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Verschiedene: Die Gartenlaube (1858)

aus dem er jetzt mit niedergeschlagener Miene nur noch einen feinen Staubregen herausschüttelte. Er meinte, der Vorrath wäre noch auf ein halbes Jahr berechnet gewesen! Es mußte nun dennoch zum Verdünnungs-Processe geschritten werden, aber obgleich mein Landsmann diesen in einem Umfange vornahm, der ihn ermöglicht hätte, die gesammte Einwohnerschaft von zwei oder drei Counties mit Schildkrötensuppe zu tractiren, so schnitten die Irländer doch noch barbarische Gesichter, als sie jetzt das abgeschwächte Gericht löffelweise zu sich nahmen. Ein Glück, daß sie seit zwei Tagen nichts gegessen hatten! – Weder ich noch mein Freund waren im Stande, mehr wie einen einzigen Löffel davon hinterzuschlucken und selbst dieser brannte mir noch am andern Tage im Leibe. Wir beschlossen deshalb, uns an den Salat zu halten, in den mein Landsmann auch alsbald mit Energie einhieb. Aber diesmal erschrak ich in vollem Ernste über das verzweifelte Gesicht, mit dem er die erste Handvoll augenblicklich wieder ausspuckte und das am Morgen genossene Frühstück gleich hinterdrein folgen ließ.

„Aus der großen Flasche?“ fragte er mich nur mit matter Stimme, und auf die erfolgte Bestätigung meinerseits sank er wie gebrochen auf die Kiste nieder, die sein mobiles Vermögen einschloß.

Den Irländern schien zu meiner Verwunderung trotzdem der Salat recht gut zu munden – wahrscheinlich wirkte das Oel mildernd auf den Pfeffer – und die stille Hoffnung meines Landsmanns, daß sie denselben stehen lassen und ihn dadurch ermöglichen würden, der Lampe wiederzugeben, was der Lampe gehörte, wurde zu nichte. Nachdem sie gegessen hatten, sonnten sie sich – noch immer heftig hustend – vor unserem Shanty im Grase, und als ich kurz darauf Wasser herbeiholen wollte, sah ich, wie die drei Kerls sich ihre Beine in unserm Brunnen rein wuschen, was mir heute auch noch den Appetit zum Kaffee verdarb. Es erschien ihnen beim Weggehen noch dazu sehr ungastfreundschaftlich, als ich ihnen für das nächste Mal den Rath gab, eine andere Localität für ihr Fußbad zu wählen.

Am andern Tage machte ich mich nach Lexington auf, und als ich am dritten Tage darauf außer einer neuen Speckschwarte auch noch eine Flasche Whisky und einige Citronen mitbrachte, da strahlten die Augen meines Landsmanns in ihrem früheren Glanze. Er war wieder in seinem Elemente; er konnte Punsch machen.

Wir saßen, diesen trinkend und unsere Pfeifen dazu rauchend, vor unserem Shanty, als mein Landsmann plötzlich mit der Hand auf das jenseitige Ufer des vor uns liegenden Landsee’s wies. – Bei meiner Seele! Ein großer feister Hirsch ging soeben ganz gemächlich in’s Wasser und schickte sich an, ein kühlendes Bad zu nehmen. Das war ein Bissen! Wir verschlangen ihn schon mit den Augen.

„Vier Wochen können wir Beide davon leben und das Fett reicht zu, ein halbes Jahr davon Plinsen zu backen,“ meinte mein Landsmann, das Fell des Waldbewohners schon im Voraus zu ein paar Hosen für sich und die Eingeweide desselben zu Sonntagsfutter für die Hunde bestimmend.

Da die Sonne bereits im Untergehen war, so durften wir keine Zeit verlieren, und mein Freund entwickelte auch eine wahrhaft fabelhafte Thätigkeit. Zuerst sperrte er geräuschlos die Hunde ein, von denen er meinte, sie wären viel zu gierig bei der Jagd, und wenn der Hirsch etwa blos angeschossen wurde und dann noch weit abgehen sollte, so fräßen sie ihn allein auf, noch ehe wir dazu kommen könnten. Dann umwickelte er die Ruder zweier Indianerkanoes mit alten Lumpen, wovon er einen beträchtlichen Vorrath besaß, und nachdem wir unsere Büchsen nachgesehen hatten, banden wir die beiden Kanoes zusammen, und ruderten auf einem großen Umwege geräuschlos dem gegenüberliegenden Ufer zu. Die Musquitos zerstachen uns jämmerlich auf dem Wasser; indessen dies war Nebensache, Hauptsache war der Hirsch. Als wir drüben ankamen, war die Sonne unter, und es wurde schnell immer finsterer. Da wir uns noch eine große Strecke im Walde anzuschleichen hatten, dabei aber unsern Weg nicht mehr deutlich sehen konnten, so fielen wir alle Augenblicke über die umherliegenden Stämme, und rissen uns dabei Gesicht und Hände an den fingerlangen Dornen des Unterholzes blutig. – Die ganze Geschichte war „um in die Luft zu springen,“ wie mein Begleiter meinte. Mit einem Male hörte ich einen heftigen Plautz und wurde über und über vollgespritzt. Als ich mich umsah, war mein Freund vollständig verschwunden, und als ich ihn endlich wieder entdeckte, hatte ich die größte Noth, ihn aus dem Sumpfloche herauszuziehen, in welchem er bis an den Hals feststak. Mittlerweile war es aber stockpechfinster geworden und wir waren froh, als wir erst wieder ganzbeinig in unserem Shanty eintrafen – auch ohne Hirsch.

Etwa vier Wochen nach unserem Jagdabenteuer traf ich meinen Landsmann in Lexington wieder, hatte aber Mühe, ihn wiederzuerkennen. Er trug eine grüne Brille, die seinem Gesicht ein völlig verändertes Ansehen verlieh. Seinem gewöhnlichen Hinterwäldlercostüm hatte er heute noch den schwarzen Ballfrack beigefügt, der dazu den seltsamsten Contrast bildete. Man müsse sich ein Bischen herausputzen, wenn man auf die Post-Office ginge, die Leute wären dann gleich höflicher. Er schlug mir vor, ihn zu begleiten, da er die Antwort auf den Werbebrief aus Indiana erwarte. „Wenn sie eingetroffen ist, sind Sie mein Gast hier,“ sagte er, „und dann sollen Sie man sehen!“

Die Antwort war da und stand bald auf seinem Gesichte geschrieben.

„Nun?“ fragte ich ihn.

„’s ist um in die Luft zu springen,“ meinte er, „wieder ein Korb!“

Gtz.





Blätter und Blüthen.


Julius Mosen. Eine ihm nahestehende Hand schildert die Leiden dieses trefflichen Mannes und liebenswürdigen Dichters auf folgende ergreifende Weise:

„Der qualvolle Zustand seiner körperlichen Leiden ist seit dreizehn Jahren in langsam, aber unaufhaltsam steigender Verschlimmerung und schließt seinen trotz aller unsagbaren Schmerzen und Martern unverändert regen, klaren und strebsamen Geist in die peinlichsten Fesseln, indem er ihn von der so heiß ersehnten geistesschöpferischen Thätigkeit fern hält und ihn, den lebhaften Mann, an seinen Stuhl festschmiedet. Das ist mehr als Tantalusqual; der arme, unaussprechlich unglückliche Mann! Die Krankheit begann – o, es ist schon eine kleine menschliche Ewigkeit her! - indem sie ihm erst ganz leise den linken Fuß und Arm lähmte und sich mit der Zeit langsam und allmählich, gleich einer bösen Schlange, um seinen ganzen Körper ringelte und ihn einschnürte, so daß er seit acht Jahren nun nicht mehr gehen kann, Arme und Hände gelähmt und dabei in fortwährend schmerzhaftem Zittern und Schütteln begriffen sind. Ja sogar am Sprechen wird er behindert und so steht zu befürchten, daß sein hartgeprüftes und entbehrungsreiches Leben bis zum allerschwersten Loose getrübt wird. Die Ergebung des Dulders in dieses herbe Schicksal ist wahrhaft bewundernswürdig. Mit ungemindertem Interesse erfaßt sein Geist alle Regungen und Bewegungen der Gegenwart, wie er die Erinnerung an die Erlebnisse der Vergangenheit bewahrt, ja zuweilen schmückt noch ein heiterer Strahl von Humor diese dunkel überschattete schöne Dichterseele. Aber freilich folgen Tage der bittersten Leiden und Kämpfe einem solchen Lichtblicke. Das stille, grüne Oldenburg liebt der Kranke mit großer Dankbarkeit für die viele und innige Theilnahme der Edlen, die nicht eine glücklichere Vergangenheit, nicht ein langgepflegtes Verständniß mit ihm verbunden und die ihm nun als wahre und warme Freunde zur Seite stehen und ihn Pflegen, unterhalten, erheitern.“

Mosen tritt diesen Sommer in das sechsundfunfzigste Lebensjahr.




Eine Anekdote aus dem heutigen Paris. Ein eben von da kommender Freund erzählt uns folgende verbürgte Anekdote aus der dortigen „guten Gesellschaft.“ Eine vornehme Dame, die eben im Begriff stand, ihre Tochter mit dem Fürsten von P. zu vermählen, sah sich kurz vor der Heirath zu folgenden Enthüllungen veranlaßt: „Ma chère enfant, bevor Du den wichtigsten Schritt Deines Lebens thust, habe ich Dir eine Mittheilung zu machen, deren längere Zurückhaltung meine Seele allzusehr beschweren würde. Meine Tochter – Du bist nicht das Kind Deines angeblichen Vaters, Du bist – die Tochter des Grafen M.!“ Die Tochter des Grafen M. verhüllt sich das Gesicht und ein tiefer Schmerz scheint ihre heiligsten Ueberzeugungen betroffen zu haben. Endlich bricht sie in die klagenden Worte aus: „O Mama, welch süße Täuschung, welch’ schöne Illusion zerstören Sie da in mir! … Ich – ich habe immer geglaubt, ich sei die Tochter (der Leser errathe einmal, was nun kommt!!) – – des Duc d’Orleans!“ … Wie bezeichnend, wie sehr bezeichnend ist diese Anekdote für eine Stadt, wo Alles – Alles „Crédit mobilier“ ist: auch die Liebe und die Ehe! –




Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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Verschiedene: Die Gartenlaube (1858). Leipzig: Ernst Keil, 1858, Seite 400. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1858)_400.jpg&oldid=- (Version vom 4.8.2020)