Seite:Die Gartenlaube (1866) 193.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1866)

No. 13.

1866.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Goldelse.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)


Nie in ihrem ganzen Leben hatte Elisabeth eine so entsetzliche Veränderung in einem menschlichen Antlitz bemerkt, wie die, welche bei dem jähen Erscheinen von Fräulein von Quittelsdorf in Herrn von Walde’s Zügen vor sich ging. Auf der bleichen Stirn zeigte sich sofort eine starke blaue Ader, seine Augen sprühten und die Nasenflügel dehnten sich aus. Er stampfte heftig mit dem Fuße, und es sah aus, als habe er die größte Lust, die unwillkommene Störerin, die jetzt, ihr Kreppkleid hoch aufnehmend, sich durch die Büsche arbeitete, wieder dahin zurückzuschleudern, wo sie hergekommen war. Diesmal gelang es ihm nicht so rasch, Herr seiner innern Bewegung zu werden, vielleicht wollte er auch gar nicht, denn seine Augenbrauen falteten sich noch grimmiger, als Hollfeld hinter der Hofdame auftauchte. Bei dessen Erblicken schob Herr von Walde Elisabeth’s Arm heftig wieder in den seinigen und preßte ihn fest an sich, als solle sie ihm entrissen werden.

„Wie sehen Sie denn aus, Herr von Walde?“ rief Fräulein von Quittelsdorf, mitten in den Weg springend, „Sie machen uns ja wahrhaftig ein Gesicht, als wären wir Banditen, die es auf Ihr Leben oder mindestens auf Ihr kostbarstes Hab und Gut abgesehen hätten!“

Ohne ein Wort auf diese Ansprache zu erwidern, wandte er sich an seinen Vetter und fragte kurz: „Wo ist Helene?“

„Sie bekam plötzlich Angst vor dem weiten, unebenen Weg,“ entgegnete dieser, „und hat es vorgezogen, zu fahren.“

„Nun, ich denke, Du wirst es dem alten Grafen Wildenau nicht überlassen, Helenen aus dem Wagen zu helfen; ich begreife überhaupt nicht, wie Du als vielgetreuer Ritter den Hauptweg verlassen konntest … Einige rasche Schritte werden die Versäumniß ausgleichen, ich werde Dir nicht hinderlich sein,“ sagte Herr von Walde mit auffallend scharfer Stimme, während ein sarkastisches Lächeln um seine Lippen zuckte. Er trat mit Elisabeth seitwärts, um das Paar vorüberzulassen.

„Und warum sind Sie nicht auf dem Hauptweg geblieben, wenn man fragen darf?“ frug Fräulein von Quittelsdorf pikirt und schnippisch; sie war in diesem Augenblick bei Weitem mehr Kammerkätzchen, als Hofdame.

„Das können Sie erfahren; einfach, weil ich hoffte, auf diesem einsamen Weg der redseligen Zunge gewisser Damen zu entgehen,“ erwiderte Herr von Walde trocken.

„Hu, wie grob! … Gott behüte einen in Gnaden vor solch’ einem sauertöpfischen Geburtstagskind!“ rief die Hofdame sich schüttelnd und im komischen Entsetzen einen Schritt zurückprallend. „Es war sicher ein Mißgriff, daß wir heute nicht mit Leichenbittermienen, Citronen in den Händen und bis über die Nase in schwarzen Krepp gewickelt erschienen sind.“

Sie hing sich schmollend wieder an Hollfeld’s Arm und schob ihn vorwärts; allein es hatte den Anschein, als wolle dieser unerhörter Weise und vielleicht zum ersten Male in seinem Leben seinem Vetter trotzen. Langsam, wie ein Lebensmüder, schritt er weiter. Er sah angelegentlich rechts und links in die Büsche, als beschäftige ihn jeder Stein, jede vorbeihuschende Eidechse; dabei knüpfte er ein Gespräch mit seiner Begleiterin an; ihre Antworten waren scheinbar von großem Interesse für ihn, denn er blieb sogar einigemal stehen, um keines ihrer Worte zu verlieren.

Herr von Walde murmelte etwas zwischen den Zähnen, Elisabeth konnte es nicht verstehen, aber der feindselige Blick, den er auf seinen Vetter schleuderte, ließ sie errathen, daß er auf’s Aeußerste ergrimmt sei über dessen Gebahren. Mit ihr sprach er nicht mehr. Er wandte einmal langsam den Kopf nach ihr und sie fühlte, daß seine Blicke unverwandt auf ihr ruhten, allein es war ihr unmöglich, die Augen zu ihm aufzuschlagen. Hätte er nicht auf der Stelle sehen müssen, daß ihr ganzes Innere in Aufruhr war über jenen räthselhaften Glückwunsch, den er ihr mit tiefbewegter Stimme soufflirt hatte? … Er würde mittels eines einzigen Blickes errathen haben, was in ihr wogte und stürmte, und – sie mochte diesen Gedanken gar nicht ausdenken – infolge dieser Wahrnehmung seinen vielleicht sehr harmlos gemeinten Einfall bereuen. Es war eine natürliche Folge dieser Befürchtung, daß die Lider des jungen Mädchens sich noch tiefer senkten, als zuvor, und deshalb konnte sie auch nicht bemerken, wie ein leiser, unhörbarer Seufzer über die Lippen ihres Begleiters glitt, während der Groll aus seinen Zügen verschwand, um dem gewissen melancholischen Schatten über und zwischen den Augen Platz zu machen.

Ein schwacher, schnell hinsterbender Trompetenton, den ohne Zweifel die Ungeduld der auf der Galerie des Thurmes wartenden Musikanten hinausgeschickt hatte, verrieth die Nähe des Festplatzes. Bald summte und lärmte es, als ob ein großes Zigeunerlager in der Nähe sei; der Weg wurde breiter, hinter dem nächsten Buschwerk wogte ein buntes Gedränge, und plötzlich schmetterte eine wahre Salve von Posaunen- und Trompetentönen auf die Ankommenden herab. Elisabeth benutzte diesen Moment, ihren Arm leise aus dem Walde’s zu ziehen und sich unter die Gesellschaft zu mischen, die einen dichten Kreis um den Schloßherrn bildete, während Flora, als Dryade costümirt und von vier andern gleichdecorirten Waldnymphen umgeben, ihn in holprigen Hexametern im Waldrevier begrüßte.

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1866). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1866, Seite 193. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1866)_193.jpg&oldid=3278148 (Version vom 31.7.2018)