Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Gottfried August Bürger

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Gottfried August Bürger
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 47–48
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Gottfried August Bürger.
Geb. d. 1. Jan. 1748, gest. d. 8. Juni 1794.


Ein hochbegabter Dichtergeist, voll Kraft und Flamme, wohl auch voll Sturm und Drang, viel geliebt, gelobt und gefeiert, auch wieder hart getadelt und mehr durch eigene als durch fremde Schuld untergesunken in den Wogen seines stürmischen Lebens; dennoch bleibt Bürger unvergessen; er lebt fort im Andenken der deutschen Nation als einer ihrer lorbeerbekränzten Unsterblichen.

Molmerswende im Fürstenthum Halberstadt war Bürger’s Geburtsort, wo der Vater Prediger war. Der heranwachsende Knabe erregte keine großen Hoffnungen, fremde Sprachen wollten ihm nicht eingehen, aber der Strahl der Poesie durchblitzte doch schon ahnungsvoll die junge Seele. Im Jahre 1765 des Vaters beraubt, wurde der junge Bürger durch den Großvater unterstützt, der ihn auf die Stadt-Schule zu Aschersleben that. Dort, wie auf dem später besuchten Pädagogium zu Halle, wurde ein lustigmuthwilliges Schülerleben geführt, in Halle mit Göckingk und dem Geheimrathe Klotz innige Freundschaft geschlossen, das Schülerleben in ein nicht minder frisches, freies und fröhliches, wenn auch nicht eben frommes Studentenleben umgewandelt, dabei erst Theologie, dann von 1768 an in Göttingen Rechtskunde studirt und keineswegs ein Uebermaaß von Kenntniß und Wissen erworben.

Der lebenskräftige Jüngling Bürger wurde ein flotter Bruder Studio und machte dem guten Großvater gar manchen Kummer, bis dieser sich endlich veranlaßt fand, seine Hand völlig von dem Enkel abzuziehen. Indeß rettete die Hand der Freundschaft und eigenes sich emporraffen von unsittlicher zu sittlicher Lebensbahn aus dringendsten Verlegenheiten; am nächsten standen Bürger Biester, Sprengel und Boje, später traten die Grafen Stolberg, Noß, Miller, Cramer, Hölty, Hahn, Leisewitz u. a. zu dem Kreise oder halfen ihn bilden, und es begründete sich 1772 der göttinger Dichterbund, welcher so großen und wesentlichen Einfluß auf die fernere Ausbildung der deutschen Poesie ausübte. Bürger war übrigens diesem Bunde nicht eigentlich beigesellt; er hing nur durch Boje, Hölty und Cramer mit ihm zusammen, doch theilte er dessen Streben und rang sich im Umgang der Freunde empor, [Ξ] hörte ihre Urtheile über seine poetischen Leistungen, feilte eifrig, las ältere und neuere Dichter und schrieb voll Begeisterung viele seiner schönsten Dichtungen. Aus Percy’s Ueberbleibseln der altenglischen Poesie sog Bürger die Vorliebe für Ballade und Romanze, und war so glücklich, die wenigen Versuche, welche bereits Gleim und einige andere in diesen Formen der epischen Dichtung gemacht hatten, weit zu überflügeln. Auch die gleichzeitig strebenden Hölty, die Stolberge u. a. ließ er in der Ballade hinter sich zurück, obschon ein gewisser einfarbiger Ton, selbst oft des Metrums nahe verwandte Einerleiheit der Balladendichtung jener Mitglieder des Göttinger Hainbundes eigen ist und manche höchstprosaische, ja häufig triviale Wendung und Ausdruckweise sie weit unter die Balladen Goethe’s ordnete. Dieser Mißgriff entsprang einzig dem Irrthum so vieler, der Volksdichter dürfe oder müsse sogar gemein schreiben. Später that Bürger dieß nicht mehr; er erkannte das richtige und ehrte den Geschmack.

Das eifrige Studium Shakspeare’s wirkte nicht minder vortheilhaft und anregend auf Bürger ein; er fand zudem durch Boje’s freundschaftliche Vermittlung 1772 eine kleine Stellung als Justiziar der Herren von Uslar auf Altengleichen, welche zwar nicht glänzend war, aber doch einigen festen Halt und Gehalt bot, auch den noch immer zürnenden Großvater versöhnte und zur Zahlung der Schulden des Enkels bewog, sowie er auch Bürgschaft für letzteren leistete. Durch einen unredlichen Freund wurde Bürger leider um den größten Theil dieser Summe betrogen, und dieser Umstand brachte ihn in nachhaltige Verlegenheiten.

Der ländliche Aufenthalt war Bürger’s Muse günstig; die Dichtung seiner »Lenore«, die ihn so berühmt machte, entstand in dieser Zeit; langsam reifend, eine schwere Geburt, rang sich dieß Gedicht von seinem Herzen; er führte gleichsam Protocoll über die Entstehung jeder Strophe, schrieb davon fast allen seinen Freunden, feilte unendlich viel daran und heraus, und konnte neben so manchen hochpoetischen Stellen doch manche ganz prosaische Wendung nicht überwältigen. Bürger’s Lenore entrollt als Gedicht den ganzen dämonischen Charakter sinnlich glühender Leidenschaft, die den Dichter selbst beseelte und dem Verderben weihte, aber er schrieb dennoch mit ihr seinen Namen in das goldene Buch der auserkorenen.

Im Jahre 1774 verheiratete sich Bürger mit Dora Leonhart, zog nach dem Dorfe Wölmershausen, das in seinem Gerichtssprengel lag, und nahm die 14 bis 15jährige Schwester seiner Frau, Auguste, mit in seinen jungen Haushalt auf. Die Gattin wußte seine Liebe wohl nicht zu fesseln, die vor seinen Augen sich entfaltende junge Rose warf Flammen der Leidenschaft in das leicht erregbare Dichterherz; langer harter Kampf und endliches erliegen und ein von der Sitte verdammtes Verhältniß war die Folge, welchem die Lieder an Molly so schön und glühend entsproßten, wie die Nenuphar einem heißen Sumpfe Indiens. Nach zehn Jahren eines Lebens voll Qual und Marter der Liebe löste der Tod von Bürger’s Frau 1784 das Eheband, nachdem Bürger, um sein Einkommen zu bessern, eine Pachtung übernommen hatte; prosaischeres und unklugeres konnte der Dichter, der von Oekonomie nichts verstand, nicht thun; ein Jahr vor dem Tode seiner Frau gab er die Pachtung wieder auf, aber er hatte fast das ganze Vermögen seiner Frau und Schwägerin in dieses Unternehmen gesteckt und rettete wenig oder nichts. Jener falsche Freund, der Bürger um sein Geld betrogen hatte, klagte ihn fast gleichzeitig des Mangels an Ordnung und Treue in seinem Amte an, und Bürger, obschon unschuldig, legte seine Stelle nieder und zog nach Göttingen. Jetzt stand er nun ganz frei – arm und doch unermeßlich reich, ein Gott im Ueberschwang seiner Gefühle. All sein sinnen, denken und fühlen goß er in das einzige herrliche „Hohe Lied von der Einzigen“, dessen überreiche überschwengliche Kraft- und Prachtsprache, dessen absichtvoller „Pomp der Töne“ unerreichbar erscheint. Es war das Wonne- und Wollustjauchzen eines gefangenen Sprossers, der in einer Mainacht sich dem Kerker entrungen, es weinen noch heute fühlende Herzen die seligen Thränen, die gewiß der Dichter bei Vollendung dieses Liedes weinte. Auguste – seine Molly, seine Einzige, wurde sein – wäre sie es geblieben, so blieb Bürger ein beglückter Mann, sein wachsender Ruhm hätte ihn nicht untergehen lassen. Aber Auguste starb im ersten Wochenbette, und gebrochen war ihm, dem feurig liebenden, Kraft und Muth und Mannheit. In Göttingen las Bürger als Privatdocent über die Philosophie Kants, und fristete damit seinen Unterhalt, während er zu kränkeln begann. 1789 wurde er zum Professor extraordinarius ernannt, aber ohne Gehalt. Seine Kinder erheischten eine Erzieherin, eine Mutter – statt nun mit 42 Jahren ein vernünftiges Eheband zu schließen, ließ er sich durch eine romantische Schwärmerei und durch ein Mädchen aus Schwaben bethören, das ihn ansang, sich ihm antrug – er heirathete 1790 diese Elise Hahn und mit ihr die Hölle. Nach 2 Jahren ließ er sich wieder von ihr scheiden, und sie durchzog deklamirend und abenteuernd die deutschen Länder, und trug, indem sie frech seinen Namen fortführte, den Schimpf und die Verirrungen des armen Dichters durch die Welt, zuletzt kaum von einer Vagabundin zu unterscheiden. Bürger fiel in Verarmung und Siechthum, die Freunde verließen ihn; zu spät, wie gewöhnlich, kam ihm eine Hülfe und neue Hoffnung – Kummer und Krankheit führten ihn zum schnellen sanften dahinscheiden im 47. Lebensjahre. Ein Dichterleben! Ein Dichterloos! –