Seite:De Beneke Hamburgische Geschichten und Sagen 313.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

überreichen, wie allezeit bei solchen Anlässen gebräuchlich. Welches sie auch gnädigst an- und aufnahm. Folgenden Sonntags fuhr die Königin gegen 9 Uhr nach St. Petri-Kirche. Das Raths-Gestühlte daselbst war mit köstlichen Tapezereien belegt und behangen. Die Königin und der Landgraf Friedrich von Hessen nebst seiner Gemahlin nahmen hier Platz. Der Pastor und Senior Dr. Müller hielt eine schöne Predigt, und legte den Text aus von der Königin aus Arabia, mit welcher er die Königin Christina gar sinnreich verglich. Sie aber hörte ersichtlich wenig zu und hatte der trefflichen Rede kein Acht; gleichwohl beschenkte sie hernach den Herrn Doctor mit einer güldenen Gnadenkette. Es war noch eine schöne Musik angeordnet; wie solche nach der Predigt recht angehen sollte, und die Chor-Jungen und Cantoren eben hoch und tief ausholten zum kräftigen Intoniren, da hatte Ihre Majestät übergenug und ging aus der Kirche, was nicht ganz unanstößig vermerkt worden ist. Der Raths-Schenk Benedict Petersen fand hernach auf ihrem Sitze ein Buch, das war von Zibeth wohlriechend gemacht und in braunroth Leder gebunden, auch stark verguldet; er dachte, es wär etwa ein Schwedisch Gesang- oder Gebetbuch, als er’s aber öffnet, da waren es des heidnischen Dichters Virgilius Carmina. Er trug das Buch zum worthaltenden Bürgermeister Barthold Moller, dieser befahl ihm, solches alsbald Ihrer Majestät wieder einzuhändigen. Als er es nun Derselben überreichte und dabei mit bedeutsamer Ernsthaftigkeit die Bermerkung that, wo er’s gefunden, da hat die Königin das Buch mit gar sonderbarem, fast sportlichem Lächeln in Empfang genommen, was den Herrenschenken sehr gewundert.

Fast alle Tage, so lange sie hier war, ist sie bald in Manns-, bald in Frauen-Kleidern ausgeritten, zu großem Aergerniß mancher der ehrbaren Frauen Hamburgs. Am 16. Juli wurde sie nebst den Hessischen Herrschaften und andern

Empfohlene Zitierweise:
Otto Beneke: Hamburgische Geschichten und Sagen. Hamburg: Perthes-Besser & Mauke, 1854, Seite 313. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Beneke_Hamburgische_Geschichten_und_Sagen_313.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)