Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Georg Ernst, Fürst von Henneberg

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Georg Ernst, Fürst von Henneberg
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 171–172
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen-171.jpg


Georg Ernst, Fürst von Henneberg.
Geb. d. 27. Mai 1511, gest. d. 27. Dez. 1583.


Auch dieser deutsche Reichsfürst gehörte zu den Förderern der Reformation und zeichnete sich aus durch Einsicht und hohe Regententugenden. Er entstammte einem edlen Geschlechte, das aus den Gaugrafen des alten Frankenlandes hervorging, zahlreiche Besitzungen erwarb und in mehrere Zweige sich abtheilte, von denen der bedeutendste die Schleusinger Linie war. Dem Sohn des Begründers dieser Linie, dem weisen Berthold VII. (X.) ertheilte Kaiser Heinrich unterm 25. Juli 1310 das Fürstenstandsprivilegium, welches die nachfolgenden Kaiser, zum Theil mit goldenen Bullen, bestätigten. Aus der andern Henneberger Grafenlinie, der Aschach-Römhilder, ging jener berühmte große Berthold XV. (XVIII.), Erzbischof zu Mainz, Reichserzkanzler und rechte Hand der Kaiser Friedrich III. und Maximilian I., hervor.

Fürst Georg Ernst war ein Abkömmling der Schleusinger Linie; seine Geschichte ist schwer trennbar von der seines sehr frommen, aber tüchtigen und biedern Vaters, mit dem er lange die Regierung theilte, Fürst Wilhelm’s VI. (VII.). Diesem waren nicht weniger als 64 Regierungsjahre beschieden, innerhalb deren die ganze großartige Zeitbewegung fiel, welche eine Aera in der deutschen Geschichte abschloß und eine neue begann. Seinen Frommsinn legte Fürst Wilhelm durch die Begründung der Wallfahrt zu Grimmenthal 1498 an den Tag und durch zahlreiche Schenkungen an Klöster. Er selbst erbaute zu Schleusingen ein Barfüßerkloster; er steuerte dem Kleiderluxus, schuf manche nützliche Einrichtung und suchte seinen zahlreichen Kindern durch das eigene Beispiel und durch guten Unterricht eine treffliche Erziehung zu geben, die nicht bei allen so anschlug, wie bei dem fünften Sohne, Georg Ernst.

Dieser wurde zu Schleusingen geboren, seine Mutter war Anastasia, kurfürstliche Prinzessin von Brandenburg. In den Jünglingsjahren besuchte Georg Ernst die Höfe zu Brandenburg, Jülich und Hessen; er befreundete sich mit dem jungen Landgrafen Philipp, übte sich in ritterlichem Kampfe, besuchte mit Philipp von Hessen 1530 den Reichstag zu Augsburg und zog als Führer der Reichshülfe, die das Land Henneberg dem Kaiser Karl V. leisten mußte, und an der [Ξ] Spitze der fränkischen Kreistruppen als Hauptmann und Feldobrister einige male mit gegen die Türken. Er zeichnete sich auf einem dieser Züge vornehmlich dadurch aus, daß er durch seine persönliche Tapferkeit den Herzog Moritz (Lief. 21) aus drohender Lebensgefahr erretten half.

Georg Ernst vermählte sich 1543 mit Elisabeth, Prinzessin zu Braunschweig Lüneburg, nachdem ihm im Januar d. J. sein Vater die Mitregentschaft übergeben, während zugleich Georg Ernst’s jüngster überlebender Bruder (drei ältere und ein jüngerer waren gestorben, und Christoph, der drittgeborene, war geistlich) auf die Regierung verzichtete.

Während Fürst Wilhelm mit aller frommen Treue an der alten Kirche hing, sodaß man ihn sogar 1521 beschuldigte, er habe Luther heimlich aufheben und in ein Gefängniß schleppen lassen, wogegen er sich aber männlich vertheidigte, und während ein älterer Sohn, Johann IV., die Würde eines Fürstabts zu Fulda bekleidete, war Georg Ernst’s Gemüth der Reformation zugelenkt worden, und er bekannte sich ein Jahr nach seiner Vermählung öffentlich zur augsburgischen Konfession. Diese schon vorher auch in seinem Lande einzuführen, ohne doch die Gefühle seines strenggläubigen Vaters zu verletzen, berief Georg Ernst den Wittenbergischen Professor, Dr. Johann Förster, nach Schleusingen, ernannte denselben zum Oberpfarrer, wie zum Visitator, und übertrug ihm das wichtige Geschäft der Reformation, während Fürst Wilhelm erklärte, daß er mit seinem Hofe katholisch bleiben wolle. Später nahm aber auch der alte Herr das evangelische Bekenntniß an, und zeigte sich von einer bewundernswürdigen Standhaftigkeit in der neugewonnenen Ueberzeugung dadurch, daß er dem Kaiser Carl V. gegenüber die Annahme des Interims, die ihm zugemuthet wurde, in einer zwar bescheidenen, aber doch entschiedenen Vorstellung ablehnte, an welcher wohl der Sohn nicht ohne Antheil geblieben sein mag. Dieß geschah 1549, während 2 Jahre früher Fürst Georg Ernst des Kaisers heftigen Zorn gegen die halb hennebergische, halb hessische Stadt Schmalkalden, die sich durch die in ihr gehaltenen vielen Convente der Schmalkaldischen Bundesverwandten und der reformirenden Theologen die höchste Ungnade zugezogen hatte – durch einen demüthig fürbittenden Fußfall entwaffnet und die Stadt gerettet hatte. Fürst Georg Ernst richtete ein Consistorium ein, gründete das schleusinger Gymnasium mit zahlreichen Freitischen im dortigen Augustinerkloster, welches, gleich den übrigen zahlreichen Klöstern in der gefürsteten Grafschaft, aufgehoben wurde, verwendete die Stifts- und Klöstereinkünfte auf Kirchen und Schulen, verwandelte den Wallfahrtort Grimmenthal in ein Hospital, das noch heute fortbesteht, und wurde so der wohlthätige Reformator eines nicht unbedeutenden Landes, das sich durch den Anfall der Herrschaft Römhild, deren Grafengeschlecht erlosch, 1549 wesentlich vergrößerte. Künste und Handwerke suchte Fürst Georg Ernst nicht minder zu heben, wie den Bergbau bei Ilmenau und Suhl, und die Stahlwaaren- und Waffenfabrikation der Städte Suhl und Schmalkalden. Zahlreiche Verträge mit Hessen, Sachsen und Würzburg regelten das politische Verhältniß der Henneberger Lande für den Fall des Aussterbens des Stammes, der mehr und mehr zu erfolgen drohte. Fürst Wilhelm, seit dem 4. Juli 1554 Witwer, hatte in einem Kranze von sieben lebenden blühenden Kindern gestanden – vier starben in der Kindheit, er hatte unklug von fünf Söhnen drei dem geistlichen Stande geweiht und den kräftigsten Sproß, Wolfgang, in einen unnützen Krieg unter Karl V. ziehen lassen. Wolfgang fiel 1537 vor Chierasco. Der fromme Prälat Johann, Fürstabt Fulda’s, starb 1541; eine Tochter, Margarethen, an Graf Johann zu Sain und Wittgenstein vermählt, starb 1546 zu Berleburg. Auch Katharina, die hochherzige Hennebergerin, vermählte Gräfin von Schwarzburg, und Witwe seit 1538, starb vor ihrem Vater. Der Sohn Christoph, ein feuriger Herr, der dem Stamme neue Sprossen zu geben vollbefähigt war, mußte gegen Willen und Neigung seine Kraft im geistlichen Stande vertrocknen lassen; er bereitete dem Vater vieles Herzeleid, und starb 1548. Nur Georg Ernst und Poppo, wie die Töchter Walburgis und Elisabeth, überlebten den Vater, erstere als Gräfin zu Gleichen, Herrin zu Krannichfeld, die letztere als Gräfin zu Solms. Poppo entsagte dem geistlichen Stande und vermählte sich 1546 mit Prinzessin Elisabeth von Brandenburg und nach deren 1558 erfolgtem Tode noch einmal mit Sophia, Prinzessin von Braunschweig. Diese zweimalige Vermählung Fürst Poppo’s, blieb erfolg- weil erbenlos; er selbst starb 1574. Die erste Gemahlin Fürst Georg Ernst’s gebar ihm nur einen Sohn, der gleich nach der Geburt starb; sie selbst schied 1566 aus dem Leben. Eine nochmalige Vermählung des Witwers mit Elisabeth, Prinzessin zu Würtemberg, blieb, zumal die Fürstin kränklich war, ebenfalls ohne Kindersegen. Das Schicksal eilte mit dem Hause Henneberg zu Ende. Fürst Wilhelm starb 1559 in einem Alter von 81 Jahren, der Sohn Georg erreichte ein Lebensziel von 72 Jahren; er war der letzte seines Stammes und Hauses, das mit den angesehensten deutschen Fürstenhäusern verwandt war. Eine wunderbare Fügung hatte den betagten Fürsten von seiner Residenz in das Dorf Henneberg zu ungünstiger Winterzeit geführt, über welchem die umfangreichen Trümmer der Stammburg des alten Grafengeschlechts ruhen. Längst war diese Stammburg von den Trägern ihres Namens verlassen – kaum weiß man, welche von den Vorfahren sie bewohnt. Vielleicht zog eine ernste innere Mahnung den fürstlichen Greis noch einmal hinauf zur Ahnenwiege – Schauer erfaßten ihn – und er endete im Hause eines ritterlichen Vasallen im Dorfe Henneberg. Groß war um den milden und geliebten Regenten die Trauer, höchst feierlich sein Leichenbegängniß. Er ruht in der Schleusinger Gruftkapelle bei den Ahnen, Geschwistern und der ersten Gemahlin, seine Witwe verheirathete sich wieder. Georg Ernst blieb im Lande, das nun zunächst an Sachsen überging, lange und noch bis heute unvergessen.