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O Straßburg, o Straßburg, Du wunderschöne Stadt! (Die Gartenlaube 1859)

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Textdaten
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Autor: Karl Andree
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Titel: O Straßburg, o Straßburg, Du wunderschöne Stadt!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28–30;, S. 401–403; 417–419; 427–429
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Historische Betrachtung
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[401]

O Straßburg, o Straßburg,
Du wunderschöne Stadt!

Sendschreiben an meinen Sohn, den preußischen Landwehrmann.[1]
Mein lieber Alfred!

Die Trommeln wirbeln durch unser deutsches Land, und auch Du ziehst mit in den Kampf. Daß er, wenn er zum Ausbruch kommt, so blutig sein wird, wie je zuvor irgend ein Krieg gewesen, darüber darfst Du Dich nicht täuschen; es steht uns ein Weltbrand bevor, in welchem die Geschicke und die künftige Stellung der großen Völker unseres Erdtheiles auf lange Zeit hinaus entschieden werden. Darum wird es sich handeln, ob Frankreich, wie seit länger als zweihundert Jahren, so auch künftig das traurige Vorrecht behalten soll, nach Belieben die Ruhe Europa’s zu stören und eigennützige Zwecke zu erstreben, oder ob endlich einmal unter den Staaten ein regelrechtes Verhältniß zur Geltung kommen solle. Deutschland muß endlich die ihm gebührende Machtstellung erhalten.

So wie die Dinge geworden sind, können und dürfen sie nicht bleiben; die Spannung hat den höchsten Grad erreicht und das Schwanken wird unerträglich. Nur Leute ohne politisches Urtheil haben sich dem Wahnglauben hingeben können, daß der Krieg in Italien, welchen Napoleon der Dritte, eigensüchtig und um seine Macht zu vergrößern, vom Zaune gebrochen, auf die Halbinsel jenseits der Alpen beschränkt bleiben, daß er „localisirt“ werden könne. Wirf nur einen Blick auf das illyrische Dreieck, wo das ganze danubische Völkergewimmel in Bewegung gebracht worden ist, wo bei Serben, Bosniaken, Walachen, Montenegrinern, Bulgaren und christlichen Arnauten der weiße Czaar und der Mann des zweiten Decembers ihre Hebel ansetzen, um das Bestehende aus den Angeln zu rücken. Diesen Südosten hat Rußland sich zur Beute erkoren und sein Kampfpreis ist Constantinopel. Es verbindet sich mit dem Pariser Czaaren, der Hand in Hand mit der Revolution, die er ausbeuten wird, zunächst Italien an seinen Siegeswagen kettet. Aber Italien ist ihm doch nur Mittel: der Zweck ist eine Schwächung Deutschlands, eine Eroberung und Einverleibung unserer Rheinlande und Belgiens. Die napoleonische Idee hat sich darauf gesteift, die Scharten von Leipzig und Waterloo wieder auszuwetzen.

Darum, Ihr Wehrleute, haltet gute Wacht. Ihr werdet eine schwere Arbeit haben, denn der Feind ist kühn und stark; aber der vereinten deutschen Macht wird er nicht überlegen sein, und kein Deutscher, der eine Waffe trägt, wird sich vor Zuaven, Turcos oder anderen Barbaren fürchten. Ziele gut, mein Sohn, und geht es an’s Handgemenge, so nimm Deinen Kolben und schlag drein, daß es flutscht, wie an der Katzbach. Fällst Du, nun so wirst Du mit Ehren fallen und für eine heilige Sache, und Du hast Deine Schuldigkeit gethan.

Aber ich hoffe, Du kehrst siegreich heim, unsere deutsche schwarz-roth-goldene Fahne voran; denn sie wird das allgemeine Feldzeichen sein müssen, zu welchem die Fahnen unserer Einzelstaaten sich verhalten, wie Richt-Standarten zur Regimentsfahne. Wir bedürfen eines allgemeinen Reichsbanners, an dem unser Volk mit Liebe hängt.

Und wird, wie ich glaube, unseren deutschen Waffen der Sieg beschieden, dann fehlt uns auch der Kampfpreis nicht. Er kann nur einer sein, und es ist unsere Aufgabe, ein heilloses geschichtliches Unrecht wieder gut zu machen. Der alte Arndt hat es in seinem herrlichen Kriegsliede gesagt:

Mein einiges Deutschland, mein freies, heran,
Wir wollen ein Liedlein euch singen,
Von dem, was die schleichende List euch gewann,
Von Straßburg und Metz und Lothringen.
Zurück sollt ihr zahlen, heraus sollt ihr geben,
So stehe der Kampf uns auf Tod und Leben.
So klinge die Losung: Zum Rhein, übern Rhein!
Alldeutschland in Frankreich hinein!

Nur durch den Besitz deutscher Lande, welche Kaiser und Reich zur Zeit unserer unglückseligen Kirchenstreitigkeiten schmachvoll hinopferten, ist Frankreich so mächtig geworden, daß seine Stellung für Europa und insbesondere für Deutschland so bedrohlich geworden, und glaube es mir, mein theurer Alfred, es gibt keine Sicherheit und keine dauernde Ruhe für unsern Erdtheil, so lange jene abgerissenen ehemaligen Reichslande sich in den Händen des wetterwendischen Volkes der Franzosen befinden, die sich immer von einem Extrem in das andere treiben lassen.

Du erinnerst Dich, wie oft ich Dir von dem erzählte, was ich auf meinen Wanderungen durch das Elsaß gesehen, diesen Garten Europa’s, welchen kerndeutsche Leute allemannischen Schlages bewohnen. Seit nun zweihundertundzehn Jahren sind sie staatlich mit Frankreich verbunden, welchem sie durch den unseligen westphälischen Frieden überantwortet wurden. Sie haben sich mit den „Wälschen“ in ein und demselben Staate zusammengelebt; sie haben ihnen die besten Regimenter, namentlich Reiter, geliefert und sind ein Anhängsel der Franzosen geworden. Das ist für deutsche Menschen eine klägliche Rolle, und der „elsässische Klotzkopf“ (denn das soll tête carrée allemande auf den Pariser Theatern bedeuten) ist eine Spottfigur geworden; aber trotzdem haben sich diese vierschrötigen, etwas schwerfälligen, aber urtüchtigen allemannischen Elsässer an den französischen Staat gewöhnt, weil er groß und einheitlich war. Das imponirt ganz anders und gibt einen stärkeren Bindekitt als vielköpfige Kleinstaaterei ohne eine kräftige Bundesgewalt. Es liegt allemal etwas Stolzes darin, einem großen Ganzen anzugehören; und ist es nicht beim Heere eben so? Die Leute vom lippeschen oder hessischen etc. Bundescontingent sind an sich gewiß eben so tüchtig, wie jene der übrigen, aber es gibt doch einen ganz anderen Strich, wenn sie mit den übrigen zusammenstehen und einen Bestandtheil eines deutschen Heeres von einer halben Million Kriegern ausmachen. Das leuchtet auch beschränkten Köpfen ein!

Ich werde den Tag nicht vergessen, an welchem ich zum ersten Male den Fremersberg bei Baden-Baden bestieg. Es war an einem herrlichen Sommerabend, etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang. Vor mir lag das herrliche, üppige Rheinthal von Worms und Speier bis aufwärts zu den Grenzen des Sundgaues ausgebreitet; der Strom schlängelte sich hindurch wie ein riesiges Band von Silber; die Gipfel der Vogesen und die scharf eingeschnittenen Berge der Haardt wurden von den Strahlen der Sonne vergoldet, und an den Abhängen lagerte ein veilchenblauer Duft, der sich allmählich immer tiefer färbte. Das Auge weidet sich an dieser prächtigen Landschaft, in welcher unzählige Städte und Dörfer zerstreut liegen, aber am Ende bleibt es ruhen auf dem Straßburger Münster, dessen hoher Thurm wie ein gewaltiger Mast in die Lüfte ragt.

Da lag Straßburg vor mir, einst der Schlüssel zum deutschen Reiche, als Festung eine „Jungfrau“, die nie zuvor einem Feinde die Thore geöffnet, bis sie durch Schwäche des Reiches und durch Verrath in die Gewalt Ludwig’s des Vierzehnten von Frankreich fiel. Ueber mich kam tiefe Wehmuth und ein unbeschreiblich schmerzliches Gefühl. Ich sah die Höhen des Wasgau, welche im Südwesten Deutschlands Thermopylen bilden; ich dachte an den Ausspruch Karl’s des Fünften, der kurz und bündig lautet: „Wenn Wien und Straßburg vom Feinde bedroht wären, so würde ich im Nothfalle jenes preisgeben, um dieses zu retten.“ Und doch ist die wichtigste Festung Deutschlands, in einer Zeit kläglicher Schwäche und Erniedrigung, preisgegeben worden!

Das war schmachvoll, aber es ist noch unendlich schmachvoller und es treibt einem den Zorn und den Grimm in alle Glieder, wenn man daran denkt, daß eine elende Diplomatie nach des corsischen Napoleon Sturz die geschichtliche Sünde nicht wieder gut machte und, von gegenseitiger Eifersucht angestachelt, von legitimistischem Wahnwitz getrieben, Straßburg sammt dem Elsaß an dieselben Bourbons zurückgab, deren Vorfahren beide dem Reiche geraubt hatten. Diese Rückgabe deutscher, von uns wieder erworbener Lande an die Franzosen gehört zu den historischen Niederträchtigkeiten der abscheulichsten Art. Die deutschen Fürsten haben Vieles wieder gut zu machen, um solche Dinge in Vergessenheit zu bringen.

[402] Nirgends in der Welt gibt es eine Landschaft, welche von der Natur selbst als etwas so ganz und gar Zusammenhängendes geschaffen wurde, wie das Rheinthal zwischen Schwarzwald und Vogesen. Derselbe Menschenstamm, derselbe Boden, dieselben Erzeugnisse und eine gemeinsame geschichtliche Entwicklung von zweitausend Jahren! Diesen historischen Faden durfte Ludwig der Vierzehnte durchschneiden, und die Sünder des Wiener Congresses begingen den Frevel, ihn nicht wieder anzuknüpfen. Während meines zweiten Aufenthaltes in Baden-Baden, 1843, lernte ich dort einen sehr wohlhabenden und hochgeachteten Altbürger von Straßburg kennen; wir schlossen uns näher aneinander und bald wußte ich, daß ein echt allemannisches, kerndeutsches Herz in seiner Brust schlug. Die Lage und die Verhältnisse des Elsasses bildeten täglich einen Gegenstand unserer Gespräche.

„Da schleppen die Wälschen unsere Leute nach Algier, wo sie am Fieber oder an Kabylenkugeln hundertweise zu Grunde gehen; davon weiß jedes Dorf zu sagen. Warum habt Ihr uns 1814 nicht behalten? Ich bin es gewesen, der damals das deutsche Commando bei der Straßburger Nationalgarde wieder eingeführt hat. Wir waren darauf gefaßt, wieder mit Deutschland vereinigt zu werden, wohin wir gehören. Die Wälschen sind uns Fremde und wir haben kein Herz zu ihnen; aber Ihr habt uns bei ihnen gelassen. Gott verd–!“ Dabei nahm der alte, greise Mann sein Glas und warf es in tausend Scherben. Das war oben im schattigen Hofe des alten Schlosses von Baden-Baden.

Mich ergriff dieser Auftritt tief. Wir schwiegen eine Weile und dann fuhr der wackere Z–f fort: „Es hat nicht sein sollen. Vielleicht ist es auch gut so; denn sehen Sie, an wen hätten wir Elsasser fallen sollen, wem wären wir zugetheilt worden? Einem von Euren Duodezstaaten? Dafür müssen wir danken, das kann uns nicht locken, wir könnten nur zu einem großen Deutschland gehören, weil wir seit zweihundert Jahren einem großen Staate einverleibt sind. Auch lockt uns Eure Censur nicht, Euer Bundestag thut es eben so wenig; aber der Zollverein, wohlan, den lasse ich mir gefallen. Nur so fortgefahren. Sehen Sie, wir haben constitutionelle Verfassung und freie Presse, die doch für gebildete Menschen einen hohen Werth besitzen, und was könntet Ihr Deutschländer uns dagegen bieten? Also jetzt tauschen wir nicht. Ihr habt viel versäumt; nun sind seit 1814 wieder dreißig Jahre verflossen, in denen bei uns das Werk der Verwälschung Fortschritte gemacht hat, denn darauf versteht man sich in Paris, und Monsieur Guizot, der Protestant und Doctrinair, treibt es damit am allerärgsten.“

Ich entgegnete: „Das Alles ist sehr wahr. Aber Deutschland ist im Aufsteigen und es werden Tage kommen, da es wieder stark und mächtig dasteht. Dann wird durch Pflicht, Interesse und Nothwendigkeit vor allen Dingen geboten sein, daß wir wieder nehmen, was uns geraubt worden ist. Wir werden dann nicht lange fragen, ob die Elsässer Sympathien für uns haben und wieder mit uns vereinigt sein wollen. Nur ein Schwachkopf würde sich darum kümmern. Anderthalbhundert Jahre habt ihr die euch aufgezwungene Vereinigung mit Frankreich widerwillig ertragen, und nur durch lange Gewohnheit und materielle Vortheile euch mit demselben eingelebt; mit der Wiedervereinigung, dem Beitritt zum alten Haupt- und Stammlande, würde sich die Sache rascher machen; ohnehin weisen ja alle materiellen Interessen vorzugsweise nach uns, nach dem Rheinlande hin.“

„Darin pflichte ich Ihnen bei. Hätten die Deutschländer 1814 das Elsaß behalten, so wäre es bei uns überall wie in Landau, wo man nichts von Wälschem sieht und hört. In Straßburg, Mühlhausen, Colmar und andern Städten hätten wir dann wohl noch ein paar tausend Dutzend Franzosen behalten; aber was wollte das sagen gegen die Million Landesbewohner?“

Noch in demselben Herbste besuchte ich meinen würdigen Freund, der ein echter Mann von Schrot und Korn war, in seinem behäbigen Hause, das seit einigen Jahrhunderten im Besitze derselben Familie sich befindet. Ich fühlte mich wohl und heimisch, und in goldgelbem elsasser Wein haben wir auf das Wohlergehen, die Freiheit und die Macht Deutschlands getrunken.

Eben als die Gläser klangen, schritten Vincenner Jäger mit raschem Tritt durch die Straßen, um ihre damals neuen Schießwaffen zu erproben. Der köstliche Wein schmeckte mir bitter.

Wie würden wir Deutschen den Tag segnen, an welchem unsere Fahnen vom hohen Münsterthurme herabflattern, und statt der Vincenner Jäger unsere Regimenter auf dem Kleberplatze ständen, geschaart um das Standbild eines tapfern Marschalls, der für Fremde focht!

Wenn, mein lieber Alfred, unter Deinen Cameraden sich der Eine oder der Andere befände, der in Sympathieen für fremde Nationalitäten schwärmte, so rede Du ihnen vom Elsaß und sage, daß man Theilnahme, Mitgefühl und Thatkraft vor allen Dingen für sein eigenes Land und seine eigenen Brüder haben müsse. Deutschland muß stark und mächtig sein; darauf kommt Alles an; denn sind nicht zwei Czaaren, im Westen und Osten, unsere Nachbarn, und haben sie nicht schon 1829 das Uebereinkommen getroffen, die sogenannte Rheingrenze und die sogenannte Weichselgrenze zu nehmen? Kümmern diese Czaaren sich um Gerechtigkeit oder um Nationalitäten? gibt der französische Sultan seine nichtfranzösischen Nationalitäten, also Corsicaner, Deutsche, Flamingen, Basken und Bretagner frei? der moskowitische Czar die deutschen Ostseeprovinzen, die Polen, die Turkomanen, Finnen und die vierzig oder funfzig andern Völkerschaften, die im russischen Reiche nicht russisch reden? Trachten die Italiener nicht nach dem Etschlande bis zum Brenner? Drücken die Dänen nicht auf die Deutschen in Schleswig-Holstein? Gibt England die ionischen Inseln, Malta, Irland, Indien etc. heraus? Nein. Und wir allein sollten so kindisch sein, uns eine abstracte Gerechtigkeit zur Richtschnur zu nehmen, die unter den gegebenen geschichtlichen Verhältnissen geradezu kindisch wäre; wir, denen nichts so nöthig ist, als Wahrnehmung unserer eigenen Interessen, sollten unsere Sympathieen an Andere wegwerfen, die uns dafür nicht einmal Dank wissen? Der Teufel hole solche schlappen, sentimentalen, dummen Philister.

Es kommt darauf an, daß wir unsere ganze Energie ungetheilt gegen den Zwingherrscher wenden, dessen Absicht auf Beraubung unseres Vaterlandes geht; er füttert seine dienstwilligen Franzosen mit Soldatenruhm voll, und sie geben sich zu blinden Werkzeugen eines Despoten her. Dieser tritt genau in die Fußtapfen seiner Vorfahren auf dem Throne, welche seit drei Jahrhunderten die Maxime befolgten, bei jeder Gelegenheit Stücke deutschen Landes abzureißen und Frankreich einzuverleiben. Die französischen Republikaner waren eben so wenig sentimental; sie hatten Sympathieen nur für sich, und thaten recht daran.

Bei uns begannen das Unheil und die Verluste, als Kaiser und Reich schwach wurden und der Particularismus obenauf kam; dazu haben die nichtswürdigen dogmatischen Zänkereien und die Religionskriege wesentlich beigetragen. In Folge derselben schnappte Frankreich zu; während es im eigenen Lande die Protestanten mit Feuer und Schwert verfolgte, leistete es den deutschen Protestanten gegen den katholischen Kaiser Vorschub, und so gingen für uns durch den kläglichen Passauer Vertrag und Moritz von Sachsen die drei lothringischen Bisthümer Metz, Tull und Verdun verloren. Metz, die alte Reichsstadt, in welcher die sieben deutschen Kurfürsten die goldene Bulle unterzeichneten, wurde dadurch aus einem Schlüssel Deutschlands ein Bollwerk und eine Vormauer Frankreichs gegen uns, und dieser schwere Verlust ist bis auf den heutigen Tag zu verspüren.

Während wir uns wegen theologischer Formeln und Floskeln unter einander rauften, gingen auch die Ostseeprovinzen verloren; erst an die Polen, dann an die Schweden und Russen; aber nach dem dreißigjährigen Kriege trieb Frankreich das Raubsystem in’s Große, und Ludwig der Vierzehnte konnte um so bequemer übergreifen, weil der Kaiser im Osten von den Türken bedrängt war. Er nahm die burgundische Freigrafschaft, die sogenannte Franche Comté, er nahm Theile von Luxemburg, mit der Stadt Diedenhofen, welche bei den Franzosen Thionville heißt; an Frankreich kam auch die alte Reichsstadt Kammerich oder Cambray; er riß die Südhälfte von Flandern ab, und es kümmerte ihn nicht, daß die Bewohner nicht französisch werden wollten. Er hatte Arras und St. Omer von Deutschland abgerissen, und gegen den burgundischen Kreis, das heutige Belgien, ein Dutzend Festungen gewonnen. Ich will Dir einige nennen, denn hoffentlich wird diesmal der Krieg nicht auf deutschem, sondern, wie 1814 und 1815, auf französischem Boden ausgefochten. Also jener Ludwig nahm und behielt im Maaslande und der Umgegend die Festungen Givet, Charlemont, Condé, Valenciennes, Meaubeuge, Quesnoy, Landrecy, Avesnes und Philippeville; und seinem Nachfolger fiel vor einhundertundzwanzig [403] Jahren auch Lothringen zu. Aber jeder Machtzuwachs, den Frankreich erhielt, war ein schwerer Verlust für Deutschland, und allemal wurde er gegen dasselbe gebraucht. Denn was war die Folge? Die edle Republik, die völkerbefreiende, uneigennützige, menschenfreundliche, riß 1801 das ganze Land an der linken Seite des Rheines ab, dann kam der Rheinbund, dann wurde die französische Grenze, die „natürliche“, über Belgien, Holland, die Ems-, Weser- und Elbmündungen bis nach Lübeck an der Ostsee ausgedehnt. So sentimental und sympathieenfreundlich sind die Franzosen von jeher gewesen. Warte nur ab, wie es der „Befreier“ in Italien treibt, wenn ihm nicht ein Riegel vorgeschoben wird!

Aber von allen Verlusten, die wir durch die Uneinigkeit und Schwäche unserer paar hundert souveränetätsschwindelkranken Fürsten erlitten haben, ist kein einziger so beklagenswerth und nachtheilig, wie jener des Elsasses. Nicht nur, daß wir unsere allerherrlichste Landschaft und Vorburg einbüßten, sondern unser Reichsbollwerk Straßburg ist zu einem Pfahl in unserem Fleische geworden. Den dürfen wir nicht stecken lassen.

Das Elsaß! Es ist im dreißigjährigen Kriege, im westphälischen Frieden vom Reich abgetrennt worden, zu welchem es von Anfang der Geschichte an gehört hat. Das sind für Deutschland die Folgen der kirchlichen Zänkereien gewesen, der dogmatischen Streitigkeiten, der abscheulichen Religionskriege, des überwuchernden Pfaffenthums, das so viel Unheil über die Völker gebracht hat. Beim Keifen über „himmlische Dinge“ ging uns unsere irdische Macht, Größe, Blüthe, gingen Wohlstand und Bildung verloren, und unsere Nachbarn vergrößerten sich auf unsere Kosten.

Als schon das Elsaß der französischen Macht gehorchen mußte, blieb doch die alte Reichsstadt Straßburg noch länger als dreißig Jahre bei Deutschland. Aber kein Tag verging, an welchem Ludwig der Vierzehnte nicht Ränke gesponnen hätte, um dieses deutsche Juwel seiner wälschen Krone einzuverleiben.

In meinem nächsten Briefe erzähle ich Dir, wie Straßburg durch innern Verrath und Schwäche des von den Türken bedrängten Kaisers an den Erbfeind kam. Es ist eine lehrreiche und spannende, aber traurige Geschichte, aus der wir auch heute noch Nutzen ziehen können.



[417]
(Zweiter Brief.)

Ich will Dir nun erzählen, mein lieber Alfred, wie Deutschlands Bollwerk durch die Ränke Ludwigs des Vierzehnten, durch die armselige Schwäche von Kaiser und Reich, endlich auch durch einige erkaufte Verräther in die Gewalt Frankreichs kam. Auf Straßburgs Bürgern lastet kein Vorwurf; sie haben volle sechzig Jahre lang mit bewundernswürdiger Geduld und Ausdauer auch die größten Opfer getragen und Alles, was in ihren Kräften stand, gethan, um die Reichsfreiheit zu behaupten und im uralten Verbande mit Deutschland zu bleiben. Selbst in dem Unglücksjahre 1681, als sie der Noth und dem Zwange weichen mußten, legte noch die ehrsame, allzeit streitbare Schneiderzunft auf ewig Verwahrung ein gegen die Gewaltthat Ludwig’s. Ja, die Schneider sind in Straßburg die tapfersten Leute gewesen und haben viele Jahre lang unermüdlich auch an den Wällen, Schanzen und Mauern gearbeitet; bei jedem Aufrufe zu den Waffen waren sie allemal, wohlgerüstet mit Wehr und Waffen, unter den Ersten auf dem Sammelplatze.

Ich habe Dich daran erinnert, daß 1648 im westphälischen Frieden das Elsaß zum größten Theile an Frankreich verloren ging. Aber Straßburg war noch reichsfrei geblieben, zum großen Verdruß des Pariser Hofes, der fortan unablässig darauf hinwirkte, das „Bollwerk“ in seine Gewalt zu bringen. Ludwig der Vierzehnte unterhielt einen Residenten in Straßburg, dessen Aufgabe es war, eine Partei des Verraths in der Stadt zu bilden und Uneinigkeit unter den Bürgern anzuzetteln. Während er es an Bestechungen und Geldversprechungen nicht fehlen ließ, brach der König jede Gelegenheit vom Zaune, um die Straßburger zu bedrängen und sie fühlen zu lassen, daß er ihnen schaden könne, während sie vom deutschen Kaiser Schirm und Hülfe vergeblich erwarteten. Er wollte sie mürbe machen, die Reichsfreiheit sollte ihnen sauer werden. Dasselbe geschah auch mit den übrigen Landestheilen, welche noch einen Schein von Reichsfreiheit zu retten gewußt hatten. Als am Ende die Bedrängniß zu gräßlich geworden war, erkannten sie 1680 die Oberherrschaft Frankreichs an und Ludwig hatte sein Ziel erreicht, wenn nun auch das allein noch unabhängige Straßburg ihm huldigte.

Welcher Mittel und Wege bediente sich der „große“ Monarch, um die Elsasser mürbe zu machen?

Ich will Dir einige Beispiele geben. Im Jahre 1673 legte sich der berüchtigte Mordbrenner Louvois, Kriegsminister und Liebling Ludwig’s, mit französischen Kriegsvölkern in das Elsaß und that den Straßburgern zu wissen, er werde sie nächstens besuchen, „um ihre vortrefflichen Festungswerke zu besichtigen“. Bald nachher kam er wirklich; wie die Chronik sagt, „zeigte man ihm aber nur so viel, als man ihm ohne Schaden zeigen konnte.“ Unverweilt stellte sich heraus, worauf die Sache hinzielte. Ludwig der Vierzehnte kam persönlich nach Breisach, das damals eine Festung und in französischer Gewalt war. Ihr gegenüber auf dem linken Rheinufer, im Elsaß, liegt Colmar, das sammt neun anderen Reichsstädten seine Unabhängigkeit auch nach dem westphälischen Frieden gewahrt hatte. Ohne irgend eine Veranlassung lagerten sich vierhundert französische Reiter vor die Stadt; als der Rath und die Bürgerschaft sofort Geschütze auf die Wälle führten [418] und in Waffen traten, um einen Angriff abzuwehren, ließ der französische Commandant melden: „sein mächtiger König werde ein solches Betragen der Colmarer sehr übelnehmen und dasselbe ohne Zweifel rächen, falls man die Kanonen nicht wegfahre. Daran werde Se. Majestät Wohlgefallen haben.“ Der Rath ging in die Falle; am andern Morgen standen fünftausend Franzosen, die Louvois herangeführt hatte, vor der Stadt, und während Abgeordnete mit diesen eine Besprechung hatten, drang sein Kriegsvolk in die Stadt. Colmar war geraubt, die Bürger wurden entwaffnet, die Wälle von den Franzosen besetzt, Geschütze und Kriegsvorräthe weggenommen und nach Breisach hinübergebracht. Die Bürgerschaft mußte die Räuber verpflegen, jedes Haus erhielt sechs bis zehn Mann Einlager und durfte von Glück sagen, daß die Stadt nicht auch förmlich ausgeplündert wurde. Neunzig Kanonen eigneten die Franzosen sich an, sprengten die Thürme, rissen die Wälle nieder, füllten die Gräben aus. „Colmar war in ein offenes, wehrloses Dorf verwandelt; und so ging es auch den Städten Schlettstadt, Kaisersberg, Oberehnheim, Hagenau, Weißenburg, Landau, überhaupt allen zehn Reichsstädten im Elsaß. Bald nachher zog Turenne in die Pfalz, wo die Franzosen mit Raub, Mord und Brand schon 1674 so erschrecklich wütheten, daß die gekränkte Menschheit darob seufzet; sintemalen kannibalische Gräuel von diesem bestialischen Kriegsvolke begangen wurden.“

Seit 1674 hörte für das allein im Elsaß noch reichsfrei dastehende Straßburg die Bedrängniß nicht auf. Rings um das Gebiet der Stadt und auf demselben lagerten sich nach Belieben französische Soldaten; denn von Unantastbarkeit derselben war schon lange keine Rede mehr; und die „bewaffnete Neutralität“, die zu allen Zeiten eine Lächerlichkeit und ein kläglicher Deckmantel für Schwäche oder Unentschlossenheit gewesen ist, half den Straßburgern nichts. Man vermehrte die Besatzung um tausend Mann, nahm außerdem zwei Compagnieen Schweizer in Sold und die Bürgerschaft belastete sich mit Abgaben, welche die früheren um das Vierfache überstiegen. Aber sie brachte auch diese Opfer willig, weil sie um jeden Preis von den Franzosen verschont und beim Reiche bleiben wollte.

Marschall Turenne, welchen Du in unseren ordinären Geschichtsbüchern als einen „Helden“ dargestellt findest, war allerdings ein kluger Feldherr, aber als Mensch nicht viel besser, als der Mordbrenner Louvois. Während er immerfort den Straßburger Rath versicherte, daß er von Freundschaft für Stadt und Bürgerschaft durchdrungen sei, gestattete er, daß seine Soldaten das Straßburger Gebiet ausplünderten, und als dann von den erbitterten Bauern manche Räuber auf frischer That erschossen wurden, beschwerte sich der edle Marschall, daß man unbefugter Weise tapfere Krieger seines Königs ermorde!

Inzwischen hatten die Kaiserlichen unter Montecuculi einige Anstalten getroffen, die Franzosen zu vertreiben; der Feldzug wurde aber lahm geführt, und das Elsaß, in welchem nun zwei Heere lagen, kam nur in noch ärgere Bedrängniß, während nach Abzug der Reichstruppen Straßburgs Lage um desto schlimmer wurde. Das „Mürbemachen“ nahm seinen Fortgang.

Unter den vielen französischen „Mordbrennern“, denn dies ist die geschichtliche Bezeichnung, welche in jener Zeit entstand, war eben so schlimm als Melac, Duras, Louvois und Dutzende von Anderen ein Oberst La Brosse, der eine aus dem ärgsten Gesindel, entlassenen Sträflingen und Gaunern, zusammengesetzte Freischaar befehligte. Dieser La Brosse überfiel 1677 die Stadt Weißenburg, ließ Häuser und Kirchen rein ausplündern und dann die Stadt an allen vier Ecken anzünden. Am folgenden Tage erschien er in Hagenau, schwang selbst eine Brandfackel in der Hand, bezeichnete seinen Rotten die Stelle, wo Feuer angelegt werden solle, und noch ehe der Abend hereinbrach, war die einst so schöne Stadt ein glühender Haufen von Trümmern. Am selzer Wörth ließ er die Bauern niedermachen, alle Häuser ausplündern, dann in Brand stecken, so daß sie in Rauch aufgingen; „auch hat dieser mordbrennerische Franzos nicht einmal zulassen wollen, daß die Pawern ihre unschuldigen Kinder aus dem Feuer retteten. Aus dem Mund dieses Ungeheuers selbst hat man gehöret, daß er sagte: nichts könne ihm so großes Plaisir machen, als das Prasseln der Flammen und das Gerassel einstürzender Häuser und Gebäude.“ Aber noch in demselben Jahre wurde dieser Mordbrenner bei St. Leonhard von fünf Kugeln durchbohrt. Im folgenden Jahre verwandelten die Franzosen die Stadt Bar in Asche; und im ganzen Elsaß wie in der Pfalz gibt es keine einzige Ortschaft, welche nicht Zeugniß von der Wütherei der Franzosen ablegen könnte.

So waren die ersten Acte des gräßlichen Trauerspiels beschaffen; der letzte wurde vorbereitet und die Tage von Straßburgs Unabhängigkeit waren gezählt. Die Katastrophe nahete heran. Ludwig der Vierzehnte hatte die berüchtigten Reunionskammern in Breisach und Metz eingesetzt, die ihm „von Rechts wegen“ Alles zusprachen, was er auf dem linken Rheinufer zu besitzen wünschte. Sie sagten ihm, auch auf Straßburgs Besitz habe er ein unbestreitbares Anrecht; und er ließ darüber dem Rathe der Stadt Eröffnungen machen. Dieser erwiderte: Straßburg und dessen Unterthanen seien Reichsstand, auch dem Könige von Frankreich keineswegs unterworfen, noch jemals unterworfen gewesen. Darauf entgegnete der Präsident der Breisacher Reunionskammer: er wisse sehr wohl, daß Straßburg eine freie Reichsstadt sei, auch solle die Freiheit derselben keineswegs angetastet werden; „davor soll Gott uns bewahren. Aber der König ist souverainer Herr des Elsasses, in welchem die Stadt Straßburg verschiedene Aemter besitzt. Deshalb ist sie im Namen dieser königlichen Unterthanen und aller Beamten schuldig und verbunden, der Krone Frankreich den Eid der Treue zu leisten, und will sie sich dessen weigern, dann wird man sie durch Gewalt zu ihrer Pflicht anhalten.“

Du siehst, lieber Alfred, wie man „Rechtstitel“ fabriciren kann. Straßburg, von Kaiser und Reich im Stiche gelassen, mußte sich bequemen, diesen schändlichen Eid zu leisten. Es bat flehentlich, daß beim Abschlusse des Friedens, welcher 1679 zu Nimwegen in den Niederlanden zu Stande kam, ihre Freiheit und Sicherheit durch einen besondern Artikel gewahrt würde, „allein solches geschahe nicht, und diese Stadt, an welcher doch dem ganzen Reich so viel gelegen war, wurde ganz vergessen.“

So war Straßburg schmachvoll preisgegeben, und doch hielt die kerndeutsche Bürgerschaft standhaft aus, um nicht vom Vaterlande getrennt zu werden, um nicht in die Gewalt der Franzosen zu fallen. Sie brachte unablässig große Opfer. Seit Anbeginn des dreißigjährigen Krieges, länger als ein halbes Jahrhundert hindurch, war ihr einst so schwunghafter Handel lahm gelegt, und die Gewerbe hatten furchtbar gelitten. Die Bewohnerschaft war schwächer, die Abgabenlast, wie ich schon erwähnte, vervierfacht worden; dabei hatte man, während auch die Bürgerschaft Waffen trug, nicht selten vier- bis sechstausend Mann Truppen im Solde und sich zudem noch eine Schuldenlast von vier Millionen Reichsthalern zu Zwecken der Vertheidigung aufgebürdet. Was that das Reich für sein Bollwerk? Es bewilligte ihm zwanzigtausend Gulden Kriegsbeisteuer (Römermonate), welche Straßburg selber von den Ständen beitreiben solle. Der schwachköpfige Kaiser Leopold der Erste war den Straßburgern sechzigtausend Thaler an baarem Gelbe schuldig, aber dieser „Allzeit Mehrer des Reichs“ – bezahlte nicht, während doch die Straßburger seit zwei Jahren kaiserliche sogenannte Hülfsvölker aus eigenen Mitteln verpflegen mußten! Auch das thaten sie gern, doch der Kaiser war elend genug, diese Hülfstruppen abziehen zu lassen, weil Louvois Drohungen ausstieß!

So brach das verhängnißvolle Jahr 1681 herein. Noch einmal hatten die Straßburger sich mit dringenden Bitten um Hülfe an das Reich gewandt, aber auch diesmal wurden sie wieder zur Geduld verwiesen. Als man endlich mit dem Plan umging, sechstausend Mann Reichstruppen nach Straßburg zu werfen, war dasselbe von den Franzosen, welche sich des Rheinüberganges bemächtigt hatten, schon völlig eingeschlossen. Kaiser und Reich fürchteten sich vor Ludwig dem Vierzehnten, der ohnehin unter den Fürsten Bundesgenossen erkauft hatte, und wagten nicht, den Krieg zu erklären. Die Geschichte, mein lieber Alfred, gibt auf allen Seiten die Lehre, daß Vielköpfigkeit der Völker und Staaten Unglück ist. Das Elsaß und Straßburg, Lothringen, die Niederlande und so vieles Andere ging verloren, weil Deutschland keine, Frankreich aber eine starke Centralgewalt hatte. Das merke Dir.

Während Straßburg sich in vieljähriger Bedrängniß befand, war innerhalb seiner Mauern, im Schooße der Rathsherren, französische Wühlerei und Ränkesucht unermüdlich beflissen gewesen, die Faden des Verraths anzuspinnen. Auch gelang es dem Residenten Ludwig’s, einem Herrn Frischmann, willige Werkzeuge zu finden. In älteren Büchern kannst Du lesen, daß Straßburg nicht durch Verrath gefallen sei; doch wissen wir seit länger als fünfzig Jahren aus mehrfach veröffentlichten Documenten, daß ein solcher angesponnen war. Aber richtig ist auch, daß die Stadt, nachdem [419] sie einmal von Kaiser und Reich keine Hülfe mehr erwarten konnte, über kurz oder lang doch fallen mußte.

Ludwig hatte erklärt, er werde Straßburg mit Gewalt der Waffen zwingen, und dem Kaiser Leopold saßen die Türken und die rebellischen Ungarn auf dem Halse. Das System, welches ihm die Jesuiten angerathen hatten, und das er, stupid wie er war, treulich befolgte, rächte sich an ihm. Der Franzose gewann im Westen freie Hand. Frischmann schmiedete Ränke; der Stadtrichter Johann Georg von Zedlitz war mit ihm im geheimen Einvernehmen; er wird in einem Briefe an Ludwig als „Wohlgesinnter“, d. h. für die französischen Absichten brauchbarer Mann geschildert, welcher bedauere, daß die Stadt so unglücklich gewesen sei, sich eine Minderung in Sr. Majestät Huld und Gnade zugezogen zu haben. Diese Besorgniß habe er mit tiefer Unterthänigkeit und Ehrfurcht für Se. Majestät begleitet. Zedlitz sei bereit, mit ihm, Frischmann, in einen angelegentlichem Verkehr zu treten, als die übrigen Mitglieder des Rathes. In einem andern Briefe meldet Frischmann dem Könige, die Rathsherren seien gegeneinander von tödtlichem Haß erfüllt, alle hätten einzeln ihm ihre Dienste angeboten, aus gegenseitiger Eifersucht. Zu diesen Verräthern gehörten, außer dem Stadtrichter von Zedlitz, der Stadtschreiber Güntzer und die Senatoren Obrecht und Stößer. Obrecht war der Verworfenste; er hatte schon früher dem französischen Hofe insgeheim Vorschläge gemacht und hervorgehoben, wie zweckmäßig es sei, wenn derselbe einen königlichen Prätor in Straßburg bestelle, welcher die Aufsicht über das ganze Stadtwesen führe und des Königs Interessen wahrnehme. Der Hof ging darauf ein, und Obrecht, um Prätor zu werden, wurde katholisch. Derselbe König Ludwig, welcher das Edict von Nantes aufhob und die Protestanten durch Dragoner niedersäbeln ließ, arbeitete auch darauf hin, den ganzen Magistrat von Straßburg katholisch zu machen, und auch der Rathsschreiber Christoph Güntzer ließ sich bekehren, nachdem ihm Amt und Gehalt eines königliehen Consulenten zugesichert worden war. Der vierte Verräther, Stößer, galt vor den Leuten für gut deutsch und kaiserlich, und Frischmann war in nicht geringem Maße überrascht, als jener sich erbot, für die französische Sache zu arbeiten. „Ich unterlasse nicht, Herrn Stößer fortwährend zu liebkosen, und ihm in der Ferne die Aussicht zu zeigen, wie er sich des Wohlwollens Eurer Majestät würdig machen könne.“

Also Verrath war in Straßburgs Mauern allerdings; alle Einzelheiten desselben sind uns freilich nicht bekannt geworden, und das liegt in der Beschaffenheit der Sache. Genug, daß die Sache selbst feststeht. In dieselbe spielen mancherlei interessante, geheimnißvolle Dinge hinein, welche erst 1817 an’s Licht kamen und die ich Dir mittheilen will, weil sie zeigen, in welcher Weise man am Hofe Ludwigs des Vierzehnten intriguirte.

Im Monat August 1681 waren alle Vorbereitungen getroffen, um in den nächsten Wochen den entscheidenden Schlag zu führen. Mordbrenner und Kriegsminister Louvois schrieb an den französischen Intendanten der Provinz Elsaß, La Grange, der in’s Geheimniß gezogen war: Am 10. September würden die Verhaltungsbefehle, über welche er mit ihm (Louvois mit La Grange) in St. Germain persönliche Rücksprache genommen, in der Abtei Lurn (in der Franche Comté, Freigrafschaft Burgund) anlangen. Der Intendant möge dafür sorgen, daß zwei zuverlässige Leute die Ueberbringer in dem Wirthshause neben der Abtei in Empfang nehmen. Diesen solle La Grange einen versiegelten Brief an einen Herrn Mezières geben, in welchem die Worte stehen müßten: „Ich bitte Sie, denen, welche Ihnen diesen Brief überreichen, das Ihnen von Herrn von Louvois anvertraute Paquet einzuhändigen.“ Zugleich solle der Intendant sich nach Belfort begeben und eine Besichtigung der dortigen Festungswerke zum Vorwande nehmen; dort habe er die Rückkunft seiner Leute abzuwarten, die am Hute ein blaues und gelbes Band tragen müßten, damit die von Louvois beauftragten Männer sie sogleich zu erkennen vermöchten.

Diese geheime Geschichte, so viel ist ausgemacht, steht mit dem Raube Straßburgs ebensowohl im Zusammenhange, wie eine andere, die nicht minder mysteriös, aber noch viel spannender ist. Louvois ließ in Paris einen Herrn von Chamilly zu sich entbieten und gab ihm Verhaltungsbefehle zu einer wichtigen Sendung: „Sie müssen noch heute Abend nach Basel in der Schweiz abreisen und binnen drei Tagen dort angelangt sein. Am vierten Tage Schlag zwei Uhr müssen Sie auf der dortigen Rheinbrücke stehen, Papier, Feder und Tinte bei sich haben, Alles, was um Sie her vorgeht, mit der größten Genauigkeit zwei Stunden lang beobachten und sorgfältig aufschreiben. Schlag vier Uhr nehmen Sie Postpferde, fahren Tag und Nacht und bringen mir Ihre Beobachtungen. Sofort, nachdem Sie hier eingetroffen sind, kommen Sie zu mir, gleichviel, welche Stunde es sein möge.“

Chamilly that, was ihm befohlen war, stand zur anberaumten Zeit auf der Rheinbrücke in Basel und schrieb Alles, was er sah, genau auf. Eine Frau ging mir Marktkörben vorüber, Leute trugen Lasten, Wagen fuhren hin und her und dergleichen mehr. Etwa um drei Uhr blieb mitten auf der Brücke ein Mann stehen, der Hose und Weste von gelber Farbe trug; er trat an die Brüstung der Brücke, lehnte sich hinüber, sah nach dem Rheine hinab, trat dann einen Schritt zurück und pochte mit seinem großen Spazierstocke drei Mal stark auf das Pflaster des Fußweges. Chamilly notirt auch diesen Vorfall, setzt sich um vier Uhr in den Wagen, eilt so rasch als möglich nach Paris und begibt sich gleich nach seiner Ankunft um Mitternacht zu Louvois, dem er sein Papier überreicht. Der Mordbrenner greift hastig zu, liest von der Marktfrau, dem zerlumpten Bauer, dem Manne zu Pferde im blauen Rocke und dergleichen mehr. Dann, als er bei dem Manne mit der gelben Weste ankommt, springt er vor Freude auf. Sogleich eilt er zu seinem Könige und fertigt, nachdem er mit demselben längere Rücksprache genommen, vier Eilboten ab, die schon bereit gehalten waren. Wenige Tage nachher, an dem unglückseligen 30. September 1681, war Straßburg in französischer Gewalt. Wohl nicht mit Unrecht hat man vermuthet, das dreimalige Pochen mit dem Stocke auf der Baseler Rheinbrücke sei das verabredete Zeichen über das Gelingen des in Straßburg eingeleiteten Verrathes gewesen, und eben so wahrscheinlich hat der Mann in der gelben Weste von dem, was das Aufpochen bedeuten sollte, nichts gewußt.

[427] Schon vorher war der berühmte General und Festungsbaumeister Vauban insgeheim nach dem Elsaß abgegangen. Louvois und Ludwig waren gleichfalls vorbereitet, dorthin zu reisen. Den Auftrag, Straßburg zu nehmen, hatte General Montclar erhalten; ein Heer von fünfunddreißigtausend Mann stand ihm zur Verfügung. Alles war für einen gewaltthätigen Schlag vorbereitet; merke aber wohl, wie in dieses nichtswürdige Gewebe auch noch wälsche Tücke und Hinterlist hineinspielen. Ludwig ließ, um die Straßburger recht sicher zu machen, durch den Residenten ein sehr verbindlich abgefaßtes Schreiben überreichen, in welchem er der Stadt seine ganz besondere Huld und Zuneigung ausdrückte. Unmittelbar nachher, mitten im Frieden, ohne irgend eine vorhergegangene Erklärung, am 27. September, überrumpelten französische Dragoner bei nächtlicher Weile die Zollschanze bei Straßburg, und damit begann die Ausführung des lang gehegten Planes.

So standen heuchlerische Versicherungen und Gewaltthaten neben einander. Kein Bürger Straßburgs täuschte sich mehr über die Absichten der Franzosen. Vom ehrwürdigen Münster erscholl sofort die Sturmglocke, die Bürger eilten aus dem Bett auf die Wälle, pflanzten noch mehr Geschütze auf und waren zur Vertheidigung entschlossen. Man sandte durch einen Trommelschläger ein Schreiben an den französischen Befehlshaber und fragte, weshalb er den Frieden gebrochen habe. Die Antwort lautete: Seine Majestät habe erfahren, die kaiserlichen Völker wollten die Stadt und den Rheinpaß besetzen, und das könne er nicht zugeben. Uebrigens, fügte er lügenhaft hinzu, werde er die Zollschanze nur ganz kurze Zeit besetzt halten. Als man ihm entgegnete, kaiserliche Truppen seien weit und breit nicht vorhanden und auf fünfzig Stunden im Umkreise kein kaiserlicher Soldat zu sehen, entgegnete er: auf Verhandlungen könne er sich nicht weiter einlassen, das sei Angelegenheit des Generals Montclar, der sich bald einfinden werde.

Die Aufregung und mit ihr zugleich die Wuth und Verzweiflung der Bürgerschaft stieg immer höher. Der Resident Frischmann wagte sich nicht aus seiner Wohnung, die Zünfte bedrohten den Rath mit Ermordung, weil sie mit richtigem Instinct vermutheten, er werde die Franzosen einlassen. Man wollte aus den straßburgischen Flecken und Dörfern einige tausend Landleute in aller Eile in die Stadt ziehen, aber Montclar hatte alle Zugänge abgesperrt; nur wenige Bauern schlichen sich durch und überbrachten in dieser „Angstnacht“ die Mittheilung, daß schon alle Ortschaften von den Franzosen besetzt, alle an den Kaiser und an den regensburger Reichstag gerichteten Briefe der Stadt von Louvois aufgefangen und unter lautem Gelächter der Officiere erbrochen worden seien.

Am 28. September, einem Sonntage, fing Montclar an, die Stadt zu berennen, und sagte den Abgeordneten derselben: Straßburg sei seinem Könige durch den westphälischen und den nimwegischen Frieden überlassen worden. Wenn dieser bislang noch nicht für gut befunden habe, sich seines Rechtes zu bedienen, so erfordere doch jetzt sein Interesse, daß er Straßburg nehme, denn er wisse, daß eine kaiserliche Truppenmacht in demselben sich festsetzen wolle. Er, Montclar, sei ein alter Freund der Stadt, und es solle ihm Leid thun, wenn sein liebes Straßburg sich durch Halsstarrigkeit in’s Verderben stürzen wolle. Morgen werde der Herr Marquis von Louvois mit der Hauptarmee ankommen, und die Straßburger möchten vernünftig sein. Der König wünsche, die Stadt bei ihren Freiheiten zu erhalten, sie durch Vermehrung ihrer Privilegien glücklich zu machen, aber die Bürger dürften sich nicht als rebellische Unterthanen gebehrden, sondern müßten der französischen Krone Treue geloben und halten.

So voll Lug, Trug und Unverschämtheit war dieser General Montclar, ein würdiger Diener seines Herrn.

Es erschien, der Gewalt gegenüber, lächerlich, daß die Straßburger seinen erlogenen Behauptungen die Wahrheit entgegenstellten; auch erwiderte er auf ihre Einwendungen weiter nichts, als daß er gekommen sei, des Königs Willen bekannt zu machen; es zieme sich für ihn nicht, darüber zu raisonniren. „Sie müssen sich platterdings unterwerfen, oder sich einer Execution gewärtig halten.“

Damit entließ er die Abgeordneten, welche in der Stadt Montclar’s Aeußerungen berichteten. Sogleich versammelten sich die dreihundert Schöffen, die Professoren der Universität, der Kirchenconvent, und auch der kaiserliche Resident wurde zur Berathung herbeigezogen. Die Zünfte stellten sich an den Lärmplätzen auf, Weiber und Kinder strömten in die Kirchen. An Truppen waren nur fünfhundert dienstfähige Söldner in der Stadt; diese, mit etwa dreitausend Mann waffenfähiger Bürger, reichten nicht aus, um die weitläufigen Festungswerke gegen ein Angriffsheer zu vertheidigen, das jetzt mehr als vierzigtausend Mann zählte. Man sah wohl, daß Straßburg verloren sei.

Am 29. September traf Louvois in dem benachbarten Illkirch ein, und ließ hochmüthig dem verächtlichen, weil verrätherischen, Rathe zu wissen thun, daß einige Abgeordnete zu ihm hinauskommen möchten; er werde ihnen im Auftrage seines Königs etwas eröffnen. Es kamen Abgeordnete, welchen der Mordbrenner genau mit denselben frechen und unwahren Behauptungen entgegentrat, die schon am Tage vorher Montclar geäußert hatte. Als die Abgeordneten dieselben als ganz unrichtig nachwiesen, ergrimmte Louvois, ließ jede Maske fallen und rief: „Ich verlange eine kurze deutliche Erklärung, ob Straßburg den König von Frankreich für seinen souverainen Herrn erkennen, seinen Soldaten die Thore öffnen und eine Besatzung einnehmen, oder ob die Stadt in einen Aschenhaufen verwandelt sein will.“ Er fügte hinzu, man habe lange genug Bedenkzeit gegeben, an der Sache selbst lasse sich nun einmal nichts ändern; der König wolle es so, und wenn man verstockt bleibe, dürfe man nicht ferner auf Gnade hoffen. Dann drehete er sich mit stolzer, verächtlicher Miene um und ließ noch fallen, daß man sich bis Mittag entschlossen haben müsse. Die Abgeordneten kamen in die Stadt zurück, in welcher ein ungeheurer Jammer sich erhob. Man war von Kaiser und Reich im Stiche gelassen, die Verräther drängten zur Uebergabe, und unter den Gründen, welche von anderer Seite geltend gemacht wurden, fiel einer am schwersten in’s Gewicht. Man sprach nämlich die Erwartung aus, daß das Reich unmöglich seinen „Hauptschlüssel“ auf die Dauer in den Händen des gefährlichsten Reichsfeindes lassen, also die französische Besitznahme nur vorübergehend sein werde.

Der Rath bat in Anbetracht seiner „Ew. Excellenz bekannten Gesinnungen“ um Aufschub bis zum 30. December Mittags, weil er die Bürgerschaft zu befragen habe und sie auf das Unabänderliche vorbereiten müsse. Nachdem die Sachen einmal so weit gekommen waren, blieb dieser freilich keine Wahl mehr; nur allein die Schneiderzunft, wie ich schon hervorhob, erklärte sich bereit, bis auf den letzten Mann zu kämpfen, und wollte von keinem Vergleich und von keiner Unterwerfung unter den Reichsfeind etwas wissen. Von ehrlichen Leuten wurden damals manche Gründe hervorgehoben, welche eine Uebergabe als unvermeidlich erscheinen ließen. Zuerst das alte, klägliche und leider wahre Lied, daß man vom Kaiser keine Hülfe erhalten habe, auch in größter Bedrängniß eine solche nicht erwarten dürfe; ferner seien die Festungswerke, aus Mangel an Geldmitteln, in nicht vollkommenem Zustande. Durch die langjährigen Quälereien der Franzosen sei der Wohlstand der Kaufleute wie der Handwerker völlig untergraben worden; die Stadt habe keinen Credit mehr und deshalb die Besatzung entlassen müssen, als sie derselben am nöthigsten bedurfte; es seien nicht einmal Leute genug vorhanden gewesen, die Wälle zu besetzen; ein Widerstand, der unter so kläglichen Umständen doch nicht von Erfolg sein könne, werde die Stadt nur völlig zu Grunde richten, und Ludwig der Vierzehnte so wie so seinen Willen erreichen.

Ich habe schon gesagt, daß Straßburg als Festung eine reine Jungfrau geblieben war. Weder Karl der Kühne von Burgund noch Heinrich der Zweite von Frankreich, noch die Schweden während des dreißigjährigen Krieges hatten dasselbe erobert. Nun, von Kaiser und Reich verlassen, von Verräthern gedrängt, von der Noth bezwungen, öffnete es seine Thore. Es schloß am 30. September eine Capitulation mit dem Mordbrenner Louvois, der Vollmacht hatte, die Stadt Straßburg „unter Seiner Majestät Gehorsam anzunehmen.“ Dieser bestätigte ihr (auf dem Papier, [428] wohl verstanden) alle Privilegien, auch die kirchlichen, denn Straßburg war protestantisch; nur das Münster sollte den Katholischen wieder eingeräumt werden. Die Bürgerschaft sollte von allen Contributionen befreit sein. Daß diese Capitulation nicht gehalten, sondern sofort verletzt wurde, versteht sich bei Menschen wie Louvois und Ludwig dem Vierzehnten von selbst. Zu den Unterzeichnern gehörten von Zedlitz und Güntzer.

Am 30. September 1681 um vier Uhr Nachmittags rückten funfzehntausend Franzosen in Straßburg ein; das alte Bollwerk Deutschlands befand sich in Ludwig’s Händen! Dem Reiche war, wie man damals schon ganz richtig sagte, damit eine „unheilbare Wunde“ geschlagen. Aber weshalb hat dasselbe eine Stadt, an welcher ihm so viel gelegen sein mußte, ganz vernachlässigt und nicht alle seine vereinigten Kräfte aufgeboten, um sie sich zu erhalten?

Du siehst, lieber Alfred, welche Sünden und Fehler ein starkes Deutschland wieder gut machen muß, welche geschichtliche Gerechtigkeit es einst zu üben haben wird.

Was geschah in Straßburg nach der Besitznahme durch die Franzosen? Zu den schlimmsten Reichsverräthern gehörte Franz Egon von Fürstenberg, der katholische Bischof der Diöcese, welcher nicht in der protestantischen Stadt, sondern in Zabern wohnte. Er hatte, sammt seinem Bruder Wilhelm, seit Jahren als bestochener Söldner in Ludwig’s Interesse gearbeitet. Am 4. October mußten die Bürger den Eid der Treue ablegen; am 20. zog Egon von Fürstenberg unter dem Schall französischer Pauken und Trompeten in die evangelische Stadt ein, gefolgt von seiner Klerisei, und nahm Besitz von der Münsterkirche. Ludwig selbst eilte herbei, um das Kleinod, nach welchem er so lange gierig gestrebt und das er endlich geraubt hatte, persönlich zu besichtigen. Jener verrätherische Egon empfing den „königlichen Mordbrenner“, denn das war Ludwig, am großen Portale und dankte ihm, daß er durch des Königs Arm wieder in den Besitz der Arche gekommen sei, aus welcher die Ketzer seine Vorgänger vertrieben hätten. Dann fügte der „grauköpfige Schurke“, wie die Straßburger diesen Bischof nannten, die schamlosen Worte hinzu: „Ich kann mit dem alten Simeon sagen: Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ Der Heiland dieses grauköpfigen Bischofs war der bluttriefende Verfolger der Hugenotten, der König, welcher das Elsaß und die Pfalz mit Mord und Brand verwüstete.

Am 1. April 1682 starb dieser Bischof Franz Egon von Fürstenberg.

Sein „Heiland“ war von den Straßburgern mit eisiger Kälte aufgenommen worden; alle Bemühungen, sie auch nur zu vereinzelten Lebehochrufen zu vermögen, scheiterten; seine eigenen Soldaten mußten Vive le Roi schreien. Der „große“ Ludwig verließ die Stadt in sehr übler Laune und ließ sie fühlen, was es hieß, einem so eiteln und kleinlichen Könige nicht zu schmeicheln. Zunächst wurden die Verräther belohnt. Güntzer erhielt die Stelle eines Syndicus und Kanzleidirectors, „weil er bei der Unterwerfung der Stadt großen Eifer für den königlichen Dienst und – das Beste der Stadt bewiesen habe.“ Zwei andere Verräther erhielten goldene Ketten im Werthe von dreitausend Livres.

Ludwig’s Buhlerin, die Maintenon, die frömmelnd war und von den Jesuiten gelenkt wurde, brauchte keine Anstrengungen zu machen, um ihren königlichen Liebhaber zur Verkürzung der Privilegien Straßburgs zu bewegen. Auf ihren Betrieb wurden die Katholiken auf Kosten der Protestanten begünstigt, die Stadt mußte ein königliches Abonnement von hunderttausend Livres zahlen; dreihundert städtische Kanonen und für fünfzehntausend Mann Waffen wurden sammt allem Kriegsgeräthe von den Franzosen weggenommen. Auch die Weinkeller wurden von den Siegern als Eigenthum betrachtet. Gleich im Jahre 1682 strömten katholische Geistliche und Mönche in Menge herbei, namentlich Jesuiten, Kapuziner, Antoniter, Johanniter; der Bischof verlangte die Rückgabe einer Anzahl von Kirchen und Stiftern, und der protestantischen Bürgerschaft wurde die Zumuthung gestellt, am 15. August an einer katholischen Procession zu Ehren des Königs sich zu betheiligen; dadurch werde sie ihre Unterthanentreue beweisen, und Seiner Majestät Huld und Gnade erwerben. Sie nahm an der Procession nicht Theil. Ludwig’s Absicht ging dahin, die ganze Stadt der evangelischen Lehre abwendig zu machen; wer zum Katholicismus übertrat, erhielt manche Begünstigungen; er war z. B. drei Jahre lang von Abgaben und Truppenauflagen befreit, eben so lange durfte ihn kein Gläubiger verfolgen oder auch nur Zahlung verlangen; er wurde bei Besetzungen von Aemtern bevorzugt. Die Rechte der Stadt wurden so schamlos verletzt, daß hingegen kein evangelischer Prediger Proselyten annehmen durfte; gemischte Ehen wurden verboten, die Protestanten sahen sich gezwungen, die katholischen Festtage mit zu feiern; alle unehelichen Kinder von Protestanten mußten katholisch getauft werden; wenn ein Theil eines protestantischen Ehepaars katholisch wurde, mußten alle Kinder desselben, welche noch nicht communicirt hatten, katholisch werden. In jedem Dorfe, in welchem sich auch nur sieben katholische Familien befanden (und wo dergleichen nicht waren, schickten die Jesuiten hin, so viel als nöthig erschien), mußte ihnen das Chor der Kirche eingeräumt werden, und die Kircheneinkünfte fielen ihnen zur Hälfte zu, während die Protestanten für katholische Pfarr- und Schulhäuser sorgen mußten; endlich konnte kein Protestant im Elsaß, das doch zur überwiegenden Hälfte evangelisch war, Amtmann, Amts- oder Gerichtsschreiber, Schultheiß oder Fiscal werden. Schon 1687 befahl ein Erlaß Ludwig’s, daß in dem protestantischen Straßburg alle Stadtämter und Ehrenstellen zur Hälfte mit Katholiken besetzt werden sollten, natürlich „ohne der Gewissensfreiheit irgend Eintrag zu thun.“ Im Jahre 1686 wurden den Protestanten abermals drei Kirchen weggenommen, und die protestantischen Stiftsfrauen wurden dermaßen gepeinigt und geärgert, daß 1698 die letzte Administratorin, Henriette Vitzthum von Eckstädt, ihre Würde niederlegte, „weil sie wegen allzuviel Aergerniß dieselbe nicht mehr behalten konnte.“ Der König bedrängte den Magistrat so lange, bis derselbe ihm mit dem Frauenstift St. Stephan ein freiwilliges Geschenk machen mußte.

Der Wunsch, wieder mit Deutschland vereinigt zu werden, war dringend, aber vergeblich. Denn im Ryswicker Frieden (October 1697) wurde Straßburg vom Reiche definitiv an den französischen König abgetreten.

Die unwillkommene Ehre, aus einer Reichsstadt zu einer französischen Provinzial- und Kriegsstadt degradirt zu werden, mußte von vorne herein in jeder Beziehung sehr hoch bezahlt werden. Der Bau neuer Kasernen für die Franzosen kostete 800,000 Livres, eine Wohnung für den Intendanten 60,000, ein Mehlmagazin für die Soldaten 70,000, ein Spital für die Soldaten 120,000, dem Hofe mußte ein „freiwilliges“ Geschenk (don gratuit) von 300,000 und 1694 abermals ein solches von 160,000 Livres gezahlt werden; also in wenigen Jahren anderthalb Millionen, und binnen achtzehn Jahren 3,315,000 Livres! Straßburg hatte ferner, in Folge königlichen Befehls, die Generalität, die Kasernen, Spitäler, die zweiunddreißig Wachtstuben mit Holz und Licht zu versorgen, die Wälle zu unterhalten „und die vornehmsten königlichen Beamten durch ansehnliche Geschenke sich geneigt zu machen.“ Vergiß nicht, daß die Stadt ohnehin ausgesogen und tief verschuldet war.

Auf solche Weise ist Straßburg in französische Gewalt gekommen, und seitdem ist der Herrscher in Paris auch Gebieter am Oberrhein. Die alte deutsche Grenze läuft auf dem Kamme der Vogesen, und ehe diese für Deutschland nicht wieder gewonnen ist, kann für uns von einer Sicherstellung gegen Frankreich keine Rede sein. So lange die Franzosen das Elsaß behalten, werden sie auch nach Belgien und den Landen am mittlem und untern Rhein gieren; sobald die wirkliche natürliche Grenze, nämlich die uralte, geschichtliche, volksthümliche Sprach- und Gebirgsscheide wieder auch unsere politische Grenze wird, kann Ruhe eintreten. Erst dann ist wieder ein vernünftiges, volksrechtliches Verhältniß da.

Im heutigen Elsaß ist seit zweihundert Jahre Vieles verwälscht worden; ich glaube, daß die Elsässer, die sich nun einmal, wenn auch schwer, an Frankreich gewöhnt haben, anfangs nur widerwillig bei uns sein würden; aber darauf kommt vorerst nichts an. „Es nimmt ein Kind der Mutter Brust nicht gleich von Anfang willig an, doch bald ernährt es sich mit Lust.“ Was ihnen Napoleon bietet, würden sie freilich bei uns nicht haben: keine Censur, keinen Zwang, keine unerschwinglichen Steuern, auch keine hohle Gloire. Ludwig der Vierzehnte hat sie nicht nach ihren „Sympathien“ gefragt, als er sie raubte; man braucht auch heute nicht nach Sympathien zu fragen, wenn man wiedernimmt, was einst entfremdet wurde. Die Sympathien finden sich von selbst, und die Rückführung natürlicher Verhältnisse trägt ihre Berechtigung in sich selbst.

Freilich, es wird keine leichte Arbeit sein, den geraubten Schatz [429] wieder zu erwerben, und vielleicht fließt noch viel Wasser den Rhein hinab, bevor es dahin kommt, daß kein Franzose mehr seine Rosse aus den Fluthen dieses unsers herrlichen Stromes tränkt. Aber von Basel bis Emmerich muß über kurz oder lang der Rhein wieder auf beiden Seiten deutsch sein. Ohne das ist ein freies Deutschland mit der ihm gebührenden Machtstellung unmöglich, und von einem wirklichen Gleichgewicht kann erst dann in Europa die Rede sein, wenn die geschichtlichen Begehungs- und Unterlassungssünden unserer Vorfahren durch unsere That kraft wieder gut gemacht sind.

Die Geschicke mögen noch oftmals auf- und abschwanken, und auch was die nächste Zeit bringt, vermag Niemand zu sagen; aber bei einem deutschen Kriege mit Frankreich steht der Kampf preis fest: das Elsaß mit Straßburg. Und dieser Preis ist der Mühe Werth.

Wehrleute, haltet gute Wacht! Und Du, Alfred, wirst Deine Schuldigkeit thun !



  1. Obwohl wir uns mit einigen Ansichten des geschätzten Einsenders über die politische Situation des Augenblicks und deren nothwendige Folgerungen nicht ganz einverstanden erklären können, so glauben wir doch den Worten eines bewährten Patrioten, die ein so echt nationales Gepräge tragen, ein Ehrenplätzchen in unserer deutschen Gartenlaube nicht versagen zu dürfen. In der Absicht stimmen wohl alle Freunde des Vaterlandes mit dem Briefschreiber überein, wenn auch die Ansichten über Erreichung des schönen Zieles etwas von den seinigen differiren dürften. D. Redact.