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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1871)


den Traditionen ihres Vaters, wie mit einem Panzer umgab, seit sie sich in Deutschland befand.

Doctor Stephan besaß ein hübsches Haus im schönsten Theile von B., dessen unteren Stock er allein bewohnte, der obere war an den Professor Fernow vermiethet, der, vor ungefähr drei Jahren an die Universität berufen, seit dieser Zeit die Wohnung inne hatte. Ein in der ganzen Gelehrtenwelt Epoche machendes wissenschaftliches Werk hatte dem noch jungen Manne den für seine Jahre bedeutenden Erfolg, die Professur in B., verschafft; er war völlig fremd, ohne Empfehlungen und Bekanntschaften, nur in Begleitung seines Dieners hierhergekommen, und hatte bereits mit seinen ersten Vorlesungen die vollste Aufmerksamkeit der Collegen und das vollste Interesse der Studirenden erregt. Bei diesem Erfolge blieb es aber auch; der Professor war nicht der Mann, der es verstand, ihn auszunützen ober sich selbst in irgend einer Weise geltend zu machen. Er vermied fast ängstlich jeden Verkehr, der ihm nicht durch seine Berufspflichten unumgänglich geboten war; er machte keine Besuche und empfing keine, entzog sich jeder Bekanntschaft, schlug jede Einladung aus und lebte in völliger Zurückgezogenheit seinen Studien. Seine sehr angegriffene Gesundheit mußte ihm dabei stets als Vorwand dienen; anfangs war man in B. wenig geneigt, dies gelten zu lassen, und versuchte dieser seltsamen Abgeschlossenheit Gott weiß welche geheimnißvollen und gefährlichen Motive unterzuschieben, bis man sich schließlich überzeugte, daß der Professor der sanftmüthigste und harmloseste Mensch von der Welt war, den nur seine Leidenschaft für das Studium, im Verein mit seinem wirklich sehr leidenden Zustande, zu dieser Lebensweise veranlaßte. Mehrere Collegen, die ihm durch amtliche Beziehungen näher getreten waren, sprachen sich mit aufrichtiger Bewunderung über dies staunenswerthe Wissen und diese staunenswerthe Bescheidenheit aus, die jede Anerkennung, jedes Hervortreten aus der Verborgenheit förmlich floh, aber sie waren von ganzem Herzen damit einverstanden, denn sie wußten am besten, wie gefährlich dieser Mann ihrer ganzen Autorität hätte werden können, hätte er mit dieser Fülle von Wissen zugleich eine hervorragende Persönlichkeit und einen energischen Charakter verbunden. So ließ man ihn denn unangefochten seinen stillen Weg gehen, seine Gelehrsamkeit ward neidlos geschätzt, seine Vorlesungen wurden zahlreich besucht; im Uebrigen aber spielte er an der Universität so wenig eine Rolle, wie in der Gesellschaft, und lebte mitten in B. wie ein völliger Einsiedler.

Auch Doctor Stephan fand keine Gelegenheit, sich über den stillen Miethsmann zu beklagen, der weder Lärm noch Unruhe in’s Haus brachte, pünktlich den Miethzins zahlte und, wenn er einmal sichtbar ward, stets sehr höflich grüßte, dabei aber jeder längeren Unterhaltung auswich. Der Doctor war fast der Einzige, der bei den leider häufigen Krankheitsfällen des Professors in seine Wohnung und dadurch in näheren Verkehr mit ihm selber kam; der Doctorin aber, die sich des Kranken gern mit mütterlicher Sorgfalt angenommen hätte, gelang dies durchaus nicht, und sie mußte sich begnügen, statt des Herrn den Diener unter ihr häusliches Commando zu nehmen.

Friedrich war nun allerdings weder mit hervorragender Intelligenz, noch mit besonderer Fassungskraft begabt; geistige Fähigkeiten waren ihm überhaupt nur in sehr beschränktem Maße zu Theil geworden; dafür hatte die Natur ihm einen Riesenkörper gegeben, und sonstige Mängel ersetzte er durch eine grenzenlose Gutmüthigkeit und eine wahrhaft rührende Anhänglichkeit an seinen Herrn. Ganz im Gegensatz zu diesem hatte er aber die entschiedenste Neigung, sich Anderen anzuschließen, und war gern bereit, die viele freie Zeit, welche sein Dienst bei dem Professor ihm übrig ließ, für all die kleinen Arbeiten und Hülfeleistungen zu verwenden, wozu ihn die Doctorin im Hause und der Doctor im Garten in Anspruch nahm. Auf diese Weise war er bei Beiden allmählich eine Art Factotum geworden, ohne dessen Hülfe nichts geschehen konnte, und er war es auch gewesen, der mit stundenlanger Mühe und seinem ganzen Aufwande von Denkkraft jene verunglückte Bewillkommnung der jungen Amerikanerin veranstaltet hatte, der er seit jener Scene stets halb scheu und halb grollend auswich.

Der Junimonat ging mit einem drückend heißen Tage zu Ende. In der Wohnung des Professor Fernow war es still wie in einer Kirche zur Wochenzeit, nichts regte sich hier, kein Laut unterbrach die tiefe Stille, welche in diesen Räumen herrschte. Ein Zimmer wie das andere, Bücherschrank an Bücherschrank und darauf die Bände in unendlicher Reihe, niedergelassene Vorhänge, mattes Dämmerlicht – der Geist und das Wissen von Jahrhunderten war hier zusammengehäuft; aber nicht ein einziger frischer Luftzug drang in diese feierliche Abgeschlossenheit. In seinem Studirzimmer, das sich von den übrigen durch nichts, als durch eine vielleicht noch größere Büchermenge unterschied, saß der Professor vor dem Schreibtische, aber er arbeitete nicht, Papier und Feder lagen unbenutzt vor ihm; den Kopf weit in die Lehne des Armsessels zurückgeworfen, die Arme übereinandergeschlagen, blickte er unbeweglich zur Decke empor. Vielleicht war es der auch hier das Fenster verhüllende grüne Vorhang, der seine Züge so seltsam bleich und krank erscheinen ließ; aber auch in der Haltung sprach sich eine unendliche Müdigkeit, eine grenzenlose Abspannung aus, und selbst das Auge verrieth nichts von jenem angestrengten Nachdenken, das vielleicht eben im Begriff ist, ein wissenschaftliches Problem zu lösen; es lag darin nur jene schwermüthige, haltlose Träumerei, die dem Dichter so oft und dem Gelehrten so selten zu nahen pflegt.

Die Thür ward geöffnet, und so leise dies auch geschah, so zuckte der Professor doch mit jener Reizbarkeit zusammen, die nur sehr nervösen Personen eigen ist; auf der Schwelle zeigte sich Doctor Stephan, hinter dem das besorgte, ängstliche Gesicht Friedrich’s sichtbar ward.

„Guten Abend!“ sagte der Doctor vollends eintretend. „Da bin ich, um Ihnen wieder einmal in’s Gewissen zu reden! Es geht schlecht heute, nicht?“

Der Professor blickte ihn befremdet an. „Durchaus nicht, Doctor! Ich befinde mich völlig wohl. Es muß ein Mißverständniß sein; ich habe nicht um Ihren Besuch bitten lassen.“

„Das weiß ich,“ sagte der Arzt ruhig. „Sie bitten überhaupt nicht darum, wenn es nicht gerade auf Tod und Leben geht; aber hier der Friedrich behauptet, daß es mit Ihnen nicht richtig sei.“

„Das ist es auch nicht!“ erklärte Friedrich, der sich vor dem unmuthigen Blicke seines Herrn hinter den Doctor geflüchtet hatte und unter dessen Schutze muthiger ward. „Schon seit lange nicht, und ich weiß auch, wann es anfing; es war der Tag, wo der Herr Professor im Regen ohne Schirm ausging und ohne Plaid mit der amerikanischen Miß zurückkam –“

„Friedrich, Du schweigst!“ unterbrach ihn der Professor plötzlich mit einer solchen Heftigkeit, daß Friedrich erschreckt von dem ganz ungewohnten Tone zurückprallte. „Du thätest überhaupt besser,“ fuhr der Professor fort, „Dich um Deine Obliegenheiten zu kümmern, als Dich in Dinge zu mischen, die Du nicht beurtheilen kannst. Geh jetzt und laß uns allein!“

Der Gescholtene, bestürzt durch diese ungewöhnliche Strenge seines sonst so gütigen Herrn, gehorchte zögernd; der Doctor aber, ohne sich um den Blick des Professors zu kümmern, der deutlich genug auch den Wunsch nach seiner Entfernung verrieth, zog einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder.

„Sie haben wieder gearbeitet? Natürlich! An diesem herrlichen Sommertage, wo alle Welt in’s Freie eilt, sitzen Sie vom Morgen bis zum Abend, ober vielmehr bis in die Nacht hinein, am Schreibtische. Sagen Sie mir um Gottes willen, wie lange glauben Sie denn, daß das so fortgehen kann, und daß Sie es überhaupt aushalten?“

Der Professor hatte sich, wenn auch mit augenscheinlichem Widerstreben, auf seinen früheren Sitz niedergelassen; er schien noch immer nicht der Erregung Herr geworden zu sein. „Ich werde mich erkältet haben,“ sagte er ausweichend.

„Was da Erkältung!“ unterbrach ihn der Doctor eifrig „Es handelt sich durchaus nicht darum, sondern um das Studium, das bei Ihnen nachgerade zur Manie geworden ist und Sie noch in’s Grab bringen wird, wenn Sie sich keine Erholung gönnen. Wie oft habe ich Ihnen das nun schon vorgepredigt! Aber was soll man mit einem Patienten anfangen, der immer sanftmüthig und geduldig zuhört, immer Ja sagt und dabei stets das Gegentheil von dem thut, was ihm befohlen wird!“

Der Professor hatte in der That mit großer Geduld zugehört. „Ich habe Ihren Anordnungen noch immer Folge geleistet,“ vertheidigte er sich mit leiser Stimme.

„O ja! Buchstäblich! Wenn ich Sie zum Beispiel zu Bett schicke, so legen Sie sich gehorsam nieder, lassen sich eiligst Lampe und Bücher an’s Bett bringen und studiren zur Abwechslung statt

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 262. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_262.jpg&oldid=- (Version vom 1.10.2017)