Zum Inhalt springen

Das Licht der Zukunft

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: Dr. C. Carlotta
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Licht der Zukunft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 81–84
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
s. auch der Artikel „Edison’s Lampe“ in der Gartenlaube (1880)
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[081]
Das Licht der Zukunft.[1]
Von Dr. C. Carlotta.

Um die zwölfte Stunde in der Nacht des 22. September 1878 hielt der sogenannte „Owl Train“ der New-Jersey-Southern-Eisenbahn, ein Bummelzug der schlimmsten Sorte, der nur den Localverkehr zwischen den unbedeutenden Ortschaften der Bahnstrecke vermittelt, an einem jener zierlichen Bahnhofsgebäude, durch welche sich die kleinen Eisenbahnstationen im civilisirten Osten Nordamerikas vor denen der westlichen „Wildniß“ auszeichnen. Ich war der einzige Passagier, der hier den Zug verließ, welcher gleich darauf in fahrplanmäßiger Langsamkeit seinen Weg fortsetzte. Auf dem Perron löschte der schläfrige Bahnwärter eben die letzte Lampe aus, und die Dunkelheit ringsum war eine so undurchdringliche, daß ich mich vergebens bemühte, die Wohnhäuser der kleinen Villeggiatur zu erspähen, die ich in geringer Entfernung vermuthete.

Die vollendete elektrische Zimmerlampe.
A ist die Glaskugel, aus welcher die Luft entfernt ist; sie ruht auf dem Untersatze B. F ist die kleine Kohlenfaser, welche durch feine Platinadrähte GG’ mit den Drähten EE’ verbunden ist, die durch Schrauben DD’ zur Generirmaschine führen. Der elektrische Strom, der bei D eintritt, geht durch den Draht E nach dem Platinabügel G, dann durch die Kohlenfaser F nach G’, den Draht E’ hinunter nach der Schraube D’ und von dort nach der Generirmaschine.

Vor wenigen Tagen hatte ich einem Manne, der in diesem verborgenen Winkel der Erde wohnte und den zu besuchen ich gekommen war, ein Telegramm gesendet, mit der Anfrage, wann ich ihn sprechen könne. Die Antwort lautete: „Zu jeder Stunde, bei Tag und bei Nacht.“ Allein ringsumher gewahrte ich kein Zeichen des Lebens, keine Behausung, kein Licht.

Ein leiser Zweifel, ob man mich auch auf der richtigen Station abgesetzt hatte, drängte sich mir auf.

„Ist denn dies hier Menlo Park?“ fragte ich den Bahnwärter, der sich eben anschickte, seinen Posten zu verlassen, und der meine Anwesenheit kaum bemerkt haben mochte.

„Ja, Herr,“ antwortete der Mann. „Sie wollen gewiß Professor Edison sehen, denn sonst bekommt ja hier Niemand Besuche von Fremden. Dort drüben wohnt er, hinter dem Hügel, in der großen Cottage. Gehen Sie nur den Fußweg über die Wiese! Den Professor finden Sie noch so wach wie eine Henne, wenn’s in der Sommernacht geregnet hat und sich am Morgen die Würmer tummeln.“

Er hielt seine Handlaterne hoch empor, und ich entdeckte einen schmalen, ausgetretenen Pfad, der mich in wenigen Minuten über die Wiese und dann über eine kleine grasbewachsene Anhöhe führte. Hinter derselben strahlte mir aus den vier Fenstern der oberen Etage eines zweistöckigen einfachen Hauses, das von einer breiten Veranda umgeben war, eine Fluth von Licht entgegen. Einige Augenblicke später zog ich die Glocke an der vorderen Hausthür. Ein schlanker junger Mann öffnete, aus dessen glattrasirtem Gesichte unter einer hohen, von kräftigem Haarwuchs umrahmten Stirn mich ein Paar klare, forschende Augen anblickten.

Die Aermel seiner losen Jacke und auch die seines Hemdes waren bis zu den Ellenbogen zurückgeschlagen, in der Rechten, welche deutliche Spuren der eben verlassenen Arbeit trug, hielt er eine Feile. Dies war Thomas Alvah Edison[WS 1], „der Erfinder von Menlo Park“, wie ihn Amerika nennt, seit sein Telephon uns die Antipoden so nahe gebracht hat, daß wir ihnen ein vertraulich Wörtlein in’s Ohr flüstern können.

Er hieß mich so herzlich und höflich willkommen, als hätte ich am hellen Mittag und nicht um Mitternacht sein Haus betreten. Seine Rede war schlicht und warm und dabei durchaus geschäftlich kurz; jedes Wort verrieth den amerikanischen Gentleman, der in unaufhörlicher praktischer Thätigkeit das höchste Ideal des Lebens erblickt und der stolz darauf ist, der Wissenschaft die geheimsten Kräfte abgelauscht, abgerungen und sich dienstbar gemacht zu haben.

Die Angelegenheit, die mich zu ihm geführt hatte, war schnell erledigt, und nunmehr gestattete mir der Professor den Eintritt in das Gemach der oberen Etage, dessen hellerleuchtete Fenster ich schon von Weitem erblickt hatte. Es war Edison’s Laboratorium und Werkstatt.

„Früher diente uns das Zimmer als Drawing Room,“ sagte der Professor. „Hier stand der Flügel meiner Frau –“ er deutete auf eine große Drehbank – „und dort, wo Sie auf dem Herde die Tiegel und Retorten sehen, pflegten wir unsere Abendstunden auf dem Sopha zu verplaudern. Ja, den Comfort müssen wir einstweilen entbehren, aber was thut’s? Noch gilt’s, zu schaffen; noch habe ich mein Ziel nicht erreicht; noch harrt die Welt vergeblich auf das, was ihr zwar nicht versprochen, was sie aber von mir zu erwarten scheint. Und wir schaffen’s auch wohl noch; wir sind Beide noch jung: ich ein Dreißiger und meine Frau kaum erst den Kinderschuhen entwachsen. Meine Arbeiten und meine Ideen sind immer länger als der Tag, und deshalb müssen wir oft die Nächte zu Hülfe nehmen“ – in des Professors Gedanken wie in seinen Worten bildeten er und seine Frau nur einen Begriff – „nun, über Jahr und Tag wird ein großer Theil meiner Arbeit vollendet sein, hoffe ich. Dann wollen wir uns zur Erholung eine Reise gönnen nach Ihrem schönen Deutschland, wo wir unter den Männern der Wissenschaft schon manchen Freund besitzen.“

[082] „Und welches ist das Ziel, das Sie heute schon keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht mehr machen läßt?“

„Das Licht der Zukunft!“ antwortete der Erfinder von Menlo Park mit einem Lächeln, das von der innigen Freude Zeugniß ablegte, mit welcher der bloße Gedanke an das Gelingen seines großen Werkes ihn erfüllte. „Ich werde an Sie denken, wenn es so weit ist, und Sie sollen in Deutschland von mir hören – über Jahr und Tag.“

*          *
*

Das war vor fünfzehn Monaten, und nun, da er sein großes Werk vollendet hat und „das Licht der Zukunft“ schon jetzt seiner näheren Umgebung leuchtet, hat sich der treffliche Mann wirklich seines Versprechens von damals erinnert und mich durch Zusendung einer genauen Beschreibung seiner Erfindung erfreut.

Edison’s elektrische Lampe erhält, wie unglaublich dies auch klingen mag, ihre Leuchtkraft von der Kohle eines kleinen Streifens – Cartonpapier, die ein Hauch wegblasen könnte. Durch dieses Streifchen Papierkohle wandert ein elektrischer Strom, und das Resultat ist ein helles, schönes Licht, ein Licht ohne Feuersgefahr, welches nur geringe Hitze ausstrahlt, die Luft nicht mit gesundheitsschädlichen Stoffen anfüllt und stetig, ohne zu flackern, brennt; ein Licht, welches einer Kugel von Sonnenschein vergleichbar ist. Und dieses Licht kann, wie der Erfinder behauptet, billiger hergestellt werden, als das vom billigsten Oel. Legten nicht der Phonograph, der quadruplexe Telegraph, das Kohlentelephon und verschiedene andere erstaunliche Schöpfungen von der alle Schwierigkeiten bewältigenden Schaffenskraft des Erfinders von Menlo Park beredtes Zeugniß ab, so wäre die Welt fast berechtigt, daran zu zweifeln, daß seine kühnen Behauptungen begründet seien; allein selbst diese Zweifel würden durch die Thatsache zum Schweigen gebracht, daß seit der Nacht des 1. Januar im Jahre 1880 alle Häuser der kleinen Villeggiatur an der New-Jersey-Southern-Eisenbahn mit seiner elektrischen Lampe bereits erleuchtet werden.

Bei seinen mannigfachen Versuchen das Ziel zu erreichen, an welchem er sich endlich angekommen sieht: durch Elektricität ein reines, stetig brennendes und verläßliches Licht, mindestens ebenso billig wie das durch Petroleum gewonnene, herzustellen, hatte er zwischen zwei Systemen zu wählen: dem des voltaischen Bogens, der zwischen zwei Kohlenspitzen übergeht, und dem des Glühlichtes eines ununterbrochenen Leiters. Er entschied sich für das letztere, für die seit Jahrzehnten als Leuchtobject erprobte, durch den elektrischen Strom in Weißgluth erhaltene Platinadraht-Spirale, und seine Bemühungen gingen in erster Reihe vornehmlich dahin, irgend ein Mittel zu finden, welches das Schmelzen des zunächst als Glühobject benutzten Platinadrahtes unter der intensiven Hitze des elektrischen Stromes verhindern sollte.

Zu diesem Zwecke arrangirte er eine kleine, etwa drei Zoll lange Hebelstange so, daß die durch die Hitze erzeugte Ausdehnung des glühenden Platinadrahtes über einen gewissen Grad hinaus den Hebel schloß und, indem sie dem elektrischen Strom einen neuen Durchgang verschaffte, diesen von dem weißglühenden Platina theilweise oder ganz ableitete. Wenn das letztere sich zusammenzog, was in dem Augenblicke geschah, in welchem die Hitze vermindert wurde, so nahm der Hebel seine ursprügliche Stellung wieder ein und gestattete dem elektrischen Strom wiederum, durch das Platina zu passieren. Auf diese Weise hoffte der Erfinder im Stande zu sein, den weißglühenden Platinadraht stets am Schmelzen zu verhindern, und dieses Princip beobachtete er in der Construction seiner ersten elektrischen Lampe.

Bald jedoch überzeugte sich Edison, daß die beständige Ausdehnung und der Druck auf den Hebel den Platinadraht so stark bog, daß er unzuverlässig arbeitete. Ehe der Erfinder jedoch diese Schwierigkeiten aus dem Wege räumte, begab er sich daran, andere Verbesserungen vorzunehmen und Lampen der verschiedensten Form und Art zu construiren, deren Hauptvorzüge er schließlich in seiner neuesten Erfindung vereinigt hat. Dazu gehört die neue Regulirmaschine und der Elektrometer, die sogenannte Spullampe, bei welcher das Platina in Form einer kleinen Zwirnspule gewunden, nachdem es mit einem nichtleitenden Ueberzuge bedeckt war, und die Reflectorlampe, bei welcher durch einen Reflector die Wärmestrahlen des Platinas auf einem Stück Zirkon concentrirt wurden, sodaß dieses die Leuchte bildete. Dann aber rückte der Erfinder seinem Ziele um einen bedeutenden Schritt näher, indem er präparirte Kohle mit dem Platina verband. Er ließ ein schlankes Stäbchen solcher Kohle auf dem Platinadraht ruhen, sodaß an dem Punkte ihres Zusammentreffens ein Widerstand gegen den elektrischen Strom stattfand und die Kohle in hohem Grade weißglühend wurde, während das Platina nur eine mattrothe Glühhitze erreichte. Der Druck des Kohlenstäbchens auf den Platinadraht wurde durch ein geschickt arrangirtes Gewicht hervorgebracht.

Von dieser Art Lampe stellte Edison mehr als ein Dutzend in verschiedenen Formen her, allein immer wieder ward er gezwungen, zum Platina als zu derjenigen Substanz zurückzukehren, welche sich ihm zum Weißglühen am besten zu eignen schien. Zwei Monate experimentirte er Tag und Nacht mit diesem Metalle, um schließlich zu finden, daß Platina, wie er es bisher angewendet hatte, zur Herstellung des weißglühenden Lichtes – völlig werthlos sei. Diese Entdeckung, anstatt ihn zu entmuthigen, spornte Edison zu neuen Versuchen an und befestigte seinen Entschluß, die wahre Ursache des Versagens und damit die Abhülfe zu finden. Ueber die Art, wie dies geschah, lasse ich ihn selbst sprechen.

„Ich habe gefunden,“ so schreibt er mir, „daß, wenn dem Schmelzen nahe Platten oder Drähte von Platina mehrere Stunden lang einer hohen Temperatur in der Luft ausgesetzt werden, indem ein elektrischer Strom durch sie hindurchgeht und sie sich dann abkühlen, das Metall unter dem Mikroskop eine Unzahl kleiner Sprünge zeigt, von denen viele fast die Mitte des Drahtes erreichen. Ich habe ferner entdeckt, daß, im Gegensatze zu der vorgefaßten Meinung, Platina an Gewicht verliert, schon wenn es der Hitze einer gewöhnlichen Kerzenflamme ausgesetzt wird, daß selbst erhitzte Luft diesen Verlust an Gewicht verursacht, und daß dieser Verlust so bedeutend ist, daß eine Wasserstoffflamme grünlich gefärbt erscheint. Nach einer gewissen Zeit zerbröckelt das Metall; deshalb sind Platinaplatten oder Drähte, sowie sie jetzt behandelt werden, wegen ihrer Kostspieligkeit und Unverläßlichkeit für die Herstellung des elektrischen Lichtes völlig unverwendbar. Sie können sich denken, wie schwer es mich berührte, als ich zu dieser unumstößlichen Erkenntniß gekommen war. Aber es ist mir nach unendlichen Versuchen gelungen, dadurch, daß ich den Platinadraht in eine Glaskugel einführte, aus welcher ich vermittelst der Luftpumpe alle Luft herauspumpte (durch einen luftleeren Raum also), die Schwierigkeiten zu heben und die Temperatur des Metalles zu einer fast blendenden Weißglühhitze zu erhöhen, sodaß ein Draht die Leuchtkraft von fünfundzwanzig gewöhnlichen Lichtern erhält. Der Draht, nachdem er so von allen Gasen gänzlich abgeschlossen ist, glänzt wie polirtes Silber, zeigt keine Sprünge und verliert, selbst wenn er viele Stunden lang fortwährend geglüht hat, nichts an Gewicht. Als ich zuerst die Erfindung praktisch angewendet hatte, construirte ich meine erste Platina-Vacuum-Lampe.“

Nach diesen Verbesserungen betrachtete der Erfinder das Resultat seiner Arbeit mit großer Genugthuung. Seine Ausdauer hatte die vielen auf seinem Wege sich aufthürmenden Schwierigkeiten eine nach der andern aus dem Wege geräumt. Er hatte Platina als Beleuchtungsstoff aus dem Zustande verhältnißmäßigen Unwerthes bis zu dem der Vollkommenheit erhoben. Es war ihm gelungen, einen Generator, das heißt eine Elektricität erzeugende Maschine zu schaffen welche neunzig Procent (? d. R.) von der durch die treibende Maschine zugeführten Kraft in Elektricität wieder abgab. Mit einem Worte, er glaubte, alle Hindernisse, welche dem Erfolge des Weißgluth-Lichtes entgegengetreten waren, beseitigt zu haben und nur noch einige unwesentliche Details anordnen zu müssen, um mit seiner vollkommenen Erfindung vor die Welt hinzutreten.

So standen die Dinge, als plötzlich – und zwar spielte hier, wie bei so vielen großartigen und weltbewegenden Erfindungen, der Zufall keine unwichtige Rolle – Edison eine Entdeckung machte, welche sein ganzes System im Wesentlichen veränderte und ihn einen gewaltigen Schritt vorwärts zur vollkommenen elektrischen Lampe, zur wahren Zukunftslampe, thun ließ. Eines Abends, in seinem Laboratorium sitzend und über einige der noch unvollendeten Details nachdenkend, begann [083] Edison ein Stückchen gepreßten, mit Theer untermischten Lampenrußes, zum Gebrauch für sein Telephon bestimmt, mechanisch zwischen den Fingern zu rollen. Während sich seine Gedanken noch immer mit anderen Dingen beschäftigten, drehten seine Finger das Stückchen Lampentheer hin und her, bis es zu einem dünnen Faden ausgerollt war. Zufällig fielen seine Blicke darauf, und es kam ihm der Einfall, das Fädchen dürfte, weißglühend gemacht, als Brenner gut verwendbar sein. Wenige Minuten später wurde das Experiment gemacht, und zur Freude des Erfinders ergaben sich günstige, wenn auch nicht überraschende Resultate. Weitere Versuche wurden mit veränderter Form und anderer Zusammensetzung der Substanz angestellt, und jede weitere Probe bewies, daß Edison endlich auf dem richtigen Wege sich befinde. Eine Spule mit Nähgarn lag auf dem Tische des Laboratoriums. Er schnitt ein Stückchen des Fadens ab, that es in eine Fuge zwischen zwei Eisenklammern und stellte das Ganze in den Schmelzofen. Das vorzügliche Licht, welches er dem getheerten Lampenruß abzugewinnen im Stande war, hatte ihn davon überzeugt, daß Kohlenfasern aus einem bisher noch nicht beim elektrischen Lichte angewendeten Stoffe die verborgenen Factoren sein müßten, um den Trimph des weißglühenden Lichtes zu vollenden, und diese Idee ließ ihn mit den verkohlten Ueberbleibseln des Fadens experimentiren.

Nach Verlauf einer Stunde entfernte er die eiserne, den Faden festhaltende Form aus dem Ofen und entnahm derselben die zarten Kohlenreste des Nähgarns, alles, was von demselben nach der Feuerprobe noch übrig geblieben war. Diese zarte Faser that er in eine Glasglocke und setzte damit die Drähte der Maschine, welche den elektrischen Strom erzeugt, in Verbindung, pumpte die Luft aus der Glasglocke und ließ die Electricität zuströmen.

Und siehe da! Ein herrliches Licht strahlt ihm entgegen. Er läßt einen stärkeren Strom zudringen, in der Erwartung, die schwache Faser sofort zerfließen zu sehen – doch nein! Die einzige Veränderung besteht in einem noch strahlenderen Lichte. Immer stärker läßt er den Strom wirken, aber der feine Faden bleibt ganz. Dann setzt er die ganze Kraft seiner Maschine ein und harrt gespannt der Folgen. Eine Minute oder länger scheint der zarte Faden mit der ihn durchströmenden intensiven Hitze zu kämpfen – einer Hitze, welche selbst Diamanten aufblähen würde – endlich erliegt er aber und erlischt in Dunkelheit. Der mächtige Strom hat den Faden zerstört, aber nicht ohne daß derselbe vorher die Lichtkraft von mindestens vier Gasflammen ausgeströmt hätte.

Edison beeilt sich, diese merkwürdige Faser, augenscheinlich so zart, in Wirklichkeit aber unzerstörbarer als Platina, eifrig unter dem Mikroskop zu prüfen. Er gewahrt, daß die Oberfläche derselben sehr glänzend ist, daß ihre einzelnen Theilchen dicht unter einander verwoben erscheinen und – daß die spröde Faser sich bis zu einem bemerkenswerthen Grade verhärtet hatte, nachdem sie dem elektrischen Strome ausgesetzt worden war. Tag und Nacht, kaum daß er sich Zeit zu einer ordentlichen Mahlzeit oder zur flüchtigen Ruhe gönnte, setzte nun der Erfinder seine Experimente fort, und von der Verkohlung des Fadens ging er zu Holzsplitterchen, Stroh, Papier und anderen Substanzen über, welche bis dahin für solchen Zweck noch nie verwendet worden waren. Das Resultat dieser Versuche erwies als die zur Verkohlung und zur Ausstrahlung eines weißglühenden Lichtes bestgeeignete Substanz Papier von der Dicke einer starken Visitenkarte, aber selbst das dünnere lieferte befriedigende Resultate. Die wunderbare Leuchtkraft, die Stetigkeit, Verläßlichkeit und Schmelzbarkeit der Kohlenfaser waren jedoch nicht die einzigen Elemente der neuen Entdeckung, welche das Herz Edison’s mit wahrer Freude erfüllten: vielmehr krönte seinen Triumph, daß hier das Element eines gehörigen und gleichmäßigen Widerstandes gegen den Durchgang des elektrischen Stromes gefunden war. In der ganzen Geschichte seiner Arbeit von dem Augenblicke an, in welchem er dieselbe begann, waren seine Bemühungen hauptsächlich dahin gerichtet gewesen, dieses Element zu gewinnen, und ohne dasselbe, wären auch alle anderen Bedingungen erfüllt, alle anderen Eigenschaften im vollsten Maße vorhanden gewesen, würde der Erfolg des elektrischen weißglühenden oder vielmehr farblosen Lichtes kein vollständiger gewesen sein.

Die Papierkohle wird im Laboratorium auf folgende Weise hergestellt. Mit einer passenden Matrize werden aus einem Stück Cartonpapier Streifen in der Gestalt eines kleinen Hufeisens, etwa 2 Zoll lang und ½ Zoll breit, ausgeschnitten. Eine Anzahl dieser Streifen wird flach in eine schmiedeeiserne Form von der Größe einer Hand gelegt, nachdem sie durch Stückchen Seidenpapier von einander getrennt sind. Die Form wird dann geschlossen und in einen Ofen gebracht, wo sie bis zu 600° F. (= 333° C.) erhitzt wird. Alsdann gelangt sie in einen Schmelzofen und wird bis zur Weißgluth erhitzt, hierauf entfernt und langsam abgekühlt. Wenn dann die Form geöffnet wird, findet man die verkohlten Reste des kleinen Hufeisens aus Cartonpapier, die mit größter Vorsicht abgehoben werden müssen, damit sie nicht zusammenfallen. Diese werden nun in eine kleine Glaskugel gethan und mit den Drähten verbunden, welche zur Generirmaschine führen; aus der Kugel wird dann vermittelst der Luftpumpe die Luft entfernt und die Kugel selbst verschlossen, und die Lampe ist zum Gebrauch fertig, wie die auf S. 81 beigegebene Illustration sie zeigt.

Man wird bei der Betrachtung der Lampe bemerken, daß eine umständliche Regulirvorrichtung fehlt, wie sie durchweg bei Edison’s früheren Lampenconstructionen vorhanden ist. Alle diese Vorrichtungen, welche seine ganze Combinationsgabe so sehr in Ansprnch genommen, erwiesen sich später als überflüssig, denn Edison sah ein, daß die Electricität genau so wie das Gas durch einen Haupthahn regulirt werden kann. Vermittelst seines Systems der Verbindung der Drähte werden durch die Abdrehung einiger Brenner die anderen nicht mehr in Mitleidenschaft gezogen, als beim Auslöschen ebenso vieler Gasflammen, welche dieselbe Hauptröhre speist. Was die Einfachheit der Construction und Regulirung betrifft, so scheint die vollendete Lampe den Höhepunkt der Vollkommenheit erreicht zu haben, und Edison selbst glaubt nicht, daß dieselbe überhaupt noch vereinfacht werden kann, denn sie läßt sich complet für 25 Cents oder 1 Mark 5 Pfennig anfertigen.

Die in der Illustration dargestellte Lampe ist auf den Tisch zu stellen; für Kronleuchter und Wandcandelaber besteht sie nur aus der Vacuumkugel und der Kohlenfaser, die mit dem Candelaber verbunden werden müssen, während die Drähte der in irgend einer Centralbeleuchtungsstation abgestellten Generirmaschine zugeführt werden, welche vielleicht eine halbe englische Meile entfernt sein kann. Man führt Drähte einfach durch die Gasröhren, sodaß die einzige nothwendige Veränderung zur Benutzung einer Gasvorrichtung als Trägers elektrischer Lampen die sein würde, die Drähte durch die Gasröhren zu legen, die Brenner ab- und die elektrische Lampe an ihre Stelle zu schrauben.

Das für die elektrische Beleuchtung der großen amerikanischen Städte in Absicht genommene System wird auch demgemäß auf ein Gebiet von etwa einem Drittel jeder englischen Quadratmeile je eine Centralbeleuchtungsstation einbegreifen. Es liegt in der Absicht der Gesellschaft, welche sich zur praktischen Verwerthung der Erfindung gebildet hat und deren zum Pariwerth von 100 Dollars ausgegebene Antheilscheine bereits auf 3000 Dollars gestiegen sind, die verschiedenen Generirmaschinen einer Station, von denen jede etwa fünfzig einzelne Lampen versorgt, durch mehrere Maschinen von ungeheurer Kraft treiben zu lassen, obgleich Edison auch solche Generirmaschinen hergestellt hat, welche in irgend einem Zimmer irgend eines Hauses mit leichter Mühe angebracht und in Thätigkeit gesetzt werden können.

Auch bei Erfindung der Generirmaschinen stieß er anfangs auf die entmuthigendsten Schwierigkeiten. Sein erster Apparat hatte die Gestalt einer großen Stimmgabel, welche so construirt war, daß ihre beiden Enden mit rapider Schnelligkeit vor den Polen eines großen Magneten vibrirten. Allein diese Construction erwies sich als unpraktisch, und es nahm nahezu vierzig Tage und Nächte in Anspruch, das Richtige, Praktische zu finden. Schließlich aber gipfelten die fortgesetzten Versuche in der Herstellung eines nicht nur vollständig dem von Edison gewünschten Zwecke entsprechenden Generators – dem der Erfinder zu Ehren Faraday’s den Namen „Faradische Maschine“ beigelegt hat – sondern er stellte dadurch auch einen Motor her, der vermittelst eines einfachen an einer Kurbel zu befestigenden Riemens allerlei häusliche Arbeiten: Treiben einer Nähmaschine, Pumpen von Wasser etc. verrichten kann.

Das Problem nun, die in jedem Haushalt verbrauchte Elektricität zu messen hat Edison auf eine geniale Weise gelöst. [084] Der zu diesem Zweck verwendete Apparat, der Elektrometer, besteht aus einer elektrolytischen Zelle und einer kleinen Drahtrolle, welche in einem Kasten von der halben Größe einer Gasuhr arrangirt sind; derselbe kann beliebig irgendwo im Hause angebracht werden. Die Messung des elektrischen Consums wird vorgenommen durch den Niederschlag von Kupfertheilchen auf einem kleinen Teller in der elektrolytischen Zelle, welcher durch den die Zelle passirenden elektrischen Strom hergestellt ist. In beliebigen Zwischenräumen, etwa am Ende jeden Monats, läßt der controllirende Inspector der nächsten Centralbeleuchtungsstation den Inhalt des Tellers wiegen; auf diese einfache Weise wird der Consum des Einzelnen auf’s Genaueste ermittelt. Außer den hier angeführten Einzelheiten umfaßt das System der elektrischen Beleuchtung Edisons noch eine Menge anderer Details, welche eine so außerordentliche Arbeits- und Productionskraft bedingen, daß man darüber staunen muß, wie ein einzelner Mensch in dem verhältnißmäßig kurzen Zeitraum von fünfzehn Monaten sie überhaupt bewältigen konnte. Dieses Erstaunen steigert sich jedoch zum höchsten Grade, wenn man hört, daß Edison inzwischen noch Zeit gefunden hat, andere Erfindungen herzustellen, z. B. den sechsfachen Telegraphen, einen Apparat, vermittelst dessen auf einem Draht in entgegengesetzten Richtungen sechs Telegramme zu gleicher Zeit befördert werden können, und wichtige Verbesserungen seines Telephons, welche den Werth dieser Erfindung bedeutend erhöhen. Es legt dies Zeugniß ab dafür, daß in der Person des Erfinders von Menlo Park sich Genius und angestrengter Fleiß, Erfindungsgabe und Freude am Schaffen zu einem fruchtbaren Streben vereinigen, welchem wir, als glänzendstes Resultat seiner Kraftanstreugung, das Licht der Zukunft verdanken.


  1. Wir veröffentlichen obigen Artikel über Edison’s neue Lampe auf das empfehlende Gutachten einer naturwissenschaftlichen Autorität hin, können jedoch nicht umhin, ihm den Ausdruck unserer Reserve hinzuzufügen, um so mehr da gegenwärtig in den Blättern die Nachricht auftaucht, die als Brenner verwendeten Bügel aus Papierkohle zerfielen nach kurzem Gebrauch und Edison hätte auf diese Wahrnehmung hin die Fabrikation der neuen Lampen eingestellt. Jedenfalls hat diese neueste Erfindung des Amerikaners soviel von sich reden gemacht, daß die im Obigen mitgetheilte Geschichte derselben unsere Leser interessiren wird.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Thomas Aloah Edison