Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Nicolaus Ludwig , Graf zu Zinzendorf

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Nicolaus Ludwig , Graf zu Zinzendorf
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 401–402
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Nicolaus ludwig graf zu zinzendorf.jpg


Nicolaus Ludwig , Graf zu Zinzendorf.
Geb. d. 26. Mai 1700, gest. d. 9. Mai 1760.


Der berühmte Stifter der evangelischen Brüdergemeinde! Ein Mann von edlem Herzen, frommem Wandel, erregbarer Phantasie voll innerlichen Geistes- und Gemüthslebens, religiöser Mystik zugänglich und ihr neuzeitlicher Vorkämpfer. – Graf Zinzendorf wurde zu Dresden geboren und erhielt seine erste Erziehung durch seine Großmutter, eine Frau von Gersdorf, zu Großhennersdorf, einem jetzt blühenden Fabrikort in der Lausitz. Die Frömmigkeit dieser Frau und der Einfluß Philipp Jacob Spener’s, der vor seinem Weggang von Dresden nach Berlin viel mit ihr verkehrte, die lebhafte Sehnsucht desselben, die Kirche aufs neue zu reformiren, gaben dem jungen Grafen frühzeitig die Geistesrichtung, der er durch sein ganzes Leben unerschütterlich treu blieb. Treulich gehegt und gepflegt wurde sie auf dem Pädagogium zu Halle, wohin man den Knaben in seinem 11. Jahre sandte, dessen Stifter, der große Menschenfreund August Herrmann Franke, unmittelbar sich des gräflichen Knaben annahm, und ihm den eignen frommen, vielleicht überfrommen Geist einhauchte. Nicht reiten, tanzen und fechten war es, was dort die Stunden des Sprossen eines altreichsgräflichen Geschlechts ausfüllte, sondern weinen, beten und grübeln; und die Neigung zum selbstvertiefen in das dunkle mystische Gebiet einer heißersehnten Gottseligkeit ließ ihn schon in Halle ein Bündniß mit Gesinnungsgenossen gründen, das den Namen vom Senfkorn im Evangelium des Matthäus lieh. Um dieser Richtung ein Gegengewicht zu geben, wurde der junge Graf 1716 auf die Hochschule Wittenberg gesandt, dort dem Studium der Rechtskunde obzuliegen, allein ihn zog es ausschließlich zur Theologie. Er sah das kirchliche Leben allgemein verflacht, und ersehnte nichts mehr als eine Wiedergeburt und Läuterung der christlichen Kirche, und wo möglich eine Vereinigung der drei Konfessionen zu einem großen, allgemeinen, auf die schöne Einheit des Urchristenthums zurückgeführten Bruderbunde. Diese suchte er aber nicht durch verflachende Allgemeinheit, philosophische Spitzfindigkeiten und vernünftelndes Lossagen von jedem Glauben zu erreichen, sondern er hielt unwandelbar fest an den unumstößlichen Satzungen der heiligen Schrift und des geoffenbarten Christenglaubens. Daher waren [Ξ] Unterhaltungen mit würdigen Gottesgelehrten ihm stets die liebsten, sein Herz zog ihn zu stillen Andachtsübungen auch außerhalb der Kirche, und nichts war ihm willkommener, als das Gesuch einiger 1722 aus Böhmen auswandernden mährischen Brüderfamilien, auf seinen Gütern sich niederlassen zu dürfen. Sogleich wies Graf Zinzendorf ihnen das Gut Berthelsdorf zum Wohnsitz an, gab ihnen einen Prediger, richtete ein Schulhaus und 1724 einen Betsaal für sie ein, gab die 1721 ihm gewordene Hofrathstelle bei der Landesregierung zu Dresden 1727, die ihm ohnehin bei seiner Geistesrichtung nie hatte zusagen können, freiwillig auf, und wandte sich ganz jenen Brüdern zu, die sich am Hutberge bei Berthelsdorf angebaut hatten, von der Gemeinde Berthelsdorf sich schieden und ihren werdenden Ort Herren Hut nannten. Der Graf, erfüllt von den Plänen einer idealen Frömmigkeit, stellte sich als ein geistliches Oberhaupt an die Spitze dieser Gemeinde, suchte deren Wachsthum zu befördern, und bewirkte, daß sie sich nicht von der evangelisch-lutherischen Kirche lossagte. Ein edler christlich frommer, sittlich reiner, liebevoll brüderlicher und dabei arbeitsamer Geist wurde herrschend in der schnell sich ausbreitenden deutschevangelischen Brüdergemeinde, in ihr ward manches erreicht, was in Deutschland und Frankreich auf anderen, schlimmeren Wegen zu gewinnen, in neuerer Zeit fruchtlos versucht wurde. Doch blieb die junge Kirchengemeinschaft auch nicht ohne Anfechtung und Bekämpfung. Das spielende, häufig pietistisch sinnliche, verhimmelnde in manchem Brauch, in Gesängen und Gebeten, die namentlich in den Liedern oft selbst bis zur Anstößigkeit getriebenen Bilder vom Lamm und Lämmlein, von Blut und Wunden, von der Einigung mit dem himmlischen Seelenbräutigam, waren es hauptsächlich, was man der neuen christlichen Sekte zum Vorwurf machte, und keineswegs mit Unrecht. Da sich die Brüdergemeinden auch des christlichen Missionswesens auf das eifrigste annahmen, so geschah schon auf diesem Gebiete durch sie unendlich viel Gutes. Graf Zinzendorf war glücklich, das Ziel, nach welchem von Jugend auf seine ganze Seele gestrebt, so weit als es nur immer möglich war, verwirklicht zu sehen; er durchreiste einen großen Theil Europas und schiffte selbst nach Amerika in Angelegenheiten der neuen Religionsverbrüderung, ließ sich zum Geistlichen weihen, war durch Lied und Lehre, wie durch zahlreiche Schriften für sie thätig, und starb im Schoose Herrenhuts, auf dessen Kirchhof er dem großen Auferstehungsmorgen entgegen schlummert, tief betrauert, weit gepriesen und verherrlicht und seiner Gemeinde unvergeßlich.