt unter uns wandeln müsste.“

Obwohl ich aber die auffassung habe, dass v. D. Leyen Indien zu sehr bewundert, muss ich zugeben, dass sein werk grosse sachkenntnis und vertrautheit mit den märchen und ihrer untersuchung verrät. Er spricht meines erachtens viele richtige ansichten über die märchen aus. Erwähnt sei besonders seine aufforderung an die forscher immer die ganzen märchen, nicht einzelne aus dem zusammenhang herausgerissene züge und episoden ins auge zu fassen.

Die behauptung, dass indische märchen auch über Nordasien nach Europa gewandert seien, ist zu bezweifeln. Wenigstens habe ich bei meinen untersuchungen nicht die überzeugung gewonnen, dass auf diesem wege märchen vom Orient nach Europa gekommen wären. Wenn sich zwischen den sibirischen und osteuropäischen märchen nähere übereinstimmungen herausgestellt haben, hat es sich gezeigt, dass der einfluss von Europa ausgegangen ist. Der gewöhnlichste weg hat von Südwestasien nach der Balkanhalbinsel geführt.

Woher kommt es aber, dass sich so überaus divergierende auffassungen über die bedeutung der indischen märchen bilden können? Der grund ist meiner ansicht nach der, dass es noch zu früh ist, um die frage entscheiden zu können. Die märchenforschung hat noch zu wenig zuwege gebracht. Man sollte weniger solche fragen allgemeiner art erörtern und sich mehr mit einzelnen märchen beschäftigen. Jedes märchen muss einer genauen, ins einzelne gehenden untersuchung unterworfen werden, man muss sich bemühen möglichst über ihre heimat, ihre verbreitungswege und sonstigen schicksale ins klare zu kommen. Wenn diese arbeit ausgeführt ist, lösen sich die frage nach der bedeutung der indischen märchen und manche anderen fragen von selbst. Es ist das eine grosse und beschwerliche arbeit, und dabei werden wohl anfangs viele irrtümer begangen werden, aber diese arbeit muss auf alle fälle getan werden, denn ohne das ist über die märchen keine klarheit zu gewinnen. Und sie muss jetzt ausgeführt [146] werden. Die menge des volkstümlichen materials ist ungeheuer angewachsen. Mancher umstand, der unverständlich erschienen ist, kann durch die heutigen hilfsmittel aufgeklärt werden.

Meinungsverschiedenheiten können natürlich über die dinge bestehen, zumal auf einem so wenig bearbeiteten gebiet, wie es die märchenforschung zurzeit noch ist. Freudig müssen jedenfalls alle neuen beiträge begrüsst werden. Sie zeugen von einer zunahme des interesses und eröffnen immer mehr forschern die bekanntschaft mit den märchen. In dem werk Forkes habe ich mit besonderem vergnügen die klaren ausführungen über die alte indische märchenliteratur gelesen.

Helsingfors. Antti Aarne.