Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Franz de Paula Gruithuisen

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Franz de Paula Gruithuisen
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 151–152
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Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Franz de Paula Gruithuisen.
Geb. 1774, gest. d. 26. Juni 1852.


Wie fremdländisch und undeutsch auch dieses Mannes Name lautet, so war er doch ein deutscher Mann, ein Mann deutscher Wissenschaft und Forschung, war Denker und Erfinder; heimisch im Reiche der Heilkunde, ein treuer Priester Aesculap’s, und nicht minder heimisch im Gefilde der ewigen Sterne, ein würdiger Priester Urania’s.

Gruithuisen begrüßte den irdischen Tag auf dem Schlosse Haltenberg am Lech, wo sein Vater als kurfürstlich bayrischer Falkonier lebte, und dieser bestimmte den Sohn zum erlernen der Wundarzneikunde, deren Laufbahn er bei einem Barbier begann, und in der er alle die praktischen Thätigkeiten übte, die für die Menschheit zwar unentbehrlich, aber keinesweges geeignet sind, den Seelenkräften höheren Schwung zu verleihen. Diesen allzuirdischen Banden entzog sich Gruithausen, indem er sich nach Wien begab, und dort eine Zeit lang, aber nicht lange Zeit eine chirurgische Schule besuchte. Der Drang, sich zu versuchen, führte ihn beim Ausbruch des Krieges, an den sich Oesterreich mit Rußland gegen die Pforte verband, 1787, schon als Knaben von 13 Jahren unter die Schaar der Feldchirurgen, und es begann für ihn ein bewegtes Leben, bis sein Geschick nach glücklicher Heimkehr in das Vaterland ihn wegen seiner stattlichen Größe der kurfürstlichen Leibgarde einreihte, wobei er als eifriger Audodidact sich Kenntnisse in der Physik zu erringen suchte, und durch eigenes streben es dahin brachte, im 27. Lebensjahre die Universität Landshut beziehen zu können. Dort studirte er eifrig Philosophie und Arzneiwissenschaft und lebte ein stilles, sittliches und ernstes Leben, indem er sich neben der Brotwissenschaft dem Studium der Sternkunde mit Vorliebe hingab.

Erst im Jahre 1808 gelang es Gruithuisen durch die Doctorpromotion eine gesicherte Stellung zu finden; er wurde Professor der Naturwissenschaften, der Anthropologie und Pathologie an der landärztlichen Schule zu München, und begann seine schriftstellerische Thätigkeit über Gegenstände der Physiologie und Astronomie, die ihm Namen und Anerkennung verschafften, ja selbst Rufe nach den Hochschulen zu Freiberg und Breslau. Aber Gruithuisen war zu sehr Bayer, um Neigung [Ξ] zu empfinden, das geliebte Vaterland zu verlassen. Da indeß seine vorwaltende Neigung, wie nicht minder seine hohe Begabung und ausgezeichnete Wissenschaft ihn mehr und mehr zum Dienst im Tempel Urania’s geweiht, wurde er“ endlich 1826 Professor der Astronomie an der Universität München. Gruithuisen’s Hauptbestreben in der neuen, erwünschten und günstigen Stellung war hauptsächlich dahin gerichtet, die Beschaffenheit der Oberfläche der unserm Planeten am nächsten stehenden Planeten, wie des Mondes und der Sonne näher zu erforschen, und da das lohnendste Ziel solcher Forschung im Trabanten unserer Erde zu winken schien, so wurde dieser Hauptaugenmerk des Münchner Astronomen, der im nahen Neuberghausen auf hohem Plateau mit umfassendstem Horizont in günstigster Lage für astronomische Wahrnehmungen – wohnte.

Der Eifer, mit welchem Gruithuisen seine selenographischen Studien verfolgte und in Schriften veröffentlichte, war stark und lebendig, aber hier nun war es, wo der verdienstvolle Astronom in den Fehler zahlloser Forscher verfiel, das zu sehen, was sie sehen wollen. Er hielt die feinen, viele Meilen weit über die Mondfläche geradlinig sich hin erstreckenden schmalen Rillen für Kunststraßen der Mondbewohner, wollte im Mond Festungen entdeckt haben u. dgl., und stellte so selbst seinen geachteten Namen im Auge der Kundigen neben den eines bekannten phantasievollen Freiherrn, wie er die Satyre und Ironie herausforderte, die auch nicht auf sich warten ließ, sondern in der Flugschrift eines Pseudo-John Herrschel die Kundigen belustigte, und die Albernen und Blindgläubigen, deren Zahl in Sachen der Wissenschaft stets Legion ist, lange genug am Narrenseil humoristischer Täuschung führte.

Trotz mancher aus diesem Irrthum entspringenden Verhöhnung blieb Gruithuisen dennoch seinen Forschungen beharrlich treu bis zum Lebensende, und leistete wesentliche Dienste in dem von ihm mit so viel Liebe erfaßten Berufe. Als Arzt und Philosoph hatte er durch seine Schriften über Naturgeschichte, Anthropologie, Physiognosie und Selbsterkenntniß, Organozoonomie, einleitende und vorbereitende Studien über Chirurgie u. s. w. schon treffliches geleistet; ja sogar ein wichtiges und praktisch nützliches chirurgisches Werkzeug erfand Gruithuisen, und die Pariser Akademie erkannte diese Erfindung durch eine Belohnung von 1000 Francs an. Als Astronom und Physiker verfaßte er eine Naturgeschichte des gestirnten Himmels, Analekten zur Erd- und Himmelskunde, ein astronomisches Jahrbuch, und wirkte dauernd anregend und weiterfördernd auf seine Schüler, wobei die trefflichsten Instrumente aus den berühmten optischen Werkstätten von Frauenhofer, Uzschneider und Reichenbach in München ihm wesentliche Dienste leisteten.

Was auserwählte und berufene Geister vor ihm schon geahnet, die Beseelung der Körper im Makrokosmos an sich, und deren Bevölkerung gleich dem irdischen kleinen Planeten mit geistbegabten Naturen, lebte als Gewißhell auch in dieses Forschers Seele und Ueberzeugung, daher die Geneigtheit, dem Mond zunächst Bewohner zuzuschreiben mit irdisch technischen Fertigkeiten, freilich nur eine geniale Hypothese, denn jeder Weltkörper ist vom andern so wesentlich verschieden, daß kein menschlicher Gedanke das richtige seiner körperlichen Beschaffenheit und vielleicht geistigen Bevölkerung zu ahnen vermag.

Gruithuisen genoß ein schönes Leben und erreichte, mit dem Glück voller Lebenskraft bis zum hohen Alter begabt, ein ziemlich spätes Ziel im 79. Jahre seines Alters. Mit Ruhe blickte er zu den Sternen empor, bevor seine Seele zum Aether aufschwebte, mit Ruhe starb er. Einer der begabtesten Schüler Schwanthaler’s, Bildhauer Riedmütler, modellirte Gruithuisen’s Büste voll Ernst und gediegener Auffassung, die das körperlich-stattliche und geistig geadelte der irdischen Hülle des Verklärten in sich vereinigt.