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fehlt der Franz überall, und mein Mädel sitzt nun vollends und weint sich die Augen aus, sie sollten zum Herbst ein Paar werden. Aber es half nun doch einmal nichts, er gehörte noch zum ersten Aufgebot und wir wollten die Sünde nicht auf uns nehmen, ihn festzuhalten.“

„Sünde!“ grollte Atkins wieder in seinem Englisch zu Jane gewendet. „Haben Sie je dergleichen gehört? Dieser Bursche sitzt sicher und geborgen hier in Frankreich, wo kein Mensch nach seiner Militärpflicht fragt. Er will hier heirathen, sich niederlassen, kommt wahrscheinlich in seinem Leben nicht nach Deutschland zurück, und kaum bricht der Krieg aus, so läuft er wieder nach Hause, läßt Braut, Hochzeit, Gewerbe, Alles im Stich, und meldet sich Hals über Kopf, um sich für den geliebten Rhein todt schlagen zu lassen – das Pflichtgefühl bei diesen Deutschen ist wirklich eine Art Manie!“

Jane hörte kaum auf seine Worte, ihr blitzte bereits ein Hoffnungsstrahl, wo Atkins Alles verloren gab; rasch wendete sie sich auf’s Neue zu dem Handwerker.

„Der junge Erdmann stand in naher Beziehung zu Ihrer Familie? Er sollte Ihr Schwiegersohn werden? Nun, dann wissen vielleicht Sie oder Ihre Tochter einiges aus seiner Vergangenheit, das uns von Wichtigkeit sein kann. Wir hoffen von ihm Auskunft in einer Familienangelegenheit zu erlangen, und würden uns gern in jeder Weise erkenntlich dafür zeigen.“

„Nun, was seine Verhältnisse betrifft, die kenne ich ziemlich genau. Er ist länger als zwei Jahre in meinem Hause gewesen, und die Liebesgeschichte mit meiner Marie nahm auch gleich in den ersten Monaten ihren Anfang,“ meinte Vogt bereitwillig. „Fragen Sie nur, Madame, ich denke, ich kann Ihnen Bescheid geben.“

Atkins zog sich etwas zurück, er sah, daß Jane die Sache völlig in ihre eigne Hand nehmen wollte, und überließ ihr das um so lieber, da er sich von dem bevorstehenden Examen kein besonderes Resultat versprach. In der That war seine Hülfe auch nicht nöthig, Miß Forest stellte ihre Fragen so klar, so sicher und energisch, wie der beste Criminalrichter es nicht anders vermocht hätte.

„Ihr künftiger Schwiegersohn ist in dem kleinen Fischerdorfe M. nicht weit von Hamburg geboren?“

Meister Vogt nickte.

„Er kam nach dem Tode seiner Eltern zu Verwandten in P., die ihn erzogen, von dort wanderte er nach überstandener Lehr- und Militärzeit nach Frankreich, um sich in der Kunsttischlerei zu vervollkommnen, und lebt bereits seit zwei Jahren in N. in Ihrem Hause?“

„Ganz recht!“ bekräftigte der Meister. Es ist wirklich unser Franz, den Sie meinen. Das stimmt alles auf’s Haar!“

„Hat er Ihnen nie,“ in Jane’s Stimme verrieth sich wieder die mühsam zurückgehaltene Spannung, „hat er Ihnen niemals von einem Bruder erzählt, der in M. mit ihm zusammen aufwuchs?“

„Das hat er freilich! Aber es war kein rechter Bruder, ein angenommenes Kind, das seine Eltern aus Hamburg mitgebracht hatten und in ihrer Gutherzigkeit behielten, da sich Niemand dazu fand.“

Jane schickte einen triumphirenden Blick zu Atkins hinüber, sie folgte trotz alledem der Spur. „Das also ist Ihnen bekannt? Die Knaben wurden später getrennt, aber auch jener Andere fand Aufnahme?“

„Ja, bei einem Gelehrten.“

Jane hob mit einer fast zuckenden Bewegung das Haupt empor. „Bei – einem Gelehrten!“ wiederholte sie langsam; „man sagte uns, es sei ein Geistlicher gewesen, der Pfarrer Hartwig.“

„Ja, ganz recht, aber nebenbei war es ein sehr gelehrter alter Herr, der immer nur zwischen seinen Büchern steckte. Franz hat uns einmal von ihm erzählt; er gab später sogar seine Pfarre auf – er war nicht arm –, um nur seinem Gelehrtenthum zu leben.“

Jane war auf einmal todtenbleich geworden. Ein Blitz zuckte nieder und zerriß jäh die Dunkelheit, welche auf dem Schicksal des so lang gesuchten Bruders lag, einen Moment lang leuchtete er grell und unheimlich, dann war es wieder Nacht, aber sein Aufflammen mußte der Schwester etwas Entsetzliches gezeigt haben, sie schauderte davor zurück.

„Sind Sie unwohl, Miß Jane?“ fragte Atkins besorgt und machte eine Bewegung, sich ihr zu nähern.

„Nein!“ Jane raffte sich zusammen und wies ihn zurück, ihr Athem ging kurz und heftig und die Hand, mit der sie sich auf den Tisch stützte, zitterte wie im Fieber.

„Und wissen Sie, ob jener Adoptivbruder noch am Leben ist, ob er in irgend einer Verbindung mit Ihrem Schwiegersohne steht?“

„Gewiß ist er noch am Leben,“ sagte der Handwerker ruhig. „Und sie werden sich auch wohl öfter schreiben, um Ostern wenigstens hatte Franz einen Brief von ihm.“

„Aus welchem Ort? Wie war er unterzeichnet?“ In Jane’s Stimme bebte die furchtbarste Erregung, ihr Blick heftete sich auf den Mann mit einem Ausdruck, als gelte es die Entscheidung über Leben und Tod.

Meister Vogt zuckte verlegen die Achseln. „Ja, das kann ich beim besten Willen nicht sagen! Gesprochen hat er wohl von dem Briefe, und auch erwähnt, daß es dem Bruder recht gut ginge, aber er nannte ihn stets nur beim Vornamen und weder meine Tochter noch ich haben das Schreiben zu Gesicht bekommen. Das Einzige, was ich weiß, ist, daß er vom Rheine kam.“

Vom Rheine! Jane legte die Hand gegen die feuchte eiskalte Stirn. Einen Augenblick war es ihr, als müsse sie zusammenbrechen und alles Andere mit ihr, aber sie blieb aufrecht, blieb starr und unbeweglich, den beiden Männern konnte es scheinen, als sei sie unempfindlich.

Atkins blickte befremdet zu ihr hinüber, er wartete, daß sie weiter fragen sollte, wartete eine volle Minute lang, als sie aber immer noch schwieg, ergriff er endlich das Wort.

„In diesem Falle hätten wir uns die beschwerliche Reise sparen können! Vom Rheine kommen wir eben, mein bester Mr. Vogt. Sie wissen uns also weder Namen noch Ort anzugeben? Auch Ihre Tochter nicht?“

„Nicht das Geringste.“

„Nun, dann kann ich Sie nur bitten, mir genau Regiment- und Truppentheil zu bezeichnen, bei welchem Ihr künftiger Schwiegersohn gegenwärtig steht. Sie haben doch während des Krieges Nachricht von ihm erhalten?“

„Erst ein einziges Mal! Wir hofften immer, er werde mit der Armee hier durchkommen, und gestern, als es hieß, daß neue preußische Regimenter einrückten, sind wir allesammt vor’s Thor gelaufen, – in der Hoffnung das seinige zu finden, es war aber nicht dabei.“

Atkins wartete noch immer auf Jane’s Einmischung, ihre völlige Theilnahmlosigkeit stach zu seltsam ab von dem fieberhaften Interesse, das sie noch vor wenigen Minuten gezeigt; da sie aber in ihrer Unbeweglichkeit verharrte, so zog er sein Taschenbuch hervor und notirte sich die betreffenden Angaben. Der Handwerker verabschiedete sich von der jungen Dame, sie neigte wie mechanisch das Haupt und überließ es ihrem Begleiter, ihn mit großer Höflichkeit hinauszubecomplimentiren. Wer weiß, der Mann war doch vielleicht noch einmal in dieser Angelegenheit zu gebrauchen, und Jemand, den Mr. Atkins zu benutzen gedache, erfreute sich stets aller Aufmerksamkeit von Seiten desselben.

Er kehrte, nachdem Jener fort war, wieder zu Jane zurück. „Sagte ich es nicht? Wieder eine andere Himmelsrichtung! Jetzt werden wir nach dem Rheine zurückdirigirt! Das Einzige, was nun bleibt, ist: sich von Deutschland aus brieflich an diesen Mr. Erdmann zu wenden, was jedenfalls leichter auszuführen ist, als eine Correspondenz mit N., zumal wir seine ausführliche Adresse haben. Für den Fall, daß er nicht mehr lebt, müssen wir den Aufruf in sämmtlichen rheinischen Blättern wiederholen. Jedenfalls aber meine ich, daß wir ungesäumt die Rückreise antreten.“

Jane fuhr bei dem Worte aus ihrer Erstarrung empor.

„Weshalb? Wir sind einmal in Frankreich. Vielleicht gelingt es uns, jenes Regiment zu finden!“

„Jane, ich bitte Sie um Gotteswillen, das geht doch zu weit! Ein Regiment auf dem Marsch aufsuchen – welche Idee!“

„Gleichviel, ich will jetzt die Wahrheit wissen! Und kostete es mir das Leben, und müßte ich bis in’s Gefecht, bis in die Schachtlinie vordringen – ich muß Gewißheit haben!“

Atkins stand fast entsetzt vor diesem plötzlichen furchtbaren Ausbruch einer Leidenschaftlichkeit, die er in Jane niemals geahnt, er bemerkte jetzt erst ihre Leichenblässe.

„Mein Gott, was fehlt Ihnen? Sie sind krank! Dacht’ ich’s doch, daß die Ueberanstrengung dieser Reise sich rächen würde!“

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1871). Leipzig: Ernst Keil, 1871, Seite 326. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1871)_326.jpg&oldid=- (Version vom 31.5.2018)