Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Heinr. Friedr. Carl, Freiherr vom und zum Stein

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Heinr. Friedr. Carl, Freiherr vom und zum Stein
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 359–360
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen-359.jpg


Heinr. Friedr. Carl, Freiherr vom und zum Stein.
Geb. d. 25. Oct. 1757, gest. 29. Juli 1831.


Dieser hochberühmte Staatsmann, dem Deutschland unendlich viel schuldet und dessen Andenken ein dauernd gesichertes ist, wurde zu Nassau geboren, und widmete sich in Göttingen staatswissenschaftlichen Studien. Nach der Rückkehr von der Universität fand der äußerst befähigte junge Mann, der einer der ältesten und angesehensten Familien angehörte, bald eine Anstellung als preußischer Bergrath, 1793 als Kammerpräsident in Westphalen, in welcher Stellung er sich unter anderm durch bedeutende Straßenbauten große Verdienste erwarb. Als der Minister Struensee mit Tode abgegangen war, erhielt v. Stein das Ministerium über die Abtheilung des Zoll-, Accise-, Steuer- und Fabrikwesens, welches ihm aber manchen Verdruß und manche Reibung zuzog, die sein von Natur heftig angelegter Charakter ihn nicht ertragen ließ, und da er den Schutz nicht fand, den die Lenker an den Spitzen der verschiedenen Zweige der Staatsverwaltung für die Ausführung ihrer Anordnungen haben müssen, so begehrte er im Januar 1807 seinen Abschied, der ihm auch in nichts weniger als gnädigen Ausdrücken ertheilt wurde.

Freiherr vom Stein zog sich auf seine Güter zurück, während Deutschland und zumal Preußen in trauervoller Erniedrigung von der napoleonischen Herrschaft gehalten und geknechtet wurde. Wohl fühlte man, wie sehr die rechten Männer fehlten, den ganz niedergedrückten Volksgeist wieder zu beleben, und wie sehr es Noth thue, durch wohl überdachte Einrichtungen eine Aenderung der Dinge vorzubereiten. Freiherr vom Stein war ein solcher Mann im höchsten Sinne des Wortes, Preußen rief ihn zurück, und er bewirkte eine Umgestaltung des verwaltenden Staatswesens, die sich von den nachhaltigsten nützlichen Folgen zeigte, während Scharnhorst in der Stille und in verwandter Weise die Umgestaltung des preußischen Heerwesens vorbereitete und bewirken half. Es waren tiefeingreifende Veränderungen, welche v. Stein anbahnte, sie fanden auch nicht gleich allgemeine Anerkennung und Billigung, am wenigsten bei v. Stein’s Standesgenossen, beim höhern und niedern Adel, denn nach einem Edict vom 9. Oct. 1807 wurde dem Adel das vorher ausschließliche Recht auf den Besitz von Rittergütern entzogen, auch der Bürger und Bauer durften nun Rittergutsbesitzer [Ξ] werden, dagegen war dem Adel erlaubt, auch Bauerngüter zu besitzen und zu bewirthschaften, Gutspachtungen zu übernehmen, Handelschaft und jedes andere beliebige bürgerliche Gewerbe zu betreiben. Im Bauernstande wurde durch jede mögliche Begünstigung Liebe zum Vaterlande geweckt; der Bauer hörte auf, Unterthan seines Gutsherrn zu sein, er wurde Staatsbürger; die früheren Leistungen wurden, wo dieß irgend anging, ablösbar gemacht, und dieß alles wirkte in vorher nicht geahnter Weise auf den Volksgeist ein, und bereitete den begeisterten Aufschwung vor, den die Befreiungskriege zeigten. Und dieß war das erhabene Ziel, welches dem edlen Freiherrn vom Stein vorschwebte. Wie der Bauernstand mit Glück geistig zu heben versucht wurde, so auch der Bürgerstand. Eine allgemeine Städte-Ordnung, welche von Königsberg aus erlassen wurde, gab dem preußischen Bürgerthum wieder innern Halt; gute alte Einrichtungen, welche die Zopfzeit verdrängt hatte, wurden erneut; auch das Schützenwesen ward ebenfalls neu belebt: die Schützengilden wurden wieder, was sie im Mittelalter gewesen, Mannschaften des Schutzes, nicht blos des Schießens zum Vergnügen. Dadurch, daß jede Stadt in ihren Schützen eine aus ihren besten Bürgern gebildete Wehrkraft gegen plötzliche Noth und Gefahr in ihren Mauern besaß, die, soldatisch geübt, ordnungvoll wirkte, wurden dem Staate Millionen für soldatische Besatzungen und Polizeimannschaften erspart; die Schützengilden kosteten höchstens einmal eine Fahne, ein Kleinod, ein anerkennendes königliches Schreiben. Stein’s immer waches Auge blickte noch weiter – unter seiner Aegide begründete sich in Königsberg, vom Könige bestätigt, der Tugendbund, der bald über das ganze Königreich und bis nach Westphalen und Hessen seine Verbindungen schlang. Er war weit verschieden von seiner ziemlich verunglückten, obschon treu gemeinten Nachahmung im Jahre 1849, die mit halbmaurerischen Formen und einem über die Maaßen mangelhaften Statut hervortrat, um bald genug wieder in ihr Nichts zurückzufallen. Auch dieser Bund hatte die Aufgabe, vor allem Treue dem Könige und seinem Hause, Stärke im Dulden, Muth im Hoffen, Deckung des Bürgersinnes, Beseitigung schroffen spaltenden Kernhaltens zwischen dem Nähr- und Wehrstande – das aber stets wiederkehrt, sobald die Gefahr vorüber ist und die Verbrüderungsfeste verrauscht sind. Dem argwöhnischen Späherblick des Zwingherrn und seiner Schergen entging die Bewegung nicht, die sich in Preußen regte, es entging ihr die Wirkung nicht, welche der Tugendbund übte. Der Freiherr vom Stein, obschon er als Mitglied des Tugendbundes gar nicht genannt wurde, galt, zudem durch einen in Feindeshände gerathenen Brief verdächtigt, dem französischen Cabinet als Haupt jener Bewegung und dieses Bundes und wurde von Napoleon geradezu geächtet. Dieß hatte Stein’s Austritt aus dem Ministerium zur Folge und führte die Aufhebung des Tugendbundes durch königlichen Befehl herbei. Die Form, ohnehin keine feste, konnte fallen, der Geist blieb lebendig und that sich dann in den Befreiungskriegen durch einen Heldensinn kund, von dem die Geschichte nicht viele Beispiele zählt. Kriege und Siege brachten auch den Freiherrn vom Stein wieder an eine für ihn geeignete Stelle, er trat an die Spitze der »deutschen Centralbehörde«, deren Einrichtung die Zeitverhältnisse nöthig gemacht hatten, und wirkte eifrig in derem Dienst. Nach völlig hergestelltem Frieden und nach Beendigung des Wiener Congresses nahm Freiherr vom Stein auch an den Wissenschaften lebhaften Antheil und begründete zu Frankfurt den Gelehrtenverein zur Erforschung deutscher Geschichte und Herausgabe von Quellenwerken, für den er die Unterstützung aller deutschen Bundesregierungen in Anspruch nahm, welche auch durch viele Jahre gewährt wurde, wodurch es möglich ward, die genannten Werke in großen und sehr theuern Prachtausgaben, die leider fast nur fürstliche Privat- und reich begabte öffentliche Bibliotheken sich anschaffen können, erscheinen zu lassen. Später zog sich Freiherr vom Stein auf seine Güter zurück, wurde aber zum Landtagsmarschall von den westphälischen Provinzen ernannt, und beschloß dort, wo er sie recht eigentlich begonnen, seine erfolgreich wirksame, nach vielen Richtungen hin fördernde und anregende Laufbahn, die ihm unvergänglichen Nachruhm schuf.