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No. 6.

1866.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Goldelse.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)

„Es wird besonders meinem Bruder, der jetzt fern von mir weilt, eine große Freude sein,“ sprach Fräulein von Walde, als sie sich vor einer hohen Flügelthür von Elisabeth verabschiedete, „wenn er hört, daß ich die Musik wieder aufnehme. Oft hat er stundenlang in einer dunklen Ecke gesessen und meinem Spiele zugehört. Später haben mich meine kranken Nerven gezwungen, der lieben Musik zu entsagen. Jetzt fühle ich mich aber wieder viel kräftiger, der Arzt hat mir wieder zu spielen erlaubt, und nun will ich tüchtig üben, um den Bruder zu überraschen, wenn er zurückkommt.“

Wie geflügelt eilte Elisabeth durch den einsamen Park und den Berg hinauf, und als sie die Reihenfolge ihrer Eindrücke den sehnsüchtig harrenden Eltern mitgetheilt hatte, da schloß sie mit den Worten: „Deiner Lehre nach, Väterchen, dürfte ich mir heute eigentlich noch kein festes Urtheil über die neue Bekanntschaft bilden; denn Du verwirfst den ersten Eindruck als etwas Trügliches, das uns leicht ungerecht macht. Aber was kann ich für meine widerspenstige Phantasie? So oft ich an die beiden Damen denke, sehe ich eine junge, einsame Hängebirke, die einer vom Sturm getragenen Wetterwolke ihre elastischen Zweige willenlos preisgiebt.“ –

Von nun an ging, nach schon andern Tags getroffener Vereinbarung, Elisabeth zweimal wöchentlich hinunter nach Lindhof. Diese Musikstunden wurden für das junge Mädchen sehr bald eine Quelle hoher Genüsse. In den Zwischenpausen pflegte sich Helene in ihren Fauteuil zurück zu lehnen, und Elisabeth setzte sich dann auf einen Fußschemel zu ihren Füßen, entzückt der flötenartigen, melancholischen Stimme lauschend, mit der das arme, mißgestaltete Wesen aus seiner Vergangenheit erzählte. Dann trat jedesmal das Bild des fernen Bruders in den Vordergrund. Sie konnte nicht genug rühmen, wie er für sie sorge und denke, wie er, obgleich bedeutend älter und sehr ernst, sich bemühe, auf ihre kleinen Liebhabereien und Eigenheiten einzugehen. Sie erzählte ferner, daß er die Besitzung Lindhof einzig aus dem Grunde gekauft, weil die Schwester bei einem längeren Besuch am Hofe zu L. gefunden habe, die Thüringer Luft wirke ganz besonders wohlthätig auf ihren leidenden Zustand. Aus Allem ging hervor, daß er Helene zärtlich lieben müsse.

Eines Nachmittags, als ungewöhnlich lange musicirt worden war, trat ein Bedienter ein und meldete einen Besuch.

„Bleiben Sie heute Abend bei mir zum Thee,“ sagte Fräulein von Walde zu Elisabeth. „Mein Arzt aus L. ist gekommen und es haben sich auch einige Damen aus der Nachbarschaft melden lassen. Ich werde Jemand hinaufschicken zu Ihrer Mama, damit sie sich über Ihr Ausbleiben nicht ängstigt. Mein Zwiegespräch mit dem Doctor wird nicht lange dauern, bald bin ich wieder bei Ihnen.“

Damit ging sie hinaus. Es waren kaum zehn Minuten vergangen, als die Thür sich wieder öffnete und Fräulein von Walde am Arm eines Herrn eintrat, den sie Elisabeth als Herrn Doctor Fels aus L. vorstellte. Er war ein stattlicher Mann mit einem geistvollen Gesicht, der sich bei Nennung ihres Namens sogleich lebhaft an Elisabeth wandte und ihr in ergötzlicher Weise erzählte, wie er sowohl, als die ganze ehrsame Bewohnerschaft von L. des Erstaunens und Entsetzens kein Ende gewußt hätten, als es laut geworden sei, daß das alte Schloß Gnadeck wieder Bewohner, und zwar aus Fleisch und Bein, beherberge.

Plötzlich rauschte es im Nebenzimmer, und gleich darauf erschienen zwei weibliche Gestalten, eine alte und eine jüngere, von etwas absonderlichem Aeußeren in der Thür. Die große Aehnlichkeit in den Gesichtszügen ließ sogleich erkennen, daß die Eingetretenen Mutter und Tochter seien. Helene von Walde begrüßte die Damen als Frau und Fräulein von Lehr, und Elisabeth erfuhr später, daß sie, in L. wohnhaft, den Sommer gewöhnlich im Dorfe Lindhof zuzubringen pflegten, wo sie sich in einem Bauernhaus eingemiethet hatten.

Unmittelbar nach den Eingetretenen kam die Baronin Lessen am Arme ihres Sohnes und von einem Herrn begleitet, der von den Anwesenden als Herr Candidat Möhring angeredet wurde.

Die Baronin war dunkel, aber mit ausgesuchter Eleganz gekleidet; sie sah imposant aus. Auf der Schwelle blieb sie einen Augenblick stehen und schien sehr unangenehm überrascht durch Elisabeth’s Anwesenheit. Sie maß das junge Mädchen mit einem hochmüthig fragenden Blicke und erwiderte ihre Verbeugung mit einem kaum bemerkbaren Kopfnicken.

Helene hatte den Blick aufgefangen und trat ihr näher, indem sie begütigend flüsterte: „Ich habe meinen kleinen Liebling heute hier behalten, weil es durch mein Verschulden doch gar zu spät geworden war.“

Elisabeth’s feinem Ohr entging jedoch diese Entschuldigung nicht. Sie war empört und wäre am liebsten durch das Fenster geflohen, in dessen Nische sie stand, hätte nicht gerade der Stolz ihr geboten, zu bleiben und dem Hochmuth der Baronin die Stirn zu bieten. Diese schien indeß durch die Sühne des hinter ihrem Rücken begangenen Verbrechens zufriedengestellt zu sein. Sie nahm Helene in ihre Arme, streichelte zärtlich ihre Locken und sagte ihr tausend Schmeicheleien. Dann forderte sie die Anwesenden auf, ihr in das Nebenzimmer zu folgen, wo servirt sei. Sie machte

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1866). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1866, Seite 81. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1866)_081.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)