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Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1866)

Das Gebiet eines höheren Geisteslebens, die ganze Welt der Bildung, der Wissenschaften und Künste war dem Liebling und vertrauten Freunde Friedrich Wilhelm’s des Ersten, dem Genossen seines Tabakscollegiums in den späteren Jahren seines Lebens so fremd geblieben, als sie ihm in seiner Kindheit und Jugend gewesen. Daß er Wissenschaft und Kunst gehaßt hätte, meint einer seiner Biographen, wäre zu viel gesagt; es fehlte ihm jedes Organ dafür, er nahm gar nicht so viel Kunde von ihnen, als zu einem Hasse erforderlich gewesen wäre. Nur für die Musik, so weit sie bei Jagd und Krieg als ein wirksames Reiz- und Prachtmittel dient, zeigte er einige seltsam genug sich äußernde Empfänglichkeit. Als er am 16. August 1705 nach der furchtbaren Blutarbeit bei Cassano an der Spitze seiner preußischen Regimenter durch dieses italienische Städtchen zog, wurde ihm von den Bewohnern, die Zeugen seines Todesmuthes gewesen, ein feierlicher Empfang bereitet. Sie stellten sich in Reih’ und Glied auf und begrüßten den erst neunundzwanzigjährigen Feldherrn mit einem eigens zu diesem Zwecke componirten Festmarsche, der auf ihn und seine Schaaren eine wunderbare Wirkung übte. So mächtig hatte noch niemals ein Klang sein Inneres berührt, als die feste, kühne und anfeuernde Weise dieses Tonstückes, dasselbe wurde sofort sein Lieblingsmarsch und später ihm zu Ehren der „Dessauer Marsch“ genannt, unter welchem Namen es bekanntlich fast ein Jahrhundert hindurch den Siegesschritt der preußischen Heere begleitet und bis zum heutigen Tage in allen Theilen der Welt als eine der volksthümlichsten Melodien sich erhalten hat. Auf diese Melodie beschränkte sich Leopold’s Liebe zur Musik, es war die einzige, welche er festzuhalten vermochte und an der er sein ganzes Leben hindurch mit treuester Beharrlichkeit festhielt; ihr legte er jeden beliebigen Text unter und nur die Gewohnheit vermochte namentlich das Aufsehen abzustumpfen, das es im Anfange erregte, wenn von seinem Sitze in der Kirche aus die kriegerischen Töne des Dessauer Marsches sich in den Gesang der Gemeinde mischten, denn auch die geistlichen Lieder sang er nur nach der geliebten Leibmelodie.

Man sieht, daß des Dessauers musikalisches Verständniß dem Grade seiner anderweitigen Geistesbildung entsprechend war. Ganz ähnlich verhielt er sich zur Religion. Es ist bekannt, daß er das Reformationslied („Eine feste Burg ist unser Gott etc.“) gern hatte und es „unseres Herrgotts Dragonermarsch“ nannte. Ueber die einzelnen Glaubenssatzungen jedoch hatte er wohl niemals nachgedacht; er ließ dies dahingestellt und fand sich ohne genaue Rechnung lieber im Ganzen ab, da er über sein fortwährend gutes Einvernehmen mit dem höchsten Wesen nicht den geringsten Zweifel hegte. In Bezug auf das Volk und die Soldaten aber sollten neben dem Zuchtstocke, den Spießruthen und dem Galgen auch Religion und Kirche zur Aufrechthaltung und Befestigung der Disciplin und des unbedingten Gehorsams, zur Belebung der Tapferkeit und einer nüchternen Moralität im Heere das Ihrige beitragen. Darum eben nahm er es mit der Wahl seiner Feldprediger sehr genau, freilich, wie wir gesehen haben, in seiner Weise.

Der Rauhheit seiner Sitten, seinem Mangel an Bildung und edlerem Geschmacke entsprach im Uebrigen auch seine Lebensweise. Er liebte den Prunk nicht, war einfach in Wohnung, Speise und Trank und nur bei feierlichen Gelegenheiten sah man ihn anders als in der Kleidung des gemeinen Soldaten, ohne daß er deshalb jemals aufgehört hätte, sich als den unumschränkten Beherrscher und Gebieter seiner Untergebenen zu fühlen, zu denen natürlich auch die Bewohner seines Landes gehörten. Sein scharfzugespitzter Feudalismus sprach nicht französisch, sondern wußte die eigensüchtige Anmaßlichkeit seiner Ansprüche hinter den cynischen Formen der damaligen Volksthümlichkeit zu bergen. Dadurch ward seine Persönlichkeit dem gemeinen Manne verständlich. Heute würde von der Art seines Wohlwollens, von der oft burlesken Schonungslosigkeit seiner Herablassung und Theilnahme der ärmste Recrut, der erbärmlichste Tagelöhner sich abgestoßen fühlen.

Gewiß hat er treffliche und in Bezug auf seinen militärischen Beruf auch große Eigenschaften gehabt. Grundzug seines Wesens aber blieb eine schrankenlose, auf Durchsetzung des eigenen Vortheils berechnete, oft bis zur Unmenschlichkeit sich steigernde Gewaltsamkeit. Seinem Willen, seinem Interesse und vermeintlichen Rechte gegenüber erkannte er keinen anderen Willen, kein anderes Recht und Interesse an. Befriedigung seines Ehrgeizes, Vermehrung seines Reichthums und Besitzes waren die Zwecke, die er mit allem Scharfsinn eines guten Rechenmeisters und aller Genialität und zähen Ausdauer einer naturwüchsigen Kraft verfolgte. Schon von früher Jugend an hatte er es sich zu einer Hauptaufgabe seines Lebens gemacht, den Boden seines Landes aus den Händen der bisherigen Grundeigenthümer in seinen persönlichen Besitz zu bringen. Die Verwirklichung dieses Lieblingsgedanken war kein leichtes Werk, da zur Erreichung der Absicht eine große Anzahl Familien ruinirt und von ihrem altererbten Besitze vertrieben werden mußten. Vor solchen Schwierigkeiten schreckte aber Fürst Leopold nicht zurück. Mit einer Härte und Beharrlichkeit ohne Gleichen setzte er im Laufe der Jahre seine Pläne durch: Edelleute, Bauern und Müller, ja selbst die dürftigen Landprediger jener Zeit mußten ihm im Laufe der Jahre ihre schönen Güter wie ihre kleinen Feldstücke gegen armselige Entschädigungen abtreten, bis das Land Dessau eine in solcher Art im deutschen Reiche einzige Erscheinung war, ein Fürstenthum ohne Grundbesitzer, in dem aller Boden der Krone gehörte und die Einwohner nur noch aus Beamten, Pächtern und Gewerbsleuten ohne allen echten Wohlstand bestanden. Faustrechtliche List und Gewalt waren die Mittel, durch welche dieses allem natürlichen Rechtsgefühl Hohn sprechende Ziel erreicht wurde.

Daß Leopold für diese verarmte, von ihm ausgesogene Bevölkerung in mancher Beziehung sorgen, ihr in Fällen der Noth hülfreich sein, den ihm gehörenden Boden durch Bauten verschönern, gegen Verwüstung durch Wasser schützen, durch gute Wirthschaft verbessern mußte, verstand sich von selbst. Er hat dies mit Geschick, Einsicht und Eifer gethan, aber als eine Regententugend haben wir es ihm eben so wenig anzurechnen, wie die in der That sehr zärtliche Liebe zu seinem eigenen Fleisch und Blut. Vergebens suchen wir in den von ihm aufbewahrten Zügen nach einem Beispiel, daß er außer den Seinigen noch irgend einen anderen Menschen uneigennützig geliebt hätte. Schon Friedrich der Große hatte einen sehr scharfen und klaren Einblick in diese Seite seines Charakters gethan. Er schätzte in dem am Hofe und im Heere seines Vaters so allmächtigen Manne den heldenmüthigen Krieger, den Ordner des Heeres, den Begründer so vieler Kriegstüchtigkeit, aber den Menschen in ihm liebte er nicht, nicht seine rauhen Sitten, seinen herrischen Despotismus. Als er auf den Thron gelangte, führte er sofort eine sanftere Behandlung der Truppen ein und verbot das unmäßige Schimpfen und Schlagen. Nach dem Tode des Fürsten urtheilte er über ihn: „Der Fürst von Anhalt war ein Mann von ganzem und gewaltsamem Charakter; lebhaft und zugleich klug in seinen Unternehmungen, verband er mit der Tapferkeit eines Helden die schönsten Erfahrungen aus den Feldzügen des Prinzen Eugen. Seine Sitten waren wild, sein Ehrgeiz war schrankenlos; geschickt in der Belagerungskunst, ein glücklicher Krieger, aber ein schlechter Bürger, wäre er aller Thaten der Marius und Sylla fähig gewesen, wenn das Geschick ihm die Stellung dieser Römer gegeben hätte; Unter vielen großen Eigenschaften, die er besaß, war keine einzige, die man gut nennen könnte.“




Der Väter Ehre sei der Städte Schmuck.


„Was spricht lauter zum Volke, eine Person oder eine That?“ Die Antwort auf diese scheinbar wunderliche Frage giebt das Volk selbst vor jedem Bilderladen. Bilder, welche eine That darstellen, versammeln stets eine große Schaar Theilnehmender vor sich, und erst wenn aus einer solchen That eine Person ganz besonders hoch hervorragt, wird auch das Bildniß derselben die Verehrer anziehen. Vor jedem Bilderladen können wir lernen, was am lautesten zum Volke spricht, – und dennoch läßt man die Kunst so selten in dieser Sprache öffentlich reden!

Oder hat die Erfahrung noch nicht deutlich genug gelehrt, wie viele unserer ehernen Bildsäulen für die große Masse des Volks vergeblich auf ihren Postamenten stehen? Sie sind stumm für das Volk, das ihre Bedeutung nicht kennt. Laßt ihre Thaten, ihr Wirken in ebenso öffentlichen Bildern von ihnen zeugen, und

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verschiedene: Die Gartenlaube (1866). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1866, Seite 659. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1866)_659.jpg&oldid=3278588 (Version vom 31.7.2018)