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Klaväoline

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Textdaten
Autor: Bernhard Eschenbach
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Titel: Klaväoline
Untertitel:
aus: Anzeiger für Kunst- und Gewerbfleiß im Königreiche Baiern, 1. Jahrgang, Nr. 21, 28. Oktober 1815, Sp. 225–234
Herausgeber: Polytechnischer Verein für Bayern
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1815
Verlag: Zeller
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
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[225]

Klaväoline

In dem zu Gotha erscheinenden allgemeinen Anzeiger vom Jahre 1813 Nr. 262. hat mein Freund, der Pfarreyen und Schulen-Inspektor Neminger zu Waltershausen, die von mir gemachte Erfindung der Klaväoline, eines neuen musikalischen Instruments, bekannt gemacht.

Es war gegen meinen Willen, von einer Erfindung öffentliche Meldung zu machen, deren vollkommene Ausführung damals, ungeachtet des gelungensten ersten Versuches, noch zweifelhaft war, wo ich wenigstens noch fürchten mußte, das Publikum und mich selbst, wie so oft geschieht, mit leerer Hoffnung zu täuschen.

Nunmehr ist die Ausführung so weit gediehen, daß ich hinreichenden Grund habe, [226] über meine Klaväoline den Künstlern und Musikfreunden folgende nähere Nachricht zu geben:

Geschichte der Entstehung.

Die Lieblichkeit des Tones einer Aeolsharfe erzeugte in mir das heftigste Verlangen, ein solches Instrument der Art hervorzubringen, daß es nicht mehr von dem Zufalle abhange, sondern in der Willkühr stehe, jeden beliebigen Accord selbst zu schaffen, und im Genusse desselben zu verweilen. – Zur Möglichkeit einer solchen willkührlichen Aeolsharfe war nur allein die Auflösung der Frage nöthig: welches sind die Bedingniße, unter welchen der Luftstrom die Saiten der Aeolsharfe zum Sprechen bringt, und Töne erzeugt? Hierüber schuf ich mir nach einigem Nachdenken eine Theorie, stellte hienach, es sind bereits 10 Jahre, Versuche an, und fand meine Theorie bestättigt. Sogleich [227] dacht’ ich mir den Mechanismus einer Aeolsharfe mit Saiten zusammen, welche mit Tasten gespielt werden könnten; allein ein solches Instrument wäre von ungeheuerem Umfange, folglich sehr kostspielig und noch dazu schwer auszuführen gewesen. Die Ausführung meines Gedankens blieb daher 4 Jahre lang zurückgestellt, bis ein neuer Impuls die schlafende Idee wieder erwekte, und weiteres Nachdenken die größte Schwierigkeit vollends beseitigte. Ich dachte mir nämlich statt der langen, und mit dem Mechanismus schwer zu verbindenden Saiten elastische Federn, welche ihre Spannung in sich selbst tragen, dem Luftstrome mehr Oberfläche entgegenstellen, daher leichter beweglich, und weit kürzer und anwendbarer wären, überdieß wegen ihrer eigenen innern Spannung kein Spannen von Außen bedürften, und deßwegen auch den größten Vorzug versprachen.

Die allgemein bekannten Maultrommeln, mit welchen ich nun der Kürze wegen nach meiner gefundenen Theorie, wie bey den Saiten, Versuche anstellte, bestättigten abermal diese Theorie, und entsprachen ganz meinen Erwartungen, nur waren statt der, des Zeitersparnißes wegen zum Versuch genommene, Maultrommeln metallene Federn zu unterstellen.

Auch hierüber habe ich späterhin mehrere Versuche gemacht, und gefunden, daß Federn von Messing allen übrigen vorzuziehen sind, obgleich auch die verschiedenen Arten von Holz und andern Körpern einen vortrefflichen Ton eigner Art geben.

Nun fehlte es an nichts weiter, als an der Ausführung der ganz reifen Idee, und [228] an der Zusammenstellung eines Ganzen. Da ich aber hiezu meiner Berufsgeschäfte wegen wenig Musse hatte, so eröffnete und erklärte ich den ganzen Bau vor 5 Jahren einem Manne von Profession, dem Instrumentenmacher Schlimbach, und trug ihm die Ausführung auf; allein dieser ließ sich aus Mangel an den nöthigen Kenntnißen von der Ausführbarkeit nicht überzeugen, und die Ausführung blieb wieder auf 2 Jahre zurückgestellt, bis ich durch einen neuen Antrieb selbst die Hände ans Werk legte, und die erste Probe mit 4 Octaven flüchtig herstellte.

Durch die ungewöhnliche Annehmlichkeit und andere Vorzüge des Tones, durch die Einfachheit im Baue des Instrumentes, besonders durch die unzählig vor Augen liegenden Arten der Vervollkommnung wurde ich dahin zerissen, die zweyte Probe mit 5½ Octaven herzustellen, welche nun bereits vor 1½ Jahre vollendet ist. So entstand die Klaväoline. (Claviaeoline, Aeoline.)

Form und Bau des Instrumentes.

Die einfache Aeoline besteht in einem Kasten von der Größe einer gewöhnlichen Kommode, dessen Obertheil nach seiner ganzen Länge und Breite einen gesperrten Luftraum enthält, auf dessen Oberfläche die Töne auf eigenen Tonstühlen ausgebreitet liegen. Der untere Theil des Gebäudes ist leer, und hat nur zu beyden Seiten aufrecht stehende Blasbälge, welche an den Seitenwänden befestigt sind, die Luft durch zwey eigene Kanäle dem obern Luftbehälter mittheilen, durch die außer ihrem Schwerpunkte liegenden Vordertheile sich selbst öffnen, und von den dazwischen befindlichen Knieen des sitzenden Spielers wechselweise ohne Unterbrechung [229] gedrückt werden, und einen nach Willkühr kräftigeren oder schwächeren Luftstrom bewirken, welcher durch die nach Maasgabe des Spiels geöffneten Tonklappen sich ergieset, und den Ton erzeugt. Der ganze Organismus ist übrigens so einfach und so wenig ausgedehnt, daß alle Töne samt ihren Stühlen füglich in eine spannenlange Schachtel eingepackt werden können, und eine Aeoline von 4 Registern ganz bequem in die Form eines gewöhnlichen sogenannten Sekretärs gebracht wird.

Vom Baue der Töne melde ich vor der Hand nur soviel, daß er äußerst einfach ist, und deßwegen bey jedem, dem ich die Töne vorzeigte, ein behagliches Freudelächeln erweckte. Mir war die Fertigung der metallenen Töne etwas schwer, weil ich sie ganz aus freier Hand bearbeitete; für die Zukunft dagegen wird dieß ein leichtes seyn, wenn die dazu erforderlichen Maschinen werden angewendet werden. Ich habe mir bereits zwey solcher Maschinen zusammen gedacht, jedoch bis jetzt noch nicht ganz ausgeführet, durch welche ganz gemächlich innerhalb dreyer Tage von einem einzigen Arbeiter ein ganzes Register von 5½ Octaven wird hergestellt werden können.

Karakter des Tones.

Der Ton der Aeoline hat viele Aehnlichkeit mit jener der Aeolsharfe. Er ist übrigens stark und durchdringend, ohne zu ermüden. In vielen Accorden glaubt man oft einen Chor von Menschenstimmen zu hören, und doch bringt ein einfaches Spiel von Terzen und Quinten ganz auffallend die Wirkung zweyer Hörner hervor. Bey aller Lieblichkeit der höhern Töne ist der Baß voll [230] Würde und Kraft, wie der Ton eines Violon, überdieß ist der tiefste Ton f, welcher mit einer 4 Zolle langen Zunge dem 12 Fuß-Tone der Orgel entspricht, noch bestimmt, stark und vernehmlich, wie alle seine Vorgänger. Die Stufen der Tonleiter sind von so großer Bestimmtheit, daß zwischen jedem halben Tone noch ganz deutlich drey auch 4 Zwischentöne eingestimmt werden könnten. Die Ansprache der Töne erfolgt schon bey einem einzigen Grade Wind nach gewöhnlichem Orgelmaase, der Wind kann aber durch stärkern Druck der Kniee bis auf 15–16 Grade verstärkt werden, ohne daß, wie bey den Orgelpfeifen geschieht, die geringste Verstimmung erfolgt, im Gegentheile entsteht hieraus die seltene Tugend, daß der Ton zur höchsten Stärke aufschwillt, und durch Nachlaß des Druckes allmählig auf den leisesten Hauch zurücksinket, und endlich verhallt.

Was ich hievor vom Karakter des Tones gesprochen habe, ist vorzüglich von der Aeoline mit metallenen Zungen zu verstehen; Töne von andern Körpern haben nicht ganz denselben Karakter.

Brauchbarkeit.

Es ist nicht mehr zu zweifeln, daß die Aeoline in kurzer Zeit als ein allgemein brauchbares Instrument in der musikalischen Welt erscheinen wird, minder zwar für Liebhaber tändelnder Spiele, aber desto mehr für wahre Kenner der Musik zur Ausführung tiefgedachter Stücke und gefühlvoller Phantasien, zum Festhalten singender Chöre und zum reinen Verschmelzen aller Stimmen in ein Ganzes. Diese Eigenschaft folgere ich aus dem Umstande, daß, da bey [231] andern zur tändelnden Musik mehr geeigneten Instrumenten die Töne in ihrer höchsten Stärke daher rollen und verschwinden, bey der Aeoline dagegen die Töne hervorquellen, bis zum Vollgenusse der, jedem Accorde eigenthümlichen Annehmlichkeit festgehalten, und überdieß noch nach Maasgabe des Gefühles angeschwellt werden können. Hieraus schließe ich weiter, daß die Aeoline, da sie hinsichtlich ihrer Tonkörper und des ganzen Baues nach einer weit größern Mensur hergestellt werden kann, auch höchstwahrscheinlich zu ganz vollständigen Orchestern, so wie zur Kirchenmusik wohl brauchbar seyn könnte. Dieß ist jedoch nur wahrscheinliche Vermuthung, indem ich darüber noch keine größeren Versuche angestellt habe, wovon mich Mangel an Zeit und besonders der weitere Kostenaufwand zurückhält, welchen ich aus meinem geringen Einkommen der Kunst nicht mehr zum Opfer bringen kann.

Wünsche und Hoffnungen.

Ich wünsche, daß meine Klaväoline mit den ihr angebornen Tugenden und guten Anlagen nunmehr in die große musikalische Welt eintrete, täglich mehr zur Vollkommenheit hinanwachse, und ganz ihrer Bestimmung entspreche; Ich hoffe sie werde in den Herzen aller guten Menschen ganz neue Gefühle erwecken, und sie zu allen guten Handlungen aufmuntern, allen Trübsinnigen ihre Leiden mildern, die Melancholischen aus der schwarzen Nacht ihres Inneren wieder in die frohe Außenwelt zurückrufen, und in immer höheren Graden alle jene Eigenschaften erproben, welche sie an mir schon bey ihrer Geburt bewiesen hat.

[232] Ich habe sie seit einigen Monaten aus meinen Händen entlassen, ihre ganze innere Struktur und Anlage (unter andern) zwey geschickten Männern, den Orgel- und Instrumentenbauern Ehrlich zu Bamberg, und Voit zu Schweinfurth eröffnet, denselben zur weiteren Ausbildung und Vervollkommnung anempfohlen, und hoffe, daß diese in kurzer Zeit dem ihnen geschenkten Vertrauen entsprechen werden.

Das von mir selbst gefertigte erste Werk[1] von zierlichem Aussehen bin ich bereit, der königl. bair. Akademie der Wissenschaften in München zur Aufbewahrung auszuhändigen, nicht als wenn ich auf dasselbe in seiner noch bestehnden Unvollkommenheit einigen Werth legte, sondern weil es doch immer nicht so ganz unbedeutend ist, von einer vaterländischen Erfindung das Original-Produkt zu besitzen. Möchte doch die königl. Academie dieses Anerbiethen als einen Beweis des Eifers ansehen, mit welchem ich zu dem allgemein anerkannten mächtigen Gedeihen aller Künste und Wissenschaften im Königreiche Baiern mitzuwirken strebe.

Wenn ich über vorliegende Kleinigkeit etwa zuviel gesprochen habe, so geschah dieß im Vorgefühle und in der Ueberzeugung des Großen, was daraus werden kann. Ich für meine Person stehe davon ab, und gehe auf die Ausführung anderer schon längst in mir zurückgestellt gebliebener Ideenvorräthe zurück, um bald mit Sachen von größerem [233] Nutzen und allgemeinerem Werthe hervorzutreten, wenn Zeit und andere Umstände meinen Vorhaben keine Schranken setzen werden.

Königshofen im Grabfelde, am 1. Oktober 1815.

Der königl. baier. Rentamtmann, B. Eschenbach.

Der vorstehende Aufsatz wurde mir auf mein Ansuchen von dem würdigen Herrn Verfasser zugestellt, welchem ich hiemit öffentlich den wärmsten Dank sage. Herr Friedrich Voit, Instrumentenfabrikant in Schweinfurt, hat bereits die Erfindung des Herrn Rentamtmann Eschenbach ausgeführt: die Wirkung auf Gemüth und Gehör läßt sich nur fühlen, nicht beschreiben. Dieser anspruchlose, fühlende und denkende Künstler hat wirklich den Anfang gemacht, zwey Klaväoline mit aller Vollkommenheit für die Töne und das Aeußere zu bearbeiten, um eines Sr. Majestät dem Könige von Baiern vorzuzeigen, und das Andere in meinem Magazin zu deponiren, um die Freunde der Tonkunst mit demselben bekannt zu machen. – Auch der talentvolle Hr. Ehrlich, Instrumentenfabrikant zu Bamberg, ist thätig beschäftigt, in des Herrn R. A. Eschenbach Geist, Gefühl und Erfindung ganz einzudringen. Herr Ehrlich wird durch den Anzeiger nicht nur es bekannt machen, wenn er sein Werk vollendet hat, sondern auch in dem Magazin eine Klaväoline aufstellen.

Von zwey so geschickten und fleißigen Männern kann man nur etwas vorzügliches erwarten, und die gemachte Verbindung mit demselben gereicht mir zur innigen Freude, [234] und noch mehr sie als meine Landsleute im baierischen Vaterlande noch bekannter zu machen.

J. G. Z.[WS 1]

München, den 24. Oktober 1815.


  1. Der geschickte, mit schnellen Begriffen begabte Tischler Obermayer hat dazu die Tischlerarbeit gefertigt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Johann Georg Zeller, Kaufmann und Schreibwarenhändler in München