Zwei neuentdeckte schwäbische Tropfsteinhöhlen

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Autor: Karl Gußmann
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Titel: Zwei neuentdeckte schwäbische Tropfsteinhöhlen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 413–415
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[413]
Zwei neu entdeckte schwäbische Tropfsteinhöhlen.
Geschildert von Karl Gußmann. Mit Zeichnungen von A. Schmierer.


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Gutenberg  

„Halt! klang’s da nicht hohl?“ rief einer der Arbeiter. Man hob die Lampe ab, welche von der Wand herabhing und das Dunkel des gewaltigen Höhlenraumes, in dem die Arbeiter beschäftigt waren, nur nothdürftig erhellte.

Ein paar kräftige Schläge mit dem Pickel, die scheinbare Felswand splitterte in klingende, scherbenartige Stücke, aus schwarzgähnender Oeffnung drang urplötzlich ein starker Luftstrom, der die Lichter auszulöschen drohte, und – die schönste Höhle des höhlenreichen Schwabenlandes war gefunden.

Wie viele Wanderer werden künftig dem Gebirgsthal der schwäbischen Alb zuwandern, das sich zwischen der herzoglichen Teck und dem stolzen Hohenneuffen breit ins Neckarthal öffnet, dem reizvollen Lenninger Thal! Durch saubere Dörfer geht’s an der rauschenden Lauter hin, bis die fels- und burggekrönten Berge sich näher und näher zusammenschieben und das Thal dicht über dem wundervoll gelegenen Gutenberg in der machtvollen Felsschlucht der „Pfulb“ seinen Abschluß findet. Links von diesem Thalende, im kurzen schluchtartigen Tiefenthal, zeigt sich dem Wanderer hoch oben am weißen Felsenkranz die Oeffnung der Gutenberger Höhle. Ein prächtiger Weg führt durch den grünen Buchenwald in langsamer Steigung zum Portal.

In der ersten Halle, dem schon vorher bekannten „Heppenloch“, erlabt sich das Auge an der überaus lieblichen Thalsicht; dann geht’s bei Magnesiumschein zur zweiten Halle, dem Fundorte zahlreicher Fossilien und feuersteinartiger, roher Werkzeuge, für die Kenntniß des ältesten Europamenschen von hervorragender Bedeutung. Fünfzehn Meter unter dem Höhlenlehm, der die ganze Halle bis zur Wölbung ausfüllte, lag die felsharte Masse mit den eingebackenen Knochenresten, zum theil 3 m noch und 2 m breit; und gerade als man mit der Förderung dieses Schatzes beschäftigt war[1], erfolgte jener Durchschlag, der zur Fortsetzung der Höhle führte.

So mußten also die Nashörner der grauen Vorzeit, deren gewaltige [414] Zähne hier in glänzendem Email aus dem Jurastein starrten, die Riesenhirsche, die Auerochsen, die Höhlenbären und löwen und wie all die Ungethüme hießen, deren Ueberreste kreuz und quer, verschlafen und zerspalten im steingewordenen Lehm lagen, den neuzeitlichen Schwaben zur Auffindung des Zaubergangs verhelfen, der sich von da bis jetzt 200 m weit ins Gebirge hineinzieht!


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Die Wolfsschlucht.


Schon die dritte Grotte, die "Gothische Halle" zu welcher man auf einer Treppe hinaufsteigt, ist in der That zauberhaft, "Eis!" ruft der Besucher unwillkürlich , wenn er zu den Gebilden aufschaut, die in schimmernder Weiße von den Wänden der kapellenartigen Halle herabhängen. Aber die Wärme (vergangenen Winter immer 15 Grad) und wohl auch das überlegene Lächeln des Führers, der solchen Mißverständnisses gewohnt ist, belehren ihn sogleich eines Besseren. Da drängt es sich fluthartig aus der hohen Felsnische hervor; dort in der Höhe droben baut sich die zierlichste, stilvollste Kanzel heraus; rückwärts, wo die weißen Bildungen mit gelblichen vermischt sind, steigt's kammartig empor zu einer Oberkammer, die sich aber nur vermittels einer Leiter und auch so nur unbequem erreichen läßt.

Auf dem Boden, der aus Lehm, mit Kies gemischt, besteht, erheben sich die wunderlichsten Zapfen und Zinken große und kleine, schlanke und gedrungene, zumeist ebenfalls in Formen des Eises aufs täuschendste nachahmend. Emsig geht der weitere Aufbau dieser Stalagmiten vor sich;

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Eingang in die Klamm.


das alte Sprichwort „gutta cavat lapidem non vi, sed saepe cadendo“ (=nicht durch Gewalt, aber durch unaufhörliches Fallen höhlt der Tropfen den Stein) hat hier seine Geltung verloren: der aus der Höhe fallende Tropfen höhlt den Stellt nicht, sondern baut ihn auf, und wenn's auch Jahrhunderte währen mag, bis ein solcher Krystallzapfen fertig ist, die Natur wird nicht müde, und Tropfen um Tropfen setzt die fürs bloße Auge nicht sichtbaren Kalkkörperchen ab, die sich im Ringe gelagert in glitzerndem Krystall um die leerbleibende Mittelöffnung ansammeln. Bruchstücke solcher Gebilde zeigen beim Schliff die sich wie rohe Seide aneinander fügenden und in einander schlingenden „Jahresringe“, wenn man diesen Ausdruck auf die todten und doch stetig wachsenden Steine anwenden darf. Uebrigens geht jene geheimnißvolle Arbeit eher im Winter vor sich, wenn das Schneewasser in den Boden einsickert; im Sommer ist die Höhle fast durchweg trocken und sauber. - Wir verlassen die „Gothische Halle“, die in der That einigermaßen an gothische Bauart erinnert, durch ein Thor, das durch Hinwegräumen eines im Weg liegenden gewaltigen Felsklotzes erst künstlich hergestellt werden mußte - vorher war nur ein ganz enger, fast unpassierbarer Durchschlupf vorhanden - und sehen gleich nach den ersten Schritten links die getreueste, verkleinerte Nachbildung eines Gletschers, bis aufs schimmernde Eisthor alle Einzelheilen eines, solchen treffend, im Verhältniß zum andern nur eine kleine Gruppe, aber zum Schönsten und Ueberraschendsten gehörig.

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In der Klamm.

Ein lang sich hinziehender Gang, überall an Decke und Seitenwänden mit den wundersamsten Bildungen behängt, führt in die „Maurische Halle“. Ein steinernes Märchen! Links stürzt sich hoch herab aus undurchdringlicher Finsterniß der „Wasserfall“; aber zu stummen Stein erstarrt sind die schneeweißen, schäumenden Wogen und die breite Fluth, in die der prachtvolle Sturz wallend ausläuft. Rechts sind an der schneeigen Wand die wundersamsten Figuren aufgebaut, ein unerschöpflicher Reichthum an Formen, vom massiven Stalaktiten bis zum feinsten Glasröhrchen, die

meisterhafteste Filigranarbeit, die der Bezeichnung der Grotte als der „maurischen“ volle Berechtigung verleiht. Auch hier ist der Boden mit Tropfsteinen bedeckt, nur in zusammenhängender, wie zusammengebackener Form. Wahrscheinlich ist die merkwürdige Masse, die den Boden gänzlich überdeckt, abgesehen von der starken Säule, an welcher das Geländer angebracht ist, als eine Verstürzung von oben herab anzusehen; es läßt sich ja denken, wenn die Stalaktiten Jahr um Jahr neue Schichten ansetzen und nach unten in die Breite wachsen, daß dann infolge der Gewichtszunahme schließlich eine Ablösung von der Felsdecke erfolgen muß. So ist denn auch in verschiedenen Theilen der Höhle bei Gelegenheit der Wegbahnung eine ganze Anzahl von Tropfsteingebilden zum Vorschein gekommen, die sicherlich einst von der Decke herabhingen, bevor sie durch ihr eigenes Gewicht losgerissen in die Tiefe stürzten. Von diesen sind ja die eigentlichen Stalagmiten, die vom Boden aufwachsen, leicht zu unterscheiden. - Ueber eine Treppe, am „Zwergpalast“ vorbei, einer überaus zierlichen Gruppe jener unglaublich zarten Glasröhrchen, geht's in die fünfte Halle, wo sich der Weg nach links in einen weiteren Gang verliert, dessen Ende noch nicht ausgegraben ist, und nach rechts hinab zur sechsten Halle, an der Spindelpartie (feine, glasige Tropfsteine in Spindelform) und an einem aus dem Gebirgsinnern heraus vernehmbaren, noch nie von eines Menschen Auge geschauten Wassersturz vorüber. Von da an steigen die Felsen riesenhaft empor, und ungleich öffnet sich wie der Eingang zur Unterwelt in enger Tiefe die „Klamm“, ein ungeheurer Felsenspalt [415] der die ganze Masse des Gebirges auseinanderreißt, oben theilweise ausgefüllt mit gewaltigen Blöcken, die zwischen den Wänden eingespannt den kühnen Eindringling drunten zu zerschmettern drohen. Unwillkürlich athmet der Wanderer aufs, wenn er durchs Thor der „Klamm“ hindurch die Steintreppe wieder herauf gekommen ist.


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Die „Maurische Halle“.


Auf unserer Abbildung des Dorfes Gutenberg zeigt sich rechts vom Thurm geradeaus im Hintergrunde des Thales der Eingang zur Höhle. Der oben schon genannte Weg zieht sich im Zickzack hinan, während von der Höhlenmündung eine Schutthalde, gebildet aus dem bei der Ausgrabung zu Tage geschafften Lehm, zu Thal zieht.

Daß die Höhle dem Menschen zur Wohnung gedient hat, ist außer Zweifel; in welcher Weise wir uns aber die Benutzung derselben deuten wollen, das muß im großen und ganzen der Phantasie überlassen bleiben. Feuersteinwerkzeuge, Beile, Speer- und Pfeilspitzen, Schabsteine, Keile fanden sich in der ersten und zweiten Halle, und es ist bemerkenswert, daß sie im allgemeinen ein roheres und unbeholfeneres Gepräge tragen als die bisher in den benachbarten Höhlen und anderwärts gefundenen. Man mag sich ausmalen, daß in der zweiten Halle, der Fundstätte jener erheblichen und vielfach die Spuren des menschlichen Jägers und Verzehrers tragenden Knochenerste, sich die Koch- und Eßstätte, vielleicht auch die Sommerwohnung des vorgeschichtlichen Höhlenbewohners befand, während er sich zur kälteren Winterszeit in den dahinterliegenden Raum, die „Gothische Halle“, zurückzog, wo er nach Maßgabe der heutigen Wärmeverhältnisse einen ganz annehmbaren Aufenthalt gefunden haben mag.


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Die „Gothische Halle“.


Welch einen wunderbaren Ausblick aber eröffnen uns die thierischen Ueberreste auf das jagdbare Wild jenes urzeitlichen Menschengeschlechts! Da taucht das Rhinoceros auf und der Höhlenbär, die Hyäne und der Wolf, der Ur und der Wisent, ganz besonders zahlreich der Edelhirsch und das Reh; ferner ist die Antilope vertreten und das Wildschwein und eine Reihe von längst verschwundenen Thierarten. Auch der Hund fand sich, doch fragt es sich, ob er damals schon als Hausthier wie heute betrachtet werden darf, da er verzehrt wurde.

Kaum hatte sich der Ruf von den Herrlichkeiten der Gutenberger Höhle zu verbreiten begonnen, als auch schon eine zweite Entdeckung der ersten folgte. Etwa zwei Minuten von der Haupthöhle entfernt und von ihr aus auf ebenem Waldpfade zu erreichen, wurde im Januar dieses Jahres eine neue Höhle aufgefunden und zugänglich gemacht; theils wegen eines in der Höhle selbst gefundenen Schädels, theils wegen der wild malerischen Felspartien in ihrer Umgebung wurde sie die „Wolfsschlucht“ benannt. Wohl zeigt sie weit geringere Maßverhältnisse als die Gutenberger Höhle, aber sie zeichnet sich durch eine ganz andere und in ihrer Art nicht minder prachtvolle Tropfsteinbildung aus. Als der Verfasser dieser Zeilen nach nothdürftiger Erweiterung der ursprünglichen Oeffnung - eines Fuchsbaus - hineinschlüpfte und jedenfalls als der erste Mensch seit Jahrtausenden die Grotte betrat, in der ihm die vom Boden aufgewachsenen, über mannsgroßen Stalagmiten menschengleich, gespenstisch starr entgegenragten, da war die anfängliche Empfindung unwillkürlich doch so eine Art „Gruseln“, das sich aber sogleich in eitel Freude und Wohlgefallen verwandelte, als der unsichere Kerzenschein allmählich die einzelnen Schönheiten aus der ewigen Finsterniß hervorzog. Sind's in der Gutenberger Höhle glänzendweiße Tropfsteinwände und röhren, eisig, schneeartig, so ist hier alles trockenweiß, den Wänden eines neugegipsten Zimmers zu vergleichen, alle Ritzen mit „Mondmilch“ gefüllt, jener breiartigen Kalkausschwitzung, die heute noch vom Volk vielfach als uraltes Heilmittel eifrigst gesucht und angewandt wird, überall am Boden und an der Decke die bizarrsten Formen, partienweise an Bilder von türkischen Kirchhöfen erinnernd, einzelne Säulen klingend und tönend wie Glocken - kurz eine Zauberwelt im kleinen, die in ihrer Art ebenso überwältigend ist wie die großen Räume der erst beschriebenen Höhle! Auch hier mag's sein, daß sich noch eine Fortsetzung ins Gebirge hinein findet: bis jetzt ist's nicht der Fels, sondern weicher Höhlenlehm, der dem weiteren Vordringen Halt gebietet.

In dieser Annahme wird man durch die Thatsache bestärkt, daß sich auf der nahen Albhochfläche eine schluchtartige Vertiefung hinzieht, die ursprünglich nicht durch einen Wasserlauf, sondern wohl durch Einsenkungen entstanden ist, wie sie sich durch den Einsturz unterirdischer Hohlräume zu bilden pflegen. Die hier vorhandene Einsenkung zieht sich bis zu einem eine halbe Stunde entfernten Hochmoor bin und endigt vollständig erst in der Nähe des Randecker Moors, eines längst erloschenen vulkanischen Kraters von gewaltiger Ausdehnung (1 km Durchmesser).

Der Fels, in welchem die „Wolfschlucht“ sich öffnet, ist zur Zeit des Schneegangs mit einem besonderen Reiz ausgestattet; da stürzt sich ein Wasserfall gerade über den grottenförmigen Eingang herab, so daß der Besucher hinter dem Wassersturz steht und durch ihn in die Tiefe blickt.

Treten wir aus all der unterirdischen Pracht, die wir nun gesehen haben, wieder heraus an das Licht des Tages und stehen wir wieder draußen im hellen Sonnenschein und schauen hinab zum schmuck ins Waldthal hineingebetteten Dörflein, dessen Glocke melodisch heraustönt, so überkommt's uns beim Gedanken an die soeben zurückgelegte Wanderung unter der Erde wie in längst vergangenen Tagen, wenn uns die Großmutter das Märchen erzählte vom versunkenen Schloß und vom verwunschenen Königssohn.

Es ist, als ob Uhland das neue Wunder seines geliebten Schwabenlandes im Geist geschaut hätte, als sein Dichtermund sang:

„Ich weiß mir eine Grotte,
Gewölbt mit Bergkrystalle,
Die ist von einem Gotte
Begabt mit seltnem Halle;
Was jemand sprach, was jemand sang,
Das wird in ihr zu Glockenklang.“



  1. Im Dezember 1889. Die Ausgrabungen waren von Medizinalrath Dr. Hedinger-Stuttgart und Pfarrer K. Gußmann-Gutenberg unternommen.