Zwei Stunden unter Todten

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Textdaten
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Autor: Franz Wallner
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Titel: Zwei Stunden unter Todten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 260-262
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Zwei Stunden unter Todten.
Von Franz Wallner.

Bei meiner jüngsten Anwesenheit in Wien traf ich mit dem Schriftsteller Anton Langer oft in heiterer Gesellschaft zusammen. Ich habe bei jeder Begegnung mit diesem frischen und fröhlichen Wiener Kind, Wiener Kind in der besten Bedeutung des Wortes, wenn auch, wie der Berliner sagt, „ein sehr ausgetragener Junge“, meine herzliche Freude. Wer ihn sieht, mit dem stets heiteren, runden wohlgenährten Antlitz, dem sich schon nach und nach ein ebenbürtiges Bäuchlein zugesellt, der wird kaum glauben, wie viel geistige Capacität, wie viel rege Arbeitskraft in dem Manne steckt. Langer ist die wesentlichste Stütze des Wiener Romans und der Volksposse, schreibt fast allein eine vielgelesene Zeitung, die mit ungemeinem Geschick redigirt und den Localverhältnissen angepaßt ist, und bringt jede Woche ein paar heitere Feuilletons in den großen politischen Zeitungen. Dabei hat er aber noch immer Zeit, mit fröhlichen Gesellen zu flaniren, den Cicerone zu machen und, wenn es darauf ankommt, zu kneipen, ja – recht anständig zu kneipen. Der freundliche Leser wird aus dieser kurzen Schilderung sehen, daß ich mich keiner besseren Begleitung zum Besuche der räthselhaften Todtenstadt in den unterirdischen Gewölben der Stephanskirche anvertrauen konnte, als der des fidelen Langer.

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Die Gartenlaube (1865) b 261.jpg

In den Katakomben der St. Stephanskirche zu Wien.

Die Erlaubniß zu dem Besuche dieser Katakomben ist jetzt so sehr erschwert und wird von Seite des Erzbischofs – der selbe allein zu ertheilen hat – so selten gegeben, daß von hundert Wienern achtzig nicht einmal um das Dasein dieser grausigen Räume wissen und ungläubig den Kopf schütteln, wenn man von dieser Unterwelt unter ihren Füßen erzählt. Es gehörten die ausgebreitete Bekanntschaft und der ganze Einfluß unseres Freundes dazu, um einer kleinen Gesellschaft einen solchen Freipaß zu verschaffen, worauf wir im Januar dieses Jahres, Mittags um zwei Uhr, die Wanderung in die Wohnungen der Abgeschiedenen antraten.

Der Eingang ist nicht, wie wir vermuthet, von der Kirche aus, sondern derselben gegenüber durch eine eiserne Thür, an welcher ich tausendmal vorüber gegangen war, ohne dieselbe zu beachten. Ein Führer und drei Fackelträger sollten unsere Begleiter sein. Wir wurden angewiesen, zur Vermeidung alles Aufsehens, einzeln, in kurzen Zwischenräumen ins Haus zu treten, da eine Vermuthung unserer Absicht uns Hunderte von Neugierigen an den Hals gezogen haben würde. Ueber eine halbverfallene Treppe kommt man in eine Art von Vorgewölbe, in welchem Sägespäne, Holzreste etc. aufgeschichtet liegen, wie einer der Anwesenden meinte „die Rumpelkammer der Todten.“ Der Führer öffnet nun eine eiserne Thür, und wir befinden uns in den Katakomben. Weder irgend ein geschichtlicher, noch ein traditioneller Anhaltspunkt belehrt uns, zu welchem Zweck diese noch zum großen Theil unerforschten ungeheuren eisenfesten Räume eigentlich erbaut worden sind. Möglicher Weise zur Benutzung als Gruft für [262] hochgestellte Personen, dafür sprechen viele, noch wohl erhaltene, mit kostbarer Bildhauerarbeit geschmückte Denkmale, dagegen aber die enorme Ausdehnung dieser zahllosen Gewölbe, wovon die bereits durchforschten sich straßenweise bis zum Postgebäude, unter die Wollzeile, hinziehen. Man weiß bereits von dem Dasein von drei übereinander stehenden Etagen; die dritte tiefste ist freilich noch größtentheils unbekanntes Land, nur von Jenen bewohnt, aus deren Reich „kein Wanderer je zurückgekehrt“.

Die zahllosen Leichen, welche diese Räume bergen, wurden so hoch aufgepackt, daß erst jüngst beim Pflastern eines Vorplatzes auf dem Stephansplatz zum Entsetzen des Arbeiter sich Knochenhände und Todtenschädel zeigten; wie tief hinab aber diese „Aufbewahrungsräume“ gehen, das hat noch kein menschliches Auge erforscht, eben so wenig weiß man mit Bestimmtheit, wie breit sich das Labyrinth dieser Gänge ausdehnt. Die ersten dieser Gewölbe zeigen nur spärliche Knochenüberreste auf, eine trockene, reine Luft hält jeden Modergeruch fern. Je weiter wir eindringen in das finstere Reich der Grüfte, desto schauerlicher wird der Eindruck. Große Knochengerüste, mit einer Sorgfalt und Symmetrie aufgestapelt, wie Stöße Holz auf Zimmermannsplätzen, sind hier, an den Wänden entlang, emporgerichtet, Arm- und Fußröhren, dazwischen die hohläugigen Schädel, die Rippenwölbungen, Alles in einer Ordnung, wie Säbel und Bajonnete in Zeughäusern kunstgemäß arrangirt sind. Vorwärts! Ueber Hügeln von Moder und anderen Attributen der Verwesung finden wir einen Schacht der sinnverwirrendsten Regellosigkeit. Als ob ein Heer von Todten aus unbekannten Ursachen die Flucht ergriffen und Wehr und Waffen von sich geworfen, so liegen hier gesprengte Särge, mit und ohne Inhalt, zerstreute Gebeine, zusammenhängende Gerippe, aufrechtstehende und gekrümmte Mumien in grauenvoller Unordnung durcheinander. Dazu die gespenstige Beleuchtung der Fackeln, welche das Reich der Nacht nur nothdürftig erhellen, – es gehören starke Nerven dazu, um diesen grausigen Anblick ohne Erschütterung zu ertragen. Unbegreiflich beibt es, warum der Verwesungsproceß bei einigen Leichen nur soweit gediehen ist, daß alles Fleisch mumienartig eingetrocknet erscheint, während zahllose vollständige Knochengerippe die Fortschritte der animalischen Zerstörung bekunden und Berge von Leichenmoder das letzte Stadium der Vergänglichkeit alles Irdischen andeuten. Die scharfe, trockene Luft kann nicht allein diese verschiedene Wirkung bei den zu gleicher Zeit in diese Mauern eingesperrten Todten hervorgebracht, es müssen andere mir unbekannte Ursachen dabei von Einfluß gewesen sein.

Die letzten, am Besten erhaltenen Särge tragen die Jahreszahl 1775.

Das Bild des Zeichners dieser nach der Natur aufgenommenen Skizze, welche schon in einem der ersten Jahrgänge der damals verhältnißmäßig noch wenig verbreiteten Gartenlaube erschien, führt uns in einen Salon dieser Leichen-Wohnungen. Die Mumie eines riesengroßen Mannes lehnt halb aufrecht, in der Stellung eines ermüdet Ausruhenden an der Wand, Lappen eines früheren Prunkkleides von dunklem Sammt umschlottern seine Glieder, eine Hand ist noch mit dem Handschuh, ein Fuß noch mit einem Schnallenschuh bekleidet, den Kopf deckt eine Allongenperücke. Ihr gegenüber kauert eine weibliche Mumie, die sich, wie verwundert, über ein zu ihren Füßen liegendes Gerippe beugt.

In dem nächsten Gewölbe scheint die gewaltige Wand nicht mehr Kraft gehabt zu haben, die Wucht des sich gegen sie stemmenden Inhaltes zu stützen, sie ist auseinander geborsten, und durch die breite Spalte drängen sich eine Unzahl übereinander geschichteter Särge, Leichen, Gerippe hervor, letztere scheinbar mit den Händen nach außen ringend, mit den Füßen sich Luft schaffend, mit den augenlosen Schädeln vorwärts dringend – eine grauenvolle Bresche, geeignet auch den beherztesten Feind in die Flucht zu jagen.

Einen wahrhaft entsetzlichen Eindruck macht eine Mumie, welche, vollständig erhalten, auf einem wohlgeordneten Knochenhaufen sitzt; Alles ist noch da bis auf einen Fuß, der bis zum Knie nicht nur die Bekleidung, sondern auch das Fleisch verloren hat und den täuschenden Eindruck eines Stelzfußes hervorbringt. Die Züge des Kopfes, mit den blendend weißen Zähnen, sind im Fackellichte klar erkennbar und scheinen dem Eintretenden mit teuflischem Grinsen entgegen zu lachen.

In der zweiten Etage, die wir abwärts zu erreichen, finden wir eine Menge Kinderleichen, in kleine Särge, theilweise in Schachteln eingepackt, und eine Unmasse menschlicher Ueberreste in allen Formen und Gestalten. Hier zeigt uns eine riesige Oeffnung, welche in eine unabsehbare, selbst durch das Licht der Fackeln nicht zu erhellende Tiefe führt, die sogenannte Pestgrube, die, der Sage nach, mit den Opfern jener entsetzlichen Seuche gefüllt sein soll. Obwohl Leitern den gefährlichen Weg in diesen Abgrund ermöglichen, hatte doch Keiner von uns Lust ihn einzuschlagen.

Unter einer Oeffnung, die auf die Oberwelt ausmündet, zeigt sich noch eine Vorrichtung, mittelst welcher auf einer von Bretern gebildeten schiefen Ebene die Leichen von der Straße herabgeworfen wurden. Die zahlose Menge der hier über einander gewälzten Gerippe bekundet die Eile und Flüchtigkeit, mit welcher man sich damals der Leichen entledigt hatte.

Ueber ausgebrochene, wackelnde Stufen, über Berge von menschlichem Moder und Knochenstücken, losgerissenen und verwitterten Sargbretern geht der unheimliche Weg wieder empor.

Weiter hat auch die neueste Untersuchung (im Jahre 1846) nicht geführt, wenn es gleich zu wünschen wäre, daß fromme Hände Ordnung in dieses wüste Chaos brächten und das Ganze mehr einem riesigen Leichenhof ähnlich gemacht würde, als jetzt, wo es einen Aufenthalt bildet, entsetzlich genug, um einen starken Mann, der ohne Vorbereitung plötzlich hier eingeschlossen würde, zum Wahnsinn zu treiben.

Unwillkürlich beflügelt sich der Fuß auf dem Rückwege, der Blick wendet sich scheu von den Wänden der Knochenhöhle ab, die, von dem Fackellicht nur theilweise erreicht, die absonderlichsten Formen annehmen, und mit tiefern Athemzug begrüßen wir das Tageslicht.

Der umwölkte Himmel, welcher Massen dichten Schnees niedersendet, harmonirt mit der düstern Stimmung, welche sich der kleinen Gesellschaft bemächtigt hat; fast lautlos trennt sich dieselbe, mit dem festen Entschlusse, diese mit Nacht und Grauen bedeckten Räume nicht wieder zu besuchen. Selbst im Traume verfolgte mich der gespenstige Stelzfuß und das Riesenskelet mit den Fetzen des ehemaligen Prunkkleides, die mich wild umher jagten in dem Reich der Verwesung, über Leichenberge und Sargtrümmer hinweg, wo mein Fuß auf behaarte Schädel und weiche Menschenleiber treten mußte, bis der helle freundliche Morgen mich von dieser nachträglichen Qual erlöste.