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Ein Wort

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Autor: (Willibald Winckler)
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Titel: Ein Wort
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9–13, S. 129–132, 145–148, 161–164, 177–180, 193–198
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[129]
Ein Wort.


1.

Unser Schauplatz ist eine große Bauernschaft, wohl eine kleine Stunde lang. Es gehören zwei Rittergüter dazu, die an den entgegengesetzten Enden liegen, Haus Stromeck, das einer verwittweten Frau von Thorbach gehört, und Haus Mechtelbeck, dessen Besitzer in der nächsten Provincialhauptstadt als Officier lebt und sehr selten nach seinem Eigen zu schauen kommt. Dann gehören sehr große Bauernhöfe dazu und viele kleinere, ganze Erben und halbe Erben und Kotten.

Zu den größten zählt der Herbothof; der Bauer darauf hat ihn vor Jahren gekauft, er schreibt sich seitdem Hendrick Herbot, geborener Schulte Willhering. Er ist ein rascher, etwas hitziger Mann, auch wohl ein wenig zäh und gerieben, aber nicht störrischer und hartköpfiger, als es einem richtigen Bauer zukommt.

Und ein glücklicher Mann muß Bauer Herbot sein. Sein Haus steht, wie es allein gescheidt und vernünftig ist, mitten in seinem Besitzthum. Vor den Seitenthüren liegen links der Garten und rechts der Obstgarten mit Gaden und Backhaus darin; er hat beide Gärten sich just so groß abzäunen können, wie ihm irgend beliebt hat; hinter dem Hause ist der Bleichplatz am Bache, und jenseits des Baches liegen die Wiesen, und im Kranz darum herum die Holzung. Vor der Niederthür aber erstreckt sich das weite Feld für Sommer- und Winterfrucht, ein guter, gemischter Boden, der eine Mittelsorte Weizen, in nicht zu trockenen Jahren dagegen vortrefflichen Roggen trägt.

Erzählt man dem Bauer Herbot, daß nach altdeutschem Gesetz des Hofbesitzers Recht an die Mark so weit gehe, wie er den Hammer schleudern könne, so muß er herzlich lachen … er müßte zwanzig Mal den Hammer schleudern, um an seine nächste Grenze zu kommen.

An der langen Tenne sind die Viehstände rechts und links mit wohlgenährtem Rindvieh besetzt; in der wie eine Halle großen Küche glänzt das Geschirr und hängen an den Wihmbalken die reichen Wintervorräthe, und so viel ist gewiß, die alten Classiker, welche das Glück des Landmanns gepriesen haben, hätten in der Küche des Herbotbauern nur aufzuschauen brauchen, um vom Werth ihrer Philosophie durchdrungen zu werden.

Wer jedoch nicht ganz davon durchdrungen schien, das war der Bauer selbst, so schön auch eben gerade sein ländliches Heim dalag, denn eine warme, dem Westen sich zuneigende Nachmittagssonne strahlte zwischen goldumsäumten Wolken hindurch auf sein dunkles, altes Strohdach, und indem sie die Laubpartien der weitgeästeten Eichenwipfel, welche es umschatteten, auf’s Malerischste hervortreten ließ, schien sie sein Haus vergolden, es ihm in seinem ganzen Glanze zeigen zu wollen. Man konnte in der That nichts Idyllischeres, nichts, was mehr von einer stillen und friedenathmenden Poesie umwoben wäre, sehen, als dies einsam in seiner Eichen Mitte daliegende Bauernhaus.

Bauer Herbot aber war trotz dem allen offenbar nicht glücklich. Was ist dem Menschen Poesie, Idylle, malerische Laubpartie und wechselndes Spiel der Sonnenstrahlen – wenn er Verdruß hat, Verdruß mit seinen Mägden, Verdruß mit seinen Knechten, Verdruß mit seiner Tochter und einen besondern, nicht so laut wie die übrigen Verdrüsse ausgesprochenen, scheu im Herzen steckenden Verdruß noch obendrein!

„Du weißt nun einmal mit dem Volk nicht umzugehen,“ sagte der Bauer zu seiner Tochter, die neben ihm auf der Bank hinter dem Hause saß, wo man über den Bach hinweg auf die Wiesen und den Kranz von Gehölz blickte, der sie umgab; „Du weißt sie nicht in Respect zu halten! Die Knechte lachen über das, was Du sagst, und die Mägde thun, was sie wollen!“

Wenn man das junge Mädchen neben ihm ansah, so mußte man Bauer Herbot Recht geben. Sie hatte eine so feine Gestalt, hatte, trotzdem daß sie eine Landschönheit war, Farben, so klar und hell wie Milch und Blut. Ihre Augen waren blau und es lag etwas von rührender Harmlosigkeit darin, etwas Sanftes, Ernstes, Gutes … gewiß, sie verdiente die Vorwürfe, die Bauer Herbot ihr machte. Ein rohes Dienstbotenvolk in Ordnung zu halten und sich bei widerspenstigen Mägden in Respect zu setzen, verstand sie nicht.

„Auch ist es ein Elend,“ fuhr der Bauer fort, „daß Du niemals mehr als ein Ding im Kopfe halten kannst. Wenn ich Dir sage: geh’, laß heute Nachmittag den Hanf aufreißen, gut, so wird der Hanf aufgerissen, aber Du denkst nicht daran, daß Du um vier Uhr nach Hause kommen mußt, weil der Wagen von der Mühle kommt und Du ihm die Säcke mit Korn aufladen lassen mußt. Wer soll es anders thun? Du weißt, daß ich mit dem Großknecht beim Grummet bin … doch Du steckst bis über die Ohren im Hanffeld und denkst an die übrige Welt nicht mehr.“

„Ach ja, Ihr habt Recht, Vater,“ sagte das junge Mädchen mit einem tiefen Seufzer.

„Ich hätte Dich nicht auf ein Jahr zu der gnädigen Frau gehen lassen sollen,“ fuhr der Vater fort. „Du bist seitdem nichts mehr nutz für eine ordentliche Bauernwirthschaft; seit Deine Mutter todt ist, geht Alles den Krebsgang auf dem Hof und ich habe Verdruß über Verdruß. Wird auch wohl nicht besser werden für’s Erste!“

[130] Das junge Mädchen faltete mit einem zweiten Seufzer ihre Hände im Schooße.

„Vater,“ sagte sie, „ich wollte Euch gern sagen: ich will mich bessern. Aber was hälf’s, ich fühle es ja selber, daß ich mich nicht bessern kann, so gern ich’s möchte. Ich habe keinen Kopf dazu! Seht, wenn Ihr mir sagt: geh’ den Nachmittag mit den Mägden in’s Feld und sieh’, daß der Hanf aufgerissen wird, so bin ich so eifrig dabei und denke nur darauf, daß wir auch bis zum Abend mit der Arbeit fertig werden und daß jede von den Mägden ihr gleiches Theil thut und daß die einzelnen Bündel ordentlich aufgebunden werden, daß ich darüber den Müllerwagen vergesse – und hernach erst fällt’s mir mit Schrecken ein. Und wenn ich in der Milchkammer sehe, die Kathrine hat wieder vergessen, eine von den Schüsseln abzurahmen oder hat nach dem letzten Buttern die Quirle nicht ordentlich ausgewaschen, dann ärgere ich mich wohl über die Kathrine und dann gelobe ich mir, ihr recht tüchtig den Kopf zu waschen, aber wenn dann die Kathrine wirklich vor mir steht und sieht so ruhig und wohl zufrieden mit sich aus, als ob sie Alles auf’s Beste gethan hätte, dann hab’ ich gar den Muth nicht mehr, ihr etwas Schlimmes zu sagen, und wenn ich mich recht zusammennehme und ihr sage, es sei doch sehr unrecht, so nachlässig zu sein, so zuckt sie mit den Schultern und geht fort, ohne sich darum zu kümmern!“

Bauer Herbot zuckte auch mit den Schultern.

„Und das wundert Dich dann wohl noch, daß sich aus solchen Worten das wüste Volk nichts macht?“

„Es wundert mich gar nicht, um so weniger, als sie ja sehen, daß ich auch oft genug etwas vergesse und genug von Euch gescholten werde!“

Herbot schwieg und warf heftig die Asche aus seiner eben ausgegangenen Pfeife.

„Vater,“ sagte das junge Mädchen sanft nach einer Pause.

„Was ist, Marianne?“

„Ihr solltet Euch entschließen … zu dem, was Ihr doch einmal thun müßt! Es geht ja nicht anders, es muß aus den Hof eine tüchtige junge Frau kommen, die’s besser anzufassen versteht, als ich. Ihr seid ja noch in den besten Jahren, und wenn Ihr auch nicht der Bauer vom Herbothof wäret, ich glaube, die Anna nähm’ Euch doch!“

Herbot nickte nachdenklich mit dem Kopfe.

„Die Anna nähm’ mich schon,“ sagte er, „die Anna ist ein wackeres und rühriges Mädchen, das mir besser gefällt, als jede andere in der Bauernschaft. Aber …“

Bauer Herbot murmelte etwas zwischen den Zähnen; er beschäftigte sich damit, den Tabaksbeutel hervorzuziehen und seine Pfeife neu zu stopfen.

„Aber?“ fragte Marianne.

„Nun, was brauch’ ich Dir’s zu verschweigen! Die Anna ist viel zu gescheidt, in ein Haus zu ziehen, worin eine Tochter ist, beinah eben so alt wie sie. Sie hat’s nicht nöthig, das!“

„Hat sie Euch das gesagt?“ fragte Marianne, die Farbe wechselnd.

Bauer Herbot gab keine Antwort auf diese Frage.

Eine stumme Pause folgte.

„Du lieber Gott,“ hob Marianne mit einem schweren Seufzer wieder an, „ich komme mit der Zeit ja auch wohl noch unter die Haube!“

„Es hat nicht den Anschein,“ versetzte unmuthig der Bauer. „Freier hast Du genug! Der junge Rasselsberg und der Schulzensohn vom Erdmannshof und der Anerbe vom Wallfurth’s Colonat – sie alle sind Deinetwegen hier gewesen … aber Du hast ihnen Allen schnippisch die Wege gewiesen, und wenn nicht auf den Herbothof ein Prinz mit vier Pferden gefahren kommt, so wird wohl nie, etwas daraus werden … Und so muß ich mich drein geben; was ist mit einem verdrehten Weiberkopf anzufangen? Das kommt dabei heraus, wenn man seine Kinder mit vornehmen Leuten in die Stadt ziehen läßt … Zierpuppen werden sie, denen nichts mehr gut genug ist! Deine gnädige Frau hat’s Dich wohl gelehrt? Die weiß ja auch nicht, was sie will, und wen sie mag; ihr Mann ist schon seit drei Jahren todt und nun ist ihr Vater obendrein gestorben und es thäte bitter Noth, daß sie einen ordentlichen Mann nähme, der nach dem Ihrigen schaute und es bei einander hielte … aber es sei ihr keiner gut genug, sagen die Leute, sie führt sie alle am Narrenseile und …“

„Ach, Vater, was wißt Ihr davon, daß Ihr den Leuten solch’ verkehrtes Zeug nachredet. Die Frau von Thorbach ist die bravste Frau aus der Welt …“

„Wenn sie nicht auch eine Zierpuppe wäre, just wie Du, hätte sie längst Einen gefunden, der ihr gut genug gewesen wäre!“

„Eine Zierpuppe ist sie nicht, das ist bös, daß Ihr das sagt, und wenn sie die Männer, die um sie freien – es kommen ihrer freilich schon genug – nicht mag, so hat sie ihre Gründe …“

„Gründe … möcht’ wissen, was für Gründe das sein sollten …“

„Die Gründe,“ rief Marianne, in der Vertheidigung der gnädigen Frau immer hitziger werdend, aus, „die sind, daß sie Einen gern hat und alle Andern nicht mag, und ich denk’, das ist ganz allein ihre Sache und geht Niemand etwas an.“

„Nun, weshalb nimmt sie denn den Einen nicht? Uns geht’s freilich nicht an, aber das Schloßwesen geht’s an, das verkommt ohne ordentlichen Herrn.“

„Der Eine, den sie mag, der mag sie nicht; der kümmert sich gar nicht um sie, oder hat wohl einen Haß auf sie geworfen, ich weiß es nicht … ich weiß nur, daß es ein seltsamer Mensch sein muß … eine so schöne und so gute junge Frau …“

„Das müßt freilich ein seltsamer Mensch sein, der das Schloß Stromeck nicht nähme, wenn er’s bekommen könnt’. Das ist ja Alles dummer Schnack!“

„Es ist kein Schnack, sie hat’s mir einmal selber gesagt, Herr von Mechtelbeck stiere sie immer von Weitem an, als ob sie ein wildes Thier wäre, und wiche ihr doch aus und spreche nie ein Wort zu ihr … ich hab’s wohl gemerkt, weshalb sie so zornig dabei war …“

„Der Rittmeister von Mechtelbeck? Der wär’s?“ fragte Herbot, „das ist wunderlich! Zwischen denen von Stromeck und den Mechtelbecks hat, so lang ich denken kann, niemals große Freundschaft bestanden. Nun, sie mögen das unter sich ausmachen und mir kann’s einerlei sein, ob die gnädige Frau einen Mann nimmt oder nicht nimmt. Bei Dir aber ist mir’s nicht einerlei, und weshalb mir’s nicht einerlei ist, das hab’ ich Dir just gesagt, und ich sag’ Dir auch, daß ich die Ziererei müde bin. Die Anna hat am Ende auch nicht Lust, ewig zu warten, bis Dir’s mal einfällt …“

„O sorgt Euch nicht!“ fiel Marianne gereizt und mit schwer verwundetem Herzen ein, in das die egoistischen Worte ihres Vaters wie Stacheln drangen. „Ich werde mich ja schon verheirathen. Ihr mögt’s der Anna nur sagen,“ setzte sie mit vor schmerzlicher Erregung zitternder Lippe hinzu.

„Und wer ist’s denn, den Du nehmen willst?“ fragte der Bauer begierig aufhorchend, „ist’s der Raffelsberg oder der Erdmann, oder der …?“

„Muß es denn just Einer von den Dreien sein?“ fragte Marianne mit einem tiefschmerzlichen Seufzer.

„Es hat sonst Keiner um Dich gefreit, so viel ich weiß … aber hör’, es kommt mir just so vor, als sei’s nur leeres Gered’, was Du daher machst … damit komm’ ich nicht weiter – werd’ mich auch hüten, der Anna davon zu sagen … ich kenne Dich!“

„Mein Gott, nein, es ist kein leeres Gered’, ich werde ja heirathen, ganz gewiß werd’ ich’s; ich kann doch nicht mehr thun, als es Euch sagen!“

„Dann komm’ auch heraus mit der Sprache und sag’ ehrlich, wer’s ist! So lang Du das nicht thust, glaub’ ich Dir nichts. Mit Deinem ,Ich werd’ heirathen’ laß ich mich nicht zum Besten halten … Nun, wirst Du endlich reden?“

„Muß ich denn durchaus Einen nennen … nun in Gottes Namen denn, wenn Ihr gar nicht anders Ruhe bekommt der …“

Marianne stockte eine Weile, preßte die Hände in ihrem Schooße zusammen und sagte mit zornigem Tone:

„Der Friedrich, der bei den Soldaten in der Stadt, ist’s, den ich nehme.“

„Was? Der Friedrich?“ rief Herbot mit dem Tone einer ganz außerordentlichen Verwunderung. „Der?“

Marianne schwieg, zu Boden blickend, während ihr Thränen des Zorns in die Wimpern traten.

„Aber der ist ja seit Jahren nicht mehr hier im Dorfe gewesen,“ sagte Herbot jetzt, „seit vielen Jahren …“

„Ich habe ihn gesehen, als ich bei der gnädigen Frau in [131] der Stadt war,“ antwortete Marianne sich abwendend und kaum verständlich.

„Und hast ihm dort das Jawort gegeben?“

Marianne war in Beziehung auf den Bräutigam auffallend lakonisch. Sie nickte nur mit dem Kopfe.

„Und kann der denn heirathen?“ fragte Herbot weiter.

„Er wird nächstens … ich weiß nicht, wie man’s nennt – aber er wird etwas … und dann kann er’s.“

„Bald?“

„Ich denke, bald.“

Bauer Herbot schüttelte den Kopf. Unter anderen Umständen hätte ihm ein solches Geständniß nicht gemacht werden dürfen … Der Friedrich, von dem man gar nicht wußte, woher er stammte, der Unterofficier bei der Artillerie war … und eine Tochter vom Herbothofe … es wäre ihm wahrhaftig nicht eingefallen, dazu seinen Segen zu geben! Aber wenn er an die Anna dachte … und wenn es wahr war, daß der Friedrich nächstens höher hinauf komme, und ein ansehnliches Kindestheil bekam die Marianne ja mit, daran sollte es nicht fehlen – und eine ordentliche Bauernfrau wurde sie ja ohnehin nie – viel besser paßte sie in die Stadt …

Bauer Herbot schmauchte sehr heftig dicke Wolken aus seinem gebräunten Maserkopf; er schwieg, aber in seinen Zügen lag keine Unzufriedenheit mit dem, was er gehört hatte.

Nach einer Weile erhob er sich. Als Marianne dies sah, sprang sie mit einer eigenthümlichen Erregung in die Höhe, und ihre Hand auf des Vaters Arm legend, rief sie aus:

„Aber, Vater, Ihr sagt das Niemand, Niemand in der Welt, hört Ihr?“

„Niemand in der Welt?“

„Nun ja, Eurer Anna mögt Ihr’s sagen … aber sonst darf es Niemand auf Erden erfahren, versprecht mir das, gelobt es mir heilig, ich verlange es von Euch.“

Herbot schüttelte den Kopf.

„Und weshalb denn nicht? Wenn’s mir recht ist…“

„Nein, nein, nein,“ rief Marianne in größter Bewegung ans, „es darf es Niemand erfahren, ich hab’ es Euch gesagt, und Ihr wißt auch wozu, aber keiner Menschenseele weiter dürft Ihr’s sagen, ich will es nun einmal nicht – noch nicht!“

„Sieh, sieh, sieh!“ sagte Herbot sie verwundert anschauend, „Du geräthst ja vollständig in Eifer dabei … kannst Du auch zornig werden? Nun meinethalb – ich will Dir den Gefallen für’s Erste gerne thun; so etwas muß ja doch auch überlegt werden … und darum sei ruhig!“

Damit wandte sich der Herbotbauer und ging in’s Haus. Eine Weile nachher sah ihn Marianne aus der Niederthür herauskommen und über den Hof gehen, dem Schlage zu, jenseits dessen der Fahrweg durch’s Kornfeld lief. Sie wußte, wohin er ging.

Er aber wußte nicht, was in seiner Tochter vorging. Sonst hätte er vielleicht den Weg nicht gemacht. Er konnte die leis geflüsterten Worte ihres Selbstgesprächs nicht verstehen, sonst hätte der Herbotbauer sich am späten Abend wohl nicht mehr in Unkosten gesetzt und den dunkelblauen Sonntagsrock angelegt, und statt des alten Maserkopfs die schöne, mit dickem Silber beschlagene Meerschaumpfeife genommen, deren Spitze und silberne Kettchen jetzt, wie er eilig an den Kornfeldern Herschritt, zu seiner Rocktasche herausblickten.

Mariannens Selbstgespräch aber lautete: „Gott verzeih’ mir die Lüge … aber ich konnte ja nicht anders! Er soll ruhig sein, der Vater und seine Anna! Ich will ja schon Einen nehmen! Entweder den Rasselsberger oder den Erdmann oder den Wallfurth, oder wer sonst noch kommen mag! … Ich will’s, ich will’s, ja, ja, ja, ich will’s, ich werde ja den Tod nicht gleich davon haben! Und damit ich nur Ruhe bekam und die Zeit, mich zu besinnen, mußt ich ja Einen nennen! Der Friedrich ist meilenweit und kommt nie in’s Dorf zurück. Er denkt nicht an’s Dorf und weiß nicht, daß auf dem Herbothof ein Mädchen, das Marianne heißt, lebt; dem schadet’s nichts, daß ich gelogen habe.

Ach, das Heirathen! Es ist doch was Schreckliches darum! Wenn’s nur nicht in der Welt wär’! Der ganze Athem geht mir aus, so oft ich daran denk“. Und weshalb muß es denn sein?!“ Marianne schüttelte zu Boden blickend traurig mit dem Kopf; dann stand sie auf und ging in’s Haus.




Herbot ließ heute Abend sehr lange auf seine Rückkehr warten. Es ward halb Elf, bis er nach Hause kam.

Marianne war noch auf, während alles Gesinde längst zur Ruhe gegangen. Sie saß hinter einem Buche am Tische in der Küche, die kleine Oellampe vor sich, aber lesen konnte sie nicht, sie hatte kein einziges Blatt in dem Geschichtenbuche, das vor ihr lag, gewendet. Wär’s nur nicht Sonntag gewesen, sie hätte das Spinnrad nehmen können und ihre Gedanken in die gelben Fäden einspinnen; so aber flogen sie ihr wirr und rebellisch alle durch und um den Kopf, und die Schwere, die ihr auf der Brust lag, wehrte allen Schlaf von ihr ab, sie hatte keinen Moment die Lider geschlossen.

Endlich hörte sie draußen den Hofhund anschlagen und des Vaters Anruf, worauf das Thier schwieg und nur mit seiner Kette klirrte; dann ging die Thür auf und der Vater trat ein.

„Nun, Schatz, wie geht Dir’s? Bist noch auf?“ sagte er und schlug Marianne wie in einem sehr ungewohnten Anfall von Zärtlichkeit auf die Schulter. Sein Gesicht war sehr geröthet, oder war das blos Wirkung des rothen Scheins, den die kleine Lampe warf?

„Ihr bleibt lange, Vater,“ sagt Marianne, die sich seiner Zärtlichkeit mit einem unbehaglichen Gefühl entzog, „habt Ihr so viel mit der Anna zu sprechen gehabt?“

„Mit der Anna,“ versetzte er lachend und mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, indem er dabei höchst schlau die Augen zusammenkneifend Marianne anblinzelte. „Mit der Anna nicht! Da braucht’s nicht viel Ueberlegung. Sie hat schon lang gewußt, was sie wollte, sobald Du nur erst wüßtest, was Du wolltest.“

„Und mit wem habt Ihr denn sonst zu reden gehabt … Vater, Ihr wart doch nicht …“

Der Herbot blinzelte sie wieder außerordentlich fröhlich und schlau an.

„Im Wirthshause?“ lachte er hell auf, „Du meinst, ich war im Wirthshause … nein, ich war nicht im Wirthshaus, hatte mehr zu thun, ich war beim Doctor.“

„Beim Doctor?“

„Ja, beim Advocaten.“

„Beim Advocaten!“ sagte mit niedergeschlagendem Tone Marianne; „schon heut? Ihr habt’s eilig!“

Sie wandte sich rasch ab, um ihrem Vater eine zweite Lampe anzuzünden.

„Laßt uns zu Bette gehen!“ sagte sie tonlos.

„Und willst Du nicht hören, was der Doctor gesagt hat?“

„Was versteh’ ich davon?“ entgegnete Marianne, „ich denk’, Ihr werdet mir mein Kindestheil schon geben, ohne daß ich mich drum kümmere … Eifer, damit in’s Reine zu kommen, zeigt Ihr ja genug!“

„Ja, ja, wir werden schon damit in’s Reine kommen!“ lachte der Herbotbauer wieder laut und fröhlich auf. Marianne wußte wirklich nicht, was der Vater hatte; war es denn möglich, daß er so froh war und so hastig, sein Kind von sich zu entfernen? Hatte er denn für nichts Anderes in der Welt mehr Sinn und Gefühl als für die Anna?

Marianne traten zwei Thränen in die Augen; sie ging, als des Vaters Lampe brannte, mit einem „gute Nacht!“ in die Kammer.

„Sie läuft fort und will nichts davon hören,“ sagte Herbot ihr nachblickend, „nun, es mag am Ende auch besser sein, daß sie nicht eher davon hört, als bis Alles in Ordnung und Klarheit ist mit dem Glückspilz, dem verwetterten Burschen, dem Friedrich … sie würd’s ja am Ende auch gar nicht glauben, wie ich’s auch nicht glauben wollte, anfangs! Aber wahr ist’s doch, und jetzt, wo der alte Fuchs von Advocat mir Alles auseinander gesetzt hat, will ich Stein und Bein darauf schwören, daß es wahr ist … nur wunderlich, daß es nicht eher zu Tage gekommen! … Freilich, der Friedrich war ein armes Blut; wer kümmert sich um den? Jetzt, wo der Herbotbauer sich der Sache annimmt, bekommt sie ein anderes Aussehen, und wenn er die Marianne nimmt, dann wird er ihr bischen Abfindung und Aussteuer gar nicht wollen … der … aber wenn er nur Farbe bekennt, und sie nimmt! Wenn er sie nur nimmt!“

Mit diesem Ausruf des Zweifels, der plötzlich seine erhöhte Stimmung ein wenig zu dämpfen schien, begab sich der Herbotbauer endlich in seine Kammer.

[132] Als Marianne am andern Morgen mit der Großmagd in der Milchkammer stand, um mit ihr den Rahm von den Milchschüsseln abzunehmen, sagte die Letztere flüsternd:

„Ist’s denn wahr, Marianne, bist versprochen, mit, des alten Schulmeisters Friedrich, der bei den Soldaten ist?“

Marianne ließ vor Schreck den Holzlöffel in die Milch fallen.

„Um Gottes willen,“ rief sie tief aufathmend aus – „wie kommst’ darauf?“

„Ich denk’ doch nicht, daß Du’s ableugnen willst,“ versetzte schnippisch das Mädchen.

„Davon ist ja keine Silbe wahr,“ eiferte Marianne weiter, „ich denk’ nicht an den Friedrich, ich kenne ihn ja gar nicht!“

„Als Du in der Stadt warst, bei der gnädigen Frau, hast ihn schon kennen lernen … genau genug, scheint’s!“ gab die Katharine zur Antwort.

„Aber ich will nicht selig werden, wenn …“

„Pfui, verschwöre Dich doch nicht so arg,“ rief jetzt die Großmagd zornig aus …. „Dein Vater selber hat’s mir ja heute Morgen gesagt, im Geheimen, hat er gesagt, und ich sollt’s nicht weiter sagen, noch nicht, aber …“

„O mein Gott, der Vater, der Vater … er macht mich unglücklich!“ seufzte Marianne ganz zerschmettert. „- Nun weiß es in zwei Tagen die ganze Bauernschaft … und nun brauchte nur noch der Friedrich einmal zum Unglück in die Gegend heimzukommen … ich wär’ geschändet für mein Leben lang!“

Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, setzte sie sich auf einen Holzschemel, der in der Milchkammer stand. Und dann sprang sie auf; sie eilte hinaus, sie wollte zum Vater und ihm seine Wortlosigkeit vorhalten, und ihm rund heraus sagen, daß …

„Der Vater ist auf’s Veen gefahren,“ sagte ihr der Knecht, der in der Küche am Heerdfeuer stand und der zweiten Magd half, den schweren Kessel mit dem Viehfutter vom Feuer abzunehmen.

Auch das noch! – Er war fort; auf dem stundenweiten Wege in’s Veen begegnete ihm wer weiß noch wer von seinen Bekannten, dem er’s in der Freude seines Herzens, daß nun nichts mehr zwischen ihm und seiner Anna stehe, ebenfalls als strenges Geheimniß anvertraute … und dem Advocaten, zu dem er gestern Abend schon geeilt war, mit ihm wegen der Abschließung Rath zu pflegen, hatte er’s sicher auch schon anvertraut …

Marianne fühlte sich entsetzlich unglücklich, sie war empört wider den Vater, geängstigt wegen der Folgen, zornig auf sich selbst, daß sie sich gestern von ihrem tief verletzten Gefühl so weit hinreißen lassen, und endlich sich völlig klar darüber, daß ihr nichts Anderes übrig bleibe, als sich öffentlich und vor aller Welt in kürzester Zeit entweder mit dem Raffelsberger oder dem Erdmann oder dem Wallfurth zu verloben, mochten sie immerhin alle Drei ihr gleich unausstehlich sein.

Für’s Erste konnte sie nichts thun, als in die Milchkammer gehen und zu der Großmagd sagen:

„Hör’, Katharine, mit dem, was der Vater redete ist’s nichts, ich sag’ Dir’s! Der Vater hat seine Gründe, warum er’s sagt, aber ich hab’ die meinigen, daß ich’s abred’. Willst zu mir halten und Jedem, der davon anfangen sollt’, sagen, es sei leer Geschwätz, so schenke ich Dir ein neues Fürtuch, zu Jacobi, wenn Markt ist.“

„Ich kann schon schweigen und will auch sagen, was Du willst, Marianne,“ versetzte die Großmagd; „mir ist’s eins … hab’ mich gleich gewundert, daß ein so feines, sauberes Mädchen, wie Du bist, und dazu des Herbotbauers Tochter, solch’ einen Findling nehmen möcht’!“

„Einen Findling? Der Friedrich?“

„Und das weißt Du nicht?“

„Hab’s nie gehört!“

„Gewiß ist’s so – das ist gar kein Geheimniß im Dorf. Niemand weiß, von welchem Baum er gefallen ist. Auch nicht, aus welcher Gegend er stammt, wenn er auch hier im Dorfe erzogen ist, bei dem alten Schulmeister, weißt, der vor Jahren gestorben ist.“

„Nun ja, das weiß ich; ich habe geglaubt, wie alle Welt, er sei des Schulmeisters Sohn.“

„Der alte Schulmeister hatte nicht so viel, ihn immer so sauber zu kleiden und dann auf die Unterofficiersschule nach Jülich zu schicken. Das muß anders woher gekommen sein!“

„Nun, uns geht’s nicht an,“ sagte Marianne gleichgültig. „Denk’ daran, daß ich Dein Wort hab’!“

Mariannens Sorge um das, was sie gethan, würde noch um Vieles erschwert worden sein, wenn sie den Inhalt des Gesprächs gekannt hätte, das ihr Vater am Abend vorher mit dem Advocaten geführt hatte.

[145] Der Rechtsanwalt oder, wie die Bauern ihn nannten, der Doctor Rostmeyer wohnte in einem Städtchen, welches nicht eine Stunde Weges von dem Herbothofe entfernt lag. Die Stunde Entfernung hatte Mariannens Vater nicht abgeschreckt, weil es doch nun einmal Sonntag war, noch am Abend zu dem Doctor zu gehen, um mit demselben über die Verlobung seiner Tochter zu reden, d. h. über die Seite der Sache, welche der Bauer bei jedem in die Sphäre des Gemüthslebens fallenden Ereignisse zunächst bedenkt und in’s Auge faßt – die praktische.

Der Bauer wurde, als er in der Dämmerung in das Haus des Rechtsmannes trat, in dessen Geschäfts- und Arbeitszimmer geführt und fand den Doctor beschäftigt, Cigarren aus einer Kiste zu nehmen und in ein großes Etui zu stecken, da er im Begriff war, sich in das Casino der kleinen Stadt zu begeben. Er war bereits im Ueberzieher und hatte die dunkle Tuchmütze auf dem Kopfe.

„Hat’s Eile, Herbotbauer?“ sagte der Advocat, sich nach dem Eintretenden umschauend und dann in seiner Beschäftigung fortfahrend … „Ihr kommt spät, und ich stehe im Begriff, auszugehen.“

„Dann will ich Sie nicht hindern, Herr Doctor; so große Eile hat’s just nicht! Ich wollte nur ein wenig überlegen mit Ihnen und hören, was zu thun sei …“

„Ueberlegen? Was giebt’s denn auf dem Herbothofe Neues, was zu thun machte?“

„Nun, viel Neues just nicht; Sie wissen, oder vielleicht wissen Sie auch nicht, ich habe schon eine Weile nach der Anna Kamp vom Kamphofe gefreit und möchte nun mit der Zeit an’s Heirathen denken …“

„In der That, seid Ihr so weit mit der Anna? Ich hab’ geglaubt, sie wollte nicht mit einer Stieftocher von gleichem Alter wie sie zusammen hausen?“

„Das ist in der That so, Herr Doctor; allein da die Marianne sich nun auch verlobt hat …“

„Die Marianne hat sich verlobt? Ei, sieh doch!“ versetzte der Advocat. „Und wen bekommt sie denn?“

Der Herbotbauer strich sich über den Schädel und sein aschfarbenes Blondhaar gar glatt und säuberlich in die breite Stirn hinein.

„Es soll noch ein wenig Geheimniß sein,“ versetzte er dabei zögernd; „sie hat mir’s selber erst heut’ Abend anvertraut, und ich habe ihr in die Hand geloben müssen, noch nichts davon zu verlautbaren.“

„Dummes Zeug, Herbotbauer! Es muß ja doch bald bekannt werden,“ fiel der Advocat ein, der, nachdem er sein Etui in die Tasche gesteckt, eine der Cigarren abschnitt, und anzündete, und dann ging, aus der Ecke seinen Stock zu holen. „Seinem Doctor und seinem Advocaten muß man reinen Wein einschenken; also heraus mit der Sprache!“

„Nun ja, ich weiß, daß man Ihnen auch reinen Wein einschenken darf, und der Marianne kann’s auch ganz eins sein, ob ich’s Ihnen sage. Es ist der Friedrich Schwelle, der als Unterofficier bei der Artillerie steht. Sie haben ihn vielleicht gekannt, als er noch bei unserem Schulmeister …“

„Der Friedrich Schwelle?“ rief der Advocat aus, der bei diesem Namen sich plötzlich rasch umdrehte, seinen Stock in der Ecke vergaß und den Herbotbauer aus seinen blauen, großen, weit vorstehenden Augen ansah, als hätte ihm dieser etwas ganz Besonderes und Verwunderliches gesagt.

„Der Friedrich!“ wiederholte der Bauer.

Doctor Rostmeyer stand noch immer und glotzte ihn an, als ob ihm die Nachricht ganz unglaublich viel zu denken gäbe. Er stand unbeweglich und sagte kein Wort. Herbot starrte ihn wieder an. Er konnte sich nicht erklären, was den Doctor Rostmeyer so betroffen machte. Was hatte der Mann?

„Verwundern Sie sich so?“ fragte er endlich, „daß ich meine Tochter einem Unterofficier und einem …“

„O nein, nein, nicht deshalb!“ antwortete Doctor Rostmeyer.

„Ich weiß,“ fuhr der Herbotbauer fort, „die Leute werden ein wenig den Kopf dazu schütteln, aber ich mache mir nichts daraus. Der Friedrich ist, so lang er hier beim Schulmeister war, immer ein Ausbund von Bravheit gewesen, und immer der Erste in der Schule; und jetzt hat er den Krieg mitgemacht und ich hab’ mir sagen lassen, er hätte zwei Medaillen wie die Andern, aber eine noch ganz extra bekommen wegen seiner besonderen guten Führung; die Marianne sagt, er bekomme nächstens eine Beförderung; so ein sieben oder acht Jahr hat er gedient, und da er im Felde war, zählen zwei doppelt, und über ein paar Jahre also bekommt er eine schöne Anstellung im Civil mit einem tüchtigen Gehalt … für den Friedrich ist mir nicht bange; weshalb soll ich ihm meine Tochter nicht geben? Ich bin ein zu vernünftiger Mann, Herr Doctor, als daß ich mich an den Namen Schwelle kehre.“

„Ihr seid ein sehr vernünftiger Mann, Herbot,“ sagte jetzt lächelnd der Advocat, „wohl mehr als Ihr’s selber wißt!“

[146] Freut mich, daß Sie mir beistimmen, Doctor!“ versetzte Herbot. „Die Marianne paßt ohnehin besser für einen Stadtherrn als für einen Bauern, Die Frau von Thorbach, die sie durchaus zu ihrem Kammermädchen haben wollte, so daß ich sie auf ein Jahr zu ihr lassen mußte, hat sie für den Bauernhof ganz verdorben.“

„Hm!“ sagte der Doctor nachdenklich, legte seine Mütze wieder ab und warf die Handschuhe, die er anzuziehen begonnen, hinein.

„Sagt mal, Herbotbauer,“ begann er dann von Neuem, „das ist wohl schon eine alte Liebschaft zwischen der Marianne und dem Friedrich, wohl schon von damals her, als sie Beide noch die Kinderschuhe trugen?“

„Das nicht,“ entgegnete Herbot, „sie datirt von diesem Winter her.“

„So, so! Nun, das verschlägt wenig. Dann ist die Liebe desto frischer und feuriger. Und der Friedrich ist ein sehr ehrlicher Bursche. Ich kenn’ ihn; ich kenn’ ihn besser, als irgend Jemand; er ist kein Mann, der leicht sein Wort bricht.“

„Sein Wort bricht? Wie kommt Ihr darauf?“

Rostmeyer antwortete nicht gleich. Er streichelte schweigend sein Kinn.

„Eine Tochter vom Herbothofe, denk’ ich, läßt Einer ohnehin nicht sitzen!“ fuhr der Bauer fort.

„Ja, ja,“ entgegnete Rostmeyer, „unter Umständen! Besser noch ist, daß die Tochter vom Herbothofe ein so verwettert hübsches Ding ist.“

Dabei streichelte Rostmeyer abermals sein glattes Kinn und blickte seinen Clienten mit den großen Augen so seltsam und so fragend an, als ob er vergessen, wen er eigentlich da vor sich stehen habe, und sich gar nicht wieder darauf besinnen könne.

„Doctor,“ sagte der Bauer endlich, „was geht Euch eigentlich im Kopfe herum? Ihr habt etwas, mit dem Ihr nicht herausrücken wollt; wenn Ihr nicht Frau und Kinder hättet, würde ich sagen, die Marianne hätt’s Euch selber angethan, und Ihr wär’t just auf dem Weg gewesen, um sie zu freien …“

Doctor Rostmeyer ging auf diesen angenehmen Scherz gar nicht ein. Er antwortete ernst:

„Ich hab’ Euch noch keinen Stuhl angeboten, Herbot; thut mir den Gefallen und setzt Euch dort … ich möchte noch ein wenig länger mit Euch von der Sache reden. Da Ihr mir einmal sagt, der Friedrich solle Euer Schwiegersohn werden … hört, Ihr habt vor wenigen Jahren Eure sauern moosigen Wiesensümpfe umgebaut … was hat Euch das gekostet?“

„Meine Wiesen? Wie kommt Ihr darauf?“

„Ich frage nur. Was hat es Euch gekostet?“

„Viel Geld, Doctor, viel Geld!“

„Wie viel?“

„Mehr als tausend Thaler!“

„Mehr als tausend Thaler. Gut. Und nun reut’s Euch nicht, es war ein gutes Geschäft. Ihr könnt aber, wenn Ihr tausend Thaler daran wenden wollt, noch ein besseres machen. Ihr könnt Euch den ganzen Schwiegersohn umbauen … solch’ ein Unterofficier ist nur ein schlechtes Parcel, bei dem nicht viel zu holen; am Ende auch nur ein Stück Sumpf; legt Ihr tausend Thaler daran, so baue ich ihn Euch um – in etwas Besseres! Ich mach’ Euch etwas draus, woran Ihr Eure Freude haben sollt!“

„Sie spaßen, Doctor!“

„Nein, Herbot, wenn ich von tausend Thalern rede und von einer Sache, an der ich verdienen will, so spaße ich niemals!“

„Aber was wollt Ihr denn eigentlich?“

Der Advocat ging und zog eine Klingelschnur. Dann zündete er die beiden auf seinem Schreibpult stehenden Kerzen an, da es nach und nach dunkel geworden. Als eine Magd erschien, befahl er ihr, eine Flasche Wein zu bringen, und während sie ging, den Auftrag auszuführen, reichte er seinem Clienten eine Cigarre und hielt ihm zum Anzünden das Licht hin.

„So,“ sagte er dann, während Herbot die ersten Dampfwölkchen von sich blies und sich in seinem Stuhl ausstreckte … „jetzt will ich Euch eine Geschichte erzählen und dann wird Euch bald Alles klar werden. Laßt nur erst das Mädchen mit dem Wein gekommen und wieder verschwunden sein!“

Das Mädchen kam mit dein Wein; Rostmeyer schenkte ein, und dann begann er seine Mittheilung.

Sie dauerte ziemlich lange. Der Bauer hörte ihr erstaunt und verwundert zu. Mit den Schlußsätzen aber, womit Rostmeyer, endete, schien er höchst gründlich einverstanden. Er nickte ihm überaus vergnügt und freudig zu; er rieb sich die Hände aus Vergnügen über Alles, was er vernommen hatte.

„Macht nur die tausend Thaler flüssig, für alles Andere steh’ ich ein,“ sagte Rostmeyer sich erhebend, „nur die Gelder sind nöthig. Und dann freilich ist’s Mariannens Sache, den Friedrich beim Worte zu halten. Er muß Fuß bei Mal halten. Und ich denk’, der gute Bursche wird’s! Eines dürft Ihr nicht unterlassen. Ihr müßt es so offenkundig wie möglich machen, daß die beiden jungen Leute verlobt sind. So lange Niemand von solch’ einem Verhältniß weiß, ist’s leicht wieder abgebrochen – aber wenn’s öffentlich kund gemacht worden ist, dann ist man gebunden … der Friedrich wird dann nicht so leicht daran lenken; ihr untreu zu werden.“

„Gewiß, gewiß,“ antwortete Bauer Herbot, „dafür will ich schon sorgen!“

„Und ich,“ fuhr der Advocat fort, „will sogleich an die Frau von Thorbach, die im Bade ist, einige Zeilen schreiben. Ich will sehen, sie für den Friedrich zu interessiren. Vielleicht geht sie, um ihres Vaters willen, eifrig darauf ein – und damit wäre viel gewonnen; solch’ eine Dame vermag in der vornehmen Welt viel, und wer weiß, was wir da noch für Leute nöthig haben – Fürsprache und Connexionen sind ein gutes Ding, und auch, wenn man ganz offenbar das Recht für sich hat, nicht unnütz!“

„Thut das, Doctor, thut das!“ rief Bauer Herbot aus; „wir wollen jeder das Unserige thun …“

„Und daran wird’s nicht fehlen,“ versetzte Rostmeyer, dem Bauer das letzte Glas einschenkend, „auf den Schwiegersohn, Herbot!“

„Solch’ einen Schwiegersohn kann man schon leben lassen,“ rief Herbot aus und stürzte, nachdem er mit dem Doctor angestoßen, den Wein hinunter, „und jetzt gute Nacht!“

„Gute Nacht!“ versetzte der Rechtsanwalt.

Die beiden Verbündeten trennten sich.




3.

Es waren acht Tage verflossen. In der Provincialhauptstadt, in einem sehr elegant eingerichteten Zimmer, welches die sauberste Ordnung zeigte, saß ein junger Mann von höchst gewinnendem Aeußern. Er saß an einem der Fenster, vor einem mit allerlei Zeichenmaterialien bedeckten Tische und war beschäftigt, ein Aquarellbild, das eine düstere Landschaftsscenerie, eine Felsgegend mit einem dunklen Gewitterhimmel darüber, darstellte, zu malen. Bald war er über seine Arbeit gebeugt, bald benutzte er die Augenblicke, wo er innehalten mußte, die Farben trocknen zu lassen, nur zum Fenster hinauszublicken und träumend den Himmel anzusehen; und dies stille Träumen, wobei sich sein hübscher männlicher Kopf mit dem dunkelbraunen Haar und dein schönen Vollbart auf seine wohlgepflegte aristokratische Hand stützte, dehnte sich dann meist weit über die Zeit aus, welche die Farben zum Eintrocknen bedurften.

Die Ausstattung des Zimmers deutete darauf, daß der Bewohner seine Malerei ohnehin nur als Dilettant trieb. Die gekreuzten Säbel zwischen Revolvern unter einem Helm mit langem schwarzem Roßschweif verriethen, auch wenn der junge Mann nicht in einen mit rothem Tuche gefütterten dunklen Uniformrock gekleidet gewesen wäre, daß er Officier war.

Die Thür öffnete sich, ohne daß angepocht worden, und herein trat ein großer, breitschulteriger und festgebauter Mann, dessen blühendes gutmüthiges Gesicht mit dem blonden Bart auf der Oberlippe kein höheres Alter als höchstens vierundzwanzig verrieth, während die ausgebildete Gestalt auf wenigstens dreißig hätte schließen lassen … es war eine jener kräftigen Erscheinungen, welche unter den Söhnen seiner Heimath so häufig ist und so viel Musterbilder wackerer Vaterlandsvertheidiger darunter finden läßt.

Er trug die Uniform desselben Regiments, zu dem der Officier gehörte, aber die eines Unterofficiers.

„Du bist’s, Friedrich,“ sagte der Officier, „etwas Dienstliches?“

„Zu Befehl, ja, Herr Hauptmann, ich komme Sie zu bitten, mir einen Urlaub von acht Tagen zu gewähren.“

[147] „Du willst Urlaub? Das ist ja bei Dir nicht vorgekommen, seid ich Dich kenne. Also bewilligt! Wozu willst Du denn Urlaub?“ setzte der Hauptmann hinzu.

„Es ist eine merkwürdige Geschichte,“ versetzte Friedrich lächelnd. „Ich will in meine Heimathgegend zurück, aus der ich seit so langer Zeit fort bin und die ich kaum je wiederzusehen dachte.“

„Und wozu?“

„Das Wozu ist mir selber räthelhaft. Ich habe da einen kurzen Brief von dem Doctor Rostmeyer bekommen, Herr Hauptmann erinnern sich vielleicht des Namens …“

„Rostmeyer … ich glaube, Du sagtest mir, daß der Mann Dein Wohlthäter geworden, das; er Dir möglich gemacht, die Unterofficiersschule zu besuchen.

„Ganz recht, und derselbe Herr Rostmeyer schreibt mir nun, ich solle unverzüglich mich auf Haus Stromeck einstellen und mit einigen Zeilen von ihm dort legitimiren; die Frau von Thorbach wolle mich sprechen, ich werde das Weitere von ihr hören.“

„Die Frau von Thorbach?“ rief der Hauptmann lebhaft und die Farbe wechselnd aus, „Frau von Thorbach hat mit Dir zu sprechen … und weshalb, worüber, das weißt Du nicht?“

Ueber Friedrich’s gutmüthige Züge flog ein helles Lachen.

„Nein, ich weiß es nicht,“ sagte er, „ich könnte in aller Welt nur Eines denken, was sie mir zu sagen hätte!“

„Nun und was?“ fragte hastig der Hauptmann.

Friedrich sah zu Boden und sagte ein wenig stotternd:

„Ich fürchte, Herr Hauptmann nehmen’s ungnädig …“

„Heraus damit, Friedrich, Du brauchst auch nicht so steif in dienstlicher Haltung dazustehen, wir sind aus einem Dorfe und außer Dienst alte Freunde; also, was wolltest Du sagen?“

„Ich könnt’ mir nur denken, daß die gnädige Frau von mir wissen wollte, wie es meinem Herrn Hauptmann ginge und ob er noch an sie dächte.“

„Das wird das Letzte sein, wofür sie sich interessirt,“ sagte der Officier rasch und mit unwilligem Tone sich von ihm wendend.

Friedrich lächelte wieder.

„Ich glaub’s nicht,“ versetzte er. „Ich kann mir nicht denken, daß sie sich nicht für ihren Gutsnachbar interessiren sollte – Ihr Gut und Stromeck liegen ja keine Stunde auseinander – und einige Aufmerksamkeit haben Sie doch gewiß für Ihre Landsmännin gehabt, als sie im vorigen Winter hier war … ich meine, ich hätte davon gehört,“ setzte Friedrich wie forschend hinzu.

„Du davon gehört?“ fiel der Hauptmann ein. „Possen, Du mußt wissen, daß Frau von Thorbach und ich geborene und geschworene Feinde sind.“

„Feinde?“ fragte Friedrich verwundert.

„So ist es. Kennst Du die Geschichte von den Montecchi und Capuletti?“

„Zu Befehl, nein, Herr Hauptmann!“

„Nun, sieh’, zwischen deren Häusern herrschte eine Todfeindschaft, die sich von Geschlecht zu Geschlecht fortspann. Und so ist es mit den Stromecks und uns Mechtelbecks.“

„Und deshalb hassen Sie die schöne Dame, die so viel Bewunderer hat?“

Der Officier schüttelte den Kopf.

„Ich hasse sie nicht, ich weiß nur, daß sie mich als den Träger meines Namens haßt!“

Friedrich, dem die Dinge überhaupt leicht eine heitere Seite zu bieten schienen, lächelte wieder.

„Wenn Sie’s nicht ungnädig nehmen, Herr Hauptmann, ich glaub’ es nicht!“

„Doch, doch, Friedrich,“ rief der Officier sehr aufgeregt aus. „Sieh’, unsere Väter haßten sich auf’s Blut. Noch auf seinem Todesbette hat mein Vater mir gesagt, daß ihm der Baron Stromeck, der Frau von Thorbach Vater, das Leben vergiftet habe, daß er der einzige Mensch auf Erden sei, den er hasse, und daß er mir seinen Fluch gebe, wenn ich dies je vergessen könne, je eine Gelegenheit, ihn zu rächen, ungenutzt vorübergehen lassen werde.“

„Das war nicht sehr christlich,“ sagte Friedrich, „mir ist’s lieber, daß ich niemals etwas geerbt habe, noch erben werde, als solchen Haß gegen Jemand, der mir nichts gethan hat, oder gar noch gegen seine hübsche Tochter erben zu sollen!“

„Mag sein, mein lieber Friedrich, aber auf Deinen Standpunkt kommt es nicht an. Die Dinge stehen einmal so.“

„Nun ja,“ sagte Friedrich, „dann wär’s aber immer noch möglich, daß die schöne Dame mich fragen will, ob der Rittmeister vielleicht nicht bewogen werden könne, den Haß fahren zu lassen; sie ihrerseits bestände nicht so sehr darauf.“

„Geh’ und höre, was sie Dir sagen will; ich bitte mir nur aus, daß Du meinen Namen nicht in ihrer Gegenwart nennst.“

„Zu Befehl, Herr Hauptmann.“

„Und wenn Du zurückkommst, so melde Dich sofort.“

„Ich werde dem Herrn Hauptmann sogleich berichten, ob die Voraussetzung von dem grimmen Hasse richtig ist,“ versetzte Friedrich wieder lächelnd … „aber lieber wäre mir, statt des Verbots, Ihren Namen zu nennen, eine kleine Instruction, was ich sagen soll, wenn sie mich geradezu nach Ihnen fragt … und,“ setzte Friedrich, aus dem scherzenden Tone, den er sich bis jetzt erlaubt hatte, herausgehend hinzu, denn der Officier zog seine Stirnfalte kraus, „und eine kleine Instruction, wie ich mich denn überhaupt zu betragen habe; ich habe noch in meinem ganzen Leben nicht mit einer vornehmen Dame gesprochen und es ist mir ein wenig beklommen dabei zu Muthe, um es aufrichtig zu gestehen.“

„Wie Du Dich betragen sollst? … nun, wie ein tapferer Soldat; Du kannst etwas weniger steif und reglementmäßig dastehen, als Du jetzt thust, und reden kannst Du, wie Du mit mir redest, wenn wir nicht im Dienst sind, sondern als zwei gute Cameraden aus einem Kirchspiel, die in des Königs Rock fast mitsammen aufgewachsen sind, zusammen plaudern. Das wird ihr am besten gefallen. Die Mütze mußt Du abnehmen, ich denk’, das weißt Du selber, und – nun sieh, wie Du Dich aus der Affaire ziehst und Deinem Corps Ehre machst. Also, geh’ und höre, was sie Dir zu sagen hat; wir werden ja sehen, was es ist!“

Friedrich legte die Hand an die Mütze und machte Rechtsumkehrt. Als er gegangen, sprang der Officier auf und rannte in auffallender Erregung in seinem Zimmer auf und ab.

Das Gespräch mit Friedrich hatte in seinem Herzen grausam den wunden Fleck, die thörichte, aber nicht zu bezwingende Leidenschaft für die einzige Frau in der Welt, die er nicht hätte lieben sollen, berührt. Sein Vater hatte ihn im Hasse wider den Namen Stromeck auferzogen. Dann war der Vater gestorben und hatte sein Besitzthum sehr verschuldet hinterlassen. Der junge von Mechtelbeck war, während die Vormünder die Schuld abzutragen sorgten, in der fernen Residenz in Militärschulen für seinen Beruf auferzogen; seine Mutter war mit ihm in die Residenz gezogen und lebte noch dort; er selbst, mit Leib und Seele Soldat, dabei mit einem eisernen Fleiße begabt, hatte sich rasch befördert gesehen, aber über seinem Interesse für den Dienst gänzlich sein Stammgut vernachlässigt, das er unter guter Hut wußte und, in seinen Bedürfnissen anspruchlos, wie er war, sich ungestört aus der Verwirrung loswickeln ließ, in welcher sein Vater es hinterlassen.

So kam es, daß er Agathe von Stromeck, die jetzt die junge Wittwe eines vor einigen Jahren gestorbenen Legationsrathes von Thorbach war, weder als Knabe noch später je gesehen. Erst als seine jüngste Beförderung ihn in die Provincialhauptstadt brachte, in welcher sie den Winter verlebte, sah er sie; schon der Gedanke, daß er diese Frau hassen solle, ließ sein Auge mit doppeltem Interesse auf ihr ruhen, und dabei entdeckte dies Auge eine solche Anmuth, einen solchen Reiz, etwas so Verführerisches in der hübschen, lebhaften, vielumworbenen Frau, daß sein ganzes Herz den Blicken nachflog. Aber ach, er war ja nicht der, welcher sich unter die Werber, die Frau von Thorbach umringten, drängen durfte! Der Gedanke, bei ihr auf den unverhohlenen Ausdruck der Gesinnungen, welche sie gegen ihn hegen mußte, zu stoßen, war etwas so Schmerzliches, daß seine scheue Natur sich nicht zu dem Entschluß aufraffte, es auf die Erfahrung ankommen zu lassen, nicht zu dem Versuch, ob jene Gesinnungen nicht zu überwinden seien. Dazu war Frau von Thorbach ja stets so umringt, eine Schaar von Bewunderern umgab sie; Frau von Thorbach war reich, sehr reich, es war nicht möglich, sich ihr zu nähern, ohne einen Schein auf sich zu laden, wider den der Stolz des Hauptmanns von Mechtelbeck sich hoch aufbäumte und empörte … und so kam es, daß er ihr fremd und fern geblieben, daß er der einzige Mann in der Gesellschaft geblieben, der Frau von Thorbach nicht huldigte.

Der Hauptmann von Mechtelbeck aber war durch seine äußere [148] Erscheinung sowohl, wie seinen Geist, seine hervorragende Bildung, die ihn ja auch der Waffe zugeführt hatte, welche das ernsteste wissenschaftliche Streben bedingt, kein Mann, den man übersieht. Auch Frau von Thorbach hatte ihn nicht übersehen, den einzigen Mann, der sich in so stolzer, kühler Entfernung von ihr hielt … mit einer Consequenz, welche sie endlich als eine sie reizende, stachelnde Demüthigung empfand: sie hätte ihn strafen mögen dafür, ihn zu ihren Füßen niedergezwungen sehen mögen, ihn vor allen Andern – was waren ihr im Grunde alle Andern, da dieses stolze Haupt sich nicht vor ihr beugen wollte – alle Andern ermüdeten, langweilten sie, nur der Eine zog ihre Gedanken an und sie ließ, wenn ihr Blick ihm begegnete, diesen Blick mit einem so hochmüthig zornigen Ausdruck auf ihm ruhen, daß der Hauptmann darin nichts Anderes lesen konnte, als den Abglanz jener alten Flamme der Erbfeindschaft, worin die Sprossen der Häuser Stromeck und Mechtelbeck erzogen waren.




4.

Friedrich war unterdessen in sein Quartier geschritten, um sich reisefertig zu machen. Nachdem er seinem Oberfeuerwerker seine Urlaubsreise angemeldet, begab er sich zum Posthofe, um die Fahrpost zu benutzen, welche in den Nachmittagsstunden nach der Gegend seiner heimathlichen Bauernschaft abging. Er hatte eine kleine Stunde von der letzten Station zu marschiren, bevor er das Dorf, welches zunächst sein Ziel war, erreichte; die Gruppe Häuser nämlich, welche um die Kirche, das Pfarrhaus, die Knaben- und die Mädchenschule herum lagen und das eigentliche Dorf bildeten, während die auf einem Umkreise von einer Stunde umher zerstreuten Höfe die Bauernschaft hießen. Es war Dämmerung, als Friedrich an der Knabenschule vorüber in den Schatten der grauen, alten Dorfkirche hineinschritt; das Herz, wenn nicht gerade schwer, doch ernst gestimmt, mit einem Anflug von Rührung an den guten Schulmeister denkend, der ihn erzogen hatte, den er als seinen Vater betrachtete, der auch sein treuer Vater gewesen war, mochten ihm auch boshafte Jungen, mit denen er die Schule besucht, oft genug vorgeworfen haben, er sei ein Findelkind und heiße Schwelle, weil er Jemandem vor die Schwelle gelegt worden. Ihn hatte das immer wenig gekümmert, und wenn er auch zuweilen darüber zu brüten begonnen, hatte er sich doch immer bald gesagt, daß es ihm verzweifelt wenig nützen könne, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, daß er mit seinem alten Pflegevater besser zufrieden sein könne, als hundert Andere mit ihrem rechten, und daß er ihn nicht verlassen möchte, um Alles in der Welt nicht. Aber er hatte ihn endlich doch verlassen müssen, denn mit sechszehn Jahren war er fort, weit fortgeschickt worden, um einen Soldaten aus sich machen zu lassen, und dann hatte der alte Mann endlich ihn verlassen; er war gestorben, plötzlich, ohne daß Friedrich nur ihn wiedergesehen, und jetzt mußte er irgendwo hier unter dem grünen Rasen im Schatten der alten Kirche liegen … Friedrich fühlte ein wenig sein Gewissen bedrückt, daß er nicht ein einziges Mal gekommen, das Grab des Alten wenigstens zu besuchen.

In dieser Stimmung betrat er das stattliche Dorfwirthshaus, in dessen geräumiger Küche ein helles Heerdfeuer loderte und seinen Schein in den blanken Kupferkesseln und Messinggeräthen spiegelte, welche an den geweißten Wänden glänzten.

Er warf seinen Tornister ab, setzte sich in die Ecke hinter dem langen Tisch und bestellte bei der Wirthin, welche, hinter dem Feuer sitzend, Salat ablas, ein Abendessen.

Die kleine, runde Frau ließ es nicht an höflichem Bestreben, mit dem Gaste ein Gespräch anzuknüpfen, fehlen, aber Friedrich war einsilbig. Er hatte sich so gewandt, daß er durch’s Fenster in den dunkelnden Abend hinaussah, und die Gegenstände, die er erkannte, die ihm so vertraut und bekannt waren und die alle merkwürdiger Weise noch so ganz auf dem alten Platze standen und ganz so aussahen, wie sie vor Jahren gethan, versenkten ihn in allerlei Gedanken und Träumereien.

Aus diesen Träumereien wurde er erst erweckt, als der Wirth und eine Magd eintraten und der Wirth sich zu ihm an den Tisch setzte, um seinen Abendtrunk einzunehmen. Dies erinnerte ihn erst daran, daß er ebenfalls durstig sei.

„He, Vater Tillmann,“ sagte er jetzt, seine Cigarrentasche hervorziehend, „bis Eure Mutter Gertrud mit dem Abendessen fertig ist, laßt Ihr auch mir wohl eine Flasche von Eurem Getränk da zukommen. Und ein wenig Feuer gebt mir. Was macht Euer Scheckfohlen, ist’s noch am Leben? Euer bissiger Köter, der Latsch, ist mir noch nicht zwischen die Beine gefahren, ich schließe zu meiner Freude daraus, daß er den Weg alles Hundefleisches gegangen ist.“

Der Wirth sah den Fremden verwundert an und sagte: „Sie sind hierorts gut bekannt, wie’s scheint … Sie sind … ach, doch nicht gar … gewiß, jetzt kenn’ ich Sie schon … Sie sind der Friedrich, der …“

„Der Friedrich in eigener Person, Vater Tillmann, kannst deshalb nur immer, wie ehemals, Du sagen … die reitende Artillerie, mußt Du wissen, ist zwar ein stolzes Corps, aber alte Freunde kennt man darum doch noch.“

„Schau her, der Friedrich, Mutter!“ rief froh Vater Tillmann aus.

„Ei ja, und wie der groß und stark und stattlich geworden ist!“ rief Mutter Gertrud, die Hände zusammenschlagend, dagegen, „ich hätte ihn wahrhaftig nicht wieder erkannt, Du hast solch’ ein Auge für die Leute, Vater, Du vergißt Niemanden.“

„Und wie geht’s denn noch im Dorfe?“ fragte Friedrich.

„Wie sollt’s gehen,“ antwortete Mutter Gertrud, „man schlägt sich so eben durch.“

„Ei was,“ rief Vater Tillmann, „man schlägt sich nicht durch, es geht ganz ordentlich zu und könnt’ viel schlimmer sein.“

„Ja, Peter, Du hast solch’ einen guten Muth, Dich ficht nichts an, aber unsere schwarzbunte Kuh …“

„Laß jetzt den Friedrich mit der schwarzbunten Kuh ungeschoren,“ sagte Vater Tillmann, „er wird ja bald selbst sehen können, wie’s im Dorfe steht, und mehr davon hören, denn jetzt bleibst’ doch eine Weile bei uns, oder wohl ganz … wie hast es überlegt? Bleibst beim Militär oder dankst ab?“

„Abdanken?“ lachte Friedrich. „Und wozu sollt’ ich abdanken? Der Rock aus zweierlei Tuch auf meinem Rücken hält mich nicht blos warm, er nährt mich auch. Wenn ich ihn ablegte, könnte ich nur gleich ein Bauerknecht werden. Hast etwa einen nöthig und zählst auf mich, alter Tillmann? Dann rechnest Du falsch!“

„Nun, ich meine doch,“ versetzte der alte Tillmann, „wenn Du die reiche Bauerntochter bekommst, so könntest Du auch so leben, ohne die Hungerleiderei bei den Soldaten.“

[161] „Sieh, Du bist schlau, Vater Peter,“ entgegnete Friedrich. „Also eine reiche Bauerntochter soll ich mir freien, willst Du? Wär’ nicht übel. Aber ich fürchte, in der Stadt haben sie mir den Geschmack verdorben für eine von Euren Landschönheiten in Holzschuhen und braunem Friesrock und mit schmutzigen, schwieligen Händen, so Eine könnt’ eine Million haben, der Friedrich nähm’ sie nicht.“

„Aber was redest Du denn so heimtückisch und thust, als ob gar nichts wäre … warst doch sonst nicht so versteckt und ein Duckmäuser.“

„Ein Duckmäuser? Was fällt Euch ein, alter Tillmann; der Ausdruck streift an’s Unparlamentarische, wie wir in der Caserne sagen.“

„Ja, Peter, Du fährst auch gleich so heraus!“ sagte hier Mutter Gertrud, die am Tische stehen geblieben war, um der Wendung dieses Gespräches zu folgen.

„I, was soll ich denn nicht herausfahren,“ rief Vater Tillmann dagegen, „ich denk’, gegen so alte Freunde thut man nicht heimlich. Wir wissen ja doch, daß Du eins bist mit Deiner Marianne.“

„Mit meiner Marianne? Mit welcher Marianne?“ fragte Friedrich auf’s Aeußerste überrascht.

„Nun, mit der Marianne vom Herbothof, und der Herbotbauer, wenn sie auch sein einzig Vorkind ist, will sie Dir ja geben … man weiß auch weshalb und was ihn so willig macht; er ist ja schon lang hinter der Anna drein, und die Anna will ihn erst, wenn die Marianne vom Hofe fort ist, und da die Marianne …“

Der Soldat sah den Wirth an mit einem Ausdruck, als frage er sich, ob unter die Veränderungen, welche seit seiner Abwesenheit im Dorfe vorgekommen seien, auch eine bedeutende Veränderung, die mit den Geisteskräften des Vaters Tillmann vorgegangen, gehöre. Und dann sah er Mutter Gertrud an – Mutter Gertrud aber sah aus so unverändert dumm-gutmüthig, wie sie vor Jahren gethan; und da sie auch nicht mit einem: „Ja, Peter, Du redest auch immer so aberwitzig!“ dazwischen fuhr, was sie gewiß gethan haben würde, wenn Vater Tillmann nur einen Scherz vorgehabt hätte, so rief Friedrich aus:

„Aber da möchte Einer ja alle vierzehn Nothhelfer zusammenrufen, um ihm beizustehen, daraus klug zu werden. Die Marianne und die Anna und der Herbotbauer – zum Henker, Vater Tillmann, was soll denn das Alles?“

„Siehst Du, Peter, Du fällst auch immer so mit der Thür in’s Haus,“ sagte Mutter Gertrud, „der Herbotbauer hat Dir ja gleich gesagt, es sollt’ noch geheim bleiben, daß der Friedrich die Marianne bekommt.“

„Das hat Euch der Herbotbauer wirklich selber gesagt?“ fiel Friedrich ein.

„Ganz gewiß hat er mir’s gesagt,“ rief Vater Tillmann, „was sollt’ er denn nicht? wir kennen uns ja von langen Jahren her und sind immer die besten Freunde gewesen; der hat keine Geheimnisse vor mir. Und im Uebrigen weiß es ja auch schon die ganze Bauernschaft.“

„Nun, dann,“ sagte Friedrich lachend, „dann ist der Herbotbauer entweder verrückt, oder es muß irgendwo in der Welt einen Namensvetter von mir geben, oder gar einen Doppelgänger, der um seine Marianne gefreit hat … denn ich, das kann ich Euch versichern, hab’s nicht gethan, und die Marianne kenn’ ich gar nicht, so zu sagen heißt das – denn als Schulkind hab’ ich sie freilich gesehen, wie Alle, die zum Dorfe gehören.“

„Meinethalb, wenn Du’s abreden willst, thu’s. Aber es ist nicht schön von Dir, daß Du’s gegen Deinen alten Freund thust. Man weiß schon weshalb. Du sollst bald Oberfeuerwerker oder dergleichen werden, sagen sie, und dabei könnt’s Dir schaden, wenn’s zu früh bekannt würde, daß Du heirathen willst, denn beim Militär haben sie die verheiratheten Leute nicht gern … das wissen wir hier auf dem Dorfe auch. Aber sag’ einmal, wozu wärst Du denn nach so langen Jahren in’s Dorf gekommen, wenn nicht dazu?“

Als Vater Tillmann diese verfängliche Kreuzfrage an den Unterofficier der reitenden Artillerie stellte, sah er sehr schlau aus und lächelte spöttisch. Es war klar, er hatte Friedrich gefangen.

Und in der That, Friedrich fühlte sich ein wenig gefangen, als er antwortete:

„Um ganz anderer Dinge willen. Die Frau von Thorbach hat mir sagen lassen, daß sie mir eine Mittheilung zu machen habe.“

Er sah voraus, daß Vater Tillmann diese Erklärung seines Kommens äußerst unwahrscheinlich finden und ungläubig aufnehmen werde, und in der That, Vater Tillmann zuckte lachend die Achseln. „Kann mir’s denken,“ rief er aus, „daß Du darum kommst … ja, ja, wird wohl Alles seine Richtigkeit haben. Die Frau von Thorbach ist eben von der Reise zurückgekehrt und hat Last und Arbeit genug auf den Armen, jetzt, wo der alte Herr von Stromeck gestorben ist – kann mir’s denken, daß sie pressirt ist, gleich den ersten Tag den Herrn Friedrich sich herauskommen zu lassen…“

„Nun weshalb nicht?“ gab Friedrich lachend zur Antwort.

[162] „Ihr Leute im Dorfe hier seid ihr wahrscheinlich alle viel zu schlau, und sie läßt sich einen aus der Stadt kommen, von dem sie weiß, daß er ihr nur die Wahrheit über ihre Sachen sagt.“

Vater Tillmann antwortete hierauf nicht; er war entweder in seinen persönlichen Gefühlen durch das Mißtrauen, oder in seinen moralischen durch die Unwahrheit gekränkt, welche sein Gast ihm gezeigt, und deshalb stand er auf und ließ Mutter Gertrud Raum, den Tisch zu decken und Friedrich sein Abendessen aufzutragen.

Friedrich aber grübelte über die verwunderliche Behauptung nach, welche sein Wirth mit solcher Bestimmtheit aufgestellt. Die Sache selbst freilich focht ihn nicht sehr an. Wenn der Bauer Herbot selber erzählte, er habe ihm seine Tochter versprochen, so konnte er ihn nicht daran hindern, es lag weder eine Beleidigung seiner militärischen noch seiner bürgerlichen Ehre darin; im Gegentheil, der Herbotbauer war ein angesehener Mann, sein Hof war einer der größten in der Bauernschaft und die Marianne, seine einzige Tochter erster Ehe, war ein hübsches rosiges Kind gewesen, auffallend fein für solch’ ein Landgewächs … aber gerade darüber gerieth Friedrich in’s Grübeln. Er dachte daran, daß er an dem Tage, wo Marianne zur ersten Communion gegangen, ihr in der Kirche gegenüber gesessen und daß er sie damals betrachtet hatte; es dämmerte die Erinnerung in ihm auf, daß er sich gesagt, sie sei die hübscheste von all’ den weißgekleideten bräutlich geschmückten Backfischen in Kranz und Schleier, und keine sah so zierlich, so rosig und so sanft aus wie diese selbe Marianne vorn Herbothofe; diese Marianne, die jetzt mit Gewalt seine Braut sein sollte – die ganze Bauernschaft wollte es so, hatte Vater Tillmann ja gesagt.

Friedrich überkam dabei ein seltsames Gefühl. Der Gedanke, ein weibliches Wesen, und wäre es uns auch vorher noch so fremd und unbeachtet geblieben, sein nennen zu dürfen, hat einen eigenthümlichen Reiz und Zauber für einen Mann, es weckt eine Ader der in seiner Seele schlafenden Zärtlichkeit und setzt die Saite des Liebesbedürfnisses in stille, sanfte und verführerische Schwingungen … es ist immer sehr gefährlich, sich mit solchen Versicherungen überfallen zu sehen, wie die waren, welche Vater Tillmann mit so genauer Kenntniß der Thatsachen unserem Unteroffizier von der reitenden Artillerie auf den Kopf zugesagt hatte.

Und bei Friedrich doppelt. Denn Friedrich war ein eigenthümlicher Mensch, auch er hatte sein Liebesbedürfniß, wie alle andern bewaffneten Söhne des Vaterlandes, aber er hatte einen aristokratischen Geschmack, und in der Lebenssphäre, in welcher er hätte Eroberungen machen können, war ihm nie ein Wesen aufgestoßen, welches genug von den anziehenden Eigenschaften besaß, die seine wählerische Phantasie von seinem Ideale verlangte. Und so war Friedrich ganz sicherlich der einzige Unterofficier in seinem Regimente, dessen Herz noch so jungfräulich war wie damals, als er sein heimathliches Dorf verlassen.

Doch waren die Gedanken und Empfindungen, welche seiner Wirthe Versicherungen in ihm erweckt, nicht heftiger und erregender Art. Sie hinderten ihn, als er sich zur Ruhe begeben, nicht, sofort in einen gesunden Schlaf zu sinken; die Gestalt Mariannens wob sich nicht einmal in seine Traumbilder, falls er deren hatte; und als er am andern Morgen erwachte, hatte er Marianne Herbot vergessen. Er wurde erst an sie wieder erinnert, als er im Gastzimmer von seiner Wirthin begrüßt wurde, die ihm sagte, daß der Peter schon in den Wiesen beim Heuen sei – der Peter sei immer so rastlos zum Fortkommen, wenn’s draußen Arbeit gebe, setzte Frau Gertrud hinzu, die es zu den Pflichten einer treuen Lebensgefährtin zu rechnen schien, ihres Gatten Thaten, Meinungen und Eigenschaften mit ihren kritischen Randglossen zu versehen.

Als es auf dem Thurm der Dorfkirche zehn Uhr schlug, trat Friedrich seine Wanderung nach dein Schlosse Stromeck an. Der Edelhof lag zwanzig Minuten vom Dorfe entfernt, in einem Park, der eine fruchtbare Thalsenkung ausfüllte; eine Allee von alten Eichen führte fünf Minuten lang auf das freundliche, weiße, mit grünen Jalousien versehene und mit Balconen geschmückte Landhaus zu, welches in der ganzen Bauernschaft nicht anders als „das Schloß“ genannt wurde … der alterthümliche, eine Stunde weit am andern Ende der Bauernschaft liegende, mit breiten Gräben und grauen Thürmen versehene, ziemlich verfallen ausschauende Edelhof, von welchem der Hauptmann von Mechtelbeck stammte, hieß dagegen „die Burg“.




5.

Einige Tage vor diesem, an welchem wir Friedrich auf dem Wege zum Schlosse erblicken, hatte die Beschließerin auf Haus Stromeck einen Brief ihrer jungen Gebieterin, der Frau von Thorbach, aus Karlsbad bekommen, worin diese ihre Ankunft ihr für einen der folgenden Tage anzeigte und ihr allerlei Aufträge über häusliche Einrichtungen gab. Außerdem enthielt der Brief folgende Stelle.

„Und nun noch Eins. Denken Sie sich, liebes Fräulein Runde, welche merkwürdige Mittheilung mir Doctor Rostmeyer in einem Geschäftsbriefe, den ich eben von ihm erhalte, macht. Er schreibt mir: ,Und da Sie nun nach dem Heimgange Ihres Herrn Vaters in alle seine Verhältnisse und Verpflichtungen eintreten, so darf ich Ihnen auch Eines, was Ihnen bisher unbekannt geblieben sein dürfte, nicht verschweigen. Ihrem Herrn Vater ist vor Jahren eines schönen Morgens ein Findelkind auf die Schwelle gelegt worden. Es ist das keine angenehme Bescheerung, und obwohl Ihr Herr Vater keinen Augenblick angestanden hat, seine Christenpflicht an dem armen ausgesetzten Geschöpf zu thun, so hat er doch seines Rufes willen und vielleicht noch aus andern Gründen Sorge getragen, daß die Sache auf’s Strengste geheim gehalten werde. Derselbe vertraute Diener, der das Kind gefunden, hat es mir, dem bewährten Rechtsbeistand und Geschäftsführer Ihres Herrn Vaters, überbracht; ich habe es bei zuverlässigen Leuten erziehen lassen und bisher für sein Fortkommen gesorgt, die Geldmittel hat Ihr Herr Vater regelmäßig bewilligt, so daß die Art Vormundschaft, die ich geführt habe, von meiner Seite durchaus kein Verdienst hatte; ich erlaube mir aber anzufragen, ob Sie, gnädige Frau, gewillt sind, auch diese Erbschaft Ihres Herrn Vaters zu übernehmen; ich würde alsdann die Ehre haben, Näheres über Namen, Aufenthalt und bisherige Situation unseres Findelkindes mitzutheilen?

„Sie können sich denken, liebe Runde, wie mich das frappirt hat. Mein Vater hat ein Findelkind angenommen, aber Herrn Doctor Rostmeyer überlassen, dafür zu sorgen. Das arme Geschöpf! Was mag daraus geworden sein? O, diese Männer! Wenn sie die ‚Geldmittel‘ hergeben, glauben sie genug gethan zu haben. Ich denke, meine Verpflichtungen gegen das junge Mädchen nicht so leicht zu nehmen. Ich will selbst sehen, was daraus geworden ist, was man daraus bilden, wie man für seine Zukunft sorgen kann. Ich habe gleich an Rostmeyer geantwortet, daß ich im Begriff stehe, abzureisen, daß er mir sofort das Findelkind zusenden solle, daß ich es in Stromeck bereits vorzufinden hoffe und daß mich die Sache im höchsten Grade interessire. Es wird sich also vielleicht noch vor meiner Ankunft mit einigen Zeilen Rostmeyer’s auf Stromeck melden; nehmen Sie es in diesem-Falle wohl auf und sorgen dafür, bis ich komme.“

Fräulein Runde, die Beschließerin, hatte nach dieser Anweisung ihrer Gebieterin insofern verfahren, als sie für das Findelkind ein Zimmerchen hergerichtet. Aber es war vor ihrer Herrin, die schon am vorgestrigen Abend eingetroffen, nicht angekommen. Frau von Thorbach hatte gleich danach gefragt und gemeint, der Doctor Rostmeyer, der bei der Nachricht von ihrer Ankunft sich bald einstellen werde, würde es wohl selbst ihr zuführen wollen.

Als Friedrich Haus Stromeck erreicht hatte und über die Stufen einer kleinen Portaltreppe den breiten mit Marmorplatten ausgelegten Flur betrat, in welchem in zwei Flüchten eine blankgebohnte Treppe in das obere Stockwerk hinaufführte, fand er einen dienstbaren Geist in Gestalt einer Hausmagd, welche eben beschäftigt war, mit einem Staubbesen die Ecken der Treppenstufen sehr sorgfältig auszukehren. Friedrich wandte sich an sie; er sagte, daß er von Doctor Rostmeyer gesandt und mit einigen Zeilen an die gnädige Frau versehen sei.

Das Mädchen sah neugierig die Gestalt des vor ihr stehenden Unterofficiers an, dann den Kopf hebend rief sie laut aus:

„Fräulein Runde!“

„Was giebt es?“ erwiderte eine ziemlich scharfe Frauenzimmerstimme, die durch eine nur angelehnt stehende Thür links auf dem ersten Treppenabsatz, welche Friedrich erst jetzt bemerkte, herabtönte.

„Da ist Jemand mit einem Briefchen vom Doctor Rostmeyer an die gnädige Frau. Ist die gnädige Frau zu sprechen?“

„Ist die Person da? … ja, mein Gott, ich bin ja beim Ankleiden, führ’ sie nur auf das Zimmer, welches für sie zurecht [163] gemacht ist; ich komme gleich,“ rief die Stimme ein wenig ärgerlich zurück, und zugleich wurde die Thür von innen eilig zugeschlagen.

Die Magd warf noch einen, wie es Friedrich schien, etwas verwunderten und fragenden Blick auf ihn zu und sagte dann:

„Kommen Sie nur.“

Damit ging sie die Treppe hinauf, bog oben in einen Corridor ein und schritt bis zum Ende desselben. Hier öffnete sie eine Thür vor Friedrich und sagte:

„Treten Sie hier nur ein und warten ein wenig, Fräulein Runde wird gleich kommen.“

Damit zog sie die Thür hinter ihm zu.

Friedrich befand sich in einem langen, schmalen, einfenstrigen Zimmer, das sehr hübsch, aber einfach und mit schlichten Meubeln ausgestattet war; rechts stand ein kleines mit blendend weißem Linnen überzogenes Bett und dahinter ein allerliebster, mit weißem Zeug umhangener kleiner Toilettentisch.

Wenn, wie die Stimme hinter der Thürspalte her angedeutet hatte, dies Zimmer für ihn hergerichtet sein sollte, fand Friedrich es von einer überflüssigen Zierlichkeit. Mit seiner Casernenstube stand es in einem merkwürdigen Contrast.

Am oberen Ende desselben, links, stand eine Thür halb geöffnet.

Friedrich warf seine Mütze auf den Tisch und schritt dann dem Fenster zu; aber er hatte dieses noch nicht erreicht, als seine Schritte plötzlich gehemmt wurden, er vernahm das Rauschen eines Kleides, ein paar trippelnde Schritte, und aus dem Nebenzimmer heraus blickte ein ziemlich hübsches, wenn auch ein wenig verblühtes, von blonden Korkzieherlocken umwalltes Mädchengesicht.

Das Gesicht drückte bei dem Anblicke des Unterofficiers das äußerste Erstaunen aus, die blauen, ein wenig wässerigen Augen waren so rund, wie sie sich schwerlich in Momenten größerer Ruhe zeigten.

Mit einem „O du meine Güte!“ fuhr sie zurück … dann, wie sich fassend, aber sehr ängstlich und rasch aufathmend, erschien sie wieder, trat ganz aus die Schwelle und sagte:

„Um´s Himmels willen, wer sind Sie, wie kommen Sie hierher?“

„Es thut mir leid, Fräulein, daß ich Sie erschreckt habe,“ versetzte Friedrich, seinerseits ein wenig verlegen, „aber man hat mich hier hereingewiesen, das Zimmer soll für mich bestimmt sein …“

„Für Sie … für Sie bestimmt? … ist denn … aber das kann ja nicht sein … dies Zimmer ist für ein junges Mädchen bestimmt, das hier erwartet wird und das ich neben mich und unter meinen Schutz nehmen soll, und nun weist man Sie hierher …! ist die alte Runde toll geworden?“

„Es muß dann ein Mißverständniß obwalten,“ sagte Friedrich lächelnd, „und wenn der Gedanke, daß Sie mich unter Ihren Schutz nehmen sollen, Sie so empört, so will ich gern gehen.“

„Bleiben Sie nur, ich will gleich zur Runde gehen.“

„Ich weiß nicht, wer Fräulein Runde ist, aber ich habe gehört, daß sie just Toilette macht und keine Audienzen giebt. Auch brauchen Sie sich nicht zu ängstigen, Fräulein, ich warte nur, bis ich die gnädige Frau gesprochen habe, und dann werde ich wohl sogleich wieder abziehen.“

„Nun, dann werde ich hier die Thür schließen,“ sagte die Zofe, und mit einem langen prüfenden Blick, den sie auf den stattlichen Soldaten warf, verschwand sie in ihrem Zimmer. Nachdem sie die Thür hinter sich geschlossen, hörte Friedrich, wie sich rasch drüben ein Nachtriegel vorschob.

Er trat an’s Fenster und blickte in den Park aus der Rückseite des Hauses hinaus. Etwa fünf Minuten lang. Dann vernahm er, wie der Nachtriegel behutsam drüben wieder zurückgezogen wurde; die Thür öffnete sich leise und der Kopf mit den Korkzieherlocken blickte wieder in sein Zimmer hinein, mit Augen, die weit weniger rund waren als vorher.

„Sie haben vielleicht schon einen langen Marsch gemacht – wünschen Sie eine Erfrischung?“ sagte sie.

„Ich danke Ihnen, Fräulein,“ versetzte Friedrich; „ich komme heute nur aus dem Dorfe.“

Das Fräulein verschwand; die Thür schloß sich wieder, der Nachtriegel schob sich abermals vor.

Abermals vergingen einige Minuten. Dann erfolgte abermals das Friedrich schon bekannte Geräusch am Schlosse. Abermals ging die Thür auf und das junge Mädchen kam herein. Sie ging zu dem Toilettentisch, nahm ein Glas von demselben und sagte:

„Entschuldigen Sie – ich hatte mein Glas hier stehen lassen.“

„O bitte, ich hoffe nicht, daß ich Sie irgend genire,“ antwortete Friedrich.

Das junge Mädchen schritt rasch wieder auf ihre Thür zu, dann, an ihrer Schwelle, zauderte sie; die Hand auf den Drücker ihres Schlosses, fragte sie:

„Sind Sie hier erwartet, daß man Ihnen gesagt hat, es sei ein Zimmer für Sie hergerichtet?“

„Ich denke, ich bin’s,“ versetzte Friedrich; „der Doctor Rostmeyer sendet mich mit einem Billet an die gnädige Frau; das ist Alles, was ich weiß.“

Das junge Mädchen schien so verwundert über diese Antwort, daß sie das Schloß der Thür fahren und beinahe ihr leeres Trinkglas aus der Hand fallen ließ.

„Der Doctor Rostmeyer? … Sie? … Sie sind doch nicht … nein, das ist ja nicht möglich … das junge Mädchen? …“

„Das junge Mädchen bin ich nicht,“ erwiderte Friedrich lachend, „welches junge Mädchen meinen Sie?“

„O, es ist ein …“ Die Zofe stockte, indem sie ein wenig erröthete; auch wurde sie der Antwort überhoben, denn die vordere Thüre öffnete sich und eine höchst elegante, in schwarze Seide gekleidete, fein und zierlich gebaute und auffallend hübsche junge Dame von lebhaften Bewegungen rauschte herein; gleich hinter ihr wurde eine ältere, fast um einen Kopf größere magere weibliche Gestalt, ebenfalls in einem schwarzen Kleide, sichtbar.

„Hier soll sie sein!“ rief die Dame eifrig aus, „aber wo ist sie denn – wer ist dies, wer ist dieser Mann?!“ Sie fuhr bei diesem Ausruf erschrocken zurück.

„Um Gottes willen, das ist ja ein Unterofficier!“ rief in kreischendem Tone die ältere zu gleicher Zeit.

„Ein Unterofficier von der reitenden Batterie des * Artillerieregiments,“ sagte Friedrich, über diese Ausrufe befremdet und deshalb in ziemlich militärischem Meldeton.

„Ein Unterofficier!“ sagte mit der Betonung eines wahren Entsetzens die erste Dame.

„Gnädige Frau, ich war auch so verwundert,“ warf hier die Zofe dazwischen.

„Sprechen Sie doch, was dies bedeutet, wie Sie hierher kommen, was Sie wünschen!“ rief die ältere Dame aus.

„Aber mein Gott,“ sagte Friedrich betroffen, die drei so erschrocken vor ihm stehenden weiblichen Wesen ansehend, „was ist denn eigentlich, was die Damen so überrascht? Der Doctor Rostmeyer trug mir durch ein paar Zeilen auf, dies Billet hier“ – Friedrich zog es hervor – „der Frau von Thorbach zu …“

„Der Doctor Rostmeyer … Ihnen? Aber er schrieb mir doch, mein’ ich, von einem Mädchen! Das sind Sie ja gar nicht!“

„Dieser Vorwurf ist mir noch nicht gemacht worden,“ antwortete Friedrich, „aber es ist allerdings richtig!“

„Das ist aber doch abscheulich!“ fuhr die ältere Dame, das Fräulein Runde, dazwischen.

„Abscheulich, daß ich kein Mädchen bin?“ sagte Friedrich, dem die Sache jetzt lächerlich vorkam. „In der That, hätte ich bei meiner Geburt ahnen können, daß Sie’s so übel nehmen würden, so …“

„Es ist richtig,“ rief jetzt die gnädige Frau, die unterdessen das Billet des Doctor Rostmeyer an sich genommen, aufgerissen und die wenigen Worte, welche es enthielt, überflogen hatte, „es ist das Pflegekind meines … des Doctors … aber Sie haben Recht, Runde, es ist abscheulich, uns so in die Irre zu führen … ich erwarte ein junges Mädchen, und es ist ein Unterofficier von der reitenden Artillerie … das ist denn doch zu toll, das ist ja unerhört, was beginne ich nun mit Ihnen? sagen Sie mir das um’s Himmels willen…“

Die kleine Frau schien außer sich, sie schien über diese unerwartete Wendung der Dinge den Kopf verloren zu haben.

„Jedenfalls,“ rief die Zofe, die zweckmäßig finden mochte, dem Zorn ihrer Gebieterin zu secundiren, „jedenfalls, hoff’ ich, beginnt Fräulein Runde damit, ihn hier auszuquartieren …“

[164] „Weshalb sagten Sie’s denn nicht gleich unten im Hause?“ eiferte Fräulein Runde in die Worte der Zofe hinein.

„Ja, sehen Sie, ich hoffte, man sähe mir’s an!“ versetzte Friedrich trocken.

Die Zofe begann jetzt plötzlich zu lachen, während Friedrich zu Frau von Thorbach gewendet fortfuhr:

„Es thut mir sehr leid, gnädige Frau, daß ich so wenig im Stande bin, Ihren Erwartungen von mir zu genügen. Aber ich meine, es ist das ja kein Unglück – da, wie sich herausstellt, Alles ein Mißverständniß ist, so will ich sofort wieder gehen und auch nicht bedauern, den Weg gemacht zu haben. In Folge der Weisung, welche mir der Doctor Rostmeyer gab, erhielt ich vom Herrn Hauptmann Mechtelbeck einen Urlaub auf acht Tage, und eine solche freie Zeit weiß Unsereins immer und unter allen Umständen angenehm zu benutzen. Wenn Sie mich also entlassen wollen, so …“

„Nein, nein, gehen Sie nicht,“ fiel lebhaft die junge Gebieterin von Stromeck ein, die bei der Erwähnung des Namens, den Friedrich zuletzt ausgesprochen hatte, plötzlich die Farbe veränderte und einen Schritt näher trat. „Ihr Hauptmann ist Herr von Mechtelbeck?“ fragte sie darauf mit ein wenig unsicherer Stimme.

„So ist es, gnädige Frau.“

„Er weiß, daß Sie zu mir gegangen sind, daß ich Sie herbescheiden ließ? …“

„Ich mußte es ihm melden, um Urlaub zu bekommen.“

„Und Sie wollen jetzt gehen? Nein, nein, warten Sie, warten Sie!“ sagte sie nachdenklich. „Wenn ich gewußt hätte, daß Sie …“

„Daß ich kein Mädchen, sondern Unterofficier bei der reitenden Artillerie bin …“ ergänzte Friedrich.

„Nun ja, so hätte ich Sie nicht hierherkommen lassen. Aber am Ende bleibt die Sache doch wie sie ist, wenn ich auch jetzt nicht so unmittelbar ausführen kann, was ich beabsichtigte. Ich wollte … und ich will noch …“

Die gnädige Frau stockte … sie konnte doch Friedrich nicht sagen, daß sie ihn unter ihre Flügel nehmen, für ihn sorgen wolle … und sie konnte doch auch nicht gut mit ihm von dem ursprünglichen Umstand sprechen, durch den sie sich verpflichtet glaubte, für ihn zu sorgen und sich seiner anzunehmen … sie stand eine Weile verlegen da, wurde bald roth, bald blaß und sagte endlich:

„Nein, gehen sollen Sie nicht; wir wollen Sie nur ausquartieren. Liebe Runde, bringen Sie den Herrn vorläufig nach unten in das Zimmer am Flur, sorgen Sie dort für ein Frühstück, und Sie,“ richtete sie sich wieder an Friedrich, „thun mir den Gefallen, dort zu warten, bis der Doctor Rostmeyer kommt, nach dem ich heute Morgen schon sandte; ich werde ihm meine Aufträge geben und er wird mit Ihnen reden … versprechen Sie es mir?“

Friedrich verbeugte sich.

„Folgen Sie nur hier dem Fräulein Runde, vielleicht sehen wir uns noch, ehe Sie Stromeck verlassen. Adieu …“

Frau von Thorbach machte eine gnädige Neigung mit dem Kopfe und ging. Friedrich folgte der großen mageren Dame den Corridor und die Treppe wieder hinab.

Diese führte ihn unten in ein freundliches Empfangzimmer, welches nach vornheraus lag und den Blick die Allee hinauf gewährte, die auf Haus Stromeck zuführte.

„Setzen Sie sich hier, ich werde Ihnen Erfrischungen senden!“ sagte die Dame mit ihrer scharfen Stimme, welche sie sich durchaus keine Mühe gab durch ein wenig Freundlichkeit zu mildern.

„Werde ich lange auf den Doctor Rostmeyer warten müssen?“ fragte Friedrich dagegen; „sonst ziehe ich vor zu gehen, woher ich gekommen bin.“

„Der Doctor Rostmeyer wird wahrscheinlich in der nächsten halben Stunde hier sein, und Sie haben doch gehört, wie die gnädige Frau wünscht …“

„Nun ja,“ versetzte Friedrich trocken, „meinethalben!“

Die Dame ging und ließ Friedrich Zeit, sich der verdrießlichen und gereizten Stimmung zu überlassen, welche sich seiner bemächtigte. Das Betragen der drei weiblichen Wesen, welche ihn zornig eifernd umstanden hatten, außer sich darüber, daß er kein junges Mädchen sei, war ihm zuerst sehr lächerlich vorgekommen; jetzt fühlte er sich im Ganzen sehr schlecht hier in dem Schlosse aufgenommen, wohin er doch gerufen worden war. Daß man sich über ihn getäuscht, war doch nicht seine Schuld, und es war doch merkwürdig, ihn so eigentlich für nichts und wider nichts den langen Weg machen zu lassen. Die Spannung auf das, was die Frau von Thorbach ihm mitzutheilen habe, hatte er sich ganz vergeblich gemacht – kurz, es war doch eine verdrießliche Geschichte, und Friedrich nahm sich vor, dem Hauptschuldigen, dem Doctor Rostmeyer, ohne Umschweif seine Meinung zu sagen.

[177] Unterdeß war eine Magd eingetreten, die eine Platte mit Erfrischungen trug und ein Frühstück auf dem Tische ordnete. Während dieser Beschäftigung blickte sie von Zeit zu Zeit nach dem Unteroffizier hinüber, forschend, wie ihrer Sache nicht ganz gewiß, wie mehrmals im Begriffe zu reden, und dann doch wieder ihre Worte unterdrückend.

„Wollen Sie sich nicht setzen,“ sagte sie endlich, „und sich’s gefallen lassen, Herr … Herr …“

„Möchten Sie meinen Namen wissen?“ fragte Friedrich spöttisch.

„Ach, lieber Gott, nein, den weiß ich ja … Sie sind’s ja doch ganz gewiß, der Friedrich, mit dem meine ältere Schwester noch in die Schule gegangen ist …“

„Der Friedrich bin ich, das ist richtig.“

„Lieber Himmel, wie groß Sie geworden sind, und wie schön! Und nun kommen Sie einmal wieder in’s Dorf zurück … und zur gnädigen Frau … wie lange Jahre sind Sie nicht hier gewesen?“

„Das mag freilich mehr als zehn Jahre sein,“ gab Friedrich zur Antwort.

„Aber jetzt wird es wohl anders werden,“ plauderte die Magd weiter … „jetzt werden Sie schon öfter kommen … und wann ist denn Hochzeit? … Sie haben wohl die gnädige Frau dazu einladen wollen, denn da die gnädige Frau so große Stücke auf die Marianne …“

Friedrich hatte bei diesen Worten der redeeifrigen Dienerin höchst zornig seine Stirnfalten zusammengezogen.

„Zum Teufel,“ unterbrach er sie jetzt, „kommen Sie mir auch mit dem Gerede … ist denn das ganze Nest hier verrückt geworden – es fehlte mir just noch, daß Sie mich an das dumme Geschwätz erinnern …“

„Aber, Herr des Himmels, sind Sie denn nicht …“

„Thun Sie mir den Gefallen, mich damit zu verschonen. Wär’ mir lieber, wenn Sie mir ein wenig Wasser zum Trinken bringen wollten!“

Die Magd schoß mit großer Bestürzung zum Zimmer hinaus.

„Das ist ein Bär geworden, Gott steh’ uns bei,“ rief sie draußen aus … „an dem bekommt die Marianne auch nicht viel Gutes! Ich fürcht’, er prügelt sie nach den ersten sechs Wochen.“

Friedrich setzte sich unterdeß, einige Verwünschungen zwischen den Zähnen murmelnd, zu dem Frühstück nieder.

Dann, als er geendet hatte, ließ er sich in einem weichen Fauteuil, der in der Ecke stand, nieder, und in der versöhnteren Stimmung, die unausbleibliche Folge eines guten Mahles ist, gab er all’ den Gedanken Audienz, die seine Situation herbeiführen mußte. Es war doch räthselhaft, was die gnädige Frau eigentlich, wenn er nur ein Mädchen gewesen wäre, sich mit ihm hatte zu schaffen machen wollen … und darüber stellte sich ihm das Bild dieser hübschen und anziehenden gnädigen Frau so lebhaft vor, daß seine Gedanken von ihr zu seinem Hauptmann hinüberschweiften; an seiner Stelle, sagte er sich, würde ich nun, da sie meine Feindin sein soll, mich erst recht in sie verlieben … und wer weiß, ob das nicht längst geschehen ist; er ist im Winter in der Stadt doch auf allen Bällen mit ihr zusammengewesen und er hat seitdem etwas so Sonderbares in seinem Wesen … er spricht soviel weniger als früher … er sieht auch, denk’ ich, ein wenig blässer aus … er ist immer zu Hause, wenn man eine Meldung bei ihm hat … das war wohl früher anders … und die Art und Weise, wie er gestern Morgen von ihr sprach, … ich meine, es tönte etwas sehr Bitteres, Schmerzliches heraus … ich hätte große Lust, es dieser kleinen Frau ein wenig zu verstehen zu geben … wenn Unsereins nur geschickt genug dazu wäre … aber da fehlt’s … wenn’s durch die mit den Korkzieherlocken, die Kammerkatze war’s wohl, geschehen könnte, geläng’ mir’s wohl eher … vielleicht, wenn ich sie noch sehe …

Und indem Friedrich über diese Angelegenheit nachdachte, fiel ihm wieder die Marianne ein. Diese bestimmte Voraussetzung seiner Verlobung mit der Marianne war doch noch das Räthselhafteste von Allem … er hätte gewünscht, ihr zu begegnen, um sie selber zu fragen, wie denn eigentlich das Ganze zusammenhänge, und dabei hätte er sie ja auch wieder gesehen … es wär’ ihm ganz angenehm gewesen, sie wiederzusehen – ihr Bild, wie sie ihm in der Erinnerung stand – in dem weißen Kleide, mit dem Kranze, tauchte wieder vor ihm auf … wirklich, er hätte sie wieder sehen mögen … er dachte sehr lebhaft an sie … er schloß das Auge, um sie sich lebhaft vorzustellen … und das Auge blieb eine ganze Weile geschlossen … öffnete sich zwinkernd wieder und schloß sich noch einmal … Friedrich sank in einen gesunden Schlummer.

Wie lange, er wußte es nicht; so lange, bis plötzlich die Thür geöffnet wurde, und ein mittelgroßer Herr in schwarzem Anzuge eintrat. Er hatte ergrauendes Haar und sehr vorliegende große blaue Augen und was sehr Bestimmtes, Entschiedenes in seinem Wesen, in welchem jedoch eine gewisse Bedächtigkeit lag.

[178] „Ah, Doctor Rostmeyer!“ rief Friedrich aufspringend aus.

Der Doctor gab ihm die Hand.

„Guten Tag, Friedrich,“ sagte er und zog dann sofort einen Stuhl für sich herbei. „Das ist eine komische Geschichte,“ fuhr er lachend fort, „an der ich wahrhaftig keine Schuld habe …“

„Haben Sie schon mit der gnädigen Frau gesprochen?“ fragte Friedrich.

„Gewiß, ich komme von ihr!“

„Nun, dann bitte ich, erklären Sie mir, Doctor …“

„Zum Erklären komme ich zu Ihnen, Friedrich. Sie sollen Alles hören. Setzen Sie sich wieder dahin.“

„Ich sitze, Doctor,“ sagte Friedrich. „Und gespannt bin ich wahrhaftig auch: ich hoffe, Sie machen es mir völlig deutlich, weshalb Sie mich in diese sehr verdrießliche Lage hier im Schlosse gebracht haben und was ich überhaupt hier soll – sonst, das sage ich Ihnen voraus, haben wir ein Hühnchen zusammen zu pflücken; wenn Sie glauben, ich nähme es als einen guten Spaß auf, acht Meilen weit reisen zu müssen, um mich am Ziele von drei zeternden Frauenzimmern anschreien zu lassen: ,weshalb sind Sie kein Mädchen? wenn Sie kein Mädchen sind, so machen Sie, daß Sie wieder fortkommen’ … wenn Sie das glauben, Doctor, so irren Sie.“

„Nur gemach, nur gemach – wenn die gnädige Frau nicht meinen Brief mißverstanden hätte, so würde sie nicht so eifrig gewesen sein, und ich hätte nicht den Befehl bekommen, Sie sofort ihr zuzusenden; und daß ich diesen Befehl bekommen und daß Sie sich darauf in Stromeck präsentirt haben, hat seinen großen Vortheil, wie Sie sogleich hören werden. Aber Alles nach der Reihe! Zuerst also: Sie wissen, Friedrich, daß ich seit je derjenige war, der im Stillen für Sie sorgte?“

„Ich weiß das; seit mein guter Alter, der Schulmeister, gestorben, haben Sie mir ja gar kein Hehl daraus gemacht …“

„Richtig! Ich habe Ihnen gesagt, als Sie nach Jülich geschickt wurden, Sie dürfen sich direct an mich wenden; Sie haben sich auch von Zeit zu Zeit an mich gewendet und ich habe für Sie bereitwillig gethan, was ich zu thun bevollmächtigt war.“

„Habe ich das nicht dankbar anerkannt, Doctor?“

„Gewiß! Davon ist nicht die Rede; ich wollte Sie nur fragen: Wie kommt es, daß Sie sich nie mit einer Frage an mich wandten, die Ihnen doch, wie mir scheint, am nächsten liegen mußte?“

Friedrich sah ihn überrascht an.

„Ich verstehe, auf welche Frage Sie anspielen,“ sagte er nach einer kurzen Pause. „Das that ich nicht, weil ich dachte, Sie würden auch ohne eine solche Frage mir sagen, was ich wissen solle. Daß Sie mir nichts sagten, bewies mir, daß Sie nichts sagen wollten oder konnten. In beiden Fällen war das Fragen gleich zwecklos.“

„Das war allerdings ganz richtig von Ihnen gedacht, aber Sie mußten doch begierig sein …“ erwiderte der Doctor.

„Begierig? Nein! Am Ende ist doch an mir gesündigt worden? Und nun ist’s mir lieber, zu denken: man hat an Dir gesündigt, als: der und der oder die und die hat an Dir gesündigt!“

Der Doctor Rostmeyer sah den Unterofficier fragend an, er schien sich in das Gefühl, welches Friedrich diese Worte eingab, erst hineinfinden zu müssen; dann sagte er:

„Darin mögen Sie ebenfalls Recht haben. Das wird Sie aber nicht abhalten, mir zuzuhören, wenn ich Ihnen heute sage: Der und der hat an Ihnen gesündigt, und zwar sehr schwer gesündigt!“

„Nein! Wenn Sie glauben, ohne daß ich Sie frage, zu mir reden zu müssen, so sprechen Sie!“

„Wohl. Sie sind ein Sohn des verstorbenen Barons und der Baronin von Mechtelbeck.“

Friedrich wechselte leicht die Farbe.

„So?“ sagte er dann langsam und gedehnt, sehr ruhig, wie es schien, und doch klang ein leises Zittern durch die Stimme, wie es dem Doctor, dessen Augen groß und forschend auf ihm ruhten, nicht entging.

Da Friedrich weiter nichts sagte, mußte Rostmeyer unaufgefordert fortfahren.

„Der Thatbestand ist einfach der: Der Baron von Mechtelbeck war ein böser Narr. Er hat seine erste Frau durch eine verrückte Eifersucht todt gequält. Der Baron Stromeck, der nächste Gutsnachbar, war lange sein bester, täglich gesehener Freund, sein und seiner armen Frau Freund, bis er sich endlich einbildete, Stromeck sei der Geliebte, der Verführer seiner Frau. Diese gebar einen Sohn nach längerer kinderloser Ehe. Mechtelbeck ließ das Kind dem Baron Stromeck auf die Schwelle legen … und das Kind sind Sie, Friedrich!“

„In der That?“ sagte Friedrich, mit derselben Ruhe den Blicken Rostmeyer’s begegnend … „ich glaube nicht, daß Sie es mir sagen würden, wenn Sie nicht Beweise dafür hätten.“

„Ich würde es nicht, wenn ich nicht von der Richtigkeit dessen was ich Ihnen sage, moralisch überzeugt wäre.“

„Heißt das, Sie haben Beweise?“

„Nicht ganz! Die Beweise liegen nicht völlig unangreifbar vor, aber meine Ueberzeugung steht fest.“

„Ihre Ueberzeugung … trotzdem, daß Sie nicht umhin können, sich zu sagen, die Sache habe doch wunderlich zugehen müssen … man nimmt doch einer Mutter nicht ihr Kind, ohne …“

„Sie haben Recht! Aber der Baron Mechtelbeck war ein gewaltthätiger Mann, der ausführte, was er sich in den Kopf setzte. Die Entbindung der Frau wurde heimlich gehalten. Sie war ein schwaches Geschöpf, das ihn fürchtete wie eine Sclavin ihren Tyrannen. Er bedrohte sie mit einem scandalösen Scheidungsprocesse. So mußte sie sich unterwerfen; die Kammerfrau und die Hebamme wurden bestochen … glauben Sie, die Sache sei unmöglich?“

Friedrich zuckte mit den Achseln und schwieg.

Rostmeyer fuhr fort:

„Sie wurden in der frühesten Frühe der Nacht, in welcher Sie geboren wurden, hier vor der Thür dieses Hauses ausgesetzt. Der Jäger des Barons Stromeck fand Sie. Er kam von drüben aus dem Wirthschaftsgebäude, wo er schlief, um den Baron zu wecken, denn dieser wollte sehr früh an jenem Tage zur Jagd hinaus. Mochte der Baron Stromeck eine Ahnung, woher Sie stammten, haben oder nicht – ich glaube, er hatte keine –: er fand für gut, keinen Lärm zu machen. Er ließ den Jäger das Kind nehmen und zu dessen Frau in den Wald bringen; dann wurde ich in’s Vertrauen gezogen, und da die Jägersleute sich nicht eigneten, so gaben wir Sie dem Schulmeister in die Zucht. Der Baron gab das Geld her für Ihre Erziehung … so lange es nöthig war. In den letzten Jahren haben Sie fast nichts mehr gebraucht. Sie müssen ein sehr sparsamer Mensch sein; Sie hätten mehr fordern dürfen. Und jetzt ist der Baron vor einiger Zeit gestorben …“

Friedrich sprang plötzlich auf. Er schien keinen Grund mehr zu sehen, seine innerliche Erregung zu verbergen. Auch seine Züge zeigten, wie erschüttert er durch diese Mittheilung war.

„Und weshalb sagen Sie mir dies Alles jetzt erst?“

„Ich hatte früher keine Gründe, es Ihnen zu sagen. Wozu? Sie waren mit Ihrer Lage ganz zufrieden. Der Baron hätte Ihnen nicht beigestanden, Ihre Ansprüche durchzusetzen; er wollte nichts davon hören; ihm war es zunächst fatal, durch eine Aufrührung der alten Geschichte in den Mund der Leute zu kommen; lieber ließ er Sie bis zum jüngsten Tag Unterofficier sein!“

„Sehr christlich und menschenfreundlich!“ sagte Friedrich.

„Er war Ihr Wohlthäter?“

„Nun ja! Und jetzt?“

„Jetzt sind plötzlich die Umstände anders. Wir haben das nöthige Geld, um Ihre Ansprüche durchzusetzen. Dazu gehört eine bedeutende Summe …“

„Und wie haben Sie dies Alles ermittelt, Doctor?“

„Das will ich Ihnen sagen. Ich wurde vor längerer Zeit zu der Hebamme, welche damals von dem Baron Mechtelbeck bestochen war, beschieden … Die Frau war schwer krank, ich sollte ihr Testament machen. Wie ich bald bemerkte, war es ein Vorwand; die gute Alte hatte nichts zu vermachen. Aber ich sah sofort, daß sie etwas auf dem Gewissen hatte; sie begann von Ihnen zu sprechen; ich entlockte ihr endlich ihr Geheimniß – ich hörte Alles und erfuhr, daß die Frau mich nur rufen lassen, um mir aufzutragen, nach ihrem Tode Ihnen Alles zu sagen.“

„Ist sie todt?“

„Gottlob, nein, sie ist genesen und bei vollen Kräften. Sie muß unsere Hauptzeugin machen – und sie wird es. Freilich, [179] sie wird alsdann als Hebamme schimpflich abgesetzt und erhält wohl auch eine Gefängnißstrafe. Aber eine tüchtige runde Summe, ihr baar ausbezahlt, wird sie bewegen zu reden, darüber habe ich mit ihr verhandelt. Dann haben wir die schönsten Aussichten, es dahin zu bringen, daß Sie als Baron Mechtelbeck anerkannt werden, und dann fällt Ihnen das ganze Vermögen zu – der Hauptmann von Mechtelbeck, der jetzt im Besitze ist, ist der Sohn der zweiten Frau, die der alte Tyrann nahm, als er die erste glücklich todt geärgert und gepeinigt hatte.“

„Also ich sollte auftreten und den Herrn von Mechtelbeck des Seinigen berauben?“

„Sie sollen nur Ihr Recht fordern.“

„Und dazu giebt die Frau von Thorbach das Geld her?“ sagte Friedrich plötzlich im Tone des Zorns. „Das ist schön, in der That! Ich hätte nicht gedacht, daß der Hauptmann Recht habe, als er mich versicherte, sie sei seine unversöhnliche Feindin. Aber sie irrt sich schwer, wenn sie glaubt, ich lasse mich zum Werkzeug für diese Feindschaft brauchen, ich würde gegen meinen Hauptmann von Mechtelbeck auftreten.“

„Davon,“ fiel hier der Doctor Rostmeyer ein, „davon ist ja nicht die Rede, und mir scheint das doch ein komischer Gewissensscrupel, daß Sie nicht gegen den Hauptmann auftreten wollen. Solche zarte Rücksicht ist mir noch nicht vorgekommen. Sie sind der Baron Mechtelbeck, der legitim richtige Erbe, den man verstoßen, den man um Alles gebracht hat, bis auf den ehrlichen Namen und nun wollen Sie um solcher Bedenklichkeit willen lieber Ihr Leben hindurch Unterofficier bleiben, Sie wollen der Welt vorlügen, Sie seien nicht, was Sie doch wissen, daß Sie sind? Wenn Sie für den Hauptmann solche Zärtlichkeit empfinden, nun … so fragen Sie ihn doch wenigstens, ob er das, was Ihnen gehört, behalten will und mag.“

„Am Ende haben Sie Recht, Doctor,“ rief Friedrich aus. „Ei, und so wäre dies ja ein merkwürdiges Glück für mich … Ich ein Baron – wirklich und wahrhaftig ein Baron …“

Friedrich lachte vor Vergnügen hell auf; seine Züge hatten sich geröthet, er schritt heftig im Zimmer auf und ab, während er laut fortfuhr:

„Ein Baron von Mechtelbeck – ich habe ein Schloß, die alte Burg, mit Aeckern und Wiesen und Wäldern – es gehört, so viel ich mich entsinne, ein wunderbar schöner Wald dazu - und die Pferde – und Equipagen – Rostmeyer, ich bin so vergnügt, ich möchte Ihnen die Ohren reiben, bis Ihnen Hören und Sehen verginge. Aber, wissen Sie, was ich zunächst thue? Ich werde nicht vom Militär weggehen, aber ich werde mich zum Officier machen lassen, die Fonds zur Equipirung haben wir ja …“

„Die werden Sie haben, allerdings … ich zweifle nicht, daß wir’s durchsetzen, und dann …“

„Sie zweifeln nicht?, Und was könnte dann noch fehlen, wenn wir das Zeugniß der Hebamme haben … nein, nein, nein, reden Sie mir nicht mehr von Zweifel … reißen Sie mir die schönen Epauletten nicht wieder ab, die ich im Geist schon auf meinen Schultern sehe … wahrhaftig, Doctor, die Epauletten will ich haben – und will sie dann alle hänseln und ausstechen, diese näselnden und schnarrenden Officierchen, die Unsereins glauben über die Schulter ansehen zu dürfen … ich will ihnen ihre Tänzerinnen wegnehmen und ihren Damen den Hof machen … ich will die schönsten Pferde in der ganzen Garnison reiten, Doctor, es soll ein Leben beginnen, ein Leben sag’ ich Ihnen …“

„Das ist Alles ganz gut,“ unterbrach der Doctor Rostmeyer diesen Ausbruch der Freude, die, wenn sie plötzlich kommt, auch beim vernünftigsten Menschen in ihren ersten Aeußerungen etwas Kindisches zu haben pflegt. „Aber,“ setzte er hinzu, „bevor wir uns die schönsten Pferde in der Stadt kaufen, suchen wir überhaupt erst in den Sattel zu kommen. Dazu ist zuerst nöthig, daß Sie mir eine Generalvollmacht geben, für Sie aufzutreten. Mit der Hebamme werde ich dann schon fertig. Aber die Aussage der Hebamme allein würde nicht ausreichen. Darum habe ich mit weisem Fürbedacht der Frau von Thorbach von der Sache Mittheilung gemacht, um dieselbe für Sie zu interessiren, und das ist mir gelungen. Sie muß uns zu zweierlei Dingen dienen. Sie muß erstens den alten Jäger ihres Vaters, der Sie zuerst fand, zu dem Zeugniß bestimmen, welches wir brauchen…“

„Lebt denn der alte Jäger auch noch?“

„Gewiß, er lebt noch, aber er sitzt in seinem Walde drüben wie ein alter Uhu in seinem faulen Astloch und ist so menschenscheu und so widerhaarig und tückisch wie solch’ ein Nachtvogel. Es wäre keine Silbe aus ihm herauszubekommen, wenn seine Herrschaft ihm nicht vorher klar macht, daß er reden soll, und im Nothfall, daß sie ihn fortjagt, wenn er nicht redet. Und dann zweitens bedürfen wir der gnädigen Frau und ihrer Freunde und Connexionen in der Residenz, wenn zu Ihrer vollen Anerkennung königliche Bestätigungen oder dergleichen nöthig sein sollten; und wir bedürfen sie überhaupt, damit wir gleich mit größerem Gewicht auftreten, denn wenn, es heißt, daß Sie mit der Genehmigung und mit der Protection der Frau von Thorbach auftreten, so zweifelt schon von vornherein Niemand mehr an der Sache …“

„Desto besser dann,“ fiel Friedrich ein, „daß ich diese Protection habe, ich will sie mir auch gern gefallen lassen, obwohl es mir lieber wäre, wenn ich bestimmt wüßte, daß sie …“

Er wurde in diesem Augenblicke unterbrochen. Die Thür wurde geöffnet und mit hochgeröthetem Gesicht, mit bewegten Zügen trat Frau von Thorbach ein; sie war eine reizende Erscheinung, von einer verführerischen Anmuth, in dieser Erregung.

„Ich bin so außer mir von Allem, was Sie mir mitgetheilt haben, Doctor,“ sagte sie, „so gespannt, daß ich Sie zu unterbrechen komme. Ich muß hören, was unser junger Baron hier zu dem Allen sagt. Nicht wahr, es macht Sie glücklich, sehr glücklich? Ich bin froh, Ihnen Glück wünschen zu können … von ganzem Herzen …“

Sie reichte dabei Friedrich mit einer ungeheuchelten Wärme die Hand.

Friedrich nahm diese Hand, er war dabei ein wenig linkisch und verlegen, er dachte, es werde durchaus erforderlich sein, daß er diese Hand küßte, und er wagte es doch nicht, weil er gänzlich im Unklaren darüber war, wie man sich dabei benehme; so begnügte er sich, die schmale weiße Hand recht herzlich zu drücken, und dann sagte er:

„Und ich danke Ihnen, gnädige Frau, ich danke Ihnen aus Herzensgrunde, denn Sie sind wirklich sehr, sehr gütig gegen mich. Es liegt mir nur etwas dabei auf dem Herzen, und wahrhaftig, wenn ich wüßte, daß es nicht so plump und ungeschickt herauskäme, wie ich fürchten muß …“

„Es liegt Ihnen etwas auf dem Herzen, was Sie sich zu sagen schämen?“

„Schämen?“ fiel Friedrich ein … „das nicht … mir ist das Herz so voll, daß ich mich vor nichts in der Welt mehr schäme in diesem Augenblick …“

„Weshalb reden Sie denn nicht?“

Frau von Thorbach setzte sich bei diesen Worten und sah mit dem freundlichsten und ermuthigendsten Lächeln von der Welt zu Friedrich auf.

„Ich rede auch,“ fuhr dieser fort. „Sehen Sie, ich bin Ihnen auf’s Tiefste dankbar für Ihre Theilnahme für mich; aber es wäre mir lieber, wenn ich die Beruhigung hätte, daß Sie’s nur aus Theilnahme für den armen Findling Ihres verstorbenen Vaters thäten und nicht aus Feindschaft wider meinen armen, guten Hauptmann … Das bleibt mir doch wie ein Alp auf der Brust liegen, daß ich hier als ein Instrument dienen soll, den armen Hauptmann zu verkürzen, und der … das schwöre ich Ihnen, gnädige Frau, der hat es nicht um Sie verdient. Wenn Sie gehört hätten, wie er gestern noch zu mir von Ihnen sprach … wie er Sie bewundert, mehr als bewundert! Er liebt Sie, gnädige Frau, um das Ding beim rechten Namen zu nennen; er ist, seit Sie die Stadt verlassen haben, nicht mehr derselbe Mensch, er schließt sich ab, er sieht bleich und melancholisch aus, er hat an keinem Dinge mehr Freude und das Alles nur, weil Sie ihn so unchristlich hassen und seine Feindin sind. Der brave, gute, edle Mensch der! Es ist kein Officier wie er in der ganzen Garnison.“

Friedrich hatte sich in eine desto größere Wärme hineingeredet, je größer und, wie er glaubte, kälter das Auge der Frau von Thorbach auf ihm lag.

„Ich soll ihn hassen? … Ihren Hauptmann?“ sagte sie jetzt, indem die bleiche Farbe, welche bei Friedrich’s ersten Worten auf ihrem Antlitz sichtbar geworden war, einer dunklen, bis unter die Haarwurzeln tretenden Röthe wich … „aber, mein Gott, wie kommen Sie darauf … ich habe ihm nie etwas zu Leide gethan, ich weiß nur, daß er mich immer mit seinen Blicken verfolgt hat, wie ein Verrückter, ohne mich je anzureden, als ob es [180] ihm nicht der Mühe werth scheine, mit einer so unbedeutenden Person …“

„Natürlich,“ fiel Friedrich ein, „da er doch wußte, daß Sie ihm feind sein …“

„Ich ihm feind? Ihr Hauptmann ist wirklich ein Verrückter,“ rief jetzt Frau von Thorbach im höchsten Verdrusse aus, „wenn er das glaubt! Weshalb in aller Welt sollte ich ihm feind sein?“

„Nun, wegen der thörichten alten Familienfeindschaft …“

Frau von Thorbach brach in ein lautes, gezwungenes Lachen aus.

„Familienfeindschaft! Das ist mir neu.“

„Aber sein Vater hat ihm doch schon gesagt …“

Frau von Thorbach sprang höchst erregt auf. Sie machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.

„Wir wollten von Ihnen reden, Herr … Baron. Lassen Sie uns dabei bleiben und nicht auf den Vater des Hauptmanns kommen. Was ich thun kann in Ihrer Angelegenheit, thue ich als Tochter meines Vater, als Erbin der Verpflichtungen, die er gegen Sie übernahm … seien Sie darüber beruhigt …“

„Nun, dann dank’ ich Ihnen doppelt und dreifach … die große Summe Geldes, welche Sie für mich hergeben wollen, kann ich Ihnen bald ersetzen, hoffe ich, aber ich werde Ihnen nie vergelten können …“

„Die Summe Geldes?“ fragte Frau von Thorbach. „Welche Summe?“

„Sie irren, Friedrich,“ fiel hier der Doctor ein … „oder Herr Baron,“ verbesserte er sich lächelnd. „Die Summe Geldes …“

„Sie redeten doch von tausend Thalern, mein’ ich.“

„Ganz recht,“ entgegnete Rostmeyer, „aber diese hübsche runde Summe, dies Gewicht, womit das ganze Uhrwerk erst in Gang gesetzt ist, diese Basis unserer Operation hat Ihr künftiger Schwiegervater flüssig gemacht.“

„Wer?“ fuhr Friedrich auf.

„Ihr Schwiegervater.“

„Ich habe keinen Schwiegervater.“

„Das mein’ ich denn doch,“ antwortete der Advocat. „Da Sie mit der Marianne Herbot verlobt sind, haben Sie doch ihren Papa zum Schwiegervater; ich hoffe nicht, daß Sie sich jetzt schon so sehr als Baron fühlen, daß Sie den ehrlichen, wackern Bauersmann verleugnen wollen.“

Friedrich stand mit weit aufgerissenen Augen, auch sein Mund hatte sich ein wenig vor Verwunderung geöffnet, er sah vollständig dumm aus.

„Hören Sie, das wäre abscheulich,“ fiel hier die gnädige Frau erregt ein … „ich habe vorhin von der Runde bereits gehört, Sie wären mit der Marianne verlobt, sie hätte Sie in der Stadt, als sie mit mir dort war, kennen gelernt, und dazu habe ich Ihnen im Stillen herzlich Glück gewünscht, denn die Marianne ist ein braves, liebes Geschöpf, eine durchaus noble, feine Natur; was ihr an Bildung fehlt, das laßt sich zum guten Theil noch nachholen, sie wird ganz vortrefflich zu Ihnen passen, glauben Sie mir das … und wenn die Aussicht auf eine höhere Lebensstellung, welche Ihnen plötzlich geöffnet ist, Sie schwindeln machte und Sie vergessen ließe, was die einfache Ehrlichkeit von Ihnen verlangt, wenn Sie jetzt die Verpflichtungen ableugnen wollten, welche Sie früher eingegangen sind, wenn Sie meiner lieben, guten Marianne das Herz brächen, so … so … nun, so hörte meine Theilnahme für Sie auf, Herr Baron …“

„Bravo, gnädige Frau!“ sagte der Doctor Rostmeyer, „Sie haben Worte gesprochen, die Ihnen Ehre machen! Sie würden in der That eine verächtliche Handlung begehen, Friedrich … denken wir nicht daran!“

„Aber,“ fuhr Friedrich, über diese merkwürdigen Strafreden ganz außer sich, auf, „wenn ich Ihnen nun sage …“

Er vollendete nicht; er sah, daß die beiden Gesichter, die mit einem so großen Ernst auf ihn gerichtet waren, sich nur Unglauben und Verachtung verrathend von ihm wenden würden, wenn er weiter redete; er hatte nicht mehr den Muth weiter zu reden, er murmelte nur ingrimmig zwischen den Zähnen:

„Also dieser Bauer Herbot hat mich mit seinen tausend Thalern als Schwiegersohn wirklich eingekauft! Es ist wahrhaftig zum Tollwerden!“

„Sie haben sich besonnen?“ sagte Frau von Thorbach.

„O gewiß, gewiß,“ lachte Friedrich bitter auf. „So sehr, daß ich von hier sofort zu meiner Braut gehen werde. Ich brenne vollständig zu ihr zu kommen! Sind wir fertig, Doctor Rostmeyer?“

„Wenn Sie für’s Erste nur dies Vollmachtsformular unterschreiben wollen, so sind wir fertig.“

Der Doctor Rostmeyer zog ein halb bedrucktes, halb beschriebenes Papier aus der Brusttasche hervor und holte von einem Ecktische Schreibgeräthe herbei.

Frau von Thorbach gab unterdeß Friedrich die Hand.

„Auf Wiedersehen, Herr Baron,“ sagte sie, „wenn Sie Ihre Braut sehen, so grüßen Sie sie auf’s Herzlichste von mir, sagen Sie ihr, ich bäte, daß sie mich recht bald besuche, recht bald, hören Sie? Adieu, adieu!“

Damit verschwand sie, ehe noch Friedrich sein bitter ironisches: „Werde nicht ermangeln! Meine Braut!!“ hatte aussprechen können. -




Nachdem Friedrich sich von dem Rechtsanwalt getrennt und mit ihm verabredet hatte, daß er, so lange sein Urlaub dauere, in dem Dorfwirthshause bleiben und dort zu weiteren Besprechungen für Doctor Rostmeyer bereit sein werde, führte er seinen Vorsatz aus. Er schlug sofort den Weg zum Herbothofe ein.

Es war bereits Nachmittag, als er auf dem Hofe ankam. Der Bauer hielt in seiner Kammer eine kleine Siesta; das Gesinde war zur Arbeit gegangen; Marianne saß auf der Bank hinter dem Hause und zählte Garnstränge, die sie zum Weber senden wollte; von Zeit zu Zeit stand sie auf, um mit einer Gießkanne Wasser aus dem Bach zu schöpfen und die drei grauen Linnenstücke zu begießen, welche zum Bleichen am Ufer ausgespannt lagen.

Da Friedrich Niemand im Hause fand, schritt er suchend um das Haus herum. So kam es, daß er plötzlich um die Ecke bog, plötzlich Marianne erblickte, plötzlich vor ihr stand.

[193] Marianne wurde bleich, bleicher als das vor ihr liegende Linnen. Sie stieß einen Schrei der Ueberraschung, des Schreckens aus, sie sank auf ihre Bank zurück, während ihre Hände schlaff die Strähnen zu Boden fallen ließen, die sie hielten. Sie hatte Friedrich nicht an seinen Zügen, nicht an seiner Gestalt erkannt, sie hatte ja gar nicht zu ihm aufgeblickt; ihr Gewissen sagte ihr, daß er es sei.

„Sie erschrecken ja gewaltig,“ sagte Friedrich gutmüthig lächelnd und leicht die Hand mit einer Bewegung nach seiner Mütze hin aufwerfend.

In einer andern Stimmung hätte er wohl sehr ernst und bitter von dem jungen Mädchen Rechenschaft verlangt. In dem Gefühl von Glück und in den glänzenden Hoffnungen schwelgend, welche ihm gemacht waren, nahm er es leichter und war geneigt, die ganze Sache wie einen schlechten Spaß aufzufassen.

Sie faltete die Hände zusammen, lispelte ein leises „Du gerechter Gott!“ und brach in einen Strom von Thränen aus, die über ihre bleichen Wangen niederrannen, während sie mit einem flehenden Blicke zu dem großen jungen Mann aufsah, der vor ihr stand.

„Nun, weinen Sie nicht!“ sagte dieser, gerührt von der Sprache dieses merkwürdig innigen Blicks, und dabei ließ er sich neben ihr auf die Bank nieder, „ich kam ja nicht, um Ihnen etwas Uebles anzuthun! Sie sind ja,“ setzte er lachend hinzu, „meine Braut, ich wollte nur gern hören, wie das eigentlich zusammenhängt … und dazu komme ich …“

„O mein Gott!“ rief das junge Mädchen noch einmal, „wenn ich nur todt wäre, nur todt und begraben unter dem Rasen läge!“

Friedrich ging es, wie so manchem Manne, der in der Absicht auszieht, einer Frau eine gerechte Vorhaltung zu machen, und bald inne wird, daß sich die Sachen umgekehrt verhalten, daß er die Vorwürfe verdient und daß ihm die Rolle des Beschwichtigens und Entschuldigens zukommt. Er ergriff eine der Hände, welche Marianne wie im tiefsten Leid, in grenzenloser Beschämung vor ihr Gesicht geschlagen hatte, und sagte:

„Seien Sie doch nicht so außer sich, Marianne … weshalb versündigen Sie sich denn mit solchen Reden? Sehen Sie, ich kann mir ja Alles denken und messe Ihnen ja keine Schuld bei. Ihr Vater und der Doctor Rostmeyer haben zusammen ein kleines Complot geschmiedet … ist’s nicht so? … Ihr Vater hat dabei einen wunderlichen Hintergedanken gehabt und hat ihn zu früh ausgeschwatzt, und so ist’s in aller Leute Mund gekommen … und das Unglück ist ja so gar groß auch nicht … was die Leute schwatzen, thut uns Beiden weiter nicht weh …“

„O nein, nein, nein!“ brach hier Marianne leidenschaftlich aus … „so ist es ja nicht, so ist es nicht, ich habe alle, alle Schuld ganz allein, und Sie können nicht anders als mich auf’s Tiefste verachten … ich … ich … aber wenn Sie wüßten, wie es kam … wie es mir abgepreßt wurde …“

„Nun,“ fuhr Friedrich fort, „so erzählen Sie mir es, wie es kam, hübsch ruhig und ordentlich; wahrhaftig: es ist so vieler Thränen nicht werth … fassen Sie sich, Marianne, erzählen Sie mir, ich schwöre Ihnen, daß ich Sie nicht verachten werde!“

„Ja, ich will es Ihnen erzählen … Alles … Alles … Sehen Sie,“ sagte Marianne von Schluchzen unterbrochen, „der Vater bedarf einer Frau für den Hof und die Wirthschaft, und er hat auch die Anna vom Kamphofe gern und sie mag ihn auch, aber sie wollte ihn nicht nehmen, so lange ich unversorgt auf dem Hofe sei, sie denkt, eine Stiefmutter und eine Tochter von gleichem Alter, das thue nicht gut; und der Vater wurde verstört und unglücklich darüber und drängte mich, und ich konnte mich doch nicht entschließen, unter denen, die mich zur Frau begehrten, einen zu wählen, und neulich, wo der Vater wieder davon anfing und mich ganz außer mich brachte vor Verdruß und Pein darüber, da dacht’ ich, du sollst ihn nur erst einmal beruhigen und ihm sagen, du seiest verlobt und werdest der Stiefmutter Platz machen, dann hat er doch seinen Frieden. Und da sagt’ ich ihm, ich sei verlobt, ich dacht’, in den nächsten Tagen werd’ ich’s ja doch sein und mir ein Herz fassen und dem Raffelsberger oder dem Erdmann oder dem Wallfurth mein Wort geben … aber damit war er nicht zufrieden, und ich sollt’ durchaus sagen, mit wem, und ich wußt’ doch keinen zu nennen, und da nannt’ ich in meinem sündhaften Leichtsinn Ihren Namen, weil ich Jemand nennen mußte und zwar Einen, der es nie erfahren würde, der recht weit war und niemals in’s Dorf kommen würde … und da wußt’ ich Niemand anders aus der ganzen Gegend als Sie … und so verführte mich der böse Feind, und ich nannte Sie!“

„So, so, so …“ sagte Friedrich begütigend … „so ist es gekommen? Nun, das Verbrechen ist ja am Ende so groß nicht …“

„Aber ich beschwor den Vater,“ fuhr Marianne hastig fort, „keiner Menschenseele ein Wort davon zu sagen … er versprach es mir auch, doch in dem Eifer um seine Anna ging er noch denselben Abend zum Advocaten, um wegen der Abschichtung mit ihm zu reden, und am andern Morgen wußte schon die Großmagd von ihm, was ich gesagt, und den Abend ging er zum Vater Tillmann und … mit einem Worte am verwichenen Sonntage [194] schon wußte es das ganze Dorf, zusammt der Bauernschaft! Da half nur nun nicht mehr, daß ich dem Vater sagte: ,ich hab’s ja nur so dahin gesagt, ich kenne den Friedrich ja gar nicht und habe mein Leben nicht an ihn gedacht, ich will ja auch den Raffelsberg oder den Erdmann oder den Wallfurth nehmen, welchen Ihr wollt, sagt nur selber, welcher es sein soll, es ist mir just Alles Eins’ – er fuhr mich an, ganz roth vor Zorn im Gesicht: ,jetzt leugnest Du’s ab,’ schrie er, ,just, wo ich Dir gesagt hab’, daß der Friedrich ein Baron ist, Du denkst, jetzt läßt er Dich sitzen, und Du willst die Schande und den Spott darüber nicht haben – nichts, sag’ ich Dir, komm’ mir wieder mit dem Raffelsberg oder Wallfurth, und Du sollst sehen, was ich thu’! Der Friedrich wird schon Fuß beim Male halten – er soll, sag’ ich Dir’? So fuhr er mich an, und ich hab’s müssen aufgeben, ihn und die Leute zur Vernunft zu bringen … sie sind einmal alle wie toll! Und nun wissen Sie Alles, und wenn Sie’s mir vergeben können, so dank’ ich Ihnen aus Herzensgrunde, aber ich, ich kann’s mir Zeitlebens nicht vergeben!“

„Liebe Marianne,“ sagte Friedrich gerührt, nachdem er eine Weile schweigend das voll bitterer Verzweiflung die Hände zusammenfaltende junge Mädchen angesehen – „zu verzeihen ist da nicht viel … es ist am Ende mehr Unglück für Sie als für mich dabei … aber so fürchterlich ist das Unglück auch nicht, daß Sie so verzweifelt darüber zu sein brauchen. Ich denke, wir gehen ruhig jeder unseres Weges und lassen die Leute schwatzen … endlich müssen sie doch aufhören zu schwatzen …“

Marianne nickte weinend mit dem Kopfe.

„Es ist das Einzige, was wir thun können,“ sagte sie.

„Ich könnte auch mit Ihrem Vater ein offenes Wort reden,“ fuhr Friedrich nach einer Pause fort.

„Das könnten Sie,“ sagte Marianne, „ich will gern das Unwetter aushalten, welches dann über mich käme!“

„Ja so – daran dacht’ ich nicht!“ fiel Friedrich ein. „Das sollen Sie nicht! Es ist also nichts zu thun, als daß jeder von uns ruhig seines Weges geht …“

„Es ist das Beste!“ sagte Marianne.

Friedrich wurde nun durch nichts mehr davon abgehalten, diesen weisen Entschluß sofort auszuführen, und doch schien er keine Lust zu haben, seines Weges zu gehen. Er sah wieder auf Marianne; er redete nicht, aber er suchte offenbar ihr Auge.

Aber sie vermied seinem Blicke zu begegnen; sie starrte wie noch immer rathlos aus das Gras des Rasens vor ihr.

„Marianne!“ sagte er nach einer Weile. Sie sah flüchtig fragend nach ihm auf.

„Ich weiß noch recht gut, wie wir zusammen als Schulkinder in die Kirche gingen.“

Marianne nickte mit dem Kopfe; sie schien dieser Thatsache kein großes Gewicht beizumessen.

„Sie waren die Hübscheste in der ganzen Mädchenschule.“

Marianne seufzte blos.

„Sie sind seitdem noch viel hübscher geworden … ich hätte nicht gedacht, daß es ein so hübsches Mädchen in der Welt gäbe.“

Sie fuhr zusammen und sah ihn mit einem ernsten, schwermüthigen Blick an.

„Sie vergeben mir also?“ sagte sie; „und wir müssen nun jeder seines Weges gehen; es darf uns auch kein Menschenauge je zusammen erblicken!“

„Nein, niemals!“ antwortete Friedrich. „Und ich muß jetzt gehen. Ich gehe jetzt auch schon. Und … Marianne … um’s gerade heraus zu sagen … ich merke jetzt erst, daß Sie doch etwas recht Schlimmes angestiftet haben … wär’s nicht deswegen, so dürft’ ich jetzt hier bleiben und ruhig mit Ihnen plaudern und vielleicht auch morgen wiederkommen …“

„Ach ja, ach ja, es ist eine böse Sache,“ seufzte Marianne, ohne ganz zu wissen, was sie sagte; „aber jetzt müssen Sie gehen, der Vater könnt’ erwachen und kommen …“

Friedrich erhob sich und reichte ihr die Hand; sie nahm sie und sah ihn mit ihren feuchten Augen seelenvoll und innig an.

„Ich danke Ihnen aus Herzensgrunde, daß Sie so gut sind, ein gar so guter Mensch und mir so vergeben haben … Leben Sie wohl … Gott sei mit Ihnen!“

Friedrich hielt die Hand und sah in die Augen Mariannens und blickte dabei so seltsam, so nachdenklich … was er dachte, mußte ihn’ ganz vergessen lassen, daß man eine Hand nur nimmt, um sie nach einem herzlichen Druck wieder fahren zu lassen. Er hielt Mariannens Hand fest in der seinen.

Sie entzog sie ihm.

„Adieu, Herr Friedrich!“ sagte sie mit einem Tone, in dem die Rührung zitterte.

„Adieu, Marianne!“ antwortete er, wandte sich und ging.

Als er die Hausecke erreicht hatte, kehrte er plötzlich zurück.

„Marianne,“ sagte er mit einem schüchtern leisen Ton … „mir ist eben etwas eingefallen!“

„Und was, Herr Friedrich?“

„Wir könnten auch etwas Anderes thun.“

„Was denn?“

„Wir könnten auch den Leuten, welche durchaus wollen, daß wir verlobt seien, und so viel Geschwätz darüber machen, sagen: ,Nun ja, in Gottes Namen, wir sind es!’“

„Aber,“ antwortete Marianne, „dann gäben sie uns ja nie Ruhe mit ihren Fragen, mit ihrem Gerede!“

„Ruhe … ach, sie würden uns schon Ruhe geben, wenn sie erst sähen, daß es wirklich an dem sei, daß …“

Marianne wurde purpurroth.

„O mein Gott!“ rief sie aus, „was denken Sie?“

„Sie gefallen mir so, Marianne,“ fuhr Friedrich fort, „mehr als mir je ein Mädchen in der Welt gefallen hat, je eins wieder gefallen kann … und ich … ich glaube, ich bin ein ehrlicher Kerl, auf den eine Frau bauen kann … und unser Auskommen hätten wir auch; Doctor Rostmeyer sagt wenigstens, daß mir Alles …“

„O hören Sie auf, hören Sie auf,“, rief jetzt Marianne aus, „o nimmermehr, lieber ging’ ich in den Tod, als jetzt, jetzt Sie nehmen!“

„Marianne,“ sagte Friedrich mit bebender Lippe und erbleichend … „ist das Ihr Ernst?“

„Nimmermehr, nimmermehr!“ schrie sie wie ganz entsetzt auf, schlug die Hände vor’s Gesicht und rannte davon.

Friedrich stand wie angewurzelt und starrte ihr nach.

„Sieh,“ murmelte er endlich, tief Athem holend, „da hab ich einen Korb bekommen! Pfui Teufel!“




6.

Friedrich war für seine Leute der nachsichtigste und gutmüthigste Vorgesetzte, den es geben konnte, aber hätte er heute seinen Zug bei den leichten vierpfündigen Hinterladern zu exerciren gehabt, sie hätten ihn nicht wiedererkannt. Er war zornig, er war erbittert, er war grenzenlos niedergeschlagen, er war schwermüthig, daß er hätte weinen mögen … er hatte sich vollständig verliebt in Marianne während der Unterredung mit ihr; jetzt, wo sie ihn ausgeschlagen, wo sie ihm wie etwas Unerreichbares vor Augen stand, liebte er sie leidenschaftlich und das Leben schien ihm keinen Werth zu haben ohne sie.

Und sie hatte ihn so gründlich, so entschieden, so hoffnungslos ausgeschlagen; so beleidigend, so heftig sogar … „lieber in den Tod!“ hatte sie ausgerufen … das wäre doch wenigstens nicht nöthig gewesen, sagte sich Friedrich gedemüthigt und empört. Ich muß ihr wohl gründlich mißfallen haben, setzte er hinzu. Ich wollte lieber, ich hätte ein Bein gebrochen, bevor ich in dies verzweifelte Dorf zurückgekommen … der Teufel hole die Baronschaft … kann ich sie mir jetzt noch mit Ehren von diesem Bauer Herbot mit seinen tausend Thalern einkaufen lassen? Jetzt, wo mir seine Tochter einen Korb gegeben hat … nimmermehr! Und was soll ich nun machen? … soll ich einfach nach Hause gehen und den Unterofficier spielen wie vorher und dem Hauptmann Alles verschweigen? … Aber halt, da kommt mir ein Gedanke …

Der Gedanke, welcher Friedrich gekommen, war einfach der, daß ja der Hauptmann jetzt nicht mehr blos sein Vorgesetzter sei, sondern sein Bruder. Er hatte einen Bruder, … und den Bruder konnte er zur Hülfe rufen!

Als er in seinem Wirthshause wieder angekommen, forderte er Schreibzeug und setzte in einer sehr schönen, wie eine Vorschrift aussehenden Handschrift folgenden Brief auf:

[195] „Geehrter Herr Hauptmann!

Sie haben uns oft gesagt, der Hauptmann sei der Vater, wie der Oberfeuerwerker die Mutter der reitenden Batterie. Dies giebt mir den Muth, mich an Sie zu wenden. Ich bin hier in eine verwickelte Sache gerathen, worin ich einer väterlichen Hülfe bedarf; sie ist sehr verwickelt und betrifft auch Sie … so sehr, daß es nicht sträfliche Insubordination von mir ist, wenn ich Sie inständig bitte: kommen Sie hierher und sehen selbst, was zu thun ist, und besprechen es mit Frau von Thorbach, denn Frau von Thorbach ist Ihre Feindin nicht, es ist auf Ehre ein Irrthum von Ihnen, Herr Hauptmann; sie wird, denk’ ich, nichts lieber thun, als es Ihnen mündlich selber sagen.

Ihr gehorsamer Diener
Friedrich Schwelle,
Feuerwerker.“

Als der Hauptmann diesen Brief erhielt, mußte er dies Schriftstück, diese respectwidrige Aufforderung zum Kommen, gerichtet von einem Unterofficier an seinen vorgesetzten Officier, zu ungewöhnlich finden, um nicht sofort daraufhin ebenfalls einen Urlaub zu nehmen und sich auf die Reise zu machen, um die Veranlassung zu ergründen.

Er langte früher noch bei Friedrich an, als dieser erwartet hatte, d. h. er langte am Wirthshause Friedrich’s an, denn dieser war, als der Hauptmann eintraf, nicht daheim. Friedrich war in der Zeit, nachdem er seinen Brief abgesendet, wenig daheim gewesen. Wo er war, wußte Niemand; einmal war er bei dem Anwalt gewesen, um dem Doctor Rostmeyer auf’s Entschiedenste zu verbieten, das Geld des Bauern Herbot anzunehmen und überhaupt irgend etwas zu thun, bevor der Hauptmann angekommen sei. Der Doctor Rostmeyer war so unwillig darüber geworden, daß er Friedrich fast die Thür gewiesen hätte, Friedrich aber war gegangen, ohne ein Wort von dem, was er gesagt, zurückzunehmen. Wo er jedoch in den übrigen Stunden des Tages steckte, wußte Niemand; vielleicht hatte Marianne allein eine Ahnung davon - sie hatte um die Nachmittagsstunde am Saume des Gehölzes jenseits des Baches und der Wiesen eine dunkle Uniform auftauchen sehen … zu ihrem großen Schrecken und Entsetzen . : . sie war ängstlich in’s Haus gegangen … und doch, so widerspruchvoll ist das menschliche Herz … doch war sie um die nächste Nachmittagsstunde wieder, und zwar allein, mit ihrer Arbeit zu der Bank hinter dem Hause gegangen, wo sie die Wiesen und den Wald übersehen konnte.

Da der Hauptmann von Mechtelbeck Friedrich nicht fand und Mutter Tillmann, welche allein zu Hause war, auch nicht geneigt schien, die Gewähr zu übernehmen, daß er bald heimkehren werde, so entschloß sich der Officier mit kühnem Muth, zum Schlosse zu gehen und sich bei Frau von Thorbach melden zu lassen, wenn anders Friedrich nicht in der Zeit komme, welche der Hauptmann bedurfte, sich umzukleiden. Friedrich kam nicht, und eine halbe Stunde später sah der Hauptmann Schloß Stromeck vor sich.

Er hatte die kurze Wanderung allerdings mit kühnem Muth angetreten, aber er fühlte ihn entschwinden, als er in den Salon der gnädigen Frau geführt wurde und er Aug’ in Auge dem Feinde oder besser der Feindin gegenüberstand. Das war nicht zu verwundern, denn Frau von Thorbach unterließ nichts, ihm den Muth von vornherein zu nehmen; sie war so merkwürdig beflissen, ihn gleich bei seinem Eintreten aus der Fassung zu bringen. Sie war aufgesprungen, sie hatte sich dann ebenso schnell wieder gesetzt, als ob sie bereue, mit dem Aufstehen ihm zu viel Ehre angethan zu haben, sie war bleich geworden und wieder roth, während ihr Schooßhund ein fürchterliches Gebell machte, welches sie sich gar nicht die Mühe nahm, zu beschwichtigen. Und währenddeß hatte sie ein paar Worte gesagt, so leise, daß der Hauptmann sie gar nicht verstanden.

„Gnädige Frau,“ stotterte er und griff dann krampfhaft nach der Lehne eines Stuhles, da ihm war, als ob sie mit der Hand eine einladende Bewegung nach demselben hin gemacht. „Sie müssen mir zu Gnaden halten, daß ich es wage,“ fuhr er fort, „ich habe von einem meiner Untergebenen, dem Unteroffizier Friedrich, eine Meldung erhalten, die mich veranlaßt … es ist das erste Mal, daß ich Haus Stromeck betrete … obwohl wir eigentlich sehr nahe Nachbarn sind…“

Frau von Thorbach hatte sich unterdeß so weit gefaßt, um die große Verlegenheit bemerken zu können, mit welcher der Hauptmann sprach. Dies gab ihr ihre Geistesgegenwart wieder, und während ihr feines, hübsches Gesicht seine gewöhnliche rosige Färbung wiederbekam, um doch wieder rasch eine dunklere anzunehmen, antwortete sie mit ruhigem Tone:

„Ich höre zu meiner Verwunderung, daß Sie an diese Nachbarschaft erinnern, Herr von Mechtelbeck. Als ich den Winter in der Stadt war, schienen Sie diese ganz vergessen zu haben…“

„Vergessen?“ rief er aus, „ach nein, ich erinnere mich ihrer zu wohl und auch der unglücklichen Verhältnisse, die mir den Muth raubten, mich Ihnen vorstellen zu lassen … ich würde auch heute nicht kühner sein, wenn der bravste Mann unter meinen Leuten mich nicht um meinen Beistand angefleht hätte … und so komme ich, gnädige Frau, Sie um die Mittheilung dessen zu bitten, um was es sich eigentlich handelt, der Friedrich verweist mich in seinem Briefe an Sie …“

„An mich?“ rief Frau von Thorbach aus und wurde plötzlich wieder bleich … sie sollte dem Hauptmann von Mechtelbeck, der sie für seine Feindin hielt, auseinandersetzen, wie sie mit ihrem Rechtsanwalt in einem Complote sei, um ihn seines Erbes zu Gunsten Friedrich’s zu berauben? … Wie ein Stein fiel ihr das auf die Seele … sie konnte unmöglich dem Manne ihr gegenüber solche Eröffnungen machen, es war etwas in ihrem Herzen, was es ihr furchtbar erscheinen ließ, und erschrocken fuhr sie fort: „Um Alles in der Welt willen, verlangen Sie das nicht von mir … ich versichere Sie nur, ich bitte Sie bei Allem, was Ihnen heilig ist, mir zu glauben, daß diese ganze Geschichte auch nicht im Mindesten von mir angerührt ist, daß sie mich nichts angeht … mir war Alles, Alles völlig fremd … o mein Gott, woher soll ich Worte nehmen, Ihnen die Ueberzeugung zu geben …“

Der Hauptmann blickte mit der äußersten Ueberraschung die plötzlich in solche Aufregung gerathende Frau an, deren Wesen ihm völlig räthselhaft war, aber er sah, daß ihr namenlos viel daran gelegen schien, sich wegen irgend etwas in seinen Augen zu rechtfertigen, und dies erfüllte ihn mit einer großen und nicht zu beschreibenden Freude.

„Gnädige Frau,“ rief er mit großer Wärme aus, „ich begreife durchaus nicht, was für Verhältnisse es sind, von denen Sie reden, allein ich kann Ihnen die Beruhigung geben, daß ein Wort von Ihnen mir genügt, Alles zu glauben, was Sie verlangen, daß ich glauben soll; ich schwöre Ihnen, daß keine Lippe auf Erden ist, auf deren Wort ich fester, rückhaltloser und unbedingter baue, als die Ihrigen … Sie thun mir weh, wenn Sie glauben, daß es besonderer Versicherungen bedürfe…“

„Aber, mein Gott,“ unterbrach ihn Frau von Thorbach, ohne ihrer Erregung Meister werden zu können, „Sie ahnen ja nicht, wovon es sich handelt, Sie glauben, ich sei Ihre Feindin …“

„O, halten Sie ein … nein, nein, nein, ich glaube es nicht mehr … und lassen Sie es mich aussprechen, eine ganze Fülle von Glück überfluthet mich bei der Ueberzeugung, daß ich ein Thor war, es zu glauben, daß ich unter dem Eindrucke alter aus meinen Knabenjahren mit herübergenommener Vorstellungen blieb, die mein verstorbener Vater in mir geweckt hatte, auch da noch blieb, als ich Sie sah, Sie, so gütig, so himmlisch gütig blickend und mit Ihren Blicken voll Engelshuld Alle beglückend, von denen ich Sie umringt zu sehen pflegte …“

Frau von Thorbach’s Erregung legte sich bei diesen Worten ihres Gegenüber, aber ihre frühere Befangenheit schien wieder über sie zu kommen, obwohl sie zu lächeln und in leichtem Tone zu antworten versuchte:

„Ich glaube doch nicht, Sie immer besonders gütig angesehen zu haben, wenn ich Ihnen in Gesellschaften begegnete, Herr von Mechtelbeck. Ich war Ihnen oft wenigstens bitterböse, daß Sie so geflissentlich die Pflichten versäumten, welche Sie gegen eine so nahe Nachbarin hatten.“

„Freilich, darin muß ich Ihnen Recht geben,“ erwiderte der Hauptmann, „und das war es ja eben, was mich glauben ließ, mein Vater habe Recht gehabt mit seinen Hindeutungen auf eine alte Blutsfeindschaft zwischen unseren Familien …“

„Eine alte Blutsfeindschaft … das ist mir neu, völlig neu,“ rief Frau von Thorbach aus, „mein Vater hat nie auch nur mit einer Silbe darauf hingedeutet … aber Ihr Vater …“

Sie stockte plötzlich.

„Mein Vater? … vollenden Sie.“

[196] Frau von Thorbach blickte schweigend zu Boden.

„Ich kann nicht vollenden,“ sagte sie dann.

„O wohl, dann keine Silbe weiter davon. So bitter die Vorwürfe sind, welche ich mir in diesem Augenblicke über meine grenzenlose Thorheit mache, so glücklich bin ich in diesem selben Augenblick auch, sie mir machen zu können … und kein Wort von Ihnen könnte dies Glück steigern, noch es verringern, ich habe Sie von dem ersten Augenblicke an, wo ich Sie sah, zu sehr, zu enthusiastisch bewundert, zu leidenschaftlich an Ihrem Bilde gehangen, zu unausgesetzt dies Bild in meiner Seele getragen, als daß es mich nicht namenlos glücklich machen sollte …“

Der Hauptmann wurde in der schwungreichen Liebeserklärung, zu der ihn sein Gefühl unbezwinglich hinriß, plötzlich unterbrochen.

Die Thür öffnete sich, und die Zofe mit den Korkzieherlocken trat auf die Schwelle.

„Der Herr Friedrich!“ sagte sie meldend.

Frau von Thorbach schien in hohem Grade erleichtert aufzuathmen.

„Ganz recht,“ sagte sie, „führ’ ihn ein.“

Der Hauptmann hatte einen sehr zornigen Blick auf die störende Zofe geworfen; die junge Frau starrte mit einem Antlitz, aus dem wieder die Farbe gewichen, die Thür an, als ob sie auf das Eintreten Friedrich’s im höchsten Grade gespannt sei.

Friedrich kam, mit bewegten Zügen, mit geröthetem Gesichte.

„Ich hörte im Wirthshause, daß Sie gekommen seien, Herr Hauptmann,“ rief er aus, „und eilte hierher – in größter Unruhe, in halber Verzweiflung. Zürnen Sie mir nicht … es ist eine unselige Sache … ich bin nicht schuld daran … wahrhaftig, ich bin nicht schuld daran … ich gäbe ein paar Jahre meines Lebens darum, hätte ich nichts damit zu schaffen, wär’ ich nie in dies Dorf zurückgekommen … und für Sie muß es doch ganz niederschmetternd, ganz entsetzlich sein … ich bin außer mir darüber, seit ich mich so recht in Ihre Lage versetzt habe.“

„Aber, mein Gott, was hast Du denn, Friedrich?“ sagte der Hauptmann äußerst überrascht und erschrocken über die ungeheuchelte Verzweiflung, welche sich in Friedrich’s Worten und in seinem ganzen Wesen kundgab, und zugleich daran denkend, daß ihn auch Frau von Thorbach mit diesen seltsamen Unschuldsbetheuerungen empfangen habe.

„Was ich habe? … Aber haben Sie’s denn von der gnädigen Frau noch nicht gehört … daß … daß die gnädige Frau und ihr Advocat ein vollständiges Complot geschmiedet haben, daß man Ihnen alles Ihrige, Ihr Gut nehmen will … um es mir zu geben?“

„Ah bah!“ rief der Hauptmann aus, bald auf den Unterofficier, bald auf Frau von Thorbach blickend … „Du bist wohl wahnsinnig geworden?“

„Fast,“ sagte Friedrich mit lakonischer Bitterkeit … „es wär’ auch kein Wunder.“

Dabei warf er sich, ohne eine Einladung abzuwarten, in einen Sessel.

„Aber so rede doch weiter,“ fuhr der Hauptmann fort.

Friedrich schüttelte melancholisch den Kopf.

„Es ist mir lieber, wenn’s Andere Ihnen sagen,“ sagte er, „ich mag’s nicht.“

„So viel seh’ ich, die Subordination scheint Dir wunderbar schnell hier abhanden gekommen,“ bemerkte der Hauptmann noch immer höchst gespannt von ihm in die Züge der Frau blickend.

„Ich sehe,“ sagte diese in großer Erregung, „ich muß das Wort nehmen und Ihnen Alles erklären, Herr von Mechtelbeck. So hören Sie, um was es sich handelt.“

Frau von Thorbach begann nun dem Hauptmann den Stand der Sache mitzutheilen, so gut sie als Frau es konnte; sie umging den eigentlichen Grund der Handlungsweise des alten Barons Mechtelbeck klar zu legen; sie hielt sich an die Thatsachen, an das, was sie über die Geständnisse der Hebamme und die Mitwissenschaft ihres alten Jägers wußte.

Der Hauptmann hatte sie groß und mehr mit dem Ausdrucke der Zerstreutheit als der Spannung angesehen; er hatte Frau von Thorbach, während sie redete, mit keiner Silbe unterbrochen.

Als sie geendet hatte, sprang Friedrich auf.

„Und nun sag’ ich Ihnen,“ rief er aus, „daß die ganze unselige Geschichte umsonst aufgerührt ist. Das Gewicht von dem ganzen Uhrwerk, welches in Gang gesetzt werden soll, wie Rostmeyer sich ausdrückt, habe ich von mir geschleudert, ich habe dem Advocaten verboten, irgend einen weitern Schritt zu thun. Mir ist die Welt vollständig verleidet, und ich kümmere mich nicht im Mindesten darum, ob ich ein ausgesetzter Freiherrn- oder ein Taglöhner-Sohn bin …“

Auch der Hauptmann erhob sich.

„Das kann nichts entscheiden, Friedrich,“ sagte er sehr ernst und fast gebieterisch. „Was wir in diesem Augenblick empfinden, kann nicht maßgebend für unser Handeln sein, und ob wir mehr oder weniger niedergeschmettert sind durch diese Thatsachen, darauf kommt es nicht an. Auch nicht auf die Befehle, welche Du Deinem Anwalt gegeben haben magst, denn ich sehe nicht ein, wozu überhaupt hierbei ein Anwalt nöthig ist. Nach dem, was ich gehört, gebe ich ohne Zögern die Erklärung ab, daß ich an der Wahrheit von dem Allen, was Frau von Thorbach mir eben eröffnete, nicht zweifle, Dich als meinen älteren Bruder anerkenne und Deinem Erstgeburtsrecht bereitwillig sofort Alles hingebe, was nicht mir, sondern Dir zukommt. Ich thue dies mit dem Gefühl, daß ich dabei gewinne, weil ich, der bisher im Leben so ziemlich allein stand, einen Bruder finde … ich kenne Dich lange genug, um zu wissen, was ich an diesem Bruder finden werde, ein echtes, treues, warmes Bruderherz, wie ich es für Dich haben werde.“

Friedrich stand wie eine Statue vor dem Hauptmann, während dieser in größter Bewegung und ihm die Hand entgegenstreckend die schlichten Worte sprach, deren Ton verrieth, wie sehr sie ihm aus der Seele kamen. Nicht mehr Verdruß und Kummer blickte aus Friedrich’s Zügen heraus, sondern seine Augen schauten feucht, mit einem Ausdruck unendlicher Gutmüthigkeit und Hingabe in die Augen des Hauptmanns. Mit zitternder Lippe sagte er jetzt:

„Herr Hauptmann, Sie … Bruder, Du bist der bravste, edelste …“

Er konnte nicht weiter, die Thränen strömten ihm über die Wangen, und die beiden Brüder lagen sich in den Armen.

Auch Frau von Thorbach war von der Scene zu Thränen gerührt; sie war an’s Fenster getreten, um diese Thränen zu verbergen, ihr Tuch vor den Augen … Friedrich sah es, und sich aus dem Arme seines Bruders lösend, rief er mit seiner brüsken Gutmüthigkeit:

„Ach, ich möchte Dir noch mehr geben als blos einen Bruder in dieser Stunde … Frau von Thorbach, wenn ich nun einmal der Bruder bin, so darf ich auch für den Bruder sprechen … ich weiß, daß er Sie …“

„Friedrich, was thust Du?“ unterbrach der Hauptmann ihn in hohem Grade erschrocken und einen Schritt vortretend, wie um sich zwischen ihn und die junge Frau zu stellen.

Diese wandte sich eben so rasch – mit hochgeröthetem Gesicht, durch ihre Thränen lächelnd, sagte sie, dem Hauptmann ihre Hand entgegenstreckend, zu Friedrich:

„Glauben Sie denn, es sei nöthig, daß Jemand für ihn bei mir spreche? Viel eher hätte ich Jemand nöthig, der für mich das Wort spräche, das so schwer für eine Frau auszusprechen ist … doppelt schwer nach … so langer böser Erbfeindschaft.“

Der Hauptmann blickte sie an, keines Wortes mächtig; dann ließ er sich auf ein Knie vor ihr nieder, zog die Hand, die sie ihm gereicht hatte, an seine Lippen und sagte selig zu ihr aufblickend:

„Sind denn Worte nöthig? Das wäre grausam für mich, denn ich finde keine.“




7.

In der Nachmittagsstunde, als der Bauer Herbot mit seiner Tochter und seinem Gesinde eben vom Kaffee aufgestanden waren, wurde die Ruhe des stillen Hofes plötzlich durch einen leichten Charabanc gestört, der mit zwei hübschen Eisenschimmeln in Zuckergeschirr bespannt vor der großen Tennenthür hielt und von dem Frau von Thorbach und der Hauptmann von Mechtelbeck stiegen.

Der Bauer ging ihnen entgegen, Marianne folgte zaghaft einige Schritte hinter ihm, um den Besuch ihrer Gönnerin zu empfangen – als sie sah, daß Frau von Thorbach sich, wie sie die Tenne herabkam, beim Gehen auf den Arm eines Mannes in einer Uniform stützte, schoß ihr plötzlich alles Blut zum Herzen zurück – aber nur für einen Augenblick … sie sah bald, daß ihr Erschrecken ohne Grund gewesen. Frau von Thorbach kam ihr lebhaft entgegen.

[198] „Ich komme, Dir meinen Bräutigam vorzustellen, Marianne!“ sagte sie mit großer Herzlichkeit.

„Ach,“ rief Marianne, auf den stattlichen Officier blickend, „das ist eine Ueberraschung … und wie gut und lieb ist es, daß Sie so an mich denken und selbst zu uns kommen; wie gerührt bin ich, daß Sie so gut sind …“

„Gerührt darüber brauchst Du nicht zu sein, Marianne,“ antwortete Frau von Thorbach, mit dem jungen Mädchen die Küche durchschreitend und dem Hauptmann überlassend, sich mit dem Bauern in ein Zwiegespräch zu verstricken – „Du brauchst mir nicht dafür zu danken; es ist umgekehrt, ich muß Dir danken, denn mein Glück ist ganz allein Dein Werk!“

„Mein Werk? Sie scherzen, gnädige Frau!“

„Nicht im Mindesten …“

„Aber wie käme ich dazu, Theil zu haben an …“

„Ja, wie kamst Du dazu? Du sprachst ein Wort, ein einziges, noch dazu unwahres Wort, und dies eine Wort war wie ein Zauber, der Geister beschwor und schlummernde Dinge weckte und in Bewegung setzte … es ist die merkwürdigste Verkettung, die sich denken läßt, und am Ende dieser Kette, als zwei glücklich verbundene Glieder, siehst Du uns, meinen Bräutigam und mich - aber was sage ich, was spreche ich von einem Ende – eine ordentlich geschlossene Kette darf kein Ende haben, das Ende muß sich wieder an den Anfang schließen, und deshalb komme ich zu Dir … wie Du das erste Worte gesprochen, mußt Du auch das letzte sprechen, damit dieser wunderliche Roman seinen Abschluß erhalte … deshalb eben komme ich zu Dir und gehe nicht, bis Du das Wort gesprochen … aber setzen wir uns irgendwo, wo wir ungestört plaudern können.“

Marianne führte die gnädige Frau quer durch die Küche und die offenstehende Seitenthür zu der Bank hinter dem Hause.

„Hier sind wir ganz allein!“ sagte sie leise und sehr beklommen.

„Sag’ mir, Marianne,“ begann hier Frau von Thorbach, „weshalb schlägst Du die Hand Friedrich’s aus, der jetzt ein vornehmer und reicher Herr ist und …“

„Ach, das ist es gerade,“ rief Marianne erbleichend aus, „es ist ja gar nicht möglich - alle Welt würde ja sagen, ich hätte mit meinem Vater zusammen eine ganz schändliche, ganz abscheuliche, ganz elende Speculation gemacht, um ihn zu bekommen!“

„Also, das ist’s allein? Du hast sonst nichts wider ihn?“

„Was sollt’ ich wider ihn haben? Er ist so gut … er war so sanft und so gut gegen mich, wie ich gar nicht verdiente, gar nicht glaubte, daß ein Mann sein könnte …“

„Und wenn ich Dir nun sage, daß er Dich leidenschaftlich liebt, daß er bodenlos unglücklich und wie ganz zerschlagen ist, weil Du seine Hand zurückgewiesen hast; daß er darüber an die Veränderung seiner Lage gar nicht denkt und allem Gefühl von Glück unzugänglich ist, welches ein Anderer an seiner Stelle empfinden würde …“

„Gerechter Gott … das … das ist mir schrecklich, ganz schrecklich … aber ich kann doch nicht anders!“ brachte Marianne mühsam hervor.

„Wenn Du mehr an das denkst, was die Leute über Dich sagen werden, als an ihn, dann kannst Du nicht anders; das ist richtig. Aber bist Du denn solch eine Egoistin? Kannst Du so ruhig denken: wenn nur die Leute mir nichts vorwerfen, mag er dann immerhin beschimpft sein?“

„Beschimpft sein? Er? Das versteh’ ich nicht!“

„Das ist doch klar!“ fiel Frau von Thorbach ein. „Wenn Du jetzt nicht seine Frau wirst, so werden die Leute sagen: da sieht man’s, als er Unterofficier war, da war ihm eine Tochter vom Herbotshof ganz recht, jetzt, wo er ein Baron geworden, läßt er sie sitzen; er ist ein wortbrüchiger, meineidiger Mensch!“

„Mein Gott,“ rief Marianne aus, „werden sie das glauben?“

„Ganz ohne Zweifel! – Und dann noch Eines,“ sprach Frau von Thorbach weiter. „Wenn ein junges Mädchen Einen in sich verliebt macht, so muß sie ihn auch ehrlich nehmen, sonst ist sie eine herzlose Kokette …“

„Aber können Sie mir denn vorwerfen …?“

„Gewiß, Marianne – hab’ ich Dir nicht eben gesagt, daß Dein Wort die schlummernden Geister ganz allein geweckt habe, und unter diesen Geistern ist auch die schlummernde Leidenschaft in ihm gemeint!“

Marianne schüttelte den Kopf und sah vor sich hin. „Nein, nein,“ sagte sie, „daran bin ich nicht schuld. Aber wenn er wirklich für wortbrüchig und meineidig gehalten würde … wenn das die Folge wäre …“

„Es wird die Folge sein!“

„Dann hätte ich freilich die Schuld. O, rathen Sie mir, liebe gnädige Frau, ich bin so grenzenlos unglücklich, Sie glauben es gar nicht!“

Frau von Thorbach legte lächelnd ihre Hand auf die Mariannens.

„Ich rathe Dir ja … rathe auf’s Eifrigste und Wärmste … und wenn Du Dich unglücklich fühlst, so giebt es ja das vortrefflichste Mittel, dem ein Ende zu machen. Du sprichst: Ja, und Du wirst sehen, wie bald eine so aufrichtige Liebe, wie die Friedrich’s, Dich glücklich macht. Redet denn nichts in Deinem Herzen für ihn?“

„Ach, das ist’s ja gerade, daß er mir gar zu gut gefällt und ich Niemanden auf Erden möchte, als gerade ihn, und nun Sie sagen, daß auch er so unglücklich sei … nun mein’ ich, ich könnt’ gar nicht mehr leben ohne ihn!“

Frau von Thorbach legte ihren Arm um die Schulter des in ein herzbrechendes Schluchzen verfallenden jungen Mädchens.

„Dann ist’s doch klar, daß Euch Beiden nichts Anderes übrig bleibt, als Euer beiderseitiges bodenloses Unglück zusammenzulegen,“ rief sie lachend aus. „Und das sollt Ihr gleich thun. Komm’ mit, Friedrich ist drüben im Wagen geblieben und harrt in tödtlicher Spannung auf uns … komm’, komm’!“

Frau von Thorbach zog Mariannen fort. Aber sie hatten nicht bis zum Wagen zu gehen. Friedrich hatte ihn verlassen und stand im Obstgarten an einen Baum gelehnt; als sie um die Ecke des Hauses kamen, eilte er stürmisch auf sie zu.

„Friedrich,“ rief Frau von Thorbach lachend aus, „bei Ihnen kann man nicht sagen: Wer das Glück hat, führt die Braut heim, sondern: Wer die Braut hat, führt ein ganzes Häuflein Unglück heim. Da nehmen Sie’s und umarmen es, Ihr Häuflein Unglück, da es doch nun einmal – Ihre Braut ist!“