Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Johann Carl August Musäus

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Johann Carl August Musäus
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 273–274
Herausgeber:
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Johann karl august musaeus.jpg


Johann Carl August Musäus.
Geb. 1735, gest. d. 28. Oct. 1787.


Musäus war eine gemüthliche Dichternatur, voll Humor und Laune, voll Witz und Liebenswürdigkeit, selbst Satiriker – aber ohne zu verwunden, und wurde der Liebling vieler, obschon er nur als bescheidener Stern neben den Sternen erster Größe an Weimars Poetenhimmel glänzte.

Musäus wurde in Jena geboren, wo sein Vater Landrichter war, jedoch später als Rath und Amtmann nach Eisenach versetzt wurde. Den Sohn nahm ein Verwandter, Superintendent Weißenborn in Allstädt, zu sich, und das Geschick fügte es, daß auch letzterer als Generalsuperintendent nach Eisenach berufen wurde, wo nun der Knabe vom 9. bis zum 19. Jahre blieb und eine gute Erziehung empfing. Dann ging der Jüngling nach Jena, studirte Theologie, erwarb deren Magistergrad und wurde Mitglied der deutschen Gesellschaft, worauf er, als etwas (in jener Zeit) bedeutendes, großen Werth legte, denn auf Stammbuchblättern, die er in jener Lebensperiode mit einer schrecklich verschnörkelten steifen Kanzleihand mehr malte, als schrieb, unterließ er nie, zu bemerken: D. G. G. M. und der teutschen Gesellschaft das. ordentl. Mitglied.

Nach vollendeten Universitätsstudien wurde nun Musäus wohlbetrauter Candidatus rev. Ministerii, nach dem Wortlaut des Zopfstyls, predigte auf Dörfern mit Beifall und wäre beinahe Pfarrer geworden, wenn er nicht einmal vom Weltgelüst sich hätte verleiten lassen, in Fischbach oder einem andern Dorfe – zu tanzen. Solchen Pfarrer wollten die Bauern, zu deren Seelsorger Musäus bestimmt war, nicht, und es war auch, kein Amtmann der Gellert’schen Fabel da, der sie mit einleuchtenden Worten eines besseren hätte belehren können.

Musäus wurde nun nicht Pfarrer, sondern Schriftsteller. Es war gerade die Zeit, wo Richardson mit seinem »Grandison« der Lesewelt die Köpfe verrückte, was stets von Zeit zu Zeit dem glücklichen Griff und Wurf irgend eines oder des andern Dichters zu gelingen pflegt, ohne daß gerade das in Rede stehende Werk ein ausgezeichnetes zu sein braucht – und Musäus parodirte den Grandison höchst glücklich durch [Ξ] seinen Grandison den zweiten, d. h. glücklich für seine Zeit, denn jetzt dürfte es kaum noch einen Leser geben, der nach Grandison I. oder II. irgend ein Verlangen trüge.

Musäus wurde zum Pagenhofmeister in Weimar ernannt, ein Posten, dem er ganz gut vorstehen konnte, und erhielt später auch eine Professur am Weimarschen Gymnasium, ertheilte Privatunterricht, nahm Kostgänger in das Haus und führte so ganz das Leben eines Staatsdieners, der zum sterben zu viel und zum leben zu wenig Einnahme hat, das Leben von tausenden wackeren, für höheres und besseres berufenen Lehrern, die »das beste, was sie wissen können« – nach Goethe’s Ausspruch: »den Jungen doch nicht sagen« dürfen.

Zu seinem Glück aber war Musäus eine zufriedene, glücklich begabte Natur, bescheiden und genügsam, und ließ sich auch durch die ihm später im reichen Maaß zu Theil werdende Anerkennung nicht schwindlich machen. Mit der jovialsten Laune griff er wieder zur literarischen Geisel und persistirte in seinen »physiognomiken Reisen« die herrschende Zeitthorheit, die in sich zwar philosophisch wissenschaftliche Begründung habende, aber doch aller Narrheit Spielraum gebende Physiognomik, Lavater’s Schooßkind.

Ungleich bedeutsamer trat einige Zeit darauf Musäus mit seinen »Volksmärchen der Deutschen« hervor, durch die er einer in Deutschland fast noch neuen Novellenform Bahn brach, welche häufigste Nachahmung fand, letztere durch den Beifall geweckt, der der ersteren zu Theil ward. Es mußten Jahrzehnte, ja ein halbes Jahrhundert vergehen, ehe viele sich von der Idee loszureißen vermochten, Musäus habe wirklich Volks-Märchen erzählt. Er nahm einen Märchen- oder Sagenstoff, den er sich wohl von alten Weibern oder Soldaten mittheilen ließ, schmückte ihn mit Phantasie und Laune, spann ihn ins Weite und Breite, und das gefiel, das galt dem Geschmack der meisten seiner Zeitgenossen wirklich für Märe und Sage; ja er nahm auch das Wort Legende dazu und gebrauchte dieß im allerfalschesten Sinne, verwirrte damit die Begriffe und regte das Heer der Nachahmer an, es ihm nachzuthun. Alle diese Mißgriffe benehmen aber keineswegs den Dichtungen des jovialen Mannes ihren Werth, letztere behalten immerhin ihre Geltung, und es würde gewagt sein, ihnen ihre Berechtigung abzusprechen. Musäus weckte doch den Sinn für die Volkspoesie, für Mär’ und Sage wieder in der Lesewelt, und das ist kein geringes Verdienst.

Musäus, der zwar in Weimar wohnend, aber auf dem dicht über der Stadt vor dem Kegelthore sich er hebenden Hügel, die Altenburg genannt, sich ein ländliches Gartenasyl gegründet hatte, fühlte sich gedrungen, fort und fort zu schreiben; so entstand neben der Theilnahme an der gothaischen Gelehrten Zeitung und der allgemeinen deutschen Bibliothek noch das Buch: »Freund Hein’s Erscheinungen in Holbein’s Manier (mit Bildern) von J. R. Schellenberg« – ein Buch, das, in die Todentanzliteratur einschlagend, freie Phantasten über Todes-Ueberraschungen enthält, die mehr mit Laune gewürzt, als von Tiefe durchdrungen sind – ferner ein Bändchen »Straußfedern«, von andern später fortgesetzt – Moralische Kinderklapper für Kinder und Nichtkinder nach Monget’s Hochets moraux, die Musäus aber auch nicht ganz vollendete, vielmehr vollendete er selbst an einem Herzpolypen schon im 52. Lebensjahre, sanft und harmlos, wie er gelebt hatte.

August von Kotzebue, Musäus dankbarer Schüler und späterer Freund, übernahm es, die nachgelassenen Papiere des Verstorbenen zu ordnen und was davon tauglich erschien, herauszugeben, indem er zugleich eine freundlich anerkennende Charakteristik voranstellte, und es bot auch diese Sammlung manches unterhaltende und neue, vor allem auch eine schöne, dem Andenken des verewigten gewidmete Rede Herder’s. Vielfach wurde in Schriften der Zeitgenossen anerkennend und Wohlwollend der Verdienste und Gaben des Dichters gedacht, und noch mehr des Menschen, denn trotzdem, daß er Humorist und Satyriker war, daß er oft gegen die Gebrechlichkeiten und Schwächen der Gesellschaft die Geisel des Spottes schwang, trollte niemand ihm, dem Wohlwollenden, übel. Er war stets heiter, gemüthvoll, dienstfertig, bescheiden, fast überhöflich, zufrieden mit seiner Stellung, die ihm allen Luxus versagte, immer voll Hoffnung auf die bessere Zukunft, die ihm auf Erden freilich nicht kam. Lachend sagte Musäus die Wahrheit, und so that er seinen Zeitgenossen genug.

Die Volksmärchen erlebten mehrere Auflagen, eine derselben gab 1806 Wieland heraus, die jüngste derselben Jacobi, mit unmuthigen Küpferchen von Hosemann; dann giebt es auch eine noch spätere illustrirte Ausgabe. Dieselben werden als Unterhaltungsbuch stets noch ein Publikum finden, nur muß man, wie oben gesagt, sie nicht für eine Sagen- oder Märchenquellenschrift nehmen, und sonach widerlegt sich von selbst der irgendwo zu lesende Vorwurf einseitiger Kritik, daß Musäus zu den Schriftstellern gehört habe, die nur für ihr Jahrzehent arbeiten, wenn auch seine Schreibweise nicht mehr so anspricht, wie früher, da Anschauungen, Verhältnisse, Geistesbildung und Geistesrichtung auf andere Stufen getreten sind, als zu seiner noch gemüthlichen und völlig harmlosen Zeit.