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Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1864)

aber tief, wenn echte Montavoner Hobel leichtsinnig von Montavonern selbst verkauft werden. Man ist zwar still zur Sache, wenn solche in großen Lieferungen über das Wasser nach Amerika gehen, macht aber dem Unmuthe um so lauter Luft, wenn selbe in den bisher von Montavonern innegehabten Grenzen käuflich abgesetzt werden; man nimmt nämlich hierbei stillschweigend an, es möchten in der Länge der Zeit und mit dangelrechtem Hobel ausgerüstet die Westphalen, die Wiener, die Ungarn u. A. ihre Weißkohlköpfe zu Sauerkraut zu hobeln selbst erlernen.

Und nach Wochen und Wochen, am Weihnachtsabende, erscheint dann unser Krautschneider, der Ende Septembers ausgezogen war, in seinem erborgten Tirolercostüm, mit Hobel, Stock und Marendsack und einhundert Gulden in der Tasche, wieder in Vorarlberg, wohlgenährt und seelenvergnügt zu Bludenz auf dem Markte und „stört“ noch, ehe er die Alfenz überschreitet und in’s Montavon einbiegt, für seine Kinder „de Klosa“. Dieser Klos ist St. Nikolaus, der Bischof von Myra. Derselbe kommt nach der kindlichen Anschauung am heil. Abend (25. Decbr.) als freundlich lächelnder Greis mit Mitra, Kreuz und Tunica hoch zu Roß und mit Geschenken aller Art gerade aus dem Paradies nach Bludenz auf den Markt. Die guten Hausmütter und Hausväter „stören“ dort den heiligen Mann, d. h. zupfen ihn etwa manierlich am Aermel und bitten ihn, ihrer Kinder nicht zu vergessen. St. Nikolaus kennt aber genau alle Kinder im Revier, und je nachdem dieselben gesittet und brav waren oder nicht, fallen seine Bescheerungen reichlich oder spärlich aus. Es wissen aber des Krautschneiders Kinder, daß heute Abend der Aetti aus der Fremde kommt, daß er in Bludenz Klosa stören und mancherlei „Kram“ mitbringen wird, was Wunder also, wenn ihnen aller Schlaf aus den Augen gewichen und sie vor Ungeduld fast vergehen. Es ist zehn Uhr Abends, und unser Krautschneider tritt in Gaschura in eine niedrige Hütte und in eine traulich warme Stube ein, wo im Tischwinkel zwei bausbackige Buben und ein kleines, braunes, glanzäugiges Mädchen andächtiglich beisammen „höckeln“ und zu dem Klosa beten, aber plötzlich erschrocken zusammenfahren, wie der Tiroler hereinkommt. Dieser aber reißt rasch den spitzen Hut vom Kopfe: „Er werden mi wol no kenna?“ und sucht und greift hastig und geheimnißvoll lächelnd herum in den Taschen nach all’ den Geschenken und Krämen, und da ist nun unter den Kleinen ein Aufschrei des Entzückens, ein fröhliches „Gottwilcha, Aetti“ und ein endloses, freudiges Begucken und Betasten all’ der Sachen, die St. Nikolaus durch ihren heimkehrenden Aetti ihnen eingelegt, daß der Hausmutter, und ich glaube fast auch dem Aetti, das helle Wasser in die Augen schießt.

Wir, die wir dies niederschreiben, und der geneigte Leser, der es liest, befinden uns in dem Falle, als ständen wir bei einem halbgeöffneten Fensterläufer des krautschneiderischen Häuschens in Gaschura und als sähen wir, selbst unbemerkt, all’ diese Glückseligkeit. Wenn uns auch Niemand übel nehmen wird, daß wir in seliger Erinnerung an unsere eigene Jugendzeit und die beglückende Christbescheerung einen Augenblick hier stehen bleiben, die schöne Gruppe betrachtend, so halten wir es doch für passend, gleich darauf leise den Fensterläufer zuzuschieben, still vorüber zu gehen und somit vom Montavoner Krautschneider Abschied zu nehmen.

J. Vonbun. 




Amerikanische Special-Mittheilungen der „Gartenlaube“.
Nr. 2. Der nordamerikanische Eisenbahn-Buchhandel.

Als ich nach Amerika kam, schien mir hier eine in der That neue und bessere Welt vorhanden; allein dies lag nur in der Unbekanntschaft, und das Essen vom Baume der Erkenntniß hatte seine leidige Wirkung. Mit frischer Empfänglichkeit nahm ich alle Erscheinungen im Babel am Hudson, in New-York, in mich auf, und als dieses weite Revier einigermaßen geläufig geworden war, kam mir die Einladung zum Besuch nach Philadelphia überaus gelegen. Dort sollte dem Vernehmen nach ein viel gemüthlicheres Leben herrschen, als in New-York, und Niemand machte mich aufmerksam, daß die Bezeichnung durch „Stadt der Bruderliebe“ nur ironisch aufzufassen sei. Niemand führte an, wie auch dort die grobe Selbstsucht ihr Unwesen treibe und arme Menschen wegen Nichtzahlung des Hauszinses dem unbarmherzigen „Help yourself“ (hilf dir selbst) in die Arme geworfen würden, indem man sie einfach an die Luft setzt. Kurzum, ich trat die kurze Reise in bester Stimmung an, ohne der herkömmlichen Eisenbahnunfälle zu gedenken, wodurch die Zeitungen ein Hauptinteresse erhalten. In allen „Cars“, oder Karren, wie man die eleganten Eisenbahnwagen nennt, glitzerten die prächtigsten Ladiesaugen und überstrahlten vielfach recht elende Schminkungen, so wie meistens sehr gute Toiletten. Durch die Vermittelung eines Conducteurs bekam ich einen Rücksitz ohne Nachbarschaft, von wo aus sich die gesammten Wagengenossen von Angesicht zu Angesicht überschauen ließen. Da in der Regel nur Herren in Begleitung von Ladies Zutritt erhalten, wo besondere Ladies-Cars eingerichtet sind, so zog ich Vereinzelter natürlich die Augen besonders auf mich, und Neugierde sprach entschieden durchweg aus denselben. Welch eine schöne Gelegenheit, sich in das Studium leuchtender Augensterne zu vertiefen! Allein trotz aller Bereitwilligkeit, dies zu thun, konnte ich doch zu keiner rechten Andacht dabei gelangen, denn fortwährend erschien im Wagen ein etwa vierzehnjähriger Bursche, hinter sich stets die Thür unfläthig zukrachend, um – Buchhändlergeschäfte zu treiben. Dergleichen sind auf allen Eisenbahnlinien stationär etablirt und scheinen unter Concession der Direktionen, speciell aber der Schaffner zu stehen.

In Deutschland würde solch ein kleiner Geschäftsmann, wenn er existiren dürfte, sicher so sanft und bescheiden wie möglich auftreten, dabei sich der sprachgewandtesten Ausführlichkeit bedienend. Es würde dort etwa klingen: „Ist Ihnen vielleicht ein Eisenbahnwegweiser gefällig, mein Herr?“ während hier zu Lande republikanischer Lakonismus freiheitsfleglerisch waltet. Nach dem Eintritt in einen Wagen mit obligatem Thürgekrach, schreit so ein Bursch gellend blos die Namen der Zeitungen aus und geht dabei links und rechts frech um sich blickend durch die Mitte des Wagens, hinter sich darauf dessen entgegengesetzte Thür wieder barbarisch zuschmeißend. Wer ein Blatt zu haben wünscht, muß dasselbe verlangen und es wird ihm gegen Bezahlung protzig dargereicht, wobei der Bengel sich wohl auf die Lehne eines der Sitze hinlümmelt, seinen Fuß irgendwo hoch aufstemmt und gewöhnlich einen Gassenhauer pfeift, wenn er nicht etwa Tabak kaut und dabei widerwärtig spuckt. Das Publicum zeigt sich dieser Art des Auftretens keineswegs abgeneigt, es hat sich daran gewöhnt, und Viele freuen sich im Gegentheil noch darüber, indem sie darin Zeichen lobenswerther, freiheitsfreundlicher Gesinnung erblicken, worauf der Fortbestand der großen republikanischen Union basirt sein soll. Nur Einzelne fangen jetzt an, das Nachtheilige solcher Zuchtlosigkeit zu begreifen, und es wird noch geraume Zeit erfordern, bis man allgemein bessere Sitten einführt.

Kaum hat der junge Geschäftsmann seine Tour durch alle Wagen des Zuges vollendet und ist in einen der hintersten, oder auch gelegentlich der vordersten, zurückgekehrt, wo er sein Depot hat, so kommt er auch schon wieder mit einer neuen Literaturtracht herangelärmt. Diesmal erscheint der Betriebsame bücherbelastet und findet mich eben beschäftigt, die klebrigen Finger eines etwa fünfjährigen, buntspechtartig herausgeputzten, candisnaschenden Mädchens von mir abzuwehren. Dergestalt in Anspruch genommen, kann ich dem literarischen Vermittler keine besondere Aufmerksamkeit widmen, die er mir dafür schenkt; denn es schallt in mein Ohr der gellende Ruf: „United States Railroad Guide, Sirrrrr!“ (der Vereinigte Staaten-Eisenbahnführer, Herr!) das Trommelfell bedenklich erschütternd. Emporfahrend halte ich meine beiden Ohren zu, mache ein grimmiges Gesicht und brumme dazu lakonisch: „No!“ worauf der Schlingel höhnisch hell auflacht. Er hat vermuthlich die Wagengesellschaft irgendwie von seiner witzigen Absicht unterrichtet; denn ich sehe auf allen Gesichtern beifälliges Lächeln oder Lachen. Man gönnt ersichtlich dem „old Dutchman“ (altem Deutschen), wofür mich sicher Alle erkennen, die Verhöhnung und genügt damit einem Widerwillen gegen unsere Landsmannschaft, der an ein gewisses Schülerverhältniß Lehrern gegenüber erinnert, an denen man schwache Seiten findet.

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verschiedene: Die Gartenlaube (1864). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1864, Seite 797. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1864)_797.jpg&oldid=3277797 (Version vom 31.7.2018)