Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Johann Heinrich Pestalozzi

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Johann Heinrich Pestalozzi
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 291–292
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Johann Heinrich Pestalozzi Porträt.jpg


Johann Heinrich Pestalozzi.
Geb. d. 12. Jan. 1746, gest. d. 17. Febr. 1827.


Einer der edeln Geister, welche von der Vorsehung vorzugsweise zu Wohlthätern der Menschheit berufen sind, die reiche Saaten des Segens durch fruchtbringendes Wirken ausstreuen und deren Name ruhmvoll durch die späteren Zeiten fortklingt. Pestalozzi, der deutsche Mann mit dem fremdländisch klingenden Namen war Sohn eines Arztes und wurde zu Zürich geboren. Seine Erziehung bei Verwandten war nach des Vaters frühem Tode eine einfache, schlichte und gottesfürchtige, und dies blieb durch sein ganzes Leben die Eigenthümlichkeit seines Wesens und Charakters.

Frühzeitig erwachte in Pestalozzi der Beruf, Menschen zu bilden, sie aus der niedern Stumpfheit der Lebensstellung zu höheren Anschauungen zu leiten, obschon er selbst anfänglich in den Wissenschaften schwankte, welche er ergreifen sollte. Er begann das Studium der Theologie und gab es auf, ebenso das der Rechte. Zu jener Zeit trat Rosseau, der berühmte französische Philosoph auf, und schilderte in seinem Buche Emil oder die Erziehung alle zahllosen Mängel der bisherigen Erziehungsweise. Dieses Buch machte Epoche in ganz Europa, es half den Philanthropismus und die Philanthropine gründen, es wollte die Menschen praktisch erzogen haben, weniger durch die Religion, als durch das Leben. Honig und Gift waren in dem Buche beisammen, wie in einer schönen Blume, deren äußerer Reiz und süßer Duft anlocken und – betäuben.

Pestalozzi beschloß, angeregt durch den Emil, sich ganz der Volksbildung zu widmen, kaufte sich bei Bern ein Grundstück, baute sich an, wurde Landwirth. In das von ihm erbaute Haus Neuhof nahm der vom edelsten Streben durchdrungene Menschenfreund 1775 eine Anzahl hülfloser Kinder auf, denen er Vater wurde und an denen er die neuen Erziehungsgrundsätze erprobte, die er dann auch durchführte, unbeirrt durch die allzeit rege Verkennung, ja Verketzerung seines uneigennützigen Thuns. So entriß er nach und nach über hundert Kinder dem leiblichen und sittlichen Elend und Verderben, erzog sie zu praktisch brauchbaren Menschen, und ward nun auch durch Volksschriften thätig, welche ungemein große Verbreitung fanden. Unter diesen sind [Ξ] „Lina und Gertrud“, „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“, „Das Buch der Mütter“ die bedeutendsten.

Endlich wurde Pestalozzi’s Streben auch von der Regierung des Cantons anerkannt; er durfte, von ihr unterstützt, 1798 zu Stanz ein Landeserziehungshaus für arme Kinder gründen, aber leider folgten ihm Neid und Kabalen überall hin, und er vermochte nicht in Stanz auszudauern. Pestalozzi wurde nun Schullehrer in Burgdorf, wo er eine neue Erziehungsanstalt bildete und zu derselben sich tüchtige Hülfskräfte heranzog, aber auch dort war nicht gar lange seines Bleibens, er ging 1804 nach München-Buchsee, und später nach Iferten, wo ihm Seitens der Regierung ein Schloß zu einer neuen Bildungsanstalt eingeräumt wurde. Zwischen Anfeindung und Verdächtigung, und zwischen Beifall und Anerkennung wirkte und waltete nun Pestalozzi als Reformator der Erziehungskunst mit Eifer und Ueberzeugungstreue, und gab seiner Erziehungsmethode die feste Begründung. Diese Begründung bestand hauptsächlich in der Lehre von der Anschauung und dem wecken der im Kinde schlummernden geistigen Kräfte und Fähigkeiten wie deren Entwickelung und Leitung auf eine der Natur gemäße Weise, eine Methode, die der wackere Fröbel, ein treuer, vielleicht der allertreueste Nachfolger Pestalozzi’s, in seinen Kindergärten wieder aufs neue in das praktische Erziehungswesen der zartesten Jugend einzuführen anstrebte. Warfen viele der Schüler Pestalozzi’s durch späteres verkehrtes treiben auch Schatten auf ihren großen Meister, so steht sein Gedächtniß doch in reinen Ehren vor dem Richterauge der Nachwelt als eines Mannes da, der mit allen Kräften seines Lebens nur das Gute gewollt und gefördert hat, durch dessen Beispiel viele tausende von Kindern dem dumpfen Druck veralteter Methoden entzogen und zur frischeren Lebenslust freierer Entfaltung geführt wurden, und der Ruhm seines Namens hat die alte wie die neue Welt durchdrungen, er ist immer noch dem jungen, geistig strebenden Schulmann ein Ideal, ein Schiboleth, ein der Nacheiferung werthes Vorbild – nur daß Pestalozzi’s von Einseitigkeit nicht ganz freie Methode den Abänderungen unterworfen werden muß, die ein halbes Jahrhundert des Weiterschritts auch in der Erziehungswissenschaft unabänderlich bedingt und von selbst herbeiführt. Den Glanz seines Namens aber wird keine veränderte Anschauung in jener Wissenschaft, in der er mit zuerst rühmliche Bahn brach, verlöschen.

Als hochbetagter Greis endete Pestalozzi zu Brugg im Canton Aargau sein reines, gesegnetes Leben, dem die bittern Kelche der Verkennung und Kränkung nicht erlassen geblieben waren, wie keinem, der für das Gute streitet.