Conradin am See

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Autor: Gustav Schwab
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Titel: Conradin am See
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 8–11
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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[8]
Conradin am See.[1]

Kaum ist der Frühling im Erwachen,
Es blüht der See[2], es blüht der Baum,
Es blüht ein Jüngling dort im Nachen,
Er wiegt sich in der Wellen Schaum.

5
Wie eine Rosenknospe hüllet

Ein junges Purpurkleid ihn ein,
Und unter einer Krone quillet
Sein Haar von güldenerem Schein.

Es irret auf den blauen Wellen

10
Sein sinnend Auge, wellenblau,

Der Leyer, die er schlägt, entschwellen
Gesänge von der schönsten Frau.

Des ersten Donners Stimmen hallen,
Im Süden blitzt es blutig roth;

15
Er läßt sein Lied nur lauter schallen,

Ihn kümmert nichts, als Liebesnoth.

Und wenn er Minne sich errungen,
So holt er sich dazu den Ruhm,
Und herrscht, vom Lorbeerkranz umschlungen,

20
In seiner Väter Eigenthum.


Kind! wie du stehst im schwanken Kahne,
So rufet dich ein schwanker Thron,
Vertrau’ dem Schatten nicht, dem Ahne,
Verlaßner, armer Königssohn!

25
Du bist so stolz und unerschrocken,

Du sinkest, eh’ du’s nur geglaubt,
Die Krone sitzt auf deinen Locken,
Als träumte nur davon dein Haupt! –

Er höret keine Warnungsstimme,

30
Schwimmt singend auf dem Abgrund hin,

Was weiß er von des Sturmes Grimme?
Nach Lieb’ und Leben steht sein Sinn.

[9]

So gib ihm Leben, gib ihm Liebe,
Du wonnevolles Schwabenland!

35
Verdopple deine Blüthentriebe,

Knüpf’ ihm der Minne selig Band!

Es hat zu leben kurz der Knabe;
Hauch’ ihm entgegen Lebensluft,
Durchwürze jede kleine Gabe

40
Mit ew’ger Jugend Blüthenduft!


Mach’ ihm den Augenblick zu Jahren,
Den er an diesen Ufern lebt,
Daß er mit ungebleichten Haaren
An Freude satt gen Himmel schwebt!

45
Was ist’s? Er läßt die Leyer fallen,

Er springt an’s Ufer, greift zum Schwert;
O seht ihn über Alpen wallen
Mit treuen Männern, hoch zu Pferd!

Der Lust, der Liebe Lieder schweigen,

50
Er glüht von edlerem Gelüst;

Er will der Väter Thron besteigen –
Und wandelt auf das – Blutgerüst.

Was willst du mit der Blumen Kranze,
Du grünes, seebespültes Land?

55
Was willst du, Luft, mit blauem Glanze?

Was willst du, leerer Kahn, am Strand?

Ihr wart geschmückt zu Freud’ und Wonne,
Dem letzten Staufen dientet ihr:
Verhüllet euch, o Erd’ und Sonne!

60
Denn es ist aus mit eurer Zier!
Gustav Schwab.

  1. [9] Vom herrlichen Stamme der Hohenstaufen war zuletzt nur noch ein schwaches Reis übrig: Friedrichs II., des größten Kaisers Enkel, Konrads IV. Sohn: Conradin, den ihm Elisabeth von Bayern, die Schwester Herzogs Ludwig des Strengen, zu Landshut geboren hatte. Mit dem Titel „König in Jerusalem und Sicilien und Herzog in Schwaben[10] erwuchs er länderlos am Hofe der Herzoge von Bayern, indessen Fürsten und Reichsvasallen dem reichen Richard von Cornwallis, Bruder des Königs von England, zu Worms huldigten, der zugleich mit Kaiser Philipps Enkel, Alphons von Castilien, die gierigen Hände nach Schwaben ausstreckte (1259 n. Ch.). Erst als die Beiden, doch nur Schattenkönige, vom Schauplatz abgetreten waren (1260), erhoben sich die Freunde der Staufen wieder und einige echt teutsch Gesinnte faßten nochmals den Gedanken, den letzten Hohenstaufen auf den Thron zu setzen. Vergebens schleuderte Papst Urban Verbote und Gegenerklärungen. Eberhard Truchseß von Waldburg, Bischof von Constanz, hatte sich erkühnt, die Vormundschaft und den Schutz Conradins zu übernehmen. Mit kleinem Gefolge war der eilfjährige Knabe in sein väterliches Erbe gekommen. Seine Freunde hatten ihn zu Ulm und Rotweil Fürstentage halten lassen. Dann lebte er einige Zeit in Ravensburg und stieg endlich herab an die Ufer des Bodensees. Zeitgenossen schildern ihn als einen lieblichen und wunderschönen Jüngling von gebildeter Erziehung und der lateinischen Sprache so kundig, daß er sich aufs Vollkommenste darin auszudrücken wußte. Seinen edeln Geist entwickelte das tragische Schicksal seines Hauses, die Freundschaft, die Natur, deren heitere und belebende Einwirkung der zarte Jüngling an den blühenden Ufern des Sees tief empfand, und welche ihn vielleicht hier zu den, Jugendlust und doch ahnungsvolle Trauer athmenden Frühlingsgesängen in seiner schwäbischen Muttersprache begeisterten, wie wir sie gleich zu Anfange die Manesse’sche Minneliedersammlung schmücken sehen. So zog er in seinem väterlichen Herzogthum umher, um aus den Trümmern des Hohenstaufischen Erbes Mittel zu seinem italienischen Kriegszuge zu sammeln. In Arbon, dicht am Gestade des See’s, verlebte er ein halbes Jahr und verlieh, „wegen der langen Gegenwart Unsrer Diener und Unsrer Hoheit,“ den Bürgern das Gericht und den Blutbann. Armer Conradin! was für süße Hoffnungen sproßten damals in deiner jungen Brust auf, als du um diese Zeit, bei der kleinen Stadt Engen im Hegau, dem Grafen Rudolf von Habsburg die Anwartschaft auf die Kyburgischen Reichslehen gabst, „wenn du erwählt und ernannt, die höchste Stufe, den Thron des römischen Reichs erstiegen haben würdest!“ Diesem Rudolf, der wenig Jahre nachher, auf dem Schutte der Hohenstaufen, sich und seinem Hause einen länger dauernden Thron errichtete; aber die Stufen, die du erstiegst, königlicher Jüngling, führten dich zu dem Mordblocke, auf welchem dein edles Haupt fiel!
    (Aus des Freiherrn von Laßberg’s Bildersaal, II. S. 89.)
  2. [10] Das Blühen des See’s hat derselbe wohl mit mehreren Landseen gemein. Im März sind nämlich oft ganze Strecken seines Wassers mit einem gelben Staube bestreut, der sich bald schleimig zusammenhängt, und erst nach tagelangem Umherschwimmen verschwindet. Diese Erscheinung [11] kann nicht vom Blähen der Wasserpflanzen herrühren, da der See deren nur wenige hat; es ist vielmehr nichts anders, als der männliche Samenstaub der an den Ufern wachsenden Obst- und Waldbäume.
    (siehe Gustav Schwabs: „Der Bodensee und das Rheinthal etc.“)

    Friedrich Otte, der Elsäßische Dichter, besingt dies Blühen wie folgt:


    Wenn von dem Himmel nieder die Abenddämmrung steigt
    Und sich das Haupt der Blume zu sanftem Schlummer neigt,

    Da fängt, wenn Alles feiert, wenn Schiffer ruht und Kahn,
    Im See ein andres Leben, ein andres Blühen an.

    Die Welle, die so fröhlich das Ufer erst bespült,
    Sie legt sich leise nieder, vom Abendwind gekühlt.

    Und dunkle Purpurröthe steigt aus der Tiefe Quell
    Und macht die Seefluth glänzen gleich einer Rose hell.

    Gleich einer Rose duftig, von zart gewobnem Schein,
    Es strahlen die Zauberfarben weit in die Nacht hinein.

    – Das ist ein Werk der Feyen tief in des Wassers Grund;
    Die treiben da ihr Wesen in stiller Abendstund’.

    Beim hellen Sonnenschimmer kann nicht ihr Werk gedeih’n,
    Der Mond in stillen Nächten begünstigt sie allein.

    Da springen auf die Pforten des Schlosses von Kristall,
    Es heben sich aus den Tiefen die leichten Wesen all;

    Laut jubeln sie und schlingen den Reigen strandentlang
    Und freuen sich des Zaubers, der ihnen gut gelang;

    Kaum aber ruft den Morgen der muntre Wächter an,
    Da fängt die schimmernde Rose sich zu entfärben an;

    Und wenn der Alpen Stirne im Morgenstrahl erglüht,
    Da feiern die Nixen wieder, da ist der See verblüht

    (Siehe Gedichte von Friedrich Otte. Basel, 1845. Schweighauser. S. 157.)