Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Christoph Martin Wieland

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Christoph Martin Wieland
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 389–390
Herausgeber:
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Christoph martin wieland.jpg


Christoph Martin Wieland.
Geb. d. 5. Sept. 1733, gest. d. 20. Jan. 1813.


Ein Mann hellstrahlenden Ruhmes, welcher durch ein langes, reiche Frucht tragendes Leben hindurch mitbaute am Tempel der deutschen Nationalliteratur und sich einen unvergänglichen Namen gründete.

Wieland wurde zu Hohheim, nahe der ehemaligen freien Reichsstadt Biberach geboren; der Vater war Pfarrer des Ortes, wissenschaftlich gebildet und in theologischer Beziehung ein Anhänger der frommen Richtung, welcher unter vielen andern August Hermann Francke, sein Lehrer, zugethan war und sie angebahnt hatte; später wurde der Pfarrer Wieland nach Biberach versetzt und gab im Vereine mit der trefflichen Mutter dem früh die glücklichsten Anlagen zeigenden Sohne eine sorgfältige Erziehung. Auch das poetische Talent erwachte frühzeitig in dem aufgeweckten Knaben und er versuchte sich schon als solcher in mancherlei Dichtungen, welche Versuche er in der Erziehungsanstalt des Abt Steinmetz in Kloster Bergen an der Elbe bei Magdeburg, wohin die Aeltern ihn in seinem vierzehnten Jahre brachten, fortsetzte, dabei die Klassiker tüchtig studirte und diesen mehr Geschmack abgewann, als der Theologie, für die er doch bestimmt war und die seine junge Seele nur mit Zweifelqualen erfüllte, ihn trostlos, unglücklich und körperlich krank machte. Er hielt nur ein Jahr in jener Klosterschule aus und kam dann nach Erfurt, wo er genas und freier athmete. Nach Vollendung der Vorbereitungsstudien kehrte Wieland zu seinen Aeltern nach Biberach im Sommer 1750 zurück, und dort erblühte ihm zuerst die Blume der Liebe in der süßen und zärtlichen Bekanntschaft mit einem Fräulein Sophie Gutermann. Dann ging Wieland auf die Hochschule Tübingen und schrieb sein Buch: »Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt«, welches im Kreise der damals aufstrebenden jugendlichen Dichtergeister, wie Bodmer, Sulzer, Hagedorn, Breitinger und anderer volle Anerkennung fand. Wegen schwacher Brust gab Wieland das Studium der Theologie auf und wandte sich zur Jurisprudenz, noch mehr aber zogen den poetisch hochbegabten Jüngling schönwissenschaftliche, philosophische und Sprachstudien an; er bildete an den Klassikern, namentlich an Horaz, sich einen feinen und geglätteten Styl und gewann sich [Ξ] von den Griechen das attische Salz, wodurch später seine Schriften zur größten Beliebtheit gelangten. Im Jahre 1752 ging Wieland nach Zürich zu Bodmer, dessen befreundeter Umgang für ihn ebenso anregend und lehrreich, als läuternd und fördernd war, und wo er im Kreise der Schweizerdichter an dem Gegenstreben dieses Kreises gegen die Gottschedische Autorität und Schule einer der wackersten Mitkämpfer war. Vieles schrieb später Wieland und ließ es erscheinen, und mischte in seinen Schriften wahrhaft christliche Frömmigkeit mit heidnischer Weltweisheit, während er in jener Erstling-Periode seines Dichterlebens und Strebens nur christlich orthodox zu erscheinen suchte und dieß auch innerlich war, bis sein Genius mehr und mehr durch das Studium der Griechen und den Einfluß der Franzosen eine mehr kosmopolotische Richtung gewann und sein Geist ungehemmt und unbefangen auf freieren Schwingen zu den Höhen des Parnaß emporschwebte. Im Jahre 1754 verließ Wieland Bodmer, gab Unterricht in einigen Familien höheren Standes, wurde mit dem in Zürich spielenden Schauspieler Ackermann bekannt und versuchte sich nun auch in ernsten und heitern dramatischen Dichtungen, von denen seine »Lady Johanna Gray« sich lange auf den Bühnen behauptete. In dieser Periode begann Wieland sein Heldengedicht »Cyrus« und schrieb die Episode »Araspes und Panthea.« Endlich führte das Geschick den Dichter aus der Sphäre der Kunst und des Poesiehimmels wieder zurück in die Heimath, wo das unvermeidliche Philistertum in Gestalt eines Canzleiverweser-Amtes ihn in die Arme schloß und an die Scholle bannte. Dieß geschah 1760, und Wieland wäre der Poesie verloren gegangen, wenn nicht der Reichthum seines Geistes so groß gewesen wäre, dem Amte zu genügen und dennoch den Musen treu zu bleiben. Er wurde der erste Uebersetzer des Shakespeare, er führte den großen Britten in Deutschland ein, und in dem die Gunst des Glückes den Dichter in einen Kreis edler und liebenswürdiger Menschen führte, in welchem er die an den kurmainzischen Hofrath la Roche verheirathete Jugendgeliebte wiederfand, einen Kreis, welchen Graf Stadion belebte und in dem sich Wieland völlig heimisch fühlte, erreichte letzterer die Stellung eines feingebildeten Weltmannes, der in gesellschaftlicher Beziehung, wie in ästhetischer und geistiger die Welt nahm wie sie war, und das echt natürliche und naturgemäße dem angekünstelten und rein ideellen vorzog, welche Richtung seine Schriften jener zweiten Epoche seines Dichterlebens wiederspiegeln, vor allem sein »Agathon«, das lange bewunderte Lieblingsbuch der gebildeten Frauenwelt. Zahlreiche Schriften folgten dem Agathon, in allen wehte hellenischer Geist, geläuterter Geschmack, und alles grobsinnliche und gemeine war ihnen fern. Im Jahr 1765 schloß Wieland ein Ehebündniß mit einer liebenswürdigen Augsburgerin und nahm 1770 einen Ruf als Professor der Philosophie und zugleich als Regierungsrath zu Erfurt an. Wieland hätte vielleicht recht lange das seine gethan, die Universität zu heben, allein er wurde verketzert; den Orthodoxen war er viel zu heidnisch, sie nahmen Geist und Form seiner Schriften für Glaubensbekenntnisse. Wieland bekämpfte seine Gegner nur mit heitern Dichtungen, vertiefte sich in die Philosophie und schrieb mit großem Freimuth gegen die gesellschaftlichen Gebrechen der Hofüppigkeit, der Unterdrückung, des Pfaffenstolzes und der Rechtsverdrehung. Der Coadjutor von Dalberg empfahl Wieland der Herzogin Anna Amalia zu S. Weimar, und sie berief den berühmten Mann gern als Erzieher ihrer beiden Söhne Carl August und Constantin mit einem Gehalt von 1000 Thalern und dem Hofrathtitel nach Weimar, wohin nicht minder gern und freudig Wieland folgte. Dort lebte, wirkte und dichtete er nun nach vollendeter Erziehung des Prinzen in glücklicher Lage und stand als strahlendes Gestirn am Kunsthimmel des Ilmathen, um das sich allmählig andere Sterne reihten. Höchst bedeutend war Wieland’s schöpferische Thätigkeit; die Titel seiner zahlreichen Schriften allein füllen Seiten. Sein »Oberon«, 1780 erschienen, wurde Lieblingsgedicht der deutschen Nation. Sein deutscher Merkur einte lange Zeit die besten Dichterkräfte derselben; sein attisches Museum wirkte belebend auf klassische Studien ein. Wieland's Leben war vollbeglückt, sein Ehebund reich mit Kindern gesegnet; die Kinder seines Geistes, seine Werke, sah er in Gesammt- und Prachtausgaben vor sich, die ihm den Ankauf des Gutes Osmannstädt bei Weimar ermöglichten. Dort lebte er, von Liebe und Freundschaft auf den Händen getragen, verehrt und gepriesen in ein frohes und schönes Alter sich hinein, und blieb er auch nicht ganz kummerfrei, denn welchem Sterblichen wäre das vergönnt? – der Tod entriß ihm die hohe fürstliche Gönnerin, entriß ihm theure Kinder, die nahm ihm die geliebte Gattin nach 35jähriger Ehe von der Seite und nicht minder die Freundin Sophie La Roche, die ihr Asyl in seinem Osmantium gefunden, – so blieb sein Geist doch bis an sein Ende schaffend regsam und sein Blick in alle Zeiten und Zeitverhältnisse klar und ungetrübt, bis er im achtzigsten Lebensjahre aus dieser Sterblichkeit zur Unsterblichkeit einging.