Seite:Die Gartenlaube (1865) 544.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
verschiedene: Die Gartenlaube (1865)

doch auch wieder zeitweis leichter missen als sonsten und horchte nicht mehr so ängstlich an Thür und Fenster, wenn er mal über die Zeit ausblieb. Ich sagte ihm auch wohl und lachte hell dazu: ‚Jetzt kannst Du mir schon gestohlen werden, jetzt hab’ ich mein Kind,‘ und dann lachte er auch mit dem ganzen Gesicht dazu und sagte: ‚Na, wenn Du das Kind allerweil lieber hast als mich, dann brauchst Du mich ja nicht mehr,‘ und dann ging er zur Thür hinaus und that grimmig bös. Ich wußt’ schon, daß er Uz trieb und hatte meine Freud’ dran und that auch so mit; so, als wenn ich mich gar nicht um ihn kümmern thät; aber mitten in der Freud’ und dem Uz klopfte mir doch das Herz und es wurde mir unruhig, bis er wieder den Kopf in die Thür steckte und mit seinen großen Zähnen mich anlachte und fragte: ‚Das Kind oder den Mann?‘ Da rief ich denn geschwind: ‚Den Mann, den Mann!‘ und wenn er nun hereintrat und ich ihn wieder bei mir wußte, dann wollt’ ich ihn wieder uzen und sagte: ‚Aber doch das Kind! Etsch!‘ Und dann nahm er mir das Bübchen von der Brust, schwenkte es hoch in die Höh’ und rief: ‚Ja, Du hast Recht!‘ Und dann hat er mich auch wohl um den Hals gefaßt und mir einen Kuß gegeben, und so hatten wir denn unsere tausend Freud’ an dem Streit.“

Frau Thomas machte eine Pause und sah vor sich nieder, während ihr Mann trübselig mit dem Kopfe nickte, als wolle er bestätigen, was die Frau erzählt hatte. Sie begann dann auf’s Neue:

„Ich mußte Ihnen das schon erzählen, Herr Amtmann, denn wenn’s auch wie weit abliegt von der Sach’, es gehört doch dazu; es hat uns ja darnach gar schrecklich viel zu denken gemacht und wir haben gemeint, es sei eine Sünd’ gewesen mit dem Uz, den wir so trieben, weil’s gar so schrecklich Ernst damit wurd’.“

Die Erzählerin war so ergriffen, daß sie einige Augenblicke nicht sprechen konnte: dann blickte sie zu ihrem Mann auf, gleichsam um Hülfe flehend, daß er selbst die Hauptsache erzählen möge. Er verstand sie auch wohl, schüttelte aber traurig mit dem Kopf und machte eine leise Handbewegung, so, als wenn er sagen wollte: ‚Sprich Du nur weiter,‘ doch blickte er sie gut und aufmunternd an und sie sprach nun auch weiter:

„So wie wir’s damals erzählt haben, bis wir zur Eisenbahn gekommen waren, ist’s ganz genau; aber justement nun ist’s anders gewesen und wir haben’s keinem Menschen nicht sagen mögen: wir wissen eigentlich selber nicht, warum. Darum aber hat’s uns auch wohl desto schwerer im Gemüth gelegen und ich hab’ mir nun denkt, es wird mir besser, wenn’s noch ein anderer Mensch weiß, und ein Mensch, der gut ist und gescheidt, wie Sie, Herr Amtmann, daß er mir sagen kann, ob ich ein Unrecht gethan hab. Die Sach’ war nämlich so: Als mein Anton und ich den Vater eben vor die Eisenbahn führten, hört’ ich schon den Dampfwagen schnauben, aber ich sah noch nichts von ihm, denn der Nebel lag über mannshoch auf dem Grund und ich dacht’, das Ungethüm wär noch weit ab. Es war denn auch jede Minute kostbar, daß wir nach daheim kamen, denn mein Thomas mußte partout wimmern vor Schmerz und er meint’, sein Fuß brenne ihm wie Höllenstein. Es war ja auch nur ein Hupferle hinüber und wir hätten auch noch lange Zeit gehabt, hinüberzukommen, wenn mein Mann nicht gestolpert und gestürzt wäre und der Jung’ nicht den Fuß gebrochen hätte. Alle Beide lagen nun mitten auf der Bahn, rechts von mir der Thomas, links abgeschleudert der Anton. Und in demselben Augenblick, wie sie dalagen und aufschrien, hört ich das Ungethüm erschrecklich stöhnen und schnauben und durch den dicken Nebel sah ich seine glühenden Augen gar grausam gierig auf den Thomas und den Anton gericht’ und ich sah dicke Funken durch den Nebel wibbeln, als wenn der Teufel die Hölle stochert, und die Dampfwolken jagten wild durcheinander, nach oben und unten, wie Geisterspuk. So sah ich’s vor mir und war wie wirbelig, und wenn ich tausend Jahr alt werd’, ich kann’s nimmer vergessen, und in demselben Augenblick sah ich: Nur den Thomas könnt’ ich retten oder den Anton. Herr Amtmann, Herr Amtmann! Es mag viel Millionen Herzeleid auf der Welt geben, aber das Alles kann nicht so erschrecklich und grausam sein, wie das, was ich nun ertrug in wenig Augenblicken. Und darnach hab’ ich nimmer begreifen können, wie man in gar so kurzer Zeit und bei so entsetzlicher Angst so viel durchdenken könnt’, als ich’s nun that! Das Mutterherz riß mich gewaltig hin zum Kind und schon war ich auf dem Sprung’ zu ihm und wollte den Thomas liegen lassen, und dann hielt mich’s wieder zurück, als wenn des Herrgotts Hand selber mich faßte, und dann dacht’ ich: er war eher dein, als das Kind; er hat das eheste Anrecht und du hast am Altar geschworen, ihn nimmer zu verlassen. Und dann fühlt’ ich auch, daß ich ihn doch noch lieber hätt’ als das Kind, und daß er auch mehr nütz sei auf der Welt, und zugleich dachte ich auch wieder, das sei abscheulich, so zu denken, und keine Mutter dürfe vom Kind lassen, wenn sie nicht eine Rabenmutter wär. Und da sah ich das Ungethüm aus dem Nebel herausrasen, schrecklich anzusehen, und hörte die schwarzen Männer da oben rufen und ich sah, daß sie das Ungethüm aufhalten wollten, aber daß es nicht ging und da faßte ich mir das Herz und wandte mich ab vom Kind und griff nach meinem Manne und packte ihn, als wenn ich ein Ries’ wäre, und zog ihn mit einem Ruck von den Schienen weg und da stampfte das Ungethüm auch schon hin über mein armes, armes Kind. Es war todt und ganz caput!“

Frau Thomas saß auf einmal wie gelähmt an Geist und Gliedern vor mir und starrte mich an mit glanzlosen Augen. Ihr Mann bebte an allen Gliedern und er griff an seinen Bart, als wenn er sich daran festhalten wollte. Dann aber nahm er sich zusammen und während ich erschüttert von ihr zu ihm blickte und die tiefe Stille der schrecklichen Erinnerung durch kein Wort entweihen wollte, trat Thomas an die Seite seiner Frau und legte seinen starken Arm liebevoll um ihren Nacken. Das schien sie wie elektrisch zu berühren. Sie wandte sich mit schmerzlich glücklichem Lächeln zu ihrem Mann um und faßte seine Hand und hielt sie fest; dann sah sie mich mit schweren, fragenden Blicken an; so, als ob sie schon aus meinen Augen, meinen Zügen das Urtheil erforschen wolle, welches ich über das außerordentliche Ereigniß fällen werde. Ich konnte sie nur tief gerührt, mit dem liebevollsten Mitleid und der innigsten Hochachtung ansehen. Ich konnte ihr dann nur die Hand reichen und sagen:

„Arme, arme Mutter! Rechtschaffene, tapfere Frau!“ Da fiel es wie Wolkenschatten von ihrem schwermuthsvollen Antlitz, von ihren umflorten Augen; ein helles Roth der Freude flog über ihr Antlitz und ihre Augen belebten sich mit wundersam rührender Kraft. Strahlenden Blickes sah Thomas mich an, hoch aufgerichtet, den einen Arm fast zitternd vorgestreckt, und zum ersten Mal seit Jahren sah man wieder seine großen, weißen Zähne glänzen.

„Herr Amtmann!“ rief die Frau jetzt aus, „Gott vergelte Ihnen Ihr Herz und Ihr Wort viel tausige Mal!“ Sie stand auf und umfaßte ihren Mann und sah ihm freudig in das glänzende Gesicht und wieder rief sie aus: „Herr Amtmann, mir ist’s, als wenn wir nun doch noch wieder glücklich werden könnten! Nicht wahr, Thomas?“

„Mir ist’s accurat so!“ schluchzte Thomas und bemühte sich dann nicht mehr, die fest zurückgehaltenen Thränen noch länger zu bergen. Sie flossen jäh und voll herab, herab auf die Hand seiner Gertrude, und auch Gertrude weinte so heiß und so glücklich, wie ich niemals einen Menschen weinen sah. Damals und seitdem hatten sie keine Thräne vergossen, jetzt weinten sie sich frei und stark. Ich ließ sie still gewähren. Frau Thomas begann dann wieder:

„Sehen Sie, Herr Amtmann, das war’s, was mich so verwandelt hat, was mir alle Freude der Welt schier mit Wermuth versetzte und immer wieder mich fragen ließ: ‚Hast du auch recht gehandelt? Hast du dich nicht versündigt an deines Leibes Fleisch und Blut?‘ Ich konnte nicht Ruh und Freud’ mehr finden seit der Stund’, und ich hab dem Thomas gesagt, daß ich nimmermehr wieder ein Kind haben dürfte.“ Sie schwieg mit tiefem Erröthen und ich fühlte, daß nun der rechte Augenblick gekommen sei, wo ich auch durch ein ernstes, mahnendes Wort noch nachhaltig eingreifen könne in das Geschick dieser braven Menschen. Ich sagte daher sehr nachdrücklich:

„Sie sprachen jetzt nur von sich, Frau Thomas; aber Ihr Mann – litt denn auch der so lang und schrecklich an jenem Ereigniß?“ Frau Thomas sah mich groß an, dann antwortete sie nicht ohne einige Verlegenheit:

„Das wohl gerad’ nicht, aber weil ich so elendiglich war, war er’s auch und er ließ mich gewähren.“

„Ha ha, da haben wir’s!“ warf ich rasch ein und fuhr dann lebhaft erregt fort: „Sehen Sie, Frau Thomas, das war Ihr Unrecht, Ihr Unrecht an Ihrem Manne. Sie zeigten ihm ja Tag für Tag, wie schrecklich theuer Sie ihn sich erkauft hatten; Ihr Leid mußte ihn auch seinetwegen schmerzen, mußte ihm das Opfer, das Sie ihm gebracht, bitter vergällen, mußte ihn zweifeln lassen, ob Sie ihn auch wirklich noch so lieb hätten, wie Ihre Wahl es ihm gezeigt hatte, und er war zu gut, um Ihnen das Alles zu sagen. Nicht wahr, Herr Thomas?“

Thomas war in immer größere Bewegung gekommen, er hatte schon einige Male angesetzt, um mitzusprechen, er hatte mit dem weit vorgebeugten Kopfe lebhaft genickt und mit der ausgestreckten Hand auf und nieder gewinkt, als eifrige Bestätigung alles dessen, was ich sagte. Jetzt brodelte es förmlich aus ihm heraus: „Accurat so ist’s, accurat so, wie der Amtmann sagt, wahrhaftig! Ich hab’s ganz so gedacht und gefühlt so, ja, und es hat mir das Herz abbrechen wollen und ich hab’s doch nicht sagen mögen, weil sie doch so viel für mich gethan hatte. Und daß wir kein Kind mehr haben sollten, machte mir das Herz oft so tief, wie der Brunnen ist.“

Süße, züchtige Scham, bange Verlegenheit, selige Freude, ernstvolle Vorwürfe – das Alles, Alles malte sich deutlich im ganzen Wesen der Frau ab, bis sie auf einmal ihrem Mann um den Hals fiel und ausrief: „Verzeih! verzeih!“

Da wurde der gute Thomas puterroth vor Verlegenheit, so, als ob er etwas ganz Dummes gemacht habe. Es war rührend, ihn so zu sehen. Nun noch dies und jenes gute, festigende Wort von mir, und ich ging und durfte überzeugt sein, daß das Glück hier wieder walten werde. Und so geschah’s denn auch. Wieder ist Thomas der lustige, tapfere, prächtige Thomas, ist seine Gertrud ganz ebenso und sein Junge verspricht es zu werden. Wieder hat alle Welt ihre Freude an den Dreien, hat die größte Freude Eines am Andern und ein Jedes wieder an sich selbst. Aber niemals wieder haben sie den „Uz“ gemacht, wer der Gertrud am liebsten sei: der Mann oder das Kind?

Schl.




Nicht Maxel, sondern Ludwig. In unserm Schnadahupfl aus Kissingen in Nr. 32 d. Bl. hat die loyale Kissingerin in der Fülle ihrer Begeisterung für den jungen Landesherrn den Sohn mit dem Vater verwechselt: sie schwärmt für den Maxel anstatt für den Ludwig, dessen Cigarrenstumpel sie als Reliquie aufbewahrt. Unsere Leser werden das Quiproquo sofort selbst berichtigt haben.


Kleiner Briefkasten.

J. Pl. in Lemberg. Zwar sehr schmeichelhaft für uns, daß man uns – nach den verschiedenartigsten Auskünften zu urtheilen, die man von uns verlangt – für allwissend zu halten scheint; leider aber müssen wir die uns solchergestalt zugedachte Ehre bescheidentlich von der Hand weisen und können auch Ihnen nur erwidern, daß wir in Ihrer Erbschaftsangelegenheit noch viel weniger wissen als Sie selbst. Das Testament des Verstorbenen ist uns in seinen einzelnen Bestimmungen völlig unbekannt, wir sind also nicht im Stande Ihnen einen Rath zu ertheilen, ob Sie an den Nachlaß Anspruch erheben können oder nicht.

G. L. in Dresden. Die Gartenlaube befaßt sich nie mit Kritiken ihr zur Prüfung eingesandter Manuscripte; dazu hat sie weder Raum noch die Redaction Zeit zur Verfügung. Ihre Erzählung ist übrigens noch ein ziemlich unreifes Product.

J. A. K…r Wien. Die Rechenmaschine, nach welcher Sie sich erkundigen, ist am Besten von A. M. Hoart in Paris, Rue du Helder 13 zu beziehen und ihr Preis 500 Franken.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1865). Ernst Keil, Leipzig 1865, Seite 544. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1865)_544.jpg&oldid=- (Version vom 7.9.2022)