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Verschiedene: Die Gartenlaube (1859)

„Gott!“ rief er dann noch einmal; aber er schrie es nicht, er sprach das Wort aus freier, auf einmal leicht gewordener Brust. Und auch sein Blick war frei und klar, und sein ganzes Wesen war es. Dann richtete er sich auf seinem Lager auf, und indem er sich aufrichtete, sagte er mit fester, klarer Stimme:

„Wie ich jene Schrift zerrissen habe, so widerrufe ich ihren ganzen Inhalt. Ich nehme Sie Alle zu Zeugen. Eines neuen Testaments bedarf es nach dem Gesetze nicht. Aber meinen Sohn wünsche ich noch zu sprechen, ihn und Marianne.“

Der Geistliche ging aus dem Zimmer, und kehrte nach einer halben Minute zurück. An der Hand führte er den Sohn des Kranken und Mariannen. Aber die Beiden kamen zu spät, um den Segen noch zu empfangen, der ihnen hatte ertheilt werden sollen. Die körperlichen und geistigen Anstrengungen der letzten Stunden waren für den Kranken zu erschütternd und ergreifend gewesen. Seine schwachen Kräfte waren erschöpft. In dem Augenblicke, als der Pater mit den jungen Leuten eintrat, sank er verscheidend auf sein Lager zurück. Der Sohn und das Mädchen konnten nur weinend an einem Todtenlager knieen. Zu ihnen ließ sich der Geistliche nieder. „Die Gnade des Himmels ist eine unendliche,“ sprach er. „Herr, Deine Liebe wird sie auch ihm zu Theil werden lassen!“




Die Frau Langlet und ihre Tochter bekamen wir nicht wieder zu Gesichte, als wir das Sterbezimmer und das Haus verließen. Aber nach sechs Monaten hatte ich die Freude, anstatt eines neuen „Testaments des Verrückten“ seinen wahren letzten Willen doch noch zum gerichtlichen Protokoll feststellen zu können, indem ich den Ehevertrag zwischen Herrn Louis François Lohmann und Mamsell Marianne – ihren französischen Namen habe ich vergessen – gerichtlich aufnahm.

Und was im Jahre 1813 geschehen war? Ich weiß es nicht. Ich kann es auch meinen Lesern nicht sagen, wenn ich wahr bleiben will.

Die Frau Langlet habe ich nie wieder gesehen; sie war mit ihrer Tochter nach dem Elsaß zurückgekehrt.

François Lohmann, wenn er etwas wußte – ehrte das Andenken seines Vaters. Der Pater Theodorus war Beichtvater.




Der Retscher zu Speier.
(Mit Abbildung.)

Unsere heutige kleine Abbildung zeigt die Trümmerreste des einst mächtigen Palastes der alten Reichsstadt Speier, in welchem auf dem bekannten Reichstage von 1529 der „Taufstein des Protestantismus“ stand. Es ist nicht Aufgabe dieser Zeitschrift, das Für und Wider der kirchlichen Fragen zu besprechen, wir begnügen uns deshalb mit der einfachen Geschichtsdarstellung der Ereignisse, die damals acht Jahre nach dem Reichstage von Worms eintraten und den Protestanten ihren Namen gaben.

Nach mehrfachen fruchtlosen Versuchen, die religiösen Streitigkeiten friedlich zu ordnen, hatte Kaiser Karl V. auf den 3. Februar 1529 einen neuen Reichstag nach Speier berufen, auf welchem man die rechte Lösung des verworrenen Knotens zu finden meinte. Statt des Kaisers und in seinem Namen erschien sein Bruder Ferdinand, König von Ungarn, der aber erst den 5. März mit dreihundert bewaffneten Reitern eintraf und im Rathhofe seine Wohnung nahm. Nach ihm zogen die baierischen Herzöge Friedrich und Wilhelm mit ebenfalls dreihundert Reitern heran, dann die Kurfürsten von Mainz und Trier mit großem Gefolge; am 13. März der Kurfürst von Sachsen, Johann der Beständige, mit den Theologen Melanchthon und Agricola, übrigens ohne Harnisch und Waffen, indem er sich „auf den Landfrieden verlassen“; nach ihm der Kurfürst Ludwig V. von der Pfalz u. A. m. Erst am 18. März rückte Landgraf Philipp von Hessen mit zweihundert Reitern und anderem Gefolge ein.

Am 15. März fand im oberen großen Saale des Retscherpalastes die Eröffnung des Reichstages statt. Die erste Angelegenheit auf der Tagesordnung betraf den Türkenkrieg, welchen man katholischerseits als eine Strafe für die „Religionsirrungen“ ansah und zu dessen glücklicher Beendigung der Kaiser von den deutschen Fürsten Geld und Truppen verlangte. Der zweite und wichtigste Punkt handelte von den Religionsangelegenheiten. Des Kaisers Forderung ging dahin: kein Reichsstand solle seine Landeskirche von Rom lostrennen, keiner innerhalb seines Landes die Reformation einführen, jeder vielmehr dem Reichsoberhaupte unbedingten Gehorsam leisten und zur römischen Kirche zurückkehren. Zur Prüfung dieser kaiserlichen Propositionen wurde am 18. März ein Ausschuß von neunzehn Personen erwählt, in welchem wir aber nur fünf evangelische Stimmen finden, nämlich Kursachsen, Baden, Solms, Straßburg und Nürnberg. Am 24. März beschoß die Mehrheit des Ausschusses folgende Antwort:

1) Wer bisher das Wormser Edict gehalten, solle es auch ferner thun.

2) In den Ländern, wo man bisher Religionsneuerungen eingeführt habe, sollten diese künftig unterbleiben.

3) In eben diesen Ländern solle das Messelesen frei gestattet werden.

4) Kein geistlicher Stand solle seiner obrigkeitlichen Macht, seiner Rente und seiner Güter entsetzt werden dürfen, bei Strafe der Acht und Aberacht.

5) Die Secten, „welche dem Sacrament des wahren Leibes und Blutes widersprechen“ (d. i. Zwingli’s Anhänger), und die Wiedertäufer sollten nirgends geduldet werden.

Um uns kurz zu fassen, übergehen wir die verschiedenen Sitzungen, die noch gehalten wurden und in welchen die genannten Punkte von der Majorität angenommen wurden, während die (evangelische) Minorität ihre Einwilligung zu dem die Religion betreffenden Artikel versagte.

Nachdem es dem Landgrafen Philipp von Hessen gelungen war, einen innigen Bund zwischen den evangelischen Fürsten und den evangelischen Städten zu Stande zu bringen, nahte die entscheidende Stunde heran. Es war der 19. April, an welchem abermals eine Sitzung im Retscher anberaumt war. Jakob Sturm schreibt darüber:

„– Auf solches sind der Churfürst von Sachsen und die Fürsten von Hessen und Anhalt, dazu anderer Fürsten Botschaften, so sich vormals beschwert haben, ausgetreten (d. h. in ein Nebenzimmer gegangen), und sich ein Klein unterredt ihrer Protestation halb. Ist mittlerzeit die Kgl. Majestät und andere Commissarien ausgetreten und ab dem Haus gangen. Haben die Churfürsten und Fürsten zu seiner Kgl. Maj. schicken lassen, und gebeten, Ihre Maj. und Commissarien wollen in der Versammlung verziehen; Ihre Gnaden wollen ihre Beschwerden anzeigen; aber die Kgl. Maj. hat solches nicht wollen thun und angezeiget: Ihr Maj. hab ein Befehl von Kais. Maj., den habe sy ußgericht, daby loß’ er’s bliben. Auf solches sind die Chur- und Fürsten wider in Stub gangen und sich protestirt, den Abschied nicht anzunehmen.“

Die Protestirenden waren: Kurfürst Johann von Sachsen, Markgraf Georg von Brandenburg-Baireuth, die Herzoge Ernst und Franz von Lüneburg, Landgraf Philipp von Hessen, Fürst Wolfgang von Anhalt und die 14 Städte: Straßburg, Nürnberg, Ulm, Constanz, Lindau, Memmingen, Kempten, Nördlingen, Heilbronn, Reutlingen, Isny, St. Gallen, Weißenburg (in Franken) und Windsheim. Die protestirende Erklärung wurde nicht blos mündlich vorgetragen, sondern auch schriftlich „vor Kurfürsten, Fürsten und allen Ständen öffentlich verlesen und überantwort“. Die Evangelischen erklärten darin: „in allen schuldigen und möglichen Dingen“ dem Kaiser Gehorsam zu leisten, aber in Sachen, „die Gottes Ehr’ und unserer Seelen Heil und Seligkeit angehen und betreffen“, nach ihrem Gewissen zu handeln; darum seien sie nicht im Stande, den Reichstagsbeschluß als für sie verbindlich anzuerkennen.

Samstag den 24. April fand die Schlußsitzung statt. König Ferdinand erklärte darin den Majoritätsbeschluß als rechtskräftigen Reichstagsabschied und weigerte sich, den Protest in den Abschied aufzunehmen. Da appellirten denn die Protestanten von Ferdinand an den Kaiser Karl und versammelten sich anderen Tages „in dem kleinen Stüblein in des würdigen Ehren Peter Muterstats, Caplans in der St. Johanns-Kirche zu Speyer, Behausung“, wo sie durch die Notare Salzmann und Stettner das Instrumentum Apellationis

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1859). Leipzig: Ernst Keil, 1859, Seite 242. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1859)_242.jpg&oldid=- (Version vom 1.5.2023)