Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Nicolaus Copernicus

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Nicolaus Copernicus
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 73–74
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Nicolaus Copernicus Profil.jpg


Nicolaus Copernicus.
Geb. d. 19. Febr. 1473, gest. d. 24. Mai 1543.


Der größte Astronom der Welt, und ein Deutscher! Mit gerechtem Stolz blickt sein Vaterland auf ihn, dessen großer Name fortklingen wird, so lange einem Menschenauge die ewigen Sterne strahlen. Er vor allen war der hochbegabte, hellgeborene, dessen »entsiegeltes Auge« in einem noch ziemlich finstern Zeitalter »die Kreise in den Kreisen sah, die eng und enger ziehn um die centralische Sonne.« –

Nicolaus Köpernik, so lautete der später von ihm verlateinte Vatername – wurde zu Thorn in Westpreußen geboren. Sein Jugendleben ist verhüllt, frühzeitig scheint er sich ernsten Studien zugewendet zu haben. In Krakau studirte er Theologie, Philosophie und Mathematik, trieb alte Sprachen und legte sich nicht minder auf das Studium der Arzneikunde, das er praktisch zu üben entschlossen war. Er erwarb auch den Doctorhut in dieser Wissenschaft. Bald aber zog ihn nichts so sehr an, als die Mathematik, in welcher sein Lehrer Brudzewski und die berühmten Deutschen Georg von Purbach und Johann Müller, genannt Regiomantanus, glänzten. Diesen strebte und eiferte Copernicus nach, und gleich dem letztgenannten zog es auch ihn nach Italien. Zuerst ging er nach Bologna und vervollkommnete sich durch längeren Aufenthalt immer mehr in der höhern Mathematik und Astronomie unter Dominicus Maria, mit dem er sich innig befreundete; von da wandte sich Copernicus nach Rom und gewann bald Ruf und Namen, nachdem es ihm gelungen war, einen Lehrstuhl als Professor der Mathematik zu erlangen.

Copernicus Auge war forschend dem Himmel und der an dessen ewigem Gewölbe wandelnden Sternenwelt zugelenkt. Sinnend und schweigend verfolgte er Entdeckung auf Entdeckung. Was vor mehr als anderthalb Jahrtausenden vor ihm schon ein weiser Grieche, der Philosoph Aristarch, ahnungsvoll ausgesprochen haben sollte, daß die Erde sich um sich selbst und mit den übrigen Planeten um die Sonne sich bewege, wurde dem berechnenden Geist des Copernicus zur unumstößlichen Gewißheit. Aber fest hing der Glaube der Welt, wie am Worte der Offenbarung, am anderthalbtausendjährigen Weltsystem des Ptolemäus; diesen [Ξ] Glauben antasten, ihn bekämpfen zu wollen, zumal in Rom, würde als todeswürdiges Verbrechen erschienen sein; erfuhr dieß doch noch hundert Jahre später der große Gallilei. Darum schwieg, die Fassungsgabe seiner Zeitgenossen richtig würdigend, Copernicus und weihte niemand in seine tiefsten Geheimnisse ein.

Nach ziemlich langem Aufenthalt in Rom, wo der deutsche Astronom aus den angesehensten Kreisen Schüler um seinen Lehrstuhl versammelt sah, beschloß er bei sich, der ewigen Stadt Valet zu sagen. Ob es Vorausahnung einer sich gegen ihn aufthürmenden Gefahr war oder ob Heimathsehnsucht sein Herz bewegte, ist unbekannt geblieben, genug er grüßte wieder die heimischen Gefilde des Preußenlandes und beschloß in friedlicher Zurückgezogenheit seine Forschungen fortzusetzen und seine Werke zu schreiben. Ein Oheim, Lukas Köpernik, verschaffte dem geistvollen Verwandten ein Kanonikat am Domstift zu Frauenburg, hart am frischen Haff, wo der Sitz des Bischofs von Ermeland war. Von jetzt an machte sich Copernicus zum dreifachen Grundsatz und zur Lebensbedingung: vor allen andern Dingen seines kirchlichen Amtes zu warten, seine Kunst als Arzt nie um Geld zu üben, aber den Armen sie gern angedeihen zu lassen und jede ihm übrig bleibende Stunde seiner Lieblingswissenschaft zu widmen. Sein Wirken wurde dankbar anerkannt, die Armen verehrten ihn als einen Vater und Wohlthäter. Er legte für Frauenburg eine nützliche Wasserkunst an, welche aber die Nachkommen wieder in Verfall gerathen ließen, und erwarb sich durch seinen Wandel, durch die Biederkeit seines Wesens und die Redlichkeit seines Charakters so hohe Achtung, daß er 1521 zum Abgeordneten des Bisthums Ermeland und des Domstifts erwählt und zum Landtag nach Graudenz entsendet wurde.

Copernicus hatte neben seinen treulich fortgesetzten astronomischen Forschungen auch durch Berechnungen ein Münzsystem erfunden, welches, wenn es angenommen worden wäre, durch seine Einfachheit und mathematische Unfehlbarkeit vielleicht fähig gewesen wäre, allen tausendfachen Münzwirren späterer Zeit in Deutschland vorzubeugen; allein der versammelte Landtag, dem er dasselbe vorlegte, nahm dieses System nicht an, vielleicht, wie so häufig der Fall ist, aus System: Vorschläge zu nützlichen neuen Einrichtungen abzulehnen. Darin mochte Copernicus genügsame Beweggründe finden, mit seinem noch ungleich wichtigeren Systeme von der Bewegung der Himmelskörper nicht allzu frühzeitig hervor zu treten. Als er dieß endlich dennoch that, konnte es gar nicht fehlen, daß dasjenige Widerspruch fand, was die Welt nicht begriff, nicht faßte, was ihren mangelhaften Ansichten unmöglich schien, da der Augenschein anders lehrte, da die Erde scheinbar stille stand und Sonne und Mond sie täglich umkreisten. Der berühmte Gröninger Gemma Frisius bestritt das Copernicanische System als ein Paradoxon und andere folgten, dennoch brach sich’s Bahn über die ganze Erde und wurde die Grundlage aller späteren Astronomie, soweit sie unser Sonnensystem umfaßt. In dem Werke von den Bewegungen der Himmelskörper und mehreren anderen entwickelte Copernicus zu seinem ewigen Nachruhm sein System, und dann schied er still von hinnen. Er ruht im Dome zu Frauenburg; in Thorn wurde ihm ein Denkmal errichtet. Dauernd feierten ihn die Koryphäen der astronomischen Wissenschaft; auf ihn, als den Grundstein, bauten Keppler und Newton weiter, sein sinnender, denkender Geist schuf sich das unvergänglichste Gedächtnißmal.