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Verschiedene: Die Gartenlaube (1878)


an den früheren Lehrer Robert’s, Herrn Burg, und auch von diesem wurde sie vertrauensvoll gewiesen an Alles, was sich Robert gegenüber mit dem Namen „Onkel“ schmückte. Verheißungsvoll wiesen sämmtliche Onkels ihrerseits auf die reiche Tante Agnes, zumal da Robert sie ja in ihrer bekannten mathematischen schweren Noth über Wasser gehalten hatte. Diese treffliche Dame aber sagte: „Ich habe keine Kinder. Wer Kinder hat, mag dafür sorgen!“ Damit war die Entscheidung gesprochen. Robert mußte der Hoffnung, weiter zu lernen, entsagen und zu Hause bleiben.

Schweigsam und traurig, alle bisherige Genossen seiner Studien sorgsam meidend, schlich der sonst so muntere, frohe Knabe einher. Ernstlich fürchteten seine Eltern und Alle, die ihn damals sahen, er möchte in Gemüthskrankheit verfallen. Dann aber, als er, finster vor sich hinbrütend, Tag und Nacht sein Mütterlein an der Arbeit sah, um ihm und seinem Schwesterchen Brod zu schaffen, ohne ein Wort des Vorwurfs für seine Unthätigkeit, da warf er den letzten schmerzlichen Blick rückwärts nach den für immer verlorenen Gefilden der ewigen Jugend des Alterthums und beugte seinen kräftigen Nacken unter das Joch gewöhnlicher Handarbeit. Als er etwa zwanzig Jahre später um Aufnahme in den Freimaurerbund nachsuchte, faßte er selbst den Schmerz seiner Seele, der ihn damals bewegt, und die heroische Entscheidung, die er am Ausgange seiner Knabenjahre getroffen, in die schönen Worte zusammen: „So mächtig mich auch damals die Sehnsucht festhielt am Wissen, ich war gezwungen, ein Handwerk zu erlernen, und trat nach vollendetem siebenzehnten Jahre eine traurige Selbstständigkeit an, indem die Kindespflicht mich hinaustrieb in das Leben, um meinen Eltern die Sorgen für meinen Unterhalt abzunehmen.“

Hans Blum.




Blätter und Blüthen.

Auf der Insel Worms. (Mit Abbildung Seiten. 243.) Rußland! Man denkt bei dem bösen Worte an Eisberge, Bären, Wölfe, ewig dunkle Nächte. Aber fürchten wir uns nicht! Ein herrlicher nordischer Winterabend auf der estnischen Insel Worms! Klar steht der Mond am Himmel über der endlosen Schneefläche, und das herrliche Meer leuchtet tiefblau. Das Dorf zieht sich am Strande entlang; die Fenster einer Bauernhütte sind hell erleuchtet, denn Thio, des Bauern rosiges Töchterlein, feiert ihre Hochzeit.

Ado ist ein hübscher, mäßig großer Junge mit langen, mitten auf dem Kopf gescheitelten Haaren und blauen Augen; auch sieht er gewöhnlich in langem Rocke und Wasserstiefeln recht ehrbar aus. Heute freilich hat er die Festtracht, ein Mieder mit blanken Knöpfen, angelegt. Schon lange wußten im Dorfe die Bauern und Pächter, daß er die hübsche Thio liebe, aber zur Erklärung kam’s doch erst, als er im Hause ihres Dienstherrn, des Wolfspeter’s, nach Landessitte um sie anhielt, und das geschah also: Eines Abends saßen sie alle dort beisammen, er rauchend, die Frauen spinnend und Geschichten erzählend; da trat ein junger Bursche mit freundlichem Gruße ein und sprach sehr angelegentlich mit dem Wirthe. Aber seine Augen suchten einen anderen Gegenstand. Plötzlich brach er denn auch ab und fragte, ob sich nicht ein junges Vögelchen hierher verflogen habe, mit lieblichen blauen Augen, süßem Schnabel und prächtigem Gefieder. „Wollt Ihr mir suchen helfen? Ich lohn’s Euch reichlich.“ Hiermit schenkt er der Wirthin ein Glas Meth ein und bittet damit um ihren Beistand; sie nimmt es an. Das Vögelchen verbirgt sich indeß scheu hinter dem riesigen Ofen. Nun beginnt ein eifriges Suchen. Endlich holt er sie hinter dem Ofen hervor und schenkt auch ihr ein Glas Meth ein. Er will das Mädchen nicht für sich haben – nur für den Freund. Der glückliche Bräutigam vor der Thür darf nun herein, und der Abend fliegt unter allerlei Scherzen fröhlich hin. Die Hochzeit ließ nun nicht lange auf sich warten.

Der festliche Tag war erschienen, ein schöner klarer Herbstmorgen, und fröhlich auf schäumenden Pferden jagte die Hochzeitsgesellschaft zur fernen Kirche hin. Voran ritt stattlich, er wie sein Pferd mit Bändern geschmückt, der Hauptmarschall (das heißt Brautführer). Dreimal umritt er gewissenhaft jeden einzelnen Wagen; dann jagte er davon. Hinter ihm die Braut im Geleit des Brautbruders, meist eines Verwandten, der ihr Beschützer und zugleich verbunden ist, den Marschällen allerlei Possen zu spielen. Dann folgte der Wagen des Bräutigams, dahinter Verwandte und Gäste, je nach Rang und Stand. Nach beendigter, sehr einfacher Trauung reitet das Paar nach Hause. Die junge Frau sitzt auf einem oft recht muthigen Pferde ohne Zügel, in einem stuhlartigen Sattel, von einem nebenbei reitenden Marschall an der Hand gehalten, wobei die Pferde oft auseinandergehen – ein neuer Beweis für die alte Wahrheit, daß es nicht nur in unseren verschiedenen deutschen „Vaterländern“, sondern überall seine Schwierigkeiten hat, in den Hafen der Ehe einzulaufen, respective einzureiten. Vor ihr reitet ihr Geliebter mit dem Brautvater, in weißen Strümpfen, buntem Gurt, weitem, braunem Rock, ein rothes Band um den Hut. Sein Haar ist lang und lockig. Prächtig sieht auch sie aus: rothe Strümpfe, worüber die Pasteln oder pantoffelartigen Schuhe, am Knöchel zusammengeschnürt, eine weiße Schürze, ein blauer enggefalteter Rock, darüber ein weißleinenes Uebertheil mit steif stehendem Kragen bis zur Taille, die unter den Armen beginnt. Ueber allem trägt sie einen braunen kürzeren Ueberrock, am Hals von der einen Seite blau, von der anderen roth eingekantet. Am glänzendsten ist die Brautkrone, ein Aufsatz über den ganzen Kopf, mit Perlen reich besetzt, viele Bänder hängen auf den Nacken nieder, zwei große rothe nach vorn. Das Haar ist glatt gescheitelt und von hinten in zwei Zöpfen nach vorn gerichtet. Die Brust schmückt ein rothes Kreuz mit sechs Enden aus Band, und drei runde Broschen aus rothen Steinen halten das Oberkleid zusammen.

Auf dem kürzesten Wege eilt nun Alles dem Paare voraus nach Hause; denn nun giebt es meist einen Schwank. War nämlich schon unterwegs alles Mögliche zur Versperrung und Verhinderung geschehen, so kommt jetzt zu Hause der Hauptstreich: Thor und Thür sind verrammelt. Man reißt ohne Umstände Alles weg und fährt unter Schießen und Juchheien in den Hof.

Der seltsame Gebrauch, daß ein Marschall einen Degen in’s Dach stößt (etwa um böse Geister auszutreiben) und mit einer Kanne Meth die Gäste umreitet und sie bespritzt, den Rest aber auf des Brautpferdes Kopf gießt, hat wohl aufgehört. Heutzutage ist man realistischer, man trinkt lieber selbst; denn der Trunk (Meth, Bier, Branntwein) ist eine Hauptsache. Der Anfang geschieht mit einem Glase Branntwein zu Ehren des Paares. Vor Tische singt ein Kundiger ein geistliches Lied strophenweise vor; die Anderen fallen ein. Um das Paar sitzen die Gäste. Ueber ihnen hängen Kronleuchter aus Leisten oder Reifen, mit Blumen, Aehren oder Beeren umflochten. Die Tische tragen Speisen in Fülle, wobei salzige Fische und Schweinebraten eine Hauptrolle spielen. Obst ist selten: dafür giebt es Kartoffeln, auch Preißelbeeren. Bei Tische herrscht tiefes Schweigen; es wird wacker gegessen und getrunken. Man wundere sich aber nicht, wenn vielleicht das Tischtuch vergessen ist und die Knochen des Bratens unter den Tisch fliegen, oder wenn sich ein rechter Trunkenbold auf ein Bund Stroh zurückzieht, die Kanne neben sich. Es ist hier eben noch echte, reine Natur. Und dazu bietet vielleicht ein Gesang der Brautjungfern ein poetisches Gegenstück, der oft ganz angenehm klingt, denn die Sprache ist wohllautend, wenn auch der Vortrag eintönig ist. Nach Tische wechseln Gesang, Spiele und Erzählungen ab, zuweilen auch ein derber Schwank. Beim Tanz ging es zu, wie in unseren gewöhnlichen Tänzen. Nur ein kurzer Schleifer war bemerkenswerth. Auch das eigenthümliche Instrument – der Dudelsack nämlich, wird der Civilisation bald zum Opfer fallen.

Als man nun ruhte und zur Abwechselung Lieder sang, auch übertragene deutsche Lieder und Melodien, da entstand plötzlich ein Lärm und Aufbruch; der Brautbruder hatte einen seiner gewöhnlichen Streiche verübt: er hatte die Braut entführt. Sofort begann ein Wettrennen der nachsetzenden Marschälle, bis sie ihn eingeholt und die Braut zurückgebracht hatten. Damit sie aber nicht wieder geraubt werde, begann der Mittel- und Schlußpunkt des Festes, das Aufsetzen der Mütze (Haube). Die Braut sitzt allein in der Mitte, eine angesehene Frau tritt feierlich zu ihr und setzt ihr unter Segenssprüchen oder Versen die rothe, kegelförmige, bebänderte Mütze auf und bindet ihr die Schürze um. Darauf tritt der Brautbruder zu ihr, ergreift den Zipfel derselben und bietet nun allen Witz auf zu einer launigen Anrede an die Gäste. „Diese Schürze,“ so schließt er, „hat an Ecken und Enden viele große Löcher. An Euch ist es, sie zu flicken und diese Braut nicht so schmählich fortgehen zu lassen. Tretet also heran, und seid nicht karg oder blöde! Und was ist das auch, eine so kleine Schürze zu flicken!“

Darauf treten die Gäste vor und werfen nach und nach ihre Gaben hinein. „Ah, sieh zu!“ ruft der Brautbruder, „das soll ein Flick sein? Ein so großes Loch und ein so kleiner Flick! Der hält gewiß nicht; der bricht durch.“ Und damit holt er ohne Umstände den kargen Geber und beredet ihn, bis er sich bessert. „Ah, diese da (er zeigt auf eine wohlhabende Frau), die versteht’s, sag’ ich Euch! Gebt nur Acht! Aha, das ist ein blanker Flick (ein Silberstück), das lieb’ ich; das hält. Doch schon vorbei? O nein, das war nur der Anfang. Du willst nur ein bischen gestreichelt sein“ – und er schüttelt ihren Aermel so hartnäckig, bis sie mehr giebt. Darauf vertheilt die Braut gewöhnlich ihre Geschenke. – Der Festjubel dauert nun zwar oft noch mehrere Tage, ja eine Woche, bis die bedeutungsvolle Suppe mit ihren steinharten Klößen erscheint; es kommen auch noch allerlei Schwänke vor – namentlich der Kampf um die Kisten und Kasten der abziehenden Braut, um die weidlich geschrieen, gebalgt, wohl auch ein Wagen umgeworfen wird, aber im Ganzen ist die Feier beendet, und ehrbare Weiber führen die Braut dem Bräutigam unter geistlichen Liedern oder Segenssprüchen zu. Wir ließen unsern Renner auspannen, und – ade, Hochzeit auf der Insel Worms!




Schmarotzer des Schlachtfeldes (Illustr. S. 251). Unsere Abbildung führt die Leser nochmals auf ein Schlachtfeld des russisch-türkischen Krieges. Des Künstlers geschickte Hand stellt uns mit demselben eine Kehrseite des so hoch gepriesenen Heldentodes und Schlachtenruhmes dar: eine Rotte Türken, die den auf dem „Felde der Ehre“ daliegenden Feind ausplündert, gleichgültig dagegen, ob er schon todt ist oder, schwer verwundet, nach menschlicher Hülfe schmachtet. Solche Bilder sind bisjetzt leider eine Zugabe zu jedem Kriege gewesen (wir erinnern an die Hyänen der böhmischen Schlachtfelder), und sie sind um so mehr geeignet, das heilige Wort Frieden recht warm an jedes Herz zu legen. Möge es den Diplomaten des nächsten Congresses gelingen, die bereits von Neuem drohenden Schwerter in den Scheiden festzuhalten!

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1878). Leipzig: Ernst Keil, 1878, Seite 254. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1878)_254.jpg&oldid=- (Version vom 7.5.2020)