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Album der Poesien/Hermann und Dorothea

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Textdaten
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Autor: Johann Wolfgang von Goethe
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Titel: Album der Poesien
Hermann und Dorothea
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 826, 827
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[826]

Im Thor „Zum goldenen Löwen“.
Originalzeichnung von L. Hofmann-Zeitz in München.

[827]

 Album der Poesien.

 Hermann und Dorothea.

 Von Goethe.

„Hab’ ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!
Ist doch die Stadt wie gekehrt! wie ausgestorben! Nicht fünfzig,
Däucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern.
Was die Neugier nicht thut! So rennt und läuft nun ein Jeder,
Um den traurigen Zug der armen Vertrieb’nen zu sehen.
Bis zum Dammweg, welchen sie zieh’n, ist immer ein Stündchen,
Und da läuft man hinab, im heißen Staube des Mittags.
Möcht’ ich mich doch nicht rühren vom Platz, um zu sehen das Elend
Guter, fliehender Menschen, die nun mit geretteter Habe
Leider das überrheinische Land, das schöne, verlassend,
Zu uns herüberkommen und durch den glücklichen Winkel
Dieses fruchtbaren Thals und seiner Krümmungen wandern.
Trefflich hast Du gehandelt, o Frau, daß Du milde den Sohn fort
Schicktest, mit altem Linnen und etwas Essen und Trinken,
Um es den Armen zu spenden; denn Geben ist Sache des Reichen.
Was der Junge doch fährt! und wie er bändigt die Hengste!
Sehr gut nimmt das Kütschchen sich aus, das neue; bequemlich
Säßen Viere darin und auf dem Bocke der Kutscher.
Diesmal fuhr er allein; wie rollt es leicht um die Ecke!“
So sprach, unter dem Thore des Hauses sitzend am Markte,
Wohlbehaglich, zur Frau der Wirth zum goldenen Löwen.

Und es versetzte darauf die kluge, verständige Hausfrau:
„Vater, nicht gerne verschenk’ ich die abgetragene Leinwand;
Denn sie ist zu manchem Gebrauch und für Geld nicht zu haben,
Wenn man ihrer bedarf. Doch heute gab ich so gerne
Manches bessere Stück an Ueberzügen und Hemden;
Denn ich hörte von Kindern und Alten, die nackend dahergehn.
Wirst Du mir aber verzeih’n? denn auch Dein Schrank ist geplündert.
Und besonders den Schlafrock mit indianischen Blumen,
Von dem feinsten Kattun, mit feinem Flanelle gefüttert,
Gab ich hin; er ist dünn und alt und ganz aus der Mode.“

Aber es lächelte drauf der treffliche Hauswirth und sagte:
„Ungern vermiss’ ich ihn doch, den alten kattunenen Schlafrock,
Echt ostindischen Stoffs; so etwas kriegt man nicht wieder.
Wohl! ich trug ihn nicht mehr. Man will jetzt freilich, der Mann soll
Immer geh’n im Sürtout und in der Pekesche sich zeigen,
Immer gestiefelt sein; verbannt ist Pantoffel und Mütze.“
              
              

Und so saß das trauliche Paar, sich, unter dem Thorweg,
Ueber das wandernde Volk mit mancher Bemerkung ergötzend.
Endlich aber begann die würdige Hausfrau und sagte:
„Seht! dort kommt der Prediger her; es kommt auch der Nachbar
Apotheker mit ihm: die sollen uns Alles erzählen,
Was sie draußen geseh’n und was zu schauen nicht froh macht.“